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Widerliche Heuchelei

Was ist von Journalisten zu halten, die sich davon bezahlen lassen?

Sie sind woke. Sie sind sensibel. Sie kämpfen gegen Worte wie Mohr. Gegen den Klimawandel im Hitzesommer. Sie vergewaltigen die deutsche Sprache («Wohnende»). Sie belehren und schulmeistern ihre Leser ohne Rücksicht auf Verluste. Sie geben Gebrauchsanweisungen für die richtige Verwendung des Gendersterns.

Sie wissen alles besser und erteilen Ratschläge ohne Unterlass, wie Trump, Putin, die kriegsverbrecherische israelische Regierung sich besser, richtiger verhalten sollte. Sie betrachten ihren Bauchnabel und lassen die Leser daran teilhaben, wenn sie sich unwohl fühlen. Sensibel, achtsam, politisch korrekt, und sie warnen ohne Unterlass vor Sexismus, Rassismus, Exklusion und setzen Zeichen gegen rechte Hetzer, Populisten und überhaupt gegen alles Böse auf der Welt.

Kein Anlass zu nebensächlich, um nicht mit aufgeregtem Geschnatter mutig Position zu beziehen. Wie gut, wie besser wäre die Welt, wenn sie nur auf sie hören würde.

Sie verschonen die Medienclans in der Schweiz, die Familien Coninx, Ringier oder Wanner, von jeder Kritik. Bei Tamedia lassen sie sich von Pietro Supino schurigeln, öffnen ihm ohne Widerspruch die Spalten, wenn er in Missachtung der angeblich strikten Trennung von Redaktion und Verlag in ellenlangen Kommentaren dafür plädiert, dass zur Gewinnmehrung der Steuerzahler den jämmerlichen Output der zu Tode gesparten Redaktionen subventionieren soll.

Sie sehen jeden Splitter im Auge der anderen, aber den Balken im eigenen nicht.

Augenfällig wird das, indem seit Wochen peinliche Inserate auf der Homepage von Tamedia erscheinen. Mit anzüglichen Bildern illustriert, macht ein «Start-up» Werbung für sein fragwürdiges Angebot:

«Über 50 Prozent der Männer sind von Potenzproblemen betroffen, wünschen sich jedoch besseren Sex. Ein Schweizer Start-up bietet jetzt eine Online-Behandlung in nur fünf Minuten und überzeugt damit auch in der Investoren-Sendung «Die Höhle der Löwen».»

Jede Redaktion, die noch etwas Ehre im Leib hätte, würde spätestens nach dem zweiten «Sponsored»-Ad, das täuschend ähnlich wie ein redaktioneller Beitrag daherkommt und verspricht «Jetzt lassen sich Ihre Erektionsprobleme in nur fünf Minuten lösen», kritisch recherchieren und hinterfragen, ob das nicht zu gut ist, um wahr zu sein.

Jeder Journalist*In müsste sich fragen: «Wer frühzeitig gegen Erektionsprobleme vorgeht, kann sie meist einfach und erfolgreich behandeln», ist das wirklich ein Versprechen, das sich einlösen lässt?

Oder leiden auch männliche Tamedia-Journis unter diesem Problem? Und hoffen auf einfache Heilung von Schäden, die nicht zuletzt frustrierter Alkoholkonsum anrichtet? Wenn sie nach dem zuvielten Halbeli nach Hause wanken und keinen hochkriegen?

Und selbst Viagra diesem Versagen keine Abhilfe schafft?

Anders ist es nicht zu erklären. Ausser damit, dass sie alle wissen, dass selbst solche Inserate ihr Gehalt bezahlen. Die Gleichen, die sich nicht einkriegen, schonungslose Aufklärung zu fordern, welche Beziehungen denn zwischen dem US-Präsidenten Donald Trump und dem verurteilten Sexualstraftäter Geoffrey Epstein existierten. Und nicht müde werden zu betonen, dass auch Trump einschlägig vorbestraft ist.

Wie darf man dann die schweigsamen Tamedia-Journis bezeichnen, die unermüdlich Artikel zur Verbesserung der Welt veröffentlichen, vor und nach einem solchen Inserat, ohne in juristische Schwulitäten zu geraten?

In dem es auf Deutsch heisst: Männer, wenn euer Erektionswinkel so flach wie ein Leitartikel bei uns ist, es gibt schnelle, problemlose Abhilfe, damit ihr wieder Frauen nageln könnt?

Denn  es ist einfach: «Weit über 5000 Männer haben die Methode von Everyman bereits getestet – der Ansatz ist bisher ein voller Erfolg

Damit er wieder steht, tut Tamedia alles, ausser mal einen dieser Männer ausfindig zu machen:

«Dieser werbliche Beitrag wurde von Everyman Health AG erstellt. Er wurde von Commercial Publishing, der Unit für Content Marketing, die im Auftrag von 20 Minuten und Tamedia kommerzielle Inhalte produziert, für die Publikation aufbereitet, wobei die Haftung für Inhalte (Wort, Bild) und externe Links bei Everyman Health AG liegt.»

Es ist ein Teufelskreis. Wer weiss, dass sein Einkommen davon abhängig ist, muss fleissig dem Alkohol (oder gar verbotenen Substanzen) zusprechen. Das wiederum wirkt sich nicht positiv auf die Performance im Bett aus. Denn Heuchelei («heute habe ich wieder ein Zeichen gegen Sexismus und den Missbrauch von Frauen als Sexualobjekt gesetzt») funktioniert in einer Beziehung nicht lustfördernd.

Heuchelei macht auch die Leser nicht scharf, sondern turnt sie ab. Der Kampf gegen die Ausbeutung der Frau als williges Sexualobjekt wird schal, wenn solche absurde Versprechen ihn begleiten.

Das Problem ist: Der Journi mag es sich schöntrinken. Aber der Leser, mit oder ohne Erektionsproblemen, wendet sich angewidert ab und glaubt diesen Besserwissern, ausser in eigener Sache, kein Wort mehr. So erregt die auch formuliert sein mögen.

Einfach reich werden, Tipps für ein glückliches Leben, so gewinnen Sie garantiert in der Lotterie.Schlaffer Pimmel, kein Problem. Selbst bezahlte Jubelartikel über Feriendestinationen, garantiert wirksame Wässerchen und Salben, die Falten glätten und überhaupt verjüngen, Anpreisungen von Autos und anderen Produkten, die sich mit Inseraten erkenntlich zeigen: All das sind lässliche Sünden gegen diese Heuchelei.

 

Pimmel-Postille Tamedia

Es gibt Fake-Inserate, die via Google auf die Medienwebseiten gespült werden. Und dann gibt es «Sponsered».

Tamedia ist das Haus der Betroffenheit, der Woken, Guten und Sprachvergewaltiger mit Gender-Sternchen und anderem Pipifax. Hier wird inkludiert und achtsam verhindert, dass sich irgend ein Empfindsamer unwohl fühlen könnte.

Aber auch der Journalist muss von etwas leben. Also vermieten unfähige Verlagsmanager Werbeplätze an Google, wo dann auch Fake-Inserate erscheinen, die den Lesern das Geld aus der Tasche ziehen. Selber blöd, passiert doch den Abonnenten auch, die keine geldwerte Leistung bekommen.

Einen einsamen Höhepunkt (Pardon), sozusagen den gesteigerten Erektionswinkel, erreicht Tamedia aber hier:

Viagra und Penisverlängerung war gestern, jetzt gibt es die Fünf-Minuten-Lösung für den Ständer durch Everyman. Schlappschwänze erheben hoffnungsfroh die Eichel:

«Ein Schweizer Start-up bietet jetzt eine Online-Behandlung in nur fünf Minuten und überzeugt damit auch in der Investoren-Sendung «Die Höhle der Löwen»

Wenn das in dieser Qualitätssendung für Investmententscheide Wallungen auslöste, dann kann doch kein Zweifel bestehen, dass die Probleme von angeblich 50 Prozent aller Männer schnell gelöst werden können.

Die angeblichen Probleme von fast 50 Prozent aller Frauen, die am Arbeitsplatz und sonst wo von notgeilen Männern belästigt werden sollen, bleiben aber weiterhin ungelöst – wenn sie sich nicht verschärfen.

Schliesslich hätten es schon ganze 5000 begeisterte Bettversager benützt. Und rammeln wieder wie die Karnickel.

Dabei fehlt es nicht an begeisterten Testinonials:

««Ich habe meine Manneskraft wieder», berichtet Christian L., 42, erleichtert. «Ich muss nicht mehr darüber nachdenken, obs denn klappt. Diese Sicherheit zu haben, ist unbezahlbar. Meine Partnerin und ich geniessen jede Sekunde.»

Wunderbar für Christian L, so er denn existiert. Dass «Everyman» alles tut, um Propaganda für seine völlig uneigennützige Dienstleistung für Männer mit Pimmelproblemen zu machen: erlaubt und verständlich.

Dass sich Tamedia dazu hergibt, in täuschend ähnlicher Aufmachung wie ein redaktioneller Artikel eine solche Werbung tagelang auf der Homepage zu halten, ist das andere.

«Dieser werbliche Beitrag wurde von Everyman Health AG erstellt. Er wurde von Commercial Publishing, der Unit für Content Marketing, die im Auftrag von 20 Minuten und Tamedia kommerzielle Inhalte produziert, für die Publikation aufbereitet, wobei die Haftung für Inhalte (Wort, Bild) und externe Links bei Everyman Health AG liegt.»

Also Tamedia verdient am Inserat, verdient an der Herstellung und käme nie im Traum auf die Idee, den Inhalt kritisch zu hinterfragen, wie es die Aufgabe von Qualitätsjournalismus wäre. Die Haftung für Inhalte ist selbstverständlich ausgeschlossen, wie das auch bei eigenen Artikeln Gang und Gebe ist.

Die Schnur des Senkbleis beim Ausloten publizistischer Tiefen muss ein weiteres Mal verlängert werden.