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Da wackelt die Trutzburg

In Liechtenstein wurden die Kronjuwelen geklaut: 31’000 Datensätze.

Wer sein Geld ins Fürstentum bringt, zählt auf Seriosität und Diskretion. Dafür gibt es Stiftungen, Trusts & Co., wo der eigentlicher Besitzer oder Nutzniesser hinter Stiftungsräten im Nebel der Geheimhaltung verschwindet.

Denn in diesem Führungsorgan muss mindestens ein fürstlicher Treuhänder sitzen, und der beruft sich natürlich auf seine Schweigepflicht. So lief das Geschäftsmodell jahrelang wie geschmiert. Aber im immer stärkeren Kampf gegen Steuerhinterziehung und Geldwäsche sah sich das Ländle gezwungen, eine Liste aller wirklichen Nutzniesser anzulegen, das «Verzeichnis wirtschaftlich berechtigter Personen» (VwbP).

Da stehen sie alle drin. Mit vollem Namen, Wohnsitz und Adresse. Und diese Kronjuwelen des Geldverwaltungsgeschäfts sind geklaut worden. Also genauer kopiert worden. Vollständig. Restlos. Der GAU, der Über-GAU.

Am 1. August lächelte Liechtensteins Regierungschefin Brigitte Haas noch an der Bundesfeier in Schwyz.

Am 2. August musste sie ein betroffenes Gesicht machen, als die Regierung in einer Medienkonferenz den Skandal bekanntgab:

Das rauscht inzwischen durch die Medien: «Hacker stehlen 31’000 Datensätze aus Liechtensteiner Register», «Cyber-GAU im Fürstentum Liechtenstein», «Herzstück des Ländle-Erfolgs geknackt und ausgeraubt», usw. Die Androhung des fürstlichen Vetos gegen die Annahme einer Abtreibung-Initiative? Schnee von gestern, interessiert zurzeit keinen.

Ein Raubüberfall auf eine Fürstenbank? Ein weiterer Treuhänder, der in den Geldtopf gegriffen hat? Ein weiterer Skandal bei der Entwendung einer Stiftung zwecks Selbstbereicherung der Verwalter? Schmutzige Gelder aus aller Welt, aus Venezuela, Afrika, dem Iran oder einer Terrororganisation? Die fürstliche Unrechtsjustiz, die liechtensteinische Geldverwalter prinzipiell schützt? Der absurde Zustand mitten in Europa, dass hier ein Ländle absolutistisch mit absoluter Macht durch einen Fürsten regiert wird? Mehr als 800 Zombie-Fonds reicher Russen, die seit fast zwei Jahren führungslos wie Untote herumwanken, während die Besitzer nicht an ihre Vermögenswerte kommen?

Alles Peanuts im Vergleich zu diesem Riesenschlag. Selbst der Diebstahl der englischen Kronjuwelen wäre ein Klacks dagegen. Die wären dann halt weg, kämen wieder zum Vorschein oder blieben verschollen. «I’m not amused», hätte die Queen gesagt, und das war’s.

Aber hier ist dem Finanzplatz Liechtenstein das Herz herausgerissen worden. Die vollständigen Informationen, wer die wahren Besitzer all dieser Finanzkonstrukte sind, schlimmer geht nimmer.

Bislang sind noch keine Daten im Netz aufgetaucht, laut Regierung wurde bislang auch kein Lösegeld gefordert. Aber alleine das Erpressungspotenzial durch diese Daten ist gigantisch, die Folgeschäden könnten sich auf Hunderte Millionen belaufen.

Naturgemäss gibt es auch keine Erkenntnisse bislang, wer die Täter sein könnten. Wie bei anderen Hackerangriffen scheint auch hier der Datenschutz sträflich vernachlässigt worden zu sein. Jeder Treuhänder und diverse Amtsstellen hatten Zugriff auf die Datenbank.

Es gibt aber eine naheliegende Vermutung. Die Besitzer der Zombie-Trusts sind verständlicherweise mehr als angepisst, dass sie keinen Zugriff mehr haben und ihre Yachten, Immobilien, Jets oder Beteiligungen, die sie in diesen Trusts parkten, verrotten. Ihre Versuche, die Kontrolle zurückzuerlangen, wurden – wie sonst – von der fürstlichen Justiz abgeschmettert. und kein Treuhänder möchte sich daran die Finger verbrennen. Ohne Treuhänder und Stiftungsrat kann aber nicht mal liquidiert werden.

Wie geht’s weiter? Zurzeit völlig unklar. Sicher ist nur, dass das Fürstenhaus nun stark im Glauben sein muss und viel beten. Denn ob der Finanzplatz Liechtenstein, auf dem die Fürstenbanken LGT und LLB eine herausragende Rolle spielen, die Veröffentlichung dieser Daten überleben würde, ist doch sehr die Frage.

CS: Wer war’s?

Das ist doch die einzig interessante Frage. Deshalb wird nichts dazu gesagt.

Die Credit Suisse hat bestätigt, dass es sich bei den geklauten Kontodaten um Informationen über ihre Kunden handelt. Das ist oberpeinlich und müsste zu Massenentlassungen in den zuständigen Abteilungen führen.

Datendiebstähle sind schwierig zu lokalisieren, da in Wirklichkeit nur eine Kopie vorhandener Datensätze hergestellt wird, das Original also unverändert bleibt. Meistens haben Banken keine sauberen Daten-Audit-Trails, also Zugriffe werden nicht sauber protokolliert. Zudem ist die Frage, wie viele Kopien solcher Kundendaten sowieso schon aus verschiedenen Gründen innerhalb und ausserhalb der Bank herumschwirren.

Wichtiger noch ist aber die Frage: wer war das? Es gibt nur vier Möglichkeiten.

  1. Der Insider

Ein CS-Mitarbeiter, vielleicht aus dem Bereich Compliance, will der Bank aus unbekannten Motiven eine reinbrennen. Dazu sammelt er nach nur ihm bekannten Kriterien Kundendaten. Sobald er bei 30’000 Betroffenen angelangt ist, stellt er das ein und verschenkt seine Beute an die «Süddeutsche». Rache? Moralische Entrüstung? Misslungene Bereicherungsabsicht? Als U-Boot von einer dem Schweizer Finanzplatz nicht wohlgesonnenen Macht in die CS eingespeist? Opfer einer Erpressung?

  1. Die Datenverbindung tropft

Es ist ein altbekanntes Problem. Wer Daten von A nach B transportieren will, schafft das nie absolut abhörsicher. Es ist ein ewiger Kampf zwischen Verschlüsslern und Codeknackern, der von beiden Seiten immer hochgerüsteter geführt wird. Der Einsatz von Quantencomputern mit ihrer brachialen Rechenkraft gibt mal wieder den Knackern einen Vorteil. Allerdings sprächen wir hier im wahrsten Sinne des Wortes von Big Data. Wer könnte mit welchen Programmen aus diesen Datenfluten signifikante Beispiele herausfischen?

  1. Der Zulieferer war’s

Banken haben seit vielen Jahren fahrlässig wenig Geld in die Aufrüstung der IT-Infrastruktur investiert. Viel zu langfristig für die auf Quartalsgewinne fixierten Managerheinis. Viele pensionierte Programmierer verdienen sich bis heute ein nettes Zubrot damit, dass nur noch sie Uralt-Programme verstehen, auf die x-mal Neues draufgepatcht wurde. Hier muss häufig mit Klarnamen gearbeitet werden. Auch die Zulieferer aus der Nähe (bspw. Polen) oder der Ferne (bspw. Indien), wohin immer mehr auch heikle Daten übermittelt werden, könnten die Quelle sein.

  1. Der AIA war’s

Eine hübsche Theorie geht dahin, dass im Rahmen des Automatischen Informationsaustausches eine nie gekannte Menge an Kundenklardaten zwischen den teilnehmenden Ländern ausgetauscht werden. Und natürlich auch von anderen Ländern abgefangen werden könnten. Mit AIA und Swift wäre es in erster Linie den USA möglich, die bekanntlich nicht am Informationsaustausch teilnehmen, aus solchen Daten plus Transaktionsdaten als eine Art Big Data Mining eine Kollektion von ihnen unliebsamen Kontenbesitzern zusammenzustellen.

Kann man den Kreis der Verdächtigen noch weiter einengen?

Sollte es zutreffen, dass die SZ tatsächlich keinen Cent für diesen Datenraub bezahlt hat, stünde das im Widerspruch zu einer Einzeltäterthese. Denn wie auch immer, diese Datenmenge kann nur über einen längeren Zeitraum und unter Inkaufnahme persönlicher Gefährdung gewonnen worden sein. Bei Entdeckung würde nicht nur der sofortige Rauschmiss, sondern strafrechtliche Verfolgung und allenfalls Schadenersatzansprüche in Multimillionenhöhe drohen.

Schliesslich kann es durchaus sein, dass einer der wenigen von diesem Datenklau betroffenen wirklichen Gangster es überhaupt nicht lustig findet, so ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt worden zu sein. In solchen Kreisen ruht man normalerweise nicht, bis man den Übeltäter identifiziert – und entsorgt hat.

All diese Risiken soll jemand (oder eine kleine Gruppe) auf sich nehmen, um dann aus moralischer Entrüstung diesen Datenschatz gratis wegzugeben? Das ist doch sehr dünn als These.

Welche Hintergedanken hat eine anonyme Quelle?

Jeder Anfänger im Journalismus weiss, dass man einer Quelle, die anonym bleiben möchte, mit höchster Vorsicht zu begegnen hat. Vor allem deswegen, weil man weder sicher sein kann, dass die Informationen akkurat und vollständig sind, noch, welche Motive den Täter antreiben.

Der Aspekt potenzielle Gefährdungen plus Aufwand plus Risiko ohne Entgelt schliesst eine moralisch motivierte Täterschaft eigentlich aus. Bleibt also nur eine Täterschaft, die es gewohnt ist, einfach für ihre Arbeit bezahlt zu werden – unabhängig von den Resultaten. Ob es um Industriespionage geht, um das Sabotieren von Konkurrenten, das Manipulieren von politischen Entscheidungen, das ist diesen Hackern im Staatssold herzlich egal.

Es ist ihnen auch egal, wie lange sie dafür brauchen und wie lange sie herumprobieren müssen, bis sie die entsprechenden Filterprogramme entwickelt haben. Also spricht vieles dafür, dass die Täterschaft in einer staatlichen Organisation zu suchen ist, wohl am ehesten in den USA.

Was ist denn deren Motivation? Keinesfalls Moral oder Ethik. Sondern knallhartes Kalkül. Alles, was dem immer noch grössten Vermögensverwalter der Welt schadet, nützt den anderen. Was in dieser Kriegsführung noch fehlte, war ein direkter Angriff auf den Finanzplatz Schweiz. Der sich sowieso noch bis heute von den verheerenden Folgen des Schleifens des Bankgeheimnisses erholen muss. Von den Folgen dieses Kunden- und Mitarbeiterverrats.

Der Datenklau ist in der Wirkung verheerend

Denn unabhängig von der Ergiebigkeit des Materials – alleine die Tatsache, dass der zweitgrössten Bank der Schweiz eine solche Menge an Kundendaten abhanden kommen kann, sorgt dafür, dass sich viele Besitzer einer Bankverbindung mit der CS reiflich überlegen, ob ihnen das sicher genug erscheint.

Denn neben unedlen Motiven gibt es auch durchaus eine ganze Reihe von edlen, wieso man sein Geld bei einer Schweizer Grossbank anlegen möchte. Zum Beispiel, weil es dort sicher ist und diese Kundenbeziehung – im Rahmen des gesetzlich Erlaubten – vertraulich und diskret abgehandelt wird. Denn welchem tapferen Kritiker der Schweizer Gesetze, die solche kriminellen Aktivitäten sanktionieren, würde es wohl gefallen, wenn er plötzlich seinen Namen in der Zeitung läse – als einer der 30’000 verabscheuungswürdigen Kunden der CS.

Obwohl er doch eigentlich ein völlig unbescholtener Bürger ist. Wie so viele der in der Vergangenheit medial Beschuldigten, Vorverurteilten und Gekreuzigten.

Nix Genaues weiss man nicht

Massenhaft Kundendaten von Schweizer Telco-Anbietern abgegriffen. Und?

Swisscom, Sunrise UPC und Salt: Kundendaten sind durch einen Hackerangriff erbeutet worden und werden nun anscheinend im Darknet angeboten.

Ist das schlimm, ist das typisch, ist das, weil der Dienstleister in den USA sitzt? Das wäre nun ein klassischer Fall, wie ein durchaus das breite Publikum betreffendes Ereignis von Qualitätsmedien angeschaut, analysiert und eingeordnet werden könnte.

Konjunktiv. Für Tamedia hat Jon Mettler den Fall übernommen und probiert die übliche Nummer: «Was müssen Kunden nun wissen». Plus etwas grossmäulig: «Wir liefern die Antworten auf die wichtigsten Fragen.»

In Wahrheit stellt er tatsächlich die wichtigsten – und naheliegenden – Fragen. Bei den Antworten sieht es schon schütterer aus. Bei dem gehackten Dienstleister soll es sich um die «US-Firma iBasis» handeln. «Das Unternehmen mit Sitz in Lexington (US-Bundesstaat Massachusetts) ist der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Es bietet internationale Dienstleistungen für Hunderte von Telecomanbietern auf der ganzen Welt an

Das liegt durchaus im Streubereich der Wahrheit. Allerdings wurde die 1996 gegründete Bude für VoIP-Dienstleistungen schon mehrfach weiterverkauft. 2007 schnappte sie sich KPN, die nationale Telefongesellschaft der Niederlande. KPN wurde damit einer der wichtigsten Aktionäre von iBasis. iBasis bedient übrigens mehr als 1000 internationale Telco-Gesellschaften und ist damit auf Augenhöhe mit AT&T und knapp hinter dem Weltleader Verizon. Allerdings hat iBasis keinerlei eigene Telefonnetze in Betrieb.

2009 ging’s dann andersrum, KPN kaufte iBasis auf und dekotierte die Firma von der Börse. 2019 schliesslich verkaufte KPN iBasis an den französischen Telco-Anbieter Tofane Global. Es handelt sich also heute wenn schon um eine französische Bude, keine amerikanische.

Wie immer etwas komplexer, als sich die Schulweisheit träumen lässt

Tofane Global wäre eine vertiefte Untersuchung für sich wert. Zurück zum Datenklau. Da iBasis nur Vermittlungsdienste anbietet, sind vor allem Verbindungsdaten internationaler Anrufe abhanden gekommen. Wer im Darknet die angebotene Hehlerware kauft, weiss dann also, von welchem Telefon wie lange mit welchem anderen über Landesgrenzen hinaus kommuniziert wurde.

Big Data sind immer interessant, vor allem auch für staatliche Nachrichtendienste, die zum Beispiel versuchen könnten, längere Telefonate zwischen der Schweiz und chinesischen Dissidenten herauszufiltern und zurückzuverfolgen.

Es ist allerdings die Frage, ob die grossen Geheimdienste der Welt nicht schon längst im Besitz all dieser Daten sind.

Die üblichen Fragen stellen sich – und bleiben unbeantwortet

Natürlich stellen sich hier die üblichen Fragen. Ist es gut, weltweite Dienstleister zu verwenden, was Schweizer Telco-Anbieter vulnerabel macht? Nun ist es allerdings so, dass solche Vermittlerdienste schnell, effizient und billig nur von wenigen Riesenbuden angeboten werden; kein Wunder, dass bei iBasis über 1000 Telco-Firmen ihre internationale Gesprächsvermittlung organisieren lassen.

Da es sich eben nicht um Speicherung vieler personenbezogener Daten handelt, ist der potenzielle Schaden für 99 Prozent aller Betroffenen sehr überschaubar bis nicht vorhanden.

Es ist anzunehmen, dass iBasis seine Daten nicht mit einer Billig-Firewall aus dem Internet geschützt hat. Was bedeuten kann, dass der Angriff nicht von einem einsamen Hacker aus Lust und Laune durchgeführt wurde.

Ob es hier um das Abfischen von sensiblen Verbindungdaten geht und die Angebote des ganzen Datenhaufens im Darknet nur eine Vernebelungsaktion wäre, ist eine weitere interessante Frage.

Aber immerhin, Tamedia zeigt rudimentäre Ahnung vom Problem und vom Vorfall. Das kann man dem «Blick» nicht vorwerfen: «Die US-Firma iBasis ist Opfer eines Hackerangriffs geworden und könnte als Transporteur von Daten missbraucht werden, die Schweizer Betreibern gehören

Wer dazu «hä?» sagt, befindet sich ungefähr auf dem Wissensstand des zuständigen «Blick»-Redaktors.

Leicht hin und her gerissen ist für einmal die NZZ, das bringt sie mit Titel und Untertitel deutlich zum Ausdruck:

«Daten von Schweizer Telekom-Kunden wohl nicht von einer Cyberattacke in den USA betroffen. Kundendaten von Swisscom, Sunrise und Salt könnten missbraucht werden».

Auch dazu gibt es ein kräftiges «hä?».

Überraschende Kompetenz aus dem Aargau

And the winner is, verblüffend aber wahr: «US-Firma gehackt: Sind Kundendaten von Swisscom und Salt davon betroffen? Das US-Unternehmen iBasis ist Opfer eines Hackerangriffs geworden. Zu dessen Kunden zählen auch Schweizer Telekomanbieter. Bereits Entwarnung gegeben hat Sunrise UPC.»

Was CH Media hier abliefert, genauer Dario Pollice vom «News Service», entspricht ziemlich akkurat dem aktuellen Wissensstand. Sicherlich nicht um Hintergründe und Vertiefungen ergänzt, aber kein Gestocher im Nebel oder unverständliche Widersprüche wie bei der Konkurrenz.

Immerhin, es scheint auch ohne die Medienmilliarde noch da und dort kleine Lichtblicke zu geben.

 

 

 

P wie peinlich

Nach den Paradise und den Panama Papers nun Pandora. Sie nennen es Aufklärung, aber es ist Hehlerei.

Diesmal sollen es rund 12 Millionen Dokumente sein, die aus verschiedenen Firmen weltweit gestohlen wurden. 3 Terabyte sind insgesamt 14 Unternehmen abhanden gekommen, die sogenannte Offshore-Konstrukte anbieten.

Umgangssprachlich nennt man das Angebot Briefkastenfirmen. Etwas vornehmer Sitzgesellschaften. Der Sinn der Sache besteht darin, ein Gefäss herzustellen, in dem verschiedene finanzielle Aktivitäten gebündelt und verwaltet werden können.

Da Geld keine Grenzen kennt, wählt man dafür überraschenderweise keinen Standort, an dem die Steuern turmhoch auf Erträgen oder dem Kapital selbst lasten. Sondern sogenannte Steueroasen. Normalerweise ist eine Oase immer besser als eine Wüste.

Hier aber hat sich ein bedingter Reflex durchgesetzt, wenn ein paar Reizwörter zusammenkommen. Briefkastenfirma, karibische oder pazifische Insel, Steuerparadies, reich.

Um Kriminelle zu entlarven, ist kriminelles Handeln erlaubt

Das genügt für das Urteil: Schweinebacke. Steuerhinterzieher. Versteck für Gelder von zweifelhafter bis krimineller Herkunft. Da ist Datenklau erlaubt, weil es der Aufklärung dient. Licht ins Dunkel finsterer Finanzströme wirft. Politiker, Potentaten und Kriminelle outet.

Dazu noch ihre Helfershelfer an den Pranger stellt. Wie zum Beispiel Schweizer Anwälte und Treuhänder, die bei der Errichtung solcher Konstrukte Handlangerdienste leisten.

Gebündelt werden diese Aktivitäten vom sogenannten «International Consortium of Investigative Journalists» (ICIJ). Die bekamen diesen Datenklau zugespielt, worauf sich ein paar hundert Journalisten ans Ausschlachten machen. Darunter Mitarbeiter von Tamedia, der «Süddeutschen Zeitung», «Washington Post» oder «Le Monde».

Nach einigen Monaten der Auswertung gehen dann alle diese Organe gleichzeitig an die Öffentlichkeit. Mit einem möglichst dröhnenden Paukenschlag. Denn der ganze Aufwand soll sich schliesslich lohnen. Allerdings hat Tamedia immer wieder Pech. Es tauchen kaum Schweizer Bezüge in diesen Datenmeeren auf. Kein Prominenter, keine reiche Schweinebacke mit Schweizer Pass oder wenigstens Wohnsitz.

Als rettender Strohhalm bieten sich da Schweizer Treuhänder und Anwälte an. Wenn man eine grosse Luftpumpe nimmt, kommt man zu dieser Formulierung:

«Die Schweiz steckt tief im Sumpf – tiefer noch als bei den Panama Papers. Schweizer Anwälte, Treuhänder und Beraterinnen haben alleine bei einer grossen Kanzlei in der Karibik 7000 Offshorefirmen betreut.»

Welcher Sumpf? Bislang ist nicht einmal angedeutet, dass auch nur in einem einzigen Fall bei der Betreuung solcher Konstrukte kriminelles Handeln involviert war. Oberhalb davon, dass auch ein harmloses Sparbüchlein zu kriminellen Taten missbraucht werden kann. Deshalb stecken aber Sparbüchlein doch nicht in einem Sumpf.

Wieder werden Politiker und Prominente geoutet. Bislang als bekanntester der tschechische Ministerpräsident. Aber die Reaktion in der Öffentlichkeit ist verhalten. Zu oft sind die grossen Ankündigungen als Miniskandale geendet. Denn bei all diesen Papers gibt es immer die gleichen Probleme.

Zehn Punkte, die gegen solche Datenklaus sprechen

  1. Die geklauten Daten werden angeblich von anonymer Quelle angeboten. Daher weiss man nichts über die Motive der Diebe. Man weiss auch nicht, wer einen solchen Aufwand betreibt (so ein Hack ist keine Amateurarbeit einer Nacht), um dann dieses Erpressungspotenzial einfach wegzuschenken.
  2. Weil man die Quelle nicht kennt, weiss man nicht, ob und wie eine Vorselektion der Daten stattgefunden hat. Auffällig ist auf jeden Fall, dass in keinem einzigen der Datenlecks US-Firmen oder US-Personen auftauchen. Schliesslich sind die USA die grösste Geldwäscheranstalt der Welt und in Delaware, Texas und anderswo stapeln sich anonyme Briefkastenfirmen bis in den Himmel.
  3. Journalisten ernennen sich zu Staatsanwälten, Gerichtsinstanzen und Scharfrichtern in einer Person. Das steht ihnen nicht zu, und um möglichst grossen Profit aus dem Ausschlachten zu ziehen (die Bearbeitung solcher Datenberge kostet gigantisch viel Arbeitszeit), teilen sie auch ihre Erkenntnisse nicht mit den Strafverfolgungsbehörden. Ein Skandal.
  4. Das Grundproblem all dieser Datenklauerei ist: der Unterhalt einer Finanzkonstruktion, ihre Errichtung und ihre Benützung ist bis zum Beweis des Gegenteils legal. Steuersparen ist legal. Den sogenannten beneficial owner, also den eigentlichen Nutzniesser des Konstrukts, geheim zu halten, ist legal und oft sinnvoll. Um beispielsweise Menschen in wackeligen Rechtsstaaten vor Verfolgung oder Entführung zu schützen.
  5. Die Euphemismen «Leaks» oder «Papers» sollen überspielen, dass es sich nicht um das Heraustropfen von Daten oder um das Sichten von Papieren handelt. Sondern die einzige jetzt schon bewiesene kriminelle Handlung ist dieser Diebstahl selbst. Und die Verwertung des Diebesguts.
  6. Weil Journalisten keine Strafverfolger sind, können sie auch nicht zwischen legal und illegal unterscheiden. Daher haben sie den Fantasieausdruck «illegitim» erfunden. Das Wort bedeutet eigentlich gar nichts, hört sich aber schön kriminell an. Dabei könnte man es auch umgekehrt verwenden: was illegitim ist, ist legal.
  7. Welche Exponenten oder Benützer solcher Konstrukte an den öffentlichen Pranger gestellt werden – und welche nicht –, das entscheiden selbstherrlich die Journalisten selbst. Dabei verwenden sie den genauso wolkigen Begriff «öffentliches Interesse». Die Vergangenheit hat allerdings sehr oft gezeigt, dass sich erste Anschuldigungen als völlig haltlos, falsch, unberechtigt erwiesen.
  8. Die Benützung solcher Konstrukte mag anrüchig, moralisch verwerflich sein, im Widerspruch zu öffentlichen Behauptungen stehen und daher eine gute Portion Heuchelei entlarven. Es mag stossend sein, dass ein Politiker für scharfe Steuergesetze und die Bestrafung von Steuerhinterziehern eintritt, gleichzeitig selbst eine Briefkastenfirma zur Steueroptimierung verwendet. Aber es ist normalerweise völlig legal.
  9. Neben den USA ist Grossbritannien via seine Kolonialinseln zuvorderst bei der Beherbergung solcher Sitzgesellschaften dabei. Es herrscht ein internationaler Konkurrenzkampf. Aber eins in die Fresse kriegen immer nur die weiteren Konkurrenten: Panama, Singapur, im Vorbeilaufen auch die Schweiz.
  10. Das Verhalten der Benützer solcher Konstruktionen mag anrüchig und fragwürdig sein. Aber die ausschlachtenden Journalisten verwenden haftungsfrei gestohlene Geschäftsunterlagen zwecks Auflagesteigerung und somit Profit. Das nennt man normalerweise Hehlerei. Hier heisst es aber Aufdeckung und Enthüllung.

Inzwischen ist die P-Reihe zur Trilogie geworden. Paradise, Panama und Pandora. Insgesamt handelt es sich um Hunderttausende von Briefkastenfirmen und involvierten Personen. Als Nutzniesser oder Hersteller. Nur: insgesamt kam es zu vielleicht ein paar hundert Strafuntersuchungen weltweit. Und zu vielleicht ein paar Dutzend Verurteilungen. Das ist ein Promillebetrag. Die Berge haben nicht einmal Mäuse geboren.

Aufwand und Ertrag. Angerichteter Schaden durch zu Unrecht an den öffentlich Pranger gestellte Personen und Firmen. Im Verhältnis dazu ist der Beitrag zur Durchsetzung des Rechts minim.

In der Büchse der Pandora liegen bekanntlich alle Übel der Welt. Aber auch die Hoffnung. Dass diese Journalisten, diese selbsternannten Rächer der Gerechtigkeit mit ihrem schädlichen Tun aufhören, diese Hoffnung muss man allerdings fahren lassen.