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Mohr lass nach

Jetzt wird die Mohrerei völlig gaga.

Die Welt hat so ein paar Probleme. Zürich hat so ein paar Probleme. Verkehrskollaps wegen Baustellenflut. Möglicher Wegzug der UBS. Offene Drogenszene. Überforderte und unterbesetzte Polizei.

Tamedia hat seine ganz eigenen Probleme und Prioritäten. Da würgt die derangierte Kolumnistin Gülsha Adilji Unverdautes und Unbekömmliches hoch und speit es in die Spalten:

Schon ab dem zweiten Satz löst das auch beim Leser Brechreiz aus: «Who are we kidding? Ich habe nicht nur was gegen sie, ich finde Männer scheisse. Not all men, bla bla, aber halt schon sehr viele.»

Die Zumutung aus dem Hause Tamedia, nannte das ZACKBUM bereits. Aber sie kann sich noch steigern, ZACKBUM findet’s scheisse.

Tamedia kann sich ebenfalls noch steigern, alleine schon mit einem Gaga-Fragetitel:

Hä? Ist es nicht so, dass zwei anerkannte Historiker auf mehr als 300 Seiten für mehr als 100’000 Franken Honorar akribisch nachgewiesen haben, dass die Holzköpfe in der Aula des Schulhauses Hirschengraben den Betrachter nicht mit Rassismus belästigen? Ist es nicht so, dass eine Gruppe von unqualifizierten Kleininquisitoren mit ihrem «Bericht: Möglichkeiten zum Umgang mit kolonialen Spuren im Stadtraum» dafür gesorgt haben, dass nach einem genauso unqualifizierten Gutachten, das nicht mal das Wort Mohr ausschreiben konnte, zwei traditionelle Hausinschriften in der Zürcher Altstadt verschwinden?

Doch, das ist alles so. Aber es ist auch so: wenn ein fehlerhaftes Gutachten ihre Vorurteile bestätigt, dann sind Linke und Woke gerne bereit, es zu akzeptieren. Wenn ein qualifiziertes Gutachten das nicht tut, treten sie nach. Oder in den Worten des Tagi-Journalisten Beat Metzler: «SP, Grüne und AL sowie der Verein Zürich kolonial vermissen bei den Gutachtern die fachliche Kompetenz.»

Die vermisst ZACKBUM auch bei Metzler, aber das wäre ein anderes Thema.

Dass SP, Grüne und AL zu diesem Thema viel Meinung, wenig Wissen und nur dummes Geschwätz zu bieten haben, mag nicht weiter erstaunen. Dann gibt es allerdings noch den «Verein Zürich kolonial».

Der plustert sich auf LinkedIn in wackeliger Syntax auf:

Dieser Verein führt Stadtrundgänge durch die schreckliche koloniale Vergangenheit Zürichs durch, obwohl er selbst einräumt: «Zwar verfügte die Schweiz selbst formal über keine Kolonien, dennoch war sie stark in die kolonialen Projekte anderer europäischer Nationen involviert

Lachen ist gut für die Gesundheit, das weiss sogar der Bundesrat. Einen wichtigen Beitrag leisten diese Historiker mit ihrer «kritischen Stellungnahme». Sie ist, im Gegensatz zum kritisierten Gutachten, anonym abgefasst («von Historiker:innen aus dem Umfeld ...»). Vielleicht fürchten die Autoren die Rache der Mohren.

Sie müssten aber eher das schallende Gelächter von Historikern fürchten, das sie mit solchem Geschwurbel auslösen:

«Das Gutachten suggeriert, dass rassistische Darstellungen notwendigerweise eine visuell oder räumlich ablesbare Rangordnung zwischen dargestellten Figuren voraussetzen und dass das Fehlen einer solchen Hierarchisierung einen rassistischen Gehalt ausschliesst. Rassistische Darstellungen sind nicht erst dann erkennbar, wenn Figuren explizit in eine Rangordnung gesetzt werden. Auch für sich genommen können Darstellungen rassistisch und diskriminierend sein …»

Lachtränen abwischen und weiter im Text: «Exotismus wird dabei als nicht-diskriminierendes Gegenstück zu Rassismus präsentiert, dass (!) sich dem stereotyp dargestellten “Fremden” mit scheinbar positiven Attributen und einer wohlwollenden Faszination annähert

Gibt es noch mehr «Probleme» bei diesen Schnitzwerken, ausser, dass die Autoren wirklich nicht gut Deutsch können? Aber sicher: Das «Problem der zeitgenössischen Perspektive, das Problem der Verweigerung von Gleichzeitigkeit, der widersprüchlichen Interpretation historischer Vorbilder, der Reproduktion rassistischer Sprache». Wohlgemerkt im kritisierten Fachgutachten.

Mit ihren eigenen historischen Forschungen sind diese anonymen Denunzianten allerdings auf einen veritablen Skandal gestossen, nämlich auf die

«Tatsache, dass Gutachter Joseph Jung und Auftraggeber des Gutachtens Filippo Leutenegger beide in den 60er-Jahren die Klosterschule Disentis besuchten».

Damit ist erwiesen, dass sowohl Jung wie auch Leutenegger disqualifiziert sind. ZACKBUM weist vorsorglich darauf hin, dass es auch zwischen dem Autor René Zeyer und Filippo diverse Berührungspunkte in der Vergangenheit gibt, was diesen Artikel sicherlich auch disqualifiziert.

Nichtsdestotrotz wollen wir für einen letzten Lacher in solch trüben Zeiten sorgen und zitieren die Forderungen der anonymen Historiker:innen:

»– ein neues Gutachten von unabhängigen Historiker:innen und anderen Wissenschaftler:innen, die mit den Forschungsfeldern des Kolonialismus und Rassismus vertraut sind. – ausreichende finanzielle Mittel zur fachgerechten Kontextualisierung der Figuren. – ein antirassistisches Vermittlungsangebot, das über das Anbringen einer Plakette hinausgeht. – potenzielle Verschiebung der Köpfe von einem schulischen in ein museales Umfeld.»

Mit anderen, klaren Worten: wir wollen massig Kohle für mehr Gutachten. Und wir wollen, dass die Köpfe abgesägt werden.

Geldgier, gepaart mit bilderstürmender Barbarei. So macht historische Wissenschaft Spass.

Wieso es allerdings Qualitätsjournalist Metzler unterlässt, diesen Schwachsinn kritisch zu würdigen, bleibt sein dunkles Geheimnis.

Gilt auch hier: Kopf ab?

 

Völlig durchgedreht

Holzköpfe aller Orten in Zürich. Nicht nur im Schulhaus Hirschengraben.

319 Seiten umfasst ein «Gutachten» des sogenannten «Atelier Jung». In Auftrag gegeben hatte das die Stadt Zürich, genauer der Stadtzürcher Schulvorsteher Filippo Leutenegger. Zu untersuchen war, ob Figurenköpfe in der Aula «rassistisch» seien, diskriminierend oder nicht. In diesem wunderprächtigen Raum symbolisieren acht Paare eine «Galerie der Völker».

Die Wurzel dieses Wahnsinns ist der Bericht «Möglichkeiten zum Umgang mit kolonialen Spuren im Stadtraum», der im März 2021 verfasst wurde. Dahinter steht die Projektgruppe «Rassismus im öffentlichen Raum» (RiöR). Dieser Haufen von Grossinquisitoren unterschied doch tatsächlich zwischen

  1. Objekte, die entfernt werden sollten
  2. Objekte, die aufgearbeitet werden müssen
  3. Objekte, die kontextualisiert werden können.

Diese Dunkelkammer wurde von anderen Dunkelkammern bestückt:

  • PRD – Fachstelle für Gleichstellung / Integrationsförderung

  • GUD – Tiefbau- und Entsorgungsdepartement

  • SD – Sozialdepartement

  • SID – Sicherheitsdepartement (z. B. Stadtpolizei)

  • SSD – Schul- und Sportdepartement

  • Städtischer Ombudsmann

  • Denkmalpflege, Kunst, Archivierung, Liegenschaftenverwaltung (weitere Querschnittsfunktionen)

Wer masste sich diese Entscheidungsgewalt an, der schon einige Mohrenköpfe in der Stadt Zürich zum Opfer fielen? Hochqualifizierte Fachleute natürlich.

Unter der Leitung von Christof Meier (Bereichsleiter Integrationsförderung PRD) schlugen zu:

  • Shelley Berlowitz – Fachstelle für Gleichstellung (PRD)

  • Susann Birrer – Stadtpolizei (SID)

  • Michael Bischof – Integrationsförderung (PRD)

  • Myriam Fojtu – Stabsstelle Departementssekretariat (GUD)

  • Beat Haas – Inventarisation Denkmalpflege (HBD)

  • Pierre Heusser – Stadt-Ombudsmann

  • Anja Huber – Stadtarchiv (PRD)

  • Sara Izzo – Fachstelle Kunst im öffentlichen Raum (KiöR) (TED)

  • Beat Kessler – Sozialdienst Liegenschaften Stadt Zürich (FID)

  • Selin Öndül – Schulamt (SSD)

  • Vithyaah Subramaniam – Integrationsförderung (PRD)

  • Bea Troxler – Departementsstab (SD)

Natürlich verwendeten sie niemals den Begriff Rassismus oder forderten Kopf ab. Heutzutage heisst das «kontextualisieren» oder «kritisch diskutieren». Sobald sich ein «Betroffener» oder gar ein Haufen Betroffener zu Wort meldet und seinem Unwohlsein Ausdruck verleiht, beginnt die sensibilisiert-woke Stadtregierung sofort mit Hyperventilieren und fordert ein «Gutachten» an.

Im Fall der problematisierten Köpfe kam der Historiker Joseph Jung zum Handkuss, bzw. sein «Atelier Jung». Der war Privatdozent an der ETH Zürich, Chefhistoriker der Credit Suisse sowie Geschäftsführer verschiedener Stiftungen. Seit 2015 ist er Geschäftsführer und einzig aufgeführter Mitarbeiter der Einzelfirma «Atelier Jung», steuergünstig in Zug domiziliert. Das sich natürlich auf «ein Netzwerk» abstützt, auf was denn sonst.

Dieses Riesenwerk hat der bislang nicht als Rassismus-Experte aufgefallene Jung (dafür als Autor des lesenswerten Buchs «Das Laboratorium des Fortschritts») mit einem Dr. phil. Matthias Frehner verfasst. Der ist Publizist, Kurator, Spezialist für Eisenplastik und Raubkunst. Ebenfalls völlig unbeleckt vom Thema Mohrenköpfe gestern und heute.

Zur grossen Erleichterung aller Beteiligten kam das mit wissenschaftlichem Gelaber aufgeblasene Gutachten zum Schluss, dass es sich bei diesen Figuren nicht um den Ausdruck von Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit handle. Sie seien «nicht diskriminierend». Uff. Andererseits: «Die Figurenköpfe basieren auf einem rassistischen Weltbild.» Ja was denn nun?

Daher wird eine – Überraschung – «Kontextualisierung» empfohlen. Mit Infotafel, QR-Codes, dazu Unterrichtsmaterialien, Workshops, Ausstellungen. Das übliche Gedöns, wenn man nicht so weit gehen möchte, diese kunsthistorisch wertvollen Bestandteile des Gesamtkunstwerks dieser Aula einfach abzuhacken.

Der NZZ ist aufgefallen, dass eine menschliche Fratze, die über dem Eingang des Schulhauses die Besucher anblickt, «für die Schulbehörden der Belle Époque der künstlerischen Freiheit zu viel war. Das Bildnis musste vorübergehend abgedeckt werden – wie die «Mohren»-Inschriften gut 130 Jahre später.»

Besser kann man diesen absurden Bildersturm nicht der Lächerlichkeit preisgeben.

Man könnte sich über den woken Wahnsinn lustig machen. Wenn der Zürcher Steuerzahler nicht dafür kräftig bluten müsste. Laut Jung hat das Gutachten 113’000 Franken gekostet. Er hält sich für das Thema Mohrenkopf qualifiziert, weil einer seiner «Forschungsschwerpunkte ist seit vielen Jahren das 19. Jahrhundert. Neben ganz unterschiedlichen Fragestellungen ist die Kulturgeschichte das übergreifende Thema».

Seine Wackelposition begründet er so: «Vereinfacht gesagt, sind nicht die Figurenköpfe (der Völker) das Problem – diese sind egalitär, gleichwertig in der Platzierung und Ausarbeitung, es gibt keine Karikaturen, alle sind exotisch typisiert usw. Das Problem ist der Zeitgeist: das rassistische Weltbild (Imperialismus, Kolonialismus) und damit die Einteilung der Menschen in Rassen (nach Hierarchien und mit entsprechenden Diskriminierungen).»

Schön, dass der rassistische Zeitgeist des 19. Jahrhunderts entlarvt wurde. Denn heute sind wir weiter: es gibt offenbar keine Rassen mehr. Denn nur schon das Eingeständnis ihrer Existenz wäre – rassistisch. Das muss dem Stadtzürcher Steuerzahler doch über 100’000 Franken wert sein. Darüber kann er dann im Stau in aller Ruhe nachdenken.

 

Der Artikel erschien zuerst auf «Inside Paradeplatz».

Punkt. Ausrufezeichen.

Wie man eine «Arena» kaputtredet.

Das Schweizer Farbfernsehen kann einiges nicht. Besonders auffällig ist die Unfähigkeit, Talksendungen zu machen. Dass das mit Niveau geht, zeigen ARD und ZDF jeden Abend. Dass es geht, zeigen «Talk täglich» und «SonnTalk» auch in der Schweiz.

Dann gibt es noch den Altmeister aller Klassen, der weiterhin den «Doppelpunkt» kann, neu wieder den TV-Talk, dazu als einziger die Tradition des Talk Radio weiterführt. Sozusagen die One-Man-Talkshow Roger Schawinski.

Den hat SRF weggespart. Braucht’s nicht, kann doch jeder. Dass es nicht jeder kann, beweist Urs Gredig einmal wöchentlich. Da sitzen zwei im Glaskasten und werfen nicht mit Steinen, sondern haben sich lieb.

Das ist ein doppelter Verstoss gegen die Grundregel einer solchen Veranstaltung. Denn das ist keine kulturell hochstehende Erziehungsanstalt, sondern eine Show. Ein verbales Kräftemessen zwecks Bespassung und Unterhaltung der Zuschauer. Kommt dabei auch noch Erkenntnis zustande, ist das ein netter Zusatznutzen.

Früher war natürlich alles besser

Die «Arena» war ursprünglich als echte Krawallshow geplant und durchgeführt. Dazu brauchte es nur drei Elemente. Typen wie Christoph Blocher oder Peter Bodenmann, Heckenschützen aus der zweiten Reihe und einen Dompteur, der gelegentlich mit der Peitsche knallte, aber ansonsten die Diskutanten galoppieren liess.

Es gab immer mal wieder rote Köpfe, beleidigte Leberwürste und Vorwürfe der Parteilichkeit. Hatte sich der Vertreter einer Partei um Kopf und Kragen geredet, wurde anschliessend Filippo Leutenegger vorgeworfen, er sei zu links, zu rechts, zu liberal, zu herrisch, er hätte eingreifen sollen, es laufen lassen sollen, sofort reingrätschen, nicht immer unterbrechen.

Also war’s durchaus eine runde Sache. Natürlich schaffte es in den letzten zehn Jahren keine einzige «Arena»-Sendung in die Top-100 bei den Einschaltquoten. Dort tummeln sich fast ausschliesslich Fussball- und Sportsendungen, gelegentlich mal eine Tagesschau. Aber die «Arena» hatte anfänglich noch 22 Prozent Zuschaueranteil. Das brach dann auf 19 Prozent ein, in den letzten Jahren.

Natürlich ist eine Sendung, die real live aufgezeichnet und erst ab 22.20 Uhr am Freitagabend ausgestrahlt wird, kein Publikumsrenner. Aber das Format war bewährt und erprobt. Vorne am Kreis manchmal zu viele Diskutanten, aber das führte dann zu unterhaltsamen Ellenbögeleien und verbalen Blutgrätschen von erfahrenen Teilnehmern. In der zweiten Reihe Sekundanten, die Kurzauftritte hatten und manchmal geschickt einen der im inneren Kreis Stehenden aus dem Konzept bringen konnten.

Hintendran das Publikum, das durchaus gelegentlich Sympathie- oder Antipathiepunkte vergab. Das alles wurde Stück für Stück demontiert, reglementiert, zu Tode organisiert.

Den Todesstoss versetzt aber der aktuelle Moderator der «Arena». Denn Sandro Brotz ist alles andere als ein Ausgleicher, und ein mit natürlicher Autorität ausgestatteter Dompteur ist er auch nicht.

Sondern ein selbstverliebter Rechthaber, der vor Haltung beinahe platzt und auf den sozialen Plattformen ungefragt Noten verteilt. Zweifler an der offiziellen Corona-Politik sind für ihn «Flacherdler». Als sich daraufhin ein Shitstorm über ihn ergoss, zog er sich beleidigt und kurzzeitig zurück.

Der aktuelle Moderator ist im falschen Film

Er hat ein eklatant falsches Rollenverständnis, deshalb ist er in der «Arena» im falschen Film. Der Moderator hat die Fragen, die Gäste versuchen Antworten. Der Moderator leitet, die Gäste gehen aufeinander los. Der Moderator greift nur ein, wenn etwas aus dem Ruder läuft. So machen das routiniert in Deutschland eine ganze Riege von erfahrenen Diskussionsleitern.

Dass Brotz auf Twitter nachquengelt, dass man für eine Kritik seines Verhaltens nicht mit ihm geredet habe, obwohl er einräumen muss, dass er auf eine entsprechende Anfrage 24 Stunden lang nicht reagierte, ist bereits so lächerlich, dass es ihn desavouiert.

Dass er es sich herausnimmt, einen Diskussionsteilnehmer wegen einer Aussage als Rassisten abzuqualifizieren und dafür als hohes Gericht die Präsidentin der Antirassismus-Kommission zitiert, sollte ausreichend sein, um ihn zu ersetzen.

Natürlich muss SRF das eigene und das Gesicht des Moderators wahren, daher wird das nicht sofort erfolgen. Aber es ist unausweichlich. Nein, auch für diesen Kommentar wurde Brotz nicht um eine Stellungnahme angefragt. Wozu auch, seine Taten sprechen für sich. Punkt, Ausrufezeichen.

Portraitfotos als Zeitmaschine

Wer für Artikel oder für Politinserate einfach Portraits vom Netz herunterlädt, erzeugt manche Stilblüte.

Die Woche sind mir zwei Portraitfotos ins Auge gestochen. Einmal der Zürcher Stadtrat Filippo Leutenegger, der von einem Pro-E-ID-Inserat entgegenlachte. Mit neckischem Grinsen und tiefbraunem Haarkranz. Eine rudimentäre Internetrecherche zeigt: Das Foto stammt von 2007. Damals wurden alle Nationalräte zu Legislaturbeginn abgelichtet. Hinter dem Inserat und dem Ja-Komitee zum neuen E-ID-Pass steht der Verein digitalswitzerland. Zu seinen Mitgliedern zählen laut Selbsteinschätzung Organisationen des privaten und öffentlichen Sektors sowie Hochschulen und der Wirtschaftsverband Economiesuisse. Die Idee zum Konstrukt hatte Marc Walder, CEO des Medienkonzerns Ringier, vor sechs Jahren. Digitalswitzerland mag ja eine Zukunftsvision punkto Digitalisierung haben, bei der Fotoauswahl ist sie eher retro. Oder einfach faul.

 

Filippo Leutenegger: Zwischen den Aufnahmen liegen 14 Jahre. Das zweite Bild stammt von der Website des Schul- und Sportdepartements der Stadt Zürich.

Nicht viel besser als digitalswitzerland agierte letzthin die Weltwoche. Es ging um den Politiker und Oberrichter Christoph Spiess. Er war vor zwei Wochen mal kurzzeitig Tiktok-Star, dank einem grossen Artikel im Tages-Anzeiger. Das Thema griff neben ZACKBUM eben auch die Weltwoche auf: «Spiesser-Attacke gegen Richter Spiess». So weit, so gut. Doch die Fotoabteilung der Weltwoche bediente sich tief in die Mottenkiste. Gut 20 Jahre alt ist das Foto von Christoph Spiess. Warum ich das vermute? Die Weltwoche hat das Spiess-Foto von der Internetseite des Stadtzürcher Gemeinderats heruntergeladen. Spiess war von 1982 bis 1998 und dann nochmals von 2010 bis 2014 in der Legislative. So jung und drahtig war der SD-Politiker definitiv in seiner ersten Amtszeit.

Christoph Spiess, wohl vor mehr als 15 Jahren aufgenommen, erschienen in der Weltwoche vom 18.2.2021.

Warum passieren solche schrägen Dinge? Eigentlich darf man ja kein Foto verwenden, wenn man nicht um Erlaubnis bittet beim Fotografen. Gerade bei staatlichen Institutionen und bei Parlamenten nimmt man stillschweigend an, dass die Rechte wohl abgegolten sind von den Auftraggebern. Doch ohne Reklamation kein Problem. Von den abgelichteten Politikern ist oft ebenfalls keine Reaktion zu erwarten. Wer fühlt sich nicht geehrt, wenn er so viel jünger aussieht? Ausser er heisst Daniel Jositsch und hat 30 Kilogramm abgenommen.

Noch ein Schmankerl zur Weltwoche. 2019 klaute mir das Wochenblatt ein Foto, das ich von Charly Schlott bei seinem letzten öffentlichen Auftritt gemacht hatte. Schlott (1934-2019), das war die Speaker-Legende des Zürcher Hallenstadions mit der charakteristisch-rauchigen Stimme. Die Weltwoche druckte das Bild, es war das letzte, bevor Schlott an den Folgen einer Operation starb, ungefragt ab. Darauf kam ich nur, weil ich die Weltwoche immer lese. Nach längerem Hin und Her (es war gefühlt ein Kommen und Gehen auf der Weltwoche-Fotoredaktion) einigten wir uns dann, dass ich ein Abo bekomme als Wiedergutmachung.  Denn die Weltwoche hatte recht dreist nicht einmal den Fotografen (also mich) angegeben, sondern nur das Kürzel zvg. Zur Verfügung gestellt hatte ich das Bild definitiv nicht.