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Wieso der «Spiegel» abserbelt

Zerrspiegel, Hohlspiegel, Rückspiegel.

Claas Relotius, der Storyfälscher, war eigentlich nur die Spitze des Eisbergs. Denn er kam jahrelang mit seinen erfundenen Storys durch, weil er genau das Narrativ, das Framing, die Gesinnungswolke des «Spiegel» bediente.

Der andere Sündenfall des «Spiegel» war und ist Donald Trump. Statt sich Gedanken darüber zu machen, wieso all die wohlbezahlten USA-Spezialisten dessen Wahlsieg gegen Hilary Clinton nicht vorhersahen, erklärte der «Spiegel» zu seiner vornehmsten Aufgabe (im Ernst), den Präsidenten «wegschreiben» zu müssen.

Darin sind zwei weitere Gründe für den Niedergang enthalten. Arroganz, Überschätzung der eigenen Bedeutung und mangelnder Realitätskontakt. Es gibt viele Gründe, Trump für einen gefährliche Amok zu halten. Aber von einem «Nachrichtenmagazin» darf man erwarten, dass es zu erklären versucht, wieso die Hälfte der US-Stimmberechtigten diesen Mann wählen. Sie alle für Idioten, Hinterwäldler und Wahnsinnige zu erklären, das greift dann doch etwas zu kurz.

Was in den USA Trump ist, ist in Deutschland die AfD. Auch hier gibt es genügend Gründe, sie wegen einiger angebräunter Exponenten für unwählbar zu halten. Aber wieso die Partei – trotz aller Häutungen und einem beachtlichen Verschleiss an Führungspersonal – in Umfragen sogar Mehrheiten erreicht, das bedürfte der Erklärung. Alle AfD-Wähler als Gescheiterte, Fremdenhasser, Neonazis oder Prekariatsmitglieder zu verhöhnen, das kann’s ja auch nicht sein.

Die Quittung: Umsatzrückgang (2023 waren es 8 Prozent weniger als 2022), Print minus 25 Prozent Einnahmen durch Werbung, digital minus 18 Prozent. Der Jahresüberschuss brach gar um 43,5 Prozent ein, von 42,8 Millionen auf 24,2, beinahe eine Halbierung.

Einerseits verunsichert das, was sich durch die häufigen Wechsel in der Chefredaktion ausdrückt. Erst vor einem Jahr wurde Steffen Klusmann gefeuert und durch Dirk Kurbjuweit ersetzt. Der wohl fähigste Schreiber Ullrich Fichtner, der schon als neuer Chefredaktor gesetzt war, stolperte über den Relotius-Skandal. Den er dann aber in einer geradezu genialischen Titelgeschichte schönschrieb, in einer Art, wie sie kein zweiter deutscher Journalist hinkriegen würde.

Verkaufte der «Spiegel» von 1995 bis 2009 regelmässig über 1 Million Exemplare, sank die Zahl 2010 das erste Mal unter die Millionengrenze. 2023 waren es dann noch 695’000 Stück, ein weiterer Rückgang von 30’000 im Vergleich zum Vorjahr. Im Vergleich zu 1995 hat er damit mehr als ein Drittel der Auflage verloren.

Digital hat er sich allerdings auf 295’000 Abos gesteigert, was aber den deutlichen Rückgang der Gesamtauflage nicht stoppen kann. Woran liegt das?

Sicherlich, allgemeines Gejammer der Newsmedien. Zu viel Gratis-Konkurrenz, rückläufige Werbeeinnahmen, Konkurrenz durch Verkaufsplattformen, und überhaupt.

Aber auch beim «Spiegel» (wie bei vielen anderen Medien, bspw. «Blick») ist vieles hausgemacht. Wer werthaltige Berichterstattung durch mehr oder minder gut geschriebene Rechthaberei ersetzt, wer die Farbe aus der Wirklichkeit nimmt und mit Schwarzweiss simplifiziert, wer nicht mehr informiert, sondern vorhersehbar kommentiert, der verliert halt Leser.

Das setzt einen Teufelskreis in Bewegung. Umso mehr die Bedeutung des Organs (und seiner Schreiber) schwindet, desto verkniffener wird krakeelt. Desto mehr greift Rechthaberei, das Erteilen guter Ratschläge und das Aufstellen von Forderungen um sich.

Der Leser fragt sich dann zunehmend, wieso er für diese kaum verkleidete Bauchnabelschau leidender Schreibkräfte etwas bezahlen soll. Und lässt es dann auch. Sind das die allgemeinen Zeitläufte? Nein, nicht wirklich, denn in der gleichen Zeitspanne hat «Die Zeit» auflagemässig fast zum «Spiegel» aufgeschlossen. Auch wenn das Blatt selbst nicht frei von ideologischer Rechthaberei ist, pflegt es dennoch einen umaufgeregteren und viel offeneren Ton als der «Spiegel», lässt auch ein breiteres Meinungsspektrum zu.

Das «Sturmgeschütz der Demokratie», wie es der Gründer Rudolf Augstein mal in leichter Selbstüberschätzung nannte, hat zunehmend Ladehemmung und produziert auch den einen oder anderen Rohrkrepierer. Mit welcher Verve sich das Magazin beispielsweise in die Debatte um Anschuldigungen gegen Prominente warf, da hat Augstein sicherlich im Grab rotiert. Eine Titelgeschichte über den Sänger von Rammstein mitsamt anonymen Aussagen von Denunziantinnen? Einer verbitterten Redaktorin des Zürcher «Magazin» eine Plattform bieten, um üble Anschuldigungen gegen ihren ehemaligen Chefredaktor zu erheben – ohne zu erwähnen, dass die Autorin dessen Posten wollte, nicht bekam und stattdessen gefeuert wurde –, das sind nach Relotius weitere Tiefpunkte.

Schade eigentlich, aber auch für den «Spiegel» gilt: was zerbrochen ist, muss weg.