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Grandioser Abgang

Ozzy Osborne singt nun zwischen Himmel und Hölle.

Das gibt es sonst nur in der Oper. Der sterbende Held singt noch eine letzte Arie. Am 5. Juli 2025 wurde der Prince of Darkness auf einem schwarzen Thron in Birmingham auf die Bühne gerollt. Das letzte Konzert mit der Originalbesetzung von Black Sabbath.

«Back to the Beginning», unterwegs in die grosse Düsternis des Endes. 190 Millionen Dollar spielte das Konzert ein, sie wurden gespendet. Tiefe Verbeugung.

Der Körper von Parkinson und jahrelangem Drogenmissbrauch gezeichnet, die Stimme so glockenhell wie die von Neil Young. Aber unterlegt mit dieser dunklen Gefährlichkeit, aus der Erhabenheit entsteht.

«Paranoid», «War Pigs» und «Dreamer», drei Songs für die Ewigkeit. Der treibende Beat von «Paranoid», unerreicht. Die teuflische Gitarre, eine düstere Symphonie in «War Pigs». «I’m dreaming my life away», der herzzerbrechende Wunsch nach Erlösung und Heilung in «Dreamer».

Deep Purple nahmen damals auch Anlauf, AC/DC, Motörhead, Metallica oder Slayer wären ohne ihn und seine Band nicht möglich gewesen. Die schweren, verzerrten Gitarren des Heavy Metal, der Kontrapunkt zu Flower Power und süsser Unbeschwertheit, zur grossen Illusion von «All you need is love».

Dass er 76 wurde, grenzt an ein medizinisches Wunder. Sein Leben, exibitionistisch in der Reality-Soap «The Osbornes» ausgebreitet, ein Desaster. Begleitet von Alkohol und allem, was sich schlucken, inhalieren und spritzen liess. Sein grosses Glück war seine Frau Sharon, die letztlich unverbrüchlich an seiner Seite stand und blieb.

Katastrophen pflasterten seinen Weg. Seine Häuser brannten ab oder wurden überschwemmt. Immer wieder plagten ihn schwere Krankheiten, immer wieder rappelte er sich auf, tauchte durch die Whiskeyflasche wieder an die Öffentlichkeit. Tourte solo oder als Gaststar bei anderen Berühmtheiten.

Lange Jahre tapste er clownesk durchs Leben, stellte es schamlos aus. Aber dennoch wahrte er Haltung und Würde, hatte Stil und spielte mit schwarz umrandeten Augen den Prince of Darkness. Obwohl er trotz all seinen Unzulänglichkeiten ein herzensguter Mensch war, selbst am meisten darunter litt, wie er seinen Nächsten Leiden zufügte.

Er war der lebende Beweis, dass ein Absturz nicht das Ende ist. Sondern einen neuen Anfang setzt. Kaum einer lebte Hyperions Schicksalslied des anderen Leidensmannes Hölderlin so wie er:

«Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab

Kunst ist Leidenschaft, die aus Leiden entsteht. Wer in der Dunkelheit immer wieder eine Kerze anzündet, erleuchtet uns. Auch wenn es keine Hoffnung auf Erlösung gibt, entsteht wenigstens die Illusion, dass es zerbrechliche Brücken über die Abgründe in uns und um uns gibt. Die schuf er mit seiner einmaligen Stimme.

Am Ende seines Lebens sang Leonard Cohen:

«If you are the dealer, I’m out of the gameIf you are the healer, it means I’m broken and lameIf thine is the glory, then mine must be the shameYou want it darkerWe kill the flame»

Das könnte als Epitaph auf Ozzys Grabstein stehen. Sein Leben löst auch bei Atheisten den Wunsch aus, dass es ihm irgendwo anders besser gehen möge.

Deprimierend schlechte Laune

Bei Leonard Cohen war’s Kunst, bei Constantin Seibt ist’s einfach furchtbar.

Die Retterin der Demokratie, das Magazin des korrekten Denkens, der aufmunternde Begleiter durch die Arglist der Zeiten leidet: «viele von uns befinden sich immer noch in einer Art Schockstarre», heult Bettina Hamilton-Irvine, die Co-Chefredaktorin.

Dabei gälte es, so viele «beunruhigende Fragen» zu beantworten, die da wären: «Wie ist es möglich, dass ein Mann, der für einen der radikalsten Angriffe auf die Demokratie verantwortlich war, bald wieder die zweifelsohne mächtigste politische Position nicht nur der USA, sondern der Welt innehaben wird? Was bedeutet das für uns alle? Und: Ist nun der Faschismus zurück

Blöde Frage, das ist deswegen möglich, weil die Mehrheit der US-Stimmbürger ihn gewählt hat. Das kann doch nicht so schwer sein.

Richtig schlechte Laune verbreitet aber Constantin Seibt, der leider nicht mehr in einer Schockstarre ist. Der hat in einem ganzen Jahr sage und schreibe sieben Artikel zustande gebracht. Allerdings wie bei ihm üblich Mordschinken mit bis zu 43’000 A, die selbst der härteste «Republik»-Leser nicht im Kopf ausgehalten hat. Das ist aber ein hübsches Zeilenhonorar; sieben Artikel für rund 100’000 Franken Salär.

Am 2. November warnte Seibt noch ganz eindringlich vor dem möglichen Weltuntergang, unter dem etwas reisserischen Titel «Die Rückkehr des Superschurken». Da sah er die Chancen noch bei «50:50», dass «die freie Welt in ein paar Tagen kippt».

Die Tragödie ist, dass die Welt mal wieder nicht auf seine warnenden Worte gehört hat und gekippt ist. Das merken wir alle, weil wir irgendwie schräg herumlaufen. Da kann auch Seibt nicht aufmuntern oder zurechtrücken, denn es ist passiert: «der Faschismus ist zurück».

Wobei, er war doch gar nicht weg; unermüdlich, also im Rahmen seiner Möglichkeiten, hat Seibt ihn überall in den USA aufgespürt, denunziert und demaskiert. Aber was hat’s genutzt? Nix. Nun ist er da, der Faschismus.

Es ist allerdings ein merkwürdiger Faschismus, denn Donald Trump, das sei ihm unterstellt, weiss gar nicht mal, was das ist. Wie kann man also Faschist sein, ohne ihn zu kennen? Gibt es auch Kommunisten, die aber nicht wissen, was Kommunismus ist? Gibt es Journalisten, die nicht wissen, dass die Wirklichkeit nicht unbedingt das ist, was sie sich in ihren Alpträumen so vorstellen?

Wir müssen nun ganz stark sein und alle Hoffnung fahren lassen: «Das, weil in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch das Zeitalter der liberalen Demokratie zu Ende gegangen ist. Und Despoten wieder den Gross­teil der Welt regieren.»

Haben Sie das nicht gewusst? Dann lassen Sie es sich von Seibt erklären: «Es ergibt keinen Sinn, es optimistisch zu sehen. Die USA, die älteste, mächtigste, inspirierendste Demokratie der Welt, werden im nächsten Jahr aufhören, eine zu sein.»

Dann schreibt Seibt in seltener Einsicht über die Zustände auf der Redaktion der «Republik»: «Die andere Konstante in ihrer wechselnden Entourage sind Verschwörungs­theoretikerinnen und Verrückte.» Oh, Pardon, statt über sein Umfeld schreibt Seibt über Trump.

Allerdings fällt ihm dann selbst auf, dass Trump eigentlich gar kein Faschist sein kann:

«Doch Trumps Charakter macht noch keinen Faschismus. Das Argument dagegen ist, dass Trump und seinen Leuten dazu eine ausgebaute Ideologie fehlt. Und der Republikanischen Partei ein bewaffneter Arm

Das lässt der deprimierte Verwirrte einfach mal so stehen und wird dann sehr dunkel und unverständlich: «Funktionierende Propaganda braucht keine zusammen­hängende Ideologie mehr. Im Gegenteil: je unzusammen­hängender die Botschaften, desto breiter kann man sie streuen.»

Gute Selbstanalyse. Und wie steht es dann mit den Schlägertrupps, die doch auch irgendwie zum Faschismus gehören? «Auch der militante Arm der klassisch faschistischen Partei ist heute individuell gebaut. Die Truppen marschieren nicht mehr mit Fackeln durch die Nacht, sondern versenden nach verbalen Attacken trump­treuer Politiker, Medien oder Bloggerinnen Mord­drohungen im Netz. Zur Einschüchterung braucht es keine Aufmärsche mehr – Sofa und Handy genügen.» Hä?

Das ist alles ziemlich wirr, unausgegoren und schlichtweg bescheuert. Aber in einem ist sich Seibt sicher: «Es ist nicht zu glauben, aber äusserst wahrscheinlich, dass Amerika in wenigen Wochen zu einer Quelle der Dunkelheit wird.»

Was tun, ausser Antidepressiva oder stärkere Sachen schlucken? Da besinnt sich Seibt auf ein Rezept, wie es auch jeder Schamane, jeder Gesundbeter, jeder Okkultist, jeder Betrüger anbietet, der mit billigen Lügen sein Geld verdient. Denn Seibt fordert: «Und es gibt – trotz allem – noch eine letzte Pflicht: die Pflicht, so glücklich wie möglich zu sein.»

Die Pflicht, glücklich zu sein. Das ist nun echt beunruhigend; muss man sich ernsthafte Sorgen um Seibt machen? Eigentlich schon, denn der Mann ist für jeden ernsthaften Diskurs über politische Themen verloren:

«Denn glückliche Menschen schlagen sich nicht auf die Seite der Lügner, der Dumm­köpfe, der Grausamkeit und der Liebe zu zerstörerischen Zwergen

Das haben die Beatles schon schöner gesagt und gesungen: «All you need is love». Oder meint Seibt «Don’t worry, be happy»?