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Putin geht’s ganz schlecht

Analysiert knallhart das Qualitätsblatt «Blick».

Boulevard wird meist dann unfreiwillig komisch, wenn Kompetenz vorgegaukelt wird. Entweder holt man sich die mit einem untauglichen Objekt ab:

Der Meister der Fehlprognose äussert gerne seine Meinung dort, wo sie noch gefragt ist. Entweder sind es Banalitäten («Der Krieg bedroht unseren gesamten Wohlstand»). Oder aber, Jan-Egbert Sturm hält sich bedeckt: «Die grosse Frage ist, wie lange die Strasse von Hormus geschlossen bleibt.» Einen Vorteil hat «einer der einflussreichsten Ökonomen der Schweiz». Wagt er eine Prognose, kann man mit grosser Sicherheit vom Gegenteil ausgehen: «Bis Ende Jahr erwarten wir keine Zinserhöhungen in der Schweiz

Aber am liebsten sind ihm watteweiche Konjunktivsätze: «der Krieg, sollte er noch länger andauern, könnte zu einer gewissen Normalisierung an den Börsen führen. Es könnte zu einer Korrektur an den Märkten kommen. Das ist nicht auszuschliessen.» Sollte, könnte, nicht auszuschliessen.

Als Vizepräsident der Swiss National COVID-19 Science Task Force stand Sturm indirekt auch für zahlreiche Annahmen über wirtschaftliche Folgen der Pandemiepolitik. Kritiker werfen der Task Force bis heute vor, wirtschaftliche Kollateralschäden, Inflationseffekte und gesellschaftliche Langzeitkosten unterschätzt zu haben.

Also wagt ZACKBUM eine Prognose: Sturm wird seiner Tradition der Fehlprognosen treu bleiben. Oder wie er es formulieren würde: könnte so sein, ist nicht auszuschliessen.

Aber das Lieblingsobjekt der «Analyse» ist natürlich der Kreml, genauer Putin. Ältere Semester erinnern sich noch an den Kreml-Astrologen Peter Kux. Im Kalten Krieg war es eine Lieblingsbeschäftigung dieser Sterndeuter, aus kleinen Anzeichen (wer steht wo auf dem Lenin-Mausoleum bei einem Festakt, wer durfte bei Beerdigungen auftreten, in welcher Reihenfolge wurden Namen in der «Prawda» erwähnt), grosse politische Verschiebungen herbeizufantasieren.

Denn im Gegensatz zu jeder US-Administration tropft aus dem Machtzentrum Kreml wirklich nichts raus. Das macht es zum idealen gegendarstellungsfreien Spekulationsraum. Da tobt sich Guido Felder aus: «Putin zittert vor der neuen Strategie der Ukraine». Assistiert wird er von der Kreml-Fachkraft Daniel Macher:

Eigentlich behauptet der «Blick»: «Sein Fokus liegt dabei auf Auslandsthemen, insbesondere auf Berichterstattungen aus den USA.» Aber Washington oder Moskau, Hauptsache Putin. Das ist er schon seiner rotumrandeten Designerbrille schuldig:

Die ist eigentlich eine Röntgenbrille, mit der er durch die dicken Mauern des Kreml sehen kann. Und dort sitzt ein zitternder Putin, der als «Verzweiflungstat» die «gefürchtete Oreschnik-Rakete» einsetzt. Dem geht Macher gnadenlos nach und auf den Grund. Ganze «sechs Entwicklungen» zählt er auf, die beweisen sollen, dass «der Kreml nervöser wirkt denn je». Kein Wunder, bei einem zitternden Präsidenten.

Welche Entwicklungen sind das? «Der Glaube an den Sieg schwindet.» Das weiss der «Chef des estnischen Auslandgeheimdiensts», der sich vielleicht Machers Brille geliehen hat. Ohne Quellenangabe bleibt diese Entwicklung: «Russland gehen Soldaten und Arbeitskräfte aus». Ebenso diese: «Der Krieg destabilisiert Russland im Inneren».

Hier hingegen verlässt sich Macher auf «Experten». Die «beobachten Spannungen innerhalb der russischen Elite». «Kreml-Analysten» hingegen «sprechen bereits von einer möglichen «inneren Spaltung»». Dann: «Wirtschaft und Alltag geraten unter Druck». Sagen das Experten oder Analysten? Nein: «Selbst kremlnahe Stimmen kritisieren inzwischen offen die Einschränkungen.»

Schliesslich: «Putin reagiert mit Kontrolle und Repression». Experten, Kreml-Analysten, kremlnahe Stimmen? Falsch:

«Genau das sehen Beobachter als Zeichen dafür, dass das System nervöser wird.»

All das sollten wir ernst nehmen, denn bekanntlich rüstet sich der Iwan für einen Angriff auf die Schweiz. ZACKBUM weisst aber, dass unsere beste Abwehr darin besteht, dass sich der Iwan totlacht, dass Putin im Kreml vor unterdrücktem Kichern zitterte, wenn er diesen Schwachsinn lesen würde.

Wieso bleibt der «Blick» nicht bei Themen, bei denen er sich auskennt? Dann kann er echte Lebenshilfe geben, denn, Hand aufs Herz, bzw. den Uterus, wussten Sie das?

Schluck.

Rechnen mit «Blick»

Eine richtige Zahl sei falsch. Wie geht das?

US-Präsident Donald Trump hat vor der UNO gross ausgeholt und sich selbst über den grünen Klee gelobt. Das meiste, was er dafür als Begründung anführte, ist blühender Blödsinn.

Doch dann erwähnt er eine Zahl, zu der «Blick»-Redaktor Daniel Macher zunächst nur einfällt: «Diese Zahl ist korrekt, sie liegt genau genommen bei 72,5 Prozent». Hätte er hier aufgehört, wäre es zwar kein Artikel geworden, aber dafür hätte er sich viel Peinlichkeit erspart.

Leider fährt er fort: «doch sie allein erzählt nur einen Teil der Geschichte».

Dabei wäre Macher doch im Prinzip qualifiziert: «Daniel hat ein Magisterstudium in Geschichte und Amerikanistik absolviert und sein journalistisches Handwerk in Hamburg gelernt.» Aber vielleicht war er dort beim «Spiegel», wo man leider nicht mehr wirklich echtes Handwerk lernt, sondern Haltungsjournalismus oder Relotius-Journalismus.

So nimmt auch hier das Unheil seinen Lauf, wenn er den anderen Teil erzählen will: «Eine tiefergehende Analyse zeigt, dass Trumps populistische These, Migration würde die Kriminalität in die Schweiz bringen, einer genaueren Betrachtung nicht standhält.»

Populistisch ist immer gut, aber die «genauere Betrachtung» von Macher ergibt eigentlich nur, dass 72,5 Prozent aller Gefängnisinsassen in der Schweiz – sagen wir es nicht-populistisch korrekt – einen starken Migrationshintergrund haben. Wie Trump völlig richtig sagte.

Doch Macher will uns helfen zu kapieren, dass das zwar so ist, aber eben doch nicht wirklich: «Um die Zahlen richtig zu verstehen, muss man zwischen den verschiedenen Gruppen von Ausländern in den Gefängnissen unterscheiden.»

Wie das? Es gebe eben Ausländer und Ausländer. Nämlich solche mit festem Wohnsitz, Asylanten und vor allem solche ohne festen Wohnsitz. Leider ändert auch das nichts daran, dass 72,5 Prozent, aber das sagten wir wohl schon.

Macher stürmt ungehemmt zum Ziel: es gebe «keinen direkten Zusammenhang zwischen den Migrationsbewegungen und der Kriminalitätsrate. Populistische Thesen wie die von Trump halten einer genauen Überprüfung nicht stand.»

Man mag nun einwenden, dass Trump wirklich nicht unbedingt eine verlässliche Quelle ist. Wie wäre es dann mit Dr. Frank Urbaniok, 23 Jahre lang Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes (PPD) im Amt für Justizvollzug des Kantons Zürich und ein ausgewiesener Kenner des Strafvollzugs?

Der hat zum grossen Ärger von Populisten wie Macher vor Kurzem ein Buch veröffentlicht. Mit dem Titel «Schattenseiten der Migration: Zahlen, Fakten, Lösungen».

Die mit ganzen Zahlengebirgen belegten zentralen Erkenntnisse des Fachmanns:

Ausländer bzw. Personen mit «nicht-einheimischer Herkunft» sind in der Kriminalstatistik überproportional vertreten – insbesondere in Bereichen wie Gewalt- und Sexualdelikten.

Hinter dieser Überrepräsentation stehen oft kulturspezifische Prägungen — also Einstellungen, Werte, Rollenbilder, Normen, Gewaltverständnisse, die in Herkunftsgesellschaften stärker verankert sind und sich auf das Verhalten auswirken könnten.

Diese Prägungen können auch dann fortwirken, wenn Menschen formal integriert sind.

Das ist halt blöd gelaufen für Macher, wenn er populistisch dem Populisten Trump eine reinwürgen will. Aber leider dafür das aktuelle Fachbuch der Schweizer Koryphäe zu diesem Thema entweder nicht kennt – oder ignoriert.

Nach der guten alten Journalistenregel: ich lasse mir doch von ein paar blöden Wahrheiten meine schöne Story nicht kaputtmachen.