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Der Nebelspalter und die Zahlen

Rechnen ist Glückssache.

Von Thomas Baumann
Dass im Nebelspalter hin und wieder abgeschrieben wird, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Doch nicht nur im Umgang mit Quellen, sondern auch im Umgang mit Zahlen hapert es dort öfters.
In seinem Newsletter Somms Memo erklärt uns der spätdoktorierte Grossintellektuelle Markus Somm gerne die Welt. So auch, zum Beispiel, am 29. Mai.
Da schrieb er über den Unternehmer Fredy Gantner, der sich seit kurzem genussvoll ins politische Getümmel stürzt: Ihn als «Klimakriminellen» zu bezeichnen, «dürfte den Straftatbestand der Verleumdung erfüllen». Wir lernen daraus: Seinen Doktor hat Somm ganz bestimmt nicht in Jurisprudenz gemacht.
Immerhin, im selben Artikel hatte es noch zwei Grafiken — und Somm hatte mächtig Dusel, dass er sich bei einer Quelle bediente, die tatsächlich alles richtig machte: Facts4Future hat nämlich in der Grafik, welche den CO2-Ausstoss mit dem BIP in Verbindung setzt, das BIP deflationiert.
Auch so zeigt sich in der Schweiz noch eine Halbierung des CO2-Ausstosses pro realem BIP-Franken zwischen 2000 und 2025.
Was herausgekommen wäre, hätte man nicht deflationiert, zeigt ein Hinweis auf die Inflationsraten gewisser Länder: Türkei rund 8500% seit 2000, im Libanon eine Verzechzigfachung und in Argentinien und im Sudan eine Verdreissigfachung der Preise seit 2020 alleine. Im Iran haben sich die Preise seit 2012 vervierzigfacht und die Hyperinflation in Zimbabwe und Venezuela schenken wir uns.
Kurz: All diese Länder hätten es geschafft, den CO2-Ausstoss pro BIP-Einheit um einen Faktor 10 oder 100 zu senken — alleine aufgrund der Inflation.
Für einmal durfte Somm also das Glück der Tüchtigen für sich in Anspruch nehmen.
Dass es sich dabei tatsächlich eher um Glück im (zufälligen) Finden der richtigen Quelle als um ausgeprägtes mathematisches Verständnis handelte, bewies Somm bloss ein paar wenige Tage zuvor.
Da widmete er sich dem Zusammenhang zwischen Unternehmenssteuern und Arbeitsplatzwachstum. Mit einer hübschen Grafik, die er sich aus Daten von PWC zusammengebastelt hatte.
Wir sehen auf der linken Achse den Unternehmenssteuersatz und auf der rechten Achse die neu geschaffenen Arbeitsplätze pro Kanton.
Und was entnehmen wir der Grafik? Zweierlei: Die Tiefsteuerkantone Unterwalden, Appenzell, Glarus und Uri haben fast keine neuen Arbeitsplätze geschaffen, der Hochsteuerkanton Zürich hingegen (in absoluten Zahlen) sehr viele. Und daraus zieht Somm messerscharf den Schluss: An der Steuern (alleine) liegt es nicht, wenn Menschen zuwandern.
Damit hat er allerdings recht. Trotzdem ist die Grafik purer Unsinn. Würde es einzig von der Höhe des Unternehmenssteuersatzes abhängen, wo sich Unternehmen ansiedeln, müssten sich alle (ohne Ausnahme) im Kanton mit dem tiefsten Steuersatz drängen.
Was sie natürlich nicht tun. Denn der Unternehmenssteuersatz ist ein Gewinnsteuersatz und ohne fähige Mitarbeiter kein Gewinn. Schon das alleine verbietet, dass sich alle Unternehmen im Kanton Luzern (dem Kanton mit dem aktuell tiefsten Unternehmenssteuersatz) ansiedeln.
Wenn schon, hätte man die Höhe des Steuersatzes mit dem prozentualen (anstatt absoluten) Arbeitsplatzwachstum in Verbindung setzen müssen. Oder — noch einen Schritt weiter — hätte man untersuchen können, ob Kantone durch eine Senkung des Unternehmenssteuersatzes ihr Arbeitsplatzwachstum im Vergleich zu anderen Kantonen überdurchschnittlich in die Höhe treiben können.
Kleine und grosse Kantone beim Arbeitsplatzwachstum in absoluten Zahlen über einen Kamm zu scheren, ist hingegen glatter Unsinn.
Kommt Somm hier noch mit einem knappen «ungenügend» davon, rechnet sich sein Vize Dominik Feusi so richtig ins Nirvana.
In einem Artikel vergleicht er nämlich Zuwanderung und Arbeitsplatzwachstum und stellt fest: Es braucht fast sechs Zuwanderer für eine Vollzeitstelle.
Wie das? Indem er die Bruttozuwanderung mit den ausländischen Beschäftigten vergleicht. Und da findet Feusi eben: Von Anfang 2016 bis Ende 2025 sind brutto 1,84 Millionen Ausländer in die ständige Wohnbevölkerung zugewandert, während die Zahl der ausländischen Beschäftigten in Vollzeitäquivalenten (VZÄ) «nur» um 330’000 zugenommen hat.
Ergibt ergo, dass auf 5,6 Zuwanderer nur eine Vollzeitstelle besetzt wird. Faule Ausländer! Wandern nur in den Sozialstaat anstatt in den Arbeitsmarkt ein! Pfui! All diese deutschen Professoren und Ärzte: Keiner arbeitet, alle auf dem Sozialamt!
Nun, dass an der Rechnung etwas faul sein muss, hätte eigentlich auch Feusi mit ein wenig gesundem Menschenverstand auffallen müssen. Da es dies nicht tat, rechnen wir sein Unglück einmal zu Ende.
Ende 2025 belief sich die ständige ausländische Wohnbevölkerung gemäss Staatssekretariat für Migration (SEM) auf 2,4 Millionen Personen.
Zwischen 2016 und 2025 sind davon gemäss Feusi gut 1,84 Millionen zugewandert. Rechnen wird noch ein wenig weiter zurück: Zwischen Anfang 2010 und Ende 2015 sind nochmals etwa eine Million brutto zugewandert. Macht zusammen mit den erwähnten 1,84 Millionen rund 2,8 Millionen.
Seien wir ein wenig nett mit Feusi: Berücksichtigen wir korrekterweise, dass ein Teil der zugewanderten Ausländer keine Ausländer mehr sind, weil sie in der Zwischenzeit eingebürgert wurden. Dann können wir von den 2,8 Millionen nochmals 640’000 abziehen. (Wobei es hierzu zu bemerken gibt: Die ganzen 640’000 von den nach 2015 Eingewanderten abzuziehen, ist eigentlich überzogen, da die meisten Eingebürgerten wohl bereits vor 2016 eingewandert sind).
Wie dem auch sei… Rechnet man mit Feusis Daten noch weiter zurück, dann käme man irgendwann zwischen 2007 und 2010 an den Punkt, an dem die ausländische Bevölkerung in der Schweiz … unter Null sinkt.
Feusis Fehler in Kürze: Bei der Berechnung der Zuwanderung berücksichtigt er nur die Zuwanderung, nicht aber die gleichzeitige Abwanderung von Ausländern. Das ist ungefähr so, als würde man bei der Berechnung des Geburtenüberschusses nur die Geburten, nicht aber die Todesfälle berücksichtigen…
Oh, Feusi!
Zäumen wir das Pferd nochmals anders auf: Gemäss SEM betrug die ständige ausländische Wohnbevölkerung am 31. Dezember 2015 exakt 1’993’916 Personen. Ende 2025 waren es gemäss SEM genau 2’414’408 oder 420’492 Personen mehr. Darauf hätte eigentlich auch Feusi kommen können.
Dividiert man diesen Zuwachs durch die zusätzlichen 330’000 VZÄ, dann ergibt sich: 1,3 Ausländer in der ständigen Wohnbevölkerung mehr führen zu einem zusätzliches «ausländisches» VZÄ auf dem Arbeitsmarkt.
Stellt sich die Frage: Ist eine derart hohe Quote plausibel? Wohl kaum. Sie erklärt sich dadurch, dass bei den Arbeitskräften auch die Grenzgänger mitgezählt werden.
Diese trugen im Zeitraum 2016-2025 ziemlich genau dreissig Prozent zum Wachstum der erwerbstätigen Ausländer bei.
Rechnet man diesen Faktor (d.h. die Grenzgänger) heraus und berücksichtigt das tendenziell höhere Arbeitspensum von Grenzgängern, dann resultiert eine Quote von ungefähr 2:1 Zuwanderern pro zusätzlichem Vollzeitäquivalent.
Wichtig ist jedoch nicht so sehr die genaue Zahl, als die Feststellung: Feusi rechnet nicht nur beim Zähler seines Quotienten baren Unsinn zusammen, sondern auch der Nenner stimmt nicht bzw. hat nichts mit dem Zähler zu tun. Im Zähler steht der Zuwachs der ständigen ausländischen Wohnbevölkerung, im Nenner alle ausländischen Arbeitskräfte inklusive Grenzgänger, welche eben gerade nicht zur ständigen Wohnbevölkerung zählen.
Also gleich doppelt falsch, Zähler und Nenner falsch. Falscher geht nicht mehr.
Anstatt derart Unfug mit der öffentlichen Statistik zu betreiben, sollte sich Dominik Feusi in Zukunft vielleicht wirklich besser aufs Abschreiben beschränken. Da kann er deutlich weniger Schaden anrichten.

Tom Kummer hat keinen Sohn

In der «Weltwoche» führt er den Beweis dafür.

Tom Kummer ist der Münchhausen des Journalismus. er war schon gross, als noch niemand wusste, dass Claas Relotius seine Storys auch gefaket hat.

Kummer brachte die Chefredaktion des Magazins der «Süddeutschen Zeitung» zu Fall. Er jubelte Roger Köppel schon erfundene Storys unter, als der noch Chef des «Magazin» vom «Tages-Anzeiger» war. Seine erfundenen Interviews mit Hollywoodstars sind Legion.

Köppels Personalpolitik ist nicht minder merkwürdig wie seine politischen Vorlieben. Bei ihm darf Kummer sich weiterhin austoben. Obwohl der Leser bei jeder seiner Storys denken muss: wahr oder erfunden? Oder in welcher Mischung?

Kummer neigte schon immer dazu, wenn ihm sonst nichts anderes einfiel, das Private öffentlich zu machen. In widerlichster Form die Geschichte des Sterbens seiner Frau.

Bislang konnte man annehmen, dass Kummer auch einen Sohn hat. Inzwischen ist erwiesen: hat er nicht. Der Beweis: er veröffentlicht in der «Weltwoche» einen fiktiven Dialog mit jemanden, den er als seinen Sohn bezeichnet.

Der heisst «Jack Kummer», was ja schon mal eine ganz schlechte Erfindung eines Namens ist. Und soll angeblich in die Rekrutenschule eingerückt sein. Das soll 2024 stattgefunden haben. Das erregt leichte Zweifel, ob es die RS überhaupt noch gibt, aber hier kann Entwarnung gegeben werden: obwohl sie Kummer erwähnt, existiert sie.

Nun folgt eine fiktive Abfolge von Dialogen, die sich während der RS abgespielt haben sollen. Möglicherweise sass Kummer beim Schreiben vor einem Spiegel mit Weichzeichner und sprach mit sich selbst.

Der Inhalt dieser erfundenen Dialoge ist allerdings, für Kummers Verhältnisse, eher flach und seicht. Die hingequälte Schlusspointe:

«Woche 16. «Redet ihr nie übers Töten? Darum geht’s doch. Ihr lernt, wie man Leute tötet.»
«Nein, Dad, kein Thema für uns. Wir finden’s gut, wenn’s knallt. So sind wir halt, die Generation ‹Call of Duty›. Hauptsache, Action!»
«Und, was möchtest du heute Abend essen?»
«Hörnli mit Gehacktem.»»

Nachdem ihm Kummer einleitend «Miso-Ramen mit sieben Toppings. Sein Lieblingsessen», gemacht haben will. Seither wissen wir: Kummer kann nicht kochen.

Kummer verkörpert konsequent das Ende des Journalismus. Statt Berichte aus der Wirklichkeit lieferte er zuverlässig Fiktionen, Erfindungen Imitationen. Er verstiess damit gegen die letzte und wichtigste Grundregel der Berichterstattung. Da der Leser nicht überprüfen kann, ob der Reporter wirklich vor Ort war, mit den in der Story vorkommenden Personen gesprochen hat, die auch tatsächlich – wie die Gegebenheiten – existieren, muss er Vertrauen haben. Sich darauf verlassen können, dass der Journalist den Zeugen XY, der dies und das gesagt hat, nicht einfach erfand, weil er so gut in seine Story passte.

Dagegen hat Kummer verstossen, und deshalb sollte er in jedem ernstzunehmenden Organ lebenslängliches Schreibverbot haben. Wieso die WeWo, wieso Köppel dieser Karikatur eines Journalisten, diesem Berufsfantasten, diesem Fälscher immer wieder die Möglichkeit gibt, das Ansehen des Journalismus weiter zu beschmutzen – unverständlich.

 

Bock zum Gärtner

Manchmal spinnt die «Weltwoche».

Tom Kummer ist eine Schande für den Journalismus. Er hat ungehemmt erfunden, gefälscht, mit gefakten Interviews eine Chefredaktion ins Elend gestürzt, Hunderttausende von Lesern beschissen und ist zudem Wiederholungstäter. Wo er eine zweite Chance bekam, machte er einfach so weiter.

Offenbar ein Triebtäter. In der «Weltwoche» hat er seit einiger Zeit eine dritte Chance bekommen, der anfänglich warnende Abbinder, dass seine Storys wahr sein könnten, aber nicht müssten, ist inzwischen verschwunden.

Es gibt also eigentlich auf der ganzen Welt keinen Ungeeigneteren, um über das Thema zu schreiben, «wie echt die Wirklichkeit» in den Bildern der Magnum-Fotografen sei.

Denn bei Kummer muss man sich immer fragen, wie echt denn sein Geschreibsel ist. Dilettiert er über berühmte Fotografen wie Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, James Nachtwey oder René Burri, dann stimmen wenigstens die Namen und der Fakt, dass das alles Magnum-Fotografen waren.

Aber dann hebt Kummer mal wieder ins Reich der Fantasie ab: «Einer der heute bedeutendsten Magnum-Fotografen, Sebastião Salgado, fand schon früh sein Thema, die Armut, und er verfolgte es gnadenloser als andere, jahrzehntelang.»

Einer der bedeutendsten Magnum-Fotografen war er bis 1994. Seit fast 30 Jahren hat Salgado aber seine eigene Agentur Amazonas Images.

Dann behauptet Kummer: «In den 1980er Jahren stiessen Mary Ellen Mark und Susan Meiselas dazu. Mit beiden war ich für das deutsche Magazin Tempo auf Reportage.» Mark wurde 1977 Vollmitglied bei Magnum und verliess die Agentur bereits 1981, ganze 7 Jahre, bevor Kummer mit ihr auf Reportage gewesen sein will. Sie starb 2015, also kann sie diese fragwürdige Behauptung von Kummer nicht bestätigen. Über Meiselas behauptet Münchausen Kummer: «Sie erschien mir absolut furchtlos, als wir im bolivianischen Dschungel geheime Kokainlabors aufspüren sollten.» Davon gibt es aber keine Spuren in ihrem Werk.

Nun kommt sozusagen der Höhepunkt des kummerschen Könnens:

«Mit Mary Ellen Mark produzierte ich 1988 für die Zeitschrift Tempo eine Story über „Ironkids“: Es ging um Kinder, die wettkampfmäßig Triathlon betreiben. Mark nun nervte ihr fotografisches Opfer im Zielbereich ganz bewusst so, dass sie bald bekam, was sie wollte: Ein Bild, das weinende Kinder zeigt, die von ihren überehrgeizigen Eltern – im Namen eines US-Snackherstellers – gequält werden. Das Schwarzweißbild wurde zur Ikone des humanistischen Fotojournalismus und fehlt seither in keiner Retrospektive amerikanischer Fotografie im 20. Jahrhundert. Ich aber sah während der Recherchen etwas ganz anderes: Die Kinder waren über ihre Niederlage enttäuscht, und von Mark extrem genervt. Die Ironkids entpuppten sich in Wahrheit als noch ehrgeiziger als ihre Eltern.»

Schrieb Kummer 2014 in der deutschen Zeitschrift «Freitag». Kopiert Kummer eins zu eins in seinen aktuellen Text in der «Weltwoche». Lediglich ergänzt um das Fazit: «Was den vielleicht schwer erträglichen Schluss zulässt: Die Verbindlichkeit der Fotografie hat nie existiert.»

Das ist nun echt lustig. Wenn Kummer nicht erfindet oder verfälscht, dann kopiert er sich selbst. Nimmt einfach einen Text von 2014 und rezykliert ihn in die «Weltwoche». Irgend eine Verbindlichkeit in seinen Texten hat nie existiert.

Das Blatt spinnt, so jemanden seine Spalten zu öffnen …

Ist das Tom Kummer oder ein Fake?

 

Relotius Reloaded

Beim Fall Fabian Wolff führten die gleichen Mechanismen zum Desaster.

Die Geschichte in Kurz: Der Feuilletonist und gern gesehene Gast bei «Zeit», «Süddeutsche», «Tagesspiegel» oder «Spiegel» Fabian Wolff ist nicht der, für den er sich ausgab. Nämlich als Jude.

Das ist in Deutschland bis heute ein ganz heikles Gebiet. Vor allem, da Wolff sich unter Berufung auf sein Judentum als israelkritischer («Apartheitsystem») und den Aktivitäten der antiisraelischen BDS-Kampagne sympathisierend gegenüberstehender Jude ausgab. Wer ihn dafür kritisierte, war natürlich «rassistisch» oder «rechts».

Er selbst als Jude könne dagegen per Definition kein Antisemit sein. So seine Erzählung. Bis er selbst einräumte, dass er kein Jude sei; eine beiläufige Bemerkung seiner Mutter habe ihn mit 18 annehmen lassen, einer jüdischen Familie zu entstammen.

Nun wird’s nochmal sehr deutsch: dieses Eingeständnis darf er in einem 70’000 Anschläge langen Text in der «Zeit» machen. Wobei Eingeständnis fast übertrieben ist, es ist ein sich windendes Geschwurbel.

Daraufhin wird’s richtig deutsch. Alle Redaktionen, die auf seine Verkleidung als Kostüm-Jude reingefallen sind, winden sich nun auch. Wie mit seinen in den letzten zehn Jahren veröffentlichten Texten umgehen? Wie mit Wolff umgehen? Ist da zuhanden der Leserschaft eine Entschuldigung fällig? Wenn schon nicht vom Hochstapler selbst, dann von den Redaktionen, die es mal wieder an Hintergrund- und Faktencheck missen liessen?

Oder ist das ein unfairer Vorwurf? Nein, denn eine ehemalige Lebensgefährtin von Wolff war schon vor Jahren auf Ungereimtheiten und Widersprüche in seinen biographischen Angaben gestossen. Nach dem Ende der Beziehung wandte sie sich an diverse Journalisten und Redaktionen. Ohne Reaktion.

Nun tun natürlich alle Verantwortlichen in den Medienhäusern so, als hätten sie nichts davon gewusst, als seien sie wenn schon selbst Opfer, keinesfalls verantwortlich für diesen neuerlichen Skandal. Aber die NZZ schreibt dagegen ganz richtig: «Die Medien wurden nicht getäuscht, sondern haben sich täuschen lassen.» Nur ein in dieser Beziehung unbelastetes Schweizer Organ kann dann den Finger auf die Wunde legen:

«Das grosse Vertrauen und die Nibelungentreue deutscher Medien zum Autor Wolff erklärt sich auch dadurch, dass er mit seinen Gedanken und Texten letztlich antijüdische Ressentiments bedient hat, die in Teilen des deutschen Bürgertums weit verbreitet sind

Womit wir bei der Parallele zum Fall Relotius angelangt wären. Auch dieser Schwindler und Fälscher bediente mit seinen erfundenen Reportagen Klischees und Vorurteile der «Spiegel»-Verantwortlichen. Die hatten sich zum Beispiel ernsthaft vorgenommen, den damaligen US-Präsidenten Trump «wegzuschreiben». Sie sahen in seiner Wahl das «Ende der Welt», zumindest, «wie wir sie kennen». Sie waren fassungslos, dass all ihre angeblichen Kenner und Könner den Wahlsieg Trumps nicht vorhergesagt hatten.

Daher glaubten sie Relotius unbesehen jedes Wort, wenn der sich in die US-Pampa aufmachte, um dort die dumpfen Amis aufzuspüren, die diesen Idioten zum Präsidenten gemacht hatten. Wirklich erholt hat sich der «Spiegel» von diesem Skandal bis heute nicht. Seine kreischige #metoo-Berichterstattung, in der er einer Journalistin die Plattform für einen Rachefeldzug bietet, Prominente reihenweise in die Pfanne haut, trägt auch nicht dazu bei, sein Renommee zu retten.

Nun sind aber auch die ehrwürdige «Zeit» (die sich im Schweizer Split allerdings auch im Roshani-Skandal instrumentalisieren liess), die SZ, der «Tagesspiegel» beteiligt an diesem neuerlichen Skandal.

Relotius hat nicht seine eigene Identität erfunden, sondern einfach Quellen und Zitate und Begebenheiten. Das hat Wolff nicht getan, dafür streifte er sich eine Identität über, die erlogen ist. Beide haben aber Ressentiments der sie betreuenden Redaktionen (und deren Leserschaft) bedient. Ob man es in Deutschland wirklich liebe, «Israel zu hassen», das ist vielleicht eine zu dramatische Schlussfolgerung der NZZ.

Dass es ein deutsches Problem sei, das trifft solange nicht zu, als ein Tom Kummer in der Schweiz weiterhin sein Unwesen treiben darf. Hier handelt es sich um die Marotte eines Chefredaktors, in Deutschland geht das Problem tatsächlich tiefer.

Denn dass eine Redaktion keinen in die Intimsphäre eingreifenden Faktencheck über die jüdische Herkunft eines Autors macht, ist noch verständlich, obwohl Wolff nicht der erste Fall eines solchen Betrugs in Deutschland ist. Dass aber deutliche Indizien, ein ganzes Dossier der ehemaligen Lebensgefährtin keine Beachtung fand, sondern wohl als Rache einer verschmähten Geliebten abgetan wurde, das ist bedenklich.

Einerseits veröffentlicht der «Spiegel» Behauptungen einer rachsüchtigen, gefeuerten Schweizer Redaktorin, die sich bei genauerer Betrachtung fast vollständig als nicht haltbar herausstellen. Andererseits ignorieren diverse Redaktionen in Deutschland ein ihnen vorliegendes Dossier mit belegten Anschuldigungen. Was ist der Unterschied? Das eine entspricht dem Narrativ von #metoo, das andere widerspricht diesem Framing. Obwohl in beiden Fällen eine Frau einen Mann anschuldigt.

Ungeprüft oder nicht überprüft, zweifaches Versagen.

 

Wumms: Max Küng

Alle haben was zu Rammstein gesagt. Nein, einer fehlte noch.

Zäh ist er, das muss man ihm lassen. Seit 1999 verziert Max Küng die Seiten des «Magazin». So ziemlich alles hat er überstanden. Selbst die Zweitverwertung eines Werbetextes für einen Möbelhersteller. Das verzieh ihm Finn Canonica grosszügig.

Jede Woche eine Kolumne über irgendwas, elegant geschriebener Quark. Tiefes Schweigen aber zum Roshani-Skandal. Natürlich, seine gesammelten Werke erscheinen bei Kein & Aber. Das wäre aber auch kein Grund, auf Anstand und Zivilcourage zu verzichten. Doch Feigheit ist natürlich arbeitsplatzsichernd.

Dafür meint Küng, auch er müsse noch sein Scherflein zum Rammstein-Bashing beitragen. Spät kommt er. Andere Organe wie der «Blick» befinden sich bereits auf dem ungeordneten Rückzug und löschen die ersten Schmierenartikel, weil sie dazu gezwungen werden.

Jetzt hat’s auch Küng gerafft: «Unser Kolumnist fand die deutsche Band schon immer doof.» Schön, dass wir das nun wissen. Aber immerhin, zuerst gibt’s ein Lob. Dieses Zitat von Tom Kummer ausgraben, das ist eine Trouvaille: «Die ‹Weltwoche›, wo sich Kolumnisten ohne Scham, Konvertiten ohne Gedächtnis und Belehrer ohne Grenzen besonders gut verbreiten.» Der Berufsfälscher hatte eben schon immer zu allem eine Meinung, problemlos auch ihr Gegenteil.

Was unterscheidet Küng von Kummer? Der erste Buchstabe des Nachnamens nicht. Ansonsten gilt: Kummer fälscht, Küng kopiert.

Dann muss ZACKBUM aber die Formulierung «elegant» zurücknehmen, denn das hier ist eine sprachliche Geröllhalde: «Die Sympathien zur deutschen Band bröckeln, es ist ein Rammsteinschlag à la Brienz im Gange.» Aua.

Dann zitiert Küng ein paar ausgewählt flache Strophen von Rammstein, um zu belegen, dass die Band ganz doof sei. Nur hat der Lyriker Lindemann auch anderes vorgelegt, was in der NZZ auf einem ganz anderen Niveau gewürdigt wurde.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, wusste schon Gorbatschow. Aber das «Magazin» ist dermassen aus allem gefallen, aus der Zeit, aus jedem Anspruch, aus jedem Qualitätslevel, dass es auf einen Quatschtext mehr oder weniger auch nicht ankommt.

Nach schnippelfreien Rezepten für verantwortungslose vegane Mamis, was kann man da noch erwarten? Vielleicht den Ratgeber «wie betätige ich einen Lichtschalter richtig», oder «selber atmen, die zehn besten Tipps». Oder «wie man alle 164 Gender sprachlich richtig inkludiert». Oder «desavouiert, feige, unanständig, heuchlerisch, aber nie um einen besserwisserischen Ratschlag verlegen – na und

Allerdings ist Küng erst 54 Jahre alt. Mindestens zehn Jahre muss er noch durchhalten. Aber ob das der Leser aushält?