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Der Raiffeisen-Mann mit Vergangenheit

76 Prozent Ja für den nächsten VR-Präsidenten von Raiffeisen Schweiz. «20 Minuten» zählt nach.

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Thomas A. Müller hat eine Vergangenheit. Hoffentlich hat er auch eine Zukunft.

Glanzresultat ist anders. Sandra Lathion bekam fast 95 Prozent aller Stimmen bei ihrer Wahl in den Verwaltungsrat. Dabei ist die Multi-Rätin (Swisscom) gerade von ihrem Mandat bei der Walliser Kantonalbank zurückgetreten, um bei Raiffeisen wohl mehr Geld zu verdienen.

Müller hingegen sass schon im VR von Raiffeisen; eigentlich war es ein Ding der Unmöglichkeit, dass er nicht gewählt würde. Obwohl er sich artig «für das in mich gesetzte Vertrauen» bedankt, ist eine Dreiviertelmehrheit zwar kein Schlag ins Gesicht, aber doch ein kräftiger Klaps auf die Finger.

Hier ist sich «20 Min» sicher: «Mit 70 Prozent gewählt».

Denn innerhalb von Raiffeisen waren sich einige Genossenschafter nicht so sicher, ob Müller der richtige Mann für den Posten ist. Bei der Bank ist man verständlicherweise etwas empfindlich, was mögliche Probleme betrifft. Der Schönwetter-Kapitän Rüegg-Stürm trat mitten im Vincenz-Sturm schlagartig zurück, nachdem er zuvor selbst die absurdesten Spesenrechnungen von Pierin Vincenz durchgewinkt hatte. Als HSG-Professor für gute Firmenführung, eine Lachnummer.

Nachgezählt? Hier sind’s 76 Prozent.

Sein Nachfolger wiederum stolperte über eine Liebesaffäre, erlegt durch die rachsüchtige verlassene Geliebte. Auch CEO Gisel, der für das beste Jahresresultat aller Zeiten gesorgt hatte, wurde kurz vor der damaligen Bestätigungswahl abgeschossen.

Abschussversuch über die «SonntagsZeitung»

Das versuchte man nun auch wieder bei Müller. Gewehr bei Fuss steht für solche Aktionen immer der Oberchefredaktor von Tamedia. Arthur Rutishauser zitierte fleissig in der «SoZ» aus ihm zugespielten Dokumenten, die ein schlechtes Licht auf Müller in seiner Zeit bei der Bank J. Safra Sarasin werfen. Noch als Sarasin hatte die Basler Privatbank zuvorderst bei Cum/Ex mitgespielt. Eine Trickserei, mit der alleine der deutsche Fiskus um Milliarden geprellt wurde.

Müller hatte damals eine führende Position in der Bank, wusste aber natürlich von nichts. Lukas Hässig vom Finanzblog «Inside Paradeplatz» versuchte, Müller noch in die Pleite des deutschen Windreich-Imperiums zu verwickeln. Aber der Besitzer des Konkurs gegangenen Offshore-Stromproduzenten liess im Interview nichts auf Müller kommen.

Dann gab es noch seine Zeit bei der Swiss Life, als sogenannte Versicherungswrapper dazu dienten, Schwarzgelder einzupacken und somit verschwinden zu lassen. Auch davon wusste Müller natürlich nichts, und die Versicherung kam mit vergleichsweise harmlosen 70 Millionen Dollar Busse in den USA davon.

Hat der Mann mit Vergangenheit auch eine Zukunft?

Also ist Müller ein Mann mit Vergangenheit. Aber welcher 56-jährige Banker hat die nicht, wenn er schon einige Jährchen auf dem Finanzplatz Schweiz mitspielt. Nun sollte der VRP der drittgrössten und systemrelevanten Bank kein Frühstücksdirektor sein, sondern die Grundzüge von Strategie, Ausrichtung und zukünftiger Entwicklung bestimmen.

Von Rüegg-Stürm war diesbezüglich nie etwas zu hören, er überliess das Feld vollständig dem Starbanker Vincenz, der schliesslich einen wesentlichen Anteil am unaufhaltsamen Aufstieg von Raiffeisen hatte. Lachappelle versuchte es in seiner kurzen Zeit mit der Wiederbelebung des alten One-Bank-Modells, mit dem schon Lukas Mühlemann bei der CS krachend auf die Schnauze gefallen war.

Vergangenheit (links, rechts), Zukunft (Mitte)? Screenshot CH Media.

Von Müller hört man bislang nur ziemlich ausgelatschte Allgemeinplätze. Die geschätzte Leserschaft gönne sich einen Expresso und kämpfe sich tapfer hier durch:

«Raiffeisen verfügt mit ihrem genossenschaftlichen Geschäftsmodell und ihrer einzigartigen Kundennähe über eine ausgezeichnete Basis, ist operativ gut unterwegs und hat mit der Gruppenstrategie die Weichen für die Zukunft gestellt. Es gilt, den erfolgreich eingeschlagenen Weg weiterzugehen und Raiffeisen im Sinne unserer Kundinnen und Kunden sowie Genossenschafterinnen und Genossenschafter weiter voranzubringen.»

Wer noch wach ist: um eine Zukunft zu haben, muss Müller da doch gewaltig nachlegen. Modernisierung der Bank, Digitalisierung, Zukunft des Hypothekarmarktes, auf dem Raiffeisen Nummer eins ist, Ausgestaltung des Verhältnisses zwischen St. Galler Zentrale und den selbstbewussten rund 200 Genossenschaftsbanken, Einhaltung aller Compliance-Vorschriften einer systemrelevanten Bank, da liegen einige Brocken vor ihm.

Ob er den Weg freimachen kann oder eine weitere Übergangslösung sein wird, das wird sich in den nächsten Monaten entscheiden, wenn er seine wolkigen Worte zum Antritt mit Inhalt füllen muss.

Zumindest eine Gefahr besteht wohl kaum. Einen Firmen-Privatjet wird Müller nicht benützen.

Affäre Lachappelle: das Ende

Verfahren eingestellt, alle Vorwürfe haltlos. Das ist das Ende eines Medienskandals.

Den VR-Präsidenten von Raiffeisen kostete er den Job, Guy Lachappelle wurde persönlich schwer beschädigt. Die Journalistenmeute zieht weiter.

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Weder Tamedia noch CH Media noch Ringier konnten widerstehen. Eine aussereheliche Beziehung, die ausser Kontrolle geraten war. Eine rachsüchtige Ex-Geliebte, die den Banker mit Strafverfahren überzog und die Medien kräftig anfütterte.

Es erschienen Dutzende von Artikeln über diesen Fall. Herausragend wie meist Arthur Rutishauser, der Oberchefredaktor von Tamedia, und Pascal Hollenstein, die publizistische Leiter nach unten von CH Media.

Jetzt vermeldet das «Tagblatt»:

««Sämtliche Anschuldigungen haben sich als haltlos erwiesen», teilte Lachappelles Anwalt am Dienstag mit. Der Staat übernehme die Kosten des Verfahrens

Auf dem Höhepunkt der Affäre, als Lachappelle seinen Rücktritt bekannt gab, feuerte Rutishauser eine ganze Tamedia-Seite ab. Dabei wird ein höchst privater E-Mail-Verkehr im Faksimile der Öffentlichkeit präsentiert. Damit wurde Tamedia angefüttert, diese Mail schickte das Medienhaus an Lachappelle mit der inquistorischen Forderung um Stellungnahme.

Rutishauser gnadenlos: «bleiben Fragen offen».

Lachappelle sah keinen anderen Ausweg mehr als Rücktritt. Dennoch trat Rutishauser in einem Kommentar nach, mit der üblichen Nummer: «Trotz Rücktritt bleiben Fragen offen». Die Frage, ob es wirklich Berichterstatterpflicht sei, mit einem privaten Mailaustausch, der einem zugesteckt wurde – von wem wohl? – hausieren zu gehen, beantwortete er nicht. Wäre auch unstatthaft für einen Konzern, der regelmässig gestohlene Geschäftsunterlagen ausschlachtet und die Hehlerware als Leaks oder Papers verkauft.

Man kann Journalismus noch mehr tieferlegen

Ein paar Stufen nach unten ging es mit der Berichterstattung von Hollenstein. Zusammen mit Florence Vuichard meldete er sich im Qualitätsmedium «watson» nach dem Rücktritt zu Wort: «Doch hat Lachappelle am Donnerstag wirklich die ganze Wahrheit gesagt? Zum Buch und zu seiner Ex-Partnerin? Dieser Zeitung liegt sowohl die Klage Lachappelles vor als auch die Klageantwort seiner Ex-Partnerin. Das letzte Dokumente datiert vom April 2021. Beides sind Parteischriften. Doch der Grad der Widersprüchlichkeit ist bemerkenswert.»

Wer hat denn wohl dran gedreht?

Dann zitiert Hollenstein, der ehrenamtliche Lautsprecher von Jolanda Spiess-Hegglin, den «renommierten Medienanwalt Rudolf Mayr von Baldegg», tätig für die Ex-Geliebte, also parteiisch bis zum Abwinken: «Es sei Lachappelle selber gewesen, «der quasi die Figur des Joe für sich annektiert hatte und sich völlig unmotiviert gegenüber mehreren Personen in seinem Umfeld dahingehend geäussert» habe, heisst es in der Klageantwort der Ex-Partnerin. Es sei davon auszugehen, dass es Lachappelle darum gegangen sei, seine Ex-Partnerin «insbesondere an ihrem Arbeitsplatz in Misskredit zu bringen und beruflich und privat zu verunglimpfen und finanziell zu schädigen».»

Audiatur et altera pars? Wer kann denn noch Latein …

Unterste Schublade des Journalismus; «she said, he said», nennt man das, wenn sich ein getrenntes Paar schriftlich fetzt: «Trennung von der Ehefrau, Zusammenzug, öffentliche Auftritte als Paar. Was stimmt? Die Fragen sind persönlich und gehen die Öffentlichkeit im Grunde nichts an. Doch Lachappelle selber war es, der am Donnerstag Intimes an die Öffentlichkeit trug. Zudem sind die Fragen zentral, um den Rechtsstreit um das verbotene Buch der Ex-Partnerin zu beurteilen.»

Das Feigenblatt, um ungehemmt in der Öffentlichkeit schmutzige Wäsche waschen zu können. Um zu den inquisitorischen Fragen zu gelangen: «Was ist wahr an dieser Beziehungsgeschichte, die Guy Lachappelle vor den nationalen Medien am Donnerstag ausgebreitet hat? Was ist unwahr? Und was lässt sich überhaupt beweisen?»

In solchen Fällen wäre es vielleicht zweckdienlich gewesen, ein Grundprinzip des anständigen Journalismus zu beherzigen: der anderen Seite Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben. Aber doch nicht Hollenstein, das hat eine journalistische Leiter nach unten nicht nötig.

Hätte er das getan, wäre ihm vielleicht auch die Antwort von Lachappelles Anwalt zuteil geworden, wieso an der Rücktrittspressekonferenz auf diese Anschuldigungen der Ex-Geliebten nicht eingegangen wurde:

««Uns liegt die Strafanzeige nicht vor», begründet dies Lachappelles Anwalt, Jascha Schneider-Marfels. Darum habe sein Mandant am Donnerstag nichts dazu sagen können.»»

Tamedia, auch nicht zimperlich im Umgang mit Lachappelle, hatte immerhin den Anstand, nachzufragen.

Aber damit wollte sich Hollenstein sein Schmierenstück natürlich nicht kaputtmachen lassen. Nun haben sich also alle Vorwürfe in Luft aufgelöst, es bleiben keine Fragen mehr offen. Medienbilanz: ein Desaster.

Sogenannten Qualitätsmedien, die gerne eine zusätzliche Steuermilliarde für ihre wertvolle Tätigkeit hätten, unwürdig.

Ein Feigenblatt macht sich toll. An einem Feigenbaum.

Einer geht noch: dafür gibt es den «Blick»

Den Vogel schoss allerdings der «Blick» ab. Zuerst versemmelte er einen Hintergrundartikel, munitioniert von der rachsüchtigen Ex-Geliebten. Dann beschwerte sich der «SonntagsBlick» über das juristische Vorgehen von Lachappelle. Um am Montag im «Blick» eine Entschuldigung des Verlags für diesen Artikel in die Fresse gehauen zu kriegen; der Jammer-Beitrag wurde umgehend gelöscht.

Zuerst gejammert, dann gelöscht.

Und entschuldigt: «Es war nie die Absicht von Ringier, die Persönlichkeitsrechte von Herrn Guy Lachappelle zu verletzen. Sollte in der Öffentlichkeit ein anderer Eindruck entstanden sein, bedauert dies Ringier in aller Form, weshalb auch die bisherige Berichterstattung zu diesem Thema im Medienarchiv nicht mehr abrufbar ist

Die Ex-Geliebte hat weitgehend ihr Ziel erreicht. Rache via Medien. Lachappelle muss sich fragen, ob sein Rücktritt nicht zu voreilig erfolgte. Aber nach der Affäre Vincenz sah er wohl keine andere Möglichkeit.

Raiffeisen gibt weiter Gutzi

Passend zur Einstellung des Verfahrens hat Raiffeisen nach länglichem Zögern bekannt gegeben, wer denn nun der Nachfolger von Lachappelle werden, den interimistischen VR-Präsidenten ablösen soll. Das VR-Mitglied Thomas A. Müller. Der war früher Finanzchef bei der Basler Privatbank J. Safra Sarasin, dorthin von der Swiss Life geeilt. Angesichts der jüngeren Geschichte dieser Bank kann man sich auf möglichen Spass gefasst machen …

Werfen wir mal die Stichworte US-Steuerstreit, Versicherungswrapper und Cum/Ex in die Runde. Man darf gespannt sein, was Grabungen in der Vergangenheit von Müller ans Tageslicht fördern werden.

Lukas Hässig nimmt auf seinem Finanzblog «Inside Paradeplatz» schon mal Anlauf:

«Are they nuts», sind die bescheuert, so beginnt er vielversprechend seinen Artikel.

Vorliegende Dokumente

Früher einmal Qualitätsmerkmal, heute immer häufiger Symbol für Schmierenjournalismus.

Die Fichen-Affäre oder die Beschattungsorgie bei der Credit Suisse in der Schweiz. «Neue Heimat» oder die Parteispendenaffäre in Deutschland. Das waren hart recherchierte Skandalstorys. Das Zusammensetzen eines Puzzles aus Informationen, so oder so beschafften Dokumenten, Spuren und detektivischem Gespür.

Die Hitler-Tagebücher hingegen waren im deutschen Sprachraum das erste grosse Beispiel, wohin es führen kann, wenn man zugehaltenem und sogar gekauftem Material zu blindlings vertraut.

Im Armutsjournalismus von heute ist’s ähnlich. Zum einen gibt’s grosse Kracher, wie sie noch nie zuvor gezündet wurden. Hunderte von Journalisten in Dutzenden von Ländern weiden Datengebirge aus, die ihnen von unbekannter Quelle zugesteckt wurden. Ohne Kenntnis der Motive, der Hintergründe, einer möglichen Vorselektion der Daten.

Denn immer geht es um Steuerhinterziehung. Blutgeld. Kriminelle Gewinne, Diktatorengelder, schmutziges Geld, zumindest Vermögen, die von geldgierigen und verantwortungslosen reichen Säcken auf meistens kleinen Inseln parkiert werden. In Tarnkonstruktionen, die ihnen von willfährigen Helfern gebastelt werden.

Gute Aufmachung, schwacher Inhalt.

So die Mär, die grossartige Ankündigung. Die Wirklichkeit sieht dann immer viel prosaischer aus. Eher kläglich sogar. Von den Hunderttausenden von Konstrukten fallen gerade mal ein paar Dutzend auf, in den wenigsten Fällen werden Straffverfahren eingeleitet, in noch wenigeren kommt es zu einer Verurteilung.

Der Flurschaden ist aber immens; unbescholtene Personen kommen kurzzeitig ins Visier der selbsternannten Ankläger, Rächer und Richter, werden namentlich ans Kreuz genagelt. Und dann klammheimlich wieder abgenommen, war leider nix, alles Verdachts- und Vermutungsjournalismus.

Die grössten Verbrecherstaaten bleiben unbehelligt

Aber immer basierend auf Dokumenten, Daten, Kontoauszügen, Verträgen. Auf Hehlerware, aber was soll’s, wenn’s der vermeintlich guten Sache dient. Der Transparenz. Dem Kampf gegen Steuerhinterziehung. Geldwäsche. Ironischerweise wird dabei immer übersehen, dass die grössten Geldwaschmaschinen der Welt, die grössten Oasen für Steuerhinterzieher in Ländern liegen, die nie in all diesen Leaks und Papers vorkommen. Nämlich zuerst in den USA, dann in Grossbritannien, gefolgt von Deutschland, dem Geldwäscherparadies. Oder von Luxemburg und Irland, den idealen Staaten für legale Steuervermeidung.

Aber das sind die grossen Dinger. Richtig unappetitlich wird’s im Kleinen. Geschäftliche Auseinandersetzungen, private Fehden, ja sogar Beziehungsknatsch – immer findet sich ein Organ, das willig ist, angefütterte Informationen auszuschlachten. Der Primeur, die Exklusiv-Story, da gerät man gerne in Schnappatmung und wirft alle journalistischen Grundsätze über Bord.

Moderner Anfütter-Journalismus.

Der Erste sein, da bricht die publizistische Leiter nach unten von CH Media schon mal gerichtliche Sperrfristen, um zuerst – und falsch – einen Triumph seiner Schutzbefohlenen Jolanda Spiess-Hegglin zu vermelden. Da stützt sich ein Oberchefredaktor auf schlüpfrige Fotos, die ein triebgesteuerter Stadtammann in seinen Amtsräumen von seinem Gemächt machte – und sich nicht entblödete, sie auch zu verschicken.

Da berichtet ein anderer Chefredaktor detailliert über Spesenabrechnungen eines gefallenen Banken-Stars im Rotlichtmilieu – oder über die Kosten, die die Renovation einer Hotelsuite verursachte, wo es wegen unfähiger Terminplanung zu Handgreiflichkeiten zwischen zwei käuflichen Damen kam.

Es geht noch toxischer

Immer, wenn man denkt, tiefer geht’s nicht, treten die Medien den Beweis an: doch. Jüngstes Beispiel ist eine fatale Affäre, die ein Banker in Führungspositionen hatte. Seine verschmähte Geliebte sinnt auf Rache, will sich öffentlich – nur unzureichend verkleidet in einer fiktiven Story – an ihm rächen, diesem «toxic leader», einem Psychopathen, Narzissten, Manipulator, mit «vielen Leichen im Keller».

Er lässt das verbieten, darauf macht sie das, was heutzutage eigentlich immer funktioniert: sie wendet sich an eine Zeitung. In diesem Fall an den SoBli, der sofort eine scharfe Story wittert. Eine Aussprache mit dem betroffenen Banker bringt nichts, er benützt wieder das Mittel einer superprovisorischen Verfügung.

Von einem anonymen Mail-Accout, dessen Besitzer nicht zu eruieren ist, kommt die Story doch in Umlauf. Das Manuskript mitsamt Belegen und Beilagen dürfte zu diesem Zeitpunkt nur dem Autor und der Chefetage des «SonntagsBlick»  bekannt gewesen sein. Und wohl der Betroffenen selbst, wie das im heutigen Elendsjournalismus nicht selten der Fall ist.

Auch dieser Versuch, via Medien den Bankboss zu Fall zu bringen, scheitert. Aber wenn die Medien willig sind … Diesmal kommt Tamedia zum Handkuss. Dem Oberchefredaktor wird eine Strafanzeige zugehalten, aufgrund derer sich der Bankboss vor dreieinhalb Jahren einer Indiskretion schuldig gemacht habe. Er soll – auf Aufforderung und Bitte – ein internes Papier an seine Geliebte ausgehändigt haben. Möglicherweise mit börsenrelevanten Informationen, wie er in seinem Liebesrausch damals selber eingestand.

Es liegt vor – Geschwurbel für «zugesteckt bekommen»

Höchstwahrscheinlich aber nicht, denn vielleicht wollte er sich nur etwas aufplustern. Damit genug? Damit nicht genug. «Dieser Zeitung liegt sowohl die Klage Lachappelles vor als auch die Klageantwort seiner Ex-Partnerin.» Schreibt CH Media. Schon das entspricht nicht der Wahrheit. Das liegt nicht vor, das wurde ihnen zugesteckt. Einmal darf der intelligente Leser raten, von wem.

Den Justizbehörden? Wohl kaum. Von Lachappelle? Wohl kaum. Behändigte Pascal Hollenstein das Papier höchstselbst, indem er ins Archiv der zuständigen Staatsanwaltschaft einbrach? Wohl kaum. Steht in diesen Papieren irgend etwas, was

  1. erhellende neue Erkenntnisse bringt?
  2. für die Öffentlichkeit von Interesse ist?

Ob sich Lachappelle mit seiner Kurzzeitflamme in der Öffentlichkeit sehen liess oder nicht? Ob er sich von seiner Frau trennte, und wenn ja, wie lange, oder nicht? Dann setzt Hollenstein – unterstützt von einem Redaktor – zur Rechtsbelehrung an: «Denn nur, wenn andere «Joe» mit Guy Lachappelle identifizieren konnten, könnten die Schilderungen auch ehrverletzend sein.» «Joe» nennt die verschmähte Geliebte die Figur, in der sich Lachappelle wiedererkannte und deren Darstellung er als ehrverletzend ansieht. Was bislang vom Gericht auch so gesehen wird.

Nach der Rechthaberei durch den Laien kommt’s noch knüppeldick:

«Was ist wahr an dieser Beziehungsgeschichte, die Guy Lachappelle vor den nationalen Medien am Donnerstag ausgebreitet hat? Was ist unwahr? Und was lässt sich überhaupt beweisen?»

Falsche Frage. Was interessiert’s? Was geht das Hollenstein an? Oder die Öffentlichkeit?

Zuerst Intimes ausbreiten, dann darüber den Kopf schütteln

«Fest steht: Die Basler Justiz wird sich aufgrund einer Strafanzeige mit sehr Persönlichem befassen müssen, das nicht an die Öffentlichkeit gehört.»

Vor einer solchen Aussage würde Tartuffe, würden alle schmierigen Gestalten von Heuchlern in der Kunst vor Neid erblassen. Zuerst wird’s von CH Media an die Öffentlichkeit gezerrt, dann wird das beklagt.

Blick in einen modernen Newsroom.

Wenn die publizistische Leiter nach unten ihrem Übernamen schon alle Ehre macht, kommt natürlich noch hinzu: Erwähnung, dass für alle Beteiligte die Unschuldsvermutung gilt, bislang nicht mal ein Strafverfahren gegen Lachappelle eingeleitet ist? Ach was, gehörte zwar zur Minimalanforderung eines den primitivsten Regeln des Journalismus entsprechenden Artikels. Aber doch nicht bei Hollenstein.

Bekam der so durch den Dreck Gezogene wenigstens die Möglichkeit zur Stellungnahme? Ach was, könnte doch nur stören. Wenn ein blutiger Anfänger einen Artikel mit diesen beiden Defekten einreichen würde, er würde vom Hof gejagt. Aber der Hofherr kann sich solche Schlampereien erlauben.

Blick ins Archiv einer modernen Redaktion.

Über all diese «Widersprüche» habe Lachappelle in seiner PK nichts gesagt, schmiert Hollenstein unheilschwanger aufs Papier. Hätte er, was selbst dem nicht zimperlichen Tagi einfiel, nachgefragt, hätte er die gleiche Antwort bekommen: zu dieser Strafanzeige konnte Lachappelle nichts sagen, weil sie ihm nicht vorliegt.

Anstatt juristische Ratschläge zu erteilen, könnte sich Hollenstein mal mit dem Ablauf nach dem Einreichen einer Strafanzeige vertraut machen. Aber wozu auch. «Vorliegende Dokumente» erlauben es, alle journalistischen Ansprüche fahren zu lassen. Einseitig, unqualifiziert und nur aufgrund unbewiesener Behauptungen einen Artikel zu basteln, den als einäugig zu bezeichnen noch ein Euphemismus wäre.

Der Fisch stinkt vom Kopf, heisst es richtig. Lachappelle hat die Konsequenzen gezogen. Ist Hollenstein auch dafür zu feige?

Lachappelle und die Medienwüste

Er geht in die Wüste, die wüsten Medien bleiben. Eine Bilanz der Armseligkeit.

Am Freitag ergibt die Suche nach dem Stichwort Lachappelle 106 Treffer in der SMD. Ohne Duplikate schrumpft das auf 36 zusammen, und dahinter steht: es berichten Tamedia, CH Media, Ringier, NZZ und SRF. Plus ein paar kleine, versprengte Organe.

«Inside Paradeplatz», dann der Einheitsbrei …

Viele, darunter der «Blick», übernehmen einfach die SDA-Meldung; sicher ist sicher. Denn im Vorfeld des Rücktritts des VR-Präsidenten von Raiffeisen setzte er via Anwalt den Schutz seiner Privatsphäre unter Einsatz von superprovisorischen Verfügungen ernsthaft durch.

Die SDA-Meldung, zwei Fotos dazu, fertig ist der kostenpflichtige Inhalt.

Lediglich «Inside Paradeplatz» liess tapfer Berichte über die fatale Liebesaffaire von Lachappelle im Netz. Aber Ringier, die Ex-Geliebte und auch ZACKBUM durften sich zum Fall nicht mehr äussern. Bzw. dürfen rechtlich gesehen auch heute nicht das berichten, was Lachappelle inzwischen selbst eingeräumt hat.

Ein richtiges und vollständiges Desaster

Aber wichtiger ist das gesamte Schlamassel, das sich hier abgespielt hat. Es ist ein Controlling-Desaster bei Raiffeisen. Der Verwaltungsrat dürfte seit August letzten Jahres, als Lachappelle die Veröffentlichung einer Broschüre seiner Ex-Geliebten verbieten liess, über die Affäre informiert sein. Ebenso die staatliche Aufsichtsbehörde Finma. Erkennbare Reaktion? Null.

Spätestens seit dem Beschwerde-Artikel im «SonntagsBlick» von vorletztem Wochenende dürften überall die Alarmsirenen erschallt sein. Äusserlich erkennbare Reaktion? Null. Bei Raiffeisen übernimmt Pascal Gantenbein interimistisch die Führung. Darin hat er Erfahrung, auch nach dem abrupten Abgang des HSG-Professors Rüegg-Stürm (der hatte seinen Abgang mitten in einer Raiffeisen-Krisen-PK verkündet, wobei er den damaligen CEO Gisel mit offenem Mund zurückliess) war er schon mal zwischenzeitlich am Gerät.

Das ist Desaster Nummer eins; die drittgrösste Bank der Schweiz führt sich auf, als sei sie ein Tollhaus-KMU mit lauter Dilettanten am Gerät. Dabei haben diese Versager die Verantwortung für 11’000 Mitarbeiter und für die grösste Hypothekenbank der Schweiz.

Statt still und leise seinen Rücktritt verkünden zu lassen, mutete Lachappelle sich und allen anderen eine tränenerstickte Pressekonferenz zu, auf der er ausführlich sein Leid klagte und seine Sicht der Dinge darstellte – nachdem er das zuvor in jeder Form durch seinen Anwalt verhindern liess. Bei aller menschlichen Tragik: was für ein unheimlich schwacher Abgang. Das ist Desaster Nummer zwei.

Am schlimmsten geht’s aber bei den Medien zu und her

Das grösste Desaster ereignet sich aber medial. Die überlebenden Konzerne, die sich gerade wegen ihrer staatstragende Funktion eine Extra-Milliarde Staats-Subventionen erbettelten, werden immer häufiger zu willfährigen Helfershelfern für Rachefeldzüge. CH Media mit seiner Berichterstattung über einen Badener Stadtammann, dem es gefiel, Fotos seines Gemächts aus den Amtsräumen an seine Geliebte zu schicken. Die damit, nachdem er sie abserviert hatte, an die Öffentlichkeit ging.

Die gebrannten Kindersoldaten von Ringier (Borer-Affäre) wollten sich auch bei Lachappelle weit aus dem Fenster lehnen – und stellten sich dabei so tölpelhaft an, dass sie eine Superprovisorische einfingen. Auch beim Meckern darüber waren sie nicht viel geschickter; der Ringier-Verlag himself musste den «SonntagsBlick» in den Senkel und den Regen stellen. Bereits am Montag entschuldigte sich Ringier für einen am Sonntag erschienen Report über die angeblich fiesen Methoden des Raiffeisen-Bosses; gelöscht, sorry, tun wir nie wieder, ist das Abflussrohr hinuntergespült. Unheimlich motivierend für den SoBli.

Die NZZ hatte seriös die Hintergründe zum Überwachungsskandal bei der Credit Suisse recherchiert, natürlich auch aufgrund von zugesteckten Informationen aus dem Umfeld der Gegner des damaligen CS-CEO.

Schliesslich Tamedia, die Mutter aller angefütterten Organe. Ein Wiederholungstäter in jeder Form. Im Reigen der sogenannten Leaks und Papers – von unbekannter Hand gestohlene Datenbänke von vorher unbescholtenen Firmen auf der ganzen Welt – war Tamedia immer vorne dabei und beteiligte sich am Tanz um angebliche Abgründe, Hintergründe, Riesenschweinereien in der internationalen Finanzwelt. Insbesondere, was das skrupellose, verantwortungslose Verstecken von Vermögenswerten reicher Säcke betrifft. Nur: die gross angeprangerten Fälle mit Schweizer Bezug verröchelten jämmerlich. Der Ruf der Betroffenen war zwar – auch posthum – völlig ruiniert, aber was soll’s man hatte ja nur berichtet.

Eine jahrelange Verfolgung des gleichen Zielobjekts

Geradezu obsessiv muss man aber die Verfolgung einzelner Exponenten von Raiffeisen duirch den Oberchefredaktor Arthur Rutishauser nennen. Nachdem der Finanzblog «Inside Paradeplatz» zuerst – und längere Zeit alleine – über merkwürdige Geldtransfers von Pierin Vincenz berichtet hatte, übernahm dann Tamedia. In der sich über Jahre hinquälenden Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft veröffentlichte Rutishauser ein delikates und strikt vertrauliches Dokument nach dem anderen. Und hielt die Öffentlichkeit über die angeblich demnächst bevorstehende Anklageerhebung auf dem Laufenden.

Um als krönenden Höhepunkt aus der ihm offenbar vollständig vorliegenden, 368 Seiten umfassenden Anklageschrift die saftigsten Stellen über das angebliche Spesengebaren von Vincenz zu zitieren. Zuvor hatte er schon durch die Publikation einer Indiskretion aus dem Privatleben des damaligen CEO dafür gesorgt, dass der, als langjähriger Weggefährte von Vincenz offenbar störend, holterdipolter zurücktreten musste.

Bahn frei für Guy Lachappelle. Dass der zumindest am Rande noch mit der Altlast ASE-Skandal der Basler Kantonalbank verbunden war, was soll’s; niemand ist ganz ohne Fehl und Tadel. Aber, alte Weisheit auch in Hollywood-Schinken, wo Schatten ist, muss auch Licht sein, sonst wird’s zu trübe oder einfach eine Serie noir. Also wurde Lachappelle gelobt, der Aufräumer, energisch, plant die Zukunft, bringt wieder Zug in den Sauhaufen zu St. Gallen.

Nur leise wurde kritisch angemerkt, dass 900’000 Franken für einen Nebenjob schon ziemlich viel Geld ist. Sein Vorgänger, der gerade ins Zielfernrohr von Rutishauser gerückt war, musste sich noch mit etwas mehr als der Hälfte zufrieden geben. Der Oberchefredaktor, wie immer aus internen Unterlagen fröhlich zitierend, warf ihm schwere Versäumnisse vor. Die er mit dem Witzsatz abschloss, dass Rüegg-Stürm nicht Teil der Anklage in Sachen Vincenz sei und daher die Unschuldsvermutung für ihn gelte – wie übrigens für Vincenz auch. Ein echter Schenkelklopfer.

Steigerungen sind immer möglich

Aber die aktuelle Entwicklung schlägt alles Vorherige. Offensichtlich fütterte die rachsüchtige Ex-Geliebte diverse Medien mit dem Inhalt ihrer Strafanzeige gegen Lachappelle. Gegenstand ist ein Mail von ihm, in dem er ihr von seinem privaten Account offenbar auf ihren Wunsch ein völlig belangloses internes Papier zuhielt, das aber, wie er selbst einräumte «potenziell börsenrelevante Infos» enthielt. Was Lachappelle nicht abhielt, im Liebesrausch fortzufahren:

«Aber meine (geschwärzt) bekommt es natürlich. Du bist wunderbar.» Unterzeichnet mit «in grosser Sehnsucht».

Gehört es wirklich zur Berichterstatterpflicht, ein im November 2017 abgeschicktes Mail der öffentlichen Betrachtung – und den Absender der Lächerlichkeit – preiszugeben? Offenbar haben andere Medien, die diese Racheaktion ebenfalls zugestellt bekamen, darauf verzichtet. Damit bleiben mal wieder nur Verlierer auf dem Platz.

Volle Breitseite in Tamedia.

Der nächste gefallene Raiffeisen-Star. Alle Kontroll- und Aufsichtsbehörden, die in diesen Fall verwickelt sind und mal wieder so tun, als ginge sie das nichts an. Die Mitarbeiter von Raiffeisen, die hofften, endlich die Affäre Vincenz hinter sich lassen zu können und mit solchen Themen von ihrer Führungsmannschaft nicht mehr behelligt zu werden. Schliesslich die Justiz, konkreter das Zivilgericht Basel Stadt, das offenbar Superprovisorische am Laufmeter ausstellt.

CH Media, hier das St. Galler «Tagblatt», käut wieder.

Und nicht zuletzt das Publikum, die Leser von sogenannten Qualitätsmedien, die ohne lange Motivforschung skandalisieren, was ihnen zugesteckt wird. Sowohl SoBli wie nun auch Tamedia liessen sich offensichtlich von einer Beteiligten an einer fatalen Affäre instrumentalisieren. So wie es schon Claudia Blumer in ihrem fatal falschen Bericht über einen hässlichen Sorgerechtsstreit widerfuhr.

Dass der von Rutishauser durch alle Böden verteidigt wurde, Tamedia sich bis heute weigert, wenigstens eine sachliche Richtigstellung zu publizieren, macht das Vorgehen im Fall Lachappelle notorisch. Und lässt den Konsumenten mit der immer drängenderen Frage zurück, wieso er dafür eigentlich noch etwas bezahlen soll.

Die NZZ erinnert sich an einen Filmtitel.

Nachdem CH Media bislang zur ganzen Affäre geschwiegen hat, gelüstete es offenbar die journalistische Leiter nach unten, sich auch einzumischen. Unter anderem im Qualitätsmedium «watson» meldet sich Pascal Hollenstein, zusammen mit Florence Vuichard zum ersten Mal zu Wort.

Wer dreht woran weiter?

Wir begeben uns in die unterste Schublade des Journalismus 

Zunächst erwähnt das Duo, von wem es angefüttert wurde:

«Dieser Zeitung liegt sowohl die Klage Lachappelles vor als auch die Klageantwort seiner Ex-Partnerin.»

Man hat sich also im Sinne der political correctness – nicht umsonst ist Hollenstein ehrenamtlich Lautsprecher für Jolanda Spiess-Hegglin – für die Seite der verschmähten Geliebten entschieden. Nun wird es einen Moment lang eher schmierig:

«Trennung von der Ehefrau, Zusammenzug, öffentliche Auftritte als Paar. Was stimmt? Die Fragen sind persönlich und gehen die Öffentlichkeit im Grunde nichts an. Doch Lachappelle selber war es, der am Donnerstag Intimes an die Öffentlichkeit trug.» Das ist unterste Schublade nach der Devise: Ich sage ja gar nicht, dass mein Nachbar seine Frau schlägt, aber er selbst redet doch drüber.

Aber nur die Einleitung zum neuerlichen Blattschuss, denn nun wird fröhlich weiter Internes und Intimes lustvoll preisgegeben, so heisse es in der Rechtsschrift der Ex-Geliebten:

«Lachappelle selber sei es gewesen, der sich als «Joe » geoutet habe. Zum Beispiel indem er dem Verwaltungsrat des Arbeitgebers seiner Ex-Partnerin ein «diffamierendes Schreiben schickte und vorgab, er selbst sei ‹Joe›». Damit sei der Name Lachappelle erst ins Spiel gekommen.

Es sei Lachappelle selber gewesen, «der quasi die Figur des Joe für sich annektiert hatte und sich völlig unmotiviert gegenüber mehreren Personen in seinem Umfeld dahingehend geäussert» habe, heisst es in der Klageantwort der Ex-Partnerin. Es sei davon auszugehen, dass es Lachappelle darum gegangen sei, seine Ex-Partnerin «insbesondere an ihrem Arbeitsplatz in Misskredit zu bringen und beruflich und privat zu verunglimpfen und finanziell zu schädigen»».

So stelle das der «renommierte Luzerner Medienanwalt Rudolf Mayr von Baldegg in der Klageantwort der Ex-Partnerin ganz anders dar», als Lachappelle an seiner Pressekonferenz behauptet habe.

Wir haben also einen «renommierten Medienanwalt», jede Menge schmutzige Unterwäsche, die von der Ex-Geliebten gewaschen wird, wir haben keine Erklärung, wieso ihr erst nach Jahren in den Sinn kam, ein Mail vom November 2017 zur Grundlage einer Strafanzeige zu machen. Wir haben aber vor allem eines nicht, was Hollenstein ein weiteres Mal als publizistischen Leiter völlig disqualifiziert. Wir haben nicht mal die Erwähnung eines Versuchs, Lachappelle Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben.

Audiatur et altera pars? Hollenstein kann kein Latein

Bekam er die? Reagierte er nicht darauf: Störte sein Reaktion? Das ist nun – unabhängig von «she said, he said» – die allerunterste Schublade im Journalismus. Partei ergreifen, Angefüttertes wiedergeben, aber dem Angegriffenen nicht das Wort erteilen. Selbst Claudia Blumer von Tamedia, ähnlich unterwegs, unternahm zumindest einen untauglichen Versuch, der anderen Seite in ihrem parteiischen und vor Fehlern strotzenden Bericht über einen hässliche Sorgerechtstreit die Gelegenheit zum Beantworten von Fragen zu geben.

Es erhebt sich zum wiederholten Mal die Frage: Wie lange wird der Wanner-Clan, Besitzer von CH Media, dieser Rufschädigung durch einen hochrangigen Mitarbeiter noch zuschauen? Ist wirklich gewollt, dass die wenigen verbleibenden Journalisten diesem Beispiel folgen sollten?

Selbst Tamedia, auch nicht gerade zimperlich im Umgang mit Raiffeisen im Allgemeinen und Lachappelle im Speziellen, erwähnt in ihrem Nachzug-Artikel eine Erklärung, wieso Lachappelle in seiner Pressekonferenz nicht auf diese Vorwürfe einging:

«Uns liegt die Strafanzeige nicht vor», begründet dies Lachappelles Anwalt, Jascha Schneider-Marfels. Darum habe sein Mandant am Donnerstag nichts dazu sagen können.»

Das hätte einiges an heisser Luft aus Hollensteins Schmierenstück rausgelassen, also besser nicht mal nachfragen.