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Ich, ich, ich

Unseren täglichen Rassismus gib uns heute.

Der Lieblingssong vieler Journalisten muss «I and I» von Bob Dylan sein. Allerdings sind die meisten nicht gebildet genug, um den zu kennen. Auf jeden Fall nimmt die Betrachtung des Bauchnabels einen immer wichtigeren Bestandteil der täglichen Arbeitsimitation ein.

Dabei werden täglich neue Rekordversuche aufgestellt. Während der Journalist gemeinhin seinen eigenen Bauchnabel betrachtet und über dessen Befindlichkeit, Zustand, Grösse, Farbe und Veränderung seit gestern Auskunft gibt, stellt Sandro Benini im «Tages-Anzeiger» eine neue Perspektive in den Raum.

Ein Journalist betrachtet einen anderen Journalisten beim Betrachten dessen Bauchnabels. Konkret geht das so, dass Benini über eine Kollegin von «Finanz und Wirtschaft» schreibt – «die wie diese Zeitung zu Tamedia gehört». Diese Journalistin hatte getwittert: «Welcome to my Alltagsrassismus». Dieses merkwürdige Kauderwelsch entging nicht dem geschulten Augen Beninis, der sofort eine Story witterte, die man der Weltöffentlichkeit nicht vorenthalten kann.

Also bastelte er einen «Kopf des Tages» daraus, mit dem anklagenden Titel: «Sie hört pro Woche einen rassistischen Spruch». Denn sie sieht nicht wie ein reinrassiger Schweizer aus, wobei noch zu klären wäre, wie der aussähe. Seine Kollegin ist hingegen «Tochter einer Amerikanerin mit koreanischen Wurzeln und eines Schweizers jüdischen Ursprungs».

Wir ersparen es Benini, diesen Satz einem Spezialisten für Diversity, Gendern und der Beurteilung von Inklusionen sowie Exklusionen und rassistischen Untertönen zur Beurteilung vorzulegen. Wir schliessen aber gerne Wetten ab, dass der (oder die oder es) einige Ansätze für Kritik sähe. Alleine «koreanische Wurzeln, jüdischer Ursprung», also wirklich.

Wie auch immer, ihr Aussehen provoziert offenbar Dumpfbacken dazu, anzügliche Bemerkungen zu machen. Behauptet sie. Wie sie sich wohl jede attraktive Frau (und auch viele nicht attraktive) immer wieder anhören muss. Nur haben die in ihrem Fall bedauerlicherweise gelegentlich auch rassistische Konnotationen. Behauptet sie.

Das ist ein sicherlich ärgerliches Begleitbrummen im Leben. Aber wirklich berichtenswert in allen Kopfblättern des Tagi? Muss nun wirklich jeder (und jede) jegliche Form von Diskriminierung, Alltagsrassismus, alle dummen Sprüche, zu denen leider minderbemittelte Mitbürger in der Lage sind, in den Schrumpfzeitungen ausbreiten, die eigentlich wichtigere Themen zu behandeln hätten?

Ist solcher Pipifax wirklich einen Artikel wert? Als René Zeyer im Appenzell lebte, schmiss ein Bekannter meines Nachbarn jeden Sonntagmorgen den Rasenmäher an und mähte nicht nur dessen Magerwiese nieder, sondern auch meine. Als ich mir das verbat und darum bat, auch beim Nachbarn den Lärm wenigstens nicht um 8 Uhr morgens zu veranstalten, bekam ich die Antwort: «Bei uns in der Schweiz macht man das so

Wenn ich genauer darüber nachdenke, bin ich also auch ein Rassismusopfer. Ganz zu schweigen davon, was ich mir in der Schule anhören musste, als ich der schweizerdeutschen Krachlaute noch nicht mächtig war. Allerdings: sollte es mir in den Sinn kommen, jemals einen Tweet mit dem Titel «Welcome to my Alltagsrassismus» abzusetzen, wäre ich sofort bereit, mich psychologisch beraten und behandeln zu lassen.

Es ist eine zunehmende gesellschaftliche Erkrankung, ansteckender als Covid, Vogelgrippe und Schweinepest, dass sich jeder (und jede) als Opfer von irgendwas inszenieren muss. Fällt einem dazu trotz grössten Bemühungen nichts ein, kann man wenigstens stellvertretend leiden. Für die Schwarzen. Die Transen. Die Queeren. Die Frauen. Die Kinder. Die Ausländer. Die Inländer. Die Hybriden, Schwulen, Asexuellen, die People of Color, die Nachfahren von Sklaven, die Nachfahren von Sklavenhaltern, die Rastaträger, die sich kulturell aneignenden Rastaträger.

Die Moslems, Juden, Adventisten, Katholiken, Reformierten, Scientologen. Überhaupt für jede Minderheit. Für SVP-Wähler, Covid-Leugner, Verschwörungstheoretiker, Befürworter der Behauptung, dass Donald Trump der Sieg bei den Präsidentschaftswahlen geklaut wurde. Mohrenkopf-Esser, Trinker von koffeinfreiem Kaffee, Träger von Brioni-Anzügen. Denn auch all die sind Minderheiten; diskriminiert, verlacht, von Ausschliessung bedroht.

Keiner zu klein, diskriminiert zu sein. Jeder ist ein Opfer von allem und allen. Wer multiple Diskriminierungen vorweisen kann, ist dem einfach Diskriminierten deutlich überlegen. Väter sind Täter, Frauen sind benachteiligt und unterdrückt. Durch Sprache, in der Medizin, am Arbeitsplatz, durchs Kinderkriegen. Die blosse Zugehörigkeit zu irgendwas legitimiert das Leiden unter Diskriminierung. Das blosse Zusehen, sogar die Einbildung eines Leidens anderer reicht schon.

Eine Frau ist diskriminiert und Opfer. Eine dunkelhäutige Frau ist mehrfach diskriminiert und Mehrfachopfer. Eine lesbische, dunkelhäutige Frau mit Migrationshintergrund und Endometriose ist multipel diskriminiert und Fünffachopfer.

Dass angeblich von fürchterlicher Diskriminierung Betroffene, in deren Namen kräftig gelitten wird, sich häufig wundern, was offensichtlich wohlstandsverwahrloste Menschen sich einbilden, um etwas Farbe ins langweilige Leben zu kriegen, hält hierzulande niemanden davon ab, auch stellvertretend zu leiden. Wie Patti Basler. Wie diese Redaktorin der FuW. Wie so viele, wie viel zu viele.

Was noch fehlt: das Leiden an der Diskriminierung durch sich selbst. Zum Beispiel, ein Schwarzer, Pardon, eine Person of color, sagt zu sich selbst: als Schwarzfahrer bist du immer der Neger. Damit hat er sich selbst diskriminiert, exkludiert und das Ganze erst noch mit einem rassistischen Unterton und unter Verwendung eines Pfui-Worts. Und jetzt? Muss er sich vor sich selbst fürchten? Einen Sensibilisierungskurs besuchen? Hundert mal in sein Smartphone tippen: ich darf nie mehr Neger sagen? Patti Basler, stellen Sie sich das vor und helfen Sie!

Es ist so ein Elend in der Schweiz, dass es jedes Bürgerkriegsopfer der Dritten Welt, jede Mutter mit einem verhungernden Kind auf dem Arm in Afrika mit tiefem Schmerz und Mitgefühl erfüllen muss.

Was geht in Hirnen unter Haaren vor?

Früher litten Langhaarige, heute Dreadlocks-Träger.

Ein Phantomschmerz geht um. Also genauer ein «Unwohlsein». Es äussert sich in anonymen Rülpsern, und es trifft ausserhalb der «Republik» auf einhellige Ablehnung. Dort wird um Differenzierung gebeten und um den Begriff «kulturelle Aneignung» herumgeeiert.

Aber bei Menschen, die im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind, ist die Meinung einhellig: Wer etwas dagegen hat, dass Menschen welcher Hautfarbe, Rasse, Geschlechts, Alters oder Landeszugehörigkeit ihre Haare so tragen wie es ihnen passt, ist ein reaktionärer, rassistischer Idiot.

Ältere Leser erinnern sich noch, dass es eine Zeit gab, als «Langhaarige» in haarige Situationen gerieten. Sie wurden gerne in gewissen Kreisen aufgefordert, sich einen «anständigen» Haarschnitt verpassen zu lassen. Sie lösten damit gelegentlich auch hysterische Reaktionen aus, wurden aufgefordert, sich zu verpissen. Das waren die Zeiten, als man auch schnell Gefahr lief, «Moskau einfach» zugerufen zu bekommen.

Das mit «Moskau einfach» ist etwas aus der Mode gekommen, aber Kritik an Haartrachten feiert ihre Wiederauferstehung. Allerdings, sonst wäre es ja kein schlechter Witz, pflegten vor allem Konservative und Rechte das Tragen langer Haare zu kritisieren. Neuerdings sind es Alternative und Linke, die allergisch auf gewisse Arten, das Haupthaar zu tragen, reagieren.

Sie selbst haben unter ihren Haaren, so noch vorhanden, meistens einen Hohlraum, der mit wenigen Hirnzellen und vielen unverdauten Absichten, möglichst gut und gerecht zu sein, angefüllt ist. Dazu gehört natürlich, dass niemand auf dieser Welt diskriminiert werden darf. Nicht wegen seines Geschlechts, auch nicht wegen seiner Hautfarbe, keinesfalls wegen seiner körperlichen Befindlichkeit. Dick, dünn, gepflegt, ungepflegt, auch beispielsweise gefärbtes, zum Punk-Stachel gegeltes, teilweise rasiertes, zu kunstvollen Knoten verwobenes Haupthaar, auch getöntes, geföntes oder gelocktes, echtes oder falsches, muss toleriert werden.

Aber, so schaut’s aus, es gibt eine Ausnahme. Geboren aus dem Missverständnis, dass Dreadlocks der Ausdruck einer bestimmten Musikrichtung seien und eigentlich nur von Jamaikanern getragen werden dürfen, bürgert sich ein, dass weisse Träger dieser Haartracht diskriminiert werden. Immerhin unabhängig von ihrem Geschlecht oder ihrer Nationalität.

In Bern traf es Schweizer, nun in Zürich einen Österreicher. Die Begründung für solche Diskriminierung von Künstlern ist immer die gleiche. Irgend welche anonyme Verpeilte hätten angeblich ihr «Unwohlsein» geäussert ob dieser angeblichen «kulturellen Aneignung». Es ist denkbar, dass diese anonymen Spassbremsen dabei einen Poncho tragen, sich mit einem japanischen Sonnenschirm beschatten, einen Mojito schlürfen, in eine Kartoffel beissen, den Kaffee aus einer Porzellantasse trinken. Also «kulturelle Aneignungen» im Multipack begehen.

So wie jeder von uns das ständig tut, ohne dass das jemanden stören würde. Ausser, in der verzweifelten Suche nach geliehenem Leiden in der eigenen, ärmlichen und langweiligen Existenz, kommt jemand auf die hanebüchene Idee, sich beim Anblick eines weissen Dreadlocks-Trägers plötzlich «unwohl» zu fühlen.

Der Betroffene (generisches Maskulinum, gell) könnte nun sich übergeben, mit einer angeeigneten Cola den Magentrakt durchspülen oder aber, solange die Teilnahme an einem Konzert noch freiwillig ist, das Weite und frische Luft suchen, um sein Unwohlsein auszukurieren.

Diejenigen, die er mit seinem Unwohlsein belästigt, könnten ihm eine Kotztüte zuhalten, ihres Mitgefühls versichern, ihm den Vogel zeigen oder sich fürsorglich erkundigen, ob es Probleme mit dem Medikamentennachschub gebe.

Stattdessen eiert nun der Veranstalter des nächsten Festivals, an dem Dreadlocks getragen werden könnten (von Musikern. Von weissen Musikern. Von weissen Musikern, die Reggae spielen. Pfuibäh), unsicher rum, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet:

««Wir haben uns als Organisationskomitee noch keine abschliessende Meinung zum Thema gebildet», sagt Co-Präsident Kevin Heutschi auf Anfrage, «und wir fühlen uns auch noch nicht in der Lage dazu. Zuerst wollen wir uns informieren.»»

Es gelte aber «im Zweifel für den Künstler», murmelt der SP-Veranstalter des Röntgenplatzfestes, aber er weiss, was er ein paar Fundamentalisten unter seinen Festivalbesuchern schuldig ist: «Eines ist für Heutschi und das OK hingegen klar: «Wir müssen inklusiver und diverser werden.»» Denn bislang stünden vor allem «weisse Menschen, die meisten von ihnen Männer, auf dem Programm. Das müsse sich ändern.»

Wir bei ZACKBUM haben’s einfach. Hier schreibt nur ein alter, weisser Mann. Plus gelegentlich ein paar andere weisse Männer. Wir sehen aber überhaupt nicht ein, wieso wir «inklusiver» oder gar «diverser» werden müssten. Denn wir sind der altmodischen Auffassung, dass es völlig egal ist, wie der Autor eines Textes aussieht, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, welche Haarfarbe, wie viele Zähne, Finger oder Zehen er hat. Wenn der Text gut ist, ist das alles egal. Ist er schlecht, rettet mehr Inklusivität oder Diversität auch nichts.

Eine non-binäre Drag-Queen, die entweder asexuell werden will oder sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen, ist als Autor eines guten Textes jederzeit willkommen. Ist der Beitrag scheisse, dann wird er, nicht der Urheber, gnadenlos diskriminiert.

Oder anders formuliert: es gab mal Zeiten, da wurde ein Musiker nach der Qualität seiner Musik bewertet. Aber das waren noch Zeiten, bevor Vollidioten an die Macht kamen.

Wumms: Patricia Purtschert

Die Professorin für Geschlechterforschung ist nicht ganz dicht.

Bevor uns hier Machotum, männliche Arroganz, Diskriminierung und Schlimmeres vorgeworfen wird, bevor uns die bewegten Tamedia-Frauen in ihre Liste demotivierender Männersprüche aufnehmen: wir können’s beweisen.

Die nächste Fasnacht kommt bestimmt, und da gehört es zum guten Brauch, sich zu verkleiden. Wer das mag. Als Indianer, Pilot, Pirat, Mexikaner. Als Alien, Banker, Asiate oder, da wird’s aber schon heikel, Schwarzer.

Warenhäuser bieten entsprechende Kostüme an. Wie jedes Jahr, wenn nicht gerade Corona den Spass verdirbt. Dieses Jahr scheint Corona abzutreten, dafür tritt aber Frau Professor Purtschert an:

«Derartige Kostüme verbreiten rassistische und sexistische Vorstellungen. Eine Sortimentsbereinigung von Händlern wie Migros, Coop und Manor ist überfällig.»

Wollen wir uns kurz voller Abscheu einigen Beispielen zuwenden? Ein Sombrero, ein Indianerkopfschmuck, das ist «kulturelle Aneignung». Pfui. Ein «Herrenkostüm Asiate» besteht aus einem Kimono. Rassistisch. Bäh. Es geht aber noch schlimmer.

So ist bei einem Anbieter das Indianerkostum für Männer schlicht gehalten, das für Frauen wird mit dem Namen «Sexy Cheyenne» angepriesen. Mitsamt knappem Röckchen! Dabei gibt es doch keine sexy Cheyenne. Oder wenn, wieso dann keine sexy Indianer? In beiden Fällen ist’s aber kulturelle Aneignung. Rassistisch. Und sexistisch. Triple X, sozusagen.

Indianer kennen keinen Scherz.

Was ist die Lösung? Wie kann man sich als Geschlechterforscher*In* verkleiden? Soll man sich mit Gendersternchen behängen? Oder nein, warum nicht so: man geht als Nichts. Als geschlechtsloses, aussageloses, nicht-binäres, nichts diskriminierendes, nichts ausgerenzendes Wesen. Wie das aussieht?

Keine Ahnung, fragt doch Frau Professor.

Frauen, aufgepasst: Lebensgefahr!

Neben den Redaktionen von Tamedia, dunklen Nebenstrassen und selbst in der eigenen Wohnung gibt es eine neuentdeckte Gefahrenquelle.

Zungenverknotung beim richtigen Aussprechen des Wortes Opfer*In**? Nein, das Thema ist ernst, die Gefahr gross, bislang noch nicht richtig im Bewusstsein der Öffentlichkeit angekommen.

Aber, wer sonst, Tamedia benennt Ross und Reiter. Nun gut, vielleicht nicht das richtig passende Bild. Aber nachdem der interne, nach aussen getragene Protest offenbar verröchelt ist – sagt da jemand wankelmütige Frauen? –, kann man sich mit frischer Energie anderen potenziell tödlichen Formen des patriachalischen Sexismus widmen. Denn der tobt nicht nur im gläsernen Hauptquartier von Tamedia an der Werdstrasse.

Es gibt eine noch viel allgemeinere Form; bedauerlich, dass Tamedia dafür den Input einer Journalistin der «Süddeutschen Zeitung» braucht; wie konnte das den über 100 Frauen entgehen, die das Protestschreiben unterzeichneten – statt vielleicht mal ihrer Arbeit nachzugehen?

Lebensgefahr, titelt Tamedia, «Autos oder Klimaanlagen werden immer noch für Männer gebaut», weiss SZ-Journalistin Laura Weissmüller. Genauer gesagt, sie weiss es nicht, hat’s aber gelesen. Denn eine gewisse

«Rebekka Endler ist wütend. Sehr, sehr wütend. Kaum eine Seite in ihrem Buch kommt ohne Ausrufezeichen aus, gerne auch in der Variante eines Interrobangs, der Mischung zwischen Ausrufe- und Fragezeichen. Sie schreibt in Versalien, um ihren Erregungszustand zu verdeutlichen».

Ja was bringt die arme Frau denn so in Wallungen? Hormonelle Unausgeglichenheit? Aber nein: «Weil der Mann, schreibt sie, genauer der weisse Cis-Mann, das Mass aller Dinge sei: «Männlich ist die Norm, weiblich die Abweichung von der Norm.»»

Wir stellen vor: das Interrobang. Wird sich auch nicht durchsetzen.

Was kann man da tun, ausser richtig wütend werden? Auch da weiss Endler Abhilfe: «Wenn die Nasenscheidewand so schief ist, dass der Mensch nicht mehr atmen kann, muss die Nase erst gebrochen werden, bevor es besser wird.» Da sage ich doch als Mann mit gerader Nasenscheidewand: au weia. Wenn das ein Mann als Metapher bei einem Frauenthema verwenden würde… Mit etwas Pech müsste er sich um eine gebrochene Nase keine Gedanken mehr machen.

Männliche Dummys ignorieren die Hälfte der Menschheit

Denn die Auswirkungen, dass Auto-Dummys lange Jahre nur in männlich zu haben waren, sind leider nur in toten Frauen zu messen. Wussten sie: «Wenn eine Frau unter 50 einen Herzinfarkt erleidet, ist ihre Sterbewahrscheinlichkeit doppelt so hoch wie für einen Mann aus der gleichen Altersgruppe.» Warum denn das? «Weil bei ihr die Symptome anders seien», was aber häufig nicht richtig diagnostiziert werde.

Autofahren, Herzinfarkt haben, überhaupt die Medizin. Aber es ist natürlich noch schlimmer: «In den Städten fehlt es an Sitzgelegenheiten zum Ausruhen genauso wie an öffentlichen Toiletten – gerade für all diejenigen, die kein Pissoir benutzen können.» Sind denn Frauen wenigstens am Arbeitsplatz einigermassen geschützt, also ausserhalb von Tamedia? Ein klares Nein, denn so weiss frau,

«auch Raumtemperatur ist sexistisch».

Dabei ist sie doch gendermässig eindeutig weiblich. Aber in den USA sei die Standardbürotemperatur 21 Grad. Frauen haben’s aber, weiss man, lieber kuschelig wärmer. Bei 21 Grad gilt: «Kreative Arbeit, lernen, sprechen, alle intellektuellen Fähigkeiten sind quasi auf Eis gelegt, wenn Menschen frieren.» Wenn Frauen frieren.

Das ist nun wahrhaft diabolisch; was ergeben eigentlich Temperaturmessungen bei Tamedia? Etwa auch 21 Grad? Gut, das wäre eine Erklärung  für die auf Eis gelegten intellektuellen Fähigkeiten. Sind damit die Abgründe der zutiefst menschenverachtenden männlichen Perspektive im Design, in der Herstellung von Gebrauchsgegenständen, schon ausgeleuchtet? Fast. Denn nach schlimm kommt immer schlimmer.

 

«Es ist die klar feministische Perspektive auf das Design und all seine Verästelungen, die diese eklatante Fehlstellung, den blinden Fleck auf dem Skizzenblock der Gestalter zutage fördert. Wobei ja nicht nur Frauen ausser Acht gelassen werden, wenn nur ein gesunder, mittelalter weisser Mann als Ausgangspunkt für den Entwurf genommen wird. Alte und Kranke fallen nicht darunter, Menschen mit anderer Hautfarbe und Transgender auch nicht.»

Design nur für den mittelalten gesunden Mann

Genau. Meinen die männlichen Designer eigentlich, mit einer Schere für Linkshänder sei es getan? Wo bleibt der Schlagbohrer für einarmige uralte Transgender? Das Springseil für Rollstuhlfahrer? Trainingseinrichtungen für Bettlägerige?  Farbfernseher für Blinde? Autos, wo der Schminkspiegel nur hinter der linken Sonnenblende steckt? Tastaturen mit allen weiblichen Sonderzeichen?

Das fordere ich vehement. Als gesunder, mittelalter weisser Mann, der sich dafür schämt, so privilegiert zu sein. Ich bin gerade meine Gallenblase losgeworden, gilt das wenigstens als mildernder Umstand? Oder hätte ich mich beschweren müssen, dass es sicherlich keine Operationswerkzeuge speziell für Frauen gibt. Und der Chirurg war auch ein Mann. Die Krankenschwester hingegen entweder weiblich oder mindestens Transgender. Aber als Mann war ich wenigstens nicht in Lebensgefahr.

 

Ein Mann, ein Wort

In dieser mit allen Tricks und Untergriffen geführten Debatte braucht es eine klare Position.

Was 12 Prozent aller weiblichen Angestellten von Tamedia mit einem einzigen Schreiben hinkriegen: das Thema Frauendiskriminierung, Sexismus in den Medien ist mal wieder in aller Munde.

Worum geht es? Wohl jeder, ich auch, hat schon glaubhafte Beschwerden von weiblichen Angestellten gehört, dass ein Vorgesetzter unter Ausnützung seiner übergeordneten Stellung unsittliche Angebote gemacht hat. Das gemeinsame Abendessen zum «Kennenlernen». Bei Kerzenlicht. Der forsche körperliche Übergriff beim gemeinsamen Glotzen in den Bildschirm. Die anzügliche, nach Altherrenmief riechende Bemerkung.

Wir sind uns wohl einig, was widerlich und übergriffig ist

Oder noch übler: das Ankündigen einer Positionsverbesserung, vorausgesetzt, die Person im Abhängigkeitsverhältnis sei bereit, ihre Kenntnisse in Positionen vorzuführen, vielleicht in Nylons? Begleitet von anzüglichem Blick und schmierigem Lächeln. Wem es dabei nicht übel wird, ist wirklich ein Idiot.

Männerfantasie oder konsensuale Erotik.

Das alles ist widerlich, verachtenswürdig, muss sanktioniert, publiziert, denunziert werden. Dafür muss es entsprechende Strukturen geben, die allen Beteiligten die Möglichkeit zur Stellungnahme gibt, verifiziert oder falsifiziert und entsprechende Autorität zum Sanktionieren hat.

Handelt es sich möglicherweise um ein gröberes oder – wie man neudeutsch sagt – strukturelles Problem, dann hilft nur eine unabhängige Untersuchung von aussen. Wie zum Beispiel exemplarisch bei der deutschen «Bild», wo der Chefredaktor schwer in den Kugelhagel von diversen Vorwürfen geraten ist. Nun soll die renommierte Firma Freshfields Klärung bringen. Von aussen natürlich.

Das ist, ebenso wie bei Sexualdelikten in der Ehe oder allgemein mit nur zwei Teilnehmern, eine heikle und schwierige Angelegenheit. Genau wie das Opfer, meistens weiblich, aber nicht immer, die Opferrolle nur spielen kann, während der Täter in Wirklichkeit keiner ist, gibt es natürlich auch das Umgekehrte. Aber wie beiden Beteiligten gerecht werden?

Wer ist Täter, wer Opfer? Nicht das einzige Problem

Das ist ein Problem. Viel gravierender ist aber ein anderes. Sexuelle Belästigungen jeder Art, von wem auch immer, gegen wen auch immer, Diskriminierung aus welchen Gründen auch immer, das ist widerlich, ein Kampffeld, verdient Verachtung und Bestrafung.

Genauso aber auch, ein überhaupt nicht sinnvolles Kriterium anzuwenden, um Quotengleichheit, angebliche Gleichberechtigung und das Recht, jeden Zweifel an Anklagen als weiterer Ausdruck von Diskriminierung zu denunzieren, für sich in Anspruch zu nehmen.

Das ist schlichtweg Unsinn, negative Diskriminierung, eine Waffe im Kampf um bessere Positionen, mehr Geld, mehr Einfluss, mehr Macht.

Es ist das übliche rassistische Missverständnis, nur auf den Kopf gestellt.

Der da drüben ist blöd. Warum? Weil er dunkler Hautfarbe ist. Absolut bescheuerte Korrelation von zwei Eigenschaften, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Vor allem nicht im individuellen Fall.

Selbstverständlich gibt es auch Dunkelhäutige, die blöd sind. So wie es Blödis jeder Hautfarbe, in jeder gesellschaftlichen Stellung, in jedem Land, in jedem Alter – und bei jeder sexuellen Zuordnung oder Einordnung oder Selbstempfindung gibt.

Blöde gibt es überall, falsche Verknüpfungen aber auch

Es ist aber schlichtweg unlogisch, unhaltbar, eine contradictio in adjecto, ein Widerspruch in sich selbst, ein Junktim zu knüpfen nach dem Modell dunkelhäutig = dumm. Das Gleiche gilt für weiblich = diskriminiert. Das gilt noch mehr für weiblich = alleine berechtigt, sich als Opfer zu empfinden.

Das denaturiert und degeneriert zu diesen altbekannten Hilfskonstruktionen: hier wird nicht eine Tätigkeit oder ein Resultat kritisiert, sondern das Geschlecht der Tätigen ist ausschlaggebend. Der berühmte Satz zum männlichen Vorgesetzten: das kritisiert du nur, weil ich eine Frau bin. Oder der noch dümmere Satz: das kannst du als Mann gar nicht beurteilen.

Wenn nur gemeinsame, willkürlich gewählte Eigenschaften einen weitgehend herrschaftsfreien Diskurs zulassen würden, dann wäre Ende Gelände mit gesellschaftlicher Debatte zwecks Erkenntnisgewinn und Verbesserung der Welt.

Die Problematik der anonymen Beschwerde

Eine ganz üble Rolle spielt dabei die anonyme Anklage, die anonyme Beschreibung eines Übergriffs, einer Diskriminierung via Geschlecht. Greifen wir aus der jüngsten Auflistung ein Beispiel heraus: «Bis heute finden Kollegen es lustig, Sätze zu sagen wie:

«Da bei dir im Hintergrund schreit ein Kind, habe ich das mit dir gezeugt?»»

Gibt es solche Idioten wirklich bis heute? Im Plural? Wie heissen die? Gibt es mehr als eine Zeugin? Wieso wurde das nicht auf den vorhandenen Kanälen denunziert? Wurde das vielleicht nur deswegen aufgeführt, weil es das perfekte Titelquote abgibt, das dann auch prompt der «Spiegel» verwendete?

Wenn man diese Fragen stellt, wenn man das ganze Vorgehen für höchst problematisch hält, kann man dann auch guillotiniert werden, da man offenbar ein Sexist, Macho, Patriarch mit einem mittelalterlichen Frauenverständnis sei? Das kann ganz leicht passieren.

Gefangen im System

Und das ist dann die dritte und letzte Absurdität. No way out. Innerhalb dieses Systems kann man nur zustimmen. Oder schweigen. Aber Widerspruch welcher Art auch immer ist nicht möglich. Damit wären wir wieder völlig im Bereich des Glaubens, des Kanons, der unbezweifelbaren und nicht hinterfragbaren absoluten Wahrheiten angelangt.

Wohin das führt, wissen wir aus der Geschichte mehr als genügend. Hinzu kommen in diesem aktuellen Tamedia-Fall noch eine ganze Reihe von Ungereimtheiten, Merkwürdigkeiten, Gruppenzwängen, Wortführerinnen und Mitläuferinnen, die wir noch aufarbeiten werden.

Da hier der Besitz der einzig richtigen Wahrheit zu Hause ist? Aber nein. Im Gegenteil. Hier ist der Zweifel, das Hinterfragen, die Kritik an zu leicht Akzeptiertem zu Hause.

Weiss auf schwarz

Es darf gelacht werden. Wohin Antirassismus-Wahnsinn führt.

Der Mohrenkopf ist gegessen. Was solche aufwallende Erregung über angeblich ganz fürchterliche Manifestationen von Rassismus immer an sich haben: sie schäumen hoch wie dieses Schaumgebäck, und schluck, weg sind sie.

Höchste Zeit, aus gegebenem Anlass mal wieder an einige Höhepunkte (ich weiss, es gibt ein Meer mehr) solcher Anfälle zu erinnern. Obwohl die rassistische Verwicklung der Schweiz in Sklavenhandel und ideologischer Rechtfertigung dieses schlimmen Tuns noch nicht restlos aufgearbeitet ist. Aber auch da hat der Virus (welcher Rasse gehört der eigentlich an, wenn er maskulin ist, werden dadurch nicht weibliche Viren diskriminiert?) für Entspannung gesorgt. Aber Vorhang auf beim Panoptikum.

Prinzessin Tiana küsst Frosch. Na und?

Wer so reagiert, outet sich schon ganz am Anfang als unreflektierter Rassist. Dieser Disney-Film wurde nicht zuletzt nur mässig als neue Form des Blackfacing beschimpft, weil man vorsichtshalber Oprah Winfrey gebeten hatte, eine kleine Sprechrolle zu übernehmen. Und wenn Oprah damit dem Werk ihren Segen gibt, na gut. Da kann man nur noch hoffen, dass der Frosch kein Rassist ist.

Als Disney dann allerdings mit Pocahontas und Mulan weiter Inklusion und Diversität vorantreiben wollte, wurde der Konzern aber schwer beschimpft. Kulturimperialismus, unerlaubte Aneignung anderer Sitten und Gebräuche, Andersartige immer aus weisser Sicht, furchtbar.

Pfui, pfui, pfui. Dafür sollte sich der Globus heute noch schämen.

Uns fehlen die Worte, aber dieses Verhalten von Globi ist ja leider kein Einzelfall aus dunklen Zeiten:

Auch Asterix war Rassist. Leider.

Denn sonst hätte der Gallier eine solche Darstellung des Ausgucks auf dem Piratenschiff niemals akzeptiert.


Der Weisse am Steuer, der Hund aufmerksam, der Neger grinst.

Auch dieses düstere Struppi-Kapitel der belgischen Kolonialgeschichte ist noch nicht restlos aufgearbeitet.

Wer sieht hier die Anspielungen nicht?

Nichts harmloser (und hirnloser) als die Schlümpfe? Vorsicht, hier werden Kinderseelen ganz subtil rassistisch beschallt. Denn es ist doch offenkundig, wieso die Schlümpfe, mit einer Ausnahme, diese weissen Kappen tragen. Groschen noch nicht gefallen? Ku-Klux-Klan, Himmels willen. Erschwerend kommt noch hinzu: Werden die Schlümpfe krank, färben sie sich immer dunkler. Das ist doch unbestreitbar: damit wird dunkle Hautfarbe als Zeichen von Kranksein missbraucht.

Unerhört: das soll ein japanischer Cyborg sein?

Scarlett Johannson in «Ghost in a Shell». Etwas merkwürdig geschminkt, denkt da vielleicht der rücksichtslose Rassist, denn das sei doch eindeutig «modernes Blackfacing», erregten sich japanische Schauspieler. Blackfacing? Nun, so hiess der absurde Brauch, in «weissen» Clubs oder Bars, in denen in den USA keine Schwarzen auftreten durften, sie mit weissen Darstellern zu substituieren, die einfach schwarz angemalt wurden.

Wäre heute auch nicht mehr möglich: Orson Welles als Othello.

Nun gefiel es William Shakespeare (weiss, Mann), ein unsterbliches Theaterstück über den Mohren von Venedig zu schreiben. Dessen reales Vorbild war nun mal schwarz, also schminkten sich Schauspieler auch schwarz für die Rolle. Darunter auch mein absoluter Liebling Orson Welles, die herausragende Verkörperung der übergrossen Shakespeare-Figuren. Zudem war der Film ja noch schwarzweiss. Nein, mit einem solchen Kalauer käme heute weder er noch ich durch. Deshalb sind wir natürlich entrüstet.

Beschränkt sich diese beschränkte Suche nach Anzeichen von Rassismus nur auf Bilder und Filme? Aber nein. Es gibt einen aktuelle Anlass auf literarischem Gebiet. Also gut, literarisch wäre dann noch die Frage. Auf jeden Fall hat sich in den Niederlanden (und das wird überschwappen), ein Streit entwickelt, wer denn eigentlich dazu legitimiert ist, das Gedicht «The Hill we Climb» zu übersetzen. Für Kulturbanausen: Das trug Amanda Gorman bei der Inaugurationsfeier für Joe Biden vor.

Schwarz, jung, fantastisch gekleidet, klare Aussprache.

Ich würde ja sagen: jeder ist legitimiert, der es im Kopf aushält, sich mit diesem spätpubertären, aufgeblasenen Geraune zu befassen, bei dem man eine ganz grosse Portion Gesinnung drüberstreichen muss, will man es als Lyrik bezeichnen. Aber natürlich – der Leser ahnt es schon – geht die Debatte darum, ob jeder, der dazu qualifiziert ist, übersetzen darf. Auch ein Mann? Ein weisser Mann? Ein schwuler, weisser Mann? Oder ein schwarzer? Nicht besser eine schwarze Frau? Aber bitte nicht zu alt? Und überhaupt, schwarz ist doch nicht gleich schwarz, sollte es nicht jemand mit dem gleichen ethnischen Hintergrund sein? Wieso überhaupt? Na, sonst könnte es doch passieren, dass fürchterliche Dinge wie Kulturimperialismus, Aneignung, lyrisches Blackfacing, neuerliche Diskriminierung passieren könnten.

Aha. Wer dagegen einwendet, dass es keine schwarze oder weisse Mathematik gibt. Nur richtige oder falsche. Keine schwarze oder weisse Küche. Nur gelungene oder missratene. Keine schwarze oder weisse Lyrik. Nur solche, die dem Anspruch Hölderlins genügt: «Was bleibet aber, stiften die Dichter». Und solche wie die von Gorman, die dem nicht genügt: in jeder Hinsicht disqualifiziert. Schämen und ab in den Sensibilisierungskurs.

All das dürfte ich als älterer, weisser, privilegierter, dazu auch noch Bildung diskriminierend ausspielender Mann gar nicht sagen. Wobei ich noch errötend gestehen muss, dass ich zu allem zu heterosexuell bin, mich weder vegan, noch vegetarisch ernähre, ein Auto besitze (Diesel!), und mein E-Chopper reisst es da auch nicht mehr raus.

Ach, du Dudin, du, dudeldu

Stetes Geschrei bringt selbst Institutionen ins Wanken. Korrektheit wird in Phonstärke gemessen. Der Duden verabschiedet sich aus dem seriösen Bereich.

Erteilen wir das Wort der Duden-Redaktionsleiterin Kathrin Kunkel-Razum: «Ein geschlechterübergreifender Gebrauch der maskulinen Formen gerät immer stärker in die Diskussion, da oft nicht eindeutig ist, ob nur männliche oder Personen aller Geschlechter gemeint sind.»

Mit Verlaub: das ist gerüttelter Unsinn, solange ich mich eindeutig mit «die Person» angesprochen fühle, obwohl ich nicht weiblich bin. Die Aussage ist zudem bescheuert, weil auch niemand ernsthaft sagen würde: «Der Gebrauch von «nämlich» ohne h nach dem ä gerät immer mehr in Diskussion.» Die Aussage ist unter jeder Kritik, weil jeden Tag Millionen beweisen, dass sie des korrekten Gebrauchs der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Auch dadurch gerät nichts «in Diskussion».

Sprache folgt nicht nur logisch nachvollziehbaren Regeln, es ist ja keine Mathematik. Wer ihr aber «ans Mieder geht», wie das Karl Kraus so richtig sagte, sollte schon wissen, was er tut. Der Duden weiss es leider immer weniger.

Sprachreinigungsrituale als wohlfeile Protestwiese

Zumindest online gibt es neue Sprachverbrechen im Duden wie «die Gästin» oder «die Bösewichtin». Verunglückte Sprachreformen, konsequente Kleinschreibung, gar Sprachreinigung; gescheiterte  Versuche, die deutsche Sprache und ihr Regelwerk zu verunstalten, gab es viele in der Geschichte.

Endlich: Frauen dürfen auch wichteln.

Viertopfknalltreibling für Vierzylinderexplosionsmotor starb an seiner Lächerlichkeit. Begriffe wie Untermensch oder Endlösung sind für unabsehbare Zeit kontaminiert. Immer wieder gibt es Versuche, die Sprache zu missbrauchen, sie als diskriminierend gegen irgendwas oder irgendwen zu denunzieren. Das äussert sich bis heute in absurden Sprachreinigungsritualen; wer Mohrenkopf sagt, ist ein Rassist und sicherlich für Sklaverei. Wer Neger, Farbiger sagt, wer behauptet, Schwarze könnten gut tanzen, auch der ist Rassist.

Wer das nicht sagt, logisch, ist keiner. Mit der gleichen Irrwitzlogik wird im Genderwahn das generische Maskulin kritisiert; der Gast (wie auch die Gäste) diskriminiere die Hälfte der Menschheit. Was aus diversen Gründen Unsinn ist. Während der generische Mieter eben alle umschliesst, auch alle Menschen, die sich als non-binär, also weder als Weiblein, noch als Männlein fühlen, soll nun ein Monstrum wie der Gast, die Gästin (m/w/d) geboren werden, wobei d für «divers» steht.

Genderisierung ist in jeder Form lächerlich

Diesen Sprachfanatikerinnen ist nicht einmal klar, dass dann das Lob «eine der wichtigsten Schriftstellerinnen» ein viel kleineres ist als «eine der wichtigsten Schriftsteller». Aber hier geht es weder um Logik, noch um eine Verbesserung des Sprachgebrauchs. Es geht schlichtweg darum, dass das ganze Geschrei um Männersprache, sprachliche Unterdrückung der Frau wohlfeil ist, von jeder Feministin – so sie der deutschen Sprache mächtig ist – bei jeder Gelegenheit in die Luft geblasen werden kann.

Aber so wie die Denunziation des Wortes Mohr, gar das Verbot seiner Verwendung keinen einzigen Rassisten zum Antirassisten macht, so ist diese Sprachverirrung der Genderung aller Begriffe nicht nur lächerlich. Schlimmer noch, durch ihre offenkundige Idiotie verschafft sie dem Neurologen und Psychiater Paul Julius Möbius neue Anhänger. Der publizierte 1900 ein Essay über die angeblich geringere geistige Ausstattung der Frauen. Unter dem schönen Titel: «Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes».

Dass nicht nur viele verwirrte Kampffeministinnen diesem Vorurteil Vorschub leisten, ist schon bedauerlich. Dass sich nun auch der Duden diesem Schwachsinn anschliesst, ist bedenklich.

Oops, they did it again

Ist die Schweizerische Nationalbank ein Herrenclub, ladies and gentlemen?

Die Methode ist bekannt. Sexismus, Mobbing, Skandal. Hat die «Republik» schon mehrfach probiert, ist damit aber auch regelmässig auf die Schnauze gefallen.

Auch ihr Versuch, mit angeblich unbeaufsichtigten, schlecht ernährten und sonst wie gequälten Kindern beim grössten Schweizer Anbieter von Kitas zu punkten, war ein Griff ins Klo: alle offiziellen und externen Untersuchungen ergaben: nix dran, nix zu meckern.

Mal wieder Aufgewärmtes, frisch serviert

Nun probiert es die «Republik» mal mit der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Mit knapp 24’000 Anschlägen ist der Artikel für «Republik»-Verhältnisse geradezu schlank und rank. Er hat allerdings, wie schon der Versuch, mit dem aufgewärmten Bündner Bauskandal zu punkten, eine Vorgeschichte.

Denn ein gewisser Fabio Canetg publizierte am 2. September auf swissinfo.ch einen Beitrag über die SNB: «Es ist etwas faul bei der SNB. Es riecht nach Geschlechterdiskriminierung». Diese Aussage basiert auf einer Auswertung der Geschlechterverteilung in Führungspositionen. 117 von 145 seien von Männern besetzt, weiss Canetg. Also 81 Prozent, bei der US-Notenbank seien es lediglich 57 Prozent.

Klarer Fall, Diskriminierung. Und dabei spricht Canetg den Skandal gar nicht an, dass der Anteil von «divers» bei null liegt. Wobei, halt, der Skandal ist, dass Canetg dieser Skandal gar nicht auffällt. Wo die «Republik» doch selbst ihren launigen Gruss zu «Ladies, Gentlemen and everybody beyond» angepasst hat.

Warum nicht mal durchschütteln, mixen und neu einschenken?

Aber Scherz beiseite, wie es der Zufall so wollte, unterhält Canetg auch noch einen «Geldcast», und bei dem war Patrizia Laeri zu Gast. Genau, die Kürzestzeit-Chefredaktorin von CNN Money, zurzeit offen für Neues. Sie selbst kann sich über Frauendiskriminierung nicht wirklich beschweren, aber laut Canetg hätten sich dann ein rundes Dutzend Frauen bei ihr und ihm gemeldet, die von haarsträubenden Zuständen bei der SNB zu berichten wussten.

Da dachten sich Laeri und Canetg: he, wieso schütteln wir den Ursprungsartikel nicht mal gut durch, stecken ihn in den Mixer mit Auszügen aus anonymen Erfahrungsberichten, und fertig ist der Smoothie, der den «Republik»-Lesern runter geht wie ein Latte Macchiato, gebraut mit Kaffeebohnen aus Nicaragua.

«Steinzeitlich» und «autoritär» gehe es bei der SNB zu, weiss die «Republik», Thomas Jordan trage den Übernamen «Mr. Konservativ» und herrsche mit nahezu unbeschränkter Macht, zudem würden Leute mit «einer bestimmten politischen Richtung» gezielt befördert. Ich finde es ja auch bedauerlich, dass unser oberster Währungshüter nicht gelegentlich Salsa tanzt und nach sechs Mojitos nach Hause geschleift werden muss. Aber mit Sexismus hätte das noch nicht viel zu tun.

Eher ein leiser als ein lauter Sexismus

Das fällt gerade rechtzeitig auch den «Republik»-Autoren ein, also fahren sie fort, durch alles hindurch ziehe sich «ein manchmal leiser, öfter offenkundiger Sexismus. Der sich auch daran zeigt, dass bei der Nationalbank auf 8 von 10 Führungs­posten Männer sitzen.»

Das kann Sexismus sein, das könnte vielleicht auch damit zu tun haben, dass selbst aktuell nur 35 Prozent aller Studenten der HSG weiblich sind. Aber wie auch immer, es gibt genügend geschilderte Vorfälle, um anzunehmen, dass die SNB ein paar Probleme mit Frauen hat. Beziehungsweise mit deren Behandlung und Förderung.

Wer nun aber saftige Darstellungen übler Übergriffe erwartet, wird enttäuscht. Um «Skandal, Sexismus, Chauvinismus» und «strukturell verankert» zu krähen, das geben die Fallbeispiele eigentlich nicht her.

Fragen bei Bewerbungsgesprächen, die fehl am Platz sind, so zu früherem Einkommen oder der familiären Situation, die aber selbst von einem «Republik»-Experten allerhöchstens als «grenzwertig» bezeichnet werden, das ist zwar nicht gut, aber weit von einem Skandal entfernt.

Dann gibt es Klagen über «ganz normalen Alltagssexismus». Der äussere sich darin, dass Frauen unter Druck gesetzt würden, ein Vorgesetzter habe einmal einer Mitarbeiterin erklärt, wofür deren Geschlechtsorgane gut seien.

Die allgemein übliche Lohndiskriminierung

Schliesslich die in der gesamten Schweizer Arbeitswelt vorhandene Lohndiskriminierung. Das ist nun wirklich kein spezifisches Problem der SNB. «Die hier geschilderten Vorfälle wiegen schwer», urteilt die «Republik» in eigener Sache. Publizitätshungrige Politiker eilen natürlich herbei und kündigen gewichtig parlamentarische Vorstösse an.

Ohne einen einzigen der geschilderten Vorfälle verniedlichen oder bezweifeln zu wollen: Die SNB hat 937 Mitarbeiter. Dass es unter denen den einen oder anderen testosterongesteuerten Macho gibt, ist bedauerlich. Lohndiskriminierung per Geschlecht ist nicht nur bei der SNB ein Problem. Aber angesichts der geringen Zahl und der geringen Schwere der geschilderten Vorfälle hat SNB-Direktor Thomas Jordan natürlich recht, wenn er von inakzeptablen Einzelfällen spricht.

Dass sich weder er noch die SNB zu spezifischen, einzelnen Fällen äussern, ist keine Dialogverweigerung, sondern schlichtweg als Arbeitgeberpflicht vorgeschrieben.

Zwei Fragen drängen sich allerdings auf

Zwei Fragen stellen sich aber doch bei diesem Artikel: Fabio Canetg bezeichnet sich darin selbst als «Geldökonom». Da täte vielleicht eine Fortbildung not, denn mit seiner Behauptung, die SNB verwalte «ein Volksvermögen von 950 Milliarden Franken», würde er bei jedem Anfängerkurs an der HSG durchfallen.

Und müsste eigentlich von der Uni verwiesen werden, da er selbst auf Nachfrage sich nur artig für das Interesse bedankt und auf die Webseite der SNB verweist, wo als «Anlagevolumen» per Ende Juli 949 Milliarden Franken aufgeführt sei. Meiner Treu, wenn das die wissenschaftliche Zukunft der Schweizer Volkswirtschaft ist. Setzen, Strafaufgabe: Wir basteln uns eine doppelte Buchhaltung, schreiben links Aktiva und rechts Passiva und schauen, was rechts übrig bleibt, wenn man die Passiva von den Aktiva abzieht. Waseliwas?

Schliesslich ist dieser «Republik»-Artikel die Fortsetzung eines Werks für swissinfo. Sich selbst kopieren ist durchaus erlaubt, wenn auch nicht rasend originell. Aber im Kampf gegen Frauendiskriminierung muss die Frage erlaubt sein, wieso in der «Republik» die Mitarbeiterin, mit deren «Unterstützung» Canetg das Original schrieb, unerwähnt bleibt. Die Nachfrage nach der verschwundenen Mitarbeiterin am Artikel beantwortet Canetg einfach nicht. Auch auf die Gefahr hin, sich damit doch einem verschärften Sexismusverdacht auszusetzen. Stolz vermerkt Canetg im «Republik»-Artikel hingegen, dass ebenfalls der «Blick» über dieses Männerproblem bei der SNB berichtet habe.

Darf man das Inzucht nennen, oder wäre das irgendwie -istisch?

Wäre es wirklich ein Platzproblem geworden, wenn er erwähnt hätte, dass die «Blick»-Kolumnistin Patrizia Laeri, seine Mitautorin, in ihrer «Blick»-Kolumne seinen swissinfo-Artikel lobend erwähnte? Eingeleitet mit der vorwurfsvollen Schilderung, dass sich Thomas Jordan doch erfrecht habe, auf eine Reihe blöder Fragen von ihr bei einer Pressekonferenz höflich zu antworten: «Frau Laeri, diese Fragen meinten Sie aber nicht ernst?»

Wenn Jordan wüsste, wie knapp er da einem Sexismus-Vorwurf entkam, wo Laeri doch einen grünen Rock trug und sich nach der Nachhaltigkeit von SNB-Anlagen erkundigte.

Wie viele Mitarbeiter braucht es, um Externe Artikel schreiben zu lassen?

Sozusagen in eigener Sache noch zwei Bemerkungen zur «Republik». Trotz 50 Nasen auf der Payroll wurde dieser Artikel, mit dem das Online-Magazin mal wieder in die Schlagzeilen kommen will, von zwei Externen geschrieben. Genauso wie die Aufarbeitung des Wirecard-Skandals und seine Enthüllung in der «Financial Times» der Einfachheit halber von der FT übernommen wurde.

Wenn man alles zusammenzählt, hat die «Republik» in den vergangenen sieben Tagen 29 Stücke rausgepustet. Davon höchstens 27 eigene. Also nur unwesentlich mehr als ZACKBUM.ch. Was dort pro Monat so eine halbe Million kostet, hier bei drei Nasen null.

Wollen sich die Genossenschafter der «Republik» so nebenbei entmannen lassen?

Und so ganz nebenbei gibt die «Republik» bekannt, dass es mal Zeit für eine Statutenänderung sei. Nix wirklich Wichtiges, einfach eine Anpassung, Präzisierungen, you know, ladies and gentlemen. Darin versteckt wird die Budgethoheit von der Genossenschafterversammlung auf den Vorstand verschoben. Dessen Mitglieder auch nicht mehr jedes Jahr, sondern nur noch alle drei Jahre gewählt werden sollen.

So genossenschaftlich-republikanisch und basisdemokratisch soll es also bei der «Republik» künftig zu und hergehen. Erinnert irgendwie an die «Animal Farm» von Orwell, finde ich.

Man darf gespannt sein, ob die dafür nötige Zweidrittelmehrheit bei der Urabstimmung erzielt wird; sich die Genossenschafter also selber, Pardon, entmannen wollen. Wo doch die Finanzen nicht so wirklich die Kernkompetenz der «Republik»-Macher sind.