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Clapton is God – fallen

Eric «Slowhand» Clapton ist der beste Blues-Gitarrist der Welt. So what?

Wenn es um musikalische Idole geht, ist der Musikfan so schnell begeistert wie auch abgeturnt. Wer gestern noch selig mit dem Fuss wippte, das Feuerzeug schwenkte und «Gänsehautfeeling» stammelte, kann heute «Verräter» knirschen. Das ging schon Grössen wie Bob Dylan so, als der sich eine elektrische Gitarre umhängte oder tief in religiösen Wahn verfiel.

So geht es Jean-Martin Büttner mit Eric Clapton: «Der weisse Bluesgitarrist macht durch jahrzehntelang unkorrigierten Rassismus und drei fanatische Antiimpfsongs von sich reden. Wie ist das bei einem wie ihm zu erklären?»

Die Klage trägt den Verdammnis-Titel: «Der tiefe Fall des Eric Clapton». Was ist passiert? Musste er ein Solo abbrechen? Ist er wieder in den Alkohol versunken? Ist seine Stimme noch schlechter geworden? Ist die Magie aus seinem Spiel gewichen?

Nichts von alldem. Im Gegenteil; mit «The Lady in the Balcony, Lockdown Sessions» hat Clapton ein Unplugged-Album voller Altersweisheit eingespielt; eine Reise durch seine musikalische Geschichte. Selbst seine Stimme, die immer bedauerlicherweise viel schlechter war als seine Gitarrenkunst, bekommt langsam eine Patina, die sie erträglich macht.

Nun leidet Clapton unter peripherer Neuropathie, einer chronische Nervenerkrankung, die seine Begegnung mit der Impfspritze zu einem traumatischen Erlebnis machte. Und ihn zum Impfskeptiker. Das wird man heutzutage nicht ungestraft, und Büttner straft mit.

Selbst Clapton darf nicht ungestraft Lieder spielen

Dazu dient ihm ein nicht ganz taufrischer Song namens «Stand and Deliver». Komponiert hat den Van Morrison, auch so ein Urgestein und böser Bube, der sich ebenfalls kritisch mit den Massnahmen zur Bekämpfung der Pandemie auseinandersetzt. Solange Protestlieder sich gegen das Unrecht der Welt, den Hunger, Krieg und andere ferne Unabänderlichkeiten richten, wippt und schwoft man gerne mit, im erhebenden Gefühl, zumindest musikalisch auf der guten Seite zu summen.

Dass Clapton im wahrsten Sinne des Wortes durch persönliches Erleben impfkritisch wurde, unterschlägt Büttner allerdings. Denn erklären will er nicht,  eher verurteilen. Er will er ihm den Text des Protestsongs «Stand and Deliver» vorwerfen. Genauer diese Zeilen: «Do you wanna be a free man / or do you wanna be a slave?» Zusammen mit «Do you wanna wear these chains / Until you’re lying in the grave», sei das «ein Direktvergleich der weissen Impfgegnerinnen und Impfgegner mit den afrikanischen Sklavinnen und Sklaven im amerikanischen Süden.

Die Analogie kommt einer Demütigung afroamerikanischer Bürgerinnen und Bürger gleich.»

Es ist wohl den hysterischen Zeiten geschuldet, wo sich selbst Büttner vor Kurzem über diese Woke-Empfindlichkeit und völlige Humorlosigkeit beschwert,  gepaart mit Abscheu vor Selbstkritik. Und nun auch er? Wer sich den Song und seine Lyrics anhört, seine Beschwörung der Magna Carta, der Bill of Rights und der amerikanischen Verfassung, kann keinerlei Demütigung erkennen. Das sähe sicherlich auch der von Büttner sehr gelobte Comedian David Chappelle so, der nun wirklich unglaublich unkorrekte Scherze über Schwarze macht.

Es gibt richtige und falsche Protestsongs

Das Werk von Morrison/Clapton ist ein klassischer Protestsong, der zum Widerstand aufruft, zum eigenständigen Denken und am Schluss noch einen lustigen Ausflug in die Geschichte mit einer Erwähnung von Dick Turpin macht, dem maskierten englischen Strassenräuber und Viehdieb, der 1739 gehängt wurde.

Darf das noch gesungen werden?

Dass sich Musikerkollegen deswegen von Clapton distanzieren, ist dem unseligen Zeitgeist geschuldet. Da kann man aber noch von auf offener Bühne ausgetragenen Meinungsverschiedenheiten sprechen.

Was Büttner noch hinzufügt, ist aber unstatthaft. Zunächst will er den Titel eines früheren Albums «Me and Mr. Johnson» missverstehen. Mit der Reihenfolge habe Clapton gezeigt, dass er sich für wichtiger als den schwarzen Bluessänger der 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts halte. Wenn das Janis Joplin gewusst hätte, als sie «Me and Bobby McGee» sang.

Ein besoffener Spruch vor 45 Jahren …

Aber selbst darüber könnte man noch mit Humor hinweggehen. Nun kommt aber das hier: «Clapton, schwer betrunken wie immer damals, trat ans Mikrofon und bekannte seine Sympathie für Enoch Powell. Der glühende Rassist, damals noch Präsident der Tories, hatte in seiner berühmten «Rivers of Blood»-Rede im April 1968 die Ausschaffung von Schwarzen, Indern, Arabern und Pakistanern aus Grossbritannien gefordert.»

Das war 1976. Schwerer Alkoholismus und Drogensucht entschuldigt nicht alles, aber ob man wirklich 45 Jahre später diesen unseligen Ausrutscher eines völlig besoffenen und bekoksten Musikers ihm heute noch um die Ohren schlagen muss? Obwohl sich Clapton dafür entschuldigte. Aber Büttner bleibt gnadenlos, denn: «Eric Clapton findet bis heute, Enoch Powell habe in vielem recht gehabt. Von dessen Rede in Birmingham hat er sich nie distanziert.»

Das wirklich Traurige ist hier, dass Büttner das Verhalten der von ihm so wortmächtig kritisierten Rechthaber der selbst angeeigneten Rechtschaffenheit und inquisitorischer Verurteilung übernimmt. Humorlos, übellaunig und ungerecht. Wer ist Büttner, dass er wie die von ihm kritisierte Inquisition eine «Distanzierung» von Clapton einfordert?

Da verstehe einer diesen Mann.