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So sollte es sein

Leider ist die «Weltwoche» die einzige Podiums-Zeitschrift.

Philipp Gut nahm mal wieder den Morgenstern hervor: «Klimapropaganda an Kantonsschule Baden: Wer stoppt die ideologische Verschleuderung unserer Steuergelder

Das Urteil zugunsten der «Klimaseniorinnen» sei auch im Aargau abgefeiert worden: «Dazu führt die Kantonsschule Baden eine Veranstaltung durch, an der ausschliesslich Vertreter und Befürworter einer Partei, der Gegenpartei zur Schweiz im Klimaprozess vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, zu Wort kommen: eine Vertreterin der Klimaseniorinnen, die von Greenpeace montiert wurden, eine grüne Richterin und eine Universitätsjuristin, die sich bereits im Vorfeld des Strassburger Prozesses gegen die Schweiz positioniert hatte.» Soweit Gut, der schon mit seiner Autorenmarke sehr patriotisch daherkommt:

Zwischenschritt: als der Wanner-Clan und der Coninx-Clan die letzten unabhängigen Schweizer Tageszeitungen zusammenkauften, sodass nun von Basel über Bern bis nach Zürich, über Aarau bis nach Luzern und St. Gallen aus zwei Zentralredaktionen die Einheitssauce verteilt wird, gab es grosse Schwüre und Ankündigungen: niemals werde darunter die Meinungsvielfalt leiden, das seien dann «Forumszeitungen» im Fall, natürlich kämen auch divergierende Meinungen zu Wort, man sei sich da seiner staatsbürgerlichen Pflicht bewusst.

Leere Versprechen, so in der Tradition der Ankündigung von Pietro Supino, dass man niemals nicht die Redaktionen von «Berner Zeitung» und «Bund» zusammenlegen werde.

Denn statt diesem Pluralismus gibt es auch Meinungseinheitsbrei. Wie sagte ein aufrechter Redaktor aus dem Hause Tamedia zum ZACKBUM-Redaktor René Zeyer mal so schön, als der einen Artikel einreichte: wunderbar geschrieben. Aber das kann ich nicht mal an der Redaktionskonferenz vorschlagen, keine Chance.

Ansonsten werden auch an den Haaren herbeigezogene Vorwände benützt, um die Leser in ihrer vermuteten Gesinnungsblase nicht aufzuschrecken. Nach der Devise: lieber stattdessen Leser zu Tode langweilen und mit mediokrem Geholper vergraulen.

(Fast) alle einig sind sich hingegen, dass die «Weltwoche» ein ganz übles rechtspopulistisches Blatt von Putin-Verstehern von Gnaden Blochers sei, wo ein  allmächtiger Besitzer, Verleger, Herausgeber und Chefredaktor mit harter Hand eine Meinungsdiktatur durchsetze.

Es ist zwar richtig, dass hier etwas Checks and Balances fehlen. Aber der gleiche ZACKBUM-Redaktor kann bezeugen, dass Roger Köppel der einzige Chefredaktor im deutschen Sprachraum ist, der sich im eigenen Blatt massiv kritisieren lässt.

Weiter im Text. Nach diesem Keulenschlag von Gut darf eine Teilnehmerin an dieser «ideologischen Verschleuderung unserer Steuergelder» zurückkeulen:

Die ehemalige Bundesrichterin Brigitte Pfiffner stellt richtig: «Schon 2011 habe ich in der Fachzeitschrift Iusletter ausführlich und kritisch von «ausufernder Rechtsprechung» des EGMR gesprochen. Auch der Titel meines Referats an der Kantonsschule Baden trug diesen Titel – ohne Fragezeichen. Ich vertrete die Auffassung, dass der EGMR zunehmend ins Gebiet der Politik hineinfunkt; das ist nicht seine Aufgabe.»

Das exemplifiziert sie sehr kritisch an mehreren Urteilen von Strassburg, um zum Schluss zu gelangen:

«Aus verschiedenen – hier aus Platzgründen nicht auszuführenden Überlegungen – bin ich der Meinung, dass das neueste Urteil dem Gericht schadet – und dem Klimaschutz nicht nützt. Dem Ministerrat, dem die Aufgabe zukommt, den Vollzug der EGMR-Urteile zu überwachen, wird die Schweiz erläutern können, was sie zur Verbesserung des Klimas bereits schon vor dem Urteil auf die Wege gebracht hatte. Und damit hat sich’s.
So bleibt vom Klimaseniorinnen-Urteil des EGMR Schall und Rauch zurück. Und vom einseitigen Artikel zur Veranstaltung an der Kantonsschule Baden von Philipp Gut nur ein Schluss: Der Schuss ging daneben.»

Der WeWo-Kommentator ist teilweise von so viel Meinungsfreiheit überfordert. Aber das ist ein herausragendes Beispiel, wie Forumsmedien funktionieren sollten. Rede und Widerrede, so sollte es sein. Rechthaberei im luftleeren und widerspruchsfreien Raum bringt meistens einen Erkenntnisgewinn von null. Ohne Widerpart wird auch der mediokre Gesinnungsjournalist zum King im Ring, weil niemand das Mittelmass von Gedanken und Formulierungen denunzieren darf.

CH Media ist auf diesem unheilvollen Weg unterwegs, Tamedia hat bereits das Zielband gerissen. Und auch die NZZ schwächelt vor allem beim Thema Ukraine bedenklich. Den «Blick» kann man als Meinungsträger nicht mehr ernst nehmen. Und sonst gibt es nur Randgruppenprogramme. Bleibt noch die WeWo.

Dass der ZACKBUM-Redaktor dort gelegentlich publiziert, macht diese Analyse in keiner Form obsolet.

Das «Forum» ist ein Brei

Seit rund 30 Jahren regieren sogenannte Forumszeitungen unsere Medienlandschaft.

Wer glaubt, damit seien Ideologien überwunden und objektiver Journalismus endlich an der Macht, ist ein hoffnungsloser Romantiker.

Es ist viele Jahre her. Ich sass in einem Café irgendwo im Fürstentum Liechtenstein, weil ich Zeit vor einem Termin totschlagen musste. Vor mir lagen die beiden Tageszeitungen des Ministaates. Und die schienen direkt einem Monty-Python-Sketch entsprungen. Beide Zeitungen berichteten nämlich mit Bilderseiten über einen politischen Anlass. Das «Vaterland» zeigte allerdings peinlich genau nur die einen Protagonisten der «richtigen» Partei, das «Volksblatt» die anderen. Es gab buchstäblich keinen politischen Gegner in einem der beiden Blätter. Man musste die Seiten nebeneinanderlegen, um einen vollständigen Überblick zur Veranstaltung zu haben und zu wissen, wer wirklich da war. Nordkorea light.

Die nackte Wahrheit?

Das war ziemlich absurd. Es war aber bis in die 90er-Jahre in der Schweiz ähnlich. Die freisinnige Presse hier, die konservative dort, ein Nischenpublikum wurde mit den diversen linken Blättern abgefeiert, die inzwischen fast alle zugrunde gegangen sind. Mit Journalismus hatte das im Grunde nichts zu tun, und so scheint es ein Grund zur nachträglichen Feier, dass danach die «Forumszeitungen» kamen. Die Blätter, die sich von Parteibüchern lösten und sagen wollten, was wirklich war, unbesehen von Empfindlichkeiten des Hauspublikums. Kein Gelübde mehr an CVP oder FDP, nur noch die nackte Wahrheit. Das wollten sie uns liefern, diese Forumszeitungen.

Rund 30 Jahre später muss man sich die Frage stellen: Tun sie das wirklich? Und sind wir echt besser dran?

Denn damals konnte der Zeitgenosse, der sich frei von jeder Ideologie informieren wollte, sein Bedürfnis mit dem Kauf von zwei Zeitungen befriedigen. Das war zwar umständlich und kostspielig, aber das Resultat stimmte: Man hatte den Überblick. Heute kann der Leser in aller Regel nur noch ein Blatt kaufen und ist diesem dann völlig ausgeliefert. Und der Begriff «Forum» ist ziemlich grosszügig. Er stimmt nur, wenn wir davon ausgehen, dass die Redaktion in sich bereits ein Forum bildet. Was sie selten tut. Denn nach wie vor sitzen dort Ideologen. Nur dass sie früher wenigstens zweifelsfrei identifizierbar waren.

Früher herrschte Transparenz

Im Fall der Regionalzeitungen haben schweizweit die freisinnigen Titel den Konkurrenzkampf tendenziell gewonnen. Die einst freisinnigen Titel jedenfalls. Heute schwingt in den meisten von ihnen so viel Freisinn mit wie in einer Basler Mehlsuppe Fleisch schwimmt. Im Unterschied zu früher kann man das Blatt allerdings nicht mehr einfach wechseln, weil es kein anderes gibt. Wir haben also «Forumszeitungen», die wie ehedem einen klaren Kurs fahren, diesen aber nicht deklarieren. Früher herrschte wenigstens Transparenz. Wer das «Liechtensteiner Vaterland» zur Hand nahm, wusste glasklar, was ihn erwartete. Heute fehlt das Preisschild.

Keine Marktplätze der Meinungen

Wer «Forum» sagt, denkt an einen Marktplatz der Meinungen. An einen knallharten Austausch der Argumente, der es dem Leser ermöglicht, sich ein Bild zu machen. Corona hat uns eines Besseren belehrt. Ausgetauscht wurde in den meisten Zeitungen gar nichts, nur «vermittelt» – und zwar der aktuelle Stand des Irrtums des Bundesamts für Gesundheit. Tag für Tag. Was nicht dazu passte, wurde aussortiert. In Zeiten der Parteipresse hätte es wenigstens die minimale Chance gegeben, dass es eine der zwei Seiten anders sieht und Gegensteuer gibt. In Zeiten der «Forumszeitungen» hingegen ist alles über einen Kamm geschert. Denn der Begriff Forum wird nicht als Plattform der Debatte gedeutet. Sondern eher in die Richtung: «Welche Haltung nützt mir am meisten bei der nächsten Runde in der Medienförderung?»

Da liegt viel Ironie drin. Man war vor 30 Jahren ernsthaft überzeugt, dass das Ende der Parteienpresse zu einem Aufschwung der Meinungsvielfalt führt. Pustekuchen. Die wirtschaftlich stärkeren Titel haben die anderen weggefegt, ihre Monopole gesichert und scheren sich nun einen Deut um die offene Debatte. Die ist nämlich ziemlich lästig. Sie verkünden stattdessen wie früher ihre Wahrheit – nur dass sie inzwischen alleine sind damit und es keine Alternativen mehr gibt.

 

Von Stefan Millius, Chefredaktor «Die Ostschweiz».

Packungsbeilage: ZACKBUM.ch-Redaktor René Zeyer publiziert dort regelmässig.