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Wallis als Schande der Schweiz

Aber nur ein kleiner Finanzblog thematisiert das Totalversagen.

Die Tragödie von Crans-Montana. Unfassbar, was in der eigentlich überregulierten Schweiz möglich ist. Eine Bar als Todesfalle, die Hälfte der Opfer sind Minderjährige, die gar nicht dort sein durften. Untaugliches Dämmmaterial, zusätzlich verengte Fluchttreppe, einziger Notausgang wahrscheinlich verriegelt und zugestellt. Keine Feuerlöscher, unqualifiziertes Personal, überfüllt und renoviert im Do-it-yourself-Verfahren.

Staatsanwaltschaft und Regierung halten Händchen während einer Pressekonferenz. Gewaltenteilung? Doch nicht im Wallis. Der Gemeindepräsident beschimpft den «Spiegel», als der es wagt, kritische Fragen zu Brandschutz und Kontrolle zu stellen:

«Wer sind Sie, so etwas zu verlangen! Ich habe den Anstand, Sie nicht so zu behandeln, wie Sie es verdienen, und zwinge mich dazu, Sie darüber zu informieren, dass die Kantonspolizei für die Information der Presse zuständig ist.»

Das Wirteehepaar mit dubioser Vergangenheit wird zunächst nur als Auskunftspersonen vernommen, läuft weiterhin frei herum, obwohl es sich der Strafverfolgung durch die Rückkehr nach Frankreich entziehen könnte.

Seine Leibwächter bedrohen einen «Blick»-Journalisten massiv. Bewilligungen, Nachweis von Sicherheitskontrollen, Brandschutzmassnahmen? Ach was.

Wurden entsprechende Unterlagen gesichert, die Amtsräume der zuständigen Behörden durchsucht, der Gemeindepräsident gemassregelt, der nicht nur sich, sondern die ganze Schweiz der Peinlichkeit und Lächerlichkeit preisgibt?

Die Mainstreammedien zerflossen tagelang in Mitleid (sofern sie den Fall nicht anfänglich verschnarchten wie das Schweizer Farbfernsehen), stammelten das übliche «unfassbar, Tragödie, unbeschreiblich» und hielten Überlebenden sowie regelmässigen Besuchern das Mikrophon vor die Nase.

Plus natürlich die Fachleute, die erklärten, was bei massiven Verbrennungen medizinisch möglich ist und welche Überlebenschancen die mehr als 100 Schwerverletzten haben.

Kritische Nachfragen überliessen sie weitgehend dem Finanzblog «Inside Paradeplatz»*, der mit journalistischer Gründlichkeit und Geschwindigkeit auf die Katastrophe reagierte, obwohl das nicht gerade seine Kernkompetenz ist.

Dabei ist sonnenklar: das Wallis ist die Schande der Schweiz. Das Wallis stellt in zentralen Bereichen einen systematischen Gegenentwurf zu rechtsstaatlichen, institutionellen und gesellschaftlichen Standards der Schweiz dar und schadet damit dem Anspruch der Schweiz als transparentem, modernem Rechtsstaat.

Systematische Vetternwirtschaft, auffällige Nähe zwischen Behörden und Eliten, minimalistische oder verzögerte Umsetzung von Bundesrecht und Volksentscheiden. Und schliesslich wählten die Walliser den ehemaligen CVP-Präsidenten Christophe Darbellay zum Staatsrat. Obwohl kurz zuvor bekannt wurde, dass der streng katholische Verteidiger der Heiligkeit der Ehe sich einen Seitensprung mit Folgen geleistet hatte.

Bekannt wurde er, weil er sich anfänglich weigerte, die finanziellen Folgen seiner Sünde zu übernehmen.

Kann man von den Behörden eines solchen Kantons erwarten, dass sie die Ursachen der Brandkatastrophe und das Ausmass des Behördenversagens konsequent aufarbeiten?

Der Ehemann der Staatsanwältin ist im Weinhandel tätig und beliefert Gastro-Betriebe. Und so weiter.

Wie schreibt Lukas Hässig richtig: «Sicheres Land, hyperkorrekte Beamte, rigorose Kontrollen, umfassender Katastrophenschutz – alles, an das die eigenen Bürger und die ganze Welt glaubten, ist in den Flammen im Party-Keller einer Alpen-Bar aufgegangen.»

Seine bittere Bilanz:

«Was macht der Bundesrat? Justizminister Beat Jans hat mit einem Blumenstrauss – keinem Bouquet – Crans-Montana am Samstag seine Aufwartung gemacht. Von seiner Rede ist nichts hängengeblieben.

Guy Parmelin liess die Fahnen auf halbmast setzen, ist schon am Donnerstabend, dem Tag der Tragödie, an der ersten grossen Pressekonferenz aufgekreuzt, wo er den Opfern versprach, die Schweiz würde sie nicht im Stich lassen.

Seither? Schweigen. Die Regierung in Bern scheint wie gelähmt, jene im Wallis schützt die eigenen Leute, eine offensichtlich überforderte Ermittlerin darf weiterhin passiv bleiben, kritische Medien kriegen Drohungen und werden zusammengestaucht.»

Dagegen raffen sich die ersten Mainstreammedien langsam dazu auf, sich die Tränen abzuwischen und die Stirne leicht zu runzeln: «Die Rolle der Behörden rückt in den Fokus», behauptet neuerdings Tamedia. Bei diesem Qualitätsorgan vielleicht, bei IP war das schon in der Nacht der Tragödie der Fall.

Auch die NZZ ist aufgewacht: «In Crans-Montana sind verheerende Fehler gemacht worden – die Behörden schulden den Opfern und ihren Angehörigen lückenlose Aufklärung». Aber was passiert, wen die Walliser diese Aufklärung schuldig bleiben und alles nach kantonaler Eigenart zuschwiemeln und in die Verjährung gleiten lassen?

Dazu fällt auch ihr nichts ein, der «Blick» hechelt einfach der Aktualität hinterher: «Inferno-Paar darf nicht mehr wirten». Ohne diese  schaumstoffweiche Reaktion der Walliser Behörden zu kommentieren.

Aber gut. Crans-Montana, Venezuela, Ukraine, Iran und noch ein bisschen Gazastreifen, das ist auch viel auf einmal für die zum Skelett runtergesparten Redaktionen. Bei denen offenbar nicht immer die Besten das grosse Rausschmeissen überlebten.

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*Packungsbeilage: René Zeyer veröffentlicht regelmässig auf «Inside Paradeplatz».

 

Lob für Tobler

ZACKBUM ist gnadenlos objektiv und verteilt gerecht Tadel und Zuspruch.

Andreas Tobler ist einer unserer Lieblingsprügelknaben bei Tamedia. Natürlich hat er jede Tracht redlich verdient; man kann seine Untaten im Archiv nachlesen. Fast 100 mal taucht er hier auf; ZACKBUM fragte schon inquisitorisch: Wieso darf Tobler noch schreiben?

Diese Frage bleibt weiter unbeantwortet, vielleicht gibt das nächste grosse Rausschmeissen eine Antwort.

Aber zuvor gebührt ihm Lob. Doch:

Das ist ein Stück Lokaljournalismus in bester Tradition; zurecht hat es der Tagi auf die Front genommen. Tobler deckt hier eine typische Mauschelei im linken Filz auf: «Ein internes Dokument zeigt, dass es bei der Wahl des neuen Geschäftsführers der Zürcher Filmstiftung zu Fehlern kam. Jacqueline Fehr und Corine Mauch sind beide im Stiftungsrat – und unternahmen nichts dagegen.»

Sicher, die «smoking gun» ein internes Dokument, wurde Tobler zugespielt. Aber aus diesem Anfangsverdacht machte er dann eine runde Story.

Kurz gesagt kam es bei dieser Wahl in die bedeutende Filmstiftung, die über ein Budget von 13 Millionen Steuerfranken verfügt, zu unglaublichen Mauscheleien. Tobler: «Einer der gravierendsten Fehler lag in der Zusammensetzung der Findungskommission für die Neubesetzung. Sie bestand aus Corine Mauch, der Kommissionsvorsitzenden Heidi Burch – und dem Filmproduzenten Kaspar Winkler, der seit 2023 dem Stiftungsrat angehört

Diese drei Köpfe entschieden, Problem: Befangenheit. «Kaspar Winkler ist seit gut zehn Jahren Geschäftspartner des Kandidaten Hercli Bundi: Gemeinsam mit weiteren Produzenten haben sie die Vinca-Film gegründet, die unter anderem den Verleih von Filmen übernimmt

Dazu sagt die Rechtsprofessorin Monika Roth: das Vorgehen sei «dilettantisch», die Informationspolitik «unhaltbar». Der Todesstoss: ««Konkret würde dies bedeuten, dass die Stelle des Geschäftsführers der Zürcher Filmstiftung neu ausgeschrieben werden müsste», sagt die Rechtsprofessorin und Governance-Expertin.»

Natürlich hat der Zürcher Filz ein dickes Fell; sowohl Mauch wie auch Fehr lassen alle Vorwürfe an sich abtropfen, nehmen keine Stellung oder sagen intern, dass sie sich weiterhin «wohl» mit diesem Wahlprozedere fühlen.

Ein Mitglied des dreiköpfigen Wahlgremiums ist geschäftlich mit dem Kandidaten verhandelt, der am Schluss gewählt wird. Niemand sah einen Anlass, dass der Geschäftspartner hätte in Ausstand treten müssen, obwohl das nicht nur alle Reglemente, sondern auch der simple Anstand zwingend erforderten.

Und dann wird zugesosst, die Erde festgeklopft, interne Kritik abgebügelt. Bis es offenbar einem Involvierten gereicht hat und der Tobler genügend Informationen zusteckt, damit der die lusche Wahl an die Öffentlichkeit zerren kann.

Nun bleibt die Frage, ob der Tagi noch mächtig genug ist, Reaktionen zu erzwingen. Die Rechtsprofessorin fordert eine Neuausschreibung der Stelle, da der «Entscheid der Findungskomssion nicht gültig zustande gekommen» sei. Das ist starker Tobak. Vor allem, weil zwei Mitglieder der Exekutive involviert sind, die so etwas eigentlich nicht dulden dürften.

Aber die Wahl wiederholen, das würde etwas bedeuten, was ein Politiker höchstens unter Androhung von Folter zugibt: dass er einen gravierenden Fehler gemacht hat.

ZACKBUM wettet darauf, dass auch diese Mauschelei einfach ausgesessen wird. Allerhöchstens wird es hohle Bekundungen geben, dass man zukünftig «noch genauer und sorgfältiger» vorgehen werde. Aber Rücksturz in die Vergangenheit, den gewählten Geschäftsführer feuern, neue, korrekte Wahl? Aber doch nicht in Zürich, dieser kleinen Filzrepublik ohne Bananen.