Beiträge

Kevin, allein zum Graus

Ein gut gestarteter Jungredaktor schreibt sich ins Aus.

Vielleicht ist Kevin Brühlmann unser Lob in den Kopf gestiegen. Denn was er auf den Spuren des Kalten Kriegers und Linkenjägers Ernst Cincera aufdeckte, war ein selten gutes Stück Recherchierjournalismus.

Einen ersten Schwächeanfall erlitt Brühlmann allerdings, als auch er noch seinen völlig überflüssigen Senf zur Bührle-Sammlung im Kunsthaus Zürich abgeben musste. Was besser unter «mein liebes Tagebuch» vor der Öffentlichkeit verborgen geblieben wäre, ergoss sich in die Spalten des «Tages-Anzeiger».

Leider nahm Brühlmann dann den hier erfolgten Rüffel nicht zu Herzen. Denn diesmal ist’s ziemlich peinlich. Oberpeinlich, sogar. Denn Oberchefredaktor Arthur Rutishauser musste zusammen mit der Frühstücksdirektorin Priska Amstutz in die Tasten greifen. Co-Sub-Chef Mario Stäuble profitiert offenbar davon, dass ein Mann und eine Frau als Duo reichen.

Waren wieder erregte Tamedia-Frauen ausfällig geworden? Nein, es geht nur um eine einzige Frau. Beziehungsweise um ein Porträt der FDP-Stadtratskandidatin Sonja Rueff-Frenkel. Aus der Feder von Kevin, dem Grausamen. Ein Schlag ins Kontor, denn nun schreiben die beiden:

«Wir entschuldigen uns».

Seit dem üblen Stück Konzernjournalismus von Philipp Loser über den Konkurrenten Lebrument ist der Tagi nie mehr so zu Kreuze gekrochen:

«Im Artikel wurden ungewollt antisemitische Klischees bedient. … Wir bedauern den Schaden, der mit der Veröffentlichung möglicherweise entstanden ist. … In diesem Fall haben wir unsere Qualitätsstandards nicht eingehalten, und die Kontrollinstanzen, die diese sicherstellen, haben nicht funktioniert. … Für die Publikation des Artikels und die dadurch verletzten Gefühle möchten wir uns entschuldigen.»

Das ist mal eine ganze Arie. Fehlt nur noch, dass sich Rutishauser und Amstutz vor dem Tamedia-Glashaus das Haupt mit Asche bestreuen, sich die Kleider zerreissen und «Entschuldigung» im Duett singen.

In «Tachles» war die Welt noch in Ordnung.

Was ist denn passiert? Kevin Brühlmann hatte sich an einem Porträt der FDP-Frau versucht: «Sonja Rueff-Frenkel (FDP): Die Frau mit dem Spinnennetz» (hinter Bezahlschranke). Eigentlich Trivialjournalismus, Anfängerübung, was für Kindersoldaten. Einen Tag begleiten, ein paar Quotes abholen, ein paar szenische Beschreibungen, eine Prise Kritik, der Versuch einer Schlusspointe. Et voilà.

Wenn ein Redaktor Ziel und Mass verliert

Läuft in der Liga «ein Tag in der Suppenküche», «mit dem Sozialarbeiter auf der Gasse». Kann eigentlich nix schiefgehen. Ausser, der Journalist verwechselt seine Notizen mit einem fertigen Artikel. Daher rutschte ihm zum Beispiel dieser hier rein: «Sie war für die drei Kinder zuständig, die eine jüdische Privatschule besuchten; ein Schuljahr kostet zwischen 19’000 und 28’000 Franken. … Sie ernährt sich koscher und hält den Sabbat ein (im Wahlkampf macht sie Ausnahmen).»

Soweit, so überflüssig, aber noch okay. Allerdings hängt Kevin der Kritische noch ein Interview dran, in dem er eine merkwürdige Vorliebe für die Menstruation an den Tag legt. Genauer: «Frauen gelten unter Orthodoxen bei Beginn ihrer Menstruation als unrein und dürfen von ihren Ehemännern nicht berührt werden – wie passt diese unterdrückte Sexualität mit Gleichstellung zusammen

Die Menstruation gnadenlos nachgefragt

Rüegg-Frenkel antwortet leicht ausweichend: «Ich glaube nicht, dass sich orthodoxe Jüdinnen unterdrückt fühlen.» Aber Kevin Gnadenlos bleibt auf der Blutspur: «Und die Tatsache, dass Frauen als «unrein» gelten?» Sie antwortet mit gesundheitlichen Aspekten, aber Kevin ist nicht zufrieden: «Diese Vorschriften sind aber jahrhundertealt.»

Spätestens nach der zweiten Fragen muss man tatsächlich sagen, dass ein solcher Pipifax von religiösen Uraltsitten in einem Porträt einer Kandidatin für ein politisches Amt nichts zu suchen hat.

Da ist ungefähr so sinn- und geschmackvoll, wenn man einen CVP-, Pardon, «Mitte»-Kandidaten fragen würde, was er eigentlich vom biblischen Verbot der Onanie hält. Kann man machen, muss man nicht machen, sollte man bei einer Frage bewenden lassen.

Übertrainierter Jungspund

Das kommt halt davon, wenn sich ein Jungredaktor ein paar Dinge über die jüdische Religion zusammengoogelt und sich dann für einen gnadenlosen Hirsch hält, wenn er auf einer solchen Frage rumreitet.

Loser hat sein Stück Schmierenjournalismus (leider) unbeschadet überlebt und salbadert weiterhin von Journalisten, die doch eigentlich «Helden» seien. Ob Brühlmann diesen zweiten Flop in seiner noch jungen Karriere überlebt? Auf Bührle kindisch rumtrampeln, das war ja erlaubt. Aber die jüdische Religion dermassen anrempeln? Seine Chefs zu einem solchen Kotau zwingen?

Oder ist Brühlmann Fan hiervon?

Der eigentliche Skandal wird nur angedeutet

Auch zum Eingeständnis, dass mal wieder alle Kontrollmechanismen versagten? Denn eigentlich liegt hier der wahre Skandal verborgen. Dass ein Jungspund über die Stränge schlägt, ist doch verständlich. Dass aber in einem angeblichen Qualitätsorgan der Ressortleiter, der Tagesverantwortliche, der Blattmacher, der Produzent und schlussendlich die Doppelspitze in der Chefredaktion des Tagi, die nun wahrlich nicht viel zu tun hat, ausser gelegentlich einen dünnen Kommentar zu schreiben, das durchwinken, das ist peinlich.

Das sollte dem abgehalfterten Duo Amstutz/Stäuble mindestens eine Abmahnung eintragen. Mit dem Hinweis: nochmal so einer, und Ihr sucht Euch einen Job, dem ihr auch gewachsen seid.

Man darf ja träumen

Wo ist denn der Rücktritt?

«Blick» ballert weiter gegen den CS-Präsidenten. Gut so.

Materiell hat das Boulevardblatt seine Munitionskiste offenbar geleert. Da gibt es nur noch Rehash. Rückkehr aus London im Privatjet, damals zehntätige Quarantäne als Folge, aber nur drei Tage später muss der der Jetsetter schon weiter.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Mit Zwischenstopp in Europa, dann nach New York. Wichtige Sitzung des Verwaltungsrats. An der nehmen zwar auch andere per Zuschaltung teil, aber António Horta-Osório liebt offenbar den Geruch nach Kerosin und Wichtigkeit. Und wenn man schon auf Firmenkosten wichtig durch die Welt düsen darf, wieso nicht.

Besonders animiert dürfte der Bankenlenker allerdings nicht im Flieger gesessen haben. Im Gegenteil, er hatte Zeit, den Schaden zu betrachten, den seine Kommunikationsberater bereits angerichtet haben.

«Verghona» auf Portugiesisch. Aber nicht im Wortschatz eines Bankers.

Zunächst die Lachnummer, dass er nicht gewusst habe, was Quarantäne bedeute. Also man dürfe zwar sein Haus nicht verlassen, aber echt jetzt, nicht mal einen Privatjet darf man besteigen? Das müsste einem ja extra gesagt werden, wirklich wahr.

Darüber konnte sich der «Blick» schon im Aufmacherartikel lustig machen. Die Rücktrittsforderung einer Arbeitsethikerin steht auch schon im Raum. Was macht man da als Nachzug?

Bum-Bum-«Blick» verbeisst sich in den CS-Boss.

Gleich drei Kräfte wirft der wiederbelebte «Blick» am nächsten Tag in die Schlacht. Deren Aufgabenverteilung war klar. Einer kaut die bekannten Tatsachen nochmal durch. Der zweite bauchpinselt den «Blick» mit einem Blick auf die internationale Resonanz, die die Story gefunden hat. Von der FAZ über Bloomberg, Reuters  bis zur «Financial Times»: überall schüttelt man den Kopf über das Verhalten des Wichtigbankers, natürlich mit Erwähnung des Blatts, das die ganze Affäre publik gemacht hat.

Wie hält man die Story am Köcheln?

Aber nach der Story ist vor der Story, Ablecken der Lorbeeren und Wiederholung des Bekannten ist das eine. What’s next, wie der Ami so richtig sagt, wie geht’s denn nun weiter?

Da zeigt Lukas Hässig von «Inside Paradeplatz», wie man klotzt, nicht kleckert:

Auch im Text ballert er aus allen Rohren. Man habe bei der CS auf eine Wende gehofft, auf einen Aufräumer, aber:

«Nun haben sie einen Luftibus im Haus, der nicht weiss, wie blöd er tun soll. Wärs keine Tragödie, wärs zum Schiessen. Ein Frauenheld, ein Jet-Setter, ein Bullshit-Erzähler, der von Walk the Talk spricht und sich selbst kein bischen im Griff hat.»

Das nennt man volles Rohr. Etwas, einiges dezenter hält’s der «Blick». Er verbeisst sich in die Frage, wieso Horta-Osório behauptet, er habe «unwissentlich» gegen die Quarantäne verstossen. Schlussfolgerung: «Hätte er dabei zugeben, dass er wissentlich gegen die Quarantäne verstossen hatte, hätte er die Einleitung eines Enforcement-Verfahrens riskiert. Um seinen Kopf zu retten, blieb ihm gar nichts anderes übrig, als Nichtwissen als Grund für den Verstoss anzugeben.»

Kann man Horta-Osório zurücktreten?

Damit bezieht sich der «Blick» darauf, dass wir im Prinzip eine Überwachungsbehörde für den Finanzplatz haben. Allerdings hat die FINMA noch nie einen Grossen ernsthaft geärgert. Alle Schweinereien, die die CS bislang anstellte, hatten noch nie Sanktionen zur Folge, persönliche Konsequenzen. Obwohl die FINMA die sogenannte Gewähr entziehen kann, also die Lizenz zum Banking in höheren Kreisen. Und ohne diese Gewähr muss der Banker zurücktreten.

Nun ist es aber mit dem Rücktritt so eine Sache. Während jedes Geschäftsleitungsmitglied vom Verwaltungsrat gefeuert werden kann, ist es bei seinen Mitgliedern schwieriger. Das entschied schon den Machtkampf zwischen Tidjane Thiam und Urs Rohner. Der konnte feuern, konnte aber nicht gefeuert werden.

Schöne Sammlung des «Blick».

Das kann bei einem VR nur das Gremium, das ihn gewählt hat. Also die Generalversammlung der Aktionäre. Das ist noch nie geschehen bei einer Grossbank, und es wäre auch äusserst unwahrscheinlich, dass eine ausserordentliche Versammlung mit einem Traktandum einberufen würde und dann erst noch eine Mehrheit für Abschuss zustande käme.

Also befindet sich die CS in der ungemütlichen Lage, dass der VR seinen Präsidenten höchstens beknien kann, für das Ganze, für den Ruf, angesichts der Umstände, unter Verdankung der geleisteten Dienste («wir werden dann auch ausdrücklich unseren Respekt bekunden, gell António») – freiwillig zurückzutreten.

Rücktritt oder klammern: beides ist fatal

Auch das ist kitzlig. Denn ob Horta-Osório diesem Ansinnen folgen würde oder nicht: Was ist von einer Bank zu halten, in der ihr Präsident zum Rücktritt gedrängt wird? Oder was ist von einer Bank zu halten, deren Präsident sich an seinem Stuhl festklammert?

Da hat Hässig schon recht, er formuliert, was sich der «Blick» noch aufspart:

«Horta-Osório hat CS maximalen Schaden zugefügt.»

Man darf gespannt sein, ob spätestens der SoBli nachlegt. Der versemmelte ja seine Berichterstattung über den Ex-VRP von Raiffeisen. Da wäre Wiedergutmachung gefragt. Und natürlich hofft jeder der wenigen verbliebenen Chefredaktoren in der Schweiz darauf, den Blattschuss ansetzen zu können.

Ach, und wieso hat eigentlich der CS-Boss diese Dummheit begangen? Dafür muss man kein Diplompsychologe sein. Weil er’s kann. Weil er sich zu wichtig nimmt. Weil er annahm, dass das sowieso nicht rauskommt. Weil er den möglichen Schaden völlig falsch einschätzte.

Oder ganz einfach: weil er ein Banker ist.

 

 

 

Sorry, sorry, so sorry

CH Media entschuldigen sich. Wieder und wieder. Und nochmal.

Die journalistische Leiter nach unten bei CH Media hat endlich eine Lebensaufgabe gefunden. Pascal Hollenstein entschuldigt sich: «Wir haben korrigiert und um Verzeihung gebeten. Jetzt tun wir es noch einmal. In der Hoffnung, auf Gnade zu stossen.»

Himmels willen, was ist denn passiert? «Diese Grossmutter wird neue Chefin der Welthandelsorganisation», der Titel über einen Bericht über Ngozi Okonjo-Iweala. Nun ist die Dame schwarz, weiblich und stammt aus Nigeria. Drei Gründe, wieso das keine gute Idee war.

Es ergoss sich der übliche und sogar internationale Shitstorm über das Wanner-Imperium. Inklusive eines geharnischten Briefs von über 100 WTO-Diplomaten.

Hollenstein waltete das erste Mal seines Amtes: «Es tut uns Leid.» Auf Twitter und gedruckt entschuldigte man sich eins ums andere Mal. Und hoffte, damit die Affäre aus der Welt geschafft zu haben.

Aber, hoffentlich gibt das keinen Shitstorm, Okonjo-Iweala ist offenbar nachtragend. Nachdem das alles Ende Februar erledigt schien, engagierte sie kürzlich einen Genfer Anwalt, der nochmals eine Entschuldigungsorgie verlangte.

Es ist offenbar so, dass die WTO keine sonstigen Probleme als die Bezeichnung ihrer Chefin als Grosi hätte. Also machte CH Media das, was man schon gelenkig kann. Man veröffentlichte einen ellenlange Eloge auf die Leistungen der Dame – und entschuldigte sich nochmal.

Wir finden: das könnte Hollenstein doch einmal die Woche machen. Einfach so. Andere Institutionen halten sich einen Grüss-August oder einen Mann am Fenster. CH Media hat seinen Sorry-Hollenstein.

Es darf gelacht werden: ´tschuldigung von Tamedia!

Der Nebel bleibt grau, aber in dieser neuen Rubrik lacht nicht nur die Sonne. Denn ohne Lächerlichkeit kommt man schlecht durchs Leben.

 

Was Mutti Merkel kann, sollte Papi Supino auch können. Fehler passieren; aber man muss dazu stehen.

Zudem geht das heutzutage ganz einfach, tut nicht weh, der Aufwand hält sich auch in überschaubaren Grenzen. Ein beauftragter Tagi-Dödel ruft «spontan» zu einer Twitter-Aktion auf. Hashtag «’tschuldigung von Herzen».

Jeder, der lustig ist drauf und/oder Arbeitsplatzsicherung betreiben will, nimmt einen Pappkarton (aber bitte mit deutlich sichtbarem Rezyklier-Stempel). Darauf malt er (auch Damen sind herzlich eingeladen) «#’tschuldigung von Herzen». Darunter gilt freie Wahl.

«An alle mutigen Tamedia-Frauen.» – «An alle gendergequälten Leser.» – «An meine Vorgesetzten, weil ich so faul bin.» – «An die Klomitbenutzer; ich habe mal wieder die Brille hochgeklappt.» – «An meine Nachbarn. Nach dem Inhalieren verbotener Substanzen wurde es etwas laut.» – «An alle Opfer meiner Verleumdungsartikel.» – «An die von mir gewerbsmässig vergewaltigte deutsche Sprache.» – «An meine Frau, ich kann einfach nicht treu sein.» – «An alle zu Unrecht als Schweine verdächtigten Männer.» – «An meine Mutter, sie hatte es nicht leicht mit mir.» – «An Pietro Supino und alle Aktionäre; ich werde mir mehr Mühe geben.»

Warum ein gutes Werk nicht mit einem zweiten verbinden?

Man sieht, an Themen mangelt es nicht. Verzierungen mit Herzchen, Blümchen, anderen dekorativen Elementen sind sehr willkommen. Man kann die Gelegenheit auch benützen, um für milde Spenden zu bitten. Für den Unterstützungsfonds für klitorisbeschnittene Frauen. Für die Erforschung dieser uralten Tradition, der mit Respekt und ohne kulturelle Arroganz zu begegnen ist. Für das Recht der Frau, sich so zu kleiden, wie sie möchte.

Oder, man will einheimisches Schaffen fördern. Da drängen sich «netzpigcock.ch» oder «SägsWiesisch.ch» auf. Natürlich gibt es auch genügend Plattformen und Anlaufstellen für Männer, die endlich das Schwein in sich abmurksen wollen. Muslimische und jüdische Gläubige haben es einfacher; die nehmen so was nicht mal in den Mund.

Aber zurück zu Ta’tschuldigung. Ein ganz wichtiges Thema muss auch die Inklusion sein. Falls es wirklich noch jemanden geben sollte, der dieses Wort nicht kennt: ja, das wurde ursprünglich in der Mengenlehre und der Mineralogie verwendet. Dann sagte man «soziale Inklusion» und meint heute ohne sozial, dass Menschen jeglicher Art, vor allem auch beeinträchtigte oder behinderte, nicht an der Teilhabe ausgeschlossen werden sollen.

Nein, damit wird natürlich nicht gesagt, dass Frauen beeinträchtigt oder behindert seien. Und Teilhabe bedeutet, dass auch Einbeinige bei Wettbewerben im Arschtreten teilnehmen dürfen, dass auch Blinde bei Modefarben mitentscheiden können.

Denn die Ausgrenzung wird immer mehr als Grundübel unserer modernen Gesellschaft erkannt. Knapp gefolgt von Menschenrechten für Tiere. Das Problem ist, dass jeder Mensch einzigartig ist wie eine Schneeflocke. Im Gegensatz zur Schneeflocke sollte er sich dessen auch bewusst werden. Sich also nicht mehr durch Gemeinsamkeiten identifizieren, durch Zugehörigkeit, durch Interessensgleichheit.

Ausgrenzungen als Opfer sind identitätsstiftend

Das ist ganz old school, dunkle Vergangenheit, als ein Arbeitnehmer, ob schwul, schwarz, Frau, Analphabet oder Wissenschaftler, sich als Mitglied einer Gruppe sah und von Arbeitgebern abgrenzte, aufgrund unterschiedlicher Interessenlage. Heute gilt es für jeden, sich durch multiple Abgrenzungen zu vereinzeln und dadurch seine Identität zu finden.

Sinn der Sache? Na, logisch: umso einzigartiger, desto häufiger Opfer von Ausgrenzung, Diskriminierung, alleine schon durch Nicht-Erwähnung. So viele Gender-Sternchen gibt’s im Firmament nicht, wie eigentlich nötig wären, um jegliche Verletzung durch Ignorieren zu vermeiden.

Wem also sonst nichts einfällt bei dieser Aktion, der kann um den Hashtag #’tschuldigung den ganzen freien Platz mit Sternchen ausfüllen. Aber dicht an dicht bitte. Die Gegelegenheit für Chefredaktion und Geschäftsleitung, ihrer eigene Betroffenheit nicht nur durch eine simple Teilnahme Ausdruck zu verleihen. Sondern indem sie einen Wettbewerb auslobt, wer am meisten Ausgrenzungen aufzählen kann.

Alleine die Genderlatte (pardon für den Ausdruck) liegt schon bei rund 165. Damit sind lediglich sexuelle Orientierungen ausdifferenziert. Da kommt also noch eine ganze Latte (schon wieder Pardon) obendrauf.

Und Hand aufs Herz, ist doch einfacher und harmloser als die vollbescheuerte Ice-bucket-Challenge, oder nicht? Und bei der hat doch auch fast jeder Depp mitgemacht. Letzter lustiger Einfall: da wir ja im Zeitalter der Verurteilung via Mob und Masse angekommen sind: alle Teilnehmer dürfen voten, wer diese ehrenhafte Aufgabe am schlechtesten erledigt hat. Vielleicht sogar durch einen völlig unangemessenen blöden Spruch auffiel.

Ja, das ist der Ex-CEO der grossen UBS.

Die ersten 10 müssen dann das mit dem Eiskübel wiederholen. Aber vor Zeugen und so. Beifang, wie der moderne Manager sagt: völlig ausgelastet durch diesen Schwachsinn füllt Tamedia seine Blätter ausschliesslich mit Agenturmeldungen und Berichten aus Münchner Biergärten. Weiterer Beifang: dadurch geht die Zahl der Neuabonnenten durch die Decke.

Schreckhafte Tamedia

Von wem lässt sich das Medienhaus eigentlich einschüchtern?

Es ist doch ein männliches Vorurteil, dass Frauen beim Anblick einer Maus, Spinne oder sonstigen Getiers mit Schreckensschreien auf den nächsten Tisch springen.

Es heisst die Tamedia, ob das die Ähnlichkeiten erklärt? Da wenden sich 78 Mitarbeiterinnen an die Chefredaktionen und die Geschäftsleitung und beklagen eine fürchterliche, männlich dominierte Arbeitsatmosphäre. Gemischt mit Drohungen «wollen das nicht länger hinnehmen» und einem Ultimatum – bis 1. Mai sollte da was passieren.

Dann werden noch 61 Beispiele von verbalen Übergriffen, männlichem Überlegenheitsgehabe und Diskriminierung aufgeführt. Leider alle anonym, und die extra dafür eingerichtete Stelle bekam im ganzen 2020 keine einzige Beschwerde.

Um der Sache noch mehr Schub zu geben, wurde das Schreiben – ohne dass alle Unterzeichneten um Erlaubnis gefragt wurden – via Jolanda Spiess-Hegglin an die Öffentlichkeit gespült. In der berechtigten Hoffnung, dass nun aber was passieren werde.

Es gab wie gewünscht Zuspruch aller Orten

In der Tat; innerhalb und ausserhalb von Tamedia gab es Solidaritätsbekundungen, aufmunternden Zuspruch, weitere Unterschriften, auch von Männern. Obwohl die in der Klageschrift ausschliesslich als Täter, Frauen ausschliesslich als Opfer vorkommen.

Wenn so etwas zur welterschütternden News im Wasserglas der sich selber viel zu wichtig nehmenden Medien wird, packt auch «10 vor 10» alles aus, was es für einen «Schwerpunkt» braucht. Das passt ja wunderbar, dachte sich die Redaktion, Tag der Frau, und dann dieses Geschenk.

Seither ist die Initiantin Salome Müller in die Ferien abgeschwirrt, ihre Sekundantin Aleksandra Hiltmann hält derweil die Stellung. In welche Hände sich die übrigen 76 Unterzeichner begegeben haben, illustriert wohl diese «Bravo»-Posterwand aus dem Mädchenzimmer einer Pubertierenden:

Gesellschaftliches Problem oder reine Eitelkeit?

Oh, Pardon, nein, das hat Hiltmann zusammengestückelt, und Salome Müller verbreitet es auch voller Stolz. Wir! Beide! Im Schweizer Farbfernsehen! Unfassbar, unglaublich, ein Traum geht in Erfüllung. Wir sind schon dabei, Autogrammkarten zu gestalten, natürlich in Violett.

Wieso hat auch Claudia Blumer unterschrieben?

Die Dritte im Bunde ist Claudia Blumer, deren Unterschrift eigentlich so viel Aufmerksamkeit erregt hat wie die Abwesenheit der Unterschriften von Bettina Weber oder Michèle Binswanger. Aber auch das lässt sich durch Freundschaftsbande erklären, so moderierte Blumer die Buchpräsentation von Müllers «Love, Pa. Briefe an meinen Vater». Alle sollen 2018 dabei gerührt gewesen sein, kurze Schreiben an den vor Jahren verstorbenen Vater, literarisches Neuland.

Und wie reagiert die Spitze des Hauses Tamedia? Sie senkt den Kopf, gibt sich «betroffen», ortet ein Problem, will den Vorwürfen auf den Grund gehen. Oberchefredaktor Arthur Rutishauser erfindet sogar extra die präventive Entschuldigung. Bevor die Mitunterzeichnerin und mit der Abklärung beauftragte Claudia Blumer überhaupt ihre Tätigkeit in eigener Sache aufgenommen hat, entschuldigt sich Rutishauser bereits bei allen Betroffenen.

Priska Amstutz Seite an Seite mit ihrem Chef

Das gleicht wirklich dem männlichen Zerrbild des weiblichen Erschreckens beim Anblick einer Maus. Die amtierende degradierte Co-Chefredaktorin Priska Amstutz schreibt Seite an Seite mit Rutishauser einen Kotau «In eigener Sache», wogegen das Sich-in-den-Staub-Werfen am Königshof stümperhaft wirkt.

Interessant ist auch die Reaktion der einzig weiteren weiblichen Chefredaktoren. Judith Wittwer, die vielleicht die von Rutishauser geforderte weibliche Perspektive nicht so richtig durchsetzen konnte, ist längst nach München abgeschwirrt – und sagt nichts. Dann hätten wir noch Esther Girsberger, auch eine grosse Kämpferin gegen die Unterdrückung von Frauen und die allererste Chefredaktorin im Hause Tages-Anzeiger. Sie sagt – nichts.

Ebenso wenig der amtierende und gern kommentierende männliche Reserve-Co-Chefredaktor Mario Stäuble. Salome Müller verfügt inzwischen über einen sehr aufgeräumten Account bei den sozialen Medien. Facebook, Twitter, fast leer. Nur Instagram scheint es den beiden Damen noch angetan zu haben.

Aber während noch willfährige Männer ihre frauenfreundliche Seite entdecken, Berufs-Feminist Hansi Voigt noch etwas durch Internet tigert, ist zum Beispiel Spiess-Hegglin, die sonst wirklich nichts auslässt beim Twittern, erstaunlich ruhig geworden.

Den angeblichen Gewinn, den Hansi Voigt auf abenteuerliche eine Million geschätzt hat.

Auch Blumer, nachdem sie den Fehler machte, in Schawinskis «Doppelpunkt» zu gehen und dort nach allen Regeln der Kunst, höflich, anständig, aber gnadenlos in Einzelteile zerlegt wurde, bleibt eher ruhig.

Inzwischen geht’s langsam zur Sache

Das mag wohl daran liegen, dass es nach dem ersten Geschrei nun zur Sache geht. Welche Vorwürfe werden genau erhoben; wer war beteiligt? In welchem Zeitraum? Warum wurde die interne Beschwerdestelle kein einziges Mal angerufen? Warum wurde das Schreiben an die Öffentlichkeit gebracht; wie viele der Unterzeichneten waren damit einverstanden? Und wie viele nicht, oder wurden gar nicht um ihre Meinung gefragt?

Auf der anderen Seite: wie soll sich jetzt noch ein männlicher Vorgesetzter trauen, einen Scheiss-Text von Salome Müller auch öffentlich scheisse zu finden? Wie sollen Themen wie Frisuren, Kinder, Autos, Haarausfall oder Menopause zukünftig abgehandelt werden? Was soll der Vorgesetzte sagen, wenn er auf seine Kritik die Antwort kriegt: Klar, du als Mann verstehst eben meine weibliche Art zu schreiben nicht?

Was ist überhaupt vom Management eines grossen Medienkonzerns zu halten, das sich von ein paar weiblichen Mitarbeitern dermassen ins Boxhorn jagen lässt? Wegen des Zeitgeists? Also wirklich, man will diesen Frauen einfach erlauben, ohne die geringsten Beweise oder Indizien Tamedia schweren Reputationsschaden zuzufügen? Ohne diese Geschäftsschädigung, diesen eklatanten Verstoss gegen Treu und Glauben zu ahnden?

Was für ein hilfloser Haufen von …, aber nein, dass könnte die eine oder andere Leserin beschädigen, und das will niemand.

Neuer Monat, gleicher Depp

CH Media versucht sich in Krisenbewältigung. Dilettantisch, viel zu spät, viel zu wenig. Mit katastrophalen Folgen.

Man sollte meinen, einer der beiden Konzerne, der ungefähr die Hälfte aller Deutschschweizer Tageszeitungen als Kopfblätter herausgibt, sollte in eigener Sache genügend Könner und Kenntnisse auffahren können.

In der Zentralredaktion in Aarau stehen sich weiterhin zu viele Redaktoren auf den Füssen, die jeweiligen Lokalredaktionen der Kopfblätter werden krankgeschrumpft. Es ist eher selten, dass CH Media internationale Schlagzeilen macht oder sich der Aufmerksamkeit von über 100 Botschaftern und Leitern internationaler Organisationen in Genf erfreut.

Die reine Freude ist es allerdings nicht. Am 9. Februar veröffentlichte CH Media einen Artikel über die neue Chefin der Welthandelsorganisation (WTO) mit Sitz in Genf. Durch das Kopfblatt-System erschien der online und im Print, von der «Aargauer Zeitung» bis zum St. Galler «Tagblatt» über die gesamte Deutschschweiz verstreut.

Der launige Titel störte im ganzen Produktionsprozess keinen:

Das rauschte durch alle Kontrollinstanzen.

Einige Leser allerdings schon; auch normalerweise nicht vom Genderwahn befallene Konsumenten fragten sich, ob «Grossmutter» wirklich die passende Qualifikation für die erste schwarze Frau an der Spitze der WTO sei. Vor allem, weil die eine beeindruckende Ausbildung – unter anderem am MIT – und eine langjährige Karriere als Ministerin hinter sich hatte.

Eigentlich ist die Verantwortlichkeit klar geregelt

Hierarchisch sieht die Verantwortlichkeit dafür ganz einfach aus. Es gibt den Autor Jan Dirk Herbermann, den hier zuständigen Ausland-Chef Samuel Schumacher, darüber den Oberchefredaktor Patrik Müller und schliesslich den «publizistischen Leiter» Pascal Hollenstein.

Dazu muss man wissen, dass das gesamte Auslandressort im Wanner-Imperium aus haargenau zwei Redaktoren besteht. Was natürlich für einen Häuptling und einen Indianer reicht. Der Autor schickte seinen Artikel aus Genf nach Aarau. Wie es sich heutzutage gehört mit Titel. Der lautete: «Zum ersten Mal gelangt eine Afrikanerin an die Spitze der WTO». Denn Herbermann ist seit einigen Jahren für diverse Abnehmer Berichterstatter über internationale Organisationen in Genf und weiss, was er schreibt.

Das erschien den Blattmachern offensichtlich etwas zu schlapp; wahrscheinlich hatten sie zuvor zu viel «watson» angeglotzt. Also machten sie aus der Afrikanerin eine «Grossmutter». Da die gleiche Sauce überall erscheint, kann man davon ausgehen, dass der Blattmacher, der Ressortleiter, der Chefredaktor (bzw. wenn ferienabwesend sein Stellvertreter) und wohl auch der «publizistische Leiter» Inhalt und Titel zur Kenntnis nimmt.

In diesem Fall offensichtlich auch abnickt. Kleines Sahnehäubchen nebenbei: «Wir informierten den Autor des Artikels nicht über die neue Schlagzeile.» Der arme Herbermann dürfte sich kräftig geärgert haben, dass er bis zu diesem Eingeständnis 18 Tage nach Publikation kräftig für diese Schweinerei geprügelt wurde. Nun können Fehler überall und immer passieren, vor allem im Tagesjournalismus gibt es keine Perfektion.

Fehler passieren, aber wie geht man damit um?

Dann wird aber wichtig, wie man mit Fehlern umgeht. Als sich unter den Lesern ein kleiner Shitstorm zusammenbraute, quetschte Hollenstein gegenüber der Branchenplattform persoenlich.com ein «es tut uns Leid» raus und beschwichtigte, dass man den Titel online inzwischen korrigiert habe, sei keine Absicht gewesen.

Damit meinte CH Media offenbar, die Sache erledigt zu haben. Man liess den Leserbriefschreiber etwas fäusteln und rang sich zudem am 11. Februar ein «Unglücklicher Titel beim Porträt über WTO-Chefin» ab. Der sei «ungeschickt» gewählt worden, wofür «wir uns entschuldigen möchten». Gezeichnet war die knappe Mitteilung von «sas», also dem Auslandchef Samuel Schumacher. Aber weiterhin wurde nicht klargestellt, dass der Autor den Titel nicht zu verantworten hatte.

Fall erledigt, meinte man offenbar, Hollenstein und Müller duellierten sich über Für und Wider beim Burka-Verbot, man kommentierte, forderte, erteilte Betragensnoten und rückte dies und das zurecht, business as usual.

Wenn nochmals der Blitz einschlägt

Dann schlug aber nochmal der Blitz ein; angeführt von der österreichischen Uno-Botschafterin und letztjährigen Präsidentin des Uno-Menschenrechtsrats beschwerten sich 124 Botschafter und Leiter internationaler Organisationen über die «abwertende und herabsetzende» Beschreibung. Natürlich wurde dieses Schreiben auf Twitter veröffentlicht und dafür gesorgt, dass es die SDA in die Runde warf.

Neue Runde Arschtreten bei CH Media, wieder traf es den Auslandchef, der am 26. Februar, also über zwei Wochen nach Erscheinen des Artikels, mit einem «Communiqué»  erneut zu Kreuze kriechen musste. Auf Englisch, um das Internationale zu betonen. Nach den ersten verkniffenen, knappen und ungenügenden Erklärungen musste er nun richtig in die Harfe greifen:

Neuer Versuch, offensichtlich hatte der Autor kräftig interveniert.

Der Titel sei «unangemessen und ungeeignet» gewesen, «wir entschuldigen uns». Zudem wird klargestellt, dass der Autor einen anderen Titel vorgeschlagen hatte und nicht über diesen Ausrutscher informiert wurde.

Zu wenig, zu spät, nur scheibchenweise

Konsequent dem nachgelebt, was man in einer Krise auf keinen Fall machen sollte:

zu wenig, zu langsam, zu spät reagieren. Rumeiern. Die Verantwortung nach unten durchreichen.

Möglichst die Sache kleinhalten, reagieren statt agieren, nur unter Druck scheibchenweise einräumen, eingestehen, sich entschuldigen.

Aber der Fisch stinkt vom Kopf. So etwas – was denn sonst – müsste von einem publizistischen Leiter geregelt werden. Dafür steht er schliesslich direkt unter dem Verleger und oberhalb der Chefredaktion im Impressum. Insbesondere, wenn man wie Hollenstein so gerne Betragensnoten vom hohen moralischen Ross verteilt, mit dem Zeigefinger fuchtelnd – natürlich bei anderen – kritisiert, zensiert, falsch und richtig, gut und böse sauber unterscheidet. Schon alleine deswegen, weil ein publizistischer Leiter Vorbild sein sollte. Den anderen zeigen, wie man das macht. Vorbild ist Hollenstein allerdings. Aber dafür, wie man’s ganz sicher nicht machen sollte.

Ringier entschuldigt sich!

«Wir wollen uns trotzdem entschuldigen bei Jolanda Spiess-Hegglin.»

In einer Medienmitteilung nimmt es der CEO der Ringier AG selbst auf sich, sich im Namen der gesamten Ringier AG, der «Blick»-Redaktion und auch im Namen des Chefredaktors Christian Dorer, zu entschuldigen.

Marc Walder schreibt weiter, dass es zwar nicht die Absicht gewesen sei, aber Spiess-Hegglin durch die Berichterstattung «verletzt wurde». Und obwohl das Gericht in beiden Instanzen ihre Forderung nach einer Entschuldigung ablehnte, tue das nun der Verlag freiwillig.

Walder ist sich im Klaren: «Jolanda Spiess-Hegglin wird die Klagen gegen Ringier weiterführen und aufgrund dieser Zeilen nicht fallen lassen. Das ist auch nicht die Absicht, die wir mit dieser Entschuldigung verfolgen.»

Natürlich könne Ringier das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, sagt Walder abschliessend: «Wir können aber Tag für Tag dazuzulernen und immer und immer wieder versuchen, es besser zu machen.»

Eine aufrichtige Entschuldigung

Diese «aufrichtige Entschuldigung» kontrastiert deutlich mit den Kommentaren, die Spiess-Hegglin gegenüber ihrem Sprachrohr Pascal Hollenstein, dem publizistischen Leiter der CH Media, abgegeben hat.

Sie sind schon vor Ablauf der Sperrfrist bekannt geworden, weil sich das journalistische Aushängeschild Peter Wanners nicht daran gehalten hat. So flackert sein Artikel «Jolanda Spiess-Hegglin gewinnt gegen den «Blick» seit Sonntagmorgen immer wieder durch die vielen Kopfblätter von CH Media. Um dann wieder gelöscht zu werden und anderswo aufzutauchen.

So steht beispielsweise in der «Luzerner Zeitung» seit Montagmorgen, 5 Uhr, der Verweis auf diesen Artikel online. Der Artikel selbst aber nicht. Zum zumindest unanständigen Brechen einer gerichtlich festgelegten Sperrfrist kommt also noch Unfähigkeit hinzu:

In diesem an Parteilichkeit nicht zu überbietenden Machwerk darf sich Spiess-Hegglin natürlich, im Gegensatz zu Ringier, zum Urteil äussern:

«Das Urteil zur Persönlichkeitsverletzung könnte nicht deutlicher sein», sagt Spiess-Hegglin. «Ich bin so froh, dass ich das durchgezogen habe. Wir haben nun eine perfekte Grundlage für alles, was noch kommen wird.» Sie bedauere lediglich, dass sich Ringier, die Herausgeberin des «Blick», nicht «freiwillig und ohne Bedingung bei mir und meiner Familie entschuldigen kann», fügt Spiess-Hegglin an.»

Das kommt davon …

Das kommt halt davon, wenn man sich mit einer Partei in einem Rechtsstreit gemein macht. Eine Todsünde für jeden seriösen Journalisten. Vor allem dann, wenn er auf der Jagd nach einem Primeur schon 24 Stunden vor Ablauf der Sperrfrist damit herausplatzt.

Dann gesellt sich zu fehlendem Anstand, zu Inkompetenz auch noch die Peinlichkeit, dass Hollenstein das Bedauern kolportiert, dass sich Ringier nicht entschuldigen könne. Das nennt man noch eine Bauchlandung zu allem zu.

Peinlich, bis der Arzt kommt

Das ist von einer Peinlichkeit, dass es weh tut. Nobel hingegen muss man die Entschuldigung des Hauses Ringier nennen. Auch deswegen, weil CEO Walder klarstellt, dass er mit weiteren Klagen von Spiess-Hegglin rechne und diese mit seiner Entschuldigung auch gar nicht verhindern wolle.

Da liegt nun der Ball bei Spiess-Hegglin, ob sie trotz erfolgter Entschuldigung weiterhin glaubt, eine «perfekte Grundlage» für alles zu haben, was noch komme. Der mehrfach gescheiterte Online-Guru Hansi Voigt will für Spiess-Hegglin ausgerechnet haben, dass Ringier mit allen Klicks auf Online-Artikel zum Thema «mehr als eine Million Franken Gewinn» gemacht habe.

Geht es ums Geld oder nicht?

Darauf will Spiess-Hegglin offenbar zukünftige Forderungen auf Gewinnherausgabe stützen. Andererseits hat sie immer betont, dass es ihr nicht um Geld gehe, sondern darum, dass Ringier sein Fehlverhalten eingestehe und bereue. Nachdem das der Verlag getan hat, ist nun die Frage, ob Spiess-Hegglin auch einlenkt. Oder ob sie die Honorarforderungen ihrer Anwältin dazu zwingen, weiterzuprozessieren.

«Ist das so korrekt?»

Premiere im «Schweizer Journalist»: Der Chefredaktor verunglimpft einen Medienschaffenden

Und muss sich dafür im Blatt entschuldigen. Eine Nachlese.

 Am 10. Februar hatte David Sieber ein Problem. Der ziemlich neue Chefredaktor des «Schweizer Journalisten» hatte fast alle Artikel für die erste Nummer von 2020 zusammen. Ein Porträt über die Politikchefin beim Blick, eine Geschichte über eine Journalistin auf Weltreise und ein paar alte Kamellen über Beförderungen. Sachen, die in einem Branchenblatt halt so vorkommen. Was dem 57-Jährigen noch fehlte, war eine spannende Geschichte für das 15 Franken teure Heft.

Sieber setzte sich am Nachmittag des 10. Februars nochmals an den Rechner hin und schrieb eine E-Mail an Philipp Gut, Ex- stellvertretender Chefredaktor der Weltwoche. Er habe vernommen, so Sieber, dass der Grund für Guts Abgang bei der Weltwoche ein Verhältnis mit Köppels Sekretärin sei. «Ist das so korrekt?» Eine Deadline fehlte. Gut antwortet ihm am 13. Februar, um 12:41 Uhr: «kompletter Unsinn.»

Die Geschichte war klinisch gesehen also tot. Moralisch gesehen, schon früher. Niemand interessiert sich ernsthaft dafür, ob zum Beispiel die Mutter von David Sieber Sex mit dem Gärtner hatte oder nicht. Man nennt so etwas altmodisch «Privatsphäre».

Leider zu spät

Sieber antwortete Gut: «Danke. Leider sind Sie zu spät. Das Heft ist gedruckt, das Gerücht drin, inkl. Köppels Dementi.» In der Nummer 1/2020 frotzelte dann Sieber alias «Dr. Media» genüsslich, dass nicht nur Gut, sondern auch die Sekretärin entlassen worden seien. Der Haken: Die Sekretärin arbeitete zu diesem Zeitpunkt weiterhin bei der «Weltwoche».

Zackbum wollte von Sieber wissen, wann die Antwort von Gut hätte erscheinen müssen, um das Fiasko zu verhindern. Drei Stunden früher, so Sieber. Wahrscheinlich stimmt das auch nicht. Sieber hätte den Artikel verhindern können. Wie sehr er das wollte, ist eine andere Geschichte. Das Heft wurde erst am 14. Februar gedruckt. Sieber hätte den Artikel darum problemlos verhindern können, indem er die entsprechende Druckseite ausgewechselt hätte.

«Da ist mir der Gaul durchgegangen.»

Gut verlangte ein Dementi in der nächsten Nummer. Sieber realisierte langsam, dass er Blödsinn gemacht hat. «Da ist mir der Gaul durchgegangen», schreibt er Gut. In der nächsten Nummer erscheine das Dementi, verspricht er ihm. In der Nummer 2/2020 steht aber nichts. Sieber rechtfertigt sich gegenüber Gut. Wegen der «internationalisierten» Nummer von 2/2020 sei das Korrigenda nicht erschienen. «Ich hätte Sie informieren müssen, was mir leider unterging.»

Fake News sind überall

Gut hatte langsam die Faxen satt. Er wendet sich an den Presserat und nimmt einen Anwalt. Und nun geht alles plötzlich schnell. Man findet einen Kompromiss: Gut lässt die Beschwerde fallen, Sieber frisst dafür Kreide. In der Nummer 3/2020 entschuldigt er sich «in aller Form für die Falschmeldung».

Das Ganze wirft aber ein schiefes Licht auf den Chefredaktor des «Schweizer Journalisten» und ehemaliges Mitglied des Stiftungsratsausschusses des Schweizer Presserates. In einem Interview antwortete er auf die etwas dämliche Frage, ob Fake News eine Gefahr oder eine Chance für die Medien darstellten, mit «Eine Gefahr. Weil Medien immer mal wieder auch Fake-News-Lieferanten sind. Leider.» Ja, leider.