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Wort zum Sonntag

Willkommen in der Unübersichtlichkeit.

Mal Hand aufs Herz. All diejenigen, die sich nicht in ihrer Gesinnungsblase unter Luftabschluss sauwohl und geborgen fühlen: irgend eine Ahnung von irgendwas?

Wie ist eigentlich die Lage im Gazastreifen? An der ukrainischen Front? Gibt’s Krieg mit dem Iran? Neuigkeiten vom Völkermord in Afrika? Ist das «Board of Peace» (allmächtiger Chef auf Lebenszeit Donald J. Trump) ein Furz oder bewegt es was? Sollte die Schweiz beitreten oder nicht?

Auch nicht ganz unwichtig: ist die KI-Blase am Platzen? Oder das Geschäftsmodell von Elon Musk, eine Wahnsinnsidee mit der nächsten zu ersetzen, was ihm von der «Weltwoche» eine anhimmelnde Titelgeschichte einbrachte («Da Vinci, genialster Unternehmer der Geschichte»)? Bei deren Prognose- und Wirtschaftskompetenz («la crise n’existe pas») gar kein gutes Zeichen.

Sind die EU-Verträge einfach unvermeidlich oder das Ende der direkten Demokratie? Oder kommt das, wenn die Zwangsabgabe für die SRG geschrumpft wird? Ist Crans-Montana ein Zeichen der Verluderung bei Schweizer Behörden oder halt einfach das Wallis? Warum muss das Bundesverwaltungsgericht einer staatlichen Behörde nach der anderen (FINMA, BAG) eine Klatsche verpassen?

Ach, und ganz wichtig: bringt Ex-Prinz Andrew das englische Königshaus ins Wanken? Mindestens so wichtig: beherrschen Superreiche wie Bezos, Gates, Thiel, Musk die Welt? Und wenn ja, ist das gut oder schlecht? Ist das Thema Corona aufgearbeitet oder verdrängt? Sind die Schneemengen ein Zeichen für den Klimawandel?

Werden in der Ukraine westliche Werte gegen asiatische Unmenschen verteidigt oder bloss einer der korruptesten Staaten der Welt unterstützt? Ist Trump der Fürst der Finsternis oder der grosse Disruptor, der endlich Bewegung in viele Problemfelder bringt? Ist Kuba selber schuld, wenn auf der Insel die Lichter ausgehen, oder ist das die Folge eines völkerrechtswidrigen Embargos durch die USA?

Wie kann es sein, dass der grosse Freund ennet des Teichs, der Leuchtturm von freedom and democracy, der Garant unserer Wertegemeinschaft, zum Totengräber Europas wird? Plant der Iwan den Angriff auf NATO-Staaten, wie eine Kriegsgurgel ausser Rand und Band in der NZZ befürchtet? Ist #metoo, Gendersternchen, Achtsamkeit, das Vermeiden böser Worte und die Schneeflocken-Empfindsamkeit vorbei – oder macht sie nur Pause?

Wo gibt es Halt in haltlosen Zeiten?

Früher, ja früher gab es auch im deutschen Sprachraum wenigstens eine mediale Welt, die gegen Bezahlung sich bemühte, einzuordnen, zu analysieren, Verständnis zu liefern. Wenn man heute den Begriff «eine Einordnung» liest, weiss man, dass man weiterblättern oder -scrollen kann.

Der Erkenntnisstand des durchschnittlichen Journalisten ist auf Augenhöhe mit einem sich im Internet informierenden Zeitgenossen. Mangelndes Hintergrundwissen, Bildung oder historische Kenntnisse werden durch Meinungsstärke ersetzt. Die aus Unsicherheit keinen Widerspruch duldet, weil die meisten Journalisten dieser intellektuellen Herausforderung mental und nervlich nicht gewachsen sind.

Das alte Lied: wieso gibt es im deutschen Sprachraum keine Organe wie die Financial Times, das Wall Street Journal, den New Yorker, The Atlantic, Mother Jones, selbst The New York Times oder die Washington Post und einige mehr?

Natürlich ist der sprachliche Einzugsraum viel grösser. Aber auch die Manpower. Während in der deutschen Schweiz vielleicht noch 4000 festangestellte Journalisten arbeiten, davon schon mal rund 1000 bei SRF, sieht das in den USA ganz anders aus.

Alleine die NYT beschäftigt immer noch rund 1700 Redakteure. Die WaPo vor der letzten Entlassungswelle rund 800. Ebenso viele sind bei der FT in Lohn und Brot, beim WSJ 900.

Symbolisch für den Unterschied steht der Wirecard-Skandal. Diese Luftnummer wurde von der FT aufgedeckt, gegen den erbitterten Widerstand auch der deutschen Medien, die meckerten, dass das fiese Albion den Teutonen ihre erfolgreiche IT-Bude neide.

Wer sich täglich durch das Elend der Schweizer Medien pflügt, wo sich gedankliche Tiefe oder analytische Schärfe meistens in Millimetern über Grund messen lässt, fragt sich, woher der mündige Bürger eigentlich heutzutage seine Entscheidungsgrundlagen, seine Welterkenntnis beziehen soll.

Der zunehmende Einsatz von KI wird weitere Heerscharen von Gebrauchshandwerkern im Journalismus überflüssig und arbeitslos machen. Gut so. Die Sonntagspresse wird in absehbarer Zukunft verschwinden. Gut so. Print wird immer mehr zu einer Veranstaltung im Altersheim. Eine Mehrheit der Jugendlichen informiert sich nicht mehr in den klassischen Medien, stellt aber immerhin langsam fest, dass die Beschallung in Echokammern zwecks Bestätigung der vorgefassten Meinung nicht wirklich Erkenntnisgewinn bringt.

Wie sieht also die Informationsvermittlung in der Zukunft aus? Fake News, Deep Fakes, alternative Wahrheiten, inhaltsleere Beschallung mit skandalisierten Triggermeldungen?

Nun, Lektüre oder Informationsaufnahme zwecks Erweiterung der Welterkenntnis war schon immer etwas für die happy few. Neu war nur die Illusion, dass nun die breiten Massen auch daran teilhaben. Könnten sie eigentlich, mit überschaubarem zeitlichen und finanziellen Aufwand. Wollen sie aber gar nicht.

 

TX Group weiter auf Clan-Gewinnkurs

Der Börsengang von Swiss Marketplace Group (SMG). Nun ein Aktienrückkauf. Den Coninx-Clan freut’s.

Investitionen in Journalismus dagegen: nada. Dafür dort sparen bis aufs Skelett.

Grandioser Börsengang, Ausgabepreis von 46 Franken pro SMG-Aktie, das entspricht schon mal einer Marktkapitalisierung von 4,5 Milliarden Franken. Davon gehören der TX Group (die Holding oberhalb von Tamedia & Co.) 30,7 Prozent. 1,38 Milliarden.

Das ist obendrauf auf die Marktkapitalisierung der TX Group von rund 2,17 Milliarden.  Daran hält der Coninx-Clan rund 69 Prozent aller Aktien.

Also eigentlich sollte das doch für ihre rund 50 Mitglieder reichen, um ihren Hobbys nachzugehen, Yachten, Villen und Kunstsammlungen zu unterhalten. Sowie sich jeden Tag ein Kotelett mit satt Kaviar drauf zu leisten.

Auf der anderen Seite wird Tamedia bis auf die Knochen runtergehobelt. Entlassungswellen, Schliessung von Druckereien, Sparziel 70 Millionen. Nur Traumtänzer wie die publizistische Leiter nach unten Simon Bärtschi können das als Qualitätssteigerung schönschwatzen.

Redaktionen wurden zusammengelegt, verwirrliche Zahlen von geplanten Rausschmissen verkündet. Die überlebenden Redaktoren, vor allem die Ü-50, haben Schiss, wen es als nächsten treffen wird.

Dementsprechend herrscht eine Bombenstimmung in der Käfigtierhaltung der Zentralredaktion. Einziger Zugang in letzter Zeit: Anuschka Roshani. Nun ja.

Eher kleine Schlagzeilen machte dagegen eine weitere Massnahme zur Profit- und Besitzsteigerung der Coninx-Aktionäre (und den versprengten übrigen).

Unter «Investor Relations» verkündete die TX Group, bezugnehmend auf eine Medienmitteilung, dass sie «über einen Zeitraum von maximal drei Jahren bis zu 662’000 Namensaktien zurückkaufen» werde, was bis zu 6,25 Prozent des Aktienkapitals entspricht.

Oder einem Wert von rund 128 Millionen Franken.

Ein Aktienrückkauf hat angenehme Auswirkungen – für die Aktionäre. Gleicher Gewinn des Unternehmens, weniger Aktien, höherer Profit pro Aktie. Wer seine Aktien verkauft, bekommt Kohle auf die Hand. Wer sie behält, profitiert längerfristig.

Schon nach der Gründung der SMG klingelte eine Sonderdividende von rund 44,5 Millionen Franken in den Kassen der Aktionäre, wenn alle rund 10 Millionen Aktien anspruchsberechtigt waren.

Durch diesen Aktienrückkauf steigt der Anteil des Coninx-Clans am Aktienwert von TX auf rund 73,5 Prozent.

Das sind rund Dreiviertel von Fantastilliarden. Nun können die Mitglieder des Coninx-Clans zwar nicht wie Dagobert Duck ein erfrischendes Bad im Geldspeicher nehmen.

Aber eigentlich haben sie in letzter Zeit doch das Problem: wohin mit all der Kohle? Big Boss Pietro Supino kann schlecht auf die Villa noch eine Villa stellen. Die Zeiten von noch grösseren Yachten oder Fliegern sind auch etwas vorbei.

Und mehr als ein Rolls-Royce Droptail für rund 32 Millionen Dollar geht auf vier Rädern auch nicht.

Ach, vielleicht könnte man sich darauf besinnen, wodurch eigentlich der Grundstein dieses Vermögens gelegt wurde?

Mit Journalismus.

Mit Otto Coninx fing’s an,  schliesslich Urenkel Pietro Supino, seit 2007 auf dem Thron. Was von der Tradition übrig geblieben ist, sind grosse Worte über die Bedeutung der Vierten Gewalt, von Qualitätsjournalismus, Kontrolle und wenn nötig Korrektur des Handelns der Mächtigen im Lande.

Aber statt für knapp 130 Millionen Franken einen eigentlich völlig überflüssigen Aktienrückkauf finanzieren, wieso nicht in einen Aus- statt Abbau von Tamedia investieren?

Tamedia machte im ersten Halbjahr 2025 einen Umsatz von 191,5 Millionen Franken. Da würde eine Finanzspritze von 130 Millionen Franken über die nächste drei Jahre Wunder wirken.

Träume würden wahr. Journalisten könnten tatsächlich Tage oder sogar Wochen auf Recherchen verwenden. Und müssten nicht länger irgendwelche Hehlerware in «Papers» oder «Secrets» verwandeln.

Journalisten könnten wieder Dossiers aufbauen und Themen vertieft begleiten. Und wer weiss, vielleicht gelänge ihnen auch ab und an ein Artikel von der Tiefe einer «Financial Times», «The Atlantic» oder gar des «New Yorker».

Die übrigens alle beweisen, dass sich Qualitätsjournalismus auch finanziell lohnt. Allerdings nur, wenn man ihn auch finanziert.

Also, liebe Grossfamilie Coninx, wie wäre es mit etwas staatsbürgerlichem Bewusstsein?

Der Gesellschaft etwas zurückgeben. Verantwortung, Haltung, Verpflichtung.

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Der Artikel erschien zuerst auf «Inside Paradeplatz».

Leise raschelt das Papier

Und sagt beim Abschied mit Druckerschwärze auf Nimmerwiedersehen.

«20 Minuten», das letzte grosse Schweizer Erfolgsmodell im Print, gibt per Ende Jahr auf. Und erscheint nur noch digital.

Kurt W. Zimmermann singt in der «Weltwoche» die Abschiedsarie auf die gedruckte Zeitung. Auf das weltweit erfolgreichste und profitabelste Modell einer Pendlerzeitung. 40 Millionen Gewinn pro Jahr schaufelte «20 Minuten» in seinen besten Zeiten in die Kassen von Tamedia.

Um sich «20 Minuten» einzuverleiben, griff Tamedia zu einem Kniff. Der Konzern kündigte mit grossem Trara an, dass am Montag, 23. März 2003, ein eigenes Konkurrenzprodukt namens «Express» auf den Markt geworfen werde, um den Eindringling aus Oslo zu killen. Alles parat, 40 Journalisten am Gerät, Kriegsgeschrei.

Am Freitag zuvor wurden die 40 armen Teufel darüber informiert: April, April, «Express» wird nicht erscheinen, Tamedia hat «20 Minuten» gekauft. Blöd gelaufen für euch.

Und später verschob Oberboss Pietro Supino «20 Minuten» in ein eigenes Profitcenter, damit seine Gewinne nicht in die übrigen Printtitel des Hauses flössen. Das ist modernes Management.

Aber nun heisst es Abschied nehmen von bedrucktem Papier für Tageszeitungen. Zwischen Deadline, Druck und Auslieferung vergeht zu viel Zeit; keine Chance gegen das Internet. Der Bombenangriff Trumps Samstagnacht gegen den Iran machte die Berichterstattung der Sonntagszeitungen zu Makulatur. So sad, würde der Amok im Weissen Haus sagen.

Die gedruckte Ausgabe wird es weiterhin geben. Aber nicht mehr als Massenmedium, sondern für die happy few, die es noch gerne rascheln lassen, während sie am Morgen ihr Gipfeli verspeisen. Die werden auch über 1000 oder gar 2000 Franken für diese Gewohnheit zahlen.

Allerdings sind sie, wie die TV-Zuschauer der Gebührensender, überaltert, von 60 aufwärts. Sie werden wegsterben, und es kommen wenige nachher.

Da die Massenmedien es bis heute (mit wenigen Ausnahmen) nicht geschafft haben, ihre Online-Auftritte profitabel zu machen, einen immer magereren Inhalt weitgehend hinter Bezahlschranken verstecken (der grösste Flop auf diesem Gebiet ist «Blick+»), sich von Google & Co. die Werbebutter vom Brot nehmen lassen, wird auch das kein gutes Ende nehmen.

Gemeine Meinung, dazu Artikel, die sich meistens jeder auch gratis im Internet holen kann, Analysen, die eine KI viel besser hinkriegt, kaum geldwerte Gegenleistung für ein Abo, luftdicht von der Wirklichkeit abgeschlossener Gesinnungsjournalismus, fehlende Sachkompetenz, löchrige Korrespondentennetze, in denen Rechthaber ihre persönliche Befindlichkeit zum Besten geben (grauenhaft die von der SZ übernommenen Artikel im Kopfblattsalat von Tamedia), eine einwöchige Recherche ist bereits ein Riesending, eine Reportage vor Ort bekommt Seltenheitswert – das ist der nächste angekündigte Tod.

Nur mühsam und langsam lernen die überbezahlten Verlagsmanager, meistens noch dem Printdenken verhaftet, dass heute Jugendliche ganz andere Informationskanäle benützen, die nur amateurhaft bespielt werden.

Zimmermanns Schlussanalyse ist kaum etwas hinzuzufügen:

«Gratisblätter waren der letzte Rausch der Zeitungsbranche. Sie feierte noch noch einmal. Sie feierte auf einem Sterbebett, von dem noch niemand wusste, dass es ein Sterbebett war.»

Stirbt alles weg? Keineswegs. Die Medien, die nicht nur von Qualität, Einordnung, Analyse quatschen, während sie ihre Redaktionen zu Tode sparen, die werden überleben. Ein «New Yorker», eine «Financial Times», ein «Economist», ein «Guardian», ein «Atlantic». Und einige mehr. Ach, auf Deutsch? Ähm. Hm. Räusper, kopfkratz, augenzwinker, hüstel. NZZ?

Aber es gibt ja tolle Übersetzungsprogramme.

Tri, tra, Trump

Drei Arten, wie man den US-Präsidenten sehen kann.

Für eine Minderheit der westlichen Medien ist Donald Trump ein «Mann des Friedens» («Weltwoche»), der überlegt Zug um Zug genau das macht, wofür er angetreten ist und weswegen er gewählt wurde. Mit dem Zollknüppel bringt er aufmüpfige ausländische Regierungen zur Räson, freche Richter, die seine Entscheidungen bezweifeln, ignoriert er einfach.

In direkten Verhandlungen mit Putin wird er bald einen Frieden in der Ukraine hergestellt haben, seine Verbündeten zwingt er, endlich ihren Anteil an gemeinsamen Militärausgaben zu übernehmen. Und schliesslich wird dann mal Kanada der 51. Bundesstaat, der Panamakanal kehrt heim, Grönland wird Teil der USA, der Gazastreifen zur neuen Riviera.

Und als krönenden Abschluss bekommt Trump wohlverdient den Friedensnobelpreis.

Für andere ist Trump der neue Gottseibeiuns. «Die USA hören gerade auf, eine Demokratie zu sein», «Columbia-Universität knickt vor Trump ein», «Trump findet Tesla Vandalismus schlimmer als Capitolsturm», «Trumps Showdown mit der Justiz». Diese sehr unvollständige Auswahl von «Spiegel»-Titeln steht stellvertretend für das unablässige, repetitive Geschimpfe in allen Mainstreammedien über Trump. Begriffe wie «Faschist» wurden bereits so inflationär verwendet, dass man von weiterem Gebrauch absieht. Spätpubertierer wie der SP-Co-Präsident Cédric Wermuth müssen schon zum Äussersten greifen und «fuck you, Mr. President» rülpsen, wollen sie noch etwas Aufmerksamkeit erzielen.

Und als krönender Abschluss landet Trump dann doch noch hinter Gittern.

Beide Sichtweisen sind banal fatal, blöd, unergiebig, bedienen einfach das Leseklientel der jeweiligen Organe. Niemals könnte in der Gesinnungssauce von Tamedia, CH Media oder in der «Blick»-Familie ein Artikel erscheinen, der irgend eine Entscheidung oder Handlung Trumps auch nur ansatzweise loben würde. In der WeWo ist immerhin gelegentliche Kritik am neusten Vaterersatz für Roger Köppel möglich.

Wenn Wendehals Daniel Ryser etwas gegen den Stachel löckt und in der WeWo ein Gespräch mit dem Bürgerrechtsanwalt und Gegenspieler Trumps, mit Ben Wizner bringt, dann keifen die wenigen Kommentatoren («wollen Sie mich zwingen, mein WeWo-Abo zu kündigen») los. Sie machen damit sichtbar, wie hermetisch abgeschlossen sie in ihrer Gesinnungsblase vor sich hinfaulen. Bei den Mainstream-Medien ist es genau so, nur machen die solche Tests nicht.

Dass Trump ein Krimineller ist, der den grössten Selbstbereicherungs-Raubzug aller Zeiten durchzieht und die US-Demokratie durch einen kompetitiven Autoritarismus ersetzen will, ist näher an der Realität.

Immerhin fragt sich einer sogar beim «Spiegel», ob nicht der Woke-Wahnsinn und die intensive Beschäftigung mit Genderfragen, die Einrichtung von Safe Rooms und die völlige Beweisumkehr bei Diskriminierungsvorwürfen nicht einen gewichtigen Beitrag zum Wahlsieg Trumps geleistet haben.

Das ist natürlich so, denn es gab ja anderthalb Gegenkandidaten einer demokratischen Partei, die völlig von der Rolle ist.

Wie die Medien. Denn deren Aufgabe wäre es eigentlich, ihren Konsumenten zu erklären, wieso genau eine Mehrheit der US-Stimmbürger sich für das gelbe Monster entschieden hat. Wieso grosse Teile der US-Bevölkerung seine Handlungen immer noch toll finden, obwohl auch dort gewichtige Massenmedien täglich dagegen andröhnen.

Trump als chaotischen Amok zu denunzieren, der kurzatmig und hektisch eine Fehlentscheidung mit der nächsten überdeckt, das ist einfach.

Zu analysieren, ob hier wirklich das Prinzip Chaos herrscht oder ein Masterplan existiert, und wenn ja, welcher, das schaffen inzwischen höchstens noch angelsächsische Medien wie die «Financial Times» oder das «Wall Street Journal». Im deutschen Sprachraum ist Wüste, wo intellektuelle Zwerge Sand durch die Finger rieseln lassen und das als Ergebnis tiefer Denke einem Publikum verkaufen wollen, das sich gähnend abwendet.

Genauso wenig, wie Trump mit schlafwandlerischer Sicherheit eine träfe Entscheidung nach der anderen fällt und eine Unzahl von Problemen löst, haut er ständig daneben oder stapelt eine Fehlentscheidung auf die nächste.

Das ganze Elend tritt offen zu Tage, wenn ZACKBUM nichts anderes übrig bleibt, als sich selbst zu zitieren. Denn dieser Analyse ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Die kürzeste Definition dessen, was gerade stattfindet, hat die FT geliefert; es ist ein «Raubüberfall am helllichten Tage».

Einfach NZZ

Keine Rezension, keine Kritik. Einfach ein Seufzer.

Wer die «Financial Times», den «Economist», den «Guardian», den «New Yorker», «Mother Jones» oder «The Atlantic» liest (die Liste liesse sich beliebig verlängern), ist bereichert und fühlt sich gleichzeitig elend.

Bereichert, weil das normalerweise (Ausnahmen gibt es immer) Qualitätsjournalismus auf hohem Niveau ist. Hier werden Themen durchdrungen, bearbeitet, komprimiert, in eine elegante Schreibe übertragen. Hier spürt man in jeder Zeile, dass der oder die Autoren viel mehr wissen, daraus dann das Wichtige extrahiert haben.

Ein gnadenloser Faktencheck und eine offensive Fehlerkultur garantieren, dass sich der Leser auf die Richtigkeit der Angaben verlassen kann. Die Interpretation der Wirklichkeit erfolgt selbstverständlich auch. Aber die Befindlichkeit der Autoren, die Nabelschau wird eher selten betrieben, es gehört sich nicht, den Leser damit zu belästigen.

Vor allem aber: hier herrscht Niveau. Sicher gab es vor allem in den USA Übertreibungen in der Berichterstattung über Trump, wird der Famlienclan von Präsident Biden bis heute unziemlich geschützt. Aber das sind kleine Flecke auf einer blütenweissen Weste.

Der deutschsprachige Journalismus dagegen ist weitgehend im Füdli, man kann es nicht vornehmer sagen. Wozu Beispiele aufführen, ZACKBUM ist voll von ihnen. Mediokres, Banales, Aufgepumptes, Skandalisiertes, dazu Ich, Ich, Ich, der moralische Zeigefinger, Rechthaberei, ein Telefon und zweimal googeln, fertig ist der Artikel.

Bildungslos, kulturlos, kenntnislos. Die Lektüre der drei Grosskonzerne, die die Schweizer Medienlandschaft mit unzähligen Kopfblättern im Tagesjournalismus beherrschen, ist eine Tortur, für die gar nicht genug Schmerzensgeld gezahlt werden kann. Gestolpertes, Gerülpstes, Unverdautes, Tiefergelegtes, künstlich Aufgeregtes, und immer penetranter: nicht berichten, sondern belehren. Nicht aufklären, sondern verklären. Nicht mit der Darstellung der Wirklichkeit ringen, sondern die eigene Weltsicht an einem Ereignis spiegeln.

Das ist furchtbar.

Aber es gibt einen Lichtblick. Auch darüber hat ZACKBUM schon einige Male geschrieben, auch kritisiert. Aber es ist hier eine subjektive, persönliche Erfahrung zu berichten, ein Blick aus dem eigenen Bauchnabel.

ZACKBUM hat um ca. 11 Uhr vormittags am 5. September 2023 die Homepage der NZZ aufgerufen. Und war informiert, amüsiert, auf Niveau wurden die Splitter der aktuellen Nachrichtenlage dargeboten, bekömmlich, aufbereitet, bedacht, selten, sehr selten aufgemaschelt, eigentlich nie kreischig. Nachdenken über den Frieden, hat Jositsch eine Chance, Touristen in Afghanistan, der Chef der Deutschen Bank (vielleicht eine Spur zu unkritisch, das Interview), gegen antiautoritäre Erziehung, Chinas Geisterstädte, die Rolling Stones singen noch, eine Ausstellung über die «Secessionen» in Berlin, ein nordkoreanischer Überläufer, die Massenschlägerei in Opfikon.

Und eine besondere Perle: im Feuilleton das Interview mit dem deutschen Journalisten und Autor Dirk Schümer. Ein wunderbarer Gedankenflug, die Fragen (knapp) auf der Höhe der Antworten, was für eine Bereicherung. Und in welche Abgründe blickt man dagegen bei den Schweizer Stammel- und Kreischautoren, denen der Titel Schriftsteller aberkannt werden sollte.

Nein, auch das ist kein «Paid Post», einfach die Entladung einer zu oft gequälten Seele …

Die Peinlichkeit geht weiter

Wozu gibt es in der Schweiz eigentlich Wirtschaftsredaktionen?

Zur Pflege des Gendersterns? Für den Kampf um die Gleichstellung der Frau? Für Schlachten gegen Diskriminierung, Ausgrenzung, Abwertung?

Die SNB erhöht schritt um Schritt den Leitzins – lupft es nun Hunderttausende von Eigenheimbesitzern? Müssen Millionen von Mietern den Gürtel enger schnallen? Schafft es die SNB, mit der Anhebung des Zinses, der die Wohnkosten erhöht, die Inflation zu dämpfen? Gelingt ihr das allenfalls deswegen, weil Immobilienpreise zum Beispiel nicht im Warenkorb enthalten sind, mit dem die Inflation gemessen wird? Ist diese Art der Messung überhaupt sinnvoll?

Da gäbe es doch einige Fragen zu beantworten. Aber he, es wird endlich Sommer, die Ferienpläne sind gemacht, die Zurückgebliebenen machen Dienst nach Vorschrift, am liebsten im Home Office, das gerne in die Badi verlegt wird.

Aber das ist noch gar nichts im Vergleich zur Berichterstattung über das desaströs Ende der zweitgrössten und traditionellsten Bank der Schweiz. Was bei der Credit Suisse im Vorfeld geschah, konnte man überall lesen – in der englischsprachigen Wirtschaftspresse. Aber nicht in der Schweiz. Was sich in den hektischen Verhandlungen in den letzten Tagen der Bank abspielte – «Financial Times» lesen, und man wusste es. Allenfalls ergänzt durch «Wall Street Journal», Bloomberg oder den «Economist».

Schweizer Wirtschaftswürstchen? Nahmen die Peinlichkeit in den Stehsatz: «wie die FT, Bloomberg, WSJ meldete …». Die Finma vernichtet mit einem Federstrich 17 Milliarden Bonds, was sogar auf der Webseite von der CS vermeldet wurde? Na und? Erst als FT & Co. von einem anschwellenden Gebrüll der geprellten Anleger berichtete, wachte die Schweizer Wirtschaftsjournaille auf. Und fand sogar die eine oder andere Pensionskasse, die damit auch um einige Millionen gebracht worden war.

Offenbar wiederholt sich hier der Fall Vincenz, nur im ganz Grossen. Wir erinnern uns, fast ein Jahr lang berichtete der Finanzblog «Inside Paradeplatz» über Merkwürdigkeiten im Finanzgebaren des damaligen Raiffeisen-Superstars. Die übrige Wirtschaftspresse sagte: gar nicht erst ignorieren, ist doch wohl nichts dran.

Bis sie dann endlich aufwachte und sich in Vorverurteilungen mittels angefütterter Dokumente überschlug. Ein Trauerspiel.

Das wiederholt sich nun dramatisch bei der Credit Suisse. Die NZZ versuchte sich in Abwiegeln und behauptete mal kühn, dass Proteste gegen das Abschreiben von 17 Milliarden ziemlich sinnlos seien, die Anleger sollten doch mal das Kleingedruckte lesen, das gehe schon in Ordnung. Als dann eine Prozesslawine losbrach, in den USA, in Japan, nach internationalem Recht oder im Rahmen von Investitionsschutzabkommen, wurde die NZZ dann etwas kleinlauter.

Schliesslich hat die FDP-Bundesrätin Karin Keller-Sutter bei diesem Notverkauf zum Schnäppchenpreis nicht nur eine mehr als jämmerliche Rolle gespielt. Sondern auch noch den fatalen Satz gesagt «this is not a bail-out». Dass sie weder wusste, was ein AT1-Bond oder ein Bail-out ist, kann man leider nicht als mildernden Umstand gelten lassen.

Und nun das: Bloomberg meldet, dass die UBS plane, 35’000 Banker auf die Strasse zu stellen. Das wäre die Hälfte der Belegschaft der CS. Das würde bedeuten, dass das Backoffice der CS in Zürich gestrichen wird. In der Schweiz beschäftigen beide Banken zurzeit noch rund 37’000 Mitarbeiter. Ein Drittel weniger, das wären 12’000 Arbeitsplätze.

Das ist nicht der Rotstift, das ist die Axt. Das sind schlechte Nachrichten für die Verkäufer von Luxusschlitten, Zürisee-tüchtigen Yachten, Massschneidereien, aber auch für Personal Trainer, Innenarchitekten und Style-Berater. Der Konsum von edlen Tropfen und teuren Zigarren wird zurückgehen. Dafür freuen sich die Apotheken; sie stocken schon jetzt die Bestände an Psychopharmaka auf.

Und die Schweizer Wirtschaftsmedien? Schreiben «Gemäss Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg». Meine Herren (und Damen). Es muss ja nicht gleich ein Kahlschlag um ein Drittel sein. Aber die Einsparung einiger Sesselfurzer in den Wirtschaftsredaktionen würde der Qualität der Berichterstattung sicherlich keinen Abbruch tun.

Das eingesparte Geld könnte dann in ein paar Abos der wichtigsten englischsprachigen Wirtschaftsmedien sinnvoll investiert werden. Sozusagen eine Win-win-Situation. Ausser für den betroffenen Redaktor. Aber der könnte ja auf Berater von arbeitslosen Bankern umsatteln.

«Blick» als Copy Cat

Selber machen! Wieso eigentlich?

Es gibt zwei eiserne Regeln im Elendsjournalismus. Regel eins: nur die Story, die frei erfunden ist, hat man exklusiv. Diesem Prinzip huldigen gelegentlich alle Medien, von der «Republik» bis zum «Blick».

Die zweite Regel lautet: wieso selber recherchieren und journalistisch tätig sein, wenn das andere für einen erledigen? So haben praktisch alle Schweizer Medien ohne rot zu werden und fleissig die «Financial Times» zitiert, benützt, verwendet, weil deren Berichterstattung über das Begräbnis der Credit Suisse den eigenen journalistischen Anstrengungen haushoch überlegen war und ist.

Nun setzt der «Blick» hier ein neues Highlight:

Eine Sophie Reinhardt, «Redaktorin Politik» zeigt, was sie in der Schule gelernt hat: abschreiben. Zunächst erwähnt sie lobend, ohne sich der Peinlichkeit dieser Aussage bewusst zu sein, dass die FT «stets gut im Bild darüber» gewesen sei, «was hinter verschlossenen Türen besprochen wurde». Im Gegensatz zum «Blick» und allen anderen Mainstream-Medien in der Schweiz.

Nun gebe aber eine weitere «FT-Recherche» zu reden:

«CS-Präsident Axel Lehmann (64) sei bereits am vergangenen Mittwoch von Finanzministerin Karin Keller-Sutter (59), der Schweizerischen Nationalbank (SNB) unter Thomas Jordan (60) sowie der Finanzmarktaufsicht (Finma) zitiert worden. Dabei habe man Lehmann eine klare Ansage gemacht: «Ihr werdet mit der UBS fusionieren. Das ist nicht optional», heisst es in der FT.»

Das wäre in der Tat eher peinlich, denn noch am Mittwochabend verkündeten Nationalbank und Bankenaufsicht FINMA im Chor, dass man sich keine Sorgen um eine Ansteckung des Schweizer Finanzmarkt durch die Bankenpleiten in den USA machen müsse, die CS erfülle weiterhin alle notwendigen Anforderungen.

Nun sind zwar auch Politiker, ähnlich wie Bankenlenker, weitgehend haftungsfrei. Aber nicht ihre Politik. Denn Aussagen, die börsenrelevant sind, also Auswirkungen auf einen Aktienkurs haben können, sind immer eine heikle Sache. Das weiss nicht zuletzt der letzte VR-Präsident der CS, der sich mit der Behauptung blamierte, dass der Abfluss von Geldern bei seiner Bank hätte gestoppt und sogar rückgängig gemacht werden konnte.

Auch das hat die FT exklusiv herausgefunden, das wird nun von Reinhardt nachgeplappert. Man sollte mit ihr Nachsicht üben, bis 2022 war sie Redaktorin im Ressort Bern beim «Bund», «Schwerpunkt ihrer Berichterstattung ist die städtische Politik, sowie Bildungsthemen». Erst seit Kurzem berichtet sie für den «Blick» aus dem Bundeshaus. Damit hat sich immerhin ihr Arbeitsweg nicht verlängert.

Man sollte auch gerecht mit Reinhardt sein, denn sie tut zudem das, was zum Grundrüstzeug des Journalisten gehört. Sie plappert nach, dann gibt sie Politikern Gelegenheit, dazu Stellung zu nehmen. Die sind, Überraschung, «empört». Denn als Plappermaul weiss doch der Politiker, was sich gehört. «Könnte ein Grösseres politisches Erdeben sein», meint der Präsident der Grünliberalen, vorsichtig im Modalverb-Modus. «… wer zu welchen Zeitpunkt was wusste», will die SP-Co-Präsidentin Mattea Meyer wissen, froh darum, dass ihr Kollege Wermuth gerade mal unpässlich war und sie auch etwas sagen darf.

Auch ein SVP-Nationalrat darf sich mit «skandalös» melden, dazu noch ein zweiter SVPler. Soweit, so normal. Allerdings: wo bleibt die FDP? Die Mitte? Die Grünen? Da muss Reinhardt wohl etwas ins Juffeln geraten sein. Oder sie fand in der Eile die passenden Handynummern nicht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Einfach viel üben und nachsitzen.

Gut, gibt es die FT

Denn die «Financial Times» erledigt nebenbei die Hausaufgaben in der Schweiz.

Selten war die Fallhöhe zwischen kompetenter Berichterstattung und Amateurliga so eklatant sichtbar wie im Fall der russischen Verwicklungen der Credit Suisse.

Tamedia-Oberchefredaktor Arthur Rutishauser führt ein Interview mit dem als CS-VR zurückgetreten Roche-CEO Severin Schwan. Nach vielen Fragen, die sich verständlicherweise auf den Pharma-Konzern und seine Geschäfte im Osten beziehen, kommt dann tatsächlich noch diese Frage: «Gibt es bei der CS Russland-Risiken?» Antwort:

«Ja, wir haben proaktiv kommuniziert, wie hoch sie sind und dass sie beherrschbar sind.»

Das sollte, dürfte, müsste man nicht so stehenlassen. Ausser, man betreibt Journalismus in kurzen Hosen. Einiges härter recherchiert hier wie meistens der Ein-Mann-Finanzblog «Inside Paradeplatz». Lukas Hässig liest nämlich regelmässig die «Financial Times».

Die hat gerade vermeldet (Artikel hinter Bezahlschranke): «US-Parlamentarier haben verlangt, dass die Credit Suisse Einzelheiten über ihren Umgang mit Sanktionen gegen russische Oligarchen offenlegt, nachdem die Bank Investoren aufgefordert hatte, Dokumente im Zusammenhang mit Vermögenswerten ihrer reichsten Kunden zu vernichten.»

Hässig legt nun nach und nimmt sich die Russland-Connection der CS nochmals zur Brust: «Babak Dastmaltschi ist einer der absoluten Bigshots der Credit Suisse. Der Chef für Russland hat der Grossbank am Paradeplatz Jahr für Jahr Millionen an Einnahmen beschert.»

Kredite für Jachten und Jets; auf den Bermudas muss die CS eine Schadenersatzzahlung von 500 Millionen Dollar an Russenkunden befürchten, die von einem CS-Mitarbeiter abgezockt worden waren.

Die Nerven liegen bei der CS blank

Dass gegenüber Hässig die Nerven blank liegen, belegt er selbst mit dem Zitat aus einem Mahnschreiben der bewährten Kanzlei Wartmann Merker. Wenn man von denen Post kriegt, weiss man, dass man auf einer richtigen Fährte ist. Hier wollen sie jede Erwähnung des Namens des «Chairman of Strategic Client Partners and Co-Head of Investment Banking Advisory» untersagen, der sei keine Person der Zeitgeschichte:

«Damit wäre eine namentliche oder anderweitige personenbezogenen Nennung von Herrn Dastmaltschi auf Inside Paradeplatz rechtswidrig.»

FT, IP, und dann kommt lange, lange gar nichts in der Schweiz. Ausser Elend und Wüste. Und das scheinheilige Wundern, wieso man denn ständig zahlende Leser verliere.

 

 

 

Wumms: BBC

Hier wird nicht nur gebasht. Auch getrauert und gelobt.

Nicht ohne Mühe kann man das Anbranden von Schlamm, Schmiere, Hysterie, Kriegsgeschrei und hirnloser Verurteilung statt Erklärung in den elektronischen, digitalen und auch gedruckten Medien aussperren.

Das löst aber nicht das Problem: wo informieren? Da gibt es für alle nicht Fremdsprachenbegabte eine schlechte Nachricht. Auf Deutsch ist Wüste statt Oase. Auch die sogenannten Qualitätsmedien kriegen immer mehr Schlagseite. NZZ, FAZ, «Die Welt», von «Süddeutsche», «Spiegel» und Konsorten ganz zu schweigen: zunehmend unbrauchbar.

Sicher, kräftige Adrenalinstösse putzen die Gefässe durch und halten wach. Aber eigentlich sollte der Sinn von Informationsaufnahme sein, sich ein besser Weltbild machen zu können. Weltbild im Sinn von: Versuch, zu verstehen.

Dagegen gibt es immerhin einen kleinen Lichtblick. BBC, «Financial Times» aus England, «Wall Street Journal», «The Atlantic» und fürs ganz Gehobene «The New Yorker» aus den USA.

Wer hat schon so viel Zeit? Gut, dann BBC. Reicht. Englisch sollte man können? Schon, sonst gibt’s aber inzwischen auch schon ziemlich gute Simultanübersetzungsprogramme. Nicht alle gratis, aber das sollte einem eine verbesserte Sicht auf die Welt schon wert sein.

Wieso können wir das nicht?

Wer richtig melancholisch werden will, mache einen Streifzug durch angelsächsische Medien.

Sicher, der potenzielle Leserkreis ist etwas grösser, wenn man auf Englisch publiziert. Mehr als 360 Millionen Muttersprachler, sicher über 1 Milliarde Menschen, die Englisch als Zweitsprache benutzen oder zumindest verstehen.

Aber Quantität alleine kann’s ja nicht sein, sonst wären die besten Zeitungen der Welt auf Mandarin abgefasst, oder Spanisch, da gibt es fast 550 Millionen Muttersprachler. Dagegen gibt es nur 130 Millionen, die Deutsch beherrschen. Also mehr oder weniger.

Dafür soll es ja angeblich die Sprache der Dichter und Denker sein. Ein Blick in die deutschsprachigen Medien bestätigt das nicht unbedingt. In Deutschland wird die Luft nach FAZ, «Die Zeit», «Die Welt» und halt immer noch «Der Spiegel» recht dünn. Österreich ist zwar das Land der Zeitungsleser im Kaffeehaus, aber eigene Produkte: schaler Kaffee.

Die Schweiz, oh je. Natürlich die NZZ, aber die reisst auch nicht alles raus, und sie steht so schrecklich alleine da. Die «Weltwoche» bietet auf ihre Art mit überschaubaren Bordmitteln jede Woche immer noch mehr An- und Aufregung als die gesammelte Tagespresse. Aber sonst? Erstaunlich, wie spurlos das Schweizer Gebühren-TV und -Radio jährlich 1,45 Milliarden Franken versenkt.

Melancholisch bis depressiv wird man allerdings, wenn man angelsächsische Medien durchblättert oder scrollt.

Da kommt keine Freude auf

«The Guardian», in vielen weltweiten Rankings immer auf den vordersten Plätzen.  Webseite, grafische Aufbereitung von Themen, Vielfalt: top.

Herausgegeben von einer Stiftung; zwar auch gerupft durch die Medienkrise und Corona, aber immer noch miles above von allem, was auf Deutsch erscheint. Kein Wunder, hat sicher eine Riesenauflage, mag man nun denken. Think twice, die Auflage beträgt rund 130’000 Exemplare

Das sind Infografiken, die den Namen verdienen.

Dann hätten wir, daran führt immer noch kein Weg vorbei, «The New York Times». Immer noch eine Referenzgrösse für Qualitätsjournalismus.

Man kann man nur grün vor Neid werden, mit über 1000 redaktionellen Mitarbeitern. 1000. Nicht immer fehlerfrei und sehr parteiisch gegenüber Ex-Präsident Trump, aber weiterhin eine halbe Million Auflage, vor allem aber: profitabler Internet-Auftritt. Es gibt genügend Leser, die bereit sind, für diese Qualität und Breite etwas zu bezahlen. Übrigens auch noch im Wesentlichen in Familienbesitz. Die Sulzbergers sahen die NYT aber nicht in erster Linie als Milchkuh. Im Gegensatz zu den Schweizer Medienclans.

Der NYT-Tower in New York.

Auch die Wirtschaftspresse ist eine Klasse für sich

Die Wirtschaftspresse wird zweifellos vom «Wall Street Journal» angeführt. Längst nicht mehr auf reine Wirtschaftsthemen fokussiert, erscheint das Blatt auf Englisch, Chinesisch und Japanisch. Auflage: über 2 Millionen Exemplare. Mehr, als in der Schweiz insgesamt pro Tag gedruckt wird.

Es ist Pflichtlektüre, Benchmark und absoluter Qualitätsstandard in der Berichterstattung, ein Machtfaktor zudem. So viel geballte Kompetenz muss sicherlich schweineteuer sein, wenn Schweizer Tageszeitungen schon mehr als 300 Franken im Schnitt für die digitale Ausgabe verlangen. Nun ja, ein Jahr WSJ online kostet schlappe 52 Dollar. Einen Dollar pro Woche (nicht pro Monat, wie ein Leser zu Recht monierte).

Dicht gefolgt wird das WSJ vom englischen «Economist» und natürlich der «Financial Times». Im deutschen Sprachraum wurde die FT in letzter Zeit wieder sehr bekannt, weil sie quasi im Alleingang das Schwindelkonstrukt Wirecard entlarvte. Lange Zeit verteidigten deutsche Medien den Konzern gegen einen angeblich ungerechtfertigten Angriff der neidischen Engländer. Bis Wirecard Insolvenz anmelden musste und in aller Hässlichkeit nackt und betrügerisch dastand.

Ein Mosaiksteinchen dabei: Die FT kam auf die naheliegende Idee, mal einen Reporter in Asien zu den Adressen zu schicken, wo angeblich gewaltige Umssätze von lokalen Partnern gemacht wurden. Es handelte sich aber um ein bescheidenes Einfamilienhaus, eine leerstehende ehemalige Autowerkstatt, usw. Kein deutschsprachiges Medium wollte das Geld aufwerfen, dass diese naheliegende Recherche gekostet hätte.

Besser aufkaufen als selber machen

Vor Kurzem hat der deutsche Springer-Verlag «Politico» gekauft. Ein Beispiel der sehr lebendigen US-Medienszene. Eigentlich von bescheidener Auflage (40’000 Exemplare), ausserhalb der Sitzungszeiten des Kongresses erscheint das Blatt nur wöchentlich einmal. Aber im Internet und durch die Konzentration auf die Washingtoner Politik mit 350 Mitarbeitern, ist «Politico» ein Beispiel von neuen Medien. Erst 2007 gegründet, soll Springer dafür angeblich fast 700 Millionen Dollar aufgeworfen haben.

Solche Neugründungen gibt es zu Hauf; die «Huffington Post» ist wohl das bekannteste Beispiel, obwohl sie mit Internationalisierung und der Eroberung des deutschsprachigen Marktes scheiterte.

Dann gäbe es noch den «New Yorker», «The Atlantic», «Mother Jones», den «Rolling Stone», «Vanity Fair», weitere exzellente Tageszeitungen, darunter auch die «India Times», und, und, und. Es gibt Experimente wie «Substack», eine Plattform für die vielen Tausend Journalisten, die auch in den USA ihre Stelle verloren in den letzten Jahren. Hier  gibt es moderne Mittel zur Distribution. Im deutschen Sprachraum wird das Pausenzeichen gesendet.

Schweizer Medienmanager (Symbolbild).

Es gäbe noch Dutzende von weiteren Beispielen, aber wir sind schon depressiv genug und lassen es dabei bewenden. Aber so viel zum Thema, dass die digitale Transformation in der Schweiz nur mit gewaltigen Staatshilfen gestemmt werden könne. Das ist nichts anderes als: der Steuerzahler soll für die Unfähigkeit der wohlbezahlten Medienmanager und der geldgierigen Besitzerclans abdrücken.

Auch Dürer wusste, was Melancholie ist.