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«Das Magazin» ist krank

Gibt es noch anderes als ausgedehnte Innenschau?

Eine anonyme Autorin bekommt keinen Orgasmus. Nach oder während einer Schreibtherapie bekommt sie ihn dann doch. Während der Leser das Gejammer 32’000 A lang erdulden muss. Wenn er nicht unterwegs abschlafft.

Da geht doch noch was. Frederik Jötten ist «Biologe und Journalist». Der hat so seine Probleme mit der Schweiz: «Im Moment ist es eigentlich undenkbar, als Deutscher Winterferien in der Schweiz zu buchen», jammerte er 2020.

Gerne teilt er alle seine Zipperlein mit der Umwelt. So lässt er den Leser am Sieg über seine Rückenschmerzen teilhaben. Und er deckt sich am Strand mit Bettlaken zu – Vorsorge gegen Hautkrebs.

Damit beschallt er regelmässig deutsche Gazetten. Und nun mal wieder das einstmals angesehen «Magazin» des Hauses Tamedia. Das bemüht sich, das Niveau des Kopfblattsalats, dem es beigelegt wird, zu unterbieten. Mit Erfolg.

Dank den Bettlaken hat Jötten keinen Hautkrebs. Dafür aber Schilddrüsenkrebs. Auf diese Entdeckungsreise, wie kam es denn dazu, wie hat er’s erfahren, was kann man machen, was sagen die Fachleute, nimmt der Autor den Leser auf sagenhaften 44’670 A mit.

Es beginnt harmlos, aber doch irgendwie unheilschwangre: «Die ersten Hinweise, dass ich Krebs haben könnte, nahm ich nicht ernst.»

Wer bis zum Ende durchhält, wird mit diesen Erkenntnissen belohnt:

«Nach heutigem Wissensstand ist mein Lebensstil gesund, ich mache auch das Hautkrebsscreening und die Darmkrebsvorsorge per Darmspiegelung. Das Einzige, was ich seit der Diagnose verändert habe: Ich meide Lokalitäten, in denen geraucht wird, noch mehr als vorher

Er teilt auch dieses Erlebnis mit dem Leser: «Ich gehe jetzt mit meiner Familie ins Schwimmbad. Natürlich sind wir alle mit Sonnencreme Faktor 50 eingecremt.» Die arme Familie, das arme Schwimmbad.

Auch wenn sich Jötten nach Kräften bemüht, dem Titel seiner Darm-, Pardon, Selbstbespiegelung, nachzurennen, muss er doch gegen Ende eingestehen: «Stand heute bin ich also geheilt, nach einer OP, die ähnlich harmlos ist wie eine Blinddarmentfernung, während viele andere Patienten mit dem Tod kämpfen und unter den Folgen von Chemotherapien und Bestrahlungen leiden.»

Man könnte sein Gedöns auch einfach so zusammenfassen: bei einer Routineuntersuchung wird ein Knoten in der Schilddrüse festgestellt. Genauer abgeklärt, operiert, und gut ist.

Aber so könnte der Autor ja kein Geld mit dem Entäussern von Innerlichem verdienen. Vielleicht, kleiner laienhafter Therapievorschlag, könnte sich Jötten mal mit dieser Diagnose beschäftigen:

Menschen wie er pflegen eine ständige Beschäftigung mit dem eigenen Körper. Sorgen bezüglich vorhandenen oder eingebildeten Krankheiten nehmen viel Zeit und Energie in Anspruch. Ein Mensch, der sich am Strand mit Bettlaken zudeckt und seine ganze Familie zwingt, nur mit hohem Lichtschutzfaktor ins Schwimmbad zu gehen, zeigt deutliche Anzeichen von Hypochondrie.

Allerdings, das muss man Jötten lassen, hat er ein ziemlich erfolgreiches Geschäftsmodell daraus gemacht. Es braucht nur eine gewisse Unerschrockenheit und Schamlosigkeit, wenn man der Umwelt tiefe Einblicke in den eigenen Körper, seine Ängste, seine Erkrankungen und seine Therapien gibt.

Bei dieser Bekenntnislaberei gibt es natürlich verschiedene Ebenen. Zipperlein und Krankheiten im weiten Sumpfgebiet der «schonungslosen Beichte» sind sehr beliebt. Unvergessen der «Penisbruch», über den sich Dieter Bohlen beklagte.

Francine Jordis Brustkrebs. René Rindlisbachers Herzfehler und Depressionen. Linda Gwerders Morbus Bechterew.

Dazu natürlich Herzschmerz, entlaufene oder verstorbene Haustiere (unvergessen der Kampf um Léon Hubers Pudel) oder angeblich verstörende Erlebnisse, mit denen sich C-Promis wie Irina Beller in die Gazetten drängen.

All diese Eintagsfliegen haben wenigstens einen Vorteil: sie sind schnell erzählt und kurzlebig. Aber fast 45’000 A über eine Schilddrüse?

Damit gründelt «Das Magazin» unterhalb seines begleitenden Kopfblattsalats. Und das muss man erst mal schaffen.

 

Wumms: Christof Gertsch

Wenn Journalisten Journalisten interviewen, tropft der Schleim aus den Zeilen.

Gertsch ist «Reporter» beim «Magazin» von Tamedia. Dort schreibt er über Sport. «persoenlich.com» interviewt ihn im Rahmen einer «Sommerserie». Das soll leichter Stoff sein, ein Füller fürs Sommerloch halt. Das labert sich dann auf Flughöhe null dahin:

«Wie und wo beginnt Ihr Arbeitsalltag am Morgen?
Meistens auf dem Velo, wenn ich von der Kita in ein Kaffee fahre und Podcast höre. Ich habe ein, zwei Lieblingscafés, wo ich häufig arbeite und mich meistens bis am Mittag versäume. Das klingt jetzt so reporterhaft.»

Nein, das klingt keineswegs «reporterhaft». Sondern gutmenschlich (Kita, Velo) und klischeevoll (Podcast, Verweilen im Kaffeehaus).

Natürlich ist auch bei Tamedia alles toll, super und so menschlich: «Das Magazin-Team hat sich gut entwickelt. Es sind coole, junge Leute dazugekommen und wir sind noch mehr zu einem Team gewachsen. Und grundsätzlich: Dass es bei Tamedia trotzt immer schwierigeren Rahmenbedingungen noch möglich ist, ab und zu ein grösseres, aufwändigeres Projekt zu verfolgen.»

Immer schwierigere Rahmenbedingungen? Das einstmals stilbildende «Magazin» ist zu einem Storywiederverwertungsorgan verkommen, das die meisten Inhalte einkauft und eine Riege von abgehalfterten Kolumnisten beschäftigt, die so schlimm und banal sind, dass man sich manchmal sogar Daniel Binswanger zurückwünscht, und das drückt nun helle Verzweiflung aus.

Aber wenn man sich durch den unsäglichen Philipp Loser, diese Karikatur eines Journalisten, durch Katja Früh oder durch Kaltërina Latifi, gar durch den Selbstplagiator Max Küng quälen muss, kommen solche perversen Wünsche auf.

Gertsch ist aber keineswegs nur Mitglied bei einem angeblich gut entwickelten Team. Er ist ein Opportunist und Feigling. Er berichtet stolz davon, dass er zusammen mit Kollege Mikael Krogerus und mit Hilfe der «Süddeutschen Zeitung» eine Podcast-Serie fertiggestellt habe. Krogerus ist bekanntlich der Lebensgefährte von Franziska Schutzbach. Die feministische Kreische und «Geschlechterforscherin» («Die Erschöpfung der Frauen») blieb erschöpft stumm, als in der tollen «Magazin»-Redaktion ein Riesenskandal platzte. Eine frustrierte und gefeuerte Ex-Mitarbeiterin lästerte im «Spiegel» über ihren ehemaligen Chefredaktor ab. Der habe sie auch coram publico übel verbal angegangen und sexistisch fertiggemacht, behauptete sie.

Da wäre es nun an Mannen wie Loser, Gertsch oder Krogerius gewesen, diese Behauptung zu bestätigen – oder zu dementieren. Das hätten Ehre und Anstand verlangt. Aber wie die schreibende Schmachtlocke Binswanger, der längst zur «Republik» abgesprungen war und nichts zu befürchten hätte, schwiegen sie. Schwiegen und schwiegen. Ruderten um Fragen herum, wie Gertsch bei der Verleihung des Schweizer Journalistenpreises an diese Schande seines Berufs. Schwiegen wie Krogerius. Schwiegen auf Anfrage oder verwiesen wie der auf den Chefsessel nachgerutschte Ziauddin auf die Medienstelle von Tamedia.

Woher soll Gertsch  in der Kita, beim Velofahren, im Kaffee oder sonst wo die Autorität nehmen, den Leser zu unterhalten, bereichern, aufzuklären, überhaupt mit seiner Schreibe zu belästigen?

Jemand, der einmal im Leben die Chance hatte, aufrecht hinzustehen. Schliesslich ging es nicht um die Weltlage oder Probleme ausserhalb seines Wirkungsbereichs. Er hätte – hätte müssen – dazu Stellung zu nehmen, ob eine gravierende Anschuldigung gegen seinen damaligen Chefredaktor, erhoben im «Spiegel», der Wahrheit entspricht oder nicht. Schliesslich sollte es sich nicht um die üblichen, unbeweisbaren verbalen Übergriffigkeiten unter vier Ohren gehandelt haben, sondern die ganze Redaktion sei Zeuge gewesen, behauptete die Intrigantin, die zuvor vergeblich versucht hatte, den Posten ihres Chefs zu erobern.

Aber stattdessen verkniffenes Schweigen, Ausweichen, feiges Beiseitestehen.

Natürlich sollte das nicht das Hauptthema eines locker-luftigen Sommerinterviews sein. Aber erwähnt werden müsste dieser dunkle Fleck, müsste dieses menschliche Versagen schon. Damit das Gespräch nicht Übelkeit auslöst.

Aktualität ist relativ

Auch zusammenschreiben will gelernt sein.

Zugegeben, die Lokalberichterstattung stellt den «Tages-Anzeiger» vor grosse Herausforderungen. Da kann die «Süddeutsche Zeitung» schlecht helfen, da wäre man auf eigene Leistungen angewiesen. Aber das wiederum wäre mit einem erhöhten Energieaufwand verbunden. Und Energie sollte man bekanntlich sparen.

Das sagt sich auch Sascha Britsko, die als «Reporterin bei «Das Magazin» und im Ressort Zürich Politik & Wirtschaft des «Tages-Anzeiger»» arbeite. Oder so. Das will sie mit einem Artikel über das Kino «Frame» unter Beweis stellen. Bekanntlich hat das «Zurich Film Festival» die Säle des konkursiten Erblinken-Desasters «Kosmos» übernommen. Dafür musste zwar extra die Ausschreibung geändert werden, aber who cares.

Nun seien hier die Besucherzahlen «eingebrochen», weiss Britsko. Woher weiss sie das? Nun, sie weiss schon mal, dass es den Zürcher Kinobetreibern ganz allgemein eher mies geht; deshalb werden sie mit fast 600’000 Franken Steuergeldern unterstützt. So weit, so bekannt.

Dann kupfert sie eine Meldung des Regionaljournals SRF ab, dass «die Leitung des «Frame» auch zwei Monate nach der Eröffnung «noch nicht da, wo wir gerne wären», sei. Von dieser Meldung geht es mit wehenden Fahnen zu nächsten Quelle:

«Nun will das Onlineportal «Inside Paradeplatz» konkrete Zahlen zum Geschäftsgang haben: Im Oktober sollen mit rund 1200 Eintritten nur halb so viele Zuschauer und Zuschauerinnen wie im Vorjahr das Kino besucht haben. Im November soll in einer Woche gar nur ein Drittel der Vorjahreszahlen erreicht worden sein, 1000 nämlich.»

Immerhin, sie nennt in ihrem Artikel tapfer die Quellen. Allerdings verwendet sie hier zur Einleitung das dehnbare Adverb der Zeit «nun». Wobei man doch eher «dieser Tage, kürzlich» assoziiert, also «Inside Paradeplatz» habe die Zahlen taufrisch vermeldet. Es geht; der Artikel erschien bereits am 23. November, immerhin in diesem Jahr.

Alle selbstkritischen Zitate der Leiterin des Kinos übernimmt Britsko dann wieder aus dem Regionaljournal. Worin besteht denn nun ihre Eigenleistung? Hm. Sie hat – wie nicht wenige der Leser – dem Regionaljournal gelauscht. Sie hat sich an den einen Monat zurückliegenden Artikel auf IP erinnert. Sie hat beides zusammengestöpselt. Das ist der Qualitätsjournalismus von heute, für den der Leser gerne bezahlt.

Wobei, der Zusammenschrieb ist nicht mal hinter der Bezahlschranke. So nach der Devise: ist’s nichts wert, so kostet es auch nichts.

Saubere Schlammschlacht

Fall Canonica: Das Imperium schlägt zurück.

Anuschka Roshani hat vorgelegt und mit der ihrer Meinung nach toxischen Kultur beim Gutmenschenblatt «Das Magazin» abgerechnet. Im Gegensatz zu früheren Kritiken am Hause Tamedia kann sie ihre Vorwürfe zumindest teilweise belegen.

Zudem schreiben «Spiegel» und NZZ, dass weitere Zeugenaussagen und Dokumente vorlägen, die die Anschuldigungen von Roshani untermauerten. Sie hat zudem ihre Aussagen über Vier-Ohren-Gespräche mit eidesstattlichen Versicherungen untermauert.

Dagegen hat sich die Redaktion des «Magazins» auf eisernes Schweigen verlegt. Keine Reaktion auf die Anfragen von ZACKBUM, sicherlich auch keine Reaktion auf Anfragen anderer Medien. Den Gutmenschen dort hat’s die Sprache verschlagen.

Der «Kommunikationsverantwortliche Tamedia» behauptete noch gestern: «Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes kann Tamedia keine weiteren Angaben machen.» Ausser den maliziösen Bemerkungen, dass sich die Vorwürfe «zu einem grossen Teil nicht bestätigten». Dann setzte Tamedia noch einen drauf: «Eine Mitschuld von Frau Roshani an der für alle Beteiligten schwierigen Situation kann Tamedia weder ausschliessen noch bestätigen.»

Was will uns der Konzern damit sagen? Wohl doch ganz klar: Roshani ist mindestens mitschuldig an diesem Schlamassel.

Eher peinlich wurde es dann bereits einen Tag danach. Da pfiff Tamedia nämlich auf den «Persönlichkeitsschutz» und veröffentlichte eine Kurzfassung des Untersuchungsberichts durch die Kanzlei Rudin Cantieni. Das ist die Anlaufstelle der Wahl für die Plagiatsaffäre an der HSG, den Zuständen bei der Kapo Winterthur, Missbrauchsvorwürfen im Sport, usw.

Natürlich tropfte das Dokument in Windeseile aus dem internen Verteiler an die Öffentlichkeit und kann inzwischen beim «Tages-Anzeiger» eingesehen werden. Begleitet wurde es von der Behauptung: «Die publizistische Leistung der Magazin-Redaktion «war und ist hervorragend»». Die Blattkritik durch ZACKBUM kann das allerdings nicht bestätigen.

Der «Untersuchungsbericht» kommt zu für Roshani verheerenden Schlussfolgerungen:

«Die Vorwürfe waren meist unzureichend belegt. Auch ergaben sich zahlreiche Widersprüche. Der Aufforderung, dazu weitere Beweismittel einzureichen, kam Anuschka Roshani nicht nach. Auch konnte keine Befragung zu den Widersprüchen erfolgen, da sie nach den anfänglichen Befragungen – ohne Vorlage eines Arztzeugnisses – mitteilen liess, dass sie für die weitere Untersuchung nicht mehr zur Verfügung stehe. Auch die befragten Personen bestätigten Anuschka Roshanis Vorwürfe mehrheitlich nicht resp. verneinten sie.
Anushka Roshanis Vorwürfe gegenüber der Arbeitgeberin liessen sich nicht erhärten.»

Ein Untersuchungsbericht, in dem nicht einmal der Name der Hauptbeteiligten immer richtig geschrieben wird? Nun ja. Ein Untersuchungsbericht, in dem maliziös auf eine angeblich «bei den Akten» befindliche «Blindbewerbung vom November 2020» verwiesen wird, mit der sich Roshani auf «Finn Canonicas (nicht zur Disposition stehende) Stelle» beim Verleger beworben habe?

Roshani wird hier also regelrecht runtergebürstet, während bei Canonica lediglich empfohlen wird, er solle doch etwas «Sensibilisieren beim Sprachgebrauch» durchführen, bzw. «Führungsschulungen» machen: «Die Untersuchungspersonen empfehlen in diesem Punkt eine Abmahnung resp. Verwarnung. Insgesamt werden auch Führungscoachings empfohlen.»

Offensichtlich ist aber die Geschäftsleitung von Tamedia diesen Empfehlungen nicht gefolgt, sondern trennte sich sowohl von Canonica wie von Roshani. Warum dann nur?

Ein weiterer Satz im Begleitmail, unterzeichnet von den Geschäftsführern Andreas Schaffner und Mathias Müller von Blumencron, ist interessant: «Wir haben beide Parteien über den Inhalt des Untersuchungsberichtes informiert.» Roshani behauptet demgegenüber, dass ihr dieser Inhalt nicht mitgeteilt worden sei.

Hier haben wir einen klaren Fall: eine der beiden Seiten sagt nicht die Wahrheit.

Zwischenbilanz: trotz der Androhung rechtlicher Schritte hat Roshani bislang nichts von ihren Vorwürfen zurückgenommen.

Tamedia hingegen eiert schon in den ersten zwei Tagen nach der Veröffentlichung der massiven Anschuldigungen. Keine weiteren Informationen «aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes», dann einen Tag später ist’s schon mit dem Schutz vorbei.

Dass sich im Solde von Tamedia stehende Mitarbeiter, während Canonica noch am Gerät war, gegenüber den untersuchenden Anwälten «mehrheitlich» nicht dazu hinreissen liessen, die Vorwürfe zu bestätigen, mag nicht wirklich zu erstaunen. Das Wort «mehrheitlich« deutet aber darauf hin, dass es doch ein, zwei Mutige gegeben hat.

Entscheidend wird nun sein, ob noch weitere Mitarbeiter des «Magazins» die Zivilcourage haben, Roshanis Vorwürfe öffentlich zu bestätigen. Laut ihrer Darstellung müsste es ja genügend Ohrenzeugen geben. Vielleicht hat auch sie selbst noch weitere Beweise im Köcher.

Sollte das geschehen, entwickelt sich aus der Affäre Canonica eine Affäre Tamedia. Dann wäre mit weiteren Rücktritten zu rechnen. Pardon, mindestens ein Mitglied der Geschäftsleitung will dann neue Herausforderungen annehmen …

 

 

Es war einmal «Das Magazin»

Im allgemeinen Elend gibt’s ein besonderes.

«Das Magazin», vormals nur Beilage beim «Tages-Anzeiger», war mal etwas Grossartiges. Riesenauflage (die inzwischen noch riesiger geworden ist), völlig losgelöst von Verkaufszwang, eine Spielwiese par excellence. Es war ein Ritterschlag, dort zu publizieren, und die Redaktion gab ihr Bestes, hohes Niveau in eigenen Beiträgen vorzulegen.

Dann ging’s bergab. Steil. Totengräber Finn Canonica begleitet den Niedergang ungerührt, verwaltet das Elend wie weiland Res Strehle im Mutterblatt. Sozusagen die Symbolfigur für den intellektuellen Sturzflug war Daniel Binswanger, der Woche für Woche Sottisen von sich gab, über die man sich ein Weilchen aufregte, bis man die Energie für die Lektüre sparte.

Seither entwickelte sich das «Magazin» immer mehr zu einer Beilage, die viele wie Werbebroschüren von Aldi oder Hotelplan aus dem mageren Samstagsblatt schütteln und entsorgen.

Wenn man das für einmal nicht tut, wird man bestraft. Zunächst ein Schrumpf-«Editorial», eine Paula Scheidt schreibt über das, worüber Journalisten immer lieber schreiben: ihre eigene Befindlichkeit, ihr Verhältnis zum Bewegtbild. Als lange Einleitung zur Titelstory des Hefts, die dann doch noch kurz erwähnt wird.

Auf der nächsten Seite schaut einen eine übellaunige Kaltërina Latifi an und beschwert sich über den angeblich «scheinheiligen Umgang mit Flüchtlingen» im Vereinigten Königreich. Sie lässt den Leser an ihrer Weltläufigkeit teilhaben «schlage ich die «Sunday Times» auf» und erwähnt lobend, dass Grossbritannien 1,3 Milliarden Pfund für die Ukraine bereitstelle. «Gut so, denke ich mir.»

Aber dann muss sie streng tadeln, es gäbe da so eine Abmachung zwischen GB und Ruanda, die ihr höchstes Missfallen erregt. Wie würde die Queen sagen: «we are not amused.» Latifi hingegen zeigt, dass sie es nicht so mit englischen Sprichwörtern hat: «You can have your cake and eat it.» Ist im Original etwas anders, aber original wird doch überschätzt.

Kaum hat man diese Ladung schlechter Laune hinter sich, gerät man vom Regen in die Traufe, oder in die Jauche, um auch hier abzuändern. Richtig, Konzernjournalist und Allzweckwaffe Philipp Loser hat nun das Wort. Auch sein Titel strahlt Optimismus aus: «Nein, nein, nein».

Wie häufig bei Loser, wenn er nicht Fertigmacherjournalismus im Auftrag seines Herrn betreibt, ist es nicht ganz einfach, seinen Gedankengängen zu folgen. Es geht irgendwie um das Stimmrechtsalter 16, oder dann doch um das Stimm- und Wahlrecht für Ausländer. Dabei versteigt sich Loser zu eher dunklen Sätzen wie:

«Es ist nicht an jenen, die schon mitbestimmen, über jene zu urteilen, die das nicht dürfen.»

Himmel hilf dem Leser, das zu verstehen.

Als Nächste schaut einen Katja Früh miesepetrig an und schreibt – über sich selbst, worüber denn sonst. Ihre Tochter habe geheiratet, teilt sie dem Leser mit, als ob den das interessieren würde. Auch Früh interessiert das nicht wirklich, es ist nur die Einleitung, über ihre eigene Hochzeit zu schreiben – als ob das den Leser interessieren würde. Wer sich bis zum Schluss durchkämpft, wird damit belohnt, dass die Drehbuchautorin sich daran erinnert, dass eine Klammer mit Rückkehr zur Einleitung doch zum Standardrepertoire gehört.

Wir gönnen uns einen doppelten Espresso, denn wir haben noch «Kant oder Hegel» zu überstehen (wir lassen Gnade walten und ersparen diesen Sauglattismus dem Leser), ebenfalls das ungefilterte Gewäffel des «russischstämmigen Autors Alexander Estis». Oder wen interessieren Ausführungen über das «immer repressivere, faschistoide Regime in Russland»?

Dann folgt weiteres Nebensächliches, darunter eine gähnlangweilige Story über Kinder-Influencer. Dann ein Gewaltsstück über den sibirischen Permafrost. Wow, will man schon denken, bis man sieht: aus dem «New Yorker» eingekauft, auf fast 12 Seiten ausgewalzt, nicht mal selbst übersetzt. Copy/paste-Journalismus vom Schlimmsten.

Dann noch eine Seite vom ewigen Kolumnisten Max Küng, der halt seit Jahren aus Nichts ein Nichts machen kann, und das mit nichts. Genauer gesagt, eine Anreihung von belanglosen Nichtigkeiten. Bücherbrockenhaus, Spinnenkatalog, Lavabowle. Küng lesen, das ist wie in Zuckerwatte beissen. Nur nicht so süss.

Und damit, lieber Leser, ist entweder die aktuelle Ausgabe des «Magazin» zu Ende – oder ZACKBUM zu fertig, um weiterzumachen.

Das Schönste kommt doch immer am Schluss.

Doppelte «Fuckability»

Was SoZ und NZZaS können, ist für SoBli und «Das Magazin» kein Problem.

Wir erinnern uns: die bescheidene journalistische Kraft Rafaela Roth servierte den NZZaS-Lesern auf einer Doppelseite ein Interview, das mit der gleichen Person (und weitgehend identischem Inhalt) drei Monate zuvor in der SoZ erschienen war. Das reihte sich würdig in ihre jüngsten Flops ein, wie ein Jubelartikel über eine angeblich hervorragende Medienanwältin, die aber dummerweise einen Prozess nach dem anderen verliert.

Das können wir doch auch, sagten sich «Das Magazin» von Tamedia und vom SoBli. In der korrekten Reihenfolge:

Trotz allen Versuchen, die Macho-Männer bei Tamedia zu zähmen, hier interviewt nun eine Frau eine Mode-Erscheinung aus Oxford, die mit ein paar scharfen Begriffen umhüllt gähnende Langeweile verbreitet.

Geradezu zurückhaltend der Titel beim SoBli:

«Kein Recht auf Sex», titelt das Boulevardblatt schüchtern, und illustriert das Interview mit einem Porträt der «Philosophin», während «Das Magazin» lüsterne Fotoinszenierungen zum Interview stellte.

Nun könnte man noch meinen, die Frau habe dermassen Interessantes zu erzählen, dass sich ein Doppelschlag lohnt, dass die Dublette halt Unerhörtes zu Tage fördert.

Nun ja: «Natürlich ist Sex sehr privat und intim, aber er kann gleichzeitig auch politisch sein.» Oder: «Aber wo und wie wir aufgewachsen sind sowie unser Umfeld beeinflussen, wen wir attraktiv finden.»

Das, wie der ganze Rest, ist nun von einer dermassen banalen Beliebigkeit und einer Philosophin unwürdigen Flachsinns, dass man ihr nur gratulieren kann, den Ausdruck «Fuckability» erfunden zu haben. Der haut halt rein und macht es offenbar für Journalisten unmöglich, dahinter gähnende Leere zu erkennen.

Früher – heute

Früher war nicht alles besser. Aber «Das Magazin» schon.

«Milde ausgedrückt, würde ich Impfgegner am liebsten auf den Mond schiessen. Sie müssen kolossale Egoisten sein.» Früher hätte ein Chefredaktor, der sein Editorial im «Magazin» für solch unanständiges Gerempel missbraucht, kräftig die Kappe gewaschen gekriegt und sich in der nächsten Ausgabe entschuldigen müssen.

Heute wird das Finn Canonica sicher nicht passieren, trotz rigoroser Qualitätskontrolle im Hause Tamedia.

Das hätte Daniel Binswanger in der «Republik» höchstens für ein Vorwort gereicht: 45’663 Anschläge druckt das «Magazin» zur Geschichte des Scheiterns des Rahmenabkommens. Warum? Darum, Christoph Lenz und Gebrauchskonzernjournalist Philipp Loser hatten halt Lust auf das Thema.

Langfädiger szenischer Einstieg mit Wetterbericht «Die letzten Wolkenfetzen einer Kaltfront hingen noch über Bern, …». Ein Flug der Staatssekretärin Livia Leu nach Brüssel, atemberaubend. Heutzutage darf auch dieses Selbstlob nie fehlen:

«Die Suche nach Antworten hat uns in den letzten Monaten zu rund zwanzig Parteipräsidenten, Aussenpolitikerinnen, Top-Diplomaten und Wirtschaftsvertreterinnen geführt.»

Unglaublich, da wurde vielleicht recherchiert. Und wird analysiert, zitiert, kritisiert. Immer wieder die Rolle der SVP erwähnt, sogar Gottseibeiuns Christoph Blocher hat einen Auftritt mit Zitat.

Der Anfang eines überlangen Artikels.

Nur: alle, wirklich alle kommen zu Wort, die mit dieser unendlichen Geschichte etwas zu tun hatten. Bloss die Partei oder ihre Exponenten, die wohl die entscheidende Rolle beim Versenken des Rahmenvertrags gespielt hat – nichts. Kein Wort, kein Gespräch.

Früher hätte man so einen Text den Autoren um die Ohren geschlagen. Um die Hälfte kürzen, und unbedingt Quotes der SVP einbauen, ihr Pfeifen. Und gibt’s eigentlich einen Aufhänger, so ein halbes Jahr nachher? Heutzutage wird der Text abgedruckt, trotz rigoroser Qualitätskontrolle im Hause Tamedia.

Ist doch mal was anderes als immer nur Fremdtexte übernehmen.

«100 Liter Milch produziert»

ZACKBUM ist hart im Nehmen. Aber das war fast zu viel.

Das, was früher einmal «Das Magazin» war, heute aber nur noch so heisst, führt den Leser in nichts weniger als in das «Herz der Finsternis». So heisst ein Roman von Joseph Conrad, genial übertragen und verfilmt von Francis Ford Coppola mit «Apocalypse now».

Da spricht Kurtz, niedergesäbelt, als Summe des Lebens, seines Erlebens die Worte «the horror, the horror». Niemals war Marlon Brando eindringlicher als in dieser Rolle. Nun fragt sich sicherlich männiglich und auch fraulich, wer war Conrad, was ist «Das Herz der Finsternis», und wer sind denn die anderen Figuren und Namen?

ZACKBUM fühlt mit.

Aber das wollen wir Paula Scheidt, Finn Schlichenmeier und Franziska* Schutzbach nicht vorwerfen. Scheidt ist Redaktorin beim «Magazin», Schlichenmeier Autor bei der «Zürcher Studierendenzeitung» (was besonders schmerzt, weil wir uns noch an den «ZS», den «Zürcher Student» erinnern, als deutsche Syntax und richtiger Sprachgebrauch noch etwas bedeuteten). Schutzbach hingegen ist «eine der wichtigsten feministischen Stimmen der Schweiz».

Doppeldeutiges im Lead, aber was soll’s.

Der breiten Öffentlichkeit wurde diese feministische Kreische durch Aussagen wie diese bekannt: «Keine Anzeigen mehr in der Weltwoche, Taxiunternehmen und Fluggesellschaften sollten keine Rechtsnationalen mehr transportieren, Veranstaltungsorte und Hotels keine SVP-Parteizusammenkünfte mehr in ihren Räumlichkeiten zulassen. Mikrofone können auch einfach ausgeschaltet werden. Fernsehsender müssen keine rechten Talkgäste einladen. Zeitungen nicht mehr über sie berichten.» Ausserdem outete sie sich als Antidemokratin,

indem sie Redeverbot oder Boykott für «rechtsnationale Politiker» forderte, selbst wenn «diese gewählt wurden».

Auf die Frage von «watson», ob sie als Taxifahrerin Roger Köppel am Strassenrand stehenlassen würde, antwortete sie: «Ja, ich denke schon

Eine ellenlange Würdigung der Antidemokratin

Anschliessend ruderte sie zurück, das habe sie nur satirisch gemeint. Zudem treibt sie sich im Umfeld der hassbereiten Kämpferin gegen Hass und Hetze im Internet, Jolanda Spiess-Hegglin, herum. Also eine, sagen wir mal etwas kompromittierte Stimme des Feminismus. Das hindert «Das Magazin» aber nicht daran, ihr neustes Buch mit einem ellenlangen Interview zu würdigen.

Der Titel lautet «Die Erschöpfung der Frauen. Wider die weibliche Verfügbarkeit». An die männliche Erschöpfung beim Lesen eines solch wirren Gesprächs denkt Frau aber nicht. Die (uralte) These in einem Satz: Durch Doppelbelastung sind Frauen erschöpft. Sowohl im Beruf wie im Privaten. Wie äussert sich das? Nun, Frau muss an den Geburtstag des Arbeitskollegen denken oder «im Büro die Blumen giessen».

Echt jetzt? «Genau», sagt Schutzbach, «es existiert also eine gewisse Gefahr auszubrennen, die klar mit historisch gewachsenen Geschlechterrollen zusammenhängt.» Dann gibt Schutzbach tiefe Einblicke in die privaten Aufgaben von Frauen: «Ein kranker Grossvater muss auch nachts zur Toilette begleitet werden, ein Kleinkind wird nie geplant krank, sondern immer unvorhergesehen.»

Frau als Opfer oder als Kunstwerk?

Wie wahr, und da sich der Mann in solchen Fällen einfach umdreht und weiterschnarcht, den kranken Opa ins Bett urinieren lässt, kümmert sich halt die Frau. Aber auch die Interviewerin verblüfft mit speziellen Ursachen von Erschöpfung:

«Manchmal erwähne ich, dass ich nach der Geburt meiner Zwillinge innerhalb von vier Monaten weit über hundert Liter Milch mit meinen Brüsten produziert habe. Alle reagieren überrascht.»

Wo liegt die Wurzel der Erschöpfung? Bei Adam Smith, ungelogen

Aber genug der Erschöpfung, wo liegen eigentlich die Wurzeln des Übels? Überraschung, bei Adam Smith. Echt wahr. Der war nebenbei der Begründer der modernen Wirtschaftslehre und schrieb mit «Der Wohlstand der Nationen» ein bahnbrechendes und bis heute nachwirkendes Werk. Aber aus feministischer Sicht ist etwas ganz anderes an seinem Leben bemerkenswert:

«Der Wegbereiter des heutigen Wirtschaftsliberalismus hat sein Leben lang bei seiner Mutter gewohnt. Sie hat alle Mahlzeiten gekocht, seine Wäsche gewaschen, das Arbeitszimmer geputzt. Er hätte merken müssen, dass seine Produktivität erst durch eine Frau möglich wird, die hunderte von Stunden gratis arbeitet. Aber nichts davon ist in seine Theorien eingeflossen.»

Kochte, wusch und putzte nicht: Adam Smith

Nun, genauer gesagt lebte Smith (1723 bis 1790) als Erwachsener von 1767 bis 1776 im Haus seiner Mutter. Da die Familie nicht unvermögend war, ist eher weniger anzunehmen, dass sich seine Mutter – und nicht Bedienstete – um Küche, Wäsche und Putzen kümmerten. Aber wieso soll man sich von der Realität feministisches Geschwurbel kaputtmachen lassen.

Aber gut, deswegen schrieb wohl Smith diese Werk und nicht seine Mutter, sie war einfach erschöpft. Wie kann man dem abhelfen? «Wir sollten Familienarbeit als Projektmanagement betrachten.» Aha, sonst noch Ratschläge? Aber immer: «Zwanzig Stunden Erwerbsarbeit pro Woche muss reichen.»

Wir gestehen alles

Nun müssen wir ein Geständnis machen. Eigentlich, Berichterstatterpflicht kann herausfordernd sein, wollten wir bis zum bitteren Ende durchstehen. Als dann noch Rollenbilder, Catcalling, Penisneid und all das Panoptikum der feministischen Uralt-Topoi kamen, verzichteten wir auch aufs Querlesen und beschlossen, dass unsere Erschöpfung nur durch den sofortigen Abbruch der Lektüre kuriert werden kann.

Gnadenlos erschöpfend: Franziska* Schutzbach.

Vielleicht wiederholen wir uns, aber: eine Redaktion, die nicht nur eine Titelgeschichte über Schamlippen zulässt, sondern auch einen solchen Sprachmüll seitenweise über den Leser ausgiesst, hat jede Kontrolle über den Inhalt ihres Organs verloren. Sie hat ihre eigentliche Aufgabe, die Leserbespassung oder zumindest -unterhaltung, völlig aus den Augen verloren. Und durch Leserquälen ersetzt. In einem Ausmass, um das sich eigentlich der Gerichtshof für Menschenrechte kümmern müsste.

*Red. Nach Leserhinweis korrigiert. ZACKBUM fordert seinen Redaktor auf, sich zur Strafe einen Monat lang Arthur Zeyer zu nennen.

Obduktion der Scham

Immer wenn man denkt: Dümmer geht nümmer, kommt der Beweis des Gegenteils um die Ecke.

Die Welt ist voller Probleme. Lebensbedrohlichen, herzzerreissenden, Gemüt und Seele marternden. All die Hungernden, Bedrohten, Unterdrückten, Ausgebeuteten, Niedergehaltenen.

Es ist so viel, dass es uns aus Selbstschutz wurst ist, ausser einigen Betroffenheitsheuchlern. Denken wir aktuell nur an eine ganze Generation von jungen Frauen in Afghanistan. Sie konnten rund 20 Jahre lang – nicht überall, aber doch – daran schnuppern, wie ein Leben aussehen könnte. Mit Bildung, Selbstbestimmung, Freiheit, aus seinem Leben machen zu dürfen, was man möchte. Endlich als Mensch mit Rechten respektiert zu werden.

 

Nun wird wieder das schwarze Leichentuch der Burka drübergestülpt, oder der Ausdruck freier Selbstbestimmung, wie Dummschwätzer von Daniel Binswanger abwärts schwafeln. Aber eigentlich ist auch das vom eigenen Bauchnabel zu weit entfernt, und das ist ja das einzige, was Schweizer Feministen interessiert.

Gleich schämen sich hier alle.

Besonders sensibel sind sie – das tut nicht weh und macht auch keine Mühe – bei sprachlichen Formen der männlichen Dominanz, des Sexismus, der Frauenverachtung. Das haben wir alles schon durch, und eigentlich meinte man: schlimmer geht nimmer. Um eines Schlechteren belehrt zu werden: schlimmer geht immer.

Denn es gibt ja noch «Das Magazin» von Tamedia, ein 32 Seiten umfassender Schatten seiner selbst. Das beweist mit seiner jüngsten Ausgabe, dass die Latte (Pardon) wirklich immer noch tiefer gelegt werden kann. Denn es macht uns auf ein Problem aufmerksam, unter dem vielleicht nicht die Frauen Afghanistans leiden, die den Taliban zum Opfer fallen. Auch nicht die Millionen von Frauen, die immer noch brutal der Klitorisbeschneidung zum Opfer fallen. Aber zumindest alle des Deutschen mächtige Frauen.

Ein Skandalwort muss weg, dann wird alles besser

Nur wussten es viele vielleicht noch gar nicht. Denn es gibt noch ein Skandalwort in der deutschen Sprache. Ein so schlimmes, abwertendes, frauenfeindliches, einfach übles Wort, dass das «Magazin» diesem Wort das Cover und die Titelgeschichte widmet. Genauer: der «Anregung für eine Umbenennung.» Denn das Wort muss weg.

Schämt euch eins!

Sogar ein Gutmensch und sensibler Mann in einem, also Bruno Ziauddin, gesteht im «Editorial», also in dem Schrumpfgefäss, das früher mal ein Editorial war: «Bis vor kurzem habe ich noch nie über das Wort *** nachgedacht, was bestimmt daran liegt, dass ich ein Mann bin. Das Wort bezeichnete für mich einfach einen Teil der weiblichen Geschlechtsorgane.»

«Bezeichnete», denn inzwischen ist Ziauddin geläutert und will es nie mehr verwenden. Dank des flammenden Appells der «freien Reporterin und Übersetzerin» Tugba Ayaz. Denn die stellt die Frage aller Fragen:

«Warum heissen Schamlippen Schamlippen?»

Was, Sie sagen nun: das ist ungefähr eine so intelligente Frage wie die, warum ein Tisch Tisch oder ein Glas Glas heisst? Vielleicht sagen sie auch: warum heisst es eigentlich DER Gewinn und DIE Pleite? Ist das nicht frauenverachtend genug?

Der Screenshot als Beweis: Wir erfinden nix.

Sie haben ja keine Ahnung. Schamlippen heissen so, weil Männer Schweine sind, so einfach ist das.

Daher lieber die Labien reinigen, von jetzt an

Oder wie das die Autorin mit dem handelsüblichen szenischen Einstieg bewältigt: ««Jetzt noch die Labien reinigen, und fertig sind wir!», sagte meine Schwester zu ihrer Tochter beim Wickeln.» Denn: «Das Mädchen sollte das Unwort «Schamlippen» gar nicht erst kennen lernen.»

Schon wieder ein Mädchen, das viel Geld für eine langwierige Psychotherapie ausgeben muss, um über einen solchen Wahnsinn hinwegzukommen, der ihm in unschuldig-kindlichen Jahren zugefügt wurde.

ZACKBUM versichert: Wir haben keine verbotenen Substanzen zu uns genommen, und das hier ist keine Satire. Bei der Autorin können wir das aber nicht garantieren:

«Warum heissen Schamlippen eigentlich Schamlippen? Inwiefern erzählen uns die Begriffe der Vulva – Schamlippen, Schamhügel, Schamhaare – eine Geschichte über das Schamgefühl?»

ZACKBUM gesteht: uns erzählen unsere Schamhaare keine Geschichten, aber wir sind ja – wie Ziauddin – männlich. Autorin Ayaz hingegen könnte nun einfach nachschlagen oder googeln, wieso das so ist. Weil sie aber prätentiös sein will, muss sie dafür die «Begründerin der feministischen Linguistik in Deutschland» konsultieren. Luise F. Pusch erklärt dann, was in jedem Lexikon steht: Scham und Schamgegend kommt vom lateinischen «pudendum».

Nein, meine Herren, das ist Kunst.

Weil sich christlich die Menschen für diese Körperteile schämen sollten, sind sie gerne mit Feigenblättern verhüllt. Alles trivial, banal, schnarchlangweilig. Aber wozu ist Pusch die Begründerin und eigentlich einzige Vertreterin der weiblichen Linguistik?

«Die Männer mussten sich nur noch bis zum Schamhaar schämen. Ihre anderen Schamteile heissen Penis und Hoden und nicht Schamstängel und Schambeutel»,

weiss Pusch. Das ist wahr, aber die anderen Schamteile bei Frauen heissen Vulva, Vagina, Klitoris, nix mit Scham. Und Hodensack oder Skrotum ist nun auch nicht so toll, ehrlich gesagt, da könnten wir uns mit Schambeutel durchaus anfreunden.

Keine Scherze mehr, es wird noch ernster

Aber Pusch hat bereits 1983 eine Glosse über «Scham und Schande» geschrieben, weiss Ayaz. Sie weiss aber nicht, dass auch der Sexualwissenschaftler Volkmar Siegusch in seinem Essay «Lippen der Scham» schon 2005 darauf hinwies, dass es keinesfalls egal sei, «ob wir von Schamlippen sprechen oder von Labien oder von Venuslippen». Wir wollen nicht rechthaberisch klingen, aber zudem gibt es ja wohl die kleinen und die grossen Schamlippen, nicht wahr?

Aber wir sind Männer, Pusch ist da schon weiter und möchte überhaupt auch den Begriff «Lippen» in diesem Zusammenhang vermeiden. Pusch wird zur Multilinguistin, leitet vom chinesischen «Gebärpalast» für Uterus «Pforten des Palasts» ab. Wem das chinesisch vorkommt, das «spanische vainilla bedeutet kleine Schote (vaina) und geht zurück auf das lateinische vagina. Wir könnten uns also auch Vanille für Wortkreationen nutzbar machen.» Vaina bedeutet allerdings in erster Linie Scheide, wie bei «Schwert in die Scheide stecken»; vielleicht doch nicht so toll.

Wenn man dann noch bedenkt, dass es wohl kaum ein Körperteil gibt (bei Männlein wie bei Weiblein), das mit dermassen vielen Bezeichnungen versehen ist, von Honigtöpfchen, Spältchen, Scheide bis hin zu Loch oder Fotze, der zweifelt verstärkt, ob es wirklich Sinn macht, in einem ganzen Sachbuch zu bemängeln, dass Begriffe wie «Vagina» oder «Scheide» einfach eine Körperöffnung bezeichnen, von den meisten aber «fälschlicherweise für das Genital» verwendet werden, warnt Ayaz und beruft sich auf die «Bestsellerautorin Mithu M. Sanyal», die nicht nur fordert, im Duden das Wort «Vulvalippen» als Ersatz einzutragen. Sie bemängelt auch, dass mit Vagina «das komplexe weibliche Geschlechtsorgan auf ein Loch reduziert» werde.

Falsche Wörter können verstümmeln!

Als ob das bei Schwanz oder Penis anders wäre, muss man doch den männlichen Standpunkt hier einbringen, aber der interessiert natürlich niemanden. Denn es ist ja mal wieder viel schlimmer, so zitiere Sanyal in ihrem «Vulva-Epilog» eine US-Feministin, für die «die falsche Benennung einer «psychischen genitalen Verstümmelung» gleichkomme».

Die Realität. Sie mit «falscher Nennung» zu vergleichen, ist bodenlos.

Fehlt da noch etwas? Ein Detail: «Die deutsche Sprache versteckt Frauen besser als eine Burka», schreibt Pusch und so zitiert sie Ayaz. Können wir diesen Wahnsinn zusammenfassen? Einen Teil des weiblichen Geschlechtsorgans Schamlippen zu nennen, das Ganze Scheide, das sei gleichschlimm wie eine Klitorisverstümmelung. Und die deutsche Sprache im Allgemeinen sei wie eine afghanische Burka.

Die Realität. Sie verbietet jeden ungehörigen Vergleich.

Wenn dass die Afghaninnen wüssten, die vor dem Regime der fundamentalistischen Wahnsinnigen dort nach Deutschland geflüchtet sind. Weil sie keine Burka tragen wollen. Nun müssen sie eine sprechen. Wenn das die Somalierinnen wüssten, die wie viele afrikanische Frauen nach Europa geflüchtet sind, um der barbarischen Klitorisbeschneidung zu entgehen – nur um hier «psychisch genital verstümmelt» zu werden.

Wir sind uns feministischen Wahnsinn in jeder Form inzwischen gewohnt. Aber wohl nicht einmal die Tagi-Frauen, die einen Beschwerdebrief über unerträglich sexistische Zustände auf den Redaktionen unterschrieben, würden so weit gehen. Hoffentlich.

Bar jeder Vernunft, jeder Relation, jedes Anstands

Nein, es ist nicht frauenfeindlich, wenn man dagegen stellen muss: diese Vergleiche sind fehl am Platz. Sie sind menschenverachtend. Sie sind widerlich. Sie zeugen von einer Haltung, die jegliche Massstäbe, jeden Anstand, jede Vernunft verloren hat.

Wer jeden Furz mit Zuständen wie im Dritten Reich vergleicht, ist ein Idiot. Wer Bezeichnungen oder Sprachgebrauch mit realer Klitorisbeschneidung oder dem Tragen einer Burka vergleicht, ist eine Idiotin.

Was soll man zu einem Organ sagen, das einen solchen Unsinn abdruckt? Vielleicht das: Wieso heisst «Das Magazin» eigentlich «Das Magazin»? Wieso heisst es nicht «Schämt Euch», Abfalleimer, Klosettschüssel, Brechmittel? Das sollte einmal linguistisch untersucht werden.

Die Wüste lebt

Wir taten es nicht freiwillig. Aber ein Artikel des «Magazin» lohnt die Lektüre. Unfassbar.

Es gibt nichts Schöneres, als wenn Vorurteile zerbrechen. Also sagen wir so: Das «Magazin» unter Finn Canonica ist das tragischste Opfer eines sich ins Elend sparenden Journalismus. Ein Schatten früherer Grösse. Selbst der Abgang von Daniel Binswanger konnte daran nichts ändern.

Aber: «Warum sind wir so besessen von Genitalien?» ist ein grossartiger Essay der Berliner Schriftstellerin Nele Pollatschek.

«Vor einigen Wochen unterhielt ich mich mit einem Journalistenkollegen und sagte: «Ich, als Schriftsteller…» Der Journalist unterbrach mich: «SchriftstellerIN». Da fiel es mir wieder ein. Ich bin ja kein Schriftsteller, ich bin ja eine Frau.»

Eigentlich ist das Thema gendergerechtes Deutsch zu Tode geschrieben worden (auch hier auf ZACKBUM). Umso verblüffender, dass ein Schriftsteller mit Elan, Frische und Humor dieser Perversion wahrlich den Todesstoss versetzt. Das abgedruckt zu haben, dafür gebührt dem «Magazin» grosses Lob. Es erst so lange nach Publikation gelesen zu haben, dafür gebührt ZACKBUM ein grosser Tadel. Aber wozu hat man gute Freunde, die Hinweise geben.

Jeder sollte das lesen, es ist heilsam

Aber wir leisten Abbitte. Jeder (auch jede, non-binär, transgender und eine der weiteren rund 160 Genderausformungen inbegriffen) sollte das lesen. Wer dann noch meint, gendern hätte irgendwas in der Sprache verloren, würde irgend etwas bringen, besser machen, bewirken, dem ist nicht mehr zu helfen.

Ein Text wie eine Oase in der Wüste.

Natürlich kann man nun noch einwenden, dass uns der Text ausnehmend gefällt, weil er genau in unser Weltbild passen würde. Auch das ist nicht von der Hand zu weisen, aber in erster Linie gefällt das Essay, weil es intelligent, witzig, auf Niveau und herausragend gut geschrieben ist. Das würden wir auch über jeden Text sagen, der das Gendern als unabdingbar nötig für den Fortschritt der Menschheit bezeichnete. Wenn es ihn denn gäbe.

Besonders amüsant ist das Spielen mit verschiedenen Metaebenen, das einen federnden Text von einem gesinnungsschwer platten unterscheidet:

«Ich würde diesen Artikel übrigens gerne anfangen, ohne mehrmals auf mein Geschlecht zu verweisen, das geht keinen etwas an. Ich würde ihn gerne mit rationalen Argumenten gegen das Gendern anfangen. Täte ich das aber, würde ich sofort als Anti-Feminist gelesen werden und diejenigen, für die ich das schreibe, die guten, aufgeklärten Gerechtigkeitsliebenden, würden aufhören zu lesen.»

Dann kommt noch eine hübsche Prise Dialektik dazu. Die Autorin gibt zu, dass ihr Diskriminierung durchaus bekannt ist; als jüdischer Frau in Deutschland. Aber: «Ich gendere nicht, ich möchte nicht gegendert werden, gerade weil ich weiss, wie Diskriminierung sich anfühlt.»

Ein virtuoser Todesstoss

Nachdem Lele Pollatschek die üblichen Argumente gegen das Gendern fulminant abgeklatscht hat, setzt sie virtuos zum Todesstoss an:

«Im Grunde gibt es nur ein einzig wirklich gutes Argument gegen das Gendern: Es ist leider sexistisch.

Ich sage leider, denn Menschen, die gendern, sind mir doch eigentlich so nah. Wer gendert, tut das in der Regel, um auf sprachliche und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten hinzuweisen. Gendern ist eine sexistische Praxis, deren Ziel es ist, Sexismus zu bekämpfen.»

Das dekliniert sie nun vergnüglich durch, dabei hilft ihr die Aussenperspektive, die sie durch ihr Studium in Cambridge und Oxford gewann. Denn schon englischen Feministen ist die deutsche Manie, durch die Verwendung möglichst vieler Genderformen mehr Sprachgerechtigkeit herzustellen, mehr als suspekt.

«Wer aus meinem «Schriftsteller» ein «Schriftstellerin» macht, kann auch gleich «Vagina!» rufen. Das hat den gleichen Informationswert, wäre aber komischer und aufrichtiger und mir deutlich lieber.»

Es gibt auch ganze Denkgebäudeansiedelungen in der Wüste.

Aus der Vielzahl ihrer Argumente, wie die Aneignung von Begriffen richtig stattfinden könnte, sei nur eines herausgegriffen: «Genauso wie das Wort «US-President» für die ersten Jahrhunderte der amerikanischen Geschichte per Gesetz nur Weisse bezeichnen konnte und faktisch bis 2008 nur weisse Männer bezeichnet hat. Die Realität, also Barack Obama, hat die Sprache verändert.»

Realität und Sprache ist eine dialektische Wechselwirkung

Nicht die Verwendung des Begriffs Bundeskanzlerin hat dieses Amt auf Frauen erweitert. Sondern die Amtsausübung durch Angela Merkel. Damit hat Pollaschek den wesentlichen Punkt festgenagelt: die Realität verändert die Sprache, nicht die Sprache die Realität. Besser: Sprache kann dabei helfen, aber nicht der Genderwahn. Ihr Schlusswort kann man nur mit beiden Händen unterschreiben:

  • «In einer Welt, in der innerhalb weniger Jahrzehnte aus «Fräuleins» «Frauen» wurden, können aus Frauen noch immer Menschen werden. Menschen, die Bücher schreiben, wir nennen sie dann Schriftsteller, Menschen die wählen, wir nennen sie dann Bürger, Menschen die regieren, wir nennen sie dann Kanzler oder Bundesrat, Menschen, die zu Gast sind, wir nennen sie dann Gäste. In dieser Welt würde ich sehr gerne leben.»

Auch im Death Valley blüht’s – nach einem Regenfall.

Wer nicht. Aber zurzeit sieht es eher danach aus, als ob wir uns von dieser Welt mit grossen Schritten entfernen würden. Allerdings auch nur in sehr elitären Zirkeln, deren Kriegstänze um den Popanz Gender eigentlich nicht wirklich interessieren.