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Selbstkritik? Igitt, pfui

Aber doch nicht bei den transparenten selbsternannten Demokratierettern.

Endlich ist der Deckel vom Dampfkochtopf geflogen. Der jüngste Untersuchungsbericht belegt schonungslos das Versagen aller Beteiligten beim Zürcher Herzklinik-Skandal mit wohl über 70 vermeidbaren Todesfällen.

Nun wird natürlich geeiert und verwedelt und geschwiemelt. Der «Tages-Anzeiger», der eine gewisse Rolle bei der Aufdeckung dieses Skandals spielte, gibt Regierungsrätin Natalie Rickli Gelegenheit zur Weisswäsche. Peinlich. In der «SonntagsZeitung» darf die aktuelle CEO Monika Jänicke ihre Sicht der Dinge darlegen. Na ja.

Richtig schmerzlich peinlich wird’s aber, wenn man die Berichterstattung der «Republik» vom März 2021 anschaut. Die Gefahr ist allerdings nicht allzu gross, dass das viele tun. Denn in ihrer Trilogie «Zürcher Herzkrise» haben die drei Autoren Philipp Albrecht, Dennis Bühler und Brigitte Hürlimann sagenhafte 134’159 A darauf verwendet, den Skandal völlig falsch darzustellen.

Nimmt man noch einen Nachbrenner von Mitte März dazu, in dem die «Republik» ihrem Lieblingsfeind Tamedia eine reinwürgt, sind es sogar 146’193 A. Das war schon damals unerträglich, heute kommt noch erschwerend hinzu, dass sich diese angeblichen Cracks völlig verrannt hatten.

Sie ätzen gegen ihre Kollegen «Das Tamedia-Recherche­desk reagierte mit einem Gegen­angriff», als handle es sich hier um Kampfhandlungen und nicht um die Aufdeckung eines Skandals.

Der Whistleblower André Plass, der den Skandal ins Rollen brachte, der dadurch Stelle und Karriere verlor und dem heute sogar von er CEO des Unispitals gedankt wird, wurde von der «Republik» damals so abgekanzelt: «er soll im Team ein aufbrausendes, unkollegiales Verhalten gezeigt haben.  … Manche beschreiben ihn gar als «gefährlich»».

Der fehlbare und geldgierige Chefarzt mit Professortitel, aber ohne Doktortitel Francesco Maisano wird hingegen in den Himmel geschleimt: «An Maisanos Fähigkeiten als Chirurg, Akademiker und Innovator zweifelt fast niemand, weder Freund noch Feind

Im Licht der heutigen Erkenntnisse geradezu brüllend komisch, wenn es nicht so tragisch wäre. Aber die «Republik» legte noch einiges drauf:

«Von einem übermässigen Einsatz der Devices, an denen Maisano beteiligt ist, kann keine Rede sein. Im Gegenteil: Es werden am USZ erstaunlich wenige davon implantiert. Die klinische Forschung verläuft regelkonform.

Maisano ist an 7 Firmen beteiligt. Das ist zwar eine stattliche Zahl, aber nicht verboten.

Mit 12 weiteren Firmen hat der Herzchirurg Berater­verträge abgeschlossen. Auch das ist nicht wenig, aber mehr als zwei Drittel der Einnahmen daraus fliessen ans USZ und an die Universität.»

Das Laberblatt schafft es tatsächlich, auf fast 150’000 A den Begriff Cardioband nur zweimal Mal zu verwenden. Stattdessen ist schönfärberisch von «Devices» die Rede.

Eine Redaktion, die noch ein wenig Ehre im Leib hätte, würde nach einer solchen Peinlichkeit sich selbst kritisieren und ihre Leser um Entschuldigung bitten. Am besten durch einen Mitarbeiter, der mit dieser völlig verschriebenen Monsterstory nichts zu tun hätte.

Aber doch nicht die Korrektmenschen vom Rothaus. Da darf die Mitautorin Hürlimann «eine Reflexion über unsere Berichterstattung» absondern. Über unsere? Ja, auch über ihre eigene.

Zunächst werden die Erkenntnisse des Untersuchungsberichts ellenlang referiert – am 8. Mai, als hätten das selbst verschnarchte «Republik»-Leser nicht schon längst mitgekriegt. Aber auch hier gilt: wenn man eigentlich nichts zu sagen hat, sagt man’s auf 12’675 A.

Nach mehr als 9000 Buchstaben kommt Hürlimann endlich auf die Berichterstattung der «Republik» von damals zu sprechen: «Im März 2021 nahm sich auch die Republik der Vorkommnisse am Universitätsspital an.»

So, so. Ein «dreiköpfiges Autorinnenteam schilderte, … berichtete … thematisierte … beleuchtete die Frage …» und Blabla. Dann kommt Mitautorin Hürlimann etwas mehr zur Sache. Sie habe die beiden «Protagonisten» ins Zentrum gerückt: «Klinikdirektor Maisano, der in Mailand als Chefarzt an der Klinik San Raffaele in Mailand nach wie vor am Herzen operiert, und Whistleblower Plass, der heute für die SVP im Kanton Schwyz politisiert und regelmässig fürs Portal «Inside Paradeplatz» schreibt.»

Na, lieber Leser, wer von beiden ist wohl der Sympathischere? Von wem würden Sie sich am Herzen operieren lassen? Hm? Einmal raten, bitte.

Damals habe es eine «Medienlawine» gegeben, daran angeknüpft die pseudo-selbstkritische Frage: «Aber war die Republik nicht Teil dieser «Lawine»

Aber nein, weiss Hürlimann heute noch: «Unsere Berichterstattung deckt sich im Wesentlichen mit den Erkenntnissen einer Untersuchung, die von einer Subkommission des Zürcher Kantonsrats durchgeführt und zeitgleich mit unserem ersten «Herzkrise»-Artikel publiziert wurde.» Dass diese Untersuchung reine Weisswäscherei war, ungenügend, inkompetent und dermassen schlecht, dass sie dringend durch den aktuellen Untersuchungsbericht ersetzt werden musste – kein Wort drüber.

Also kein Hauch einer Selbstkritik? Doch, aber wirklich nicht mehr als ein Hauch, die Antäuschung eines Hauchs:

«Aus der Distanz und unter Berücksichtigung der neuesten Untersuchungsergebnisse stellen wir von der Republik fest: Zwar hat sich unsere systemische Kritik bestätigt – die Leitungsorgane des Universitätsspitals haben während der «Zürcher Herzkrise» total versagt. Zu optimistisch aber beurteilten wir die Innovationen und Intentionen von Klinikdirektor Maisano.»

Zu optimistisch? Das ist eine geradezu nordkoreanische Umdeutung eines krachenden Versagens. Das ist so, wie wenn ein Boxer k.o. geschlagen wird, und nach dem Aufwachen sagt: ich habe den Ausgang des Kampfes wohl zu optimistisch beurteilt. Das ist nicht mehr peinlich, das ist lachhaft.

Aber nicht mal so kann es Mitautorin Hürlimann stehen lassen: «Wir taten das auf der Grundlage zahlreicher Gespräche mit Herzspezialistinnen und der bis zu diesem Zeitpunkt vorliegenden Untersuchungen von Medizinerinnen oder von der Anwaltskanzlei Walder Wyss.»

Tja, aufgrund von viel weniger Gesprächen kamen andere zu ganz anderen, richtigen Ergebnissen in der Recherche.

Der Gipfel der Unverschämtheit ist aber, dass die «Republik», also die mitschuldige Autorin Hürlimann, Maisano heute noch in Schutz nimmt. Der äussere sich schliesslich im Untersuchungsbericht so:

«Der Mailänder Herzchirurg kritisiert in erster Linie die Zusammensetzung der Untersuchungskommission. Es fehle an interventionellen Kardiologen und damit an jenen Fachleuten, die seine Methoden korrekt beurteilen könnten. Diese unterschieden sich «grundlegend von der konventionellen Herzchirurgie». Und nicht zuletzt betont Maisano, die therapeutischen Entscheide seien stets von multidisziplinären Herzteams getroffen worden

Aus Geldgier ein dysfunktionales Cardioband verwendet, das zum Tod von zahlreichen Patienten führte und den Geldbeutel des Chirurgen durch den Verkauf des Patents füllte. Das wäre die Wahrheit. Aber die hat in der «Republik» schlechte Karten, keinen Platz.

Man kann mal daneben hauen. Aber auch noch Jahre danach im Licht der heutigen Erkenntnisse als Mitschuldige diese Schönschreibübung abliefern, das ist grotesk.

Das ist etwa so, wie wenn Relotius im «Spiegel» über seine Artikel räsonieren dürfte – oder Heidemann über die Hitler-Tagebücher im «stern». So wird der Bock zum Gärtner gemacht, wenn man das heutzutage über eine Frau noch sagen darf.

Tagi oberpeinlich

Was wollten Sie zum eigenen Versagen schon immer mal sagen, Frau Rickli?

Gleich zwei Journalisten bot das Kompetenzzentrum für Qualitätsjournalismus an der Werdstrasse auf, um Regierungsrätin Natalie Rickli Gelegenheit zu geben, unbehelligt von kritischen Fragen in geradezu obszön-peinlicher Weise Weisswäscherei in eigener Sache zu betreiben.

Was Fabienne Sennhauser und Stefan Häne hier abgeliefert haben, ist an Fremdschäm-Faktor höchstens durch die Schmiere der «Republik» aus dem Jahr 2021 («Zürcher Herzkrise – eine Trilogie») zu übertreffen.

Schon bei der Antwort auf die erste Frage des Tagi, ob man sich mit gutem Gefühl im Unsipital Zürich behandeln lassen könne, tun sich Abgründe auf: «Mein Partner musste sich vor zweieinhalb Jahren einer schweren Herzoperation unterziehen. Diese wurde in der USZ-Herzklinik durchgeführt – ich glaube, das sagt alles.»

Nein, das sagt nichts, müsste da jeder Journalist mit etwas Ehrgefühl im Leibe replizieren, denn zu dieser Zeit war der skandalumwitterte Arzt Francesco Maisano schon längst Geschichte. Also was soll das?

Aber hier wird nicht Journalismus betrieben, wird kein Interview als harte, aber faire Gelegenheit zur Stellungnahme geführt, sondern es wird geschleimt. Denn auch diesen Satz darf Rickli ohne Widerspruch sagen:

«Wir haben alles gemacht, was uns rechtlich möglich war

Das ist nun grob unrichtig. Denn wie alle anderen Beteiligten am Skandal hat auch Rickli entweder nichts getan – oder alles, um den Skandal als Ausdruck von klinikinternen Querelen herunterzuspielen. Sie bezweifelte sogar die Kompetenz des Whistleblowers André Plass, der so unermüdlich wie vergeblich auf die erschütternde Todesrate und das Wirken von Maisano, seine Geldgier, hingewiesen hatte. Das brachte Rickli eine Anzeige wegen Verleumdung ein, auf die die Staatsanwaltschaft aber nicht eintreten mochte.

Statt ihr eine Liste von eigenem Versagen vorzulegen, wird es Rickli gestattet, sich zu wiederholen: «Ja, ich trage die politische Verantwortung für das USZ. Als Gesundheitsdirektorin bin ich die Eigentümervertreterin. Aber ich war erst ab Mai 2019 im Amt, und ich kann sagen: Nachdem ich im Januar 2020 erstmals von den Vorwürfen erfahren hatte, habe ich gemacht, was möglich war

Statt nachzufragen, was denn möglich war, und vor allem, wieso ihr so vieles unmöglich war, schleimt sich der Tagi mit der nächsten Frage wirklich unappetitlich an die Politikerin ran: «Leiden Sie in solchen Tagen wie jetzt an Ihrem Amt

Darauf kann Rickli, ganz Staatsfrau, mit getragenem Pathos antworten: «Als Regierungsrätin verpflichtet man sich, Verantwortung zu tragen. Und ich glaube, dass ich Verantwortung übernehme, das habe ich auch in der Corona-Zeit gezeigt

Statt auch hier nachzuhaken und zu fragen, wie genau Rickli denn in der Corona-Zeit Verantwortung übernommen habe (oder welche Vorwürfe man ihr zu diesem Thema machen könnte), arbeiten die beiden Journalisten einfach ihren Fragenkatalog ab und wechseln ansatzlos zum vom Konkurs bedrohten Spital Wetzikon.

Abgehakt, nächstes Thema: Rickli for Bundesrat? Muss man solche Worthülsen wirklich dem gepeinigten Leser servieren? «Ich habe nie gesagt, dass ich das Bundesratsamt anstrebe. Das tue ich auch jetzt nicht.» Ungeschoren kommt sie auch mit der verklausulierten Fortsetzung davon, mit der sie im Prinzip ihre Kandidatur anmeldet: «Sollte Bundesrat Parmelin eines Tages zurücktreten, würde ich mir das zum gegebenen Zeitpunkt allenfalls überlegen

Im vorherigen Artikel hat ZACKBUM die Arbeit von «Inside Paradeplatz» zum Thema gewürdigt, insbesondere auch die Kritik am mangelhaften und fragwürdigen Verhalten von Rickli. Wieso kommt hier beim Tagi nichts davon zur Sprache?

Es ist natürlich möglich, dass Rickli als gewiefte Politikerin Bedingungen für das Interview stellte, es ist möglich, dass sie oder ihre Kommunikationsabteilung beim Autorisieren kräftig den Weichspüler auf den Text gossen.

Wäre das so, hätte das der Tagi offenlegen – oder am besten auf die Publikation dieses Tiefpunkts in der Geschichte des Interviews verzichten müssen. Alleine das Schamgefühl hätte die beiden Autoren dazu veranlassen sollen, dringlich davon abzuraten, diese Selbstbeweihräucherung einer überforderten Politikern zu publizieren.

Aber eben, im heutigen Elendsjournalismus ist das Elend der Normalfall geworden.

Chronik eines angekündigten Skandals

Am Unispital Zürich starben 70 Herz-Patienten, die anderswo überlebt hätten. Strippenzieher waschen weiter ihre Hände in Unschuld.

Von Isabel Villalon*

«Inside Paradeplatz» zeigt wieder einmal, wie kompetenter Journalismus geht. Mit dem folgenden Artikel und der Kritik an der verantwortlichen Regierungsrätin Natalie Rickli, die derweil im «Tages-Anzeiger» Weissewaschen betreiben darf. 

Es gibt Beiträge, die möchte man gar nicht erst schreiben. Man tut es doch, der Öffentlichkeit zuliebe, der Gesellschaft zuliebe, den Schwächeren zuliebe.

Spulen wir den Film zurück.

Im Jahr 2006 gründet der Israeli Yossi Gross zusammen mit seinem Vater Amir das Medtech-Start-up mit dem Namen Valtech Cardio Ltd. in Or-Yehuda, einem Vorort von Tel Aviv.

Gross entstammt aus dem Dunstfeld des Investors Eyal Liftschitz, Besitzer des israelischen Investment Fonds Peregrine Partners.

Liftschitz steuert das Grundkapital von lediglich 1,5 Millionen US Dollar für die Valtech Cardio Ltd. und hält 10 Prozent an der Unternehmung.

Vater und Sohn Gross dürften weit grössere Beteiligungen halten – Mehrheitsbeteiligung.

Und nun der Zeitsprung.

Im Jahr 2011 beteiligt sich der italienische med. pract. Francesco Maisano (weder doktoriert noch habilitiert) an der immer noch eher mickrigen israelischen Valtech Cardio Ltd.

In welchem Umfang?

Wieviele Aktien-Optionen er für seine Mitarbeit an der Entwicklung des zukünftigen Star-Produkts „Cardioband“ vertraglich zugesichert bekam, bleibt unbekannt. Noch.

Die versprochenen Aktien-Optionen dürften jedoch erklecklich gewesen sein, denn Maisano gibt Vollgas.

Einerseits nutzt er als Leiter der Herzklinik des Universitätsspitals Zürich (USZ) das Renommee der Klinik, um weltweit bei potentiellen Käufern der Valtech Cardio Ltd. mit CEO Yossi Gross auf Roadshow zu gehen.

(Entsprechende Roadshow-Präsentationen liegen auf meinem Schreibtisch.)

Andererseits setzt er das noch zu wenig erforschte Implantat Cardioband, an dem er als Erfinder mitwirkte, bei Patienten am USZ ein. Zu vielen Patienten.

Auch in Deutschland findet Valtechs Cardioband handverlesene, willige Operateure. Das Ziel ist, möglichst rasch das „CE Zertifikat“ für das Implantat zu erhalten.

Warum? Kasse.

Doch darauf kommen wir später zurück.

Die Leser werden sich nun sicher fragen: Dürfen experimentelle Implantate einfach so auf Schweizer Patienten losgelassen werden?

Nun, das System sieht sogenannte Einzelfallbehandlungen vor. Diese bedürfen einer vorgängigen Bewilligung von Swissmedic und der kantonalen Ethikkommission.

Diese zwei Organisationen haben sämtliche Cardioband-Eingriffe des med. pract. Maisano durchgewunken.

Warum?

Eine Frage lautet: Wurden zentrale Informationen seitens Maisano den Bewilligungsgebern vorenthalten?

Erstaunlich ebenfalls, dass den zuständigen Regierungsräten als obersten Aufsehern über die Zürcher Spitäler die vielen Sonderbewilligungen für Einzelfallbehandlungen mit experimentellen Implantaten an der Herzklinik des USZ nicht zugetragen wurden.

Kontrollmechanismen?

Anfang 2017 kauft die kalifornische Edwards Lifesciences die kleine Valtech Cardio Ltd. Die israelische Tageszeitung Haaretz erklärt triumphalisch: „Israel‘s Valtech sold for as much as 1 Billion US Dollar.“

Up-Front Zahlung von 340 Millionen, Restzahlungen gemäss abgemachten Milestones. Einer davon: Erhalt des „CE Zertifikats“ für das Cardioband, 50 Millionen Dollar Zahlung.

Kassiert.

Laut Angaben der israelischen Presse seien eigentlich nur 70 Millionen US Dollar in die diversen Produktentwicklungen der Valtech investiert worden (gemäss Eigenangaben des CEO). Geniales Geschäft.

Auf Kosten von wem?

Der renommierte Herzchirurg Professor Thierry Carrell traut im April 2018 seinen Augen nicht, als er in das Herz eines Cardioband-Patienten schaut.

Im Vorhof der linken Herzkammer zwei lose Schrauben aus Titan, je sechs Millimeter lang. Mit jeder Pumpbewegung des Herzens kullern sie herum.

Wer das überlebt hat einen Sechser im Lotto gewonnen.

Dr. med. André Plass, der spätere Whistleblower, schreibt einen Brief mit schwersten Vorwürfen zulasten Maisano an die Gesundheitsdirektion und an USZ-CEO Gregor Zünd.

Daraufhin wird der Whistleblower in bekannter Salamitaktikmanier plattgemacht. Karriere beendet. Ziviler beruflicher Tod auf Raten.

Die Cover-Up-Maschinerie des Kantons Zürich beginnt leise in den Hinterhöfen der Macht, wie eine träge, tonnenschwere Walze, zu dampfen. Böswillig, langsam, je nachdem beides.

Im Juni 2020 reicht Erika Ziltener, damalige Leiterin der Patientenstelle des Kantons Zürich, Strafanzeige gegen Francesco Maisano bei der Staatsanwaltschaft des Kantons ein.

Sorgfaltspflichtverletzung, begangen vom Chef der USZ-Herzklinik Maisano. Antwort? Nichtanhandnahme.

Der Tages-Anzeiger rollt den Fall auf, dieses Medium bleibt ebenfalls am Ball. Immer wieder erscheinen Artikel.

Kritisch werden die Maisanos Aktivitäten hinterfragt. Seit dem Jahr 2020 hat Regierungsrätin Natalie Rickli ein vollumfängliches Maisano Dossier auf ihrem Tisch.

Antwort? Volle Deckung.

Sprich, bezahlte Anwälte für eine interne Untersuchung aufbieten. In diesem Fall Walder Wyss und Partner.

Diese winden und würgen sich in ihrem Bericht durch – so gut, wie es halt der kaputte Sachverhalt erlaubt.

Lassen die Kardinalfrage jedoch aus: Wieviele Millionen kassierte Francesco Maisano aufgrund des Verkaufs von Valtech Cardio Ltd. an Edwards Lifesciences, deren erklärter Kaufgrund das „Star-Produkt“ Cardioband war?

Auch der Zürcher Kantonsrat wird als wichtiges Cover-Up-Zahnrad gebraucht. Unter dem Vorsitz einer FDP-Frau, Arianne Moser, kommt die Subkommission USZ zu einem Schluss, der nicht das Papier wert ist, auf das es gedruckt wurde.

Die Äffare Maisano sei eine Art Hahnenkampf unter Ärzten. Whistleblower gegen Maisano. Surreale Welt der dunklen Zürcher Machtstuben, wie eingangs erwähnt.

Trotzdem, Spitalrats-Präsident Martin Waser wird von Rickli in Pension geschickt, USZ-CEO Zünd darf bleiben.

Unter Zünd wirkt Maisano in der Herzchirurgie und darf nach Auffliegen des Skandals mit höchsten Tönen und Ehren zurück nach Italien gehen.

Es folgt ein weiteres offenbarendes Kapitel. Der Nachfolger Maisanos an der Herzklinik, Professor Paul Robert Vogt, muss im April 2024 vors ein Zürcher Gericht, wegen eines gegen ihn angestrengten Prozesses in einem anderen Fall.

Die Bezirksrichterin sprach Vogt vollumfänglich frei. Doch Vogt sagt in seinem Plädoyer:

Im Zeitraum von 2016 bis 2020 sind 150 Patienten unter fragwürdigen Umständen verstorben, es herrschte unethisches und kriminelles Verhalten an der USZ Herzklinik.“

Die Antwort der Gesundheitsdirektion des Kanton Zürich in üblicher Manier. Mauern.

Die Vorfälle seien schon alle untersucht worden. Punkt.

Doch so einfach liessen sich die Aussagen vor Gericht des Nachfolgers von Maisano nicht in den Wind schlagen. Die ganze Affäre drohte dem System Zürich vollkommen zu entgleiten.

Eine vollständige, wirklich unabhängige Untersuchung musste her, bevor es zu noch grösseren Reputationsschäden für die Zürcher Institutionen kommt – schliesslich ist die Schweiz ja auch ein Rechtstaat.

Oder nicht?

Der Spitalrat als direktes Aufsichtsorgan des USZ beauftragt im August 2024 den ehemaligen Bundesrichter Niklaus Oberholzer mit der Führung einer unabhängigen Untersuchungskommission.

Deren dramatische Schlussfindung und die Entschuldigung des Spitalrates für das Geschehen sind seit gestern bekannt.

Und nun, welche Fragen stellen sich? Warum hat das System Kanton Zürich so lange die Cover-Up-Maschinerie walten lassen?

Warum ist Regierungsrätin Natalie Rickli noch auf ihrem hochdotierten Posten? Warum hat die Staatsanwaltschaft Zürich seit 2020 nichts unternommen (trotz Strafanzeige seitens Patientenstelle Zürich)?

Welches surreale Spielchen trieb Arianne Moser, ehemalige FDP-Kantonsrätin, Zuständige für die USZ-Subkommission im Parlament, heute im VR der zur AG mutierten ehemaligen Kantonsapotheke?

Weshalb winkten sowohl die kantonale Ethikkommission als auch Swissmedic die Sonderbewilligungen für nicht erprobte Implantate in solcher Anzahl durch?

Wer wird nun die Angehörigen der Verstorbenen und die lebenslang Geschädigten entschädigen? Mit wessen Geld?

Eine Schlussbemerkung für die Staatsanwaltschaft Zürich: Israel liefert keine eigenen Staatsbürger aus.

Im Fall Italien könnte eine Auslieferung an die Schweiz verweigert werden, müsste aber nicht. Selbstverständlich gilt für alle Beteiligten die Unschuldsvermutung.

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*Der Artikel erschien zuerst auf «Inside Paradeplatz». Mit freundlicher Genehmigung.

Wer deckte den Herz-Skandal auf?

Raphaela Birrer lehnt sich zu weit aus dem Fenster.

Wie begossene Pudel stehen all die Politiker (und einige Journalisten) da, die den Skandal an der Herzklinik der Uni Zürich den Medien in die Schuhe schieben wollten – oder ihn kleinreden und vernütigen.

Mindestens 70 tote Patienten zu viel, schwere Verfehlungen, ein geldgieriger Chefarzt, der ungehemmt walten und wüten konnte, versagende Aufsichtsorgane bis in die Regierung: es ist ein veritabler Skandal, dessen Aufarbeitung viel zu lange gedauert hat. Inzwischen dreschen natürlich alle auf den Ex-Klinikchef Francesco Maisano ein.

Viel zu leise wird aber der Whistleblower André Plass gelobt, der unermüdlich und ungehört auf die unerträglichen Zustände hinwies – und das mit dem Verlust seiner Stelle bezahlen musste. Und der Herzchirurg Paul Vogt, der unerschrocken und öffentlich darauf hinwies, dass es unter seinem Vorgänger viel zu viele Tote gab – was ihm eine Anzeige und einen Freispruch auf ganzer Linie einbrachte.

Unerschrocken meldete sich auch Tamedia-Oberchefredaktorin Raphaela Birrer mit einem ihrer gefürchteten Kommentare zu Wort:

Die Zeit der Götter in Weiss ist schon längst vorbei – nur nicht am Unispital Zürich. Und ob sie dort vorbei ist, ist angesichts weiterer Skandale doch sehr die Frage.

Auf jeden Fall stapelt Birrer die üblichen Betroffenheit-Vokabeln aufeinander: «… noch schlimmere Missstände … Ausmass der Verfehlungen ist schockierend … komplett versagt … Zahl der Todesfälle erschütternd … für die Opfer zu spät …»

Um mit dem üblichen Blabla zu enden: «Immerhin scheinen mit dieser umfassenden Ausleuchtung die Weichen dafür gestellt, dass sich ein derart weitreichendes und tödliches Systemversagen nicht wiederholt.»

Ach ja? Mit vielen Jahren Verspätung? Im zweiten Anlauf? Wobei am Unispital nach dem Skandal vor dem Skandal ist. Stichwort Urologie, allgemeine Governance-Schwächen, Defizite in Führung und Kontrolle, ungehemmte Bereicherung auf der Chefetage.

Allerdings nimmt man es auch bei Tamedia mit der Wahrheit nicht allzu genau. So behauptet Birrer kühn:

«Der «Tages-Anzeiger» hatte die Missstände im Mai 2020 erstmals publik gemacht.»

Das liegt nun höchstens noch knapp im Streubereich der Wahrheit. Denn bei diesem Artikel ging es lediglich um mögliche Beschönigungen der Anwendung dieses Cardiobands, mit dessen Erfindung sich der Klinikchef eine goldene Nase verdiente, wobei es vom Käufer heute nicht mehr hergestellt wird – untauglich.

In diesem Artikel ging es in keinem Wort um erhöhte Mortalität, es war mehr so ein Einzelschuss ins Blaue.

Denn der erste Artikel war eine breite Recherche der deutschen «Welt am Sonntag», die am 2. Juli 2023 erschien. Intern waren die Probleme schon seit 2019 bekannt – ohne dass etwas unternommen wurde.

Am Tag darauf zog Tamedia online nach. Dabei wurde der Konzern aber vom Finanzblog «Inside Paradeplatz» abgetrocknet, der schneller war. Die richtige Aufarbeitung erfolgte dann erst am 9. Juli in der «SonntagsZeitung».

Und anschliessend räumte Lukas Hässig auf IP den beiden Exponenten Plass und Vogt immer wieder breiten Raum ein, ihre vernichtende Kritik zu äussern – wobei das Unispital und die politisch Verantwortlichen erbitterte Gegenwehr entfalteten. Auch ZACKBUM beteiligte sich an der Debatte und übernahm auch immer wieder Beiträge aus IP.

Ende Juni 2024 legte die WamS dann nach. Unter dem Titel «Ein Gewinn fürs Herz», rollte sie nochmals den Skandal an der Herzklinik des Unispitals Zürich auf. Auf 35’000 A sezierte das deutsche Blatt die unglaublichen Zustände in Zürich und das Versagen bei der Aufarbeitung. Regierungsrätin Rickli verlangte damals übrigens eine «Richtigstellung» von der WamS – die sie natürlich nicht bekam, weil die Recherche wasserdicht war.

Also herrscht nun allerorten echte oder geheuchelte Betroffenheit – und ein rette sich, wer kann, aus der Verantwortung.

Tamedias Birrer legt noch ein Scheit drauf und brüstet sich mit Lorbeeren und Meriten, die ihrem Medienhaus sicher nicht zustehen.

Lob der NZZaS

Wo bleibt das Positive? Hier ist es.

Sommerloch. Sonnenloch. Wer kann, benützt den kommenden 1. August, um seine Ferien zu verlängern. Schlechte Voraussetzungen, um eine gute Sonntagszeitung zu machen. Die «NZZamSonntag» vom 27. Juli 2025 setzt ein Zeichen dagegen. Im Regen bei frischen Temperaturen statt Rekordhitzesommer.

Das Misslungene ist schnell aufgezählt. Das Editorial von Beat Balzli, der in einem kühnen Bogen Goethe, den Rollkoffer und den Tourismus in der Schweiz zusammennagelt. Er hätte besser Ferien gemacht. Und Nicole Althaus schreibt über üppige Busen, vor allem operierte. Der sei «wie immer politisch». Auch ihr würden Ferien guttun.

Aber sonst? Eine Aufarbeitung des «Kriegs um die Wahrheit». Die kennt niemand, ausser Gläubige. Aber Julian Heissler fügt die Mosaiksteine zusammen, wie Donald Trump, auf dem Weg zu einer modernen Autokratie, neben Justiz und FED auch die Medien kleinkriegen will, wenn sie ihm Unliebsames veröffentlichen.

Karin A. Wenger und Malak Tantesh haben es gewagt, den Chefstatistiker der Gesundheitsbehörde der Hamas im Gazastreifen zu besuchen. Deren Zählung von Toten durch die Zerstörungsaktionen der israelischen Armee (bislang 59’733 Tote und 127 Hungertote, darunter 85 Kinder) ist hochumstritten. Von Israel ohne Gegenbeweise als Propaganda abqualifiziert, zeigt dieser Bericht zumindest, dass trotz beschränkten Möglichkeiten versucht wird, möglichst akkurate Zahlen zu liefern. Hingehen, die andere Seite zu Wort kommen lassen, So soll Journalismus sein.

Ein Hintergrund zur Anklage gegen die schön blöde Provokateurin Sanija Ameti. Ein Interview mit Charles Lewinsky, der eigentlich immer Interessantes zu sagen hat. Eine Analyse über verheerende Auswirkungen von Chat-AI auf psychisch labile Menschen. Gut, von der «New York Times» übernommen, dafür sehr lesenswert. Auch wegen der Breite der Aufarbeitung, die wieder mal den Unterschied zwischen angelsächsischem Journalismus und dem meist flachbrüstigen (Pardon, Althaus) deutschsprachigen zeigt.

In der «Wirtschaft» ein Hintergrund zur weltgrössten Reederei MSC mit Stammsitz in Genf. Eine dem Zeitgeist geschuldete «Checkliste für Büroromanzen». Selbst die Kolumne «Geld & Geist» ist lesenswert, wenn Tobias Straumann schreibt und die Geschichte der Staatsverschuldung von der Französischen Revolution her aufrollt.

Eine Analyse des «Golden Dome», Trumps Weltraumprojekt in der Tradition von Ronald Reagans «Star Wars». In der «Kultur» eine Sektion «Utopien», Anti-Dsytopien, interessant aufbereitet. Wohltuend, wenn Peer Teuwsen in den Ferien ist. Mitsamt Trouvaille: wer wusste, dass Kooperative Longo maï immer noch existiert? Da lohnte sich ein «Ausflug in den Jura». Die geschrumpfte Kultur wird von Gerhard Mack bewirtschaftet, was immer ein Gewinn für den Leser ist.

Nach 48 Seiten ist Schluss, was der Leser bedauert.

Das letzte Mal liess ZACKBUM den «SonntagsBlick» aus.

Sehen wir grosszügig über das verunglückte neue Logo hinweg. Die Titelgeschichte ist immerhin eine Reportage, vielleicht etwas überverkauft. Das Editorial zum «Feuerwerk der Demokratie» ist ein Wischiwaschi-Slalom zu einem typischen Aufregerthema: «Feuerwerk – ja oder nein? Die Antwort spielt keine Rolle.» Dann könnte man es auch lassen.

«Kabul retour», an einem Einzelfall der missglückten Ausschaffung eines kriminellen Afghanen wird das ganze Elend und das Versagen von Bundesrat Beat Jans exemplifiziert. Reza Rafi giesst Öl ins Feuer im Krach zwischen Klaus Schwab und dem WEF: «Jetzt wird’s dreckig». Eine schöne Geschichte über den Intrigantenstadl in höchsten Kreisen, was das WEF am Zauberberg Davos ganz schön entzaubert.

Dann darf der Gaga-Politwissenschaftler Francis FukuyamaDas Ende der Geschichte») mittels Interview ein Déja-Vu auslösen. Hatten wir das nicht schon woanders? Ach ja, bekannt aus NZZ und Tamedia.

Der SoBli nimmt sich verdienstvoll des nicht enden wollenden Skandals um die Herzklinik des Universitätsspitals Zürich an. Ursache ist eine dramatische Mortalitätsrate unter dem damaligen Leiter Francesco Maisano. Die von einem Whistleblower (entlassen) und seinem Nachfolger Paul Vogt (mit einer haltlosen Anklage verleumdet) an die Öffentlichkeit gebracht wurde. Und seither bemüht sich die Spitalleitung mit allen Kräften und einer Alibiübung nach der anderen, den Skandal am Köcheln zu halten.

Hübsch auch, dem Amok Philipp Ruch ein Interview zu entlocken, in dem der Leiter des «Zentrums für politische Schönheit» seine Unterstützung der AfD durch die Störung des ARD-Sommerinterviews umdeuten darf. Ein Hinweis darauf, dass Ruch eine ähnliche Trottel-Aktion mithilfe des «Theaters am Neumarkt» gegen Roger Köppels «Weltwoche» durchführte, um in dem den Julius Streicher auszutreiben, wäre vielleicht angebracht gewesen.

Ein Bericht über Schweizer Minensucher «Ein falscher Schritt – und das Leben ist vorbei», der «grosse Hunger» über eines der Kriegsverbrechen der israelischen Regierung im Gazastreifen, «Schweizer paffen 300 Millionen Schmuggel-Zigaretten», der auf dem Posten des «Leiter Ringier Journalistenschule» frühpensionierte Peter Hossli bricht eine Lanze für «Macher»; macht nix.

Dann ein Lob der «Ferien-Macher» und der Erfolge des Schweizer Tourismus. Plus Lob des Patriotismus und dann ein Titel, der gleich im Lead geschrumpft wird: «Kleine Weltmacht. «Weltmacht» mag übertrieben sein. Doch …» Plus «Schweizer Weltrekorde». Ach so, eine «Verlagsbeilage», vulgo bezahltes Inserat. Der 1. August wirft auch hier seine Schatten voraus.

Dann wird Ozzy Osbourne selig im Zürcher «Hirschen-Club» verortet, wo er doch tatsächlich 1969 Konzerte gab. Allerdings bevor «Black Sabbath» weltberühmt wurden. Sabine Dahinden darf die Welt mit einem Statement überraschen: «Ich bin eine furchtbar schlechte Schwimmerin». So hat jeder seine grossen und kleinen Probleme.

Hier verflacht der SoBli etwas wie ein See nach einer Trockenperiode. Aber immerhin, es ist nicht rausgeschmissenes Geld.

Und die SoZ? Also bitte, alles hat seine Grenzen.

 

Jetzt wird’s eng für Natalie Rickli

Nach Paul Vogt schiesst Herz-Kollege Thierry Carrel Torpedo ab: „100 bis 200“ Verstorbene am Zürcher Unispital seien wohl vermeidbar gewesen.

Von Lukas Hässig*

Der Sommer 2024 wird zum Stresstest für die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli.

Die SVP-Magistratin hat die vier Jahre zuvor ausgebrochene Krise in der Herzchirurgie des Unispitals Zürich (USZ) schöngeredet.

Sie tut das bis heute. Nun legte der SonntagsBlick zweimal vor.

Diesen Sonntag lässt er Thierry Carrel, den Berner Herzchirurgen, zu Wort kommen.

100 bis 200 Patienten „wohl“ unnötig verstorben (T. Carrel; SonntagsBlick)

Carrel rettete von 2021 bis 2022 notfallmässig mit Paul Vogt, dem zuvor im Expressverfahren eingesetzten Chef der Herzchirurgie, die Klinik vor dem „Verbluten“.

Heute sagt Carrel der Zeitung mit Blick auf öffentlich zugängliche Statistiken, dass es sich „vermutlich um 100 bis 200 Patienten“ handle, „die beim gleichen Eingriff in einem anderen Universitätsspital höchstwahrscheinlich nicht verstorben wären“.

Carrel spricht im SonntagsBlick von der Zeit von 2016 bis 2020, als Francesco Maisano die USZ-Herzchirurgie geleitet hatte. Dabei setzte der von Mailand gekommene Operateur umstrittene Implantate ein, die ihn reich machten.

Maisano verkaufte sie zusammen mit Mitinvestoren für Hunderte von Millionen Dollar in die USA, nachdem er sie am USZ bei Patienten eingesetzt hatte, obwohl nach Aussage Dritter traditionelle Behandlungsmethoden möglich gewesen wären.

Gesundheits-Magistratin rückt ins Zentrum des Falls (SonntagsBlick)

Carrels „100 bis 200 Patienten“ passen zu Paul Vogts 150 Verstorbenen, die nicht hätten ihr Leben verlieren müssen.

Die Aussage hatte Vogt im April in einem Strafprozess gegen ihn wegen Urkundenfälschung gemacht, von der ihn das Bezirksgericht Zürich vollständig freisprach.

Laut Vogt, der im Juli 2020 das Steuer in der USZ-Herzchirurgie übernommen hatte, war es in der Zeit seines Vorgängers zu „unethischem und kriminellem Verhalten“ gekommen.

Die Staatsanwaltschaft will jetzt aber trotzdem gegen Vogt vorgehen; sie hat Berufung gegen den Freispruch des Bezirksgerichts eingelegt.

Umgekehrt hat die Ermittlungsbehörde bisher kein Verfahren wegen des von Vogt behaupteten „kriminellen“ Tuns eröffnet.

Es bestehe „kein hinreichender Anfangsverdacht auf eine Straftat, der die Eröffnung einer Strafuntersuchung rechtfertigen würde“, so ein Sprecher gegenüber dem SonntagsBlick vor Wochenfrist.

Damals hatte die Zeitung eine Strafanzeige des „Whistleblowers angekündigt. Es handelt sich um einen ehemaligen Leitenden Herzchirurgen des USZ, dem gekündigt wurde.

Dies, nachdem er kurz zuvor die Missstände unter Vogt-Vorgänger Maisano der Leitung des Spitals sowie Gesundheitsdirektorin Rickli offengelegt hatte.

Ricklis Sprecherin meinte vor Wochenfrist gegenüber dem SonntagsBlick, die „Verantwortlichen“ wären nach unzähligen Untersuchungen „zum Schluss gekommen, das Patientenwohl sei nicht gefährdet und es bedürfe keine Sofortmassnahme“.

Die (indirekt wiedergegebene) Aussage steht diametral zu den 150 „nicht nötigen“ Verstorbenen (Paul Vogt) und den „100 bis 200“ Patienten, die laut Carrel „höchstwahrscheinlich nicht verstorben wären“.

Der Whistleblower hat am Freitag in einer Medienmitteilung die Einreichung seiner Strafanzeige offiziell bekannt gemacht.

Diese umfasst 12 Seiten, hinzu kommen 19 Seiten Anhänge, darunter Emails und Schreiben an die Gesundheitsdirektion, das USZ und die Anwälte von Walder Wyss, die im Auftrag des USZ die Maisano-Jahre untersuchten.

In seinem Communiqué vor zwei Tagen erwähnte der Whistleblower auch die Tatsache, dass das USZ inzwischen Patienten respektive deren Angehörige entschädigt habe.

Tatsächlich hat die Zurich-Versicherung mehrere am USZ in der Herzchirurgie zwischen 2016 und 2020 behandelte Patienten oder deren Angehörige eine Summe überwiesen.

Die Rede ist von mindestens fünfstelligen Beträgen – pro Fall.

Um das Geld zu erhalten, müssen die Entschädigten eine absolute Stillhalteklausel unterzeichnen. Sie dürfen somit kein Wort mehr zu ihrem Fall sagen.

Die Schadenszahlungen werfen ein neues Licht auf die öffentlichen Aussagen der Spital-Chefs und der Gesundheitsdirektion. Warum braucht es solche, wenn doch nach deren Ansicht „das Patientenwohl nicht gefährdet“ gewesen sei?

Und weshalb ist Schweigen zwingend?

Wenn keine Patienten gefährdet wurden, dann hätten die Verantwortlichen nichts von möglichen Aussagen der Betroffenen zu befürchten.

So aber erweckt es den Anschein, dass die Zuständigen versuchen würden, sich gegen Geld Ruhe zu verschaffen – öffentliche Gelder, notabene.

*Dieser Artikel erschien zuerst auf «Inside Paradeplatz». Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Todes-Falle Unispital: Anatomie eines Skandals

Paukenschlag von Herzchirurg Paul Vogt im Gerichtssaal, mit 150 Toten und „kriminellen“ Taten: Affäre Maisano muss neu beurteilt werden.

Von Lukas Hässig*

Der Skandal um Francesco Maisano, den Herzchirugie-Chef am Zürcher Unispital (USZ) mit Pfusch-Implantaten und 340-Millionen-Reibach, wird zum Krimi mit Netflix-Potential.

Auslöser ist Maisano-Nachfolger Paul Vogt. Der fuhr heute (Freitag) im Gerichtssaal schweres Geschütz gegen das USZ und seine Exponenten auf.

150 Patienten seien von 2016 bis 2020 unter fragwürdigen Umständen ums Leben gekommen.

n jener Herzchirurgie, wo unerprobte Herz-Produkte an Kranken ausprobiert worden seien und ein „unethisches und kriminelles Verhalten“ geherrscht habe.

Vogts Vorwürfe haben Gewicht. Der langjährige Hirslanden- und USZ-Chefarzt geniesst hohes Renommee, sein Wort zählt.

Er machte klar: Patienten seien in der Herzchirurgie zu Schaden gekommen, alles andere sei „schlicht gelogen“.

Für die Abrechnung mit den USZ-Chefs wählte Vogt einen Saal des Zürcher Bezirksgerichts, wo er alles sagen durfte, weil er selber als Beschuldigter vor den Schranken der Strafjustiz stand.

Vogt nutzte das Recht des Angeklagten – zu seinen Gunsten. Die Richterin liess den Mediziner frei reden. Am Ende sprach sie ihn auf ganzer Linie frei.

Es sei dem Herz-Arzt Unrecht zugefügt worden, eine „politische Intrige“ seiner Gegner könne nicht ausgeschlossen werden.

Der Fall um Maisano und all jene, die den Italiener mit seinen Geschäftsinteressen und Interessenkonflikten bis heute schützen, erhält eine dramatische Wendung.

Allen voran für die oberste Zürcher Gesundheitspolitikerin Natalie Rickli. Die SVP-Vorzeigefrau mit Bundesratsambitionen kennt das ausufernde Dossier in- und auswendig, seit es 2020 auf ihrem Tisch landete.

Gemacht hat sie … nichts. Hätte es dafür noch einen Beweis gebraucht, so lieferte sie ihn heute, an diesem fürs USZ und für Zürich historischen Tag, gleich selbst.

Ihr Sprecher meinte nämlich auf die Frage, was die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich als USZ-Oberaufseherin nach Vogts im Tages-Anzeiger prominent gebrachten Vorwürfen unternehme:

„Wenn Sie den Artikel genau lesen, dann stellen Sie fest, dass es sich um alte Geschichten handelt, die der Tages-Anzeiger immer wieder aufwärmt und die allesamt erledigt sind.“

Schnee von gestern – so Ricklis Mann für die Kommunikation. Der fuhr fort: „Falls Sie den Eindruck haben, dass es etwas Neues gibt, fragen Sie bitte beim USZ nach.“

Das tat schon die NZZ, sie brachte die Position des USZ. Man habe alles untersucht und dabei „keine Gefährdung von Patienten“ gefunden, zitierte sie eine Sprecherin des Spitals.

Allein diese Aussage ist Zündstoff pur.

Für die eigene Untersuchung ab Anfang 2020 hatte die USZ-Leitung die Zürcher Kanzlei Walder Wyss mandatiert.

Maisanos Behauptung, es habe „keine unmittelbare Gesundheitsgefährdung“ bestanden, sei „zu relativieren“, schrieben die Anwälte im Ergänzungsbericht i.S. Projekt Neptun“.

Weiter steht im Dokument, das mit „STRENG VERTRAULICH“ gekennzeichnet ist und vom 23. September 2020 datiert:

Die „fehlende Erwähnung des nicht (mehr) verankerten Teils des Cardiobands“ habe „eine erhöhte Gefährdung (z.B. mit Blick auf einen etwaigen Folgeeingriff bewirken“ können.

Weiss die USZ-Leitung nicht mehr, was in ihren selbst bestellten Berichten steht?

Oder versucht sie auch jetzt noch, nach dem heutigen Paukenschlag durch Spitzen-Herzarzt Vogt, die Causa Maisano schönzureden?

Sicher ist: Das USZ war in der Zeit von Maisano zur Todes-Falle geworden – mit 150 verstorbenen Patienten, deren Ableben Fragen aufwarf.

Wie konnte das passieren? Wer trägt dafür die Verantwortung? Und was wurde bis heute unternommen, damit das USZ wieder sicher wird?

Ins Haus gelassen und bis zuletzt die schützende Hand über Maisano gehalten hatte Gregor Zünd.

Der CEO des Unispitals war stolz auf seinen aus Italien eingewechselten „Star“. Der brachte im Rucksack neuartige Implantate für die Reparatur am Herzen mit, sogenannte Cardiobänder.

Was kaum einer wusste: Sie stammten aus Maisanos eigener Unternehmung, der Valtech. Die wollten Maisano und seine Partner rasch verkaufen.

Dafür brauchten sie Patienten, denen sie ihr Cardioband einpflanzen konnten. Sie fanden sie, indem sie ihnen die neue Methode als gute Sache ans Herz legten.

In der Folge kam es zu Tragödien, Maisano und Co. hingegen wurden reich.

Ihr „Exit“ mit Verkauf an den US-Multi Edwards spülte als 1. Tranche enorme 340 Millionen Dollar in die eigene Kasse.

Gregor Zünd hatte für den Reibach kräftig die Werbetrommel gerührt.

Eine Weltneuheit, posaunten seine Marketing-Leute nach dem Premiere-Eingriff hinaus. Dass das Promovideo manipuliert war und die das Cardioband haltenden Schrauben bald schon aus dem Gewebe flogen:

Dazu gabs dann keinen Ton.

Im 2020, als ein Whistleblower Zünd über diesen und weitere Vorgänge unter Maisano und seine Gefährten ins Bild setzte und die Walder Wyss-Anwälte sie nicht aus der Welt schaffen konnten, kams zur Trennung.

Von beiden, also Maisano und dem Whistleblower.

Der Herz-Chef wurde aber nicht etwa mit Schimpf und sogar Klagen in die Wüste geschickt, sondern er durfte unter Abgesang von Lobeshymnen von dannen ziehen.

Der Whistleblower jedoch wurde mit dem Recht drangsaliert.

Die Affäre hatte da bereits zu hohe Wellen geschlagen, als dass man sie einfach hätte aussitzen können. Köpfe mussten rollen.

Einer tat es: jener von Spitalrats-Präsident Martin Waser.

Der ehemalige Zürcher Stadtrat, der sich einst von einem später verurteilten Chefbeamten einen Transporter des Abfuhrwesens der Stadt zum Sondertarif aushändigen liess, räumte seinen Sessel.

CEO Zünd blieb – mit dem Segen seiner höchsten Chefin, Natalie Rickli. Um die Wogen zu glätten, brauchte es nun noch das Plazet der Legislative.

Eine Subkommission USZ kam zum Einsatz, geführt von Arianne Moser, einer Freisinnigen, die später mit einer Raiffeisen-Karriere zu reden gab.

Dass der Fall derart explodiert sei, führten Moser und ihre Kommissions-Gspänli auf ein Zerwürfnis zweier Alphas zurück: Klinikchef Maisano gegen Leitender Oberarzt und dann Whistleblower.

Nötig sei im Übrigen mehr Macht für den CEO des USZ. Für Zünd.

Ausgerechnet.

Der hatte zig Affären zu verantworten, von Bauaufträgen für einen vorbestraften Immobilien-Entwickler bis zu USZ-Millionenaufträgen für die deutsche Fresenius Medical.

Beim deutschen Multi sass Zünd im VR.

Flankenschutz bei der Reinwaschung von Maisano erhielt Mosers Subkommission vom Online-Edel-Magazin Republik.

Das Medium mit den vielen Köpfen und den raren, dafür langen Texten vertauschte die Rollen. Maisano der Gute, der Whistleblower der Schlechte.

Die Journalisten bezogen sich auf das Gericht, das der Whistleblower angerufen hatte, weil er seine Entlassung nicht akzeptieren wollte.

„Das Spital trennte sich von zwei Hauptexponenten des Konflikts, mit dem einen einvernehmlich, mit dem anderen im Streit“, so die Republik.

„Es durfte dies tun, so die Auffassung des Verwaltungsgerichts: weil es um das Wohlergehen der Patientinnen gegangen sei. Und weil gerade bei Herzoperationen kein Risiko eingegangen werden dürfe.“

Der Whistleblower, also der Warner vor möglichem Pfusch und Gier durch Maisano, habe das „Wohlergehen“ der Patienten mit seinem Verhalten ebenso gefährdet wie sein Vorgesetzter.

Die Version des Hahnenkampfs als Ursache des tödlichen Klimas in der Zürcher Herzchirurgie hatte sich ein für allemal durchgesetzt.

Heute steht diese Interpretation als das da, was sie war, seit sie von FDP-Moser, Republik, Zünd, Waser und implizit auch von Regierungsrätin Rickli in die Welt gesetzt worden war:

Als komplette Schimäre.

Die Zeche zahlte der Whistleblower mit seinem Ausscheiden aus dem Arztleben. Neu politisiert er für die SVP im Schwyzer Kantonsrat und führt Unternehmen im Medizinalbereich.

Verlierer ist auch das US-Unternehmen Edwards Lifesciences.

Ein Gerichtsurteil hat gezeigt, dass die Umsätze mit dem für Hunderte von Millionen gekauften Cardioband kaum messbar sind.

„In the past three years, Cardioband’s global annual net sales ranged from approximately $2.76 million to $4.93 million, falling significantly below the net sales target in the Merger Agreement of $650 million.“

Diese jährlichen Verkaufserlöse, aufgeführt im Richterspruch vom 12. Dezember 2023, lagen weit weg von dem, was Maisano und Co. den Käufern in Aussicht gestellt hatten:

Bei nicht einmal 1 Prozent des Versprochenen.

Die Edwards-Chefs verweigerten denn auch die 2. Tranche des vereinbarten Preises für die Valtech von 350 Millionen Dollar, was zum Streit mit den Verkäufern führte.

Am Ende gab das Delaware-Gericht Edwards Lifesciences recht.

Spätestens da war klar, dass die ganze Valtech mit ihrem Cardioband nicht viel mehr als Show war – und Opfern, die darob ihr Leben verloren.

Doch Maisano, der wie vom „Beobachter“ später enthüllt nicht einmal einen echten Doktortitel erworben hatte, blieb unbehelligt. Das Mailänder San Raffaele-Spital nahm ihn bei sich auf.

Prüft das Unispital jetzt, nachdem das Delaware-Gericht Maisanos Cardioband endgültig entzaubert hat, Strafanzeige gegen ihren Ex-Vorzeige-Chirurg?

„Wir haben die hinter dem genannten Urteil stehenden Sachverhalte analysiert und sehen von Seiten USZ keinen weiteren Handlungsbedarf“, meinte ein Sprecher des Spitals vor Monatsfrist.

Auch die anderen zentralen Figuren im Drama bleiben unbehelligt.

Maisanos Schirmherr Gregor Zünd dürfte zum eigenen Abschied im 2023 einen goldenen Fallschirm von einer halben Million erhalten haben; dies nach Verlusten ohne Ende.

Spitalrats-Präsident Martin Waser geniesst sein Rentnerleben mit üppiger Beamten-Pension; er dürfte noch knapp wissen, wie man USZ buchstabiert.

Am besten geht es Arianne Moser, Maisanos Weisswascherin.

Kaum sass sie nicht mehr im Kantonsrat, schon wählte sie der USZ-Verwaltungsrat unter Waser-Nachfolger André Zemp in den Verwaltungsrat der ZüriPharm.

Das ist die verselbständigte ehemalige Kantonsapotheke, die neu als Aktiengesellschaft dem Unispital angehängt ist.

„Ich bin seit vergangenem Mai nicht mehr Mitglied des Kantonsrates (bei den letzten Erneuerungswahlen nicht mehr angetreten) und habe entsprechend seit dem Frühjahr keinerlei politische Aufgaben in diesem Bereich“, so Moser.

„Daher ergibt sich kein Governance-Thema.“

Moser, die mit ihrem Mann eine Consultingfirma leitet und von Medikamenten so viel Ahnung hat wie eine Tantra-Masseurin von Neurochirurgie, kriegt von jener Organisation Prestige und Geld, der sie in grösster Not zu Hilfe geeilt war.

Zürich, diese Weltstadt der Eidgenossenschaft, wie es effektiv operiert.

Dieser Artikel erschien zuerst auf «Inside Paradeplatz»; mit freundlicher Genehmigung des Autors.