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Kampf um den Leser

Die NZZaS unter neuer Leitung. Wie schaut’s aus?

Beat Balzli hat sein erstes Heft abgeliefert. Man kann von aussen schwer beurteilen, wie begeistert Redaktion und Leserschaft sind. Die Primadonnen der NZZaS werden Balzli in erster Linie danach beurteilen, wie sehr er ihnen Privilegien, Spesenkonto und Hobbys lässt. Für sie ist zu befürchten: das ist nicht seine Absicht.

Denn offiziell ist er angetreten, um die digitalen Kanäle besser zu bespielen. Davon hat er aber keine grosse Ahnung. Hingegen in der Aufgabe, die Payroll abzuschmelzen, die zunehmende Zusammenlegung von NZZ und NZZaS möglichst ohne grosse Geschrei voranzutreiben, und inhaltlich das im Interregnum ziemlich aus dem Leim gegangene Blatt wieder auf Kurs zu bringen, da muss er Pflöcke einschlagen. Sonst ist er so schnell wieder weg wie sein Vorgänger.

Nun ist Balzli beim «Spiegel» und anderswo durchaus gewohnt, mit intriganten und renitenten Mitarbeitern umzugehen; mal schauen, wie ihm das hier gelingt.

Immerhin, einen kleinen Akzent hat er bereits gesetzt. Die idiotische Artsy-Fartsy-Gestaltung des Covers mit verschenktem «Weissraum» hat er abgeschafft. Nun ist die Front wieder normal geworden. Rechts und oberhalb des Titels ein paar Anrisse, Foto-Story und vier textlich angerissene Artikel, plus weiterhin ein Zitat, was nun meistens nicht sehr erhellend ist.

Hier kommt gleich erschwerend hinzu, dass Balzli zwei neue Kolumnisten verpflichtet hat. Den «Politgeograf» Michael Hermann, von dessen Gequatsche selbst Tamedia genug hatte. Dazu noch «Avenir Suisse»-Chef Jürg Müller. Also der Verantwortliche dafür, dass dieser Think Tank immer weniger ernst und wahrgenommen wird. Na ja.

Und, der Inhalt? Kinder als Zankapfel bei Scheidungen. Sagen wir mal so: wenn man auf ganz ganz Nummer sicher gehen will, überhaupt nichts falschmachen, aber riskieren, dass der Leser Wiederholungsfaktor zehn verspürt, kann man das machen. Sonst nicht.

Aufmacherstory: «Die Achse des Bösen». Sagen wir mal so: mit diesem Begriff ist schon ein US-Präsident auf die Schnauze gefallen. Nun baue Teheran «mit seinen alten Partnern Putin und Erdogan» plus noch die Chinesen an einer neuen, grossen Front. «Diese richtet sich nicht nur gegen Israel, sondern auch gegen den Westen.»

Da richtet Petra Ramsauer mal das Schlachtfeld ein, also den Sandkasten. «Flächenbrand im Nahen Osten … militärische Drohkulisse, auf die Teheran derzeit setzt …» Zwickmühle, diagnostiziert Ramsauer: «Greift Teheran ein, droht die «Achse des Widerstandes» militärisch zerschlagen zu werden – mit riesigen Kosten. Eilt Iran der Hamas aber nicht entschieden zu Hilfe, zerbröselt diese Achse.»

Aber, das Schreckensszenario: «Neben Russlands Präsident Wladimir Putin zeigen sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und auch Chinas Staatschef Xi Jinping zum politischen Schulterschluss mit Iran bereit.» Fehlen eigentlich nur noch Nordkorea und Kuba in dieser bösen Achse.

Nun ist auch Ramsauer eine externe Kraft aus Österreich, wie Adelheid Wölfl, die in Ex-Jugoslawien wütet. Eigentlich hatte Ramsauer im Mai 2020 ihren Abschied aus dem Journalismus angekündigt, «um sich zukünftig als Therapeutin für Traumata zu engagieren», weiss Wikipedia. Davon hat sie offenbar wieder abgesehen. Nun lägen Kalauer so nahe, dass wir drauf verzichten. Gibt es diese neue Achse des Bösen, ausserhalb der Fantasiewelt von Ramsauer? Schwer zu sagen, ob das therapiert werden muss oder nicht (Pardon).

Aber immerhin, was man sonst nicht so liest, weil alle auf den Gazastreifen fixiert sind: es folgt ein Bericht über die Situation im Westjordanland, wo ja Palästinenser seit Jahren mit illegalen Siedlungen Israels konfrontiert sind.

Verdienstvoll auch eine Reportage aus dem Niger, das wegen des x-ten Militärputschs nur kurzzeitig in den Fokus der Aufmerksamkeit rückte und seither weitgehend vergessen ist. Niger, Sudan, Jemen, Äthiopien, Somalia, Eritrea, wen kümmert’s schon. Immerhin, die NZZaS kümmert sich um Niger (oder Nischee, wie SRF sagen würde).

Die Berichterstattung über Serbien spiesst ZACKBUM in einem Wumms auf. Dann ein launiges Interview mit dem Kamikaze-Bundesratskandidaten der Grünen. Lustig zu lesen, aber nicht wirklich Pflichtlektüre.

Dann ein harsches Wort zum Einstieg in den «Hintergrund». Gordana Mijuk über die Wüsten-WM in Saudiarabien. Gähn. Nicola Brusa über eine lustige Idee eines indischen IT-Unternehmers. Augendeckel, offen geblieben! Michael Hermann mit der Nach-Nach-Nachanalyse der Wahlen. Schnarch. Aline Wanner über KI. Der Beweis, dass KI solche Kolumnen viel besser bespielen würde. Wieso traut sich Balzli nicht, dieses unsägliche Gefäss abzuschaffen? Und schliessliche Patrick Imhasly, der hier dilettieren muss, damit sich im Wechsel mit ihm eine frustrierte Schreiberin austoben darf. Abschaffen! Die folgende Seite «Meinungen»: abschaffen.

Dann das Interview mit dem jüdischen Psychoanalytiker Daniel Strassberg. Der langweilt sonst in der «Republik», nun darf er’s hier tun. Wenn man das schreiben darf, ohne gleich als Antisemit runtergemacht zu werden.

«Wirtschaft», eigentlich die Paradedisziplin von Balzli? Es geht, sagt ZACKBUM wohlwollend, es geht.  «Kultur»? Ein verschrumpelter Essay darüber, dass Serienschauen über Freundschaften vom Pflegen realer Freundschaften abhalte. Hätte man auch auf diesen Satz reduzieren können.

Aber immerhin, Gerhard Mack beweist mit seiner Würdigung der neueröffneten Bührle-Sammlung im Kunsthaus, dass er der einzige ernstzunehmende Kunst- und Ausstellungskritiker der Schweiz ist. Dass Peer Teuwsen eine gute Patti-Basler-Rezension abliefern könnte, wollen wir hingegen nicht behaupten.

Dann fällt der Abschied leicht: «Die Summe aller Frauen, Teil 36». Aufhören. Bitte. Gnade.