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Zivilisation? My ass

Wie der Ami sagt, woher wir unsere Leitkultur beziehen.

Wahrscheinlich sieht zivilisatorischer Fortschritt heutzutage so aus:

Vorher.

Nachher.

Und dennoch gibt es ihn. Sonst würden wir heute noch in Höhlen hausen und gelegentlich an einem Mammut knabbern.

Allerdings gibt es offenbar Fragen, die zu gross für den Menschen sind. Denn daran knabbert die Menschheit auch schon seit ein paar tausend Jahren. Gibt es Gut und Böse, und wenn ja, wie unterscheidet es sich? Wieso wird bei kriegerischen Auseinandersetzungen schnell auf dem Niveau von Neandertalern argumentiert? Woher kommt dieser unbedingte Wille zur Rechthaberei und primitivem Schwarzweissdenken?

Oder müssen wir nicht einfach eingestehen, dass die Debattenkultur zu Zeiten von Salons während der Aufklärung entschieden höher entwickelt war als sie es heute ist?

Oder muss man sich einfach eingestehen, dass Masse Moral mindert, dass bei Massenveranstaltungen (und Massenmedien) die Erkenntnis von Le Bon gilt, dass das allgemeine Niveau auf dasjenige der unterbemittelten Teilnehmer an der Masse sinkt?

Vielleicht ist es wirklich so, dass die Möglichkeit des allgemeinen Hineinkrähens mittels Social Media, Kommentaren und jeglicher Form des Aufdrängens von Unausgegorenem einen hochstehenden und auf Erkenntnisgewinn ausgerichteten Diskurs verunmöglicht.

Madame de Staël und Manon Roland, Juliette Récamier und Marie d’Agoult, interessanterweise waren es meistens Frauen, die solche literarische Salons (bei denen es bei Weitem nicht nur um Literatur ging) abhielten, in denen zum Beispiel Denis Diderot verkehrte, der die wohl grösste Leistung des vorrevolutionären Europa erbrachte: die Enzyklopädie, die von 1751 bis 1780 erschien und nichts Geringeres als Anspruch hatte, das gesamte menschliche Wissen alphabetisch wiederzugeben.

Die nostalgischen Gefühle von heute entwickeln sich, weil es damals tatsächlich um die Suche nach Erkenntnis ging, tatsächlich gelebt wurde, dass ein Fortschreiten zu mehr Begreifen nur im möglichst schrankenlosen Austausch von Argumenten und Gedankengängen stattfinden kann. Wobei das Einhalten von Höflichkeit und Anstand eine Grundvoraussetzung für den Meinungsaustausch war.

Man stelle sich heute mal vor: in gewissen Salons gehörte es zum guten Ton, dass jemand, der replizierte, zuerst durch eine kurze Zusammenfassung des vorher Gesagten beweisen musste, dass er auch zugehört und den Inhalt verstanden hatte. Wenn man das in einer modernen Talk-Runde einfordern würde …

Nun waren diese geselligen und vor Geist sprühenden Abende natürlich nur für die happy few bestimmt; niemand wäre auf die Idee gekommen, dass das gemeine Volk mitreden sollte oder gar die Voraussetzungen mitgebracht hätte, um das Diskutierte zu verstehen.

Dass heutzutage jeder Flachkopf meint, er habe im Rahmen der Meinungsfreiheit das Recht, Unausgegorenes herumzukrähen, wohlan. Aber wenn man auf das fokussiert, womit sich ZACKBUM beschäftigt, nämlich mit den Medien, dann muss man immer wieder und immer wieder sagen, dass hier ungeahnte Auslotungen von geistigen Niederungen stattfinden.

Selbst die Kriegshetzerei nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Deutschland, Österreich, England und Frankreich hatte im Vergleich zu den heutigen Tiefebenen noch Niveau. Ein Ernst Jünger, so unerträglich er in der Verherrlichung von Stahlgewittern war, schrieb auf einem intellektuellen und kulturellen Niveau, von dem der durchschnittliche Sprachvergewaltiger bei Tamedia, CH Media oder Ringier nicht einmal den Hauch einer Ahnung hat.

Sind wir zivilisatorisch 2024 weiter, als wir es in Europa 1924 waren? Oder haben wir sogar einen neuerlichen Rückfall erlitten? Wenn man die öffentliche Debatte über Covid, Ukraine und Naher Osten als Beispiele nimmt: eindeutig. Der Aspekt «wir lernen in einer offenen Debatte, die um des Erkennisgewinns willen geführt wird» ist völlig verschwunden.

Jeder will belehren, niemand lernen. Jeder will Recht haben, niemand zugeben, dass er es doch auch nicht weiss. Jeder bietet wohlfeile Rezepte zur Heilung von allem an. Niemand räumt ein, dass die nicht an der Realität überprüft werden können, weil der Schreihals seine Ratschläge völlig haftungsfrei, verantwortungs- und einflusslos erteilt.

ZACKBUM hingegen gibt ein weiteres Mal zu: wir stochern im Nebel, bilden uns unsere Meinung und verzapfen die. In der Hoffnung, dass es jemanden interessieren könnte. In der Gewissheit, dass sie nichts bewirkt.

Und warum dann das Ganze? Ganz einfach. Weil die zwanghafte Notwendigkeit der Herstellung Spass macht. Und die Lektüre hoffentlich auch. Sonst ist da nichts.

 

Das muss doch mal gesagt werden

Der öffentliche Diskurs ist kaputt. Nur: war er jemals ganz?

Der Worte sind genug gewechselt. Das ist von Goethe und gar nicht schlecht. Aber wir wollen keinesfalls Taten sehen, sondern uns fragen, ob eigentlich öffentliche Meinungsbildung, der Austausch von Position via Massenmedien, Kommentare, Positionen, Polemiken, Anklagen, Forderungen, Kritiken überhaupt noch Sinn macht (oder hat).

Wenn wir uns über die sattsam bekannten Narrative und Framings wie Gesinnungsblase, Social-Media-Umfeld, Misstrauen, Fake News, Rechtspopulisten versus Linksautonome, Splitter und Balken, moralinsauere Inquisitoren und Verteidiger der einzig richtig guten Wahrheit  usw. hinauf ins Abstrakte heben: hat das Kommunikative nicht ganz allgemein abgedankt?

Ziehen wir kurz einen historischen Bogen. Lange Jahrhunderte durfte vieles nicht gesagt, eigentlich nicht einmal gedacht werden. Die Kirche legte das Leichentuch der frommen Denkungsart über jede Form des Versuchs, die Welt nicht als Gottes Wille, sondern als beeinflussbare Wirklichkeit zu verstehen.

Hand in Hand mit dem Absolutismus, der jede Kritik am Herrscher als Gotteslästerung streng bestrafte. Überhaupt jede Kritik an der gottgewollten Richtigkeit der herrschenden Verhältnisse. All das ist, vielleicht mit Ausnahme Liechtensteins, wo der Fürst noch ausserhalb des Gesetzes steht und Herabwürdigung seiner Durchlaucht schwer bestraft wird, vorbei.

Zumindest in Zentraleuropa, den USA, Kanada, Australien und ein wenig Japan. Und auf ein paar weiteren, meist englischsprachigen Inseln von Neuseeland abwärts. Mehr oder weniger.

Unbestreitbar, wir wollen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten, haben Massenmedien einen gewissen korrigierenden und beaufsichtigenden Einfluss. Die Aufdeckung von kleineren oder grösseren Skandalen kann ab und an tatsächlich etwas bewirken. Das Ende einer Karriere, eines Zustands, eines Skandals. Aber auch diese Fälle werden eher selten, nicht häufiger. Die aufdeckende Kraft der Medien hat in den aufgepumpten Fällen von Dokumentendiebstahl, genannt Papers oder Leaks, auch seine denaturierte und untaugliche Form gefunden.

Hier desavouieren sich die Medien selbst, indem sie Hehlerware dazu verwenden, selbstherrlich Ankläger, Richter und Vollstrecker des Urteils zu werden. Das ist nicht die Aufgabe der Medien; ginge es ihnen nicht um billige Effekthascherei, würden sie die ihnen anonym übereigneten Daten den Strafverfolgungsbehörden aushändigen, Was sie aber unterlassen.

Am schlimmsten steht es  um die Funktion der Medien, den öffentlichen Diskurs über gesellschaftlich relevante Themen zu fördern. Die Bewältigung der Pandemie, die Aufarbeitung der gravierenden Fehler, die von Regierungen begangen wurden, die üble Rolle der Pharma-Multis, die sich haftungsfrei stellten und krumm verdienten, mit offensichtlich ihre Versprechen nicht einhaltenden Impfmitteln? I wo.

Der russische Überfall auf die Ukraine, Lösungsvorschläge, Analysen, die den Namen verdienen, statt Kriegsgegurgel Versuche der realistischen Einschätzung der Lage? Nix.

Die demokratische Misere der USA, wo ein seniler Greis gegen einen Amok-Greis antritt? Käumlich.

Gelegentlich mal Blicke in all die vielen Elendslöcher der Welt, wo noch grausamer gestorben wird als im Gaza-Streifen? Wozu auch.

Aber wozu in die Ferne schweifen. Wie soll es mit der Schweiz weitergehen? Staatsverschuldung durch Mehrausgaben, UBS als Monsterbank, Verhältnis zur EU, Neutralität, Flüchtlinge, Schulsystem, Übervölkerung, überforderte Systeme, Kriminalität, direkte Demokratie, Aufrüstung, Militärpolitik, mediokrer Bundesrat ist gut, inkompetenter weniger, das Elend der Literatur und Kunst, eine staatspolitische Debatte, das weitere Überleben eines Kleinstaats, Primat der Volksrechte, direkte Demokratie, Genderdebatte – die Themen liegen auf der Hand und sind ohne Zahl.

Über jedes einzelne liesse sich eine interessante Debatte führen, ein Diskurs auf verschiedenen Flughöhen, vom einfach Volkstümlichen bis zum intellektuell Anspruchsvollen. Und? Nichts und.

Meistens: Schiessscharte auf, rausfeuern, Schiessscharte zu. Einschlag der feindlichen Kugeln abwarten, dann Schiessscharte wieder auf.

Positionen und Meinungen in Massenmedien waren schon immer ideologiegetrieben, getränkt von Gesinnung. Aber der langjährige Beobachter meint doch drei fatale neuere Entwicklungen feststellen zu müssen:

  1. Das allgemeine intellektuelle Niveau ist aufs Erbärmliche gesunken. Symbolisch dafür steht ein Sprachvergewaltiger wie Lukas Bärfuss, der sich ja nicht nur als Literat, sondern auch als Gesellschaftskritiker missversteht. Wer dem applaudiert, und fast das ganze Feuilleton tut’s, der disqualifiziert sich selbst als ernsthafter Diskursteilnehmer.
  2. Die Bereitschaft, die Mühewaltung, nicht einfach nach dem Prinzip «je unsicherer, desto markiger» loszupoltern, sondern die Leser auf eine Reise zu mehr Erkenntnis mitzunehmen, existiert höchstens noch in Spurenelementen.
  3. Die kaleidoskopartige Farbigkeit einer lebendigen Medienszene, die genügend Alternativen bot, um auch wiederborstige Meinungen unterbringen zu können, ist ergraut, ist abgelöst worden durch zwei grosse Einheitsbreiküchen, einen kleinen Leuchtturm nebendran und ein in den Untergang geleitetes und gelenktes ehemaliges Boulevardblatt.

Auch das Versprechen des Internets, dass es hier eine weltumspannende Plattform für unendlich viele Diskurse, Anregungen und Meinungsaustausch gibt, hat sich nicht erfüllt.

Aber vielleicht bleibt es letztlich so, wie es sein muss. Der öffentliche Diskurs seit der Aufklärung hat seine Funktion erfüllt und ist damit obsolet geworden. Newsproduktion als profitables Geschäftsmodell hat ausgedient, bzw. unfähigen Medienmanagern fällt nichts dazu ein – ausser skelettieren, sparen, weniger Leistung für mehr Geld anzupreisen.

Also bleibt spannender Diskurs, Austausch von faszinierenden Ideen und Welterklärungsmodellen und Erkenntnissen wohl das, was es immer war. Ein Beschäftigung der «happy few».

Oder anders formuliert: wer – Ausnahmen bestätigen die Regel – bei Tamedia oder CH Media oder in der Südostschweiz oder auf «watson» einen Kommentar schreibt, eine Meinungskolumne absondert, disqualifiziert sich bereits durch diese Tat. Erschwerend kommt hinzu, dass der Inhalt – wenige Ausnahmen bestätigen die Regel – intellektuell und vom Kenntnishorizont, der Bildung, dem historischen Wissen her gesehen dermassen erbärmlich ist, dass man sich höchstens darüber aufregen könnte, wenn es nicht so lächerlich wäre.

Die Bedeutung der Massenmedien ist umgekehrt proportional zur Wichtigkeit, die sich die dort Tätigen anmassen, zubilligen, vormachen. Wer schreibt «Biden sollte, Xi müsste, Putin wäre gut beraten, Scholz hat einzusehen, Macron macht einen Fehler», wer selbst den Schweizer Bundeszwergen ungefragt gute Rastschläge gibt, der sollte eigentlich als Stand-up-Comedian auftreten. Nur hätte er da eine kurze Karriere vor sich, weil das Publikum schnarchend oder schimpfend reagieren würde – und sich schnell einmal weigerte, für solchen Sprachmüll auch noch Eintritt zu zahlen.

Gelobt sei das Wort «aber»

Was können wir als unbeteiligte Zuschauer im Nahen Osten tun?

Es gibt grölende Horden, die mit «Free Palestine» oder mit «From the river to the sea» durch die Strassen ziehen. Ihre Geschichtsvergessenheit wird nur noch von ihrer schmerzlichen und oft gewalttätigen Dummheit übertroffen.

Es gibt meistens muslimisch beeinflusste Plattformen oder Einzelmasken, die mehr oder minder verschwurbelt zu erklären, gar zu rechtfertigen versuchen, was nicht zu rechtfertigen ist. Die brutalen Massaker, die fundamentalistische Wahnsinnige der Hamas an der Zivilbevölkerung in Israel verübt haben.

Da es bei Kriegsverbrechen keine Relativierung gibt, muss das, was Israel im Gazastreifen tut, auch als Kriegsverbrechen bezeichnet werden. Widerwärtig sind alle Versuche, jegliche Kritik an Israel als Antisemitismus zu denunzieren, zu disqualifizieren und zum Schweigen zu bringen.

Womit wir mitten im verbalen Kugelhagel im deutschen Sprachraum wären. Der Gastredner an der Frankfurter Buchmesse Slavoj Žižek hat einen unbestreitbar richtigen Satz gesagt: «In dem Moment, in dem man die Notwendigkeit erwähnt, den komplexen Hintergrund der Situation zu analysieren, wird man gewöhnlich beschuldigt, den Terrorismus der Hamas zu billigen oder zu unterstützen.» Fast noch besser ist seine Bemerkung, dass das Wort Aber den Beginn eines Dialogs markiere.

Wer gerade in Deutschland (aber auch in der Schweiz) an Demonstrationen teilnimmt, bei denen das Existenzrecht Israels in Frage gestellt wird und antisemitische Parolen geschrien werden, ist ein verantwortungsloser Vollidiot. Wer als Politiker wie Fabian Molina die Verbrechen der Hamas zuerst schönredet, unreflektiertes Mitglied der Freundschaftsgesellschaft Schweiz – Palästina ist, deren früherer Präsident Geri Müller heute noch der Auffassung ist, dass man die Hamas nicht als Terrororganisation sehen solle, der ist disqualifiziert. Wer wie Molina nach erstem Gegenwind schneller als ein Wendehals umschaltet und von einer korrupten Terrororganisation schwadroniert, hat sich als Opportunist doppelt disqualifiziert.

Das alles sind Auswüchse im Unterholz, im Gebiet des Kleingeistigen, der Heuchelei, der Unfähigkeit, auf eine komplexe Situation mit Reflexion zu reagieren.

Es gibt die Oberflächenpolierer, die Überbaudachdecker, aber auch die Propagandisten einer angeblich unfehlbar richtigen Weltsicht. Die Meinungen dieser Dummköpfe sind vernachlässigter.

Wie meistens in solchen Auseinandersetzungen spielt die Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch die veröffentlichte eine wichtige Rolle. Da haben es die Anhänger Israels leichter als die Freunde der Palästinenser. Jene können gnadenlos die Keule Antisemitismus schwingen, diese leiden unter dem Handicap, dass ein aufgeklärter westlicher Mensch nicht im Ernst die Position von fundamentalistischen Wahnsinnigen unterstützen kann.

Erschwerend kommt hinzu, dass ein vernünftiger Mensch keine Sympathie für eine Terrororganisation haben kann, die in ihrer Charta die Vernichtung Israels als Zielsetzung fordert. Einer Organisation, die einen verblendeten, irrationalen Todeskult betreibt, indem sie ihren Gläubigen vormacht, der Tod als Märtyrer würde auf direktem Weg ins Paradies und in die Arme von 72 Jungfrauen führen.

Den bisherigen Gipfel der Perversion erreichte wohl der Iran, der Kinder mit einem Plastikschlüssel zum Himmelreich in der Hand in irakische Minenfelder jagte.

Was die Palästinenser (und ihre Unterstützer) in den letzten 70 Jahren angestellt haben, hat sie ihrem Traum von einem eigenen Staat nicht wirklich näher gebracht. Aber was die Israelis (und ihre Unterstützer) in den letzten 70 Jahren angestellt haben, hat das Palästinenserproblem auch nicht gelöst.

Und schon wären wir bei einem Aber. Wo eigentlich eine sinnvolle Debatte unter unbeteiligten Beobachtern anfangen könnte und sollte. Aber genauso, wie Israelis und Palästinenser bei der Lösung dieses Problems versagen (klar, daran sind nur die Palästinenser schuld, nein, daran sind nur die Israelis schuld), versagen die meisten Intellektuellen, Publizisten Journalisten, die Beeinflusser der öffentlichen Meinung.

Vorausgesetzt, die Anhänger der Hamas sind keine menschlichen Tiere, wie das der israelische Verteidigungsminister sieht, fängt die Möglichkeit einer Lösung eines Problems mit tabulosem Nachdenken an. Mit dem freien Austausch von Gedanken, Meinungen, Analysen, Vorschlägen. Nur begrenzt durch Gesetz und eine allgemeine Vorstellung von Anstand.

Aber: es gibt Feinde Israels, es gibt Feinde der Palästinenser. Schlimm sind aber auch die Feinde eines offenen Diskurses. Alle diejenigen, die meinen, Vorbedingungen stellen zu dürfen, Tabuzonen zu errichten; all diejenigen, die keulen und Totschlagargumente verwenden, all diejenigen, die auf der primitiven Sprechblasenebene «Antisemit, Faschist, Rechtspopulist, Hamasfreund, Judenfreund, Terrorunterstützer» arbeiten.

Natürlich gibt es Antisemiten, Judenhasser und Sympathisanten der Hamas, Befürworter von Kriegsverbrechen. Sie, aber nur sie disqualifizieren sich für jede Form der intellektuellen Auseinandersetzung. Das kann man im Übrigen, will man nicht einfach keulen, relativ problemlos identifizieren.

Aber eigentlich noch mehr disqualifizieren sich all diejenigen, die diese Totschlagargumente mangels Gegenargumenten auf eine dissidente Position verwenden. Denn weder innerhalb noch ausserhalb des Islam, innerhalb oder ausserhalb jeder Religion haben Denkverbote jemals etwas Positives hervorgebracht.

Das dümmliche Niveau der Stammtischrechthaberei existierte schon immer. Nur fliegt es uns dank den asozialen Plattformen direkt ins Gesicht. Woraus sich immerhin ein sinnvoller Ratschlag für alle ergibt: Abstinenz von Twitter (oder X), Instagram, TikTok, Telegram, Facebook YouTube, WhatsApp, Pinterest, Snapchat, Vimeo oder Tumblr.

Dadurch wird das Leben leichter. Was heutzutage auch schon etwas wert ist.

 

Reise in die Verlorengegangenheit

Aus der Reihe nachdenklicher Sonntag: Es gab mal eine Debattenkultur.

Selten ist eine Auseinandersetzung um eine Abstimmungsfrage dermassen gehässig,  nicht kooperativ und geradezu verbiestert geführt worden wie bei dem Referendum gegen das verschärfte Covid-Gesetz.

Die inhaltliche Argumentation ist vorbei; niemand wird heute noch von seiner Meinung, ob ja oder nein, abweichen. Daher ist es höchste Zeit, sich Sorgen um unsere Debattenkultur zu machen.

Von Platon bis heute zerbrechen sich Philosophen den Kopf darüber, welche Erkenntnismöglichkeiten wir haben. Vom Höhlengleichnis bis zu Systemtheorien gibt es unzählige Versuche, unser Verhältnis zur uns umgebenden Realität zu verstehen. Ist das alles nur in unserem Kopf? Gibt es eine Wirklichkeit, die unabhängig vom Betrachter existiert? Wichtiger noch: wie verhalten sich zwei erkennende Subjekte zueinander?

Am allerwichtigsten: mit welchen Methoden können wir Fortschritt befördern, was dient einem besseren Verständnis, damit einem adäquateren Verhalten, damit einem zunehmenden Wohlergehen für möglichst viele?

Diskursfähigkeit ist das Zauberwort

Nein, alle letzten Fragen der Menschheit werden hier nicht beantwortet. Daran zu scheitern, überlassen wir glaubensstärkeren Mitmenschen. Das stimmt nicht; wir warnen ausdrücklich vor überzeugten Besitzern von Wahrheiten. Nichts gegen klare Ansichten. Ermangeln deren Besitzer aber der wichtigsten Eigenschaft eines Menschen, geht’s direkt in die Hölle des Fanatismus, der Umerziehung, des Zwangs zum Besseren, der Vernichtung des Falschen, Bösen, Schlechten.

Auf schmalen Pfaden zur Erleuchtung durch Erkenntnis.

Die wichtigste Eigenschaft ist Diskursfähigkeit. In den Salons des 17. Jahrhunderts entstand das, was wir heute Aufklärung nennen, das goldene Zeitalter des Ausgangs aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Mit welcher Methode wurde damals eigentlich die Erkenntnis befördert? Ganz einfach, mit der Methode des respektvollen Disputs. Alles ist dabei erlaubt. Falsches, Schockierendes, den Sitten und Normen nicht Entsprechendes. Die Ansichten eines de Sade genauso wie die Überlegungen eines Montesquieu oder Rousseau. Eines Marat, Robespierre, Danton, de la Mettrie oder eines Guillotin. Vorausgesetzt, man hielt sich an selbstverständliche Regeln von Anstand und Höflichkeit.

Dazu gehörten auch nur wenige Dinge.

Man lässt sich gegenseitig ausreden. Man zeigt zunächst, dass man die Argumentation des anderen verstanden hat, bevor man allenfalls zu einer Erwiderung und Kritik ansetzt.

Kommunikatives Handeln statt strategisches

Einen modernen Meilenstein in dieser Debatte setzte die «Theorie des kommunikativen Handelns» von Jürgen Habermas. Ein zweibändiger Wälzer, in der üblichen, nicht gerade leichtverständlichen Sprache eines Philosophen und Soziologen abgefasst.

Dabei ist seine Grunderkenntnis so einfach wie überzeugend. Gesellschaftlicher Fortschritt ist garantiert, wenn ein herrschaftsfreier Diskurs möglich ist. Der kann dann stattfinden, wenn ein paar wenige Bedingungen erfüllt sind:

  • Die Kommunikationspartner sind gleichberechtigt
  • Sie haben die gleichen Möglichkeiten sich zu äussern
  • Die Kommunikation ist symmetrisch
  • Die Entscheidungsfindung erfolgt durch den «Zwang des besseren Argumentes»

So wird der Pfad der Erkenntnis zur Strasse.

Man sieht sofort: das ist die Beschreibung eines Idealzustands, der natürlich in der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht existiert. Statt sich aber in komplexen Debatten über die Hindernisse, die Machtverhältnisse, die Rolle der Massenmedien, die Herrschaftsstrukturen oder gar in Genderwahnsinn zu verlaufen, kann man diesen Idealzustand einfach als Massstab verwenden.

Herrschaftsfreier Diskurs als Messfühler

Als Messfühler, wie fortschrittsfähig eine Gesellschaft ist. Wobei Fortschritt ganz allgemein als zunehmendes Wohlergehen möglichst vieler Teilhaber der Gesellschaft definiert sei.

Die Schweiz gehört zu den wenigen Ländern auf der Welt, wo Diskurse relativ frei stattfinden können.

Auch hier ist die Meinungsfreiheit weder grenzenlos, noch kostenlos. Aber eigentlich wären die Voraussetzungen für Diskurse zwecks Erkenntnisgewinn vorhanden.

Die jeweils in einem wahren Crescendo endenden Debatten über die richtigen Methoden zur Bekämpfung der Pandemie belegen aber leider, dass die Entfaltung der Diskursfähigkeit einer Gesellschaft nicht unumkehrbar ist.

Damit ist nicht das Vorhandensein von Polemik, Vereinfachung, Propaganda oder gar Demagogie gemeint. Zur Durchsetzung der als richtig angesehenen Meinung ist einiges erlaubt. Schon in den ersten Debattierklubs in Griechenland oder im französischen Parlament nach der Revolution fanden wahre Redeschlachten statt, wo nicht immer und unbedingt der Zwang des besseren Arguments den Sieg davontrug.

Aber dort ging es auch nur um die Entscheidungsfindung unter ausgewählten Privilegierten. In einer direkten Demokratie wie die der Schweiz geht es um die Meinungsbildung der Staats- und Stimmbürger.

Was ist verlorengegangen in der Debattenkultur der Schweiz?

Dabei ist zu konstatieren, dass das sogar bei hochemotionalen Themen wie der Initiative für die Abschaffung der Schweizer Armee entschieden besser gelang als bei der aktuellen Debatte über das verschärfte Corona-Gesetz. Die Abstimmung fand am 26. November 1989 statt, vor fast genau 32 Jahren. Also eine gesellschaftliche Generation zurück.

Wenn das schöne Bild von Friedrich Schiller stimmen würde, stünde ja die nächste Generation immer auf den Schultern der vorangehenden, sich erhebend zu mehr Aufklärung, Fortschritt, Erkenntnis.

Das ist hier offensichtlich nicht der Fall. Zur Beschreibung ist ein ganzer Begriffszoo entwickelt worden. Gesinnungsblase, Filterblase, Fake News, alternative Wahrheiten, Verschwörungstheoretiker, Hetzer, Rechtspopulisten. Das Vokabular für die andere Seite des politischen Spektrums existiert schon länger. Linke Spinner, revolutionäre Umstürzler, Systemveränderer, Enteigner, Befürworter der Abschaffung des Privateigentums.

Einzig weggefallen ist seit 1989 alles, was man vielleicht mit «Moskau einfach» fassen kann. Also die Schablone, dass jeder Kritiker an bestehenden Verhältnissen ein mehr oder minder verkappter Anhänger des sozialistischen Lagers sei.

Wie ist aber zu erklären, dass wohl Konsens herrschen muss, dass die Debattenkultur, die Diskursfähigkeit ganz allgemein sehr massiv nachgelassen hat? Abstimmungsdebatten waren noch nie ein Streichelzoo. Aber es ist unbestreitbar, dass das Bedürfnis nach Erkenntnisgewinn durch Diskurs zu Spurenelementen geschrumpft ist. Die Akzeptanz, dass einer eine andere – dadurch natürlich falsche Meinung  – als man selbst haben darf, beherrscht nicht mehr die Debatte.

So wird’s wieder grau und trist und schmal.

Der Zwang des besseren Arguments, also die Verwendung von Zweckrationalität, Logik, Analyse, qualifizierter Durchdringung eines Themas, das alles hat an Bedeutung verloren. Schlafschafe gegen Schwurbler, an solchen polemische Zuspitzungen ist nichts auszusetzen. Wenn sie unterfüttert würden mit Argumentationsketten, an denen man sich intellektuell abarbeiten könnte. Im Streben danach, dass man schlauer und einsichtiger werden will.

Angstvoller Rückfall in ängstliche Zeiten

Es handelt sich um einen Einbruch tiefer Irrationalität in Diskurse, die deswegen kaum mehr geführt werden können. Irrationalität entsteht durch Emotionalität, in erster Linie durch Angst.

Offensichtlich hat diese anhaltende Pandemie, die genauso vorübergehen wird wie alle vorher, unsere moderne Gesellschaft auf dem falschen Fuss erwischt. Obwohl wir Ursachen und Möglichkeiten zur Bekämpfung unvergleichlich viel besser kennen, verhalten sich grosse Teile der Gesellschaft wie im finsteren Mittelalter mit seinen Seuchenzügen.

Es wird nach Schuld und Sühne gesucht, nach Schuldigen und Sündern.

Der Andersdenkende ist nicht länger Bereicherung, sondern Bedrohung. Er muss nicht mehr überzeugt, sondern überwunden werden.

Seine Meinung ist nicht nur falsch, sondern gefährlich. Es ist zudem nicht einfach eine Meinung, sondern eine Haltung, eine Gesinnung.

Während man falsche Meinungen vielleicht noch argumentativ überwinden kann, müssen falsche Haltungen und Gesinnungen bekämpft, ausgemerzt werden. Sie stören nicht nur, sie sind eine tödliche Bedrohung. Deshalb ist jedes Gegenmittel erlaubt. Im Ernstfall die physische Vernichtung des Meinungsträgers.

Der Fortschritt ist leider nicht unumkehrbar.

Jean Gabin in «La bête humaine» nach Zola.

Ein Rückfall in Barbarei ist jederzeit möglich. Der Firnis des respektvollen Diskurses als einzig anerkannte Methode zur Entscheidungsfindung ist sehr, sehr dünn. Er ist abgekratzt. Darunter zum Vorschein kommt das lauernde, irrationale Tier im Menschen. Das nur gebändigt, nicht ausgelöscht wurde.