Schlagwortarchiv für: Henryk M. Broder

Der Schoss ist fruchtbar noch …

Mit Nazi-Vergleichen sollte man aufpassen. Hier ist er angebracht.

Jan Fleischhauer ist ein deutscher Kolumnist, der, nun ja, nicht wirklich in dem woken Mainstream passt. Auch nicht zum «Spiegel», aber immerhin hat er in «Focus» noch ein Plätzchen für seine Kolumne gefunden. Ansonsten gilt er öffentlich in Deutschland immer mehr als «pfui».

Das kann dort ziemlich schnell geschehen, denn es gibt eine deutsche Wesensart, die unbeschädigt die Jahrhunderte, zwei Weltkriege, den Faschismus und den real existierenden Sozialismus auf deutschem Boden überlebt hat. Ausgerechnet ihre früheren Opfer machen sich nun stark dafür und üben dieses üble Geschäft mit Hingabe aus: das Denunziantentum.

Nichts treibt die Blockwartmentalität aus dem Deutschen, da verzichtet er noch eher auf Bier und Bockwurst. «Verboten, der darf doch nicht, wenn da jeder käme, ich mache Meldung, ich zeige Sie an», das sind Lieblingsvokabeln des Deutschen, auch immer mehr verbreitet in der übelsten Partei Deutschlands, seit dem Verbot der NSDAP.

Nun zieht Fleischhauer recht und richtig vom Leder: «Es lebe der Blockwart! Wie SPD und Grüne das Denunzieren als Dienst an der Demokratie verkaufen». Natürlich masslos übertrieben. Oder etwa nicht? In der Schweiz weiss man wohl nicht, dass es im linksgrünen Berlin, wo man nicht einmal Wahlen auf die Reihe kriegt, ein Online-Melde-Portal «Berliner Register» gibt. Zweck: «Melde Diskriminierung und extrem rechte Aktivitäten an uns.» Richtig, extrem linke Aktivitäten gibt es entweder nicht, oder sie sind nicht meldewürdig. Betrieben wird es von einem Dr. Wofgang Drahs (auch Betreiber der Webseite mein-kind-ist-rechts.de) und Andreas Wächter, der auch als Geschäftsführer bei der Drahs-Firma «pad» tätig ist. Unterstützt werden die beiden von «Berliner Registrierstellen»  wie «Die Falken LV Berlin», «offensiv’91 e.V.» oder «yekmal, Verein der Eltern aus Kurdistan in Deutschland».

Nun haben Henryk M. Broder und Reinhard Mohr in Berlin aus ihrem Buch «Durchs irre Germanistan» vorgelesen, das doch tatsächlich auf der «Spiegel»-Bestsellerliste steht – statt schon längst verboten zu sein.

Denn in der langen Liste an registrierten Vorfällen («LGBTIQ*-feindliche Aufkleber in Adlershof», «Extrem rechte Aufkleber in Plänterwald» oder gar «Missachtung der Privatsphäre in der Unterkunft für Geflüchtete in Tegel») gibt es besonders erschütternde Meldungen: «Strukturelle Benachteiligung bei der Essensausgabe im Ankuftszentrum Tegel». Worin bestand die?

«Die Bewohner*innen der Unterkunft für Geflüchtete auf dem Gelände des ehemaligen Tegeler Flughafens wurden bei der Nahrungsversorgung strukturell benachteiligt. Bei der Essensausgabe wurde ihnen, trotzt wiederholter Nachfrage, keine Zutatenliste ausgehändigt. Sie konnten somit nicht nachvollziehen, ob das Essen Allergene enthielt oder andere Zutaten, die sie nicht essen sollten oder wollten.»

Nein, das kann man nicht erfinden. Aber zurück zur Dichterlesung. Die fand Eingang ins Register unter dem Titel «Antifeministische Veranstaltung in Charlottenburg». Was haben sich denn diese beiden Schweinebacken (Pardon, Broder ist Jude) zuschulden kommen lassen?
Schon der Titel des Buchs «Germanistan» «kann als rassistisch eingeordnet werden, weil arabischen Staaten eine Rückständigkeit zugeschrieben und auf Deutschland übertrag wird». Schlimmer noch: «In der Lesung wurden auf satirische Weise feministische Themen wie sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung und geschlechtergerechte Sprache (Gendern) ins Lächerliche gezogen

Am schlimmsten aber: «Beispielsweise wurde einem Radiomoderator, der einem der Autoren durch seine geschlechtergerechte Ausdrucksweise aufgefallen war, unterstellt, hätte er im Nationalsozialismus gelebt, hätte er auch mit „Heil Hitler“ unterschrieben. Diese Analogie kann zudem als NS-verharmlosend interpretiert werden.»

Auch das kann man nicht erfinden, wobei der anonyme Denunziant vielleicht sogar ein wenig recht hat mit seiner letzten Kritik. Aber item, was kümmert uns eine Denunziationsplattform, auf der sich der Deutsche mit seiner Lieblingsbeschäftigung austoben kann? Nun, dazu Fleischhauer: «Bis zu einer Million Euro erhält das „Berliner Register“ jährlich an Fördergeldern von der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit und Soziales. Darüber hinaus gibt es Zuwendungen durch eine Reihe von Bezirksämtern. Das stellt die ganze Veranstaltung nicht nur auf eine solide ökonomische Basis.»

Eine solche Klowand, die mit anonymen Denunziationen angepisst wird, bekommt eine Million Euro Steuergelder? Weil Berlin so reich ist?

Aber das ist ja nur der Anfang vom Ende in Deutschland. Es ist auch ein Gesetz auf den Weg gebracht, das den harmlosen Namen trägt «Gesetz zur Stärkung von Maßnahmen zur Demokratieförderung, Vielfaltgestaltung, Extremismusprävention und politischen Bildung».

Neben dem starken Geruch nach Orwell, vor allem geht es hier natürlich auch ums Geld. Die deutsche Regierung hat unter dem vielversprechenden Titel «Demokratie leben» im Jahr 2023 satte 182 Millionen Euro Fördergelder ausgeschüttet. 2024, man hat’s ja, sonst gibt’s wieder ein «Sondervermögen», vulgo Notkredit an der Schuldenbremse vorbei, sollen es 200 Millionen werden.

Um Leute wie Broder, Mohr und Fleischhauer, und noch ein paar mehr, zu «Demokratiefeinden» zu erklären? Beziehungsweise die Demokratie gegen ihre Anschläge zu schützen? Oder zumindest, damit jeder Möchtegern-Blockwart sie anonym anschwärzen darf.

In jedem anderen Land der Welt wäre das irgend etwas zwischen lachhaft und Geldverschwendung. In Deutschland und seiner Geschichte ist es brandgefährlich.

 

Broder rides again

Henryk M. Broder schreibt in der «Weltwoche».

Na und, sagt da der uninformierte Laie. Der kann aufgeklärt werden: Im Juni 2022 kündigte Broder mit Getöse an, dass er mit Bedauern, aber aus Gründen der Konsequenz, nicht mehr für die «Weltwoche» schreiben werde. Da gäbe es zu zu viele «Putinisten», die im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine russische Postionen vertreten würden.

«Ich bin dann mal weg», so durfte Broder – immerhin in der WeWo – mit Geschimpfe seinen Abgang verkünden. «Schade, aber es geht nicht anders», bedauerte er.

Aber siehe da, was liest man in der neusten Ausgabe der WeWo?

Wer seinen Augen nicht traut: doch, der Autor heisst Henryk M. Broder, es gibt keinen Doppelgänger und der Text ist echt. Ausgerechnet in der Ausgabe, in der Roger Köppel Putin zum zweiten Mal als den «Unverstandenen» aufs Cover klatscht, ist Broder dann mal wieder da.

Lustig. Ist der Mann zu Kreuze gekrochen? Gab es ein Versöhnungsbesäufnis in Berlin? Ist Broder den Schalmeiengesängen von Köppel erlegen? Konnte er nicht umhin, wieder in seinem angestammten Organ, das er über 20 Jahre mit Texten bediente, aufzutauchen? Ist Broder inzwischen auch tendenziell «Putinist» geworden?

Nein, es ist eine süsse Rache der WeWo, die nun wirklich nicht von schlechten Eltern ist. Die Auflösung steht ganz am Schluss des Artikels im Kleingedruckten: «Dieser Text erschien zuerst in der Welt. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Axel Springer SE».

He, he. Denn in Deutschland entäussert sich der Autor normalerweise des Copyrights seines Artikels; das Organ, das ihn kauft (und publiziert), kann über seine weitere Verwendung entscheiden, wobei dem Autor höchstens ein Bakschisch aus den Einnahmen zusteht.

Also hat sich die WeWo, zur Feier der neuen Putin-Ausgabe, den Scherz geleistet, einen Broder-Text einzukaufen. Oder vielleicht konnte Köppel seine alten Beziehungen als ehemaliger «Welt»-Chefredaktor spielen lassen. Oder wie der frömmelnde Verleger, Herausgeber, Besitzer und Chefredaktor wohl sagen würde: mein ist die Rache, spricht der Herr.

Wumms: Michèle Widmer

Nachtreten ist in. Aus der geschützten Werkstatt.

Michèle Widmer ist Redaktorin bei persoenlich.com. Das sei das «Online-Magazin für Entscheider und Meinungsführer». Seine Grundhaltung ist: ja keine Lämpen mit niemandem. Denn wir müssen ja vom Wohlwollen der Entscheider und Meinungsführer leben.

Als Meinungsventil führt perssoenlich.com einen Blog. Hier äussern sich Entscheider und Meinungsführer im Westentaschenformat. Auch Redakteure dürfen ganz gelegentlich zum Griffel greifen, wenn Matthias Ackeret mal gerade nichts zu sagen hat. Daher kaut Widmer ein Stück Konzernjournalismus aus dem Hause Tamedia wieder:

Die beiden Lohnschreiber Andreas Tobler und Sandro Benini hatten versucht, aus dem Abgang des Kolumnisten Henryk M. Broder bei der «Weltwoche» eine Massenflucht herbeizufantasieren. Aber wie es bei den Rechercheriesen von Tamedia und «Republik» üblich ist: steile These, beinharter Haltungsjournalismus – aber nichts dahinter.

Das wäre sicherlich Anlass für ein paar kritische Worte einer Redaktorin, die sich professionell mit Kommunikation und Medien befasst. Kritische Bemerkungen fallen tatsächlich, allerdings:

«Im Falle der Weltwoche lassen sie sich von einem Medium bezahlen, das Partei für Wladimir Putin ergreift. Sie verhelfen mit ihren Texten einem Medium zu Reichweite, das den Krieg in der Ukraine verharmlost. Ihre Kolumnen erscheinen nicht im luftleeren Raum, Leserinnen nehmen die Schreibenden als Weltwoche-Autoren wahr. Sie sollten sich die Frage stellen: Wo liegt meine Schmerzgrenze?»

Die Schmerzgrenze gegenüber Widmer liegt da, wo sie bereits eingangs mit einem Falschzitat arbeitet. Der Kolumnist Broder habe sich «zum Abschied öffentlich von den «Russlandverstehern» in der Weltwoche distanziert». Er verwendete aber das böse Wort von «Putinverstehern». Wobei beides absurd ist, denn der Versuch, etwas verstehen zu wollen, ist der Offenlegung wie bei Widmer, dass sie nicht viel versteht, deutlich überlegen.

Im Qualitätsmedium persoenlich.com darf Widmer unkontrolliert behaupten, die WeWo ergreife Partei für Putin, verharmlose den Krieg in der Ukraine. Beide Anwürfe erhebt sie ohne den geringsten Beleg dafür. Sie übernimmt einfach unreflektiert das Narrativ der Verleumdung. Auch ihr fällt nicht auf, dass die WeWo, die nun wirklich Diversität der Meinungen lebt, von Konzernjournalisten kritisiert wird, die nicht mal im Alptraum daran denken würden, in ihren Organen von der vorgegebenen Linie abweichende Meinungen zu veröffentlichen.

Bevor die Lohnschreiber von Tamedia sich mal trauen, ihren Big Boss Supino zu kritisieren, weil der Profitdenken und die Aufteilung des Konzerns in unabhängige Profitcenter über alles stellt, bevor sie mal ihren Oberchefredaktor Rutishauser wegen seinen kriegerischen Tönen im Ukrainekrieg kritisieren, sollten sie einfach etwas kürzer treten, wenn sie gegen ein Magazin austeilen, in dem man sogar dem Verleger und Chefredaktor mit Anlauf Contra geben kann.

Wir sind gespannt, wann Widmer mal einen Blogbeitrag verfasst, in dem sie harte Worte zu Blocher TV findet … Aber das liegt sicherlich deutlich unterhalb ihrer Schmerzgrenze.

Balken im Auge

Tamedia hämt gegen Köppels «Weltwoche». Ziemlich betriebsblind.

Andreas Tobler und Sandro Benini haben sich zusammengetan, um eine Breitseite gegen die «Weltwoche» abzufeuern:

Tobler hat eine lange Tradition als Köppel-Missversteher und -hasser. Er äusserte sich schon verständnisvoll zu einem angeblich künstlerischen Mordaufruf gegen den Chefredaktor, als es ein Brachial-Polemiker schick fand, «Roger Köppel tötet. Tötet Köppel Roger» zum Besten zu geben. Das Strassenmagazin «Surprise», das diese Schweinerei veröffentlichte, entschuldigte sich immerhin dafür. Tobler nicht.

Nun wollen Benini und Tobler den lautstarken Abgang des deutschen Publizisten Henryk M. Broder nützen, um eine Massenflucht aus der «Weltwoche» herbeizuschreiben.

Wie häufig, wenn Recherchierkünstler bei Tamedia (oder bei der «Republik») «recherchieren», wird’s allerdings schnell sehr dünn. Auch Claudia Schumacher habe «zwei Wochen nach Kriegsausbruch» bei der WeWo aufgehört. Ihre ausgeleierte Beziehungskolumne schreibt die begabte Selbstvermarkterin nun – bei Tamedia weiter.

Nun kann sie diesen Wechsel in wenigen Tagen gedeichselt haben. Oder aber, sie wollte schon länger eine grössere Plattform für ihre Plattitüden. Selbst sagt sie nichts, müssen die Autoren bedauernd festhalten. Aber man darf doch insinuieren …

Dann hätten wir den Kriegsreporter Kurt Pelda. Der habe im Juni zu CH Media «gewechselt», schreibe aber «weiterhin als freier Mitarbeiter» für die WeWo. Doch seine Artikel zeigten, dass er «Köppels Putin-freundlichen Kurs nicht mitträgt». Schon persoenlich.com versuchte, aus diesem Wechsel einen Tritt gegen Köppel herbeizuschreiben. ZACKBUM macht dann das, was diese beiden Recherchiergenies offensichtlich unterliessen: wir fragten bei Pelda nach. Und der gab Entwarnung. Aber wieso soll man sich durch unnötiges Recherchieren eine schöne Verleumdung kaputtmachen lassen.

Was kriegt Tobler, einer der übelsten Konzernjournalisten bei Tamedia, sonst noch gebacken? Zusammen mit Benini hat er eine Kollektion von tatsächlich fragwürdigen Köppel-Äusserungen zum Thema Putin und Russland zusammengestellt. Das wäre durchaus Anlass zu Kritik, aber der Tamedia-Thesenjournalismus will ja einen Massenexodus bei der WeWo herbeischreiben.

Leider wird man ausser bei Broder nicht fündig. Obwohl die beiden Schreibhelden inquisitorisch bei weiteren Kolumnisten der WeWo nachgefragt haben. Zuvorderst beim Genossen Peter Bodenmann. Aber im Gegensatz zu den beiden Tamedia-Inquisitoren sieht der es locker: «Wenn man im Zentralorgan der rechts vorherrschenden Dummheiten wöchentlich Widerspruch anmelden kann, muss man dies tun. Wo denn sonst?» Auch Peter Rothenbühler lobt die WeWo als «eine Insel», auf der immer noch möglich sei, was bei Ringier aus Gründen der «Diversity» untersagt sei. Kolumnist Zimi unterstreicht: «In der «Weltwoche» darf jeder schreiben, was er will.» Dem schliesst sich auch Jean-Martin Büttner an, der bei Tamedia aufs Übelste gekübelt wurde.

Den beiden Lohnschreibern im Dienste ihres Arbeitgebers kann man nur ein Jesus-Zitat vorhalten: «Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?» Damit ist gemeint: In der WeWo muss man nicht mit dem Chefredaktor und Verleger übereinstimmen, um dort publizieren zu dürfen. In der WeWo darf man ihn sogar im eigenen Blatt scharf kritisieren. Das schätzen viele Autoren, die dort publizieren.

Bei Tamedia wäre es ein Ding der Unmöglichkeit, eine von der offiziellen Linie abweichende Meinung zu Russland, der Ukraine, Corona, der EU oder vielen anderen Themen zu publizieren. Weder Tobler noch Benini noch sonst jemand käme auch nur im Traum auf die Idee, einen kritischen Kommentar zu Supino, Rutishauser oder die Familie Coninx und ihre Bildersammlung zu schreiben.

In eigener Sache sind sie Eunuchen, aber statt zu loben, dass in der WeWo ein Kolumnist sogar auf zwei Seiten mit diesem und jenem abrechnen darf, um am Schluss seinen Abgang zu verkünden, regen sich die zwei Heuchler fürchterlich über die Ansichten des dortigen Chefredaktors auf. Das ist erlaubt, aber Köppel hätte sogar diesem Duo Infernal sicherlich die Möglichkeit zu einer Kritik in den Spalten der WeWo gegeben – hätten die beiden nur gefragt.

Stattdessen machen sie sich öffentlich lächerlich, indem sie den Abgang eines einzigen Kolumnisten zu einem Massenexodus hochschreiben wollen. Im gleichen Sinn und Geist wie die «Republik» mit ihrem Schwachsinn über die «Info-Krieger» ohne jeden Beleg. Es ist geradezu widersinnig: indem sie der WeWo ans Schienenbein treten wollen, erweisen sie der Reputation und Glaubwürdigkeit von Tamedia einen Bärendienst. Trost kann nur darin liegen, dass das Renommee dieser Blätter bereits dermassen angeknackst ist, dass es auf einen weiteren Anschlag auch nicht mehr ankommt.

Konzern- oder Schmierenjournalismus nennt man das, üble Haltungs- und Gesinnungsschreibe, eine Schandtat, für die sich jeder anständige Redaktor eigentlich schämen müsste. Ausser, er arbeitet für Tamedia und ist in dieser Hinsicht völlig schmerzfrei.

 

Gähn: Ein Nicht-Ereignis

Die «Weltwoche» unter scharfer Beobachtung.

Für die Verschwörungstheoretiker von der «Republik» gehört die WeWo zu einem Netzwerk rechter «Info-Krieger». Das kann man nicht ernst nehmen. Aber das Blatt kann stolz darauf sein, dass es unter scharfer Beobachtung der Kollegen steht.

Normalerweise ist es denen eine Notiz wert, wenn ein neuer Autor anheuert. Das wird dann gerne dem staunenden Publikum mitgeteilt. In der irrigen Annahme, dass den Leser auch interessiert, was den Journalisten brennend beschäftigt. Aber leider ist es in Wirklichkeit so, dass es dem Konsumenten schwer an einem gewissen Körperteil vorbeigeht. Genauso wie Beschreibungen der inneren Befindlichkeiten von Schreibern. Genauso wie deren ordnende Ansichten und Meinungen zu den Weltläufen. Genauso wie deren Ratschläge, wie die Welt besser werden könnte, würde man nur auf den Schreiberling hören.

Die WeWo-Beobachtung hat gerade einen neuen Höhepunkt erreicht. Sie kann berichten, dass ein Autor nicht mehr für das Magazin schreibt. Für einmal sind sich «Blick» und NZZ ganz nahe. Das Boulevardblatt vermeldet:

Und das Blatt für die gehobenen Stände echot:

Nun werden von beiden Gazetten die Wortmeldungen des deutschen Kolumnisten Henryk M. Broder prinzipiell mit Missachtung gestraft. Schliesslich gehört er zu den Mitbegründern von «achgut.de», der ironisch so genannten Achse des Guten. Hier schreibt eine bunte Truppe gegen den Strom, angeführt von Dirk Maxeiner und eben Broder. Die meisten dieser Autoren würden von der «Republik» ohne zu zögern der grossen, rechten Medienverschwörung zugeschlagen werden. Ja, es gibt auch ein paar Beitrage von René Zeyer hier, wie in der WeWo.

Nun hat aber der langjährige WeWo-Kolumnist Broder mitgeteilt, dass er nicht mehr für die WeWo schreiben wird. Dafür holt er auf zwei Seiten aus – in der WeWo, notabene:

Sein Einstieg ist recht eigen, um nicht zu sagen merkwürdig. Alle, die es wagen, darauf hinzuweisen, dass der Ukrainekrieg wie eigentlich alles eine Vorgeschichte habe, «rechtfertigen die russische Intervention unausgesprochen, aber unüberhörbar». Auch ZACKBUM hat sich schon zur Vorgeschichte und weiteren Umständen geäussert, was aber niemals eine Rechtfertigung des russischen Überfalls ist. Wenn Broder fordert, man dürfe darüber nur ahistorisch schreiben, der Jetztzeit verhaftet, dann begibt er sich damit ausserhalb des vernünftigen Diskurses.

Zusätzlich störend an dieser Position ist, dass er selbst keine Gelegenheit auslässt, aktuelle Ereignisse mit der braunen deutschen Vergangenheit zu verbinden und unermüdlich an Judenverfolgung und Holocaust erinnert. Das ist sein gutes Recht, das aber gleichzeitig im Fall der Ukraine denunzieren?

Nach längeren Ausführungen, die mehr mit Deutschland und an ihn gerichteten Zuschriften als mit der WeWo zu tun haben, kommt er im letzten Absatz ansatzlos zu folgendem Fazit:

Putin-Versteher ist ein böses Wort, das normalerweise als Kampfbegriff allen entgegengeschleudert wird, die nicht in den Chor der Putin-Verdammnis einstimmen. Es gibt zwar tatsächlich Autoren mit zu grosser Putin-Nähe, und Köppel hat es mit der unreflektierten «Gegen den Strom»-Titelgeschichte «Der Missverstandene» punktgenau zum Kriegsausbruch mal wieder geschafft, mit beiden Füssen in den Fettnapf zu springen.

Dieser Abgang Broders ist nun der NZZ und dem «Blick» je einen länglichen Artikel wert. Die widerspiegeln mehr die Befindlichkeit der Autoren, den Hass, vielleicht auch den Neid auf die WeWo – als dass sie einem Informationsbedürfnis des Lesers nachkämen. Wenn bei der NZZaS die halbe Mannschaft des «Hintergrund» von Bord geht, die unablässigen Abgänge beim «Blick», das ist den Gazetten natürlich keine Zeile wert. Aber wenn ein einziger Kolumnist bei der WeWo aus Protest hinschmeisst, dann wird berichtet.

Was die Kritikaster in erster Linie dabei übersehen: niemals könnte das in ihren eigenen Blättern geschehen. Ein Kolumnist des «Blick», der im «Blick» erklärt, wieso er wegen diesem oder jenem nicht mehr für das Blatt schreiben wird? Undenkbar. Ein Mitarbeiter der NZZ, dem man eine Seite einräumt, um seine Motive darzulegen, wieso er unter Gujer nicht länger schreiben will? Unvorstellbar.

So ist der Abgang Broders kein Armutszeugnis für die WeWo. Aber die Berichterstattung darüber schon.