Professorales Geschwurbel
NZZ, quo vadis? Darf nun jeder mal?
Manuel Oechslin sei «Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Luzern». Das prädestiniert ihn dafür, in der NZZ zu schwabbeln: «Strategische Geduld zahlt sich aus – mit jedem weiteren Kriegsjahr verliert Russland an internationalem Gewicht». Das wird natürlich besonders die ukrainischen und russischen Soldaten freuen, die geduldig abkratzen.
Schon der erste Satz ist sowohl sprachlich wie analytisch unsauber: «2025 brach das reale BIP-Wachstum von fünf auf ein Prozent ein». Nein, Herr Volkswirtschaftler, die Wachstumsrate ist gesunken, die Wirtschaft ist real weiter gewachsen. Ein erheblicher Unterschied; würde ein Student das so formulieren, bekäme er hoffentlich einen Rüffel dafür.
«Was absehbar war, ist nun eingetreten: Das wirtschaftliche Strohfeuer – entfacht durch das Anschwellen der Kriegsausgaben – erlischt; die Sanktionen und der anhaltende Einsatz enormer Mittel für unproduktive Kriegszwecke ziehen die Wirtschaft nach unten.»
Die schwächere Entwicklung 2025/26 ist keineswegs ausschliesslich eine Folge von Sanktionen und Kriegskosten. Die russische Zentralbank betrieb bewusst eine sehr restriktive Geldpolitik, um eine überhitzte Wirtschaft und Inflation abzukühlen. Selbst SIPRI beschreibt die Straffung ausdrücklich als Versuch, die zuvor überhitzte Wirtschaft wieder ins Gleichgewicht zu bringen. So viel zum «Strohfeuer»; damit wäre ein Student bereits in ernsthaften Schwierigkeiten.
Mit dem nächsten Schnitzer wäre er dann disqualifiziert: «Dabei wird häufig auch betont, dass die offiziellen Statistiken die Einkommenssituation der breiten Bevölkerung beschönigten, weil die Inflation zu niedrig ausgewiesen sei.» Von wem? Aufgrund welcher alternativen Messung? Um wie viele Prozentpunkte?
Kann man die Behauptung ernst nehmen: die offiziellen Zahlen sind falsch, weil sie offiziell sind? Sicherlich kann man seit Kriegsbeginn Staatsstatistiken mit Misstrauen begegnen. Aber das ersetzt keine alternative Messung.
Mit der anschliessenden Argumentationskette würde sich ein Student der Frage nähern, ob er nicht vielleicht an einen Berufswechsel denken möchte. Zum Beispiel Taxifahrer oder Kellner. Denn es folgt reine Spekulation: Wirtschaftliche Schwäche → sinkende Realeinkommen → Unzufriedenheit → Proteste → Putin bekommt Angst → Putin macht Zugeständnisse.
Nachweise, empirische Belege? Ach was, wozu auch. Aber wir haben den Höhepunkt der Behauptungen noch nicht erreicht. Der folgt am Schluss: «Mit jedem weiteren Kriegsjahr verliert Russland an internationalem Gewicht.» Selbst wenn man die schwächelnden vorherigen Behauptungen zum Nennwert nähme: diese Aussage folgt keineswegs zwingend aus ihnen.
Noch viel weniger: «Die Zeit arbeitet gegen den Kreml.» Das ist keine ökonomische Feststellung, sondern eine Prognose; da sie ohne Fundament dasteht, ist es ein Blick in die Glaskugel. Aber es wird noch schlimmer:
«Strategische Geduld zahlt sich für die Unterstützer der Ukraine aus.»
Dafür hätte der Artikel eine Vergleichsrechnung vornehmen müssen. Dass Russland Kosten erleidet, keine Frage. Aber die Frage, die zu beantworten wäre: erodiert Russlands Fähigkeit und Bereitschaft, diese Kosten zu tragen, schneller als diejenige der Ukraine und ihrer Unterstützer?
Um das zu behaupten, hätte der Artikel genau diese Frage untersuchen müssen. Tut er aber nicht.
Nun sollten Professoren eigentlich Vorbilder für ihre Studenten sein. Oder wollte Oechslin pädagogisch wertvoll ein Beispiel geben, wie man eine Analyse in den Sand setzt? So als Seminaraufgabe: wer findet alle Fehler?
Das wäre denkbar, aber auch diese These kann leider nicht belegt oder bewiesen werden. Also bleibt die Vermutung: unwissenschaftliches Geschwurbel, mit dem jeder Student scheitern würde.
