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Die Verteidiger der US-Vorherrschaft und die «Putin-Versteher»

Wie bei jedem Krieg stellt sich die Frage, wie es zum Krieg kommen konnte, und ob die russische Invasion der Ukraine nicht hätte verhindert werden können.

Von Urs. P. Gasche*

Der Artikel ist zuerst auf «Infosperber» erschienen.

Putin hat von der Nato verlangt, die Ukraine nicht als Mitglied aufzunehmen und dort keine Raketen an der Grenze zu Russland aufzustellen, wie es die Nato bereits in den baltischen Ländern, Polen und Rumänien tat.

Im Vordergrund stehen zwei Fragen:

  1. Haben «Putin-Versteher» den Krieg mitverschuldet, weil sie gegen eine stärkere Aufrüstung Westeuropas waren, und weil sie unterschätzten, wie gefährlich der russische Präsident ist?
  2. Hätte ein Nachgeben der Nato und eine Ukraine ohne schwere Waffen Russland vom Krieg abhalten können?

Der Angriffskrieg Russlands sei der Beweis dafür, dass all jene Russland-Kenner, Historiker und Politiker falsch lagen, die davor warnten, dass die Osterweiterung der Nato den Frieden gefährde. Der Krieg entlarve sie jetzt als «naive Putin-Versteher», sagen die Nato, viele Militärs, Politiker und Medien.

Stimmen, welche die Osterweiterung der Nato als mitverantwortlich für den Krieg halten, kommen in grossen Medien kaum mehr zu Wort. «Die Osterweiterung war kein Fehler», titelte der Tages-Anzeiger am 25. März über fünf Spalten.

Im Folgenden stellen wir zuerst die Sichtweise jener vor, welche in der Nato-Osterweiterung keine Bedrohung Russlands und keinen möglichen Grund des Krieges sehen. Anschliessend fassen wir die Sichtweise derer zusammen, die überzeugt sind, dass es ohne Osterweiterung zu diesem fürchterlichen Krieg höchstwahrscheinlich nicht gekommen wäre.

Der Autor dieses Artikels neigt zur zweiten Sichtweise.


1. «Es geht darum, wer gewinnen wird: die Demokratien oder die Autokratien»

Aus der ersten Sichtweise gab es für Russland keinen Grund, die Ukraine anzugreifen. Die Ukraine hat das Recht, Mitglied der Nato zu werden. Die Nato-Osterweiterung diente als Vorwand. Vielmehr träumt ein verrückt gewordener und unberechenbarer Diktator von der Restaurierung der Sowjetunion.

«Putin will das russische Reich wiederaufleben lassen.»

NZZ 5.3.2022

«Nationalistische Grössenphantasien»

NZZ 10.3.2022

«Putin ist ein lupenreiner Faschist.»

Untertitel eines Gastbeitrags in der NZZ vom 10. März

«Imperiale Macht» ist für Putin viel wichtiger als Freiheit.
Die «primitive Logik des Tyrannen» lautet «Freiheit gegen Unfreiheit, internationale Regeln gegen Aggression, Freund gegen Feind.»

Leitartikel von NZZ-Chefredaktor Eric Gujer am 5. März

«Die Osterweiterung der Nato hat die baltischen Staaten und wahrscheinlich ganz Osteuropa vor Russland gerettet»

Hillary Clinton am 28. März in der New York Times

«Die Osterweiterung war das Erfolgreichste der US-Aussenpolitik der letzten dreissig Jahre.»

Historikerin Anne Applebaum

Nach dem Überfall auf die Ukraine ist eine neue Sicherheitslage entstanden. Sie macht es nötig, dass die europäischen Nato-Länder aufrüsten. Die baltischen Staaten, Finnland, Polen, Rumänien und die Moldau fühlen sich zurecht bedroht. In der NZZ vom 25. März forderte der frühere Chef des Schweizer Nachrichtendienstes Peter Regli «eine stärkere Anbindung an die Nato». Die Schweiz muss die F-35-Kampfflieger in einem beschleunigten Verfahren beschaffen.

Man darf Putin auf keinen Fall mit einem Angebot entgegenkommen, damit dieser ohne grösseren Gesichtsverlust einem sofortigen Waffenstillstand zustimmen kann – selbst wenn das Angebot für die Ukraine und den Westen zumutbar wäre. Denn erstens ist es falsch, einem Despoten auch nur einen Schritt entgegenzukommen, und zweitens wird Putin sowieso nicht darauf einsteigen. Es macht keinen Sinn mehr, mit Russland politisch, wirtschaftlich und kulturell zusammenzuarbeiten.

«Nur eine Niederlage der russischen Truppen kann das Gemetzel stoppen.» 

Fünfspaltiger Titel in der NZZ vom 18. März

«Es geht darum, wer gewinnen wird: Die Demokratien oder die Autokratien.»

US-Präsident Joe Biden am 25. März in Polen

«In diesem epochalen Konflikt zwischen Demokratie und Autokratie geht es letztlich darum, ob Freiheit und Menschenrechte obsiegen oder Unterdrückung, Gewalt und Einsperrung.»

Peter Wanner, Verleger des AZ-Medienkonzerns, in der Schweiz am Wochenende vom 19.3.2022

«Klassentreffen der Demokraten»

Titel im «Tages-Anzeiger» vom 25. März über einem Bericht zum Nato-Sondergipfel in Brüssel

«Der Kremlchef wagt sich so weit wie kein anderer Despot. Sein Angriff auf die Ukraine trägt die Tyrannei ins Ausland, offen, unverblümt, hemmungslos.»

NZZ-Auslandredaktor Fabian Urech am 17. März

Putin hat den Krieg gegen die Ukraine bereits seit 2014 gezielt vorbereitet. Er träumte schon immer von der Wiederherstellung der zerbrochenen Sowjetunion und will die imperialistische Tradition der Zaren fortsetzen (Eric Gujer, NZZ vom 2.4.202). Diejenigen, welche die Osterweiterung der Nato kritisierten, haben sich getäuscht. Auch «Spitzenpolitiker und Wirtschaftsführer», welche die Nato-Osterweiterung in Frage stellten und den Bau der Nordstream-2 befürworteten, haben sich «als naive Verharmloser und nützliche Idioten gebärdet» (Lucien Scherrer, NZZ vom 28. März). Das Gleiche gilt für etliche Journalisten. «Alt-Bundeskanzlerin Angela Merkel agierte sehr lange zu nachsichtig gegenüber dem russischen Staatschef Wladimir Putin», schrieb die NZZ am 1. April auf der Frontseite.

Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine ist nicht vergleichbar mit den Kriegen, welche die Nato gegen Afghanistan oder gegen Serbien lostrat. Und ebenso wenig mit dem Krieg der USA gegen den Irak oder mit dem von den USA unterstützten Krieg von Saudi-Arabien gegen Jemen. Denn die USA und die Nato verteidigen mit ihrem Hegemonieanspruch Freiheit und Demokratie rund um den Globus sowie die liberale Weltordnung (NZZ vom 29. März), während das imperialistische Russland Osteuropa und die früheren Länder der Sowjetunion und des Warschauer Paktes wieder unter seine totalitäre Kontrolle bringen möchte. Als Präzedenzfall dienen Tschetschenien, Abchasien und Südossetien.

Der Hegemonie-Anspruch der USA auf Mittel- und Südamerika (Monroe-Doktrin) ist nicht mit einem russischen Sicherheitsbedürfnis zu vergleichen. Denn den USA geht es nicht um Machtpolitik, sondern um den Schutz der freien Welt (NZZ vom 29. März), während Russland seine «Tyrannei ins Ausland tragen» will (NZZ vom 17. März).

2. Ohne Nato an den russischen Grenzen wäre es wahrscheinlich nicht zum Krieg gekommen

Wer den Westen mitverantwortlich macht für die ständige Verschlechterung der Beziehungen zu Russland seit Ende der 1990er Jahre, Beziehungen, die jetzt in diesen Krieg kulminierten, wird als «Putin-Versteher» (u.a. NZZ vom 30. März) zum Schweigen gebracht. Diese «Putin-Versteher» mit ihrer anderen Sichtweise kommen in den grossen westlichen Medien seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine kaum mehr zu Wort.

Diese Sichtweise sei hier ebenfalls vorgestellt.

Nachdem die Nato im Jahr 1999 die baltischen Staaten, Polen, Tschechien und Ungarn in ihr Bündnis aufgenommen hatte, erklärte es Moskau zur roten Linie, dass auch noch Georgien oder die Ukraine der Nato beitreten. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz von 2007 machte Putin seine Sorge und seinen Ärger öffentlich. Er stellte klar: Die Nato-Osterweiterung ist eine Bedrohung der nationalen Sicherheit Russlands.

Seine Worte blieben ungehört.

Die Nato akzeptierte keine rote Linie Russlands und machte der Ukraine vielmehr ein Beitritts-Angebot. Die Ukraine schrieb das Ziel eines Nato-Beitritts sogar in die Verfassung. Darauf stufte Russland die Nato und die Ukraine in einer neuen Militärdoktrin als Gefahr für die russische Sicherheit ein. Man erinnerte sich in Russland an den Nato-Angriff auf Serbien im Jahr 1999 und an den seit Jahren geführten Krieg der Nato in Afghanistan.

Die «Europäische Sicherheitscharta» der OSZE verpflichtet die Staaten «gegenseitige Sicherheitsinteressen zu respektieren und die Sicherheit nicht zu Lasten anderer Staaten zu stärken».

Obwohl der Beitritt der Ukraine zur Nato erst eine beidseitig verkündete, aber noch nicht realisierte Absicht wer, liess die Ukraine nach dem Regierungswechsel 2014 und der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim ihr Militär von der Nato ausbilden, rüstete auf und nahm an Nato-Manövern teil. Nach Angaben der NZZ vom 14. Februar bildeten Nato-Offiziere 10’000 ukrainische Soldaten aus. Über drei Milliarden Dollar gaben die USA seit 2014 für Ausbildung und Ausrüstung der ukrainischen Streitkräfte aus. Russland musste befürchten, dass die Ukraine versucht, die Krim und die Separatistengebiete im Donbass militärisch zurückzuholen.

Die von der Nato unterstützte Ukraine drohte im Osten zu nahe zu kommen und im Schwarzen Meer die Russen zu vertreiben.

Für Russland war die rote Linie überschritten.

Russland wollte nicht warten, bis die Ukraine voll aufgerüstet ist. Und noch weniger wollte Russland warten, bis auf der ukrainischen Seite der 2000 Kilometer langen gemeinsamen Grenze atomar bestückbare Raketen und Raketenabwehrsysteme einsatzfähig sind.

Russland entschied sich schliesslich, mit grossen Militärmanövern an der Grenze zur Ukraine eine Drohkulisse aufzuziehen. Während Wochen verlangte Putin ultimativ, die Ukraine müsse auf einen Beitritt zur Nato verzichten. Auch müsse die Ukraine das Nazi-Bataillon, das mit dem Segen der Kiewer Regierung namentlich im Donbass wütete, oder auch die Neo-Nazi-Gruppe C14 kaltstellen. Auf beide Forderungen gingen Selensky und die Nato nicht ein, sondern wiederholten unablässig, jedes Land habe das Recht, der Nato beizutreten. Doch aus Sicht Russlands ist die Nato mit Raketenstellungen an seinen Grenzen eine existenzielle Bedrohung.

Auch die USA verteidigen ihre Hemisphäre

Eine Politik der Einkreisung mit modernsten Waffen eines Gegners unmittelbar an den Landesgrenzen akzeptiert keine Grossmacht. Seit zweihundert Jahren setzen die USA die Monroe-Doktrin bis heute durch: Nicht nur in Nachbarstaaten, sondern in ganz Mittel- und Lateinamerika wird keine feindliche Rakete geduldet.

Die USA würden nicht warten, wenn Kuba oder selbst das weit entfernte Venezuela Russland oder China erlauben würde, in ihrem Land Raketen zu stationieren.

Selbst ohne Bedrohung durch feindliche Raketen bestrafen die USA in ihrem Hegemoniebereich Länder, wenn sie sich sozialistisch gebärden und US-Konzernen keinen freien Zugang gewähren. Die Uno-Generalversammlung verurteilt die Blockade und die Sanktionen der USA gegen Kuba Jahr für Jahr, im Jahr 2021 mit 184 zu 2 Stimmen der USA und Israels. Nur Brasilien, Kolumbien und die Ukraine enthielten sich. Diese Abstimmungen sind den westlichen Leitmedien kaum eine Zeile wert. Die USA stürzten selbst demokratisch gewählte Regierungen wie diejenige in Chile oder Panama und ersetzten sie durch eine Militärdiktatur.

«Einflusssphären von Grossmächten sind rund um den Globus eine Realität», sagt Peter Beinart, Associate Professor für Journalismus und Politikwissenschaften an der City University of New York. Nur wenn die USA auch die Einflusssphäre Russlands respektieren, sei garantiert, «dass der russische Einfluss die Ukraine nicht zerstört und dass Europa nicht in einen Krieg hineingezogen wird» (siehe Infosperber vom 28.1.2022). Das ist jetzt passiert: Russland zerstört die Ukraine.

Herfried Münkler, lange Professor für Politikwissenschaften an der Berliner Humboldt Universität erklärte zur Ukraine:

«Man kann feststellen, dass die Russen so etwas wie Einkreisungsängste haben. Diese haben schon immer bei der Entstehung von Kriegen eine bedeutende Rolle gespielt. Ein Mittel dagegen sind Pufferzonen. Sie dienen einer gewissen Stabilität und schaffen Flexibilität bei Verhandlungen zwischen Grossmächten.»

George F. Kennan, US-Diplomat mit Stationen in Moskau, Riga, Tallinn und Berlin und in der Folge Geschichtsprofessor an der Princeton University, warnte bereits 1997 – also noch bevor Polen, Tschechien und Ungarn in die Nato aufgenommen wurden: «Eine Erweiterung der Nato wäre der verhängnisvollste Fehler der amerikanischen Politik in der gesamten Ära nach dem Kalten Krieg. Es ist zu erwarten, dass eine solche Entscheidung die nationalistischen, antiwestlichen und militaristischen Tendenzen in der russischen Meinung anheizt … Die Russen sind wenig beeindruckt von den amerikanischen Versicherungen, eine Erweiterung der Nato finde ohne feindselige Absichten statt. Sie würden ihr Prestige (das in der russischen Meinung immer an erster Stelle steht) und ihre Sicherheitsinteressen als beeinträchtigt ansehen.»

Henry Kissinger, langjähriger US-Aussenminister, warnte vor einer verhängnisvollen Politik des Westens. Um die Sicherheitsinteressen Russlands zu respektieren, schlug Kissinger am 5. März 2014, wenige Tage vor der völkerrechtswidrigen Sezession der Krim, in der Washington Post vor (wörtliche Übersetzung):

  1. Die Ukraine sollte das Recht haben, ihre wirtschaftlichen und politischen Verbindungen frei zu wählen, auch mit Europa.
  2. Die Ukraine sollte nicht der Nato beitreten, eine Position, die ich 2007 vertrat, als dieses Thema das letzte Mal zur Sprache kam.
  3. Es sollte der Ukraine freistehen, eine Regierung zu bilden, die mit dem ausdrücklichen Willen ihres Volkes vereinbar ist. Auf internationaler Ebene sollten sie eine Haltung einnehmen, die mit der Finnlands vergleichbar ist. Dieses Land lässt keinen Zweifel an seiner starken Unabhängigkeit aufkommen und arbeitet in den meisten Bereichen mit dem Westen zusammen, vermeidet aber sorgfältig eine institutionelle Feindschaft gegenüber Russland.

(Vollständige Ausführungen Kissingers auf Deutsch hier)

John Mearsheimer, Politik-Professor von der University of Chicago äusserste im Jahr 2015 ähnliche Befürchtungen wie Henry Kissinger und schlug «im Interesse der Ukraine, der USA und Russlands» eine neutrale Ukraine vor. «Man stelle sich die Empörung in Washington vor, wenn China ein mächtiges Militärbündnis schmieden und versuchen würde, Kanada und Mexiko dafür zu gewinnen.» («The Causes and Consequences of the Ukraine Crisis»).

Die frühere ARD-Moskaukorrespondentin Gabriele Krone-Schmalz, die über Russland mehrere Bücher schrieb, räumte ein, dass sie mit einem Angriffskrieg auf die ganze Ukraine nicht gerechnet habe. Doch sie denkt «nach wie vor, dass die Nato-Osterweiterung und die Missachtung russischer Sicherheitsinteressen stark dazu beitrugen, dass wir uns heute einem Russland gegenübersehen, das uns als Feind betrachtet». Krone-Schmalz gibt zu bedenken, «dass wir diesen Putin mitgeschaffen haben».

Es ist nachvollziehbar, dass die baltischen und osteuropäische Staaten die Sicherheit der Nato anstrebten. Doch seit 1989 gab es keine Anzeichen dafür, dass Russland diese Staaten militärisch bedroht. Die Osterweiterung der Nato war von Beginn weg ein Fehler. Hätte der Westen die russischen Sicherheitsbedürfnisse respektiert, wäre die Geschichte anders verlaufen.

Deshalb ist der fürchterliche Krieg in der Ukraine schon gar kein Beweis dafür, dass die Angst vor Putin schon immer berechtigt war, und dass die politischen und militärischen Falken recht hatten.

Einige Profiteure des Krieges …

Auch in einem Krieg gibt es Profiteure:

  • Die USA als Weltmacht, weil es auf absehbarer Zeit keine Annäherung zwischen der EU und Russland gibt;
  • Alle Grosskonzerne der USA und anderswo, die an der Herstellung von Rüstungsgütern beteiligt sind;
  • Die Fracking-Industrie in den USA. Sie wird dank höheren Erdöl- und Erdgaspreisen und dank mehr Exporten nach Europa wieder äusserst profitabel.
  • Russland, das sich in der Ostukraine Bodenschätze sichert.

… und einige Verlierer

  • Kriegsopfer und ihre Angehörigen sowie 44 Millionen Menschen in der Ukraine, die ein zerstörtes Land wieder aufbauen müssen und wahrscheinlich den Zugang zu wertvollen Rohstoffen verlieren.
  • Klimakrise: Statt genügend Ressourcen für Klimamassnahmen zu bündeln, werden Abermilliarden für Krieg, Aufrüstung, Zerstörung und Wiederaufbau verwendet. Der Krieg selber erhöht die CO2-Belastung.
  • Hungerkrise: Stark steigende Weizen-, Mais- und Düngemittelpreise führen namentlich in Afrika zu mehr Hunger, politischen Unruhen und mehr Flüchtlingen.
  • Finanzkrise: Die Notenbanken FED und EZB können sich zu Zinserhöhungen gezwungen sehen. Das treibt einige Länder und einige Finanzinstitute in den Ruin – mit unabsehbaren politischen und sozialen Folgen.
  • Alle sozial und wirtschaftlich Schwachen weltweit und in Europa: Sie werden unter den Preissteigerungen von Benzin, Gas, Heizöl und Grundnahrungsmitteln am meisten leiden.

*Urs P. Gasche ist Leiter der Informationsplattform «Infosperber». ZACKBUM hat den Artikel mit freundlicher Genehmigung des Autors übernommen.

Wumms: Infosperber

Keiner zu klein, Zensor zu sein.

Die Plattform, die angeblich sieht, was andere übersehen, deren Beiträge «die persönliche Meinung des Schreibenden wiedergeben», fordert ein weiteres Opfer der Invasion in der Ukraine. Ganz dezent vermeldet «Infosperber»: «Christian Müller verlässt die Redaktionsleitung».

Das ist nun durchaus ein der «Prawda» würdiger Titel. Denn weiter unten heisst es dann: «Wir lösen die langjährige Zusammenarbeit auf.» Oder auf gut Deutsch: you’re fired. Hoppla, was ist denn geschehen? Hat man Müller dabei ertappt, einen Sperber zu quälen? Wurde er übergriffig? Weigerte er sich, inkludierende Sprache zu verwenden?

Nein, noch schlimmer: er habe es «konsequent unterlassen, die Politik von Putin auch kritisch zu analysieren». Potzteufel, das habe «die Glaubwürdigkeit von infosperber in Frage gestellt».

So kann sich selbst ein Sperberauge täuschen. Einen langjährigen Mitarbeiter zu feuern, weil einem dessen Meinung zum Ukrainekonflikt nicht passt, der nicht genügend Abscheu und Kritik über und an Putin äussert, obwohl das ja genügend andere Schreiber tun, das stellt die Glaubwürdigkeit nicht in Frage. Das zerstört sie.

Wumms: Rainer Stadler

Wenn’s einer nicht lassen kann, wird’s traurig.

Rainer Stadler war eine Institution. Jahrzehntelang begleitete er als Medien-Mann der NZZ alle Entwicklungen auf diesem Gebiet. Informiert, eigenständig und kantig. Als Spielfeld hatte er eine eigene Medienseite. Das leistete sich nur noch das Intelligenzblatt von der Falkenstrasse.

Dann wurde Stadler eher unfein entsorgt, nach ihm die Medienseite. Nun hat er auf der Gratis-Plattform «Infosperber» einen Multiplikator für seine Ansichten gefunden. Das tut nicht wirklich gut.

So analysiert er die Folgen des Neins zur Milliardenspritze für darbende Medienclans recht eigenwillig. Er sieht einige Hoffnungsschimmer im Online-Markt, wo neue Player enstanden seien:  «Einige Initianten – etwa Branchenportale, die «Republik» oder der «Infosperber» – konnten Fuss fassen. Der Grossteil muss aber mit sehr bescheidenen Mitteln zurechtkommen, und das Informationsangebot dieser Akteure ist öfters ungenügend.»

Nun ist Eigenlob nicht verboten, aber die Auswahl ist schon etwas befremdlich. Die «Republik» ein Branchenportal? Der «Infosperber» muss nicht mit bescheidenen Mitteln zurechtkommen? Und wie steht’s mit dem erfolgreichsten Newscomer, «Die Ostschweiz»*?

Aber gut, Meinungsfreiheit. Dass die Ablehnung eine schlechte Nachricht für den Presserat sei, ist eigentlich eine gute Nachricht. Denn das Organ der freiwilligen Selbstkontrolle manövriert sich mit realitätsfernen Entscheidungen immer mehr ins Aus.

Sehr eigen ist dann Stadlers Kritik am Ansinnen von Medienhäusern, sich an grossen Plattformen wie Facebook oder Google schadlos zu halten, wenn die Newselemente verwenden, die als Content hergestellt wurden. Das ist selbstverständlich legitim, sofern die Medien nicht so blöd sind, das Angebot zur vermeintlichen Reichweitensteigerung gratis abzugeben. Aber Stadler schimpft:

«Mit einem Leistungschutzrecht verschaffen sich die Medienhäuser die Legitimität für einen Zugriff auf kontinuierliche Einnahmen, die den Anschein einer privatwirtschaftlichen Lösung haben, faktisch aber eine intransparente Art Medienförderung sind, welche die Staaten ein paar amerikanischen Grosskonzernen aufzwingen.»

Was daran intransparent sein soll und wieso die Forderung nach Abgeltung von Leistungen Medienföderung sein soll, das erschliesst sich nicht.

*Packungsbeilage: René Zeyer publiziert regelmässig auf «Die Ostschweiz».

 

Schielender «Infosperber»

Rankings sind gut. Ausser, sie sind schlecht, weil einseitig.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Zunächst müssen hier Interessensbindungen offengelegt werden. René Zeyer hat einige Zeit für «Infosperber» geschrieben. Bis sich Urs P. Gasche von einem Verleumdungsartikel im «Tages-Anzeiger» dazu verleiten liess, das Gratisangebot nicht mehr zu wollen. Sein Pech.

Gleichzeitig schreibt Zeyer regelmässig für die «Ostschweiz». Das hindert ZACKBUM aber nicht daran, seiner Berichterstatterpflicht über eine Rangliste nachzugehen, die ins Auge ging.

Gasche hat eine Hitparade von «unabhängigen Online-Zeitungen» gebastelt. Als entscheidendes Kriterium nahm er die Einschaltquote (wissenschaftlich Unique Users pro Monat), dazu die Facebook-Followers und das Jahresbudget. Die Anzahl Leser wurden nach eigenen Angaben oder nach Analytics eruriert.

13 solche Online-Produkte gibt es – laut «Infosperber». Grosser Sieger sei «zentralplus» mit 380’000 Unique User, gefolgt von der «Republik» (357’000) und «Infosperber» (195’000). Das Schlusslicht bilden drei Organe, die keine Angaben machten; «bajour», «Onlinereports» und «Journal21».

Das ist soweit eher dürftig. Ganz schräg wird es durch drei Abwesende. Denn nach diesem Massstab wäre mit Abstand auf Platz eins «Die Ostschweiz» gelandet. Auch «heidi.news» hat keine Gnade gefunden. Ach, und ZACKBUM wurde nicht berücksichtigt. So wenig wie die «Medienwoche» oder «persoenlich.com». Und noch ein paar weitere Organe, die Gasches Sperberauge entgingen. Wie «re-check.ch», «medinside.ch», usw., usf.

Wirklich unabhängige Organe ausgewählt?

Dafür behauptet Gasche zu den von ihm auserwählten Online-Auftritten: «Ihre Gemeinsamkeit: Sie sind von Grosskonzernen unabhängig.»

Kann man vielleicht so sagen. Wobei die «Republik» oder «bajour» von Multimillionären gesponsert werden, was natürlich null Abhängigkeiten auslöst. Absurd ist der Vergleich auch angesichts der Ausrichtung (national, lokal, themenspezifisch, allgemein) oder den unterschiedlichen Budgets (6,5 Mio. bei der «Republik», 3700 bei «infoméduse»).

Richtig lustig wird’s allerdings, als sich der Chefredaktor der «Ostschweiz» bei Gasche erkundigte, wieso denn sein Organ – mit Abstand die grösste Leserschaft, hat online das «Tagblatt»-Konglomerat in der Ostschweiz überholt, ist seit Corona national bekannt geworden – keine Gnade fand.

Oder übersieht, was andere sehen …

Da holte Gasche kurz tief Luft: «Ihre Plattform haben wir nicht berücksichtigt, weil sie PR-Beiträge nicht deutlich von redaktionellen Beiträgen abgrenzt, sondern auf verschiedenen Seiten eine nicht transparente Durchmischung geboten wird.»

Dabei sind bei der «Ostschweiz» PR-Beiträge deutlicher als bei mancher Tageszeitung als solche gekennzeichnet und finden sich grösstenteils in einem eigenen Gefäss. Gasche war sich wohl bewusst, dass das etwas dünn ist, also legte er mit noch Dünnerem nach: «Der VR-Präsident der «Die Ostschweizer Medien AG» ist der PR-Mann Peter Weigelt.» Das machte Chefredaktor Stefan Millius sprach-, aber nicht wortlos: «Die Tatsache, dass unser VR-Präsident ein «PR-Mann» ist (er war unter anderem auch der führende Medienpolitiker während seiner NR-Zeit), gibt Ihnen das Recht, daraus zu schliessen, wir seien eine PR-Plattform? Der Mann darf also nicht einen Verwaltungsrat einer Zeitung präsidieren, weil er früher ein PR-Unternehmen geführt hat?»

Selber am Markt behaupten oder bezahlen lassen?

Millius weist auf etwas hin, was seine Online-Plattform für Gasche äusserst suspekt macht: «Die Ostschweiz» (wie auch ZACKBUM) kassiert weder Mäzenengelder, noch Staatsknete. Sondern sie muss sich am Markt beweisen und refinanzieren. Das ist irgendwie anrüchig, wo doch die meisten der von Gasche aufgeführten Organe mit Bettelaktionen, staatlicher Unterstützung und spendierfreudigen Gönnern rechnen können, ohne die die meisten gar nicht mehr existieren würden.

Zudem hat «Die Ostschweiz» alleine eine grössere Leserschaft als alle in dieser Gasche-Aufstellung vertretenen Magazine zusammen. Wenn man deren Eigenangaben überhaupt trauen kann, denn es ist nicht zu vermuten, dass sie Gasche gegenüber ihre Analytics offenlegten.

Wer rupft wen?

Es ist diese unselige Einäugigkeit, Voreingenommenheit, Uneinsichtigkeit, die man zu Recht den Mainstream-Medien vorwerfen muss. Was aber leider genauso für Plattformen wie «Infosperber» gilt. Vertane Chancen, Verlust an Glaubwürdigkeit, ein Trauerspiel.

Ein schielender «Infosperber» im Sturzflug.

 

 

Eine Meldung und ihre Geschichte

Es gibt Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Mosambik und der Schweiz. Ein Bindeglied heisst Credit Suisse.

Die wie immer sehr kompetente Qualitätspresse ist froh, dass es noch die Nachrichtenagentur SDA gibt. Die erspart eigene Bemühungen, dem Leser die Welt verständlicher zu machen.

«CS muss vor Gericht

Der Credit Suisse droht offenbar weiteres juristisches Ungemach. Wie die britische «Financial Times» (FT) am Dienstag schrieb, muss sich die Schweizer Grossbank wegen ihrer Rolle im 2-Milliarden-Dollar-Skandal um sogenannte Thunfischanleihen in Mosambik vor Gericht verantworten.

Der Richter am Londoner High Court, der einer Klage von Gläubigern gegen die Credit Suisse vorsteht, habe im vergangenen Monat einen Termin für eine 13-wöchige Verhandlung im September 2023 festgelegt, so die FT, die sich auf mit der Angelegenheit vertraute Personen bezieht.

Der Fall geht auf das Jahr 2013 zurück und ist ziemlich kompliziert. Im Prinzip geht es um Kredite in Höhe von über 2 Milliarden US-Dollar – unter anderem von der Credit Suisse – an den Staat Mosambik, die ohne Wissen des dortigen Parlaments und des Internationalen Währungsfonds (IWF) aufgenommen wurden. (SDA)»

Alles klar, alles verstanden? Eigentlich nicht? Nun, warum sollten sich unsere kompetenten Wirtschaftsjournalisten, Journalistinnen sowie Journalist*Innen* um so einen Pipifax kümmern. Ist doch nur ein Land tief unten in Afrika, das unter freundlicher Beteiligung der Credit Suisse in eine Finanzklemme und dann in den Staatsbankrott geriet. Genauer: mal wieder hatten einige Mitarbeiter interne Kontrollen ausgetrickst und Dinge getan, die die CS natürlich nie tun würde.

Was kümmert eine solche Schweinerei die Klimajugend?

Dabei ist die Sache weder sonderlich kompliziert noch harrte sie der Aufarbeitung. Sie wurde bereits mehrfach in aller Ausführlichkeit untersucht. Es gibt einen von Schweden finanzierten Untersuchungsbericht der Firma Kroll und neuerdings einen von Norwegen bezahlten Studie über die Kostenfolgen dieses Skandals. Schliesslich gibt es Thomas Kesselring, der jahrelang an einer Uni in Mosambik unterrichtete und seit 2016 unermüdlich über diesen Skandal berichtet. Allerdings auf der gerade nicht zum Mainstream gehörenden Plattform «Infosperber».

Unermüdlich: Kesselring auf «Infosperber».

Wer also wollte, könnte mit wenigen Strichen den Umriss einer der grössten Schweinereien zeichnen, die sich in den letzten Jahren in Sachen Korruption und Leiden in Afrika abgespielt haben. Allerdings haben hier linke NGO eine gewisse Beisshemmung, die sonst immer schnell bei der Hand sind, Schweizer Banken an den Pranger zu stellen. So wie vor Kurzem auf dem Paradeplatz Zürich mit einem dümmlichen Happening. Von Mosambik war dabei allerdings nicht die Rede.

Denn hier herrscht seit der Unabhängigkeit von Portugal die ursprünglich linksrevolutionäre Frelimo. Der erste Präsident Samora Machel war noch ein charismatischer Führer; er kam unter ungeklärten Umständen 1986 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Seither ging’s mit Mosambik und der Frelimo steil bergab. Korruption bis in die höchsten Ämter hinein, Misswirtschaft, Staatsversagen, ein weiteres Trauerspiel.

Immer tiefer im Korruptions- und Kreditsumpf

Seit 2013 beschaffte sich Mosambik Kredite in Multimillionenhöhe, über deren Verwendung niemals Rechenschaft abgelegt wurde. Während das Land dem IMF gegenüber behauptete, keine weiteren Gelder geheim geliehen zu haben, kam heraus, dass dennoch über 2 Milliarden Dollar in fragwürdige Projekte per Kredit geflossen waren. Über eine Milliarde davon wurden von der Credit Suisse beschafft, die andere Hälfte von der russischen Bank VTB.

Als das im April 2016 bekannt wurde, sistierten der IMF und weitere Geberländer ihre Zahlungen an Mosambik, es folgte der Staatsbankrott. Die Aufarbeitung dieses Skandals beschäftigt seither die Gerichte in fünf verschiedenen Ländern. Mitarbeiter der CS haben sich in diesem Zusammenhang bereits für schuldig erklärt und wurden abgeurteilt, die Bank selbst bestreitet jegliche Verwicklung oder Verantwortung. Selbstverständlich gilt die Unschuldsvermutung.

Der neuste Bericht aus Norwegen zeigt exemplarisch auf, welche Folgekosten eine solche Kreditaufnahme, vorbei am Parlament und an allen Kontrollinstanzen, für ein armes Land haben kann. Kesselring fasst hier die Katastrophe zusammen:

«Bis Ende 2019 ist trotz bisher erfolgter Tilgungs- und Zinszahlungen von 674,2 Millionen Dollar eine Schuld von 2031 Millionen Dollar aufgelaufen. Dieser Betrag liegt höher als die Summe der Ausgaben in Höhe von 2007 Millionen.

Berechnet man die Zinsen bis zum vertraglich vorgesehenen letzten Rückzahlungsdatum im Jahr 2031 mit ein, so wird sich die Gesamtschuld auf 3‘930 Millionen Dollar summieren. Zusammen mit den erfolgten Tilgungszahlungen kommt man auf 4‘619 Millionen Dollar. Das ist mehr als das Doppelte der ursprünglichen Kreditsumme.»

Der norwegische Bericht kommt zum verheerenden Schluss:

«Zählt man die Direktzahlungen infolge der geheimen Kredite, die Kosten für die Bewältigung des Debakels und die verheerenden Auswirkungen auf die Wirtschaft zusammen, so haben die Mosambikaner zwischen 2016 und 2019 über 11 Milliarden US-Dollar oder 403 US-Dollar pro Kopf bezahlt. Weitere 4 Milliarden US-Dollar werden sie für den noch bevorstehenden Schuldendienst leisten müssen.»

Eine Schlussbemerkung in eigener Sache. Als die BaZ noch nicht zum Qualitätsverbund Tamedia gehörte, beziehungsweise als letztes Lebenszeichen der früheren Liberalität und Angriffigkeit, konnte ich noch im Januar 2019 einen Bericht veröffentlichen, der die Bank zur Weissgult brachte. Aber mehr als eine schlappe «Stellungnahme» schaffte sie nicht. Das wäre heute undenkbar. Denn ein solcher Artikel würde erst gar nicht publiziert werden; juristisches Risiko viel zu hoch.

Rabenschwarze Kritik: Brachte die Bank zur Weissglut.

 

Dania Schiftan: Verwirrung um Doktortitel

Kurzes Vorspiel zum Doktor.

Wenn Journalisten eine Frage zu Orgasmus, Selbstbefriedigung und dergleichen haben, wenden sie sich in der Schweiz am besten an Dania Schiftan. Die Sextherapeutin wurde in Schweizer Medien 2020 mindestens 18 mal befragt. Sie hat damit einen grösseren Output als so manche Republik-Angestellten.

Auf nau.ch widmete sie sich vor ein paar Wochen einigen Mythen. Zum Beispiel Mythos 3: «Frauen kommen nur nach langem Vorspiel». Ein falscher Mythos. Laut Umfrage würden Frauen nur 20 Minuten benötigen, um zu kommen. Das geht ja noch.

Dania Schiftan ist «Dr. phil. in Clinical Sexology (USA)». Auf Infosperber wurde vor einem Jahr darauf hingewiesen, dass sie in den Medien unter anderem als «Dr. phil.» auftrat. Der Artikel wirbelte viel Staub auf führte zu langem Schriftwechsel mit dem bekannten Medienanwalt Andreas Meili.

Dania Schiftan: kein Dr. phil.

Hauptsächlich ging es im Artikel darum: Schiftan erhielt nie einen «Dr. phil.». Was sie bekam, war ein sogenannter «Doctor of Philosophy in Clinical Sexology» der «American Academy of Clinical Sexology». An dieser Universität im sonnigen Florida dauert der Doktortitel nur 60 Semesterstunden. Swissuniversities, die Rektorenkonferenz der schweizerischen Hochschulen, schrieb auf Anfrage von Infosperber: «Die American Academy of Clinical Sexology ist in den USA nicht akkreditiert.»

Ein richtiger Doktortitel benötigt ein längeres Vorspiel. Für die Promotion und die Doktorarbeit benötigt man in der Schweiz leider nicht 60 Semesterstunden, sondern mindestens drei Jahre.

Weil die Sexuni in Florida nicht mit Cambridge vergleichbar ist, muss Schiftan als «Dr. phil. in Clinical Sexology (USA)» auftreten. Ein sperriger Titel, der aber nötig ist. Patientinnen und Leserinnen müssen bei einem so heiklen Thema genau wissen, welchen akademischen Hintergrund eine Sextante oder Sexonkel aufweisen.

Juristische Schritte

Seit dem Erscheinen des Artikels trat Schiftan in zwei nachgewiesenen Fällen wieder als «Dr. phil» auf. Und zwar auf vitagate.ch und auf bildung-schweiz.ch. Auf beiden Links wurde der falsche Doktortitel mittlerweile behoben, nachdem ZACKBUM.ch Schiftan darauf aufmerksam machte.

Auf Anfrage von Zackbum informiert uns Schiftan, dass sie sich «juristische Schritte» gegen uns vorbehält. Inhaltlich gab sie zur Antwort, dass die publizierte Titelbezeichnung nicht von ihr stamme, sondern vom Textverfasser. Sie habe schon im September um eine Änderung ersucht. Sie sei dem aber nochmals nachgegangen.

Ihre Assistentin schreibt uns:

«Da sie oft in den Medien zitiert wird und ihr Name auch sonst oft verwendet wird, würde es den Rahmen sprengen, alle Nennungen zu überblicken und jedes Mal zu intervenieren, wenn ein Journalist oder sonstiger Verfasser diese Bezeichnung abkürzt, falsch schreibt oder die Titelbezeichnung gleich ganz weg lässt. Wenn es ihr zur Kenntnis gelangt, dass ihr Titel unkorrekt wiedergegeben wird, interveniert sie stets.»

Weil für uns Sex so spannend ist, interessierten wir uns ausserdem für die Doktorarbeit von Schiftan. Sie trägt den Titel: «Sexual Behavior in German Speaking Switzerland». Das wollten die Amis vermutlich schon immer von uns wissen. Während ihrer Zeit an der Uni in Bern schrieb Schiftan übrigens an der «Studie zum Sexualverhalten der deutschsprachigen Schweizer». Schiftan schickte uns ihre Doktorarbeit nicht zu, trotz entsprechender Bitte.

Nur die halbe Wahrheit

Bundesamts-Verlautbarungen werden oft eins zu eins übernommen. Infosperber beleuchtet ein Beispiel.

«E-Bikes verursachen mehr Unfälle». «Mehr Tote durch Elektrovelos». «Starker Anstieg der E-Bike-Unfälle». So und ähnlich tönte es vor einigen Wochen in den Medien. Fast unisono wurde das Astra (Bundesamt für Verkehr) zitiert, das diese Meldung verschickte. Aus Zeitmangel oder fehlendem Fachwissen machte sich fast niemand die Mühe, die durchaus kernige Aussage zu hinterfragen. So blieb dem Leser, dass E-Bikefahren gefährlich ist und viele, oft ältere Velofahrer ihr elektrifiziertes Zweirad einfach nicht beherrschen.

Wie stiegen die Verkaufszahlen?

Doch stimmt diese Folgerung wirklich? Mehr Unfälle, das ist statistisch bewiesen. Aber wie steht’s mit dem Zusammenhang zur Anzahl Elektrovelos? Hat sich die Anzahl der verkauften E-Bikes nicht verdoppelt in den letzten Jahren? Das hätte doch einen Einfluss auf das Verhältnis Velos/ Unfälle.

Nun sorgt ein Beitrag auf infosperber.ch für Klarheit. Felix Schindler (ehemals Tages-Anzeiger, 48-jährig) schreibt dort: «E-Bikes: Unfallstatistiken sagen bloss die halbe Wahrheit». Er kommt zum Schluss: In der Statistik fehlen mehrere Informationen, die wichtig wären, um diese Zahlen besser einordnen zu können. Er hat sich die Mühe gemacht, die Verkaufszahlen zu vergleichen. Sein Ergebnis: Nicht nur die Zahl der Unfälle mit Elektrovelos hat zugenommen, sondern auch die Zahl der Elektrovelo-Fahrenden. (…) 2016 gab es in der Schweiz ungefähr 330’000 E-Bikes, heute sind es rund 750’000. Vergleicht man also die Entwicklung des E-Bike-Bestandes und jene der Unfälle mit schwerverletzten E-Bike-Fahrenden, sieht man eine nahezu perfekte Korrelation.

Astra verliert kein Wort darüber

Das Fazit von Felix Schindler: «So tragisch jeder einzelne dieser vielen Unfälle ist: Es ist mindestens wahrscheinlich, dass die Zunahme in allererster Linie damit zu tun hat, dass immer mehr Menschen E-Bikes fahren. Das Astra verliert über diesen Zusammenhang kein einziges Wort.» Er räumt ein, dass «das Astra diese Zusammenhänge nicht kommunizieren muss, und es gäbe auch wenig Gründe, sich lange damit aufzuhalten – wenn das Astra nicht eben doch kommentiert». Die Medienmitteilung leiste Spekulationen Vorschub und mache gleichzeitig Werbung für eine umstrittene Helmpflicht.

Und das Fazit für Journalisten? Kritisches Hinterfragen von Medienmitteilungen macht durchaus Sinn, auch wenn manchmal die knackige Story relativiert wird.

Als SRF noch Selbstkritik übte

Das Fernsehen SRF stellt zwei weitere Selbstreflexionen ins Netz. Sie stammen aber fast aus der Steinzeit. Spannend sind sie trotzdem.

Selbstkritik ist mühsam zu ertragen. Vielleicht darum findet die Medienkritik in vielen Zeitungen nicht mehr statt. Der Tages-Anzeiger hat seine Medienseite schon längst gestrichen und auch der TA-Medienblog «Off the Record» ist seit vier Jahren «auf Eis gelegt», wie es offiziell heisst. Rainer Stadler, NZZ-Medienredaktor und seit 31 Jahre an der Falkenstrasse, verlässt seine Stelle Ende September. «Freiwillig», wie er gegenüber persönlich.com sagte.
Kritik galt als karrierefördernd
Dabei gab es punkto Medienkritik durchaus andere Zeiten. Das Fernsehen SRF, damals das Fernsehen DRS, gab in den 1970er und 1980er Jahren intern vier Reportagen in Auftrag. Sie porträtierten das eigene Haus durchaus kritisch. «Alles riecht nach Mittelmass» ist eine der Kernaussagen der ersten beiden Reportagen. ZACKBUM.ch hat darüber berichtet.
Eine davon wurde vom späteren Fernsehdirektor Peter Schellenberg gedreht. Damals  war ein gewisses Mass an geäusserter Kritik also durchaus karrierefördernd.
Alle Folgen der kleinen Serie
Nun hat sich SRF bei uns gemeldet. Man nehme Bezug auf unsere Meldung und habe jetzt  auch die beiden späteren Folgen der «kleinen Serie» ins Netz gestellt. Und tatsächlich. Es sind durchaus Trouvaillen.
Beni Thurnheer sieht man in jugendlicher Frische und selten gesehener Frechheit, wie er die Generalprobe eines Tell-Star-Quiz sehr locker moderiert.

Ein Reporter der damaligen Regionalsendung «DRS Aktuell» (Vorläufer von «Schweiz aktuell») muss 12-mal ansetzen, bis die Moderation gelingt. Die Kamera bleibt schonungslos dran. Die 80er-Kult-Sendung und Kaderschmiede Karussell moderiert ein junger Kerl namens Hannes Britschgi, heute Leiter der Ringier-Journalistenschule. Matthias Hüppi erlebt man als Nachwuchskraft beim Lauberhornrennen. Er ist aktuell Präsident des FC St. Gallen, nach einer Bilderbuchkarriere als Sportmoderator bei SRF.
Auch nicht ohne, der Live-Auftritt von Nena mit ihrem Hit «99 Luftballons» – im «Karussell».
Ebenfalls porträtiert: Erich Gysling mit seiner fast reinen Männercrew, wie er die Tagesschau vorbereitet. Damals mit von der Partie auch Robert Ruoff, den man heute zum Beispiel auf Infosperber wahrnimmt als mahnende Stimme, wie früher vieles, ja fast alles besser war.
Beim ersten gut 20-minütigen Film («Die Fernsehfabrik 3») hatte Alfred Fetscherin die Leitung. Diese Reportage von 1983 kommt eher zahnlos daher. Kein Wunder: Fetscherin wurde nach seiner Redaktions- und Moderationtätigkeit Medienchef von Radio und Fernsehen DRS. Dann  wechselte er in die Privatwirtschaft und gründete das sehr bürgerlich ausgerichtete Radio Z. Radio Z, das ist der Vorläufer von Radio Energy. Seit 30 Jahren betreibt Fetscherin eine eigene PR-Agentur. Sein Sohn Adrian Fetscherin ist ebenfalls einigermassen bekannt und arbeitet heute als Marketing-Chef bei der Fussballsektion des Grasshopperclub.
Ein fast schon marxistischer Titel
Die vierte Folge unter dem Namen «1000 Menschen – ein Programm» aus dem Jahr 1987  ist dann wieder um einiges frischer. Hier hatte wieder Peter Schellenberg seine Hände im Spiel –  als Redaktionsleiter. Ein Jahr später wurde er dann endlich Chef. Der Regisseur des vierten Teils: Ludwig Hermann, der 1965 das legendäre «erste unabhängige Pressebüro der Schweiz» – das Büro Cortesi in Biel – mitgründete. Der Film mit dem  leicht marxistischen Titel (1000 Menschen – ein Programm) dauert 47 Minuten und endet mit einer originellen Einstellung des DRS-Hochhauses im Leutschenbach. Die Büros sind zu einem fröhlichen Lächeln beleuchtet. Der späteren Führung von SRF scheint dieses schon länger vergangen zu sein. Der 4. Film war der letzte dieser besonderen Serie.