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Der Medien-Molina

Wahrnehmung ist in der Politik alles. Wenn es nicht um Wirkung, sondern um Selbstvermarktung geht.

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Fabian Molina ist süchtig. Oder er leidet unter einem Aufmerksamkeitsdefizit. Aber er therapiert sich selbst. Fast 1000 Treffer in der Mediendatenbank SMD in den letzten sechs Monaten. Das soll ihm mal einer nachmachen.

Der Zürcher SP-Nationalrat hat sich zwecks medialer Wirkung angewöhnt, eigentlich zu (fast) allem eine Meinung zu haben. Die ist dann nicht sehr nachhaltig, aber zumindest zitierfähig.

Molina: ist sich für keinen Medienstunt zu schade.

Ein paar Highlights aus seinem jüngsten Medienschaffen. Da hätten wir mal Afghanistan: Er weiss genau, was dort geschehen muss: «Ziel muss sein, die Taliban mit Anreizen und Sanktionen dazu zu bringen, Menschenrechte zu respektieren.»

Natürlich müsse die Schweiz auch sofort mindestens 10’000 afghanische Flüchtlinge aufnehmen, fordert Molina. Etwas verkniffen reagiert er allerdings, wenn man ihn fragt, ob er da mit gutem Beispiel vorangehen und selbst so ein, zwei Afghanen bei sich beherbergen könnte:

«Sie werden sicher festgestellt haben, dass ich kein Staat bin. Entsprechend kann ich auch niemandem Asyl und Schutz gewähren.»

Wo er recht hat: niemals würden wir den Möchtegern mit einem Staat verwechseln. Aber er stellt Forderungen, als wäre er einer.

Molina kümmert sich auch ums Ganze

Steht gerade nichts Aktuelles an, kümmert er sich um die grossen und letzten Dinge auf der Welt. Zum Beispiel: «Die NATO gehört endlich aufgelöst.» Denn sie sei «ein gewalttätiger Sonderbund des Westens

Da stellt sich allerdings die Frage, ob Secondo Molina eine Aufnahmeprüfung in Staatskunde bestanden hätte, wenn er beantworten sollte, was denn der Sonderbund genau war.

Molinas Schreckensvorstellung.

Aber gut, auch die NATO hat diesen Angriff überlebt. War ja auch nur so eine Idee für flaue Tage.

Dagegen hat Molina eine weitere Geheimwaffe im Gepäck: er ist «Schweizer Meister im Einreichen von Vorstössen», wie sich CH Media schon über ihn mokierte. Ist da gerade nichts los, fordert er unermüdlich rasche Beitrittsverhandlungen mit Brüssel, denn selbstverständlich muss die Schweiz in der Mitte Europas nicht abseits stehen. Dass nur 13 Prozent der Schweizer diese Meinung teilen, was soll’s, die müssen ja auch nicht immer in den Medien präsent sein.

Molina liebt den grossen Auftritt so sehr, dass es auch ein kleiner tut. So reiste er zusammen mit Céderic Wermuth und Jon Pult, zwei weiteren Kämpfern für Nachhaltigkeit, Klimaschutz und vorbildliches Leben, nach Berlin, um dort dem Wahlsieger Olaf Schulz zu gratulieren.

Per Flugzeug natürlich.

Wieso dreht sich die Welt eigentlich weiter?

Allerdings musste Molina einräumen: «Die Schweiz ist für Deutschland etwa so wichtig, wie für uns Liechtenstein.» Was nahm er sonst so an Erkenntnissen aus der deutschen Hauptstadt mit?

«Die Party war ausgelassen! Es gab Bier und Musik im Willy-Brandt-Haus.»

Was tut man nicht für so einen Quatsch (Foto in Originalqualität).

Leider ist es so, dass die Welt nicht wirklich zur Kenntnis nimmt, was Molina so alles verlangt, wenn der Tag lang ist und er noch keinen Auftritt in den Medien hatte. Dabei hätte er sogar das Rezept für die Heilung des ganzen Planeten: So forderte er im Mai 2020 «mit einer Erklärung alle Konfliktparteien rund um den Globus auf, sich unverzüglich an einem weltweiten Waffenstillstand zu beteiligen.» Denn nur so könne die Pandemie effizient bekämpft werden.

Wir ahnen es: niemand hörte mal wieder auf ihn, es gibt weder weltweiten Frieden, noch ist die Seuche besiegt. Aber immerhin, das Thema Corona ist inzwischen ein Selbstläufer für den eitlen Selbstdarsteller. Daraus presst er unablässig Medienauftritte, wofür ihm kein auch noch so absurder Vergleich zu schade ist.

Die Impfpflicht für alle, die er mehr oder minder verklausuliert fordert, das sei so etwa wie die Dienstpflicht für Männer.

Corona gibt immer etwas her

Inzwischen will Molina auch äusserlich seinem erfolgreichen Vorbild Céderic Wermuth gleichen und hat sich für einen – allerdings eher schütteren – Dreitagebart entschieden.

Den hält er natürlich auch jederzeit dorthin, wo eine Kamera läuft und ein Mikrophon angeschaltet ist. So meint der zum Seuchenexperten mutierte Luftikus, dass natürlich «die aktuelle Durchseuchungsstrategie bei Kindern keine Lösung» sei.

Betroffener Blick, Meinung aus dem Stegreif: Molina.

Sollten also auch unsere Kleinen ein Zertifikat mit auf den Lebensweg bekommen? Denn das ist aktuell nur ab 16 Jahre nötig und möglich. Da wirft Molina alle Grundprinzipien der Logik über Bord: «Das Zertifikat ist eine Möglichkeit, mehr Freiheit zurückzubekommen.»

Welche Freiheit sollten Kinder «zurückbekommen»? Sie sind doch zertifikatsfrei. Ob das Zertifikat ein Schritt in die Unfreiheit wäre, sei dahingestellt. Aber auf jeden Fall bekommt jemand, der kontrollierbar geworden ist, dadurch kein Stück Freiheit geschenkt.

Aber um solche Finessen geht es Molina auch gar nicht. Denn er weiss genau: wen interessiert schon mein dummes Geschwätz von gestern. Heute ist ein neuer Tag, morgen auch, und immer wieder in den Medien aufzutauchen, das ist Knochenarbeit. Auch wenn längst schon kein Fleisch mehr an den vorhersehbaren Miniprovokationen des Dampfplauderers hängt.

Schliesslich gehört das zum Anforderungsprofil eines Berufspolitikers, der nichts anderes gelernt hat. So als Dauerstudent der Geschichte und Philosophie. Er wurde im zweiten Anlauf Juso-Präsident, ist ehemaliger Jugendsekretär der Gewerkschaft Unia, «wissenschaftlicher Mitarbeiter» bei «Swissaid» und in den Nationalrat nachgerückter SP-Genosse.

In Molinas Medienmaschinenraum.

Wo einer recht hat, hat er Recht

Selten, aber möglich: Der Chefredaktor der NZZ spricht wahre Worte.

Es gibt noch verschiedene Strategien im Medienzirkus. Während Tamedia von Deutschland das Korrespondentennetz für die Auslandberichterstattung übernimmt, expandiert die NZZ nach Deutschland.

In Österreich zog die alte Tante zwar einen Stiefel voll raus, trennte sich dann immerhin von ihrem österreichischen CEO, der das Schlamassel mit nzz.at angerichtet hatte. Deutschland ist nun Chefsache von Eric Gujer.

Der scheint mit seiner Strategie Erfolg zu haben; die NZZ wird in Deutschland als valable Alternative zur FAZ wahrgenommen, man schätzt auch den weniger kreischigen, schweizerisch zurückhaltenden Ton.

Zudem beschallt Gujer einmal in der Woche vornehmlich sein deutsches Publikum mit dem «anderen Blick». Am liebsten vergleicht er die Schweiz und Deutschland – natürlich eindeutig mit Vorteil Schweiz.

Locker im Gelenk formuliert Gujer:

«Auch in der akuten Infektionswelle findet daher wieder ein grosser Feldversuch statt, wer besser abschneidet: das Team Etatismus oder das Team Liberalismus.»

Angetreten seien die beiden Mannschaften im Kampf um die Impfpflicht. Gleich die rote Karte kassiert Bayerns Ministerpräsident: «Dass jemand seine Rolle als gestrenger Pandemie-Vogt so lustvoll zelebriert wie der bayrische Chefpopulist Markus Söder, wäre unter Eidgenossen undenkbar. Die einen lieben eben ihre Obrigkeit, die anderen nicht

Dann wird Gujer kurz grundsätzlich: «Wenn die Parteien in Berlin jetzt über weitere Restriktionen bis hin zur Impfpflicht diskutieren, sollten sie ausnahmsweise die Kosten-Nutzen-Relation bedenken. Zu oft ist der Staat der Versuchung erlegen, mit Freiheitsbeschränkungen Handlungsfähigkeit zu suggerieren, obwohl die Wirkung überschaubar blieb.»

Dann ruht Gujers Blick wohlwollend auf seiner Heimat, der er aber gleichwohl einen väterlichen Ratschlag auf den Weg gibt: «Aus Schweizer Perspektive gilt, dass auch in der gegenwärtigen Welle der deutsche Weg kein Vorbild sein kann. Panikmache und Hysterie sind das falsche Rezept.»

Man muss zugeben: einen so staatstragenden Ton kriegt seit Helmut Schmidt selig keiner mehr hin.

Die Freiheit, draussen bleiben zu dürfen

Ausweitung der Zertifikats-Pflicht? Warum nicht, sagen die Medien. In aller Staatsferne.

Der Bundesrat hat eine Verschärfung der Zertifikatspflicht in die Vernehmlassung gegeben. Kurz gesagt soll der Zutritt zu ziemlich allen öffentlichen Räumen, inklusive Restaurants, Fitness-Centers oder kulturellen Einrichtungen, nur mehr mit den 3G möglich sein. Also «getestet, genesen oder geimpft». Die Presseschau dazu ist erschreckend: nordkoreanische Verhältnisse in der Schweiz. Es werden zwar verschiedene Akzente gesetzt, aber nirgends, nirgends in den Mainstream-Medien steht auch nur ein kritisches, eigenes Wort.

Der NZZ muss man lassen, dass sie eine Position auf den Punkt bringen kann. So lautet der Titel ihres Kommentars:

«Lieber eine «Zweiklassengesellschaft» als einen Shutdown für alle».

Lieber schlimm als ganz schlimm, behauptet die NZZ.

Das ist zwar hübsch formuliert, aber ungefähr so sinnvoll wie die Gegenüberstellung: Lieber Griessbrei als eins in die Fresse. Denn völlig unlogisch ist, dass eine solche «Zweiklassengesellschaft» einen Shutdown verhindern könnte. Aber Logik war noch nie die Stärke der Medien, wenn es um das Thema Corona geht.

Die Presseschau fördert Bedenkliches zu Tage. Beginnen wir nach der NZZ mit dem anderen Ende des Spektrums, also mit «watson»:

«watson» hingegen nimmt’s ganz cool und wird bald ein Listical machen.

Arbeiten wir uns die Gratis-Medien hinauf:

«20 Minuten» sichtet zitternde Wirte. Schon selber einen gesehen?

Schlimm, wenn Boulevard nicht funktioniert, so wie bei dieser Schlagzeile. Andere sind da entspannter, wie zum Beispiel bluewin.ch:

Die grösste Plattform berichtet ganz nüchtern über die Ideen des Bundesrats.

Auch «nau.ch» beschränkt sich aufs Sachliche. Nun ja, der Beitrag ist direkt von der SDA übernommen:

Da weiss man, was man hat: nau.ch, alias SDA.

Wir kommen zum Organ mit dem Regenrohr im Logo, also zum «Blick»:

Nutzwert, Nutzwert, Nutzwert, dekretierte der Chefredaktor.

Lässt immerhin die Wirte meckern: Tamedia.

Hier zittern keine Beizer, aber sie sind gespalten, die Armen.

CH Media ist sich uneins, da in St. Gallen eine Manifestation von Gegnern der Zertifikatspflicht stattfand.

Das «Tagblatt» kann sich nicht entscheiden, auf welche Seite es sich schlagen will.

Da sieht man wenigstens, wie jährlich 1,2 Milliarden Steuergelder sinnvoll verröstet werden, SRF gönnt sich einen Newsticker.

Schön, dass sich Experten niemals ändern.

Überhaupt nicht zittrig meldet sich hingegen die Standesorganisation GastroSuisse zu Wort und holt den grossen Suppenlöffel aus der Schublade:

«Verfassungswidrige Massnahmen»: GastroSuisse fuchtelt mit der Schöpfkelle.

Dabei geht es eigentlich nur um ein Stück Papier oder ein paar Pixel auf einem Smartphone-Bildschirm:

Am besten auf Mann (und natürlich auch Frau, Transgender und Non-Binär) zu tragen.

Die Niveau-Bremse von «20 Minuten»

Claudia Blumer ist beim Gratisblatt angekommen. Ganz schlechte Nachrichten.

Man will ja ein Zeichen setzen, wenn man neu anfängt. Üblich, normal, verständlich. Claudia Blumer, bei Tamedia eher unangenehm aufgefallen, ist seit 1. Juli Ressortleiterin «Politik und Gesellschaft» bei dem Gratis-Blatt «20 Minuten».

Claudia Blumer: ein Foto aus besseren Tagen.

Das reichweitenstärkste Organ für alle, die sich überhaupt noch bei Newsmedien informieren, verzichtet weitgehend auf künstliche Aufreger und vollständig auf Kommentare. Das scheint ein Bestandteil seines Erfolgs zu sein.

Blumer hingegen fiel nicht nur durch ein schlampig recherchiertes, einseitiges, mit Fehlern gespicktes Werk auf, sondern auch mit etwas eigenen Kommentaren:

Und ein Kommentar ist keine Kalbshaxe.

Solches ist bei «20 Minuten» nun nicht mehr möglich, aber man kann doch auch anders eine Duftmarke setzen, muss sich Blumer gesagt haben:

Die klassische, eher abgenudelte Boulevard-Nummer: Man stellt eine steile Frage in den Raum, macht ein schönes Einerseits-Andererseits draus, und schon hat man künstlich ein Thema zur Debatte aufgeblasen, das eigentlich keines ist.

Stichhaltigkeit, Relevanz, Realitätsgehalt: völlig wurst. Denn als Schritt zwei kann man dann von einer «grossen Resonanz» schwärmen:

Nach Belieben lässt sich so eine Schaumschlägerei weiterdrehen. Fachleute meinen, Politiker widersprechen, Experten warnen, Juristen geben zu bedenken, Betroffene heulen wunschgemäss auf.

Eigentlich ist’s ziemlich banal und klar

Dabei führt kein Weg an der banalen Erkenntnis vorbei: Selbstbehalt für Selbstverschulden im Gesundheitswesen? Ist nicht, gibt’s nicht, Krankenversicherung ist keine Autopolice, wo Fahruntüchtigkeit Kostenfolgen hat, wenn’s kracht.

Ganz wichtig ist auch, dass so getan wird, als gäbe es hier eine heisse Debatte mit Mord und Totschlag in Sicht:

«So ein renommierter Infektiologe, der anonym bleiben will. Er sieht das Portemonnaie als das effektivste Mittel, wie er gegenüber «20 Minuten» sagt: «Landen Ungeimpfte wegen Covid im Spital, sollen die Krankenkassen später Regress auf diese Personen nehmen können.» Es gebe keinen Grund dafür, dass Krankenkassen für eine «fahrlässig verbreitete Krankheit» aufkommen müssten. Später zieht er das Zitat zurück – aus Angst vor Morddrohungen.»

Ist aber auch blöd gelaufen; im Blatt mit dem Regenrohr im Titel traut sich gleichzeitig ein «Verhaltensökonom» in Wort und Bild und mit vollem Namen eine ähnliche Forderung aufzustellen. Von Morddrohungen oder Personenschutz ist nichts bekannt.

Aber eigentlich geht’s um nix.

Natürlich ergreifen Politiker gerne die Gelegenheit, sich zitieren zu lassen. Abwägend, dagegen, ein wenig dafür, wichtig ist ja nur, wenn der Name und die Parteizugehörigkeit richtig geschrieben sind.

Nachdem das alles abgespult wurde, braucht es nur noch einen einigermassen versöhnlichen Schluss:

«Jedenfalls: Beim Bund ist man trotz nachlassender Impfnachfrage guten Mutes. Rund 46 Prozent der erwachsenen Personen in der Schweiz hätten mindestens eine Impfdosis erhalten, sagte Virginie Masserey, Leiterin der Sektion Infektionskontrolle beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) an einer Medienkonferenz am Dienstag.»

Dass damit das ganze Geschrei vorher als absurd und überflüssig gekübelt wird, was soll’s. Man kann «wichtiges Thema aufgegriffen», «Debatte ausgelöst», «grosses Echo», «aufgrund des Artikels haben 25 Parlamentarier» und ähnliche Blasen blubbern.

Wieso macht man das heute nicht mehr so gerne?

Nur: Es gibt leider einen Grund, wieso die meisten Boulevardblätter diese Methode der künstlichen Aufschäumung nicht mehr verwenden. Weil sie gemerkt haben, dass sich der Leser davon schlichtweg und zunehmend verarscht fühlt. Und dieses Gefühl trägt nicht wirklich zur Leser-Blattbindung bei.

Um es begreiflich in einem Bild zu sagen: Wenn in einer Pizzeria der Teigfladen zwar als halbmeterhoher Turm serviert wird, beim ersten Anschnitt aber wie ein Soufflee zu einem unansehnlichen Klacks zusammenschrumpft, dann findet das der Besucher auch nicht so toll. Selbst wenn er dafür nichts bezahlen muss. Das sollte dem Chefredaktor von «20 Minuten» doch etwas zu denken geben …

Bei Geburt getrennt?

Kellyanne Conway mit ihren «alternativen Fakten» und Alain Berset mit seiner «Wahlfreiheit» bei Corona? Einmal blond, einmal blank. Aber sonst?

Nehmen wir, aber nur der Gemeinheit halber, die Berichterstattung des «Blick» über einen Medienauftritt unseres sympathischen Gesundheitsministers. Wie immer scharf geschnittener Anzug, schmale Krawatte, sorgfältig rasierter Schädel (ausser natürlich die Augenbrauen, Berset wäre nur halb so viel ohne Augenbrauen).

Und dieser knuddelige welsche Dialekt, einfach zum Abknutschen. Das spielt auch eine gewisse Rolle in seinem Leben, aber das soll hier nicht Thema sein. Sondern ein paar Ausführungen unseres Bundesrats über Zwang oder Freiheit. Erteilen wir der kompetenten Zusammenfassung eines Auftritts von Berset in Solothurn das Wort. Hier zeigt ein gewisser Ruedi Studer vom «Blick», dass wir nicht wissen, welchen Beruf er verfehlt hat. Aber Journalismus ist’s nicht.

«Guter Weg, aber vorsichtig bleiben», so zitiert er einleitend die weisen Worte von uns Berset, der Knutschkugel und der vorderste Kämpfer gegen die Pandemie. Wenn wir uns das noch mit diesem süssen Akzent vorstellen, zum Hinschmelzen. Nun zuckert Berset auch das Folgende mit diesem süssen fransösischen Döutsch, nisch wahhr:

 «Die Freiheit ist, eine Auswahl zu haben», sagt Berset zu den Vorwürfen, das Zertifikat führe zu einem indirekten Impfzwang und zu einer Zweiklassen-Gesellschaft. «Es gibt keinen Zwang! Das Impfen ist freiwillig. Es schafft absolut keine Zweiklassen-Gesellschaft.»

Da lauscht Studer noch verzückt, während Berset seinen Amoklauf gegen alle Grundlagen der Logik fortsetzt: «Niemand braucht eine Impfung. Wer sich nicht impfen lassen will, muss halt einen Test machen.» Man habe also die Wahl.

George Orwell hatte eine erfrischend klare Sprache.

Gut, nun zeigt aber der «Blick», das Organ verantwortungsbewusster Staatsbürger um Frank A. Meyer – für die EU, gegen Blocher –, was kritischer und einordnender Journalismus ist. Indem es diesen Wirrlauf in die Schranken weist, den Bundesrat harsch kritisiert. Oh, nein, der Berichterstatter lässt auch diese Worte Bersets still verklingen: «Das Impfen ist freiwillig. Es schafft absolut keine Zweiklassen-Gesellschaft.»

Irgendwo ein kritisches Wort über einen schreienden Unsinn?

Gut, im Schwesterblatt SoBli dürfen auch Hörgeschädigte wie Lukas Bärfuss unwidersprochen publizieren. Aber vielleicht die «Solothurner Zeitung» aus dem Hause Wanner, die ihrem eigenen Regierungsrat so auf den Wecker geht, dass der sich doch tatsächlich über die Berichterstattung beschwert? Nein, nur Bericht, kein kritisches Wort.

Richard Burton in einer beeindruckenden Verfilmung von «1984».

Tamedia, Bluewin, wenigstens die NZZ? Nope, nix, nada; ein gepflegtes Stück in der NZZ: «Alain Berset kann Corona – kann er auch AHV?» Nein, Corona kann er nicht, aber was soll’s. Bleibt doch nur noch «watson», das letzte Organ der seriösen Berichterstattung – kein Wort. Gut, dann aber die Retter der Demokratie? «Die Kartoffel unangreifbar machen», schenkt das Organ der teuren, aber vergeblichen Denke heute der Welt, dazu «Das Ende ist da», Gedanken der «Republik» über den Unterschied zwischen dem «heutigen Rechtspopulismus und dem historischen Faschismus». Ein wichtiger Beitrag im Kampf gegen Schlafstörungen.

Aber dass unser Bundesrat gerade richtig Unsinn verzapft hat, wohl mal wieder die französische Übersetzung von Orwells «1984» las, «Krieg ist Frieden», Newspeak, Doppeldenk, «Unwissenheit ist Stärke», «Freiheit ist Sklaverei»? Wer war Orwell, und was ist «1984», mag sich nun nicht nur Nora Zukker fragen.

Das hier ist Orwell: Es gibt keinen Impfzwang. Man hat die freie Wahl. Man muss nicht. Dann darf man aber auch nicht. Niemand wird gezwungen. Auch nicht dazu, an Anlässen teilnehmen zu wollen. Reisen zu wollen. Arbeiten zu wollen. Ist alles freiwillig, liebe Leute. Das ist gelebte Freiheit.

Wahlfreiheit ist nicht unbegrenzt

Wahlfreiheit ist das Gegenteil von Unfreiheit, von Zwang. Worin besteht denn die Wahl? Nun, sich nicht impfen zu lassen. Dann aber sich testen lassen. Nein, ‘tschuldigung, das ist bereits die Wahl. Mehr Freiheit, also weder impfen noch testen, das wäre nicht mehr Freiheit, das wäre Anarchie. Freiheit ist zudem nicht umsonst, liebe Mitbürger. Wer frei sein will, muss Verantwortung tragen, Konsequenzen.

Das ist wie beim Fallschirmspringen. Niemand muss das tun. Aber wenn, dann ist es eine gute Idee, einen Fallschirm dabei zu haben. Und zu hoffen, dass der sich auch öffnet. Aber im Prinzip könnte man auch ohne Fallschirm springen. Wobei aus Schutz vor sich selbst und von Mitbürgern, denen man auf den Kopf fallen könnte, dann doch nicht. Aber das ist eben kompliziert mit der Freiheit.

Will unser Bundesrat austesten, was die Medien alles schlucken?

Überhaupt nicht kompliziert ist hingegen, dass unser Bundesrat die immer wieder aufkommenden Kritik an der indirekten Einführung eines Impfzwangs durch eine Zweiklassengesellschaft mit mehr oder weniger Privilegien mit ein paar völlig absurden Erklärungen entkräften wollte.

Mit einem Newspeak, den Orwell wohlwollend als akzeptable Nachahmung seiner Dystopie akzeptieren würde. Mit offenkundigen Widersprüchlichkeiten auf dem Niveau von «Krieg ist Frieden», oder «Wahrheitsministerium» heisst das Lügen- und Propagandaministerium in Orwells Ozeanien, eine China vorwegnehmende Diktatur mit totalitärem Kontrollanspruch.

Wollte Berset bewusst austesten, ob er auf Widerspruch und Kritik stösst, wenn er offenkundigen unlogischen Unsinn schwatzt? Wir wissen es nicht, aber auf jeden Fall ist das Experiment gelungen. Aus der Sicht all derer, die Newspeak, Sprach- und dann Gedankenkontrolle für eine gute Idee halten.