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Wenn die Lüge zur Weltordnung gemacht wird

Dann wären aufklärende Medien und tapfere Journalisten gefragt.

Mit diesem Aufschrei endet Franz Kafkas «Prozess». Vielleicht erinnert sich der eine oder andere mit Restbildung.

Natürlich gab es noch nie in der Geschichte einen staatlichen Raubüberfall, der völlig unmaskiert und offen so bezeichnet wurde. Es wurde unablässig geholfen, befriedet, eingegriffen, dem Recht, der Moral, dem Anstand, der Sitte und überhaupt dem Weltfrieden gedient. Es wurde gelogen, dass sich die Balken biegen.

In diesem Sinne ist Donald Trump von erfrischender Offenheit. Er gewährte einem seiner Erzfeinde, der «New York Times», ein zweistündiges Interview. Obwohl er sie ständig beschimpft und für tot erklärt.

Aber item, er wurde gefragt, ob und wie und wodurch eigentlich sein Handeln als mächtigster Mensch der Welt begrenzt werde und ob es Grenzen für seine weltweiten Befugnisse gebe, beispielsweise durch internationale Gesetze oder Regeln. Seine Antworten muss man im Original und in der Übersetzung geniessen:

I don’t need international law. I’m not looking to hurt people.“
(„Ich brauche kein internationales Recht. Ich habe nicht vor, Menschen zu schaden.“)

Wie immer haut er hier einen raus und überlegt sich anschliessend, wie er das wieder einfangen und vernebeln kann. Also räumt er ein, dass sich auch die US-Regierung an internationales Recht halten müsse. Aber:

It depends what your definition of international law is.
(„Es hängt davon ab, was Ihre Definition von internationalem Recht ist.“)

Seine Definition ist sicherlich: internationales Recht ist, dass ich recht habe.

Also verwendet er seine Macht grenzenlos? Aber nein, es gibt da was:

Yeah, there is one thing. My own morality. My own mind. It’s the only thing that can stop me.“
(„Ja, es gibt eine Sache: Mein eigener Sinn für Moral, mein eigener Verstand. Das ist das Einzige, was mich stoppen kann.“)

Wenn der Sinn für Moral eines notorischen Lügners, Gauners und Mafioso mit starkem Hang zur hemmungslosen Selbstbereicherung das einzige ist, was ihn stoppen kann, dann gute Nacht.

Seine letzte offenkundige und geschmacklose Lüge: er behauptet, er habe das Video gesehen, dass die Ermordung von Renee Nicole Good durch einen ICE-Beamten zeigt. Das sei Notwehr gewesen, die Frau habe den Beamten nicht nur angefahren, sondern überfahren. Völliger Blödsinn.

Es wäre so interessant wie zwecklos, Trump zu fragen, was er denn eigentlich unter Moral versteht. Ob ihm der kategorische Imperativ von Kant ein Begriff sei (nein, das wäre nicht mal eine Scherzfrage).

Oder ob ihm der Unterschied zwischen Moral und Ethik bekannt ist. Oder ob er zustimmen würde, dass moralische Prinzipien einer regelbasierten Ordnung der letzte und einzige Schutzwall zwischen uns und Willkür, Faustrecht und Barbarei ist.

Nun gibt es sogenannte Pragmatiker, Realisten und Dummschwätzer, die behaupten, dass Appelle an moralische Prinzipien, das Völkerrecht oder das Einhalten von Regeln ja gut und schön sei. Dadurch fühle man sich sicherlich besser, aber man müsse doch einfach zur Kenntnis nehmen, dass das bloss zwecklose Appelle seien. Machtpolitik, die Machtpolitik einer Grossmacht habe sich noch nie daran gehalten.

Zunächst einmal machte ZACKBUM ein Kommentator auf dieses Gedicht von Erich Kästner aufmerksam:

Gesang zwischen den Stühlen

Zur Macht gelangt nur, wer die Macht begehrt
Ihm winkt sie zu. Ihm gibt sie dunkle Zeichen.
Und ihm befiehlt sie, eh sie ihm gehört:
«Stell unser Bett auf einen Berg von Leichen!»
Die Macht liebt den, der sie entehrt.
Denn sie ist eine Hure ohnegleichen.
Sie liebt die Mörder, und sie schläft mit Dieben.
Schaut in die Bücher! Dort stehts aufgeschrieben!

Das ist das eine mit der Macht. Das andere ist: all diese sogenannten Realisten und Pragmatiker haben natürlich völlig unrecht, sie sind lediglich denkfaule Opportunisten.

Denn vor nicht allzu langer Zeit gab es in Europa absolutistische Herrscher, gesalbte Könige und Kaiser, die sogar behaupteten, ihre allumfassende Macht sei ihnen von Gott höchstpersönlich verliehen worden. Und jedes Aufbegehren dagegen sei nicht nur sinnlos, nutzlos, zwecklos, sondern auch noch ein Verstoss gegen die göttliche Ordnung, der streng bestraft werden müsse.

Auch damals gab es flexible Pragmatiker, die behaupteten, dass das zwar nicht schön sei, aber eben die Realität, und da könne man nichts machen; Appelle an moralische oder andere Prinzipien seien zwar erhebend, aber völlig sinnlos.

Und siehe da, dann endeten sogar einige dieser absolutistischen Herrscher unter dem Fallbeil, wurde ihre allumfassende Macht in die Schranken gewiesen.

Trotz alledem. Hier wiederholt sich die Geschichte wieder und wieder.

Aber neben all den Jammerlappen im Journalismus, die ihre Wehwehchen und ihr Unwohlsein und ihr Leiden öffentlich und gutbezahlt ausführen: die Schar der Aufklärer und Kämpfer hat sich leider nicht vergrössert in den letzten 250 Jahren …

Erregungsmaschinen

These: die Menschen waren schon immer so dumm. Man hat’s nur weniger gemerkt.

Schon der grosse Egoshooter Immanuel Kant wusste:

Damit meinte er, dass auch Zwang, Erziehung, Beratung, gutes Zureden nicht wirklich nützen. Aber er konnte wenigstens eine Richtschnur definieren, die das menschliche Handeln bestimmen soll.

Davon gibt es verschiedene Versionen, die wohl universellste lautet:

«Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.»

Das ist unter dem etwas pathetischen Begriff «kategorischer Imperativ» in die Geschichte eingegangen. Mehr ist nicht, da Kant nicht zu Unrecht lange Jahre auf dem Index der für Katholiken verbotenen Bücher stand. Weil er Setzungen der Bibel oder angeblich geoffenbarte göttliche Worte dahin verwies, wo sie hingehören: ins Reich des Glaubens, des nicht rational Begründbaren.

Fällt das als Handlungsanleitungen weg, fehlt die unbezweifelbare Letztbegründung, muss akzeptiert werden, dass alles, was wir unter Moral, Ethik, Anstand, Sitte verstehen, höchstens einsichtige Konventionen sind.

Ethik als Sammlung von Aussagen über das gute und gerechte Handeln des Menschen; Moral als Summe der geltenden Normen und Regeln, Tugend als Fähigkeit der richtigen Abwägung zwischen gut und böse, richtig und falsch. Alles schöne Begriffsturnereien, aber letztlich ohne viel praktische Brauchbarkeit.

Ich kann, weil ich will, was ich muss

Knackiger ist die Formulierung: «Ich kann, weil ich will, was ich muss.» Die wird Kant zugeschrieben, nur: hat er so nie gesagt. Aber das hier wäre der wahre Steinbruch der Erkenntniserweiterung, das wären eigentlich Fragen, mit denen sich der Mensch, der nicht mehr alle Energie darauf verwenden muss, sich am Leben zu erhalten, beschäftigen könnte.

In den (wenigen) zivilisierten Gegenden der Welt ist der Aufwand zur Selbsterhaltung, vulgo Arbeit oder Wertschöpfung genannt, überschaubar geworden. Schon mit einer Halbtagsstelle kann man sich über Wasser halten; mit genügend Konsumverzicht. Das vor Betreibung geschützte Existenzminimum beträgt in der reichen Schweiz bescheidene Fr. 1200. Plus Krankenkasse und Wohnung.

Also Zeit wäre genug vorhanden, sich mit bewusstseinserweiternden Fragen zu beschäftigen. Nur: dafür ist das krumme Holz offenbar nicht gemacht. Freizeit löst bei vielen Menschen Panik aus, wenn sie nicht irgendwie gefüllt werden kann. Womit auch immer. Ablenkungen jeder Art, sozial Depravierte verlieren sich in Videospielen, andere versuchen es mit Hobbys oder übermässigem TV-Konsum.

Neu entwickelte Zeitvernichtungsmaschinen

Seit rund 15 Jahren gibt es aber vorher unbekannte Zeitvernichtungsmaschinen, die mit grossem manipulativen Geschick durch Dauererregung die Menschen in ihrem Räderwerk behalten. Sie heissen soziale Plattformen.

Sie arbeiten mit der Illusion, dass der Vereinzelte in Kontakt mit vielen Menschen stünde, eigentlich Zugang zu Milliarden von Nutzern hätte. Auf diese Weise nicht nur soziale Kontakte knüpfen und pflegen könne, sondern auch Gedanken und Ansichten austauschen, sich damit bereichern solle.

Trotz allen Beteuerungen war das natürlich niemals die Absicht der Erfinder von Facebook, Twitter, Instagram usw. Sie haben sich damit Profitgeneratoren geschaffen, die unvorstellbare Prozentsätze von Reingewinn ermöglichen. Beliebig skalierbar, das funktioniert bei 10 Millionen Nutzern genauso wie bei 100 Millionen, genauso wie bei einer Milliarde.

Gleichzeitig richten diese transnationalen Monster, die sowohl fiskalisch wie juristisch kaum zu fassen sind, unvorstellbare Schäden auf dem Gebiet der öffentlichen Auseinandersetzung an. Sie können manipulativ verwendet werden (Cambridge Analytica), sie werden zum Tummelfeld von Trollen, bösartigen Kampagnen, computergenerierten Bewegungen.

Verdumpfung der Debatte

Aber sie sorgen vor allem für eine Verrohung, Versimplung, Verdummung der Debatte. Wer sich daran gewöhnt hat, auf maximal 280 Zeichen eine Meinung zu formulieren, ist geistig auf das Niveau eines Dreijährigen zurückgefallen, womit keine aufgeweckten Dreijährigen beleidigt werden sollen.

Differenzierung, Diskursfähigkeit, das Erfassen komplexer Zusammenhänge, das Durchdringen komplexer Situationen, das Suchen nach adäquaten Erklärungen für interagierende Kraftfelder, in denen sich Gesellschaften normalerweise bewegen – all das übersteigt den geistigen Horizont der Teilnehmer.

Wer nicht spielsüchtig ist, wundert sich, wie Menschen stundenlang vor Slotmachines sitzen können und die unablässig mit Münzen füttern. Das liegt auch daran, dass diese Maschinen mit grosser Ingenieurskunst und psychologischen Beeinflussungsmechanismen so gebaut sind und funktionieren, dass alle Suchtmechanismen im Hirn getriggert werden.

Genau gleich sitzen Hunderte von Millionen von Menschen vor den Slotmachines der sozialen Plattformen. Und füttern sie unablässig mit ihren Daten, in der irrigen Annahme, dass die Benutzung gratis sei. Das funktioniert dann am besten, wenn sie in einen Erregungszustand versetzt und in ihm gehalten werden.

Soziale Plattform, aus der Sicht des Betreibers.

Dann greift die fundamentale Erkenntnis von Gustave Le Bon, die er in seiner Untersuchung über die «Psychologie der Massen» festgehalten hat. Bei Massenveranstaltungen sinkt der durchschnittliche IQ der Teilnehmer auf den der dümmsten.

Genau das geschieht hier, im 21. Jahrhundert. Das Ausmass der menschlichen Dummheit ist nicht grösser geworden. Allerdings auch nicht kleiner. Zudem viel hör- und sichtbarer.