Was sieht der «andere Blick»?
God Almighty und Chefredaktor Eric Gujer ordnet die Welt.
Roger Köppel scheitert regelmässig am staatstragenden Ton und dem Habitus eines Helmut Schmidt. Sich über die Fähigkeiten der Tamedia-Chefredaktorin Raphaela Birrer zu äussern, wäre ohne strengen Sexismus-Verdacht nicht möglich. Das gilt auch für die abservierte «Blick»-Chefin.
Aber da gibt es noch Eric Gujer. Multimedial präsent, feine Klinge, Kommentare mit Sachverstand, Hintergrundwissen und Esprit. Auch geschäftlich ist der Mann gut unterwegs. Während sein indirekter Vorgänger als CEO Veit Dengler als Heimweh-Österreicher eine Expansion dorthin in den Sand setzte, ist Gujer mit der Eroberung des deutschen Markts gut unterwegs.
Während Tamedia jämmerlich Berichterstattung aus München einkauft, baut die NZZ eine Filiale in Berlin auf, die immer bedeutender in der deutschen Medienlandschaft wird, seit die FAZ schwächelt.
Mit dem «anderen Blick» liest Gujer regelmässig der deutschen Politik die Leviten. Da greift er für NZZ-Verhältnisse gerne auch zum Zweihänder: «Die Politik versagt, und der Staat ist überfordert. Deutschland hat ein echtes Problem».
Auf wenigen Zeilen bringt er die Misere der aktuellen Politik auf den Punkt:
«Wähler und Gewählte in Deutschland teilen eine Erfahrung: Ohnmacht. Die Politiker fühlen sich verfolgt von einer undankbaren Öffentlichkeit und gefesselt von Sachzwängen. Das Volk hingegen hält die Politik für abgehoben und unfähig, selbst einfache Probleme zu lösen.»
Zerfallende Infrastruktur, marode Schulhäuser, eine dysfunktionale Deutsche Bahn, früher Leuchtturm an Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Zehn Jahre «wir schaffen das», also eine gescheiterte Asylpolitik. Turmhohe Schulden, auf die – getarnt mit dem demagogisch-genialen Begriff «Sondervermögen» – Multimilliardenschulden draufgesattelt werden. Dennoch reicht’s nicht, und es ist wieder die Rede von Steuererhöhungen.
Gujer skizziert die Etappen dieser Entfremdung zwischen Gewählten und Wählern: «Zugleich begannen die Gewählten, die Wähler zu beschimpfen. Der politisch-publizistische Komplex denunzierte konträre Meinungen als «Wutbürgertum». Später als «Schwurbler» und «Verschwörungstheoretiker».»
Bildungsmisere, Euro-Krisen, Flüchtlingskrise, Pandemie. Klare Schlussfolgerung: «Die Mehrheiten lassen nur Stillstand zu, solange ein Bündnis mit der AfD ausgeschlossen bleibt.» Oder wenn man als einzige Antwort auf die laut Umfragen inzwischen wählerstärkste Partei Deutschlands mit einem Verbot liebäugelt, wie es die Winzpartei SPD inzwischen tut.
Da inzwischen mehr als die Hälfte aller Deutschen in der einen oder anderen Form von Sozialleistungen profitiert und jede Partei, die gegenwärtigen und zukünftigen Rentnern klaren Wein einschenkt – die Renten sind so nicht mehr finanzierbar – sich gleich auflösen könnte, sind sowohl Gewählte wie Wähler an der Situation schuld.
Soweit eine richtige Diagnose. Es ist nun nicht die Aufgabe des Wegweisers, zum Ziel zu gehen. Allerdings wäre der Leser doch verbunden, wenn Grossanalyst Gujer auch ein paar Therapieansätze auf Lager hätte. Denn so schön der Analysebogen auch ist, die Landung gelingt ihm nicht wirklich elegant: «So wächst der Frust weiter, und alles bleibt beim Alten, im Grossen wie im Kleinen.»
Man erinnert sich unwillkürlich an das grossartige Bonmot von Lampedusa im «Gattopardo»: «Alles muss sich ändern, damit alles bleibt, wie es ist.» Was passiert aber, wenn sich einiges ändern müsste, aber dennoch alles bleibt, wie es ist? Da ist die AfD nicht Ursache des Übels, sondern höchstens Symptom. Ihr Wirtschaftsprogramm ist lachhaft und unterscheidet sich kaum von den Parteiprogrammen der anderen. Ihre Lösungsvorschläge müssen keinen Realitätstest fürchten, ihr Personal ist teilweise zum Fürchten und so angebräunt, dass es sie eigentlich unwählbar macht.
Die Frage, vor deren Beantwortung der anders blickende Gujer zurückschreckt, ist: ist nach 80 Jahren der moderne, demokratische Sozialstaat am Ende seiner Laufzeit angelangt? Ausser in Teilen Europas und im angelsächsischen Raum hat er sowieso nie existiert. Und wenn ja, wodurch wird er ersetzt?
Durch eine Autokratie, wie sie Trump anstrebt und wie sie in China, Russland, weitgehend auch Indien und Indonesien bereits existiert? Das wäre doch mal ein Thema für einen besseren Blick …








