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Hitzestau

Heiss, heisser, am heissesten.

Das Problem einer Kampagne ist immer: irgendwann gehen die Superlative aus. Und der Bezug zur Realität völlig verloren.

Die Hitzekampagne ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Seit Tagen wechseln wärmere Stunden mit wirklich kalten ab. Man muss nicht in den Hochalpen wohnen, um erfreut festzustellen, dass das Badezimmer am Morgen angenehm warm ist. Weil die Heizung eingeschaltet wurde.

Aber von solchen Nebensächlichkeiten soll man sich bekanntlich keine schöne Kampagne kaputtmachen lassen, sagt sich Tamedia (als Beispiel, der «Blick» ist schlimmer, CH Media weniger schlimm, aber auch):

«Seit Beginn der Aufzeichnungen», das ist gut, aber nicht gut genug. «Seit Jahrtausenden» ist schon besser. Aber der «jemals gemessene Juli» ist am besten. Oder man kann es auch so formulieren:

«Über die Wetteraufzeichnungen hinaus deuteten Befunde an Baumringen und in Eiskernen darauf hin, dass die aktuellen Temperaturen «in unserer Geschichte in den vergangenen tausend Jahren beispiellos» seien, fügte Buontempo hinzu. Dies gelte «wahrscheinlich» sogar für die vergangenen 100’000 Jahre.»

100’000 Jahre, das ist doch mal eine Strecke. Auch der UN-Generalsekretär ruft sich mal wieder in Erinnerung: «António Guterres erklärte in New York: «Die Ära der globalen Erwärmung hat geendet, die Ära des globalen Brodelns hat begonnen.» Er rief die internationale Gemeinschaft zu schnellem und radikalem Gegensteuern auf.»

Nun will sich ZACKBUM keinesfalls aufs Glatteis (oh, falsches Bild) der Debatte begeben, ob es den Klimawandel gibt, wenn ja, ob er menschengemacht und schädlich sei – oder nicht. Aber unsere Aufgabe ist die Medienkritik. Bei solchen Langfristangaben schwingt immer eine gute Portion Lächerlichkeit mit. Aber das ist halt Sauregurkenzeit im Journalismus, da greift der Redaktor gerne nach jedem SDA-Strohhalm und fackelt ihn dann gebührend ab.

Noch einen Tick absurder wird’s beim Wetterbericht. Also nicht bei jedem, sondern bei dem von SRF. Da hat Kurt W. Zimmermann in seiner WeWo-Kolumne einen hübschen Skandal offengelegt. Nein, dafür musste er nichts aufpumpen oder behaupten oder erfinden. Sondern schlichtweg die Temperaturprognosen von SRF-Meteo mit den Prognosen von Mitbewerbern vergleichen. Und da wird’s dann affenheiss:

Was das ist? Eben ein Skandal. Die erste Kolumne zeigt die tatsächliche Temperatur an diesen Orten am Dienstag dieser Woche. Die zweite die Prognose von SRF, die dritte von Kachelmannwetter und die vierte von der Benchmark «The Weather Channel». Fällt da etwas auf? Nein, na, dann probieren wir es hier nochmal, Zimmi sei Dank:

Ausser vielleicht, Sie sind SRF-Meteorologe, räumen Sie nun sicher ein: hm. Was für ein Zufall auch. SRF Meteo liegt immer, ausnahmslos, um bis zu 7 Grad über den tatsächlich gemessenen Werten. 7 Grad!

Nun könnte man noch einwenden, dass das halt sauschwierig sei, die Temperatur vorherzusagen. Das kann aber auch nicht stimmen, weil es Kachelmann und dem Weather Channel regelmässig gelingt, ziemlich genau die wirklichen Temperaturen zu treffen.

Natürlich weist der von Zimmermann dazu befragte Chef des vielköpfigen Wetterteams von SRF den «politischen Verdacht» als «absurd» zurück. Das sei alles vollautomatisch, man könne die Algorithmen gar nicht beeinflussen, behauptet Thomas Bucheli.

Der böse Verdacht von Zimmi ist natürlich, dass es sich hier um eine rot-grün motivierte Manipulation handle. Entweder verwenden Kachelmann und der Wetterkanal einfach viel bessere Berechnungsmethoden als der im Geld schwimmende Zwangsgebührensender. Oder aber, SRF verwendet Methoden, die nicht korrekt sind.

Merkwürdig ist dabei tatsächlich, dass das keinem der vielen SRF-Meteorologen auffällt. Diese gewaltigen Temperaturunterschiede, das ist doch etwa so, wie wenn Meteo regelmässig Starkregen mit Hagelschlag ankündigen würde. Und dann tröpfelt es etwas vom Himmel. Was andere Wetterdienste völlig korrekt vorhersagten.

Das lässt eigentlich nur drei Möglichkeiten offen. Entweder sind die Staats-Meteorologen schlichtweg unfähig und verwenden untaugliche Methoden. Das wäre hässlich. Oder aber, sie schrauben absichtlich und konsequent die prognostizierten Temperaturen nach oben. Das wäre noch hässlicher. Oder aber, sie wissen darum, dass sie ständig danebenliegen, die Konkurrenz hingegen nicht, es ist ihnen aber einfach egal. Das wäre am hässlichsten, was auch eine Steigerung bis zum Superlativ ist.

Wildes Rätselraten

Fehler sind menschlich. Die Medien sind unmenschlich.

Eigentlich fehlte nur, dass sich Präsident Putin und Wagner-Chef Prigoschin zusammen in der Sauna gezeigt hätten, sich mit Birkenquasten auspeitschend.

Statt verbaler Abrüstung herrscht nun aber Entrüstung in den Gazetten. Unverschämt von diesen Russen, dass sie zeigten, dass aller Alarmismus ein banaler Fehlalarm war. Militärputsch, Putin wankt, ist schon aus Moskau geflohen, sein Regime ist zum Untergang verurteilt, die Lage eskaliert, stürzt er heute oder erst morgen?

Alles Quatsch. Vielleicht war es doch nur ein geschickter PR-Stunt, vermuten nun schon intelligentere Fernanalysten. Schliesslich musste eine Lösung dafür gefunden werden, dass Prigoschin dazu aufgefordert worden war, seine Söldnertruppe bis Ende Juni dem Oberkommando der russischen Armee zu unterstellen.

Dass er das nicht tun würde, war von Vornherein klar. Dass das der Kreml nicht würde akzeptieren können, ebenfalls. Also was tun, wie schon Lenin fragte. Lösung: einen kleinen Schein- und Schaukampf aufführen. Wie bei den Primaten bewährt. Beide Tiere schlagen sich auf die Brust, stossen drohende Schreie aus und plustern sich überhaupt kräftig auf. Immer in der Hoffnung, damit einen wirklichen Kampf mit Verletzungsgefahr vermeiden zu können.

Genau das ist Putin und Prigoschin gelungen. Wichtig bei diesem Gehampel ist auch, dass keiner der beiden Beteiligten das Gesicht verliert. So kunstvoll der Kriegstanz war, so koordiniert muss der beiderseitige Rückzug vonstatten gehen. Damit es ja nicht so aussieht, als ob einer der beiden kneife.

Genau das ist in Russland passiert. In der Schweiz hat sich wieder einmal die gesamte Leitmedienpresse bis auf die Knochen blamiert. Statt nun aber auch den geordneten Rückzug anzutreten, wird nachgetreten. Denn eingestehen, dass sich mal wieder alle Kreml-Astrologen, alle sogenannten Koryphäen, Kenner, Militärsandkastenstrategen getäuscht haben, dass sie von schlagzeilentrunkenen Journalisten zu Aussagen verleitet wurden, für die sie sich in Grund und Boden schämen sollten – niemals. Nicht mal unter Folter. Nicht mal angesichts der Tatsachen.

Nachdem nun vorläufig der Militärputsch, der Bürgerkrieg, der Sturz, das Ende abgesagt sind, wird fleissig weitergestrickt an realitätsfernen Wunschtheorien. Der Kreml-Herrscher sei abgetakelt, weiss ein fehlanalysierender «Militärstratege», es gäbe nun stalinistische Säuberungen. Nachdem schon alle anderen Mietmeinungen aus München bei Tamedia ihren Unsinn veröffentlichen durften, klappert dort nun noch SZ-Autor Frank Nienhuysen nach.

Bedauerlicherweise ist die Kriegsberichterstattung aus Russland abgesagt worden, mangels Krieg. Aber man darf doch noch Frage stellen:

Eigentlich stand er ja schon vor dem Aus, dem Rücktritt, wäre er von Putin gefeuert worden, oder hätte seinerseits Putin absägen wollen. Aber der Kreml ist – ebenso wie das Verteidigungsministerium – ein gegendarstellungsfreier Raum. Das nützt Nienhuysen recht gnadenlos aus. Zunächst muss er einräumen: «Sergei Schoigu, Russlands Verteidigungsminister, ist also noch da.»

Dann spinnt Intim-Kenner Nienhuysen sein Garn weiter: «Selten ist ein russischer Verteidigungsminister derart in Bedrängnis geraten … Wie angeschlagen ist Sergei Schoigu … Schoigus Ruf geriet in Gefahr … Den Machtkampf hat Prigoschin verloren, und Schoigu hat ihn gewonnen. Doch der hat genug weitere Probleme … Er forderte auch die russische Rüstungsindustrie auf, mehr Panzer herzustellen, Indizien für Schwierigkeiten an den Fronten

Kann so sein, muss nicht so sein. Wichtiger ist aber: Nienhuysen hat offensichtlich keine Ahnung. Ein Eingeständnis dieser Tatsache wäre grandios, würde aber nicht ganze Spalten von SZ und damit auch von Tamedia füllen. Wo bleibt Münger, ist man versucht zu fragen.

Aber einen Lacher überliefert der Ferndiagnostiker: «Würde man alle Zahlen des Ministeriumssprechers Igor Konaschenkow addieren, so Prigoschin, «dann hätten wir schon fünfmal die Erde zerstört».» Das ist immerhin mal komisch, aber nicht von Nienhuysen.

Auch der «Blick» melkt aus dem Thema raus, was das trockene Euter nicht hergibt:

Lustig ist, dass die Medien gerne von «Wirrwarr» sprechen, wenn sie selbst verwirrt sind. Eher peinlich ist’s, dass nun selbst «Militärexperten» wirklich nichts Originelles mehr zu verzapfen haben:

Irgendwie erinnert das an die Anfangszeiten der Pandemie. Damals drängelten sich auch Experten in die Öffentlichkeit, indem sie immer absurdere Prognosen über die zu erwartenden Anzahl Tote machten. Und als das nicht eintraf, kühn behaupteten, dass das eben das Resultat ihrer eindringlichen Warnungen sei.

Gewagter Seitensprung: dem Trubel um den Sänger von Rammstein scheint es ähnlich zu gehen wie dem «Putschversuch», der keiner war:

«Wollen entlasten», wunderbare Formulierung. Nachdem auch der «Blick» (wie alle anderen) gross vermeldet hatte, dass die Staatsanwaltschaft in Vilnius und die in Berlin «Ermittlungen» aufgenommen habe, wird nun so nebenbei berichtet: diejenige von Vilnius hat das Verfahren eingestellt, kein ausreichender Anfangsverdacht. Und Berlin? Da zitiert der Nicht-mehr-Boulevard-«Blick» Lindemanns Anwälte kleinlaut: «Man habe auch Einsicht in die Akten des Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft Berlins bekommen. Diese bestätigte, dass das Ermittlungsverfahren «nicht auf Strafanzeigen vermeintlicher Opfer» zurückgehe, sondern Anzeige von unbeteiligten Dritten, «die ihre Anzeigen ausschliesslich auf Medienberichte und Vorwürfe in den sozialen Netzwerken stützen», erstattet worden sei.»

Der Artikel endet mit dem üblichen Lachschlager: «Für Till Lindemann und die restlichen Mitglieder von Rammstein gilt die Unschuldsvermutung.»

Für CH Media ist die Riesenstory aus Russland inzwischen zum «Ukraine-Newsblog» geschrumpft. So nennen Redaktionen neuerdings Gefässe, in die sie ungefiltert alles abfüllen, was sie aus dem Internet kopieren. Besonders lustig:

An Board, on board, boarding, boring.

Kriegerisch gestimmt ist hingegen weiterhin der Ausland-Chef der Falken-NZZ:

Der versucht’s inzwischen mit Krankbeten. Beziehungsweise damit, dass eine ständige Wiederholung Unsinn in Sinn verwandelt: «Der Ruf Präsident Putins als der unantastbare starke Mann im Kreml ist ramponiert.» Ob das daran liegt, dass ein angetäuschter Marsch auf Moskau schnell und unblutig beendet wurde? Peter Rásonyi kurbelt an seiner Gebetsmühle: «... hinterlässt einen gedemütigten Diktator im Kreml …»

Aber er hat auch Neues auf Lager. Schon wieder gebe es Stimmen, die fordern, einen geschwächten Putin nicht in die Enge zu treiben, da könne er irrational werden. Ganz falsch, donnert kriegerisch Rásonyi: «Westliche Zurückhaltung, die von der Angst vor einer unkalkulierbaren Aggressivität Putins geprägt ist, war damals schon falsch. … Heute wäre solche Nachsicht erst recht falsch.»

Was empfiehlt denn der kalte Sandkastenkrieger? Martialisches: «Deshalb muss die Devise des Westens sein: die Schwäche Russlands schonungslos ausnützen, die Verteidigung der Ukraine ohne Abstriche fortführen.»

Es wird die Ukrainer sicher freuen zu hören, dass sie von der Falkenstrasse aus schonungslos in die Schlacht getrieben werden, ohne Abstriche. Was ist nur aus der einstmals besonnenen NZZ geworden? Christoph Mühlemann rotiert im Grab; ob Eric Gujer mit seinem Nachfolger in diesem Amt wirklich glücklich ist?

 

Corona-Kreische Karrer

Wenn Wissenschaftler unbelehrbar bleiben. Wieder mal ein monothematischer Tag auf ZACKBUM.

Die Geschichte der Task Force to the Bundesrat ist eine Geschichte von Flops, Egoshootern, eitlen Selbstdarstellern und von Fehlprognosen völlig unbeeindruckten Koryphäen.

Sie sonnen sich bis heute darin, dass sie zwar analysieren, kritisieren, fordern und warnen können – das alles aber völlig haftungsfrei und verantwortungslos. Treffen ihre Prognosen nicht ein, was meistens der Fall ist – na und? Schnell ist man mit der nächsten zur Hand. Erinnert man sich noch dunkel daran, dass bei einer Durchimpfung der Bevölkerung von gegen 70 Prozent die Pandemie eigentlich besiegt sei?

Es wäre die Aufgabe einer verantwortungsvollen Presse, auf solche Fakten hinzuweisen. Aber viel schöner ist es natürlich, Alarm zu schlagen und einen weiteren Beitrag zur Schreckung der Bevölkerung zu leisten.

Das sieht dann beim «Blick» so aus:

Bricht das Gesundheitssystem nun doch zusammen?

In den anderen Medien nicht viel anders, also folgen wir doch dem Qualitätsorgan aus dem Hause Ringier. Wobei eigentlich alle Medien ins Archiv steigen könnten und die Artikel rezyklieren, die geschrieben wurden, als die Task Force vor etwas mehr als einem Jahr schon mal den bevorstehenden Kollaps prognostizierte.

Auf der Suche nach 15 Minuten Ruhm

Diesmal hat der Task Force Vize Urs Karrer das Bedürfnis, sich seine 15 Minuten Ruhm abzuholen. Zu diesem Zwecke veranstaltete er eine Medienkonferenz und verkündete mit gewichtiger Miene «wissenschaftlich berechtigte Zweifel», Triage-Entscheide könnten noch vor Weihnachten kommen. Also traurige Festtage, an denen nicht fröhliche Gesichter unter Weihnachtsbäumen leuchten, sondern in Spitälern entschieden werden müsse, wer leben dürfe und wer nicht.

Aber immerhin, der Bieterwettbewerb, in dem Mitglieder der Task Force schon bis zu 100’000 Tote prognostizierten, wird nicht weitergeführt. Wäre auch etwas schräg, nachdem es bislang etwas mehr als 11’000 Verstorbene gibt. An oder mit Covid-19.

Die Task Force masste sich schon mehrfach an, die Massnahmen des Bundesrats nicht nur intern, sondern gleich coram publico zu kritisieren. Obwohl ihre eigentliche Aufgabe darin bestünde, die Landesregierung intern zu beraten. Aber mit wichtiger Miene im Pressezentrum in Bern zu sitzen, dieser Versuchung kann kein Wissenschaftler widerstehen, der noch nie in den Medien auftauchte. Selbst wenn Gesundheitsminister Alain Berset schon darauf hinweisen musste, dass Expertenmeinungen schon wichtig seien, nur entschieden werde immer noch von den Verantwortungsträgern in den Regierungen.

Das hindert den Präsidenten der Gesundheitsdirektorenkonferenz nicht daran, kräftig abzuledern.. Der Basler Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger schimpft mitsamt der ganzen Regierung:

«Die vom Bundesrat erlassenen milderen Massnahmen reichen nicht aus.»

Das sieht der Zuger Kantonsarzt ähnlich; bessere sich die Lage nicht schnell und grundlegend, «müssen wir aus Sicht der Kantonsärztevereinigung leider bald ins Auge fassen, den Entscheidungsträgern der Politik weitere Massnahmen vorzuschlagen». Das ist eine kaum verhohlene Drohung: Gebt ihr regierende Pfeifen nicht mal Guzzi, müssen wir halt ans Gerät.

Wie steht es mit der Kritik am eigenen Versagen?

Vielleicht darf man in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass all diese Ärzte und Gesundheitsfunktionäre in den vergangenen Jahren vor allem aber in den fast zwei Jahren seit Ausbruch der Pandemie, ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben.

Wenn es eine mögliche Krise wegen zu wenig Intensivbetten gibt, dann liegt das daran, dass die Zahl der benützbaren Betten sogar seit Ausbruch der Pandemie gesunken ist. Und zwar dramatisch. Zudem weiter sinkt, da sich Pfleger nach zwei Jahren unermüdlichem Einsatz ohne entsprechende Kompensation und vor allem ohne Perspektive auf Besserung krank melden oder gleich verabschieden.

Wenn die Massnahmen des Bundesrats unzureichend sein sollten und Probleme auf den Intensivstationen auslösen, so ist das in erster Linie dem Versagen genau dieser Funktionäre zuzuschreiben. Woher die angesichts dieser Verantwortungslosigkeit die Chuzpe nehmen, andere zu kritisieren oder gar «Massnahmen vorzuschlagen», das erschliesst sich dem Betrachter nicht.

Wieso deren Gekreische in den Medien wiedergegeben wird, ohne auf den Anteil Selbstverschulden und Verantwortungslosigkeit hinzuweisen, ist auch nicht gerade ein Argument dafür, dass sie wegen ihrer gesellschaftlichen Bedeutung eine weitere Milliarde Steuergelder bekommen sollten.

Ein Bett noch frei für die Medien?

 

 

R wie Radau, Raunen, Rabulistik

Was passiert, wenn man den Experten ungefiltert auf die Öffentlichkeit loslässt? Schlimmes.

Es gibt inzwischen eine unheilige Allianz zwischen Medien und mediengeilen Wissenschaftlern. Die Medien wollen in der Pandemie skandalisieren, um ihre Einschaltquote zu erhöhen. Die Wissenschaftler auch.

Der Beispiele sind überviele. Die Taskforce to the Bundesrat. Der Twitter-König Christian Althaus. Der Mister Corona II Marcel Salathé. Oder das Triumvirat des Schreckens, Isabella Eckerle aus Genf, Emma Hodcroft aus Bern und Tanja Stadler von der ETH Zürich.

Alle Unken und hysterischen Warner beziehen sich vor allem auf den sogenannten R-Wert. Der soll die Übertragungsrate messen. Wie viele Menschen werden von Infizierten angesteckt. Wenn R bei 1,1 liegt, heisst das, dass 100 Infizierte weitere 110 anstecken. Das ist schlecht, weil das eine exponentiell ansteigende und keine lineare Kurve ergibt.

Gegenseitig im Hyperventilieren überbieten

Liegt R unter 1, nimmt die Seuche ab, liegt R unter 0,8, ist mit einem baldigen Ende zu rechnen. Soweit, so einfach. Nun überbieten sich zum Beispiel diese drei Damen, ohne jegliche Praxiserfahrung und mit eher schlankem wissenschaftlichem Rucksack darin, zu warnen, zu fordern, zu hyperventilieren.

Hodcroft legt zum Beispiel mit einem grossen Interview vor, indem sie bei einem Überspringen des leicht mutierten Virus aus England auf die Schweiz einen sofortigen, totalen Lockdown fordert. Da muss Eckerle noch einen drauflegen und verkündet, dass sie das neue Virus bereits identifiziert habe und noch viel mehr Lockdown fordere. Ätsch. Und Stadler sitzt sowieso in der Pole Position, weil sie den R-Wert berechnen darf.

Nun hat – immerhin – der «Tages-Anzeiger» mal nachgeschaut, wie dieser R-Wert eigentlich berechnet wird. Nach 11 Monaten, aber besser als gar nicht. Obwohl das den Tagi-Amok Marc Brupbacher zur Weissglut treiben wird, kam die Untersuchung zum Schluss: Auch den R-Wert kann man so oder so sehen.

Wenn man nichts lernt, wiederholt sich die Geschichte

Das ist aber überhaupt nicht lustig, weil in erster Linie von ihm abhängt, welche drastischen, Multimilliardenschäden verursachende Massnahmen ergriffen werden. Schon im Frühling war es so, dass genauere Untersuchungen ergaben, dass die Ansteckungsrate bereits am Sinken war – bevor der drakonische Lockdown vom Bundesrat beschlossen wurde.

Die Geschichte wiederholt sich, wenn man nichts daraus lernt. Wie der Tagi ausführt: Mit der üblichen zehntägigen Verzögerung (Ansteckung, Symptome, Test) verkündete die ETH am 14. Dezember, dass R am 4. Dezember bei 1,13 gelegen sei. Furchtbar, im Chor schrien alle Wissenschaftler, dass nun aber wirklich und sofort und dringlich gehandelt werden müsse. Das BAG setzte noch einen drauf und befürchtete bereits eine Verdoppelung der Zahl der Infizierten bis Ende Dezember.

Also beschloss der Bundesrat in seiner Weisheit, dass nun tatsächlich Schritt für Schritt wieder alles abgewürgt werden muss. Kultur, Wirtschaft, Gesellschaft. Sonst Untergang, Zusammenbruch, furchtbar.

Wenn der R-Wert schrumpft und schrumpft

Nur: mit sich verbessernden Datensätzen verkündete die ETH am 28. 12., dass der R-Wert am 4. Dezember doch eher bei 1 gelegen habe. Also kein Grund zum Zurücklehnen, aber sicherlich nicht für drakonische Massnahmen. Noch toller: am 18. 12., also immer noch vor dem neusten Milliardenschaden, lag der Wert bei 0,86, gab die ETH am gleichen Tag bekannt.

Auch diese Zahl, nach zehn Tagen erhoben, hat natürlich noch ein Unsicherheitspotenzial nach oben oder unten. Aber: Wie kann es sein, dass Regierungen, nicht nur in der Schweiz, aufgrund einer dermassen wackeligen Faktenlage Entscheidungen treffen müssen, die alleine in Europa ökonomisch Schäden angerichtet haben, die denen des Zweiten Weltkriegs nahekommen?

Wie kann es sein, dass Wissenschaftler dermassen verantwortungslos und haftungsfrei via willfährige Medien die Bevölkerung erschrecken dürfen? Wenn Ebola-Forscher oder Experten in der Beurteilung der Sicherheitsstandards von AKWs in der Dritten Welt dermassen ungefiltert Panik verbreiten dürften, wir sässen alle schon im Luftschutzbunker. Mit Gasmaske.

Menschlich verständlich, wissenschaftlich ein Desaster

Dass jeder Wissenschaftler, der normalerweise nicht in der Sonne der öffentlichen Aufmerksamkeit steht, zwecks Karriereförderung oder schlichtweg aus Eitelkeit zum grossen Experten aufsteigen will, dessen Mailbox mit Anfragen nach Interviews, Stellungnahmen, Erklärungen anschwillt, ist menschlich verständlich.

Dass bei jedem aktuellen Überthema, sei das Corona, AKW, Fundamentalismus oder Trump, jeder zum Experten wird, ist kein neues Phänomen. Dass sich aber Naturwissenschaftler dafür hergeben, sich gegenseitig mit immer drastischeren Warnungen in der Sonne stehen zu wollen, unfassbar.

Dass kompetenzfreie Medien ihnen dafür noch so gerne eine Plattform geben: unfassbar. Dass sich Regierende drängen und treiben lassen, dem berühmten «Druck» nachgeben, wenn die Taskforce mal wieder sehr besorgt ist und fordert, wenn Wissenschaftssternchen hell blinken möchten, wenn anderswo doch auch, auch das ist unfassbar.

Selbst dem grössten Corona-Star reicht das Gejammer seiner Kollegen

Selbst dem deutschen Corona-Guru, dem unerreichten Vorbild für alle Nachahmer, auch in der Schweiz, reicht es langsam. Prof. Christian Drosten twitterte: «Ihr hattet die lauteste Presse, Ihr habt stetig gestichelt, wenig gelesen, gute Vorschläge zerredet. Ihr bringt bis heute keine Inhalte und jammert über mangelnde Resonanz.»

Damit wandte er sich ausdrücklich gegen das Gejammer von Isabella Eckerle, dass man nicht nur den Sommer verschlafen habe, sondern auch viel zu wenig auf sie gehört. Denn eigentlich haben die meisten stimmkräftigen Experten ausser ständigen Warnungen, dunklen Prognosen, unausgegorenen Forderungen und dem Beweis, dass Virologen oder Epidemiologen null und nichts von Wirtschaft oder Gesellschaft verstehen, nichts zu bieten.

Das ist schlimm genug. Aber indem sie damit den mühsam durchgesetzten Ruf der Wissenschaft grobfahrlässig beschädigen, mit ihren ständigen Fehlprognosen, ihrem häufigen Versagen, ihrem arroganten Gehabe, dass die verantwortlichen Regierenden gefälligst ihnen folgen sollten, richten sie einen Schaden an, der weit über diese Pandemie hinausgeht.