«Weltwoche» und Putin
Wenn schon Irrtum, dann richtig.
Die Unfähigkeit der «Weltwoche», den Kreml-Herrscher zu begreifen oder seine Absichten zu verstehen, hat eine lange Geschichte.
Ausgerechnet an dem Tag, an dem Putin in die Ukraine einmarschieren liess, publizierte die «Weltwoche» die Titelstory «Der Missverstandene». So nach der Devise «er will doch nur spielen».

Das erinnerte fatal an «La crise n’existe pas», eine Jubelgeschichte über «UBS und CS wieder auf dem Vormarsch», publiziert ausgerechnet an dem Tag, als die UBS zu Kreuze kriechen und Staatshilfe erbetteln musste.
Neben dem Autor und regelmässigen Mitarbeiter von «Russia Today» Thomas Fasbender widmeten sich ganze sieben Artikel dem grossen Missverstandenen im Kreml. In einer «Kleinen Psychologie der Putin-Kritik» versteigt sich Hobby-Historiker Roger Köppel von einem schrägen historischen Vergleich zu einer Abrechnung zwischen «Tradition, Familie, Patriotismus, Krieg, Religion, Männlichkeit, Militär, Machtpolitik und nationale Interessen», verkörpert durch Putin.
Der sei eine «wandelnde Kriegserklärung an den Zeitgeist, an die «Woke»- und «Cancel-Culture», der unsere Intellektuellen und viele unserer Politiker so inbrünstig huldigen». Also kurz, er entlarve «den hohlen Moralismus seiner Gegner. Und die Dekadenz des Westens.» Der gesunde Naturbursche Putin, der sich gerne mit nacktem Oberkörper auf dem Pferd präsentiert, als Gegenbild zum verweichlichten westlichen Intellektuellen, der unter Bedenkenträgerei fast zusammenbricht.
Das war vielleicht peinlich. Wird aber konsequent weitergeführt. Auch nachdem die nur wenige Tage dauernde «militärische Spezialoperation» zu einem jahrelangen Abnützungskrieg mit Zehntausenden von Toten und immensen materiellen Schäden auf beiden Seiten geworden ist.
Aktuell warnt Köppel immer verzweifelter vor einem möglichen Krieg in Europa. Woran, wenn es denn stattfinden sollte, einer nicht schuld ist. Der Friedensfürst im Kreml.
Der wird wieder mal absichtlich missverstanden, dabei sagt er doch glasklar, laut WeWo:
«Viele Menschen in Europa, so Putin, sagten inzwischen, sie erwarteten einen Angriff Russlands und müssten sich deshalb auf Kampfhandlungen und einen Krieg mit Russland vorbereiten. Genau dieser Darstellung widersprach der russische Präsident ausdrücklich.
«Ich möchte noch einmal betonen, dass wir uns nicht auf Kampfhandlungen mit Europa vorbereiten», sagte Putin. «Wir haben keine derartigen Pläne, keine Gründe dafür und vor allem keine wirklichen Motive, die Lage mit Europa zu verschärfen – unabhängig davon, was gesagt wird, auch von den baltischen Staaten.»»
Das entlarvt natürlich alle gegenteiligen Befürchtungen als typische Propagandalüge, ja Kriegshetze des Westens.
Denn niemals nicht macht die ehrliche Haut in Moskau das Gegenteil von dem, was er sagt. Das beweisen seine treuherzigen Ankündigungen vor seiner Invasion der Ukraine.
Noch im Dezember 2021 behauptete er, «wir bedrohen niemanden». Noch am 15. Februar 2022, neun Tage vor dem Angriff, antwortete er auf die Frage, ob es Krieg geben würde: «Wollen wir einen Krieg oder nicht? Natürlich nicht.»
Am 20. Februar 2022, vier Tage vor Kriegsbeginn, sagte der russische Botschafter in Washington Anatoli Antonow: «Es gibt keine Invasion, und es gibt auch keine solchen Pläne.»
Bei solch tiefer Wahrheitsliebe ist es völlig klar, dass man auch heute seine Beteuerungen, dass keine Mauer gebaut werde, Pardon, dass sich Russland auf keine Kampfhandlungen gegen Europa vorbereite, unbedingt Glauben schenken sollte.
All die kleineren oder grösseren Provokationen, die Behauptung Deutschlands, Russland stecke hinter dem missglückten Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig, das sind westliche Propagandalügen, gegen die sich der grosse Missverstandene zu wehren versucht.
Schön, dass es wenigstens ein Organ gibt, das ihm Gerechtigkeit widerfahren lässt. Eigentlich sollte die WeWo all diese unzähligen Gegen-den-Strom-Geschichten mit einer Unterzeile versehen:

Statt «Proletarier aller Länder, vereinigt euch», sollte es heissen: Wahrheitsliebende aller Länder.
Denn inzwischen hatte Köppel seine Sternstunde. Präsident Putin höchstpersönlich geruhte, ihm ein paar nichtssagende Antworten zu geben, was die Journaille in der Schweiz in Schnappatmung versetzte.




