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Ringier stellt die Druckerei Zofingen ein.

Hier fing es vor 190 Jahren an; der Hauptsitz von Ringier ist weiterhin in Zofingen. Aber genauso, wie dem Verlag noch nichts Sinnvolles eingefallen ist, wie er die Erosion bei Auflage und Einnahmen seiner Printprodukte aufhalten könnte, ist es ihm offenbar auch im Druckbereich nicht möglich, das Weiterbestehen zu garantieren.

Die Druckerei heisst heute Swissprinters und ist bereits ein Joint Venture zwischen Ringier (70 %) und NZZ (30 %). Natürlich bedauert Michael Ringier «die beabsichtigte Schliessung sehr». Noch mehr bedauern werden sie allerdings die 144 festangestellten Mitarbeiter, die Ende September auf der Strasse stehen.

Beziehungsweise natürlich einem Sozialplan anheimfallen, Frühpensionierungen, Hilfe bei, das übliche Blabla. Leicht absurd ist die Tatsache, dass mit der Einstellung dieser Druckerei die Druckkapazitäten in der Schweiz nicht mehr ausreichen, um alle Zeitschriften weiterhin innerhalb der Landesgrenzen zu drucken.

Irgendwie erinnert die ganze Sache an die Geschichte der St. Galler Stickereiindustrie. Krampfhaft das anbieten, was ausländische Konkurrenz aus verschiedenen Gründen billiger, aber nicht schlechter kann. Schon längere Zeit war es Ausdruck patriotischer Gesinnung, in der Schweiz drucken zu lassen – und nicht im näheren oder ferneren Ausland. Durch die Digitalisierung ist das seit Jahren kinderleicht und meistens in der Abwicklung problemlos.

Statt schlichtweg «me too» anzubieten (nein, auf der Ebene Produkte), wäre es vielleicht eine Option gewesen, sich auf Spezialitäten oder besonders anspruchsvolle Druckaufträge zu konzentrieren. Nun müssen sich wohl auch Ringier-Produkte bis spätestens Ende September nach Alternativen umschauen, durchaus auch im Ausland. Wie das logistisch gehen soll, das Druckprodukt gleich schnell wie wenn es aus Zofingen stammt, zum Endkunden zu befördern, darauf sind wir sehr gespannt.

Die Begründung für die Schliessung ist aus dem Stehsatz: «rückläufige Nachfrage nach Printprodukten, der Verlust wichtiger Aufträge sowie anhaltend hohe Papier- und Energiepreise».  Interessant, bis auf den Verlust wichtiger Aufträge müssen sich eigentlich alle Druckereien in Europa mit diesen Problemen herumschlagen. Interessant, man möchte gerne wissen, wodurch diese Auftragsverluste entstanden. Ausschliesslich durch nicht kompetitive Preise? Oder durch Ungenügen in der Abwicklung? Gar durch Qualitätsmängel? Da schweigt allerdings mal wieder des Sängers Höflichkeit, bzw. die Medienmitteilung aus dem Hause Ringier.

Dort muss in zwischen ein bombiges Betriebsklima herrschen. Durch den Aufkauf der Axel-Springer-Beteiligung gab’s bereits das grosse Rausschmeissen unter den Medienleuten. Nun folgt das grosse Rausschmeissen im Druckbereich. Nur auf der Teppich- und Chefetage, da spriessen die Heads, Chiefs und Chefs, die Leiter und exekutiven Verantwortlichen für Blumengiessen, New Markets und Innovation nur so aus dem gut gedüngten Boden. Eigentlich bräuchte es inzwischen auch einen CSO. Was ist das? Na, einen Chief Scrapping Officer, den Chef-Abwracker. Natürlich mit eigener Assistentin, Chefbüro, Zimmerpflanze, Ringier-Kunst an der Wand, Kleiderzulage, Spesenbudget, Leasing-Auto und unbedingt eigenem Parkplatz in der Tiefgarage in der Dufourstrasse.

ZACKBUM gibt wieder mal eine grosse Idee gratis weg.

Recht und Moral

Wenn Medien auf dem ungeordneten Rückzug sind.

Nehmen wir als exemplarisch den Kommentar von Michael Graber in den CH Medien: «Verfahren eingestellt: Das ist kein Grund zum Jubeln».

Die CH Medien, das muss gesagt sein, waren im Fall Till Lindemann zurückhaltender als die übrigen Medien der Schweiz. Bei Tamedia forderte ein Amok gleich die Absage von Konzerten von Rammstein in der Schweiz. Der NZZ rutschte heraus, dass Lindemann ein «Täter» sei. Und der «Blick» musste zu Kreuze kriechen, einen Artikel löschen und ein schleimiges Interview mit einem der Anwälte des Sängers ins Blatt heben. Kommt halt davon, wenn man sich mit jemandem anlegt, der mehr Geld hat als ein Journalist.

Wir fassen kurz zusammen: eine Frau legte mit unklaren Behauptungen Feuer an die Zündschnur, dann explodierte die übliche Beschuldigungsorgie. Entweder in den asozialen Medien oder aber in der Mainstreampresse, wo sich sogar Journalisten der «Süddeutschen Zeitung» oder des «Spiegel» nicht entblödeten, angeblichen Opfern von Lindemann eine Plattform für anonyme, wildeste Beschuldigungen zu bieten.

Davon animiert, wurden Strafanzeigen eingereicht. Eine von der Brandstifterin, dann noch weitere von gar nicht selbst Betroffenen, die aber dennoch furchtbar betroffen waren. Nun ist’s vorbei, und Graber behauptet kühn: «Die Rammstein-Welt ist wieder in Ordnung. … Alles vom Tisch. Die grosse Show kann weitergehen.»

Ist das so? Nein, anschliessend legt er den Rückwärtsgang ein: «In der ganzen Affäre gibt es eigentlich nur Verlierer. Beginnen wir mit der Selbstkritik: Ja, die Medien haben teilweise übermarcht.» Lustig, dass die Medien immer zunächst an sich selbst denken, nicht an das eigentliche Opfer dieser Hetze.

Dann kommt eine ganz üble Nummer: «Die Einstellung eines Verfahrens ist kein Freispruch. Es heisst, dass nicht genügend Beweise gesammelt werden können, die ausreichen würden, um ein richtiges Verfahren einzuleiten

Das ist ein wenig richtig und kreuzfalsch. Richtig ist, dass es kein Freispruch ist. Weil es den gar nicht braucht. Denn dieser Fall verröchelte bereits an der ersten Hürde der Strafverfolgung: dass überhaupt eine Strafuntersuchung begonnen wird. Wäre das der Fall, käme es dann allenfalls zu einer Anklage, dann zu einem Prozess, und schliesslich zu einem Schuld- oder Freispruch. Und dann würde es nochmal eine Weile dauern, bis das nach dem Instanzenzug rechtsgültig würde. Und bis dahin, selten so gelacht, würde die Unschuldsvermutung gelten.

Aber die ist in solchen Fällen längst durch die Schuldbehauptung abgelöst worden. Meistens haarscharf an der Grenze des Einklagbaren formuliert. Und sollte sich die als purer Rufmord, als Verleumdung, als unqualifizierte Übernahme und Publikation von unbewiesenen Behauptungen herausstellen, dann wird im Nachhinein gerechtfertigt, dass sich die Balken biegen.

«Wir sprechen hier nur von justiziablem Missbrauch. Also wenn eine Frau gefügig gemacht worden ist. Das System hinter der sogenannten Row Zero, bei dem Frauen vorgängig selektiert worden sind und später teilweise auch Lindemann zugeführt wurden, war nicht Teil der Untersuchungen. Auch darüber gab es Medienberichte.»

Und wenn es darüber Medienberichte gibt, dann entspricht das natürlich der Wirklichkeit. Weil die Medien nur und ausschliesslich überprüfte Tatsachen rapportieren. Für wie blöde hält dieser Graber eigentlich seine Leser?

Schliesslich kommt er unweigerlich zum Argument der Argumente: «Nur weil etwas rechtlich in Ordnung ist, muss es das nicht unbedingt auch moralisch sein.»

Immerhin, in diesem Satz kristallisiert sich die ganze Problematik. Denn er ist nicht zu Ende gedacht. Grundsätzlich ist er richtig. Alles, was nicht strafbar ist, ist erlaubt. Aber das bedeutet tatsächlich nicht, dass es auch moralisch-ethischen Massstäben einer zivilisierten Gesellschaft entspricht.

Nur: wer legt die fest? Wer darf das richten? Wer darf moralische Urteile, moralische Verurteilungen abgeben? Die Medienschaffenden? Ausgerechnet die Gesinnungsjournalisten, die Gutmenschen, die sich über alles erhaben fühlenden Schreiber in ihren Verrichtungsboxen im Newsroom? Deren Kenntnisse von Moral und Ethik, von moralischen Grundsätzen und deren Herleitung, von Immanuel Kant oder anderen Philosophen, vom Unterschied zwischen Gesinnungsethik oder Verantwortungsethik auf einer Nadelspitze Platz haben?

Ausgerechnet Journalisten, die eins übers andere Mal unter Beweis stellen, dass sie zu fast allem eine Meinung, aber von fast nichts eine Ahnung haben? Die dem Herdentrieb folgen, sich in jedes beliebige Framing ergeben, Narrative nachplappern, wenn die von Vorreitern vorgegeben werden?

Wie lachhaft. Überhaupt nicht lustig ist dann die Schlussfolgerung von Graber am Ende seines Kommentars:

«Am Ende gehen alle verwundet aus der Schlacht. … Die mutmasslichen/angeblichen (je nach Schwarz-oder Weiss-Schattierung ankreuzen) Opfer von Lindemann, die nun endgültig zur Internet-Hetzjagd freigegeben sind. Und, fast am wichtigsten: Alle Opfer von sexuellem Missbrauch ganz generell.»

Nun, wer eine Internet-Hetzjagd eröffnete oder fleissig an ihr teilnahm, muss sich dann nicht beklagen, wenn ihm das Gleiche passiert. Und die Opfer generell? Richtig, darin besteht diese bodenlose Schweinerei von Möchtegern-Opfern, die sich damit ihre vergänglichen 15 Minuten Ruhm abholen wollen, indem sie sich entweder selber als Opfer präsentieren oder Opfergeschichten weitergeben wie diese unsägliche deutsche Bloggerin, der ihre rufschädigenden Verleumdungen verboten werden mussten. So wie sie diversen Presseorganen verboten werden mussten.

Viel wichtiger als das ist die Tatsache, dass nur jemand, der über so viel Geld (und eine treue Fanbasis) wie Lindemann verfügt, einen solchen Sturm stehend überleben kann. Der Schweizer Ex-Chefredaktor, dem genauso übel mitgespielt wurde, hat schlichtweg das Geld nicht, um gegen den «Spiegel» weiter vorzugehen, der eine ganze Latte von nachweislich falschen Behauptungen veröffentlichte. Der «Spiegel» kräht nun Triumph, dabei hat die Schmiere über Anstand und Moral gesiegt.

Opfer sind die zu Unrecht Angeschuldigten, auf lange Zeit an Ruf und Ehre beschädigt, oftmals wirtschaftlich ruiniert, sozial geächtet, stigmatisiert und mit einem Makel behaftet.

Während sich die daran Schuldigen mit ein paar launigen Sprüchen («Ja, die Medien haben teilweise übermarcht») aus der Affäre ziehen können. Was fehlt, ist die völlig richtige Forderung des deutschen Juristen und Bestsellerautors Ferdinand von Schirach von allen Zinnen zu rufen und alles dafür zu tun, dass sie umgesetzt wird. Drakonische Strafen für alle Medienorgane, die falsche Anschuldigungen im Bereich «sexuelle Übergriffe» kolportierten.

Nein, das unterbindet nicht jegliche Verdachtsberichterstattung. Aber es zieht diejenigen zur Verantwortung, die bislang Existenzen vernichten können, dann mit den Schultern zucken und zur nächsten Hetzjagd weiterziehen.

Nomen est omen?

Die Wissenschafts-Webseite «Higgs» stellt per Juli den Dienst ein.

Vielleicht war schon die Wahl des Namens unglücklich: «Das Higgs-Boson oder Higgs-Teilchen ist ein nach dem britischen Physiker Peter Higgs benanntes Elementarteilchen aus dem Standardmodell der Elementarteilchenphysik. Es ist elektrisch neutral, hat Spin 0 und zerfällt nach sehr kurzer Zeit.» (Wikipedia).

Dabei waren die Nachrichten durchaus positiv: «Seit Beginn der Corona-Pandemie» stosse «Higgs» «auf besonders grosses Interesse und konnte die Leserschaft nach eigenen Angaben um 180 Prozent steigern», wusste noch im November 2021 «Infosperber».

«Das Schweizer Wissensmagazin Higgs.ch macht einen weiteren Schritt in seinem Kampf gegen Fake News und für eine aufgeklärte Gesellschaft», wusste im Februar 2022 persoenlich.com.

Der Wirtschaftsjournalist Beat Glogger hatte den kühnen Gedanken, Wissenschaftsjournalismus auf eine neue Ebene zu heben. Hintergrund sind auch hier die Sparmassnahmen in den Redaktionen. Während früher noch eigene Wissens-Redaktionen unterhalten wurden, ist das Angebot inzwischen zum Skelett heruntergespart. Wo früher noch aufwendige Berichte eingekauft wurden, herrscht heutzutage weitgehend copy/paste.

Wie die «Republik» oder der «Nebelspalter» setzte «Higgs» von vornherein auf eine Mischung zwischen aus eigenen Kräften erwirtschafteten Einnahmen und Sponsoring oder Mäzenatentum. Immer, wenn solche Sugar Daddys mit tiefen Taschen vorhanden sind, gerät der Finanzhaushalt aus den Fugen. Während es bei Versuchen wie «Die Ostschweiz»* weitgehend darum geht, dass nur ausgegeben werden kann, was eingenommen wird, beruhigt die Fähigkeit zum Nachschuss Ausgabenkünstler bei «Republik» oder «Nebelspalter» und verleitet sie zur Verantwortungslosigkeit.

Bei «Higgs» war zudem das Problem, dass es der Plattform kaum jemals gelang, in den Mainstream-Medien wahrgenommen oder zitiert zu werden. Was die selbstgesetzten hohen moralisch-ethischen Ansprüche betrifft, wurde man da mit der Zeit durchaus lockerer; denn würde man sich strikt an Wissenschaftlichkeit halten, könnte man einem Marko Kovic kaum Platz einräumen, um sein unfundiertes Geschwurbel abzulassen.

Nun gehen mal wieder neun Arbeitsplätze im Journalismus verloren, zur Qualitätssteigerung im Sparjournalismus der grossen Konzerne wird das sicherlich auch nicht beitragen.

*René Zeyer publiziert regelmässig auf «Die Ostschweiz».