Beiträge

Sommer-Rubrik: GÄHN

Nichts eignet sich besser für eine Fortsetzung als die Sonntagspresse.

Woran merkt man, dass dem B-Team im Hitzestau wirklich nichts eingefallen ist? An einem solchen Cover:

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Elefant tot, Pille out, hübsche Frau, Hitzestau.

Immerhin gibt der Chefredaktor auf Seite zwei dann gleich kontra, was sicherlich von ein paar Hitzköpfen als neue Querelen in der Redaktion interpretieren wird:

Aber es ist heiss genug, sie als Titelgeschichte zu verbraten.

Das hier hingegen ist endlich mal nicht-gähn, aber keine redaktionelle Leistung, sondern eine clevere Werbung:

Aber sogleich wird es wieder Doppelter-Ristretto-Gähn, wenn Felix Gähn Müller nun wirklich überhaupt nichts einfällt, womit er seine Medienkolumne füllen könnte. Aber was muss, das muss:

 

Als mildernden Umstand könnte man höchstens anführen, dass er sich im Niveau der Kolumne der sogenannten Kabarettistin Patti Basler anpassen wollte. Denn schlimmer als flach scherzen ist höchstens, pseudogelehrt scherzen: «Lasst uns mit emporgerecktem Kopf  die Troposphäre zurückerobern, als sei es das natürliche Habitat des Homo volans.» Hä? Kein Stress, einfach gähnen.

Was die NZZaS kann, kann der «SonntagsBlick» schon lange:

FDP-Chef sagt was, abgehalfterter Moderator sagt was, Pfadi macht was.

Geht noch mehr gähn? Oh ja, der stellvertretende Chefredaktor Reza Rafi sagt was; sein Chef hat hitzefrei, also darf er sich am Editorial vergreifen: «James Schwarzenbach machte Fremdenfeindlichkeit salonfähig, die Linken wollten den Staat entwaffnen, Christoph Blocher erfand das Feindbild Europa. Anti-Mainstream garantiert Aufmerksamkeit ebenso wie Aufschreie.» Was will uns Rafi damit sagen? Nichts, ausser eine Doppelspalte Einleitung zu diesem dünnen Schluss: «Im Vergleich dazu wirkt es eher harmlos, wenn der Schweizer FDP-Präsident Thierry Burkart sich im SonntagsBlick-Interview dafür ausspricht, dass der Bund alles tun soll, um die heimischen AKW möglichst lange – und sicher – am Leben zu lassen.»

Wir schleppen uns auch hier ins Ziel. Frank A. Meyer (nein lieber Leser, da müssen wir durch) hat wie immer mit seinem Kommentar die Hand am Puls der Zeit. Da gab es doch mal so eine Flugaffäre mit unserer Knutschkugel BR Berset. Dazu gibt es ein witziges Inserat und einen späten, wohl durch Hitzestau bedingten Nachruf von Meyer. Wir erwarten stehenden Applaus des Lesers, weil wir uns durch den ganzen Text gekämpft haben und nur die Schlusspointe gähnen lassen:

«Alain Berset fliegt hoch, fliegt auf die Nase – fliegt dem Kleingeist davon.»

Hä? Nicht grübeln, wer’s nicht versteht, ist ein Kleingeist.

Allerdings, ganz versteckt und wie nebenbei könnte der SoBli einen Knaller enthalten. Zu diesem Foto muss man wissen, dass beide Herren inzwischen Single sind und mehr oder minder zusammen wohnen; mehr sagen wir nicht, schliesslich ist das deren Privatangelegenheit:

Sieht nach echter Männerfreundschaft aus.

Kann die SoZ noch einen drauflegen im Gähnbereich? Zumindest das Bemühen ist erkennbar:

Bier wird teurer. Seit es Bier und Zeitungen gibt, der Sommerheuler.

Die SoZ schafft aber auch einen ärgerlichen Gähn. Am 20. Juli berichtete «Inside Paradeplatz»: «Leveraged Buyouts krachen – und die CS ist mitten drin».  Am 24. Juli vermeldet die SoZ: «Auf die Credit Suisse kommt ein neuer grosser Verlust zu. Tiefe Zinsen liessen das Geschäft der Banken mit fremdfinanzierten Firmenübernahmen florieren». Deutsch für Leveraged Buyouts. Immerhin wird IP so im Vorbeilaufen im SoZ-Artikel erwähnt. Dass man aber einfach umständlicher, ausführlicher und langweiliger nochmal über das gleiche Thema berichtet – lassen wir das und gähnen einfach ausgiebig.

Wenn man die Preiserhöhung beim Bier schon verballert hat, was kann man dann noch tun, um den Leser am Gähnen zu halten? Richtig, das war nun kein IQ-Test:

Wir holen den grossen Eistee-Test aus dem Kühlschrank und passen einfach auf, dass wir den Stehsatz vom letzten Jahr gut durchschütteln und eiskalt nochmal servieren.

Für alle tapferen Leser, die bis hierher durchgehalten haben: nächstes Wochenende ist dann noch 1. August zu allem Elend. Also wird das ein gesteigertes Gähn-Festival werden …

Realitätsverlust

Alle Jahre wieder ist Märchenstunde. Onkel Strehle erzählt von Qualität.

Hurra, der «Qualitätsreport 2021» ist da. Der Autor bürgt für unbestechliche Qualität. Res Strehle hat sich zudem einen illustren Kreis von «Experten» beigezogen. Herausragend: Felix E. Müller, Ex-Chefredaktor NZZaS. Oder Roger Blum (lebt noch). Oder Miriam Meckel (gibt’s noch).

Was ist das Ergebnis? Falls die Frage ernstgemeint sein sollte: «wenig handwerkliche Mängel», Trennung Werbung und redaktionellen Inhalten «wurde eingehalten». Dazu «nur wenige Faktenfehler», «ein gutes Zeichen scheint uns auch, dass die Floskel «Es gilt die Unschuldsvermutung» durch eine im Bericht praktizierte Unschuldsvermutung zunehmend unnötig wird». Schliesslich: «Die Sprache war in den untersuchten Wochen in allen Tamedia-Medien verständlich, «unaufgeregt, sachdienlich und wenig manieriert», wie es Felix E. Müller als beigezogener Experte für den Tages-Anzeiger formulierte.»

Und was gibt’s Neues an der Geschlechterfront? «Das Bemühen, das generische Maskulinum als Standard zumindest in Lauftexten zu vermeiden, war im vergangenen Jahr in allen Redaktionen spürbar – diese Form wird allerdings noch nicht konsequent vermieden

Besinnlich klingt der streng-sachliche Report mit einem Schlusswort des Big Boss aus:

«Wir müssen einen strengen Massstab an unsere Arbeit legen. Nur so sind wir glaubwürdig und können unsere zentrale Rolle in der Demokratie wahrnehmen.»

Pietro Supino, Präsident und Verleger von Tamedia.

Falls beim einen oder anderen Leser Zweifel aufkommen sollten: Doch, dieser «Qualitätsreport» befasst sich mit den Erzeugnissen von Tamedia. Wirklich wahr, ungelogen. Und Supino spricht vom strengen Massstab, den er an die Behandlung der Abstimmung über die Milliardenspritze für Notleidende Verlegerclans angelegt hat.

Nicht nur Pierin Vincenz wird erstaunt zur Kenntnis nehmen, wieso denn die Floskel «es gilt die Unschuldsvermutung» immer weniger verwendet werde. Nicht etwa, weil sie in seinem Fall immer lächerlicher wirkte und wohl noch nie ein Angeklagter dermassen vorverurteilt wurde.

Trennung Werbung und redaktioneller Inhalt durch visuel fast identische Werbeseiten, lediglich mit «Sponsored Content» oder ähnliche Floskeln gekennzeichnet, die vielen Lesern nach gängigen Untersuchungen überhaupt nichts sagen?

Wenig Faktenfehler? Nun, es gab sicherlich weniger Fakten- als Orthographiefehler. Das will aber nicht viel heissen, bei der Menge an Rechtschreibverbrechen.

Unaufgeregt und sachlich? Das wüssten Marc Brupbacher und andere Amoks aber. Oder vielleicht sollte man es ihnen sagen.

Das generische Maskulin werde nicht konsequent genug vermieden? Ja furchtbar, da müssen noch die letzten Lichtblicke in einer allgemeinen Sprachvergewaltigung ausgeknipst werden. Apropos, wie kann ein «Qualitätsreport» stillschweigend über einen massiven Protest von 78 Tamedia-Frauen hinweggehen? Hat deren Kritik nichts mit Qualität zu tun? War sie gar zu unqualifiziert? Ignoriert Strehle einfach etwas, was er für unwichtig hält?

Wie steht es mit den ständigen Sparrunden; haben die keinerlei Auswirkungen auf die Qualität der Blätter? Gibt es nichts zum Überhandnehmen von Artikeln aus München zu sagen, wo selbst ein Ex-Bürgermeister der Stadt einen Katzentext in der «SonntagsZeitung» absondert, der vielleicht in Bayern bekömmlich wäre? Könnte es kein Qualitätsproblem sein, dass aus deutscher Perspektive geschriebene Kommentare und Einschätzungen eins zu eins in Schweizer Blätter übernommen werden?

Alles ist gut, alles wird gut

Ingesamt ähnelt auch dieser Raport Rechenschaftsberichten im verblichenen Sozialismus. Da Strehle ja ursprünglich aus der eher linksradikalen Ecke kommt, hat er sich vielleicht nostalgisch daran erinnert. Auch dort eilte die Partei (hier halt Tamedia) von einem Erfolg zum nächsten. Wurde geliefert, verbessert, gesteigert und auf alle Wünsche der Bevölkerung (aka Leserschaft) eingegangen.

Natürlich gab es da und dort klitzekleine Rückschläge, die allerdings meistens von aussen verursacht wurden und keinerlei Eigenverschulden enthielten. Es galt immer die Devise: nachdem man bereits ein dermassen hohes Niveau in der Perfektion des Sozialismus erreicht hatte, konnte es nur noch klitzekleine Schwachstellen geben, die man aber mit verdoppelter Energie bis zum nächsten Rechenschaftsbericht ausmerzen würde.

Aber zurück in die Gegenwart dieser Vergangenheit. Da muss man der Gerechtigkeit halber sagen, dass sozialistische Rechenschaftsberichte nie auch nur ansatzweise lustig waren.

Das Schlusswort von Strehle, angesichts des Verhaltens der Redaktion von Tamedia gegenüber der offiziellen Corona-Politik kritisch eingestellten Mitmenschen, die regelmässig beschimpft und heruntergemacht wurden, kann man nur als gelungenen Versuch sehen, den Leser mit Seitenstechen vor Lachen zu verabschieden:

«Abschliessend möchte ich allen Chefredaktionen, Journalistinnen und Journalisten dafür danken, dass sie den Tendenzen zur Spaltung der Gesellschaft entgegenwirken, indem sie den gesellschaftlichen Dialog beispielsweise zwischen den Mass nahmegegnerinnen und -gegnern aller Art und den Verantwortungsträgern sowie Befürwortern aufrechterhalten.»

Da wälzt man sich auf dem Boden und klopft ab: bitte aufhören, japst man zwischen Lachsalven.

 

Wumms: Christoph Mörgeli

 

These ist gut. Widerspruch ist schlecht. Also ist Weglassen Trumpf.

Christoph Mörgeli hat seine Sternstunden. Der gut fundierte Hinweis darauf, dass Tamedia im Glashaus nicht mit Steinen auf die Bührle-Sammlung schmeissen sollte, war hervorragend. Denn die Coninx-Sammlung böte auch Anlass zu vertiefter Untersuchung. Nur kommt das keinem kritischen, unabhängigen Raubkunst-Jäger im Hause in den Sinn. Warum bloss?

In der aktuellen «Weltwoche» geht Mörgeli aber mit einer spekulativen These auf die Pirsch – und landet im Gebüsch. «Wer unterdrückte in der NZZaS die Berichterstattung über Bundesrat Bersets Affären?», raunt er inhaltsschwanger.

Nun wird’s einen Moment kompliziert. Mörgeli enthüllte einen Seitensprung samt Amtsmissbrauch. Daraufhin wurde er zuerst mit Schweigen bestraft, dann mit Kritik überschüttet. Nur Peter Hossli fügte in der NZZaS die nette Note hinzu, dass sich Bundesrat Berset mit der Staatskarosse vom Liebesnest in Freiburg im Breisgau nach Bern zurückkutschieren liess.

Dann schrieb Kurt W. Zimmermann die Räuberpistole, dass Hossli eigentlich noch viel mehr Munition gehabt hätte, aber Jonas Projer, frisch im Amt, seinen ersten Fehlentscheid traf und die fertige, zweiteilige Story abwürgte.

Liegt alles nur im weit, zu weit gefassten Streubereich der Wahrheit. Das hätte Mörgeli auf ZACKBUM nachlesen können. Nun klappert er noch mit seiner These hinterher, dass eigentlich der pensionierte und abgehalfterte Ex-Chefredaktor Felix M. Müller als Berater von Projer seine Finger im Spiel gehabt hätte. Der fällt regelmässig mit peinlichen Medien-Kolumnen auf.

Lass weg, was deine Räuberpistole stört, meinte Mörgeli offenbar. Also zählt er die wenigen Organe auf, die auf Zimmis Story aufsprangen. In der kurzen Liste fehlt allerdings das Online-Medium, das am ausführlichsten und am besten drüber berichtete.

Die Bescheidenheit verbietet uns, seinen Namen zu nennen. Wir sind doch nicht vom Aff bisse.

Sonntag, 26. Dezember

Die Höchststrafe für Sonntagsblätter.

Am 25. Dezember das Blatt für den 26. Dezember vorbereiten müssen, mit Informationslage 24. Dezember, das ist nun echt hart. Da könnte man sich etwas einfallen lassen – oder daran scheitern. Wenn das die Wahl ist, weiss der Schweizer Journalismus, was zu tun ist.

Der Dreizack der mehr oder minder gepflegten Langeweile sah so aus:

 

Früher hatte «Frontseite» noch eine gewisse Bedeutung.

Ein Zusammenhang zwischen Artikel und Inserat wäre rein zufällig.

Zum Glück gibt’s den Rückblick. Sonst müsste man noch Peach Weber interviewen. Oh, das tat man.

Der SoBli hätte auch titeln können: Uns ist alles ins Abflussrohr gegurgelt.

Immerhin: Frank A. Meyer zerlegt gekonnt Philipp Loser von Tamedia. Ist aber auch keine Kunst.

So sieht eine Seite aus, wenn man nicht schreiben will: Die Alternative wäre ein Katzenfoto gewesen.

Auch die NZZaS begibt sich in die Niederungen des Sauglatttismus.

Ein Loblied auf Queen Elizabeth II.: Das wollte man unbedingt schon mal in der NZZaS lesen. Aber eher vor 50 Jahren.

Aber wir haben noch ein Absackerchen. ZACKBUM warnt schon lange, dass die Auswirkungen des Virus auf die Hirntätigkeit dringend genauer untersucht werden müssten. Felix E. Müller beweist das aufs Erschreckendste.

Schon im Titel seiner Medienkolumne hat er danebengegriffen. Aber der Reihe nach. Er sieht zwei Herangehensweisen an die Corona-Berichterstattung. Die Medien hätten versuchen können, «mit sachlicher Information den Wissensstand zu verbessern». Leider fällt ihm kein Beispiel dafür ein. Oder er ist zu bescheiden, die NZZaS zu erwähnen.

Aber da gab es auch die dunkle Seite der Macht, der sowohl die Linken wie auch die Rechten anheim fielen, nämlich die «Erregungsbewirtschaftung»: «In der linken Ausprägung hiess dies, Weltuntergangsstimmung zu verbreiten oder extreme Prognosen zu Opferzahlen als wahrscheinliche Entwicklung darzustellen. Das rechte Lager dagegen hämmerte dem Publikum ein, sämtliche Prognosen seien falsch und alle Massnahmen der Behörden absurd.»

Das ist schon eine gewagte Vereinfachung, mit der sich Müller den gar nicht NZZ-liken Titel «terrible simplificateur» einhandelt. Aber nun wird’s leicht absurd:

«Diese Berichterstattung hat längst das leninistische Kommunikationsmodell der Agitprop übernommen, mit dem die Kommunisten den Boden für die Revolution vorzubereiten suchten.»

Im Sinne eines Rosta-Fensters des grossen Revolutionsdichters.

Echt jetzt? Linke wie Rechte frönen dem Agitprop? Majakowski lässt grüssen? Kann Müller einen negativen Corona-Test vorweisen? Ist er geboostert? Wenn nein, warum nicht?

Seine Spalte kommt zum Ende, er muss leider schliessen. Das geht natürlich nur mit einer conclusio, wie der ehemalige Gymilehrer gerne sagen würde: «Der Unterschied zwischen den beiden journalistischen Prinzipien macht den Unterschied zwischen einem verantwortungsvollen und einem verantwortungslosen Journalismus aus.»

Der Unterschied macht den Unterschied aus? Hallo? Brennt da im Oberstübchen noch ein Licht? Will niemand den schreibenden Rentner vor sich selbst schützen, vor weiteren Beschädigungen?

Obduktion der NZZaS

Papiermangel, schlecht, Hirnschmalzmangel, schlechter. Hintergrund ohne Hintergrund.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

«Hintergrund» ist eine Ansage, von der NZZaS sowieso. Tiefe Denke, gute Schreibe, bereichernde Gedanken, Einsichten und Ansichten. Könnte man meinen, sollte man erwarten, wird aber in der aktuellen Ausgabe zum Witz. Wenn man die Definition von Freud heranzieht, dass ein Witz aus einer enttäuschten Erwartungshaltung entsteht.

Im «Hintergrund» vom 17. Oktober gibt es genug Witze für eine ganze Comedy-Show. Allerdings wohl nicht absichtlich zubereitet.

Witz 1: Markus Bernath sinniert aus der neutralen Schweiz heraus, wie denn die EU mit Polen und Ungarn umzugehen habe. Denn das wissen die vielen Eurokraten in Brüssel und Strassburg nicht, daher leiht ihnen Bernath ungefragt seinen Sachverstand. Der rät der EU, die beiden Staaten schlichtweg rauszuschmeissen.

Nur: wie? Den Ausschluss, Rausschmiss ist – «nicht vorgesehen», muss er einräumen. Aber, Bernath weiss Rat: gingen die beiden bösen Buben nicht freiwillig, «könnte die Kommission sie auch aus der EU mobben». Echt jetzt? Das rät die NZZ, tapfere Verteidigerin des Rechtsstaats?

Aber wie auch immer, Bernath weiss: «Die EU sitzt am längeren Hebel.» Na, dann geht’s doch, «was nicht heisst, dass sie die Auseinandersetzung nicht auch verlieren könnte». Ja was denn nun?

Die Polen und die Ungarn wollten gar keinen Austritt, weiss Ferndiagnostiker Bernath, also dann doch:

«Die Union kann das Kräftemessen mit den Rechtspopulisten in Warschau und Budapest deshalb gewinnen.»

Gewinnen, verlieren, kann man so oder so sehen.

Ach, und was ist eigentlich der Anlass für die guten Ratschläge? «Dass nationales polnisches Recht über dem Eu-Recht stehen soll, kann die Kommission nicht akzeptieren.» Damit liefert Intelligenzbestie Bernath gleich noch den besten Grund nach, wieso die bilateralen Verhandlungen am Schluss gescheitert sind. Denn wie Polen kann das auch die Schweiz nicht akzeptieren.

Witz 2: Laut Martina Läubli sei die Bestsellerautorin Sally Rooney «verstrickt im Widerspruch». Ja in welchem denn? In einem? In vielen, diagnostiziert Läubli. Zunächst: Rooney will zurzeit keine hebräische Übersetzung ihres dritten Werks, angeblich als Protest gegen die «Unterdrückung der Palästinser durch den Staat Israel». Kann man machen, wo ist da ein Widerspruch?

«Rooney lehnt die Übersetzung ihres Buches in Russland oder China nicht ab, wo die Menschenrechtsverletzungen aber ähnlich schlimm sind

Super, wird Israel freuen zu hören. Abgesehen davon ist das kein Widerspruch, sondern einfach eine Entscheidung einer Autorin. Aber nun müsse sich Rooney fragen lassen, donnert Läubli, «ob sie denn eine Antisemitin» sei. Mag sein, dass Flachdenker sie das fragen, aber wieso auch Läubli?

Damit nicht genug, die Autorin sei durch ihre Bestseller reich geworden, «gleichzeitig bezeichnet sie sich als Marxistin». Will Läubli damit wirklich sagen, dass zwischen dem Verwenden der marxistischen Ideologie und Reichtum ein antagonistischer Klassenwiderspruch bestehe? Nein, so ein primitives Unterstellen wollen wir einer NZZaS-Autorin nicht unterstellen. Oder doch?

Weitere «Widersprüche»: Die Autorin steure nun «auf Bürgerlichkeit zu». Ist ja furchtbar widersprüchlich, wie äusserst sich das denn? Hui, sie hat sich «ein Haus gekauft und ihren langjährigen Partner John Prasifka geheiratet». Das sind ja nun schreiende Widersprüche. Oder hört man hier Dummheit schreien?

Witz 3: Damit nicht genug, in der Medienspalte, zu der die einstmals angesehene Medienkritik der NZZ geschrumpft ist, ist wieder Felix E. Müller dran, der Garant für die alte Wahrheit, dass was nicht viel kostet, nicht viel wert ist.

Denn der schreibende Rentner will an zwei Beispielen aufzeigen, dass es in der Schweiz gar nicht so einfach sei, einen «Skandal» herbeizuschreiben. Hämisch mokiert er sich über die Bemühungen von Tamedia, unterstützt vom Schweizer Farbfernsehen, das mit den «Pandora Papers» zu probieren. Ging nicht, während die NZZ, Selbstlob stinkt nie, lediglich «die Hintergründe dieser internationalen Kampagne» ausgeleuchtet habe. Während die «Weltwoche» das Ganze sogar als «substanzlose Pseudo-Aufregung» bezeichnet habe. Wie ZACKBUM übrigens auch, aber diese Plattform mag Müller nicht.

Die WeWo hingegen habe versucht, die «amourösen Eskapaden nach Kräften» zu skandalisieren. Dann habe sich das Wochenmagazin darüber beschwert, dass die anderen Medien «angeblich von Bersets Verirrungen gewusst, aber nicht darüber geschrieben» hätten.

«Das ist allerdings falsch»,

trompetet Müller, «haben doch alle anderen Medien das Thema aufgegriffen». Doch die «Sache» halt nicht «als dramatisch» beurteilt. Was nun allerdings völlig falsch ist. Kein Medium – obwohl es in Bern die Spatzen von den Dächern pfiffen – hatte die «Sache» vor der WeWo aufgenommen. Und am Erscheinungstag dauerte es bis in den Abend, bis sich die übrigen Medien von ihrer Schockstarre erholt hatten und zögerlich, sofort Partei ergreifend, darüber berichteten.

Damit wird die Kolumne von Müller auch nicht zum Skandal. Aber er hat einen weiteren Sargnagel ins hoffentlich bald erfolgende Ende seiner Schreibkarriere geschlagen.

Vorher meldet er sich allerdings in der gleichen Ausgabe nochmals auf einer Doppelseite zu Wort. Das ist dann im Vergleich zu einer Kleinkolumne ein grosser, doppelter Sargnagel.

 

Fortsetzung folgt sogleich.

Schreibende Sparmassnahme

Kaum etwas ist so billig wie ein pensionierter, aber immer noch mitteilungswilliger Journalist.

Leider ist billig oft auch wertlos. Besonders schön zeigt sich dieses Elend in der aktuellen Ausgabe der «NZZ am Sonntag». Die ersten drei Seiten des Bundes «Hintergrund» sind für Meinungen reserviert.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Vorne dürfen die Redaktoren selbst, auf der nächsten Seite wird nicht zu selten einem Gastkommentator das Wort erteilt. Und in einem knappen Streifen wird das abgefüllt, was früher mal eine kompetente Medienkritik war, betreut von einem erfahrenen und langjährigen Redaktor, einer Koryphäe.

Andere Zeiten, aber nicht bessere

Die Zeiten ändern sich, leider nicht immer zum Besseren. Ein Zusammenprall von Licht und Elend ist hier zu beklagen. Als Gastkommentator macht sich der Professor der Uni St Gallen, Caspar Hirschi, ein paar intelligente Gedanken zur Frage, wieso eigentlich in der Schweiz keine blutigen Revolten mehr stattfinden. Er beginnt mit der guten Feststellung:

«Man kann nur verurteilen, was man verstanden hat. … Es ist die Voraussetzung dafür, dass man auch jenen gerecht wird, die man ins Unrecht setzt.»

Wo dieser Grundsatz nicht gelte, herrsche «Willkür», resümiert Hirschi.

Als abschreckendes Beispiel führt er den bekennenden Wutmoderator Sandro Brotz von der «Arena» an. Seine Überlegungen sind wissenswert:

«Es folgte eine Schaltung nach Einsiedeln, wo ein bärtiger Mann im weissen Chutteli eine Krumme paffte und ruhig der Fragen harrte, die da kommen mochten. Nur: Es kamen kaum Fragen. Erst forderte Brotz den Treichler auf, sich von den Krawallbrüdern auf dem Bundesplatz zu distanzieren, dann geisselte er die Ausschreitungen als «undemokratisch» und «unschweizerisch», schliesslich warf er ihm vor, den Rechtsstaat zu missachten und das Land zu spalten. Sandro Brotz inszenierte ein Verhör samt Verurteilung. Er wollte nichts verstehen und hatte nichts verstanden. Das Ganze hatte den absurden Effekt, dass der Interviewte die präzisierenden Nachfragen stellte und der Interviewer wie ein Spalter wirkte.»

Natürlich kannte Hirschi den Inhalt der Spalte rechts von seinen Ausführungen nicht, selbstverständlich hätte er dazu auch nicht Stellung nehmen dürfen. Obwohl sich das Beispiel mindestens so gut wie Brotz eignet, um zu exemplifizieren, was passiert, wenn verurteilt wird, ohne verstehen zu wollen, wie willkürlich absurde Schlüsse gezogen werden.

Was mal Medienkritik war, ist nur noch Flachsinn

Denn hier fährt Felix E. Müller die einstmals angesehene «Medienkritik» bei der NZZ gegen die Wand. Der langjährige Chefredaktor der NZZaS hat inzwischen viel Zeit und ist mitteilungsbedürftig, da pensioniert. Eine schlechte Mischung.

Er hat ein These, dann biegt er die Realität zu ihr hin. Eine üble Masche. Seine These: Putin beeinflusse «die hiesige Politik». Der krumme Weg zum angeblichen Beweis: Es gibt den TV-Sender «Russia Today». Natürlich so regierungstreu wie die SRG in der Schweiz. Seine deutsche Variante wurde vor Kurzem von YouTube gesperrt.

Putins Fake News Schleuder.

Denn, so schliesst der kalte Krieger Müller messerscharf: «Für das Ziel, den Westen zu desta­bilisieren, kam Corona wie gerufen. RT Deutsch etablierte sich sofort als Plattform für die Verbreitung von Fake-News über das Virus.»

Seit den Zeiten des «Zivilverteidigungsbüchleins» und den Warnungen vor dem subversiven Treiben eines «Willi Wühler» hörte man solchen Unsinn nicht mehr. Nächster wackeliger Schritt in der Beweisführung: die schädlichen Auswirkungen der «Destabilisierung» sehe man in den «Kommentarspalten» von «Weltwoche», «Nebelspalter» und – erstaunlich – «20 Minuten».

Deutsch, aber Propaganda für Putin.

Eine blecherne Pointe nach kurzer Strecke

Nun ist der Platz für diese Kolumne sehr beschränkt, ist’s der Autor auch, muss er schleunigst zur krachenden Schlusspointe kommen: Es liesse sich «mit nur geringer Zuspitzung» nämlich sagen, dass

«die Freiheitstrychler in ihrer herzhaften Naivität dazu beitragen, hierzulande die Botschaft des Kremls lautstark zu verbreiten, und damit helfen, im Sinne Putins auch die schweizerische Regierung zu schwächen».

Echt jetzt? Wirklich wahr? Ein paar urchige Bauern mit umgehängten Kuhglocken verbreiten naiv nicht nur die Botschaft des Kreml, sie schwächen gar unsere Landesregierung und bekommen nächstens von Putin persönlich den Lenin-Orden verliehen?

Wird man das auf der stolzen Brust der Treichler sehen?

Wohl nur der Platzmangel hielt Müller davon ab, mit der im Kalten Krieg üblichen Aufforderung zu enden: «Moskau einfach!» Vielleicht könnte die NZZaS auch noch etwas am Qualitätsmanagement arbeiten. Oder einfach Pensionäre in den wohlverdienten Ruhestand entlassen. Ruhe im Sinn von schweigen.

 

 

Obduktion von Konzernjournalismus

Hier werden Fundstücke analysiert, um ihre Todesursache zu erkennen. Tamedia, NZZ, CH Media, Ringier: man mag sich nicht. Wirklich nicht.

Ein harmloses Beispiel zum Start. Die schreibende Sparmassnahme, das, was von der einstmals bedeutenden Medienkritik in der NZZ übrig geblieben ist, fuchtelt mit dem Zeigefinger.

Pensionär Felix E. Müller versucht, auf «20 Minuten» einzuprügeln. Dort hätten sich mal wieder in den Kommentarspalten die Nazi-Vergleiche gehäuft; verwendet vor allem von Kritikern der Corona-Politik.

Schliesslich habe sich der Chefredaktor von «20 Minuten» veranlasst gesehen, dazu «Stellung zu nehmen», fabuliert Müller. Daher muss man ihn ganz vorsichtig an die Realität heranführen.

  1. Es ist kein Scherz, sondern mit Untersuchungen erhärtet, dass bei jedem beliebigen Thema, inklusive Häkeln oder Briefmarkensammeln, nach einer gewissen Anzahl von Kommentaren unweigerlich ein Nazi-Vergleich gezogen wird.
  2. Gaudenz Looser hat keine Stellung genommen, sondern sich in einem Gespräch mit dem Generalsekretär des Schweizerisch Israelitischen Gemeindebundes erklärt.
  3. Am Schluss dieses Meinungsaustauschs sagt Jonathan Kreutner: «Medien sollten möglichst viele Meinungen abbilden. Trotzdem gibt es rote Linien. Diese zu diskutieren, so wie wir es jetzt tun, ist wichtig. Vielen Dank dafür.»

Man kann selbstverständlich über den Ort für solche rote Linien oder über die Argumente Loosers verschiedener Meinung sein. Was nicht geht, ist das hier:  «Zwar verurteilte er solche Äusserungen klar, versuchte dann aber zu erklären, weshalb man diese bis anhin geduldet habe. Das ging gründlich schief.»

Nein, Herr Scharfrichter Müller, redlich wäre es gewesen, dem Leser der NZZaS zu erklären, dass Looser in einem Dialog mit einem jüdischen Vertreter zu begründen versuchte, wieso in den Kommentaren von «20 Minuten» solche Nazi-Vergleiche zugelassen wurden  und inzwischen strenger zensiert werden. Was ausdrücklich verdankt wird.

Den Gipfel an Heuchelei erklimmt Müller dann hiermit: «Wer den politischen Gegner beschimpft, hört ihm nicht zu, was durch die Anonymität, die in diesen Spalten garantiert ist, zusätzlich erleichtert wird.»

Immerhin versteckt sich Müller nicht hinter einem Pseudonym, aber: «Wer den publizistischen Gegner beschimpft, hört ihm nicht zu.» Erschwerend kommt hinzu, dass es sich um die gesalbten Worte eines ehemaligen NZZaS-Chefredaktors handelt, dem es offenbar nicht bewusst ist, welchen Reputationsschaden er mit diesem Versuch anrichtet, einem publizistischen Konkurrenten an den Karren zu fahren.

Vielleicht könnte Müller mal seine reichliche Freizeit darauf verwenden, nachzuzählen, wie häufig im Hause NZZ Nazivergleiche gepflegt werden. Würde ihn unangenehm überraschen.

Anstatt so unter NZZaS-Niveau zu beckmessern, hätte Müller doch einfach das Gespräch aufmerksam lesen können; vielleicht wäre ihm diese Stellungnahme von Looser aufgefallen:

«Wir machen das Kommentar-Management heute viel besser und aufwändiger als früher, wir haben ein geschultes Freischalterteam, das von einem eigenen Ressort eng betreut wird. Dieses Ressort spielt regelmässig heikle Themen und Fragen an unser Social Responsibility Board weiter, welches dann zusammen mit der Chefredaktion Lösungen und Strategien zum Umgang damit diskutiert. Das ist ein höchst lebendiger, dynamischer Prozess in einem ständigen und teils auch akuten Spannungsfeld. Dazu gehört auch, dass wir von aussen kritisiert werden – und wir lassen uns auch kritisieren und hören zu.»

Aber im Alter wird man bekanntlich harthörig.

 

Konzernjournalismus, Part II

In der NZZaS und in «20 Minuten» erschien am 1. August ein ganzseitiges Inserat des Unternehmers Benard Duzhmani. Darin wirft er, unterstützt von einer PR-Bude, dem «Beobachter» vor, der habe mit einem haltlosen Artikel sein Geschäft geschädigt und auch seine Ehre. Dabei vermutet Duzhmani, dass seine kosovarische Herkunft – obwohl er längst eingebürgert ist – eine wichtige Rolle gespielt habe.

Auffällig an dem Inserat ist –neben dem professionellen Layout –, dass mit keinem einzigen Wort auf die konkret erhobenen Vorwürfe des «Beobachter» eingangen wird. Es wird lediglich gesagt, dass eigene Untersuchungen die nicht bestätigen konnten und dass gegen die Firma keine Strafuntersuchung laufe, sie auch nicht wegen rechtswidrigen Praktiken angeklagt oder gar verurteilt worden sei.

Damit hat Duzhmani durchaus Neuland betreten. Statt den Streit bilateral oder vor Gericht auszutragen, ging er acht Monate nach der Publikation dieses Artikels in die mediale Offensive. Ob ihm das nützt oder schadet, ist zurzeit nicht zu beurteilen.

Aber es ist ihm gelungen, die Aufmerksamkeit der beiden Medienkonzerne zu erlangen, in denen das Inserat erschien. Bei Tamedia hat Rico Bandle neben seinem Schmierenartikel über die Trauerfeier für Peter Buser noch Zeit gefunden, Duzhmani auf einer ganzen Seite in der SoZ zu porträtieren.

Aber nicht um Recherchierjournalismus: Das Porträt in der SoZ.

Wie es heute üblich ist, hat Bandle auf jede Eigenrecherche verzichtet, er gibt schlichtweg die bereits bekannten Fakten wider und lässt Duzhmani seine Position ausführlich erläutern. Gleichzeitig gibt sich Bandle dafür her, dass auf diesem Weg der Unternehmer seine «Millionenklage» gegen den «Beobachter» ankündigen kann. Denn verblüffenderweise hat er das bislang – trotz den vielen vergangenen Monaten und dem angeblich riesigen Schaden – unterlassen.

Ganz am Schluss legt sich Bandle noch in die Kurve und referiert kurz die Stellungnahme des «Beobachter», der schliesslich eine «Institution» sei und «nicht bekannt für sensationsgetriebene Schnellschüsse». Der sehe einem Prozess gelassen entgegen, während Duzhmani sich völlig sicher sei, «dass wir gewinnen werden». Daher «freue» der sich «sehr auf diesen Prozess», gibt Bandle ihm das Schlusswort.

Schön für Duzhmani, dass er sich inzwischen Platz in den Tamedia-Gazetten nicht mehr kaufen muss. Büttel wie Bandle öffnen ihm gratis die Spalten für kritiklose Widergabe seiner Positionen.

Auch du, meine NZZ.

Auch die NZZ nimmt die Witterung am 24’000 Franken teuren Inserat auf und legt mit einer Story – ausgerechnet im Feuilleton – nach. Wie es sich für das Blatt gehört, fällt sie eine Idee kritischer aus als bei der SoZ. Nichtsdestotrotz wird auch hier weitgehend die Position Duzhmanis referiert, der sich nur flankiert von David Schärer von der «Bigger bang for the buck»-Agentur Rod interviewen lässt. Zudem hat er sich der Beihilfe der Anwältin Rena Zulauf versichert, die sowohl für ihre gemischten Ergebnisse wie auch für ihre exorbitanten Honorarnoten bekannt ist.

Die NZZ setzt ihre Darstellung unter den Lead:

«Wie weit geht die journalistische Freiheit, und wo beginnt die mediale Anmassung?»

Das ist an und für sich eine hochspannende Frage. Es geht hier um das kitzlige Thema, dass dioe sogenannte vierte Gewalt ihre Funktion nur ausüben kann, wenn sie über Skandale oder Ungereimtheiten oder Kritikwürdiges berichtet, ohne dass bereits strafrechtliche Tatsachen in Form von Urteilen geschaffen wurden.

So hat sich auch die NZZ lebhaft an der Affäre Vincenz beteiligt und ausgiebig aus eigentlich dem Amtsgeheimnis unterliegenden Akten zitiert. Damit zweifellos einen Beitrag zur Vorverurteilung von Vincenz geleistet, dessen Anspruch auf Unschuldsvermutung ja nur noch ein blosser Witz ist.

Nun wirft die NZZ dem «Beobachter» vor, dass der den Begriff «illegal» verwendet habe, obwohl kein entsprechendes Urteil vorliegt. Der «Beobachter» hingegen hält daran fest und sagt:

«Wir stehen zu jedem Satz und haben gute Belege für unsere Vorwürfe».

Hier wäre doch eigentlich die Aufgabe der Mitbewerber, mit eigenen Recherchen zu glänzen. Über die Quellen und die Stichhaltigkeit der Vorwürfe des «Beobachter». Oder über die Firma des Geschäftsmanns. Aber das würde ja in Aufwand ausarten, den der heutige Elends- und Sparjournalismus weder bei Tamedia, noch bei der NZZ mehr leisten kann. CH Media und Ringier halten sich vorläufig eher raus; vielleicht brauchen sie als Motivationsspritze zuerst auch ein Inserat.

Hilfe, mein Papagei onaniert II

Hier sammeln wir bescheuerte, nachplappernde und ewig die gleiche Leier wiederholende Duftmarken aus Schweizer Medien. Subjektiv, aber völlig unparteiisch.

Man ist versucht, sich nostalgisch an die Zeiten in der Berichterstattung über Corona zu erinnern, wo die grossen Medienkonzerne in der Schweiz mit ihren Zentralredaktionen und Zentralmeinungen noch übereinstimmend Orientierungshilfe gaben.

Da war die Welt noch in Ordnung, dem Leser wurde echt geholfen. Was Bundesrat und Behörden machen, ist gut und richtig. Einzig fehlende Strenge und Konsequenz wurde gelegentlich bemängelt. Immer wieder mussten zu rechthaberischen Kommentatoren mutierte Journalisten eingreifen, zurechtweisen, fordern, um sich greifende Fahrlässig- und Verantwortungslosigkeit bemängeln. Wieder und wieder, wozu auch Papageien neigen.

Das waren die Zeiten, als der Bundesrat den lockeren Spruch wagte: «Wir können Corona.» Wie es sich für eine gepflegte Hofberichterstattung gehört, nahm sich der Gesundheitsminister auch die Zeit, einem unterwürfig buckelnden pensionierten Journalisten ein Interview zu gewähren.

Offensichtlich noch geschädigt von dieser in ein Buch gepressten Schleimspur forderte der gleiche Pensionär dann, dass Journalisten gefälligst weniger Interviews machen sollten; das ergebe nur Styropor und aneinandergereihte Worthülsen, meinte Felix E. Müller, aber natürlich nicht in Bezug auf sein Styropormachwerk.

Aber alles Ausdruck davon, dass die Journaille nun endgültig Halt und Orientierung verloren hat. Wie anders lassen sich diese beiden Schlagzeilen erklären?

Gleiche Realität, gleicher Tag, nur zwei verschiedene Blätter.

«Das Virus ist in der Schweiz und weltweit auf dem Rückzug», jubiliert Tamedia. Aber: «Robert-Koch-Institut rechnet mit Anstieg von Coronafällen», auch Tamedia. «22 Prozent weniger Ansteckungen in 7 Tagen», nimm das, du blödes RKI, meint ebenfalls Tamedia.

Wem’s dabei schwindlig wird, der sollte sich doch einfach an die jüngsten Beschlüsse des Bundesrats halten. Der ist nämlich wieder aus den Ferien zurück, hat am Mittwoch jeweils Sitzung und verkündete anschliessend die neusten wegweisenden Entscheidungen. Allerdings fällt es auch hier Medien wie Lesern immer schwerer, diese Weisheiten zu verstehen und zu akzeptieren.

«Der Bundesrat wagt den Machtkampf», er beweise «Rückgrat», klopft ihm Tamedia auf die Schultern. «Der Bundesrat macht einen gefährlichen Fehler», warnt die NZZ; beide Leitorgane sprechen vom Entscheid, Restaurants geschlossen zu lassen und auch Terrassen zu schliessen.

Der «Blick» hingegen denkt ans Geld: «Corona hat 5 Billionen Dollar vernichtet». Der Vorteil solcher Zahlen: kann sich keiner vorstellen, ist sowieso nur eine grobe Schätzung. Aber macht sich immer gut, genau wie die Behauptung, dass schon Konjunkturprogramme in der Höhe von «14 Billionen Dollar» angekündigt seien. Kann man sich noch weniger vorstellen.

Allerdings zitiert der «Blick» Jan-Egbert Sturm, den «Direktor der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF)». Der ist aber der Sturmvogel der verhauenen Prognosen, so musste er unlängst eine doofe Konjunkturprognose um fast 5 Prozent korrigieren. Macht ja nix, hier legt Sturm ein grossartiges Einerseits-Anderseits hin, damit ist er auf der sicheren Seite: «Der Staat soll nicht unnötig Geld ausgeben. Aber die Schweiz kann es sich leisten …» … sinnvoll Geld rauszuhauen. Den schliesslich gäbe es «Teile der Gesellschaft, die das Geld zur Überbrückung brauchen».

Da sieht man mal wieder, wieso sich nicht jeder Papagei dazu eignet, Konjunkturforscher zu werden.

Ex-Press XXV

Blüten aus dem Mediensumpf.

Sonntag, Früher Primeur-Tag (weil man am Samstag nur schwer eine superprovisorische Verfügung kriegte), inzwischen Gähn-Tag.

 

Ist Pensionär Müller in der NZZaS zu Selbstkritik fähig?

Felix E. Müller, die schreibende Sparmassnahme bei der Medienkritik der NZZaS, macht in Selbsterkenntnis. «Macht doch weniger Interviews», fordert er nassforsch. Sei doch nur eine Sparmassnahme, schnell gemacht, schnell Seite gefüllt. Vor allem Führungsfiguren würden doch sowieso nur «gedankliches Styropor» absondern, reine «Worthülsen».

Hoch das Glas: Müller als angemieteter Fachreferent auf grosser Fahrt.

Man ist sich sicher: das ist die Einleitung zu einer Selbstkritik. Denn ist Müller nicht selbst Autor des schnarchlangweiligen Buchs «Gespräche mit Alain Berset»? 106 Seiten gedankliches Styropor in Fragen und Antworten, für happige 29 Franken. Ein Weihnachtsgeschenk für den Bundesrat, als ihn noch alle richtig lieb hatten.

Während früher für Müller galt: nichts ist älter als seine Schlagzeile von gestern, hat er sich weiterentwickelt: nichts ist älter als sein Buch von gestern. Nur in einem ist er sich treu geblieben: Selbsterkenntnis, Selbstkritik, selbst wenn sie bei diesem Thema mit beiden Armen winkt? I wo, ach was, Müller doch nicht. Das wäre doch keine Medienkritik, sondern Kritik an einem gedanklich inkontinenten Rentner.

Wir sehen auch das Positive

Aber, wir sehen auch Positives, angesichts des bevorstehenden Prozesses in Frankreich, bei dem es darum geht, ob die 4,5-Milliarden-Euro-Busse gegen die UBS auch von der zweiten Instanz aufrecht erhalten wird, macht die NZZaS endlich mal ein lobendes Porträt von Markus Diethelm.

Und der Haifisch, der hat Zähne: Markus Diethelm.

Das ist der Chief Legal Councel der Grossbank, das dienstälteste Mitglied der Geschäftsleitung. Der mit Abstand cleverste Kopf in der Führungsetage einer Bank. Er machte das Unmöglich möglich und fabrizierte im Steuerstreit einen Vergleich, bei dem die UBS mit 780 Millionen Dollar Busse sehr glimpflich davonkam. Die CS, da sind halt andere Pfeifen am Gerät, kam mit 2,6 Milliarden an die Kasse. Ein Meisterstück. Als Opferanode musste die UBS Kundendaten ausliefern, was der Bundesrat per Notrecht bewilligte. Damit war das Bankgeheimnis Geschichte, aber die UBS gerettet.

«Willst Du es mit dem Geier aufnehmen, musst du das Spiel des Geiers spielen», soll seine Maxime sein, laut NZZaS. Interessant, so überlebt man offensichtlich bei der UBS am längsten. Nächste Bewährungsprobe: die 4,5 Milliarden müssen weg. Da er höchstpersönlich die UBS vertritt: nichts ist unmöglich.

 

Wenn der Papagei onaniert

Dieser Titel hat wirklich Potenzial, in die heilige Halle der ewig besten aufgenommen zu werden: «Hilfe, mein Papagei onaniert!» Erschwerend komme noch hinzu, dass die Vögel dabei mit 110 Phon ihr Wohlbefinden ausdrücken.

Ist das die Nuss danach? Befriedigter Papagei.

Ohne falsche Scham klärt hier die «SonntagsZeitung» über «Geile Vögel und ihre Sextoys» auf. Die Autorin zitiert sogar Fachleute auf diesem Gebiet: «Vor allem im Frühling würden Papageien und Sittiche viel onanieren. «Da sind sie alle ein bisschen verrückt»», weiss die Leiterin der Auffangstation für Papageien und Sittiche (APS) in Matzingen TG.

Aber nicht nur Vögel vögeln mit sich selbst, es gibt auch «horny Hörnchen», Schildkröten (wie die das wohl tun?), Pferde, Delphine und natürlich viele Affenarten, weiss ein britischer Wissenschaftler, der «die erste Datenbank über masturbierende Vögel» bewirtschaftet.

Ich hätte allerdings eine alternative Verwendung für diesen Titel: Könnte man den nicht über viele Werke der arbeitsplatzsichernden Mainstream-Journalisten schreiben? Vielleicht eröffnen wir hier eine neue Rubrik.

Kandidat für eine neue Rubrik

Als erster Kandidat bietet sich Denis von Burg an, der Politchef der SoZ. Mit Füssen getretene «politische Redlichkeit», «realpolitisch irr», kommt der Haltung der «Corona-Leugner nahe», «skandalös», gar «faktisch ein Putschversuch». Natürlich wird hier mal wieder «an den Grundfesten der Demokratie gerüttelt». Himmels willen, müssen unsere wehrhaften Mannen das Sturmgewehr aus dem Schrank nehmen und in Bern die Demokratie retten? Gegen wen nur, wer wagt solch finsteres Tun?

Weiss immer, wie es ist: Denis von Burg.

Oh, «bürgerliche Parlamentarier», die sich, – vade retro, Satana, schleich dich, Satan – hinter dem Ex-SVP-Präsidenten Albert Rösti scharen, wollen, nomen est omen, dass Gaststätten schon früher wieder öffnen können. Oh, sichern, Munition rausnehmen, Gewehr wieder in den Schrank. Ohne sich in den eigenen Fuss zu schiessen, das erledigt schon von Burg vom Titel abwärts: «Die Bürgerlichen verhalten sich wie in einer Bananenrepublik».

Allerdings gräbt auch die SoZ einen kleinen Streit aus, der durchaus höheren Unterhaltungswert hat. Denn Ex-Task-Force- und Immer-noch-Präsident des Schweizer Nationalfonds tritt dem bekannten Epidemiologen Marcel Tanner öffentlich kräftig in den Hintern.

Wenn zwei Wissenschafter öffentlich catchen

Mit einfachen Mitteln. Matthias Egger stellte ein Bild von Tanner auf Twitter, mit einer Aussage von ihm vom letzten Mai. «Es werde keine zweite Welle geben» hatte Tanner damals prophezeit. Maliziös ergänzt das Egger mit einem Auszug aus wissenschaftlichen Standesregeln: «Vermeiden Sie ungerechtfertigte Gewissheit.» Wunderbar, nur sollte diese Regel für alle Wissenschaftler gelten, die kakophonisch in die Pandemie hineinkrähen.

 

Ende mit kurzem Schrecken

Ach ja, dann soll es noch den «SonntagsBlick» geben. Bevor der zu quengeln beginnt: Das Interview mit dem inzwischen 80-jährigen Tom Jones ist unterhaltsam, aber vor allem wegen Jones. Das Porträt der Corona-Kreische Emma Hodcroft, die etwas unter Aufmerksamkeitsmangel leidet, ist hingegen schnarchlangweilig und überflüssig.

Topseriöse Wissenschaftlerin: Emma Hodcroft.

Und unser neuer Lieblingskolumnist Frank A. Meyer? Schimpft etwas lahm – im Vergleich zum Ausbruch beim Thema Burka – gegen den Ausverkauf der Heimat und Aufenthaltsbewilligungen für ganz Reiche. Aber die Schlusspointe reisst’s dann fast wieder raus:

«In der Schweiz ist Korruption gratis.»

 

CH+ oder CH++

Noch ein Aperçu aus dem «berühmt durch Corona»-Sumpf. Marcel Salathé, inzwischen anderweitig versorgt und der Durchstarter dank Covid19, hat aus anhaltender grosser Sorge mit 15 weiteren «Personen aus Wirtschaft und Wissenschaft» die «gemeinnützige Organisation CH++» gegründet. Dabei ist all diesen Koryphäen wohl entgangen, dass es bereits die im Handelsregister eingetragene GmbH CH+ gibt. Die zufälligerweise dem Autor gehört. Guter Start; Abmahnung wegen Verwechslungsgefahr ist unterwegs, die Chance, dass CH++ bald ins Minus rutscht, ist gross.

Die NZZaS verblödet zunehmend

Auslandberichterstattung ist leider auch hier immer mehr: Fantasieberichte aus gegendarstellungsfreien Räumen.

Die NZZ legte mit einem Schwachsinns-Artikel über Sansibar und Tansania, geschrieben am Schreibtisch in Zürich, das Niveau vor. Das unterbietet sofort eine Sandra Weiss aus Mexiko: «Kubanische Ärzte versklavt». Ferndiagnose aus Mexiko City.  Dazu ist sie als «freie Korrespondentin» und Allzweckwaffe sicher kompetent. Immerhin schreibt sie für einmal nicht über Trump, China, Nordkorea oder andere Gegenden der Welt, von denen sie auch keine Ahnung hat.

Diesmal also Kuba, dieser Unrechtsstaat, diese Diktatur, wo das Regime Ärzte als Sklaven hält und in aller Welt vermietet. Es muss wohl seine Gründe haben, dass Weiss schon lange Einreiseverbot nach Kuba hat. Als langjähriger NZZ-Korrespondent dort weiss ich, dass man als ausländischer Journalist so ziemlich alles schreiben kann – ausser verlogenen Gesinnungsjournalismus und schlichtweg falsche Tatsachenbehauptungen.

In diesem Stil stellt Weiss ein paar absurde Behauptungen auf. Nach der üblichen Devise: kann doch keiner nachkontrollieren. Laut ihr leisten kubanische Ärzte seit Jahrzehnten Gesundheitsmissionen rund um die Welt. Das stimmt sogar, und es ist belegbare Tatsache, dass bei Naturkatastrophen, wo auch immer, ein Flugzeug mit vielen kubanischen Ärzten und eher wenig Ausrüstung gleichzeitig mit einem US-Flieger landet, mit nicht so vielen Ärzten aber Material satt. Und beide Teams arbeiten dann Hand in Hand, ohne ideologische Schranken.

Ausbildung von 10’000 Ärzten aus der Dritten Welt

Es ist auch eine belegbare Tatsache, dass Kuba den USA ernstgemeint humanitäre Hilfe anbot, als die Weltmacht nach einem Hurricane in New Orleans desaströs versagte. Zwei Flieger stünden abflugbereit auf dem Flughafen, sagte der damals noch lebende Fidel Castro, sobald sie eine Landeerlaubnis erhielten, würden sie sofort starten. Die USA schluckten schwer, waren 48 Stunden lang sprachlos und lehnten das Angebot dann entrüstet ab.

Durch Katrina starben in den USA alleine in New Orleans bis zu 1800 Menschen; die genaue Zahl ist heute noch nicht bekannt. Desaströs auch die Schneise der Verwüstung mit vielen Toten auf den grossen Antillen. Ausser auf der grössten Insel: Da starben haargenau 4 Menschen, und jeder einzelne Fall wurde von den kubanischen Behörden minutiös erklärt.

Es ist ebenfalls eine belegbare Tatsache, dass Kuba, durch alle Schwierigkeiten hindurch, jedes Jahr 10’000 Ärzte aus der Dritten Welt ausbildet. Gratis. Mit der Vorgabe, dass sie bitte in ihre Länder zurückkehren und nicht einfach woanders viel mehr Geld verdienen.

Das Gesundheitssystem auf Kuba hängt in den Seilen – ist aber gratis

Schliesslich ist es eine Tatsache, dass Kuba auch Ärzte vermietet. An Regierungen, die nicht so blöd sind, auf unnütze Entwicklungshilfe oder leere Versprechungen einer besseren medizinischen Versorgung in der Zukunft zu hören. Es ist ebenfalls richtig, dass diese Ärzte meistens in den abgelegensten Gebieten tätig sind, ohne Infrastruktur, ohne nichts. Aber als gute Notfallmediziner wissen sie sich auch ohne Tomografen oder High-Tech-Medizin zu helfen.

Zudem ist es eine Tatsache, dass auf der Insel selbst – zwar immer bettlägeriger – krampfhaft daran festgehalten wird, dass medizinische Versorgung gratis ist. Für alle. Ich selbst habe das kubanische Gesundheitssystem in Anspruch genommen, als Ausländer natürlich gegen Bezahlung. Man könnte vielleicht an der Ausstattung mäkeln, aber die Ärzte waren sowohl menschlich wie fachlich alleroberste Qualität.

Nun ist es tatsächlich so, dass Kuba den grösseren Teil der Bezahlung einbehält. Wie absurd der Vorwurf der Sklaverei ist, lässt sich leicht beweisen: diese Einsätze sind freiwillig. Es gibt immer mehr Gesuchsteller als Plätze. Ganz einfach deswegen, weil schlichtweg die Verdienstmöglichkeiten und vor allem die Chance, dringend benötigte Dinge (und auf Kuba wird so ziemlich alles benötigt) kaufen zu können und bei den regelmässigen Heimreisen mitzunehmen, einen solchen Einsatz begehrenswert macht. Und nicht zu wenige Ärzte mehr als einmal teilnehmen.

Aber natürlich gibt es unter den Zehntausenden von Ärzten auch solche, die den Auslandaufenthalt zur Desertion benützen. Und dann überraschenderweise nur schlimme Dinge über das Land sagen, das ihnen immerhin diese Ausbildung (natürlich auch gratis) und diesen Auslandeinsatz ermöglicht hat.

Realität? Ach was, niedermachen ist viel besser

Aus all dem könnte man den üblichen, mit der Realität höchstens zufällig Kontakt aufnehmenden Kuba-Artikel basteln. In der peinlichen Tradition seit 1990, dass immer mal wieder die letzten Wochen, Tage, Stunden, Minuten des Regimes heruntergezählt wurden. Unbekümmert darum, dass man über die Castros, ihre Revolution und den heutigen Zustand Kubas ganz verschiedener Meinung sein kann. Aber ein wenig mit der Realität sollte sie schon zu tun haben. Zum Beispiel damit, dass das Regime, ob es einem passt oder nicht, bis heute problemlos überlebt hat.

Nun zitiert Weiss die Behauptung von «Ökonomen», dass Kuba damit pro Jahr «zwischen sechs und elf Milliarden Dollar» einnehme. Wenn das wirklich Ökonomen sind, sollte man ihnen den Titel wegnehmen und dafür einen Taschenrechner schenken.

Wer kann rechnen? Dissidenten sicher nicht

Nehmen wir die von Vorzeige-Dissidentinnen wie Yoani Sanchez verbreitete Zahl von 30’000 Kubanern, die als medizinisches Personal in mehr als 60 Ländern arbeiten. Davon, was Sanchez natürlich nicht erwähnt, in 22 Ländern gratis.

Während sich neu an die Macht gekommene rechte Regierungen – so in Bolivien oder Brasilien – über die angeblich schlechte Ausbildung der kubanischen Ärzte beschweren, unterschlagen sie, dass es sich auch um medizinisches Personal handelt, und ein Pfleger oder eine Krankenschwester ist tatsächlich nicht so wie ein Arzt ausgebildet.

Abgesehen davon, dass in einigen Landesteilen Brasiliens die medizinische Versorgung mehr oder minder zusammenbrach, nachdem Präsident Bolsonaro – so verantwortlich handelnd wie sein Freund und Kollege Trump – auf einen Schlag alle kubanischen Helfer des Landes verwies: stimmt denn diese Zahl?

Nehmen wir die niedrigere Zahl, das versteht sicher auch eine NZZ-Korrespondentin. 6 Milliarden Dollar ist die Ansage. Bei einem – sagen wir grosszügig – Durchschnittsverdienst von 3000 Dollar im Monat, also 36’000 im Jahr, von denen nun unbestritten das Salär, Flüge usw. abgehen, also sprechen wir von gerundet 30’000, wären das – Moment, mein Rechner glüht – nicht mal eine Milliarde im Jahr.

Statt 6 bis 11 Milliarden sind es bloss 500 Millionen

Ziehen wir noch alle Gratis-Einsätze ab und nehmen wir ein realistisches Staatseinkommen bei medizinischem Fachpersonal von 20’000 Dollar im Jahr, ziehen wir noch konservativ 5000 ab, die Gratis-Einsätze leisten, sind wir bei 500 Millionen.

Da scheinen die Dissidenten, die «Ökonomen» und die jeden Quatsch abschreibende Korrespondentin eine Null – mindestens – dazugedichtet zu haben. Nicht das erste Mal in der NZZ; ich machte sie schon bei anderer Gelegenheit darauf aufmerksam. Man schrieb mir höflich zurück, dass ich recht habe und das nicht mehr vorkommen werde. Na ja.

Inzwischen hat noch die neue bolivianische Regierung ein paar Zahlen auf den Tisch gelegt. Ihr Vorgänger Morales habe für jeden in Bolivien eingesetzten Kubaner etwas mehr als 1000 Dollar bezahlt. Da diese rechte Regierung Morales überall eine reinwürgen will, wo sie nur kann, dürfte das stimmen. Dann sind es also nicht mal 3000 Dollar im Monat. Sondern eher 500, die beim kubanischen Staat hängen bleiben. Das wären dann noch; Moment ich frage bei den Ökonomen der NZZ nach, das wären dann noch 180 Millionen Dollar im Jahr.

Also liegt diese Schätzung nicht mal im erweiterten Streubereich der Wahrheit.

Verdient ein Arzt auf Kuba 60 Dollar im Monat?

Leider, verständlich, ist Weiss zwar in der Lage, ohne Kenntnisse der Zusammenhänge von Reuters abzuschreiben (die im Internet erhältliche kubanische Staatspresse ist ihr offenbar auch nicht zugänglich), dass es mal wieder «Wirtschaftsreformen» gebe. Wäre ein eigenes Thema. Aber, zu diesem Thema gehören noch zwei Dinge.

Ein Arzt auf Kuba verdiene umgerechnet 60 Dollar, behauptet Weiss. Offenbar ist ihr im fernen Mexico entgangen, dass es – ist ja auch erst anderthalb Monate her, eine Währungsreform auf Kuba gab. Die Binnenwährung CUC wurde offiziell abgeschafft, dafür die Saläre und Pensionen kräftig angehoben. So verdiente vorher tatsächlich ein Arzt auf Kuba um 1500 Pesos, was 60 Dollar entsprach. Inzwischen verdient er als Anfänger 7000 Pesos, was sich in den fünfstelligen Bereich steigert, wenn er an Erfahrung und Verantwortung zulegt.

Und wenn Weiss in den letzten Jahren mal Gelegenheit gehabt hätte, sich in Kuba etwas umzuhören (und nicht nur mit drei Dissidenten zu reden), dann wäre ihr vielleicht aufgefallen, dass es tatsächlich immer noch Ärzte gibt, und nicht zu wenige, die im Prinzip die gleiche, wahre Geschichte erzählen: Mein Vater war Analphabet, Zuckerrohrschläger. Und als ich ihm sagte, dass ich Arzt werde, meinte er ernsthaft, ob ich verrückt geworden sei, Menschen wie wir werden niemals Ärzte.

Menschen, die vorher niemals eine Chance hatten, Ärzte zu werden

Und diese Ärzte fahren dann fort: Ich sehe ja auch, dass diese Revolution viele, allzu viele ihrer Versprechen nicht eingelöst hat. Aber ich kann doch nicht einfach abspringen, flüchten, Taxi fahren. Schliesslich schulde ich dieser Revolution etwas. Oder wie das der scharfe kubanische Witz zusammenfasst: Hast du gehört, der Genosse Chefarzt ist wahnsinnig geworden. – Nein, wie äussert sich das denn? – Er schwatzt die ganze Zeit davon, dass er bald als Portier in einem Touristenhotel arbeiten wird.

Wie viel die Revolution oder das aktuelle Regime dafür verlangt, dass gratis Zehntausende von Ärzten ausgebildet wurden, ist die eine Sache. Dass laut offiziellen Angaben seit 1963 mehr als 400’000 Kubaner als Ärzte, als medizinisches Personal im Ausland arbeiteten, dort bezahlt oder gratis, darauf ist Kuba zu Recht stolz. Und die überwältigende Mehrheit dieser Ärzte würden es sich verbitten, von einer durch Gesinnung verblendeten, selbst den Grundrechenarten nicht mächtigen Journalistin als «Sklaven» abqualifiziert zu werden.

Denn sklavenartige Arbeitsverhältnisse auf Kuba endeten erst 1959. Und so ist es bis heute. Dass damit leider Rassismus nicht verschwand, ist ein anderes Kapitel. Aber so widersprüchlich ist Kuba, so sollte es auch dargestellt werden. Dann verschaukelt man nicht den Leser, der den Schwachsinn glaubt, der in der leider schwer nachlassenden NZZaS steht.

Das gilt übrigens auch für einen Dumpfsinnskommentar von Felix E. Müller. Dem ehemaligen Chefredaktor und aktuellem Bundesratstreichler.