Schlagwortarchiv für: Hansjörg Friedrich Müller

Drama, Baby, Drama

Wie sieht CH Media den deutschen Wahlkampf?

Dem Thema nimmt sich der Deutschland-Korrespondent Hansjörg Friedrich MüllerWarum ich die AfD als «rechtsradikal» bezeichne») völlig unvoreingenommen an. Er sagt übrigens rechtsradikal, weil er den Begriff «rechtspopulistisch» als «zu harmlos empfindet».

Bei solchen Stellungnahmen spricht Müller übrigens gerne von sich in der dritten Person – vielleicht, weil er sich selbst fremd wird.

Gut, aber aktuell widmet er sich der Frage, wie es nach dem neuerlichen Anschlag in Aschaffenburg in der deutschen Politik weitergehen soll. Auch hier hat Müller eine, nun ja, etwas spezielle Meinung:

«Verschärfungen in der Migrationspolitik wird der CDU-Chef wohl am ehesten im Konsens mit den Sozialdemokraten durchsetzen können.»

Hintergrund: CDU-Chef Merz hat nach dem Attentat eine Verschärfung der Migrationspolitik gefordert, darunter ein faktisches Einreiseverbot für Papierlose. Wer das nicht mittrage, mit dem werde die CDU nicht koalieren. Auf der anderen Seite schliesst Merz weiterhin eine Koalition mit der einzigen Partei, die solche Forderungen unterstützt, kategorisch aus. Unter ihm werde es ein solches Bündnis mit der AfD nicht geben.

Nun entwickelt sich hier allerdings ein hübscher Eiertanz. Obwohl das die CDU nicht will, ist sie gerne bereit, für ihre Vorstösse im Bundestag auch die Stimmen der AfD zu bekommen. Abweisen könnte sie die sowieso nicht.

Nette Gemengelage. Die CDU will Härte in der Migrationsfrage zeigen. Lehnt aber gleichzeitig die Zusammenarbeit mit dem einzig möglichen Bündnispartner kategorisch ab. Während SPD, Grüne und BSW solche Pläne ablehnen und sogar als rechtswidrig bezeichnen.

Was tun? Schwierige Kiste. Aber doch nicht für Müller. Der breitet das ganze Schlamassel nochmal aus (und nennt dabei die AfD kein einziges Mal «rechtsradikal», wohlgemerkt) und behauptet, Alice Weidel treibe «Merz schon jetzt vor sich her: Ihre Partei sei bereit, schon vor der Wahl gemeinsam mit der Union eine Migrationswende zu beschliessen.»

Nun bleiben ihm noch fünf Zeilen Kommentar, um die Lösung aus dem Hut zu zaubern, den gordischen Knoten zu zerhauen. Kein Problem für Müller, auch wenn seine Argumentation, sagen wir mal gedrängt erscheint.

«Auf absehbare Zeit gibt es wohl nur eine sichere Möglichkeit, nennenswerte Reformen in der Migrationspolitik durchzusetzen: Dass sich die SPD auf die Union zubewegt. Die Chancen dafür stehen nicht einmal schlecht, müssen doch auch die Sozialdemokraten nach Bluttaten wie jener in Aschaffenburg Angst vor dem Wähler haben.»

«Auch» die SPD müsse Angst vor dem Wähler haben? Oder hat der Wähler Angst vor der SPD? Zehn Prozent Einbruch bei den Umfragen im Vergleich zur letzten Wahl scheint das zu belegen. Und wieso sollte sich ausgerechnet die SPD auf die CDU zubewegen? Viel geeigneter wären doch die Grünen, die Partei der Wendehälse, Opportunisten und Heuchler. Die machen problemlos aus Grün Schwarz, sagen «AKW ja bitte», stehen auf Kohlekraftwerke und importierten Atomstrom, ihr Kanzlerkandidat fordert eine deutliche Anhebung des Wehretats, als Vertreter einer einstmals pazifistischen Partei.

Vielleicht hätte Müller am Schluss besser geschrieben: Sorry, lieber Leser, hier hätte ein Lösungsvorschlag kommen sollen. Aber leider ist der Platz zu Ende, Ende Gelände. Das nächste Mal dann. Vielleicht.

Wie das «Tagblatt» den Osten beschallt

Einheitssauce aus dem Hause CH Media. Plus bescheidene Eigenleistungen.

Mit «Die Ostschweiz» verschwindet die einzige Alternative zum Einheitsbrei aus Aarau in der Ostschweiz. Dort herrscht das St. Galler Tagblatt mitsamt diversen weiteren Kopfblättern, die sich inhaltlich lediglich durch ein wenig Lokalberichterstattung unterscheiden.

In der Auslandberichterstattung wärmt CH Media, und somit auch das «Tagblatt», gerne alte Storys auf. So zetert Remo Hess aus Brüssel am 5. September:

Immer wieder dieser Orbán, neben Donald Trump der Lieblingsfeind aller woken Schreiber. Kleines Problem dabei: bereits am 30. Juli titelte die «Süddeutsche Zeitung»: «Einfallstor für Putins Gefolgsleute. Viktor Orbán ermöglicht Russen und Belarussen mit Visa-Erleichterungen die Einreise in den Schengen-Raum.»

War knackiger formuliert und fand natürlich sein Echo in den Kopfsalatblättern von Tamedia. Auch die SDA klapperte am 2. August hinterher. Immerhin nau.ch und die SDA meldeten dann die Gegenwehr Ungarns, es «verteidigt Sonderregel für Gastarbeiter». Und am 22. August fasste die NZZ nochmal zusammen: «Visa-Lockerungen als Einfallstor für russische Spione? Ungarn lässt die EU erst zappeln – und dementiert dann formell».

Man kann als mit Fug und Recht sagen, dass dieses Thema abgefrühstückt ist. Gegessen. Erledigt. Nur nicht für das «Tagblatt», dieses Qualitätsorgan.

Welche Qualität legt es denn in der Lokalberichterstattung vor? Eine hohe, im wilden Mischmasch inklusive Anzeige:

Ein exklusiver Einblick in das Haus eines Architektenehepaars, der Gossauer «Benzinpreis-Brecher», die «Top-Autoversicherung», der Bundesrat räume «Fehler bei Corona-Massnahmen» ein. Das Thema wäre vielleicht Gelegenheit für etwas Selbstkritik, denn auch CH Media verfolgte das staatliche Handeln mit unkritischer Distanz und drosch auf «Corona-Leugner» und andere «Aluhut-Träger» kräftig ein. Aber nicht doch.

Dann eine weitere Portion Gemischtes und Gehacktes:

Lehrlinge wandern aus Appenzell ab, Filmfestspiele Venedig, schon wieder die «Top Autoversicherung», der Thurgau soll zur Annahme von Bargeld gezwungen werden, etwas Weissraum, und in Georgia hat ein Teenager vier Menschen an einer Schule getötet. Das nennt man mal eine Handschrift.

Eine eigene Note können Zeitungen durch ihre Kommentare setzen. Leider ist das bei CH Media intellektuell und auch sonst eher überschaubar.

Bruno Knellwolf übt sich in Ausgewogenheit: «Manchen waren die Corona-Massnahmen des Bundes zu streng, anderen zu lasch». Statt ein solches Einerseits-Andererseits zu versprühen, verpasst er wieder einmal die Gelegenheit, Vergangenheitsbewältigung in eigener Sache zu machen. Wie war eigentlich die Berichterstattung von CH Media? Gab es da vielleicht Fehler? Wenn ja, welche? Könnte es sein, dass der zunehmende Vertrauensverlust in die Medien auch darin begründet liegt, dass sie während der Pandemie zu lammfrommen Nachkläffern staatlicher Massnahmen wurden? Wuchs nicht «Die Ostschweiz» gewaltig und überholte sogar das Tagblatt online, weil es einen kritischeren Ansatz fuhr?

Könnte man doch mal kommentieren. Könnte.

Schliesslich erklärt sich noch der Deutschland-Korrespondent Hansjörg Friedrich Müller, den CH Media von der NZZ erbte:

Auch hier ist die Frage, ob es den Leser wirklich auf fast einer Seite interessiert, wieso Müller dieses Adjektiv für die AfD verwendet. Nach einem länglichen Ausflug in die Geschichte und in Stellungnahmen des deutschen Verfassungsschutzes outet sich Müller:

«Der Verfasser dieser Zeilen bezeichnet die AfD manchmal als «rechts», meist aber als «rechtsradikal». Extremistisch wäre sie, wenn sie ein Ende der bestehenden politischen Ordnung anstreben würde. Die Belege dafür erscheinen ihm bisher nicht als ausreichend.»

Dann erklärt Müller, wieso er einen anderen Begriff nicht verwende: «Die Bezeichnung «rechtspopulistisch» empfindet er dagegen als zu harmlos, lässt sie doch eher an einen Politiker wie den Niederländer Geert Wilders denken, der für eine harte Asylpolitik eintritt und sich islamfeindlich äussert, aber nie behaupten würde, ein Mensch afrosurinamischer Abstammung könne kein Niederländer sein. AfD-Politiker nennen eingebürgerte Migranten oft verächtlich «Passdeutsche».

Mit «er» meint er übrigens sich selbst, so als eine Art Distanzierung von sich selbst. Oder wie auch immer. Dann wird es unfreiwillig komisch, denn Müller nimmt sich seine Leser zur Brust:

«Die Bezeichnung der AfD als «rechtsradikal» führt in den meisten Fällen zu energischem Widerspruch aus der Leserschaft: Man habe das Programm der Partei gelesen, heisst es dann in den Zuschriften, dieses stehe doch nicht im Widerspruch zur deutschen Verfassung, die AfD fordere ja auch nichts anderes als die SVP und so weiter. Die Alternative für Deutschland ist aber anders als die SVP. Und eine Partei ist mehr als ihr Programm: Aus den Reihen der AfD sind rassistische Entgleisungen bekannt, die zu zahlreich sind, um als Einzelfälle abgetan werden zu können

Daher: «Es ist die Meinung des Autors. Er steht zu ihr, kann aber damit leben, dass ihm widersprochen wird.»

Also, Müllers Meinung führt nach eigenem Bekunden sehr häufig zu energischem Protest seiner Leser. Offensichtlich teilen die seine Meinung nicht. Bitte, sagt da Müller, es sei aber – wieder dritte Person – «die Meinung des Autors», der wohl Müller heisst. Und wenn die dem Leser nicht passt, nun ja, damit könne er, also Müller, leben. Vielleicht solange, bis zu viele Leser ihrer gegensätzlichen Meinung damit Ausdruck verleihen, dass sie nicht länger bereit sind, für Müllers Meinung zu bezahlen.

Denn, Überraschung, eine Meinung muss man sich auch leisten können.

Selenskyj-Festspiele sind eröffnet

Ein Auftritt jagt den nächsten. Nur vom Birkenstock spricht eigentlich niemand.

Der ukrainische Präsident ist mal wieder auf Europatournee. Seinen Zwischenstopp in Berlin arbeitet Hansjörg Friedrich Müller für CH Media auf und ab. Der Mann kommt von der NZZ und hätte also eigentlich was zu sagen.

Könnte man meinen. Da er weiss, was er seinem Schweizer Publikum schuldig ist, haut er das einzige Zitat Selenskyjs zum bevorstehenden Bürgenstock-Gipfel gleich in den Titel:

«Wolodimir Selenski über die Bürgenstock-Konferenz: «Wir wollen der Diplomatie eine Chance geben»»

Das ist nett von ihm, nur: was bedeutet das eigentlich? Wer ist «wir»? Ist das ein Pluralis Majestatis oder sind andere mitgemeint? Man weiss es nicht. Und wie wollen denn er und andere der Diplomatie eine Chance geben? Indem sie verhinderten, dass die zweite Kriegspartei an dieser Konferenz teilnimmt? Diplomatie sei scheint’s die Kunst des Verhandelns. Was wird aber genau auf dem Birkenstock verhandelt?

Könnte das ein Leser spontan beantworten? Sofort, hier und jetzt? Ja, bitte? Tiefes Schweigen in der Runde? Na, dann muss es ja was furchtbar Wichtiges sein. Ach, und zweite Frage, wenn man die verzweifelten Wahlkämpfer aus Europa mal weglässt, welche bedeutenden Staatenlenker werden eigentlich anwesend sein?

Zählen Sie sofort 10 auf. Nein, Kamala Harris zählt nicht. Europäische Politiker, national oder in der EU, auch nicht. Unfair? Bitte, ZACKBUM ist auch eine moralische Lehranstalt im schillerscheu Sinn. Aber das würde hier zu weit führen.

Ach, und was hat Selenskyj eigentlich in Berlin gesagt, da durfte er doch eine Rede vor dem Bundestag halten. Ach so, danke schön, und bitte noch viel mehr von allem, das ist ja nun wirklich nichts Weltbewegendes. Dennoch sollen die Parlamentarier «mit stehenden Ovationen» reagiert haben, «Sahra Wagenknecht und ihre Mitstreiter boykottierten die Rede allerdings, und von der AfD waren nur wenige Abgeordnete anwesend. Selenski wolle die Nato in den Krieg hineinziehen, hiess es von den Wagenknechtlern».

Wagenknechtlern? Ist aber locker drauf, der Herr Müller. Und wieso machte der ukrainische Präsident bei seiner Europatournee eigentlich Halt in Berlin? Na, «um mit rund 2000 weiteren Gästen aus etwa 60 Ländern an der dritten Wiederaufbaukonferenz für die Ukraine teilzunehmen».

Echt, schon die dritte? Was brachte denn die erste und die zweite; so oberhalb von «schön, haben wir drüber geredet»? Da wird Müller durchaus zurückhaltend: «Konkrete Resultate dürfte das Berliner Treffen, das am Mittwoch zu Ende gehen wird, nur wenige bringen; eher ging es um eine Vernetzung von Akteuren aus Politik, Wirtschaft und internationalen Organisationen.»

Echt jetzt, Vernetzung? Dafür ein Grosshappening mit 2000 Teilnehmern? Haben auf dem Bürgenstock eigentlich überhaupt so viele Platz? Oder muss gezeltet werden? Die wichtigen Fragen lässt Müller mal wieder unbeantwortet.

Und sonst? Flinten-Uschi, die um ihre zweite Amtszeit als Kommissionspräsidentin kämpft, meldete sich auch zu Wort: «Schon Ende dieses Monats, so von der Leyen in Berlin, sollten zwischen der EU und der Ukraine Beitrittsverhandlungen beginnen. Dass sie selbst diesen Prozess gern als Kommissionspräsidentin begleiten würde, war der Subtext, den sich die Zuhörer dazudenken konnten

Also Wahlkampf mit unlauteren Mitteln, toll.

Aber Berlin ist ja nur der Anfang eines tollen Reigens: «Zwei weitere Konferenzen, die sich mit der Zukunft der Ukraine beschäftigen werden, folgen in den nächsten Tagen: Am Donnerstag und Freitag tagen die G7-Staaten in Apulien; dort wird unter anderem über im Westen eingefrorenes russisches Staatsgeld diskutiert werden.»

Daran nimmt übrigens noch der US-Präsident Joe Biden teil, denn wenn es um die Verteilung von rechtststaatswidrig beschlagnahmten Geldern geht, will er natürlich dabeisein. Den Birkenstock überlässt er dann seiner Vizepräsidentin. Die hat so wenig Gewicht, dass er sie nicht einmal im Wahlkampf gebrauchen kann, also ist etwas Beschäftigungstherapie im Ausland doch nicht schlecht.

Aber wie sagte Selenskyj dann noch so weise, nachdem er der Diplomatie eine Chance geben wollte: «Die Ukraine habe nie allein auf die Stärke der Waffen gesetzt.» Das ist nun erstaunlich, weil er ja in seinem Land jegliche Verhandlungen mit Russland ausdrücklich untersagt hat.

Was zur letzten Quizfrage führt: also wenn er der Diplomatie eine Chance geben will, keinesfalls nur auf Waffen vertraut, sich aber verbeten hat, dass Russland an der Schweizer Konferenz teilnimmt und auch bei sich zu Hause alle Kontakte mit Russland, ausser in Form von Waffen, verbietet, ist es dann nicht so, dass er sich diametral widerspricht?

Schade, dass das Müller nicht aufgefallen ist. Schliesslich muss der CH Media-Leser etwas zahlen, wenn er seinen Text lesen will. Bloss: wofür genau? Was steht drin, was nicht gratis überall im Netz zu haben ist?

Undiplomatische Antwort: nix.