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Leichenfledderei beim Tagi

Schritt eins: erfinde einen Skandal. Schritt zwei: knutsch den toten Skandal, solange es geht.

Immerhin, von ihren Untaten im Zusammenhang mit dem Ausschlachten gestohlener Geschäftsunterlagen weiss Tamedia: eine Kampagne haut mehr rein als ein einzelner Artikel. Das gilt auch für Arthur Rutishausers Lieblingsthema: der Fall Vincenz.

Das galt auch für Salome Müller mit Dutt und Gendersternchen an den unmöglichsten Orten. Aber die ist ja verstummt, schade aber auch. Doch Mario Stäuble, den anderen halben Unterchefredaktor, den gibt es noch, und der will auch mal. Darf er.

Zunächst wurden im Bundesasylzentrum unerträgliche Zustände entdeckt. Fast noch schlimmer als auf jeder beliebigen Redaktion von Tamedia. Schikane, verletzte Menschenwürde von allen Beteiligten, furchtbar.

Ob das wirklich so ist, ist genauso unklar wie die Frage, ob auch nur eines der Beispiele für sexistische Grobheiten bei Tamedia tatsächlich stattgefunden hat oder nicht. Das ist möglich, genauso, wie es inakzeptable Zustände im Asylzentrum geben könnte. Konjunktiv. Aber Konjunktiv war früher im Journalismus.

Neue, erschütternde Bilddokumente aus der Tamedia-Redaktion (oben)
und dem Bundesasylzentrum (unten).

Heute ist Methode «Republik». Man sammle ein paar anonyme Denunziationen, drehe die zu einem Riesenskandal hoch – und lege nach. Solange es halt geht, bis die ganze Story mit einem Winseln verröchelt. Aber wer will am Anfang schon ans Ende denken.

Exklusiv: der neue Newsroom des «Tages-Anzeiger». Nachbau von der «Republik».

Schlag auf Schlag – ins Wasser

Wir haben nun bereits das «Zürcher Asylzentrum in der Krise». Ob es von seiner Krise weiss? Nicht so wichtig, Politiker haben bereits Lunte gerochen, nehmen Witterung auf, fangen wie der pavlovsche Hund an zu sabbern, wenn das Glöcklein «Skandal» klingelt, weiss Tamedia:

«Politikerinnen und Politiker fordern eine Aufarbeitung der Missstände im Zürcher Bundesasylzentrum.»

Das konnte nun der Kindersoldat in seiner Verrichtungsbox im Newsroom erledigen. Den Satz aus dem Archiv holen, abstauben und am richtigen Ort Bundesasylzentrum einsetzen.

Kollegen kümmern sich derweil um die Stimulation des Wettbewerbs: nur der Politiker mit dem schärfsten Quote kommt in die Kränze. Und der Sieger ist diesmal Willi Wottreng, AL-Gemeinderat: «Es darf nicht sein, dass mitten in der Stadt Zürich unter Oberaufsicht des Bundes ein rechtsfreier Raum entsteht.»

Wahnsinn, also doch Abu Ghureib in Zürich? Es steht zu befürchten, wenn man Wottreng folgen will:

«Die Nationale Kommission für Verhütung von Folter sollte dem Zentrum dringend einen Besuch abstatten.» Echt jetzt?

Echt jetzt. «In Schweizer Bundesasylzentren kommt es laut Amnesty International immer wieder zu Gewalt gegen Asylsuchende durch Sicherheitsleute.» Sekundiert das recherchierstarke Gassenmagazin «Surprise». Also recherchiert wurde nichts, aber Alicia Giraudel von Amnesty International habe ein Jahr lang geforscht. Ergebnis: «das Bild eines verbreitet respektlosen und gewalttätigen Umgangs mit schutzsuchenden Menschen. Die Übergriffe reichen von psychischer Gewalt und Diskriminierung bis hin zu Fällen von massiver körperlicher Misshandlung.

Bei den schwersten Misshandlungen könnten die Kriterien für Folter erfüllt sein.»

Sowohl AI wie «Suprise» wissen natürlich, dass der Wahrheitsgehalt dieser Behauptungen nicht so wichtig ist. Wichtig ist, dass man damit 15 Minuten öffentliche Aufmerksamkeit erobert, Erregungsbewirtschaftung nennt sich das im Fachjargon. Darin sind AI, «Surprise», das auch schon mal einen «künstlerischen» Mordaufruf gegen Köppel abdruckte und sich dann dafür entschuldigte, Greenpeace oder die «Republik» sich einig: muss sein. Sonst kommt man doch gar nicht in die Schlagzeilen der anderen. Dass dann alle sogenannten «Skandale» bei der «Republik» jämmerlich verröcheln, was soll’s.

Zum Beispiel «Globegarden». Oder Angola. Oder Vincenz.

Das letzte Beispiel war «Globegarden». Unerträgliche Zustände beim grössten Betreiber von Kitas in der Schweiz. Kinder fallen vom Wickeltisch, gehen verloren, werden mangelernährt, von überforderten, schlecht bezahlten Mitarbeitern. Und? Nichts und. Politiker forderten, wie immer sprungbereit, Ämter amteten, und? Ein bei einer renommierten Kanzlei in Auftrag gegebener Untersuchungsbericht ergab: nichts. Null, nada. Hatte die «Republik» wenigstens die Grösse, das zu vermelden? Ach was, wozu auch. Wäre zu sehr seriöser Journalismus. Stattdessen ein vor Arroganz und Unbelehrbarkeit triefendes Statement gegenüber ZACKBUM: «Es liegen keine Fehler vor, die wir nicht bereits am Ende des Textes richtiggestellt haben.»

In einer wahren Kampagne machte Tamedia einen schweizerisch-angolanischen Geschäftsmann nach Strich und Faden fertig. Bereichert sich an der korrupten Oberschicht Angolas, während dort Kinder mit Hungerbäuchen in Elendsvierteln vegetieren. Firmengeflecht, mögliche Steuerhinterziehung, Prozesse und Untersuchungen sind weltweit im Gange. Und? Nichts und. Alle Untersuchungen wurden ergebnislos eingestellt, alle Prozesse auch – oder vom Geschäftsmann gewonnen. Dessen Unternehmen ist futsch, die Angestellten entlassen, der Mann selber gebrochen. Wenigstens eine Entschuldigung? Ach was, wie sagte der verantwortlich-verantwortungslose Tamedia-Schreiber Brönnimann: ist doch nicht unsere Verantwortung, wenn aufgrund unserer Artikel Staatsorgane und andere tätig werden.

Ob sich Rutishauser bei Pierin Vincenz entschuldigen wird? Nicht im Traum. Gibt’s denn keine gute Nachricht aus dem Haus der schlechten Nachrichten? Leider nein:

Da zuckten Tamedia-Männer zusammen.

«Geliebter Tages-Anzeiger»? Ist das nicht ein wenig übergriffig, sexistisch, unangemessen für eine Mitunterzeichnerin des Protestbriefs? Aber viel erschreckender ist die Drohung: «mein vorerst letzter Artikel». Hartegesottene Reporter beim Tagi, die keinen Gang in die Elendsviertel der Schweizer Flüchtlingspolitik scheuen, sollen auf offener Werdstrasse zusammengebrochen sein, als sie das lasen. Mit Weinkrämpfen.

Will uns Blumer damit sagen, dass sie ihren Herzallerliebsten fragen könnte, ob er ihr statt des nächsten Handtäschchens als neues Spielzeug den Tagi kauft? Wäre doch super, Bindella inseriert, Blumer kommentiert. Der Leser? Der zieht sich mit einer doppelten Portion Tiramisu runter und ballert sich mit Bindella-Weinen den Kopf weg.