Das Schweigen der Belämmerten
Liechtenstein – war da mal was? Ja, Elendsjournalismus.
Am 2. und 3. August rauschte es durch die Medien: dem Fürstentum sind seine Kronjuwelen abhanden gekommen. Das eigentlich streng geheime Verzeichnis der Nutzniesser aller 31’000 Tarnkonstrukte wie Stiftungen, Trusts & Co. Der Super-GAU für den Finanzplatz, sein wahrscheinliches Ende, wie wir ihn kennen.
Und dann? Sendepause. Warum? Die Gründe sind vielschichtig.
Das Ereignis wurde aus mangelnden Kenntnissen der Sachlage falsch gerahmt. Es handle sich einfach um ein weiteres Datenleck, und dabei seien keine Finanzdaten abhanden gekommen, meinte Reuters.
Dann fehlt bis heute der zweite Knall. Erpresserforderung, Veröffentlichung der Daten, das Durchsickern prominenter Namen. Da scheitert die weitere Berichterstattung an der banalen Frage: Und was gibt es Neues? Stattdessen könnte man Hintergründe recherchieren und beispielsweise die IT-Sicherheit im Ländle genauer analysieren. Aber das braucht Fachwissen und kostet Zeit und hält davon ab, online eine Meldung nach der anderen rauszuhauen.
Liechtenstein versucht mit allen Mitteln, den Deckel draufzuhalten und den Riesenskandal herunterzuspielen. Krisenstab, Untersuchung, System abgeschaltet, keine Panik. Dieses Geschwurbel verfängt.
Um das wahre Ausmass zu verstehen, braucht es sowohl finanztechnische Kenntnisse (was ist der UBO, was ist ein Trust) wie auch IT-Kenntnisse (was gibt es für Sicherheitsmassnahmen, was ist ein SIEM). Erschwerend kommt hinzu, dass die Betroffenen logischerweise kein Interesse an Öffentlichkeit haben.
Es fehlen die Auftritte der Opfer, das «jetzt rede ich», das Gejammer, was einem abhanden gekommen sei und wie sehr man darunter leide. Natürlich haben auch die geldgierigen, aber unfähigen Treuhänder von Liechtenstein null Interesse, sich öffentlich zu äussern.
Oder auf den Punkt gebracht: Der bisher berichtete Hack ist gar nicht die wahre Story. Die Story ist, dass eine Datenbank geschaffen wurde, die das Geheimnis hinter Tausenden liechtensteinischen Vermögenskonstruktionen an einer Stelle konzentriert – und dass offenbar jemand diese Konzentration ausnutzen konnte. Weil sie amateurhaft schlecht geschützt war.
Die Story ist, dass nun 31’000 Begünstigte dieser diskreten Gefässe befürchten müssen, mit heruntergelassenen Hosen in der Öffentlichkeit zu stehen. Darunter gibt es die Ehrlichen, die aus guten Gründen diese Konstrukte gewählt haben. Da gibt es die weniger Ehrlichen, die sie benützen, weil sie ihr Vermögen verbergen wollen. Und dann gibt es die die Verbrecher, die Blutsäufer, die Drogenbarone, Menschenhändler, Diktatoren, die ihr kriminell erworbenes Geld verstauen und verstecken wollen.
All denen ist gemeinsam, dass sie wissen, dass sie vor der Fürstenjustiz keine Chance auf Entschädigung oder Schadenersatz haben. Und einige von ihnen deshalb rustikalere Methoden anwenden könnten, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen.
Schliesslich: welche liechtensteinische Firma ist für diese lausige Datensicherheit verantwortlich? Welches Amt, welche Behörde? Welche Köpfe werden rollen? Oder versucht man, alles unter den Teppich zu kehren?
Themen gäbe es genug. Einzig, es ist Sommerpause, es ist heiss, die Street Parade rollte, das gibt viele bunte Bilder und füllt die Blätter.
Dabei haben wir es hier mit einem Skandal Liga UBS oder CS zu tun. Aber das ist dem heutigen Elendsjournalismus wurst.



