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Zahlen zählen

Messen wir die Bedeutung von News an Zahlen und an Bärfüssen.

Fangen wir mit dem Naheliegenden an. Das Qualitätsorgan Tamedia und der ESC. Aktuell auf der Homepage zählen wir mal 3 Artikel zum ESC-Event in der Schweiz. Plus weitere 8 Artikel zum Nullthema Nemo. Also insgesamt 11. Vorläufiger Rekord.

Wir verleihen einen Bärfuss. Was das ist? Kommt noch.

Als nächstes Grossereignis zählen wir 5 Artikel über den vergangenen Muttertag. Aber ist nicht jeder Tag Muttertag? Wenn man ein «Gesponsert» hinzuzählt, was ja Schönsprech für bezahlte Werbung ist, die wie ein redaktioneller Beitrag daherkommt, käme Köchin Elif sogar auf 6 Auftritte. Wobei der «Eiersalat à la Mama» weiterhin doppelt vertreten ist, damit er dem Leser wirklich zum Hals raushängt. Zusammen auch ein Bärfuss.

Aber das ist noch gar nix. Das Blatt mit dem Regenrohr bringt es auf ganze 14 Artikel über und um den Niemand.  Niemand schlägt «Blick».

Das wären dann locker zwei Bärfüsse.

Allerdings gibt es in der glücklichen, aber schrumpfenden «Blick»-Familie ein Ereignis, das hier gewürdigt werden muss: «Zum vorerst letzten Mal erscheint an dieser Stelle der monatliche Essay von Lukas Bärfuss.» Yippie yeah. Der undichte Dichter beginnt passend zu seinem ewigen Gesichtsausdruck: «Das Schicksal ist unbarmherzig, grausam und ungerecht, und zum ersten Mal schlägt es bei unserer Geburt zu.» Und dann immer wieder, wenn man über einen seiner geholperten Texte stolpert. ZACKBUM gibt zu: diese Nachricht über den schreibenden Nemo zaubert ein verklärtes Lächeln auf unser Gesicht. Das lässt sich nicht in Bärfuss messen.

Aber es gibt ja keine gute Nachricht ohne bitteren Beigeschmack. In der WoZ publiziert Bärfuss weiterhin. Dort versucht er sich immerhin in höherem Dadaismus. Was er über Schullektüre zu schreiben hat, verdient ein längeres Zitat. Achtung, anschnallen, es geht los:

«Ein Buch allein zu lesen, ist in zweifacher Hinsicht sinnlos. Erstens: Wer ein einziges Buch liest, eines allein, kann keine Vergleiche anstellen zwischen Stoff und Sprache. Aus Mangel an Zusammenhang, an Kontext wird er oder sie das Buch nicht verstehen. Erst wer ein zweites Buch liest, schafft sich einen Kommentar, eine Kritik, einen Zusammenhang, eine Referenz. Es ist eine Sache, Virginia Woolfs Roman «Miss Dalloway», erschienen 1925, zu lesen, eine andere, diese Lektüre jener von Auguste Escoffiers «Guide culinaire» von 1903 folgen zu lassen. Die romanhafte Darstellung einer Einladung in der Londoner Upperclass nach dem Ersten Weltkrieg und die enzyklopädische Sammlung von Kochrezepten der bürgerlichen Küche Frankreichs enthüllen die Vorstellungen einer bestimmten europäischen Epoche über die Gastfreundschaft.»

Echt jetzt? Dem Trend zum Zweitbuch folgend: man nehme einmal Woolf, einmal Escoffier? Auf diese Idee wäre nicht einmal Christian Seiler gekommen. Jack Reacher und Teresa von Avila, die «International Classification of Diseases» und «Der Alchemist». Damit setzt der Mann mit dem grimmigen Gesichtsausdruck den obersten Massstab.

Drei grosse Bärfüsse, mehr geht nicht. Mehr gibt’s nicht. Das ist wie drei Sterne im Michelin.

Eigentlich kann das nur der Wortschmied selbst erreichen. Wir sind gespannt, ob wir Fundstellen ohne seine Beteiligung identifizieren können. Suchen wir weiter.

CH Media hält es je nach Kopfblatt lokalpatriotisch mit dem ESC. Im St. Galler «Tagblatt» gibt es 7 mal allgemeines Geschwurbel über Nemo. Plus 3 Artikel mit Ostschweizer Akzent (brr). «Der ESC in St. Gallen? Immerhin liegt Nemo die Ostschweiz im Blut». Sozusagen Blut-und-Boden-Ideologie, neu aufgebürstet. Das reicht nicht für zwei Bärfüsse, ist aber mehr als einer.

Also anderthalb, aber Bärfuss ist natürlich unteilbar.

Nun aber zum Leuchtturm der grossen Denke, dem Blatt, das zwar nz, nz, nz im Titel trägt, aber mit lediglich zwei Stücken über Nemo glänzt. Sorry, NZZ, das gibt natürlich zero points, bzw. null Bärfüsse, was aber eine Auszeichnung ist.

Bei «20Minuten» muss man meckern, dass eine News wie «Nemo hat es geschafft! Die Schweiz gewinnt den ESC» am Dienstag nicht mehr brandneu wirkt. Aber immerhin, das ist einer von lediglich zwei Artikeln über der/die/das singende Niemand, bravo und  kein Bärfuss.

Als Absackerchen noch «watson». Allerdings mit 9 Auftritten doch eher biederes Mittelfeld.

Aber das reicht für einen Bärfuss.

 

 

Der Tagi kocht

Wenn Restaurantkritik nicht geht, dann vielleicht Koch-Videos?

Der «Tages-Anzeiger» kriegt sich gar nicht ein. Er macht gleich eine eigene Rubrik auf und verwendet alle vier Kochplatten, äh Artikelplätze, um auf ««ELIF X TAGI»: Unsere Kochserie» hinzuweisen.

Blöd nur, dass da die Themen schon am Anfang ausgegangen sind. Links wird «Eiersalat à la Mama – einfach leicht und wunderbar» angepriesen. Wer das bis rechts schon vergessen hat, kein Problem: «Eiersalat à la Mama – einfach, leicht und das ganze Jahr wunderbar». Gut, das mit dem ganzen Jahr wusste man links noch nicht.

Wie sagte da Goethe schon ganz richtig: «Getretener Quark wird breit, nicht stark

Auch sonst ist das kulinarische Angebot etwas dünn, aber immerhin scheint Elif keine Nutella zu verwenden. Also wird die Mode-Köchin mit türkischen Wurzeln und hippem Restaurant «Gül» mit einem Werbevideo angepriesen. Dann wird ein Werbe-Interview mit ihr geführt (Versucherli: ««Wir» – das sind Sie und Ihr Lebenspartner Markus Stöckle. Wie schafft man es, das coolste Pärchen von Zürich zu werden?»). Dann wird ein Werbevideo «In eigener Sache» für den Tagi und für die Köchin gezeigt. Und dann hat der «Eiersalat à la Mama» seinen gefühlt zehnten Auftritt.

Der ist dann allerdings hinter der Bezahlschranke verborgen. Also zuerst den Mund wässrig machen, dann «ätsch» sagen. Wohl noch nie etwas von einem Teaser gehört. Oder andererseits, ohne der Mutter von Elif zu nahe treten zu wollen, ist eine Mischung aus harten Eiern, Minze, Dill, Sauerampfer, Gartenkresse, Lattichblättern und einem Frühlingslauch wirklich innerhalb und ausserhalb der Türkei wow? Abgeschmeckt wird es übrigens mit Granatapfeldicksaft, Olivenöl, Zitronensaft, Fleur de Sel und Sumach (das sei «ein orientalisches Gewürz aus den Steinfrüchten des Färberbaums»).

Et voilà: «Den gemischten Kräutersalat auf den Eiern verteilen, Fleur de Sel und Sumach darüberstreuen und grosszügig mit dem Olivenöl, dem Granatapfeldicksaft und dem Zitronensaft beträufeln. Gut mischen und sogleich servieren.»

Es mag nun durchaus so sein, dass in hippen und woken Kreisen eine solche Küche nicht als kulturelle Aneignung oder ähnliches Pfuizeugs gehandelt wird. Sumach gibt dem Ganzen sicherlich so eine schön-exotische Note, man könnte das aber auch durch banalen Zitronensaft oder Essig ersetzen.

Ob also ein ethnisches Minderheitenprogramm wirklich die Tagi-Leser (und Leserinnen, sowie *Innen, plus alles, was an Nonbinärem, Trans und Genderformen sonst noch rumfleucht) in Scharen an die Schüssel treiben wird?

Oder ist es nicht so, dass die Zeit der Invasion der TV-Köche, als auf allen Kanälen gebrutzelt, gerührt, gebraten, geschmeckt und geprüft wurde, nicht langsam vorbei ist? Vor allem die Version: Koch steht in der Küche und kocht?

Aber, um den Running Gag zu Tode zu reiten, solange in der türkischen Küche keine Nutella verwendet wird und allen Spielarten von Allergikern mit Warnhinweisen vom Verzehr abgeraten wird, ist doch alles super.