Da wackelt die Trutzburg
In Liechtenstein wurden die Kronjuwelen geklaut: 31’000 Datensätze.
Wer sein Geld ins Fürstentum bringt, zählt auf Seriosität und Diskretion. Dafür gibt es Stiftungen, Trusts & Co., wo der eigentlicher Besitzer oder Nutzniesser hinter Stiftungsräten im Nebel der Geheimhaltung verschwindet.
Denn in diesem Führungsorgan muss mindestens ein fürstlicher Treuhänder sitzen, und der beruft sich natürlich auf seine Schweigepflicht. So lief das Geschäftsmodell jahrelang wie geschmiert. Aber im immer stärkeren Kampf gegen Steuerhinterziehung und Geldwäsche sah sich das Ländle gezwungen, eine Liste aller wirklichen Nutzniesser anzulegen, das «Verzeichnis wirtschaftlich berechtigter Personen» (VwbP).
Da stehen sie alle drin. Mit vollem Namen, Wohnsitz und Adresse. Und diese Kronjuwelen des Geldverwaltungsgeschäfts sind geklaut worden. Also genauer kopiert worden. Vollständig. Restlos. Der GAU, der Über-GAU.
Am 1. August lächelte Liechtensteins Regierungschefin Brigitte Haas noch an der Bundesfeier in Schwyz.

Am 2. August musste sie ein betroffenes Gesicht machen, als die Regierung in einer Medienkonferenz den Skandal bekanntgab:

Das rauscht inzwischen durch die Medien: «Hacker stehlen 31’000 Datensätze aus Liechtensteiner Register», «Cyber-GAU im Fürstentum Liechtenstein», «Herzstück des Ländle-Erfolgs geknackt und ausgeraubt», usw. Die Androhung des fürstlichen Vetos gegen die Annahme einer Abtreibung-Initiative? Schnee von gestern, interessiert zurzeit keinen.
Ein Raubüberfall auf eine Fürstenbank? Ein weiterer Treuhänder, der in den Geldtopf gegriffen hat? Ein weiterer Skandal bei der Entwendung einer Stiftung zwecks Selbstbereicherung der Verwalter? Schmutzige Gelder aus aller Welt, aus Venezuela, Afrika, dem Iran oder einer Terrororganisation? Die fürstliche Unrechtsjustiz, die liechtensteinische Geldverwalter prinzipiell schützt? Der absurde Zustand mitten in Europa, dass hier ein Ländle absolutistisch mit absoluter Macht durch einen Fürsten regiert wird? Mehr als 800 Zombie-Fonds reicher Russen, die seit fast zwei Jahren führungslos wie Untote herumwanken, während die Besitzer nicht an ihre Vermögenswerte kommen?
Alles Peanuts im Vergleich zu diesem Riesenschlag. Selbst der Diebstahl der englischen Kronjuwelen wäre ein Klacks dagegen. Die wären dann halt weg, kämen wieder zum Vorschein oder blieben verschollen. «I’m not amused», hätte die Queen gesagt, und das war’s.
Aber hier ist dem Finanzplatz Liechtenstein das Herz herausgerissen worden. Die vollständigen Informationen, wer die wahren Besitzer all dieser Finanzkonstrukte sind, schlimmer geht nimmer.
Bislang sind noch keine Daten im Netz aufgetaucht, laut Regierung wurde bislang auch kein Lösegeld gefordert. Aber alleine das Erpressungspotenzial durch diese Daten ist gigantisch, die Folgeschäden könnten sich auf Hunderte Millionen belaufen.
Naturgemäss gibt es auch keine Erkenntnisse bislang, wer die Täter sein könnten. Wie bei anderen Hackerangriffen scheint auch hier der Datenschutz sträflich vernachlässigt worden zu sein. Jeder Treuhänder und diverse Amtsstellen hatten Zugriff auf die Datenbank.
Es gibt aber eine naheliegende Vermutung. Die Besitzer der Zombie-Trusts sind verständlicherweise mehr als angepisst, dass sie keinen Zugriff mehr haben und ihre Yachten, Immobilien, Jets oder Beteiligungen, die sie in diesen Trusts parkten, verrotten. Ihre Versuche, die Kontrolle zurückzuerlangen, wurden – wie sonst – von der fürstlichen Justiz abgeschmettert. und kein Treuhänder möchte sich daran die Finger verbrennen. Ohne Treuhänder und Stiftungsrat kann aber nicht mal liquidiert werden.
Wie geht’s weiter? Zurzeit völlig unklar. Sicher ist nur, dass das Fürstenhaus nun stark im Glauben sein muss und viel beten. Denn ob der Finanzplatz Liechtenstein, auf dem die Fürstenbanken LGT und LLB eine herausragende Rolle spielen, die Veröffentlichung dieser Daten überleben würde, ist doch sehr die Frage.










