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Ach, 50 zu 50 NZZ

Wissen, worüber man berichtet: könnte nie schaden.

Die Packungsbeilage zuerst: der Autor war mehrere Jahre NZZ-Korrespondent für Kuba mit Wohnsitz in Havanna und besucht die Insel bis heute regelmässig.

Da schmerzt es besonders, wenn NZZ-Redaktorin Catherine Bosleyberichtet seit September 2025 über Geoökonomie für die NZZ. In Deutschland aufgewachsen. Nach dem Studium in den USA und Grossbritannien sammelte sie erste journalistische Erfahrungen bei Reuters in Berlin, Mumbai, London und Zürich») einen gewissen Andy S. Gomez interviewt. Der qualifiziert sich dafür so: «emeritierter Professor an der University of Miami und ein führender Kuba-Kenner. Der 71-Jährige wurde auf der Insel geboren. Gemeinsam mit seinen Eltern wanderte er wenige Tage vor der gescheiterten, von den USA unterstützten Invasion in der Schweinebucht im Jahr 1961 nach Venezuela aus. Später zog er in die USA

Er war jahrelang das Sprachrohr der Castro-Hasser in der exilkubanischen Gemeinde (und Mafia) von Miami. Laut eigenen Angaben will er Kuba das letzte Mal im Jahr 2000 besucht haben. Nun muss man natürlich nicht unbedingt die aktuelle Lage von Land und Leuten aus persönlicher Erfahrung kennen. Aber im Fall von Kuba, der letzten Insel des real existierenden Surrealismus, kann das nicht schaden.

Ist sogar nützlich, weil man dann einsieht, dass man eigentlich Mentalität, Denken und politischen Überzeugungen der Kubaner nur sehr rudimentär versteht – denn sie selbst tun das auch nicht.

Immerhin hält sich Gomez mit blöden Antworten auf blöde Fragen zurück. Zum Beispiel: «Ist ein Aufstand denkbar?» Antwort: «Es ist sehr schwierig, mit Steinen und Stöcken gegen die Regierung zu kämpfen

Aber auch der emeritierte Professor kann sich nicht enthalten, angebliche Interna aus dem Machtgefüge auf der Insel, aus dem noch nie etwas heraustropfte, zu enthüllen: «Nach Fidels Tod stellte Raúl sicher, dass alle Fidelistas aus Machtpositionen entfernt wurden. Die Generäle der alten Garde starben nicht nur altersbedingt weg. Heute besteht der innere Kreis ausschliesslich aus Raulistas. Deshalb ist Kuba sehr anders als Venezuela

Auch sonst enthüllt der Kuba-Kenner nichts Neues: «Die Elektrizitätswerke werden sehr bald ihren Betrieb einstellen. Es gibt einen enormen Mangel an Lebensmitteln, Wohnraum und Medikamenten. Die Bedingungen könnten kaum schlimmer sein.»

Auch die übliche Frage, was denn eigentlich nach dem Tod von Raúl Castro (wird 95) geschehe, umfährt er weise: «Ich kann Ihnen nicht sagen, wer Raúl Castro ersetzen wird. Wenn er morgen stirbt, wird es wahrscheinlich jemand aus dem Militär sein, aber ich könnte Ihnen nicht sagen, wer genau.»

Dazu die üblichen Klagen, dass die Jungen nicht mehr so sind wie die Alten: «Wenn man mit der Generation meiner Töchter und ihrer Ehemänner spricht, dann haben sie keine Ahnung. Absolut keine Ahnung

Originell wird Gomez hingegen, wenn es um den illegalen und völkerrechtswidrigen Militärstützpunkt geht: «Wegen dieser Gefahr geben die USA ihren alten, heruntergekommenen Stützpunkt in Guantánamo nicht auf. Denn ich nehme an, dass wir innerhalb von dreissig Tagen russische Schiffe sehen werden – und dann wird das Problem noch grösser

Interessant. Die USA dürfen also einen angeblich heruntergekommenen Stützpunkt, der die gesamte Bucht vor der Stadt Guantánamo umfasst, behalten und betreiben. Gegen den erklärten Willen der kubanischen Regierung seit 1960. Wenn sie auch nur russische Schiffe anlanden lässt, dann au weia. Was der Professor auch zu erwähnen vergisst: auf diesem Stützpunkt wurden und werden über Jahre hinweg sogenannte «enemy combatants» ohne rechtlichen Beistand oder Prozess unter unmenschlichen Bedingungen in Käfigen gehalten und auch gefoltert (Schönsprech «enhanced interrogativ techniques»).

Aber um diesen Schandfleck zu erwähnen, hätte die Geoökonomin vielleicht minimale Kenntnisse über Kuba haben sollen. Abschliessend nach der üblichen Verbindung Venezuela, Iran, Kuba gefragt, hält sich Gomez auch wieder altersmilde zurück: «Es gab keinen Regimewechsel (in Venezuela, Red.). Aber zumindest gibt es etwas Stabilität. Wir werden sehen, wohin das führt. In Kuba hätte Trump viel leichter handeln können. Doch er hat Kuba übersprungen und ist nach Iran gegangen. Das ist sehr kompliziert. Sehr, sehr kompliziert.»

Wir fassen zusammen: in der höchsten Liga «NZZ Pro» befragt eine kenntnisfreie Journalistin einen vorsichtig herumeiernden, parteiischen, ehemaligen Professor, der nun wirklich keine neuen Erkenntnisse zu bieten hat. Oder soll «sehr, sehr kompliziert» etwa neu sein?

Das ist völlig normal für den aktuellen Elendsjournalismus. Aber für die NZZ doch sehr peinlich.

 

Wer hat Angst vor dem gelben Mann?

Ist denn alles schlecht und unerhört oder was?

Nehmen wir ein paar ausgewählte Dekrete, die Donald Trump bereits am ersten Tag seiner Amtszeit unterzeichnet hat:

  • eine 90-tägige Pause in Entwicklungshilfe, um deren Sinn zu bewerten.
  • Offiziell soll es nur zwei Geschlechter geben: männlich und weiblich
  • Ausstieg aus der Weltgesundheitsorganisation
  • Kündigung des Pariser Klimaschutzabkommens
  • Nationaler Energienotstand
  • Überprüfung, ob sich China an das bilaterale Handelsabkommen hält
  • Kartelle von Drogenhändlern, Waffenschmugglern und Menschenhändlern sind ausländische Terrororganisationen
  • Abschiebung von Migranten ohne Bleiberecht, nationaler Notstand an der Südgrenze

Ist doch alles nicht nur blöd. Oder doch?

«Unberechenbar … verurteilter Straftäter … Beleidiger in Chief … nichts für alternde Männer … auf Kollisionskurs … am Ende als Sieger dastehen … katastrophale Auswirkungen … furchtbar … sprunghaft … Familienclan … Pate … gefährlich … gefährlicher … der gefährlichste Mann der Welt». Usw.

Kann man alles über Trump sagen, und einiges stimmt sogar. Aber ist das eine adäquate Reaktion auf seine ersten Handlungen im Amt? Statt Charakterstudien am untauglichen Objekt zu betreiben, wo liest man, was Trump in seiner zweiten Präsidentschaft genau vorhat? So weit er das selber weiss.

Wo liest man, dass die USA seit ihrer Gründung immer ein Staat mit viel Licht und viel Schatten waren? Am Anfang stand die fast vollständige Ausrottung der Indianer. Wohl noch niemals so brutal und wahrhaftig dargestellt wie in der Netflix-Serie «American Primeval». Nur für Hartgesottene geeignet.

Die meisten US-Präsidenten waren der Auffassung, dass die USA nicht nur «God owns Country» sei, sondern dass sie selbst im Auftrag und mit dem Segen einer höheren Macht handeln. Nicht nur Trump.

Sobald die Gringos zur Wirtschaft- und Militärmacht wurden, waren sie ein imperialistischer Staat. Die Philippinen, Kuba, ganz Lateinamerika ist unser Hinterhof, wir putschen sie weg oder töten uns unliebsame Regierungen. Wir begehen in Vietnam Kriegsverbrechen ohne Zahl und übernehmen dafür bis heute keine Verantwortung. Wir verwandeln Länder wie den Irak, Syrien oder Libyen in Schlachtfelder, erfinden eine Achse des Bösen und Massenvernichtungswaffen.

Wir unterhalten über 1000 Militärbasen überall auf der Welt, unser Rüstungsbudget ist so gross wie das der nächsten zehn Staaten der Welt zusammen. Wir haben die besten und grössten Geheimdienste um die NSA, CIA und andere Banden herum. Wir haben kulturimperialistisch Westeuropa eingenommen und mit unseren Werten und Unwerten durchtränkt.

Wir waren und sind der festen Überzeugung, dass am American Way of Life die Welt genesen muss. Wir sind überzeugt, dass unsere Auffassung von Freedom and Democracy die einzig richtige ist, die die Welt ins Paradies führt. Deren Ablehnung fatal falsch ist. Wir haben kein Problem damit, grosse Heuchler zu sein. Wir verurteilen Folter aufs entschiedenste und betreiben einen rechtsfreien Raum auf unserer Militärbasis Guantánamo auf Kuba. Wir scheissen drauf, dass die kubanische Regierung seit 1959 deren Rückgabe fordert.

Wir lassen Gefangene nach Polen oder Ägypten ausfliegen, damit sie dort gefoltert werden können. Wenn wir das nicht selbst tun wie in Abu Ghuraib. Wir verwenden unsere Weltwährung Dollar dafür, andere Staaten und weltweit Banken zu erpressen. Wir sind gegen Geldwäsche, Schwarzgelder und schmutziges Geld. Aber wir schliessen uns nicht dem Automatischen Informationsaustausch (AIA) an, sondern haben eine Datenkrake namens Fatca installiert, die alle Finanzdienstleister auf der Welt verpflichtet, uns Zugang zu allen Informationen zu verschaffen.

Wir betreiben die grössten Geldwaschmaschinen und anonyme Aufbewahrungsbunker für Gelder jeglicher Herkunft auf der ganzen Welt.

Und selbst unser Friedensnobelpreisträger Obama autorisierte wöchentlich eine Kill List, die Ermordung von allen, die des Terrorismus verdächtigt werden. Überall auf der Welt, denn wer kann uns zur Rechenschaft ziehen? Wenn mal eine ganze Hochzeitsgesellschaft dran glauben muss: sorry, shit happens. Wir anerkennen nicht die Jurisdiktion des Internationalen Strafgerichtshofs für Menschenrechte. Wir sind ganz einverstanden damit, dass der Putin anklagt, obwohl auch Russland ihn nicht anerkennt. Wir halten es für eine Riesensauerei, wenn auch Netanyahu angeklagt wird.

Wir sind das letzte Mal 1989 in Panama einmarschiert und haben das Operation «Just Cause» genannt, gerechte Sache. Weil wir immer nur und ausschliesslich gerechte Sachen vertreten, per Definition. Und wer das anders sieht, muss sich warm anziehen.

Wir halten bis heute den Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger in hohen Ehren, obwohl das ein Kriegsverbrecher und skrupelloser Machtmensch war. Oder kurz: alles, was wir tun, ist richtig und erlaubt. Alles, was uns nicht in den Kram passt, ist falsch und verboten.

In dieser Tradition ist Trump nun doch keine Ausnahme, sondern einfach ein etwas unverblümterer Exponent als seine Vorgänger.

Wieso liest man eine solche Einschätzung nirgends? Wieso sind solche Aspekte nicht Bestandteil der öffentlichen Debatte? Wieso muss stattdessen bis zum Erbrechen wiederholt werden, was für ein charakterlich defekter Mensch Trump ist?

 

 

Folterkammer Glashaus

In jeder normalen Firma würde das zu Entlassungen führen.

Hoppla, bei Tamedia gibt es ja Entlassungen. Sogar massenhaft. Nur an der falschen Stelle. Nämlich im Maschinenraum statt auf der Kommandobrücke.

Denn die Unfähigkeit derjenigen, die hier die grossen Räder drehen, ist himmelschreiend. Ein Magazin wird einfach mal so eingestellt. Ohne Vorwarnung, nach der Devise: ach, ist uns gerade noch eingefallen, den «ZüriTipp» braucht’s nicht mehr.

Bei «ZürichStadtleben/Züritipp» arbeiten 12 Menschen, Claudia («Nutella») Schmid als Ressortleiterin, Isabel Hemmel als stv. Ressortleiterin und Leitung Züritipp. Plus zehn Indianer. Braucht’s die noch? Wer weiss. Braucht’s die Chefredaktoren der eingesparten Lokalblätter noch? Reden wir mal drüber. Braucht’s die Redaktionsleitung «SonntagsZeitung» noch? Schauen wir mal. Wozu braucht es Arthur Rutishauser als Chefredaktor ohne Redaktion genau? Ach, irgendwie.

Aber der Gipfel des Zynismus ist: Weder Jessica Peppel-Schulz noch Simon Bärtschi haben das Rückgrat, den Leuten in die Augen zu schauen und zu sagen «you’re fired». Denn zuerst 90, dann 55 eingesparte Stellen in den Raum zu stellen, das war der einfache Teil. 200 Drucker rauszuschmeissen, nun ja, da muss wenigstens nicht selektioniert werden. Sondern einfach alle müssen weg.

Aber Familienväter, Ü-50-Jährige, welche Lebensplanung wird nun vom unfähigen Management von TX (oder Tamedia oder «Tages-Anzeiger») über den Haufen geworfen? Niemand weiss nichts Genaues. Gerüchte besagen, dass vielleicht im Verlauf des Oktobers das grosse Schlachten beginnen soll, aber eher in der zweiten Hälfte. Damit sich die Betroffenen dann so richtig auf die Feiertage freuen können.

Schon Koryphäen wie Mathias Müller von BlumencronVerkehrsmonitor») fiel mit geborgten Ideen auf die Schnauze. Laberte aber, wenn man ihn liess, von der neuen Digitalstrategie, so auf dem Niveau: «noch näher beim Leser».  Diese Worthülsen sind zurzeit verräumt, nun geht es um «Qualität». Ach, und «noch näher beim Leser».

In Wirklichkeit besteht aber die Tragödie darin: Weder Peppel-Schulz, noch Bärtschi, noch ein anderes Mitglied der GL oder gar des Verwaltungsrats hat auch nur die blasseste Idee, was man mit dem von Bigboss Pietro Supino wild zusammengekauften Tageszeitungsimperium eigentlich anstellen soll. Wozu es eigentlich noch Ableger in Bern und Basel braucht. Wozu es noch eine Sonntagszeitung braucht. Wieso es noch einen Ableger in der Romandie braucht.

Die bittere Wahrheit ist doch: an der Werdstrasse breitet sich langsam Verwesungsgeruch aus. Und der Aussenstehende wird den Verdacht nicht los, dass sich Supino mit solchen Flaschen umgibt, damit er nicht weiter auffällt. Denn im Vergleich zu einer Pasquale Bruderer, einer Peppel-Schulz, einem Bärtschi ist er doch geradezu ein visionärer Macher.

Es ist allerdings ein unwürdiges Ende, das der einst stolze «Tages-Anzeiger» nimmt. In seinen besten Zeiten war er eine ernstzunehmende Stimme mit Einfluss und Wirkung. Stiess er Themen an, beherrschte Diskurse, kam in seinen besten Momenten sogar an die NZZ heran.

Und jetzt? Würde man an der Eingangspforte zum Glashaus an der Werdstrasse ein Gedankenlesegerät aufstellen, wenn die motivierten, enthusiastischen, auf mehr Qualität brennenden Journalisten hineinströmen, man würde erbleichen und schamvoll Augen und Ohren schliessen.

Opferlämmer und Folterknechte. Leiter mit langer Leitung. Führungspersonal im gähnenden Vakuum der Ideenlosigkeit. Hektisches Holzen ohne Sinn und Verstand. Oder gar Plan. Wer erbarmt sich dieses Trümmerhaufens? Ringier? CH Media? Beide gesättigt und mit genug eigenen Problemen. NZZ? Kä Luscht. Ein ausländischer Investor? Schwierig, der Schweizer Markt ist klein und speziell.

Also gilt auch hier: der Letzte macht das Licht aus.

Folter à la Tamedia

Wer wird gefeuert, wer nicht? Der Stimmungskiller im Glashaus.

Am 27. August wurden die «Weichen für Qualitätsjournalismus» im Hause Tamedia gestellt. Dazu gehört, dass 200 Drucker und 90 Journalisten gefeuert werden sollten.

Nun schreiben wir den 18. September, es sind seither mehr als drei Wochen vergangen. Aber die Namen der rauszuschmeissenden Journalisten sind immer noch nicht bekannt gegeben worden.

Das gibt Raum für einige Überlegungen.

  1. Die kompetente CEO Jessica Peppel-Schulz hat einfach mal eine Zahl in den Raum gefeuert. 90 hört sich irgendwie gut an. 100 wäre zu gross, 89 zu wenig, 90 ist einfach zu merken. Können aber auch nur 55 sein. Oder so. Die Zahl mit Inhalt zu füllen, das überlässt sie dann anderen.
  2. Wie wurden denn die zu Feuernden ausgewählt? Namensroulette? Mit Pfeilen auf ein Poster mit allen Mitarbeitern geworfen? Oder Unbotmässige, Frechdachse («der hat sich doch über meinen letzten Kommentar lustig gemacht», «der wurde dabei beobachtet, wie er ZACKBUM las und dabei schmunzelte», «der hat doch gefragt, was Hasse, ausser Selfies, eigentlich macht») mit einem Kreuz versehen?
  3. Natürlich wissen die Häuptlinge inzwischen, wen’s trifft. Also laufen Raphaela Birrer und die anderen Verantwortungsträger durch die Grossraumbüros an der Werdstrasse, nicken dem und der freundlich zu, hören sich Pläne zu zukünftigen Artikeln geneigt an, merken an, dass man wegen der Gehaltserhöhung oder der Ferienplanung dann mal sprechen werde – und wissen gleichzeitig, dass sie mit lebenden Redaktionsleichen sprechen. Was für ein Gemüt muss man haben, um das ohne Psychopharmaka auszuhalten?
  4. Während sich die publizistische Leiter Simon Bärtschi unsterblich lächerlich und unbeliebt macht, hört man von der Chefredaktion kein Wort. Tauchstation, Schweigen, Führungsverantwortung, was ist das.
  5. Gleichzeitig fragt sich jeder, aber wirklich jeder Journalist seit drei Wochen unablässig, ob es ihn trifft oder nicht. Zu alt, zu teuer, zu widerspenstig, nicht genügend Leserzuspruch, zu wenig woke, zu wenig feministisch, zu kritisch, zu wenig Speichellecker, das Gesprächsangebot von Bärtschi ignoriert? Mit einem Kollegen beim Feierabendbier über die Chefetage abgelästert, und ob der dichthält?
  6. Oder gleich Durchmarsch; freiwillige Meldung bei HR, wie es denn mit einer Frühpensionierung so stehe. Ob die Umschulung zum Taxifahrer bezahlt werde. Ob bei Editorial Services noch ein Pöstchen frei sei. Ob man nicht als Moderator der Leserkommentare noch ein kleines Zubrot zur Sozialhilfe verdienen könne.
  7. Oder gar Aufruhr und Widerstand? Schliesslich rufen die Journalisten doch unablässig zu Zivilcourage auf, gegen Diskriminierung, Ausgrenzung, gegen raffgierige Besitzer und Unternehmer. Immerhin, in der Romandie gab es ein Streikchen. Einen Bonsai-Streik. Von einer Stunde. Aber wie wäre es, wenn eine Mehrheit der Redaktion eine ganze Ausgabe lang streiken würde? Die wenigen opportunistischen Streikbrecher mit Verachtung straften? Protestschreiben online stellen würden? Das Recht auf Meinungspluralismus einfordern? Die bittere Wahrheit ist: all diese Maulhelden in fremden Sachen sind in der eigenen viel zu feige.
  8. Es gibt sinnvolle Vorschläge, auch von ZACKBUM, wie man mit gezielten Sparmassnahmen in den Häuptlingshorden, von VR, Geschäftsleitung und Redaktionsleitung abwärts, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen könnte. Die Massenentlassung würde überflüssig, weil man damit mindestens so viel Geld spart. Und wenn hier gefeuert würde, wäre das tatsächlich eine Weichenstellung für mehr Qualität. Denn wer braucht schon eine Peppel-Schulz, einen Bärtschi, eine Birrer? Um nur ein paar Namen zu nennen. Würde jemand (ausser ihnen selbst) ernsthaft behaupten, mit deren Einsparung würde die Qualität bei Tamedia spürbar sinken?
  9. Will wirklich, ausser Bärtschi natürlich, jemand ernsthaft behaupten, nach einer Massenentlassung sei der Inhalt des Kopfblattsalats von Tamedia gleich viel Geld wert wie vorher? Wird dann endlich der Abopreis auch mal gesenkt, anstatt ständig erhöht?
  10. Inzwischen wurde ein Stück der Katze aus dem Sack gelassen. Es gibt nur noch vier Redaktionen für alle Tages- und Sonntagstitel. In Zürich verschwinden die eigenständigen Rumpfredaktionen von «Landbote», «Zürichsee-Zeitung», «Zürcher Unterländer » und «SonntagsZeitung». Arthur Rutishauser bleibe Chefredaktor der SoZ. Chefredaktor wovon genau? Er bleibe «Kopf der SonntagsZeitung, wichtiger Inputgeber für die ganze Redaktion», säuselt die Medienstelle.
  11. Der «Züritipp» wird eingestellt, womit schon mal ein paar Stelleneinsparungen klar sind. Statt 90 Stellen sollen nun auf einmal nur 55 wegfallen. Soll das befriedende Salamitaktik sein? Und zeugt es von überlegener Menschenführung, wenn die Mitarbeiter des «Züritipp» zusammen mit allen anderen erfahren, dass sie überflüssig sind? Während man ohne zuvor noch Hoffnungen machte, dass das Magazin erhalten bleibe?
  12. Das hier wird sicherlich die Stimmung ungemein verbessern: «Tamedia ist sich der Schwere dieser Massnahmen bewusst. Es kommen Sozialpläne inklusive Möglichkeit von Frühpensionierungen zur Anwendung. Neben persönlicher Begleitung und Beratung bietet Tamedia den betroffenen Mitarbeitenden finanzielle Unterstützung für Weiterentwicklungs- und Umschulungsprogramme an.» So eine «Weichenstellung für Qualitätsjournalismus» geht halt nicht ohne schmerzliche Verluste.
  13. Eine solche Massenentlassung ist der Beleg für ein krachendes Versagen der Verlagsetage. Ein Beweis für die schreiende und anhaltende Inkompetenz der wohlbezahlten Manager. Das ist schon schlimm genug. Aber eine solche Massenentlassung über Wochen hinweg zur Folterkammer der potenziell Betroffenen machen, das ist nicht mehr bloss Unfähigkeit. Das ist schon Sadismus.

Sittenverluderung

Darf man (mutmassliche) Massenmörder foltern?

Es gibt Verbrechen, bei denen die Volksseele hochkocht. Kinderschänder, Mörder, die ihr Opfer bestialisch quälen. Vollwahnsinnige wie Anders Breivik, der kaltblütig herumspazierte und junge Menschen abknallte. Überhaupt fundamentalistische Wahnsinnige, die immer wieder abscheuliche Taten begehen. Die unschuldige Zivilisten treffen, darunter auch Frauen und Kinder. Verabscheuungswürdig, widerlich, ekelerregend.

Da ist man schnell mit scharfen Worten zur Hand. Kopf, bzw. Schwanz ab. Kurzer Prozess. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Soll mindestens so leiden wie das oder die Opfer. Eine Zelle ist zu schade für den. Überlasst den nur mal für fünf Minuten mir. Wieso gibt es keine Todesstrafe mehr.

Und so weiter.

Nun tut beispielsweise Tamedia sehr gschamig: «Die Redaktion verzichtet auf detaillierte Bilder, welche die offenbar gefolterten Männer zeigen.»

Der «Blick» ist auch leicht derangiert, verbirgt das aber schamvoll hinter der Bezahlschranke:

 

Das Ex-Boulevardblatt bringt zwar das gleiche Foto von einem der mutmasslichen Täter, deckt ihn aber mit einem schwarzen Balken ab. Unschuldsvermutung, you know.

CH Media und die NZZ verzichten darauf, das geschundene Gesicht zu zeigen.

Da erheben sich einige Fragen. Ist die Reaktion: recht geschieht’s ihm, angebracht? Darf ein Staat, der sich etwas darauf einbildet, ein zivilisierter Rechtsstaat zu sein, foltern?

Natürlich ist die Antwort nein. In Deutschland gab es einmal die Situation, dass ein Entführer von der Polizei gefasst wurde. Sein Opfer drohte im von ihm gebauten Versteck zu ersticken, der Täter wollte aber den Standort nicht bekanntgeben. Da drohte ihm ein Vernehmungsbeamter körperliche Gewalt an.

Die USA lassen foltern oder betreiben Knäste wie Guantánamo auf Kuba; ein rechtsfreier Raum, der im Übrigen gegen den erklärten Willen der kubanischen Regierung existiert. Natürlich wird in vielen Ländern der Welt Folter angewendet. Legal, illegal, scheissegal.

Vielleicht hilft eine Erinnerung an die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte:

«Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.»

Pipifax, kommt darauf an, im Prinzip ja, aber …?

Nein, es kommt nicht darauf an. Jeder Staat, seien das die USA oder sei das Russland (oder die Ukraine), der sich solcher Methoden bedient, hat sich verächtlich gemacht.

Kommt auch nicht mehr darauf an? Eben doch; solche Themen und Fragen sind tausendmal wichtiger als alles Geblödel über Gendern oder den angeblich korrekten Gebrauch der deutschen Sprache.

Aber hiergegen protestieren, das braucht eben ein Mü mehr Hirnschmalz als ein Gendersternchen einzufordern.