Ausgespielt
Die Verteidigungslinie von SRF gegen Patrick Fischer ist zusammengebrochen.
Im Hochmittelalter befassten sich Scholastiker mit Fragen wie: Haben Engel einen Körper? Können mehrere Engel gleichzeitig am selben Ort sein? Das wurde in der spöttischen Frage karikiert: Wie viele Engel haben auf einer Nadelspitze Platz?
Weltfremde und haarspalterische Debatten, um Absurdes zu erklären und aus Glauben Gewissheit zu machen. Auch aktuell gibt es immer wieder Scholastiker, die Offensichtliches leugnen und stattdessen Fantastisches herbeischwurbeln. So wie im Fall des geschassten Eishockeytrainers Patrick Fischer. Der war bekanntlich vom SRF-Journalisten Pascal Schmitz in die Pfanne gehauen worden. Fischer hatte ihm bei einem Mittagessen erzählt, dass er sich ein Covid-Zertifikat gekauft habe, um an die Winterolympiade 2022 nach Peking reisen zu können.
Nun hat Fischer via PR-Bude ein Gespräch aufzeichnen lassen, in dem er zum ersten Mal seine Sicht der Dinge schildert. «Entweder wurde hier vorsätzlich gelogen oder mir fahrlässig Unrecht getan», ist seine Kernaussage. Dabei geht es darum, ob dieses Gespräch «off the record» war oder nicht. Der Begriff bedeutet, dass eine gemachte Aussage nicht veröffentlicht werden darf. Weder direkt noch indirekt, auch nicht paraphrasiert. Einfach nicht. Und natürlich dürfen daraus auch keine Schlussfolgerungen gezogen werden.
Schon der dabei anwesende Medienchef des Schweizer Eishockeyverbandes hatte klargestellt, dass es eine eindeutige Zusicherung gegeben habe. Schmitz hatte schriftlich festgehalten: «Ich schreibe dir bezüglich unseres Off-the-Record-Gesprächs am Mittagstisch in Altstetten. Mir ist die Bedeutung einer Off-the-Record-Vereinbarung sehr bewusst, und ich nehme dies ernst.»
Daran gäbe es wenig zu deuteln. Eigentlich. Nun haben sich aber bereits die Vorgesetzten von Schmitz in die Schlacht geworfen. Nachrichtenchef Gregor Meier: «Es ist nicht ein vertrauliches Off-the-Record-Gespräch.» TV-Noch-Chefredaktor Tristan Brenn: «Es war kein Off-the-Record-Gespräch.»
Wie das? Die alten Scholastiker hätten ihre helle Freude an den anschliessenden Turnübungen am sprachlichen Hochreck: Das Mail belege nur eine Reaktion auf die nachträgliche Forderung, das Gespräch als off the record zu behandeln. Ergo: «eine vorgängige Off-the-Record-Vereinbarung wurde damit nicht bestätigt». Und überhaupt:
«Eine Off-the-Record-Vereinbarung muss vorgängig, explizit und gegenseitig erfolgen – das ist ein anerkannter journalistischer Grundsatz. Das war hier nicht der Fall.»
Das ist formalistischer Quatsch. Schmitz selbst bezeichnet es als «Off-the-record-Gespräch». Daran gibt es nichts zu deuteln. Im Rahmen eines Vertrauensverhältnisses gibt es zudem stillschweigende Regeln, immer gibt es die journalistische Ethik. Immer ist der Journalist als Benützer eines grossen Megaphons namens medialer Öffentlichkeit dazu verpflichtet, mögliche Folgen seines Handelns abzuwägen.
Dass sich Schmitz und SRF bewusst waren, auf welch dünnem Eis sie sich hier bewegen, zeigt auch ihr damaliges Verhalten. Statt diese Aussage von Fischer einfach hinauszutrompeten, besorgte man sich unter fragwürdigem Verweis auf öffentliches Interesse den damaligen Strafbefehl gegen Fischer – und konfrontierte den Verband und ihn damit. Wobei stolz erwähnt wird, dass man sich ja an die Vertraulichkeit des Gesprächs gehalten und kein Wort davon publiziert habe.
Das ist ungefähr so realitätsnah wie die Erkenntnis der Scholastiker, dass zwei Engel nicht gleichzeitig am gleichen Ort sein könnten. Die richtige (oder falsche) Beantwortung dieser Frage ist allerdings völlig unerheblich, weil es Engel gar nicht gibt.
Im Fall von Fischer ist damit eine erfolgreiche Karriere abrupt beendet worden – unter ungnädiger Mithilfe eines überforderten Sportverbandes.
Kurt W. Zimmermann bezeichnet die dafür Verantwortlichen bei SRF als «moralische Schurken», die zu entlassen seien. Die Affäre werde «zum Charaktertest für die TV-Chefs Susanne Wille und Roger Elsner». Zunächst verwendete Zimmi einen noch stärkeren Ausdruck, der dann aber offenbar vom Rechtsanwalt der WeWo gecancelt wurde. Allerdings geistert er weiterhin fröhlich durch die Kommentare zum Artikel, saukomisch.
Bislang wird von SRF Normalität zelebriert und Schmitz durfte sogar wieder auf den Bildschirm zurückkehren.
Auch der inzwischen veröffentlichte vollstände Text der E-Mail von Schmitz ändert daran nichts. Gegen ein klares off the record ein angebliches öffentliches Interesse zu setzen, ist Haarspalterei, unredlich und verlogen.
Die Affäre erinnert stark an den Blattschuss, den Fabian Eberhard vom «SonntagsBlick» dem Bundeshaus-Journalisten Dominik Feusi versetzte. Wegen eines Plagiats aus dem Jahr 2024 wurde aus dessen Wechsel vom «Nebelspalter» zur NZZ nichts. Der Fehltritt war längst bekannt und wurde schon länger herumgeboten – ohne mediale Folgen. Bis Eberhard zugriff und die überforderte Geschäftsleitung der NZZ damit konfrontierte.
Dass Eberhard selber im Glashaus sitzt, hinderte ihn nicht daran, mit Steinen zu schmeissen, nachdem er entsprechend angefüttert worden war.
Wenn der Zweck die Mittel heiligt, kommt es zu solchen Entgleisungen.
