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Wumms: David Gugerli

Was für ein grossartiges Interview in der NZZaS.

Normalerweise dient diese Kategorie dazu, Kritik an einer Person zu üben. Hier ist es ein uneingeschränktes Lob. Wenn man das Titelzitat liest, denkt man noch: oh je, das wird wohl langweilig: «Wir werden das Menschsein neu definieren».

Aber davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Es sind die beiden besten Seiten zum Thema KI, die man bislang lesen durfte. Das liegt in erster Linie an dem Technikhistoriker Gugerli. Der ist kompetent, informiert, witzig und schlagfertig. Er schüttelte die passenden Beispiele aus dem Ärmel, hinterfragt gnadenlos dumme Implikationen in den Fragen und verschafft dem Leser das, wonach er so oft vergeblich dürstet:

unterhaltsamen Erkenntnisgewinn.

Zunächst killt er mal den «Begriff Fortschritt», den der Interviewer in seiner ersten Frage verwendet: «Er kann fast nichts erklären. Er impliziert einen zwangsläufigen und zielgerichteten Weg in die Zukunft, von der wir doch praktisch nichts wissen. Zudem blendet der Begriff die Frage aus, für wen sich Vorteile und für wen sich Nachteile ergeben werden. Dieser «Fortschritt» ist gewissermassen naturwüchsig. Ich spreche lieber von technischem Wandel. Er lässt sich evaluieren und findet nicht einfach statt.»

Auch die obligate Frage nach der Zukunft der KI pariert er bravurös: «Es stimmt, im Moment hat man die Wahl zwischen Apokalypse und Erlösung. Aber das heisst eigentlich nur, dass noch kein Konsens darüber gefunden worden ist, was zu erwarten ist

Auch zur Frage, ob die KI das «Menschsein», unsere Vorstellung vom Menschen infrage stelle, wird souverän abgeklatscht:

«Da würde ich gern zurückfragen: Wer ist gemeint mit «der Mensch»? Ursula von der Leyen oder Jacqueline Badran? Trump oder Putin? Peter Alexander hätte das wohl noch gewusst. «Hier ist ein Mensch» hiess sein Schlager: «Kennst du seinen Namen? / Seinen Namen kennst du nicht / Sieh zu ihm hinüber / Und dann kennst du sein Gesicht.»

Das bedeutet?

Der sogenannte Mensch ist Kitsch. Es gibt Junge, Alte, Reiche, Arme – das Entscheidende sind die unterschiedlichen Motivationen und Interessen. Als Historiker frage ich mich, was man sich in einer bestimmten Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit unter dem «Menschen» vorgestellt hat. Und je nachdem, wie diese Gedankenfigur aussah, gab es Irritationen angesichts des technischen Wandels.»

Dann traut sich der Interviewer noch, den Begriff Artefakt zu verwenden. Hätte er besser gelassen:

«Was wollen Sie denn jetzt noch mit den Artefakten? Ich dachte schon, wir hätten mit dem «Menschen» und dem «Fortschritt» alles analytisch Unbrauchbare weggeräumt. Wenn Sie einen alten Apparat vor sich haben, den Sie nicht mehr aus eigener Erfahrung kennen, dann wissen Sie vermutlich auch nicht, ob Sie damit Gartenabfälle klein hacken, Kaffee machen oder Saiten für Musikinstrumente herstellen können. Das heisst: Ohne den Benutzer, ohne Gebrauch, ohne Anschluss an erwartbare, zulässige oder befürchtete Einsatzformen ist «Technik selber» bloss eine Ansammlung von Teilen aus Blech, Glas, Gummi und Plastik. Sie hat nur einen Wert und einen Sinn, wenn sie in Gebrauch genommen wird.»

Man kann gar nicht genug zitieren, aber hiermit muss es ein Bewenden haben. Nicht ohne den Aufruf: das müssen Sie lesen. Vollständig. Unbedingt. Besorgen Sie sich dieses Interview, es ist die Anstrengung wert.

«Gehen Sie als Technikhistoriker anders durch die Welt?

Anders als eine Spezialistin für fakultative Rückversicherungsverträge? Ja, die «déformation professionelle» ist nicht zu vermeiden. Was sehe ich, wenn ich am Morgen meinen Kaffee am Bellevue trinke? Ich sehe interagierende Menschen und Geräte und Systeme aus ganz unterschiedlichen historischen Zeiten – ein Gewusel von Trams, Fussgängern, Velos, Kinderwagen. Auf dem Platz kreuzen sich Schienen und Stromleitungen und Strassen, «Züri rollt» hat einen Container, es gibt eine Wurstbude und eine Bedürfnisanstalt, jemand verkauft noch alte Uhren. Das ist das Bellevue, und es ist ein künstlicher Ort, aufgeschüttet mit dem Bau der Quaianlagen am See im 19. Jahrhundert, als Zürich so schön wie Luzern werden wollte, mit nobler elektrischer Beleuchtung und bald auch gepflästert. Und während in den 1980er Jahren vor allem die Junkies das Rondell benutzten, hat man mittlerweile ein Café mit hohem Umsatz eingebaut. Das sind die Dinge, die ich dort sehe – und alles ist Technik. Sie lebt, und sie lebt im Gebrauch.»