«Das Magazin» ist krank
Gibt es noch anderes als ausgedehnte Innenschau?
Eine anonyme Autorin bekommt keinen Orgasmus. Nach oder während einer Schreibtherapie bekommt sie ihn dann doch. Während der Leser das Gejammer 32’000 A lang erdulden muss. Wenn er nicht unterwegs abschlafft.
Da geht doch noch was. Frederik Jötten ist «Biologe und Journalist». Der hat so seine Probleme mit der Schweiz: «Im Moment ist es eigentlich undenkbar, als Deutscher Winterferien in der Schweiz zu buchen», jammerte er 2020.
Gerne teilt er alle seine Zipperlein mit der Umwelt. So lässt er den Leser am Sieg über seine Rückenschmerzen teilhaben. Und er deckt sich am Strand mit Bettlaken zu – Vorsorge gegen Hautkrebs.
Damit beschallt er regelmässig deutsche Gazetten. Und nun mal wieder das einstmals angesehen «Magazin» des Hauses Tamedia. Das bemüht sich, das Niveau des Kopfblattsalats, dem es beigelegt wird, zu unterbieten. Mit Erfolg.
Dank den Bettlaken hat Jötten keinen Hautkrebs. Dafür aber Schilddrüsenkrebs. Auf diese Entdeckungsreise, wie kam es denn dazu, wie hat er’s erfahren, was kann man machen, was sagen die Fachleute, nimmt der Autor den Leser auf sagenhaften 44’670 A mit.
Es beginnt harmlos, aber doch irgendwie unheilschwangre: «Die ersten Hinweise, dass ich Krebs haben könnte, nahm ich nicht ernst.»
Wer bis zum Ende durchhält, wird mit diesen Erkenntnissen belohnt:
«Nach heutigem Wissensstand ist mein Lebensstil gesund, ich mache auch das Hautkrebsscreening und die Darmkrebsvorsorge per Darmspiegelung. Das Einzige, was ich seit der Diagnose verändert habe: Ich meide Lokalitäten, in denen geraucht wird, noch mehr als vorher.»
Er teilt auch dieses Erlebnis mit dem Leser: «Ich gehe jetzt mit meiner Familie ins Schwimmbad. Natürlich sind wir alle mit Sonnencreme Faktor 50 eingecremt.» Die arme Familie, das arme Schwimmbad.
Auch wenn sich Jötten nach Kräften bemüht, dem Titel seiner Darm-, Pardon, Selbstbespiegelung, nachzurennen, muss er doch gegen Ende eingestehen: «Stand heute bin ich also geheilt, nach einer OP, die ähnlich harmlos ist wie eine Blinddarmentfernung, während viele andere Patienten mit dem Tod kämpfen und unter den Folgen von Chemotherapien und Bestrahlungen leiden.»
Man könnte sein Gedöns auch einfach so zusammenfassen: bei einer Routineuntersuchung wird ein Knoten in der Schilddrüse festgestellt. Genauer abgeklärt, operiert, und gut ist.
Aber so könnte der Autor ja kein Geld mit dem Entäussern von Innerlichem verdienen. Vielleicht, kleiner laienhafter Therapievorschlag, könnte sich Jötten mal mit dieser Diagnose beschäftigen:
Menschen wie er pflegen eine ständige Beschäftigung mit dem eigenen Körper. Sorgen bezüglich vorhandenen oder eingebildeten Krankheiten nehmen viel Zeit und Energie in Anspruch. Ein Mensch, der sich am Strand mit Bettlaken zudeckt und seine ganze Familie zwingt, nur mit hohem Lichtschutzfaktor ins Schwimmbad zu gehen, zeigt deutliche Anzeichen von Hypochondrie.
Allerdings, das muss man Jötten lassen, hat er ein ziemlich erfolgreiches Geschäftsmodell daraus gemacht. Es braucht nur eine gewisse Unerschrockenheit und Schamlosigkeit, wenn man der Umwelt tiefe Einblicke in den eigenen Körper, seine Ängste, seine Erkrankungen und seine Therapien gibt.
Bei dieser Bekenntnislaberei gibt es natürlich verschiedene Ebenen. Zipperlein und Krankheiten im weiten Sumpfgebiet der «schonungslosen Beichte» sind sehr beliebt. Unvergessen der «Penisbruch», über den sich Dieter Bohlen beklagte.
Francine Jordis Brustkrebs. René Rindlisbachers Herzfehler und Depressionen. Linda Gwerders Morbus Bechterew.
Dazu natürlich Herzschmerz, entlaufene oder verstorbene Haustiere (unvergessen der Kampf um Léon Hubers Pudel) oder angeblich verstörende Erlebnisse, mit denen sich C-Promis wie Irina Beller in die Gazetten drängen.
All diese Eintagsfliegen haben wenigstens einen Vorteil: sie sind schnell erzählt und kurzlebig. Aber fast 45’000 A über eine Schilddrüse?
Damit gründelt «Das Magazin» unterhalb seines begleitenden Kopfblattsalats. Und das muss man erst mal schaffen.
