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Creditli Suissli

Gibt es in der Schweiz momentan ein wichtigeres Thema als die CS?

Hat denn niemand Erbarmen mit der Nummer zwei im Schweizer Banking? Die Aktie steht bei rund 5,5 Fränkli. Aus der einstmals stolzen Credit Suisse ist ein Bänkli geworden. Ein Credit Suissli. Ein Scheinriese.

Aber die Medien haben weitgehend vermeintlich Wichtigeres zu tun als die «too big to fail»-Bank mit ihren «too big to jail»-Bankern unter die Lupe zu nehmen.

Wie geht’s in der Ukraine weiter? Müssen wir nächsten Winter frieren? Wird der Flug in die Ferien gestrichen? Brauche ich heute Sonnencreme oder den Regenschirm?

Wichtige und gewichtige Fragen. Darüber sollte man aber nicht ausser Acht lassen, dass sich bei der immerhin zweitgrössten Bank der Schweiz Schlimmes tut. Die Bank ist so gross, dass sie «too big to fail» ist. Sie hat eine Staatsgarantie, dass ihr im Fall der Fälle geholfen wird. Weil sie angeblich systemrelevant sei. Also ein möglicher Zusammenbruch hätte dermassen gravierende Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft, dass man ihr vorher mit Steuergeldern unter die Arme greifen würde.

Vieles deutet darauf hin, dass die Bankführung sich aus diesem Grund am liebsten mit Geldzählen beschäftigt. Mit dem Zählen des eigenen Geldes natürlich. Denn der gesammelte und millionenteure Sachverstand von Geschäftsleitung und Verwaltungsrat kann seit Jahren nur einen einzigen Erfolg melden: seine Gehälter bleiben turmhoch – während sich die Probleme turmhoch stapeln und der Aktienkurs nur eine Richtung kennt.

Der Aufschrei bleibt aus

Gerade hat er mal wieder einen absoluten Tiefststand erreicht; zeitweise lag er bei 5.44 Franken. Das müsste eigentlich einen Aufschrei auslösen, nicht nur bei den gebeutelten Aktionären. Denn im Fall der Fälle wird jeder eidgenössische Steuerzahler zur Kasse gebeten.

Man muss versuchen, sich diesen Wertzerfall plastisch vorzustellen. Ein Kaffee creme in einem teuren Kaffee kostet gleichviel. Etwas mehr als zwei Liter Benzin tanken kostet gleichviel. Für einen Fünfliber und eine Fünfzigermünze bekommt man eine CS-Aktie. Was bedeutet das noch?

Auf Banglisch gibt es den Begriff «price to book». Das vergleicht den Börsenwert einer Bude mit dem Bilanzwert, also dem, was in ihren Büchern an Werten vorhanden ist. Normalerweise sollten diese beiden Werte einigermassen übereinstimmen.

Bei der UBS beträgt dieses Verhältnis 0,9. Das bedeutet, man kann von einer fairen Börsenbewertung sprechen. Bei der CS sind es ganze 0,29. Das bedeutet, dass ihr Börsenwert rund 70 Prozent unter ihrem Buchwert liegt. In absoluten Zahlen beträgt er noch 14 Milliarden Franken.

Zum Vergleich: selbst die zurzeit arg gebeutelte Partners Group hat eine Marktkapitalisierung von über 23 Milliarden Franken. Zudem: hier arbeiten rund 1500 Angestellte, bei der CS sind es 50’000. Eine UBS-Aktie kostet rund 15 Franken, deren Börsenwert liegt bei 55,75 Milliarden. Auch noch ein Klacks im Vergleich zu richtig grossen Banken. Die Bank of America zum Beispiel bringt fast 260 Milliarden US-Dollar auf die Börsenwaage. JP Morgan Chase sagenhafte 335 Milliarden.

Wieso kauft keiner das Schnäppchen?

Dagegen ist die CS ein Schnäppchen, das diese Banken aus der Portokasse kaufen könnten. Zudem, wenn der Kaufpreis ein Drittel des inneren Wertes beträgt, könnte man die einstmals stolze Schweizer Bank, gegründet von Alfred Escher, in ihre Einzelteile zerlegen, die verscherbeln und mit einem satten Gewinn nach Hause gehen.

Daraus ergibt sich die Frage: wieso macht das keiner? Es werden zwar immer wieder haltlose Gerüchte herumgeboten, dass es ernsthafte Kaufinteressenten gäbe. In Wirklichkeit traut sich aber keiner. Zum einen, weil die Schweizer Bankenaufsicht FINMA, obwohl ansonsten zahnlos, hier wohl ihr Veto einlegen würde – oder zumindest den Kaufprozess so stachelig wie möglich machte, es geht schliesslich doch um Schweizer Tafelsilber.

Viel wichtiger aber: potenzielle Käufer werden abgeschreckt, weil keiner weiss, welche Leichen noch in den tiefen Kellern der CS liegen. Sie hat in der Vergangenheit milliardenschwere Bussen und Wiedergutmachungszahlungen geleistet. Alleine im Steuerstreit mit den USA über 2,6 Milliarden Dollar. Aber weitere teure Konflikte sind noch nicht gelöst, immer wieder poppen neue auf. Alleine im Zusammenhang mit der Anschuldigung, das Entwicklungsland Mosambik durch fahrlässige Kreditvergabe in Milliardenhöhe in den Staatsbankrott getrieben zu haben, geht es um eine runde Milliarde.

Ein ungetreuer Bankmitarbeiter in Genf soll seine reiche, russische Klientschaft um über eine Milliarde erleichtert haben. Das Risikomanagement der Bank versagt eins ums andere Mal krachend; Stichwort Archegos– oder Greensill-Skandal mit Milliardenschäden.

Privatbanking in Asien, Investmentbanking im Allgemeinen, überall gibt es Baustellen. Das Personal kommt und geht, selbst der Bonustopf ist 2021 auf 1,8 Milliarden Franken geschrumpft. Gleichzeitig ein exorbitanter Betrag für kontinuierliches Versagen.

Zudem braucht die Bank frisches Geld; Fachleute sprechen von einer nötigen Kapitalaufnahme in der Region von 10 Milliarden Franken. Die Grossaktionäre der CS, die US-Riesen Blackrock, Harris Associates, dazu Scheichs aus Katar und Saudi Arabien, sind nicht wirklich lustig darauf, Geld nachzuschiessen. Zudem haben sie bislang stillgehalten, weil sie sich an speziellen Schuldpapieren mit dem lustigen Namen CoCos gütlich tun konnten; mit Zinsen bis zu 9,5 Prozent in einem Nullzinsumfeld. Aber diese Schuldverschreibungen, mit denen sich die CS bei der Finanzkrise eins 2008 aus der Bredouille rettete, sind ausgelaufen.

Das grösste Abschreckungspotenzial hat ein weiterer Aspekt: die Führungscrew der Bank. Weder dem VR und erst recht nicht der Geschäftsleitung fällt eine Business-Idee ein. Eine neue Strategie, ein Wurf, der Versuch eines Ausbruchs aus der anhaltenden Misere. In einer solchen Situation ist nicht Kleinklein gefragt, sondern Mut und Ansage.

 

Der 13-köpfige Verwaltungsrat kassiert zwar stolze 12 Millionen Franken, produziert dafür aber nichts Nennenswertes. Die Geschäftsleitung kassiert exorbitante 76 Millionen – und stochert dafür im Nebel.

 

VR-Präsident Axel Lehmann ist sicherlich ein Fortschritt im Vergleich zu seinem Vorgänger Rohner. Aber als Professor und Risikochef ist er kein visionärer Macher. Und CEO Thomas Gottstein? Als grosse Schweizer Hoffnung angetreten, nach den diversen Milliardenabschreibern schwer angeschlagen.

 

Es sind Elendsverwalter, Probleme Schönredner, keine Problemlöser. Wo soll das alles enden? Der Schweizer Steuerzahler wird’s früher oder später erfahren.

Medien als Gerüchteküche

Die Medien hecheln allem nach.

Der Finanzblog «Inside Paradeplatz» platzierte am frühen Nachmittag des 8. Juni einen Knaller: «Will State Street die Credit Suisse kaufen?» Basierend auf den Informationen eines «Insiders» wolle der US-Finanzmulti ein freundliches Übernahmegebot abgeben: «Der Preis liege bei 9 Franken pro Titel, sagt ein Insider auf dem Platz Zürich. Der Aufpreis um gut 40 Prozent gegenüber den aktuellen 6.30 Franken würde die CS mit 23 Milliarden bewerten.»

Vorsichtig endete Lukas Hässig: «Ob es zu einem Deal kommt, bleibt ungewiss, auch wenn die Quelle über gute Beziehungen auf dem Finanzplatz verfügt. Solche Informationen sind naturgemäss ungesichert.»

Daraufhin spielte sich Unglaubliches ab. Obwohl die CS gerade mal wieder eine Gewinnwarnung veröffentlicht hatte, was den Aktienkurs nicht dramatisch, aber leicht in den Keller schickte, zog er nach dieser Meldung wieder an.

«Cash» hechelt hinterher.

Die gesamte Fachpresse echote die Information von IP. Nach der Devise: Wenn’s nur ein Scherz ist, sind wir ja nicht dran schuld, also können wir ohne Hemmungen ein paar Klicks damit generieren.

Die NZZ hechelt hinterher.

Die «Handelszeitung» fasste die Kapriolen zusammen: «Am Vortag hatten CS zunächst zeitweise bis zu über 7 Prozent verloren, nachdem die Bank am Morgen einen Verlust für das zweite Quartal angekündigt hatte. Am Mittwochnachmittag vollzogen die Aktien dann einen Kurssprung und schlossen 3,8 Prozent im Plus.»

Tamedia hechelt hinterher.

Natürlich beschränkten sich sowohl State Street wie die CS auf ein «no comment». Was freie Bahn für weitere Spekulationen ermöglichte.

Eigentlich gibt es gewisse Regeln, was börsenrelevante Meldungen betrifft. Eigentlich wäre es ein Zeichen von Seriosität, wenn man eine Meldung, die auf den Angaben eines angeblichen «Insider» beruht, nicht gleich raustrompeten würde. Ganz abgesehen davon, dass dieses Gerücht nicht von IP erfunden wurde, sondern schon länger herumgeistert.

Aber der heutige Zustand der klickgetriebenen Online-Medien erlaubt solche Nachdenklichkeit natürlich nicht. Zwei Kommentatoren auf IP haben die beiden wichtigsten Aspekte der Angelegenheit perfekt zusammengefasst.

Kommentator eins:

«Denke, der Insider hat heute Mittag Call-Optionen auf CS gekauft und dann dieses Märchen erfunden. Damit will er dann in die Ferien.»

Schwer zu toppen, aber dieser Kommentar ist auch nicht schlecht:

«Neuestes Gerücht: IP wird die CS übernehmen!
VRP: Lukas Hässig
CEO: Hans Geiger
CFO: Beni Frenkel
Chief Communications: Klaus J. Stöhlker»

ZACKBUM hofft, mit dieser Prognose keine neue Spekulationswelle auszulösen.

Zweitgrösste Bank: na und?

Die CS ist in der letzten Woche in 203 Artikeln erwähnt worden. Darunter ein kritischer.

Die Bank ist krank. Das kann man bei der Credit Suisse wohl sagen, ohne gleich ein nettes Schreiben der Hauskanzlei Hartmann & Merker zu bekommen. Hoffentlich.

Vor Ostern verabschiedete sich die einstmals stolze Bank mit 7,17 Franken von der Börse. Die gute Nachricht: vor etwas mehr als einem Jahr erreichte sie ein Tiefst von 6,206 Franken. Anfang November letzten Jahres lag sie bei stolzen 10,175; zweistellig, Wahnsinn. Seit 1. Januar 2022 verlor die Aktie weitere 19,09 Prozent ihres Werts.

Das Trauerspiel in den letzten drei Jahren. (Quelle: cash.ch)

Die Ursachen sind bekannt. Abhilfe ist nicht in Sicht. Angesichts solcher Zahlen und Entwicklungen könnte man eigentlich annehmen, dass das Führungspersonal, das Management, die Geschäftsleitung einkommensmässig etwas kürzer tritt. Für die nächste Aktionärsversammlung am 29. April fordern unter anderem die grossen Aktionärsberatungsfirmen ISS und Glass Lewis, keine Décharge zu erteilen. Diese Verweigerung der Entlastung vom letzten Geschäftsjahr hat zwar weitgehend eine symbolische Bedeutung. Noch nie – weder bei der UBS, noch bei der CS – wurde der Versuch unternommen, das Management haftbar für einen katastrophalen Geschäftsverlauf zu machen.

Der abgetretene langjährige VR-Präsident Urs Rohner entschuldigte sich in seiner letzten Rede für den trübseligen Aktienkurs. Aber ausser schönen Worten und klitzekleine Verzichtserklärungen gilt für die Bank weiterhin: Business as usual. Das heisst, die Ausschüttung der sogenannten «variablen Vergütung», also von Boni, hat nur sehr rudimentär mit dem Geschäftsverlauf zu tun.

Lukas Hässig von «Inside Paradeplatz» hat sich die Mühe gemacht, entsprechende Zahlen aufzubereiten. Das Ergebnis ist, gelinde gesagt, ernüchternd.

In den letzten 8 Jahren wurden insgesamt Boni in der Höhe von über 26 Milliarden Franken ausbezahlt. Die Entwicklung des Aktienkurses sah in dieser Zeit so aus:

Von 2014 bis 2022: Kurse von Fall zu Fall. (Quelle: cash.ch)

Für diese 26 Milliarden haben die Banker dann doch wenigstens satte Gewinne erwirtschaftet? Es geht; angesichts ständiger Rückstellungen, Flops und Bussen betrug der in der gleiche Zeitspanne – 1,7 Milliarden Franken. Doch, das Komma steht an der richtigen Stelle. An Boni wurde das 15-Fache des Gewinns ausgeschüttet.

Gut, dann haben aber die Aktionäre wenigstens als Zückerchen für den absaufenden Kurs kräftig Dividenden kassiert? Es geht, 6,4 Milliarden insgesamt.

Was sagt das über eine Bank? Der Börsenwert schnurrt auf Schnäppchenpreis zusammen. Nur kauft niemand, weil alle Schiss haben, welche Leichen da noch im Keller liegen. Der erwirtschaftete Gewinn über Jahre hinweg beträgt jämmerliche 1,7 Milliarden Franken. Die Aktionäre werden mit absaufenden Kursen und Dividenden in der Gesamthöhe von 6,4 Milliarden Franken abgespeist.

Aber das Management der Bank, darunter die GL, die MD, die Key Risk Taker und wie sie alle heissen, schoben sich hingegen genau 26,3 Milliarden «variable Vergütungen» in die Tasche. Wohlgemerkt zum nicht kümmerlichen Grundsalär obendrauf. Wie lässt sich dieses Missverhältnis begründen? Früher sorgte schon für Gebrüll, wenn die Boni die gleiche Höhe wie der Gewinn hatten. Oder im Extremfall wie der Verlust. Alles schon passiert.

Aber dass kumuliert läppische 1,7 Milliarden Gewinn mit satten 26,3 Milliarden variablen Vergütungen honoriert werden, das ist wirklich der Gipfel. Daher herrscht sicherlich auch grosses Hallo in den Schweizer Medien, denn die Bank ist schliesslich «too big to fail» systemrelevant, müsste im Ernstfall mit Steuergeldern gerettet werden. Also müssten eigentlich ähnlich viel Artikel über den Zustand der Bank wie über die Ukraine erscheinen.

Über die Ukraine waren es in einer Woche 9224. Die CS war nicht Subjekt in so vielen Artikeln, sondern wurde einfach 203 mal erwähnt. Ein einziges Mal kritisch – vom Einzelkämpfer Hässig. Das sagt mehr über den Zustand der Schweizer Wirtschaftsberichterstattung als über den der Bank aus. Es scheinen aber durchaus Parallelitäten zu existieren.

Wumms: Thomas Gottstein

Es kann immer nur einen geben. Den Boss, The Man. Aber wie macht man PR für den?

Es gibt den berühmten Ausspruch des PR-Mannes Farner: «Gebt mir eine Million, und ich mache aus einem Kartoffelsack einen Bundesrat.» Das blieb uns bislang, oberflächlich betrachtet, erspart.

Wer und warum machte eigentlich Thomas Gottstein zum CEO der immer noch zweitgrössten Bank der Schweiz? Schliesslich ist die Credit Suisse «too big to fail», systemrelevant. Wenn’s richtig eng wird, darf der Steuerzahler aushelfen.

Dr. Thomas Gottstein ist seit etwas mehr als zwei Jahren der Chef der CS. 1995 erwarb er den Doktortitel in Finanz- und Rechnungswesen an der Universität Zürich. Anschliessend verlief seine Karriere eher unauffällig. Bis man dringend einen Nachfolger für Tidiane Thiam brauchte, der über einen Überwachsungsskandal gestolpert war.

Unauffällig, Schweizer, kann sympathisch lächeln: gebongt, den nehmen wir, sagte sich der Verwaltungsrat, der vorher durch Fehlgriffe aufgefallen war. Auch da war dann Feuer im Dach; während VR-Präsident Urs Rohner alle Skandale seelenruhig ausgesessen hatte, lupfte es seinen Nachfolger schon nach kurzer Zeit. Zu schlampiger Umgang mit Corona-Regeln, zu grosser Hang zu Freiflügen im Firmenjet. Daher musste er dann fliegen, aber natürlich mit goldenem Fallschirm. Also vergoldetem, die richtig saftigen Zeiten sind auch da vorbei.

Blieb also Gottstein als Fels in der Brandung. Nur: da gibt es einen Hasardeur aus Australien, der ein höchstwahrscheinlich kriminelles Schneeballsystem in Form eines Lieferketten-Fonds betrieb. Lex Greensill verfügt über das, was man im Geschäftsleben haben muss. Sympathisches Lächeln, überzeugendes Auftreten, angeblich grossartiges Geschäftsmodell. Zwischenfinanzierung von Lieferantenforderungen, Erklärungen würden zu weit führen, super Sache, der Burner, Gewinn garantiert, Verlust ausgeschlossen.

Solche grossartigen Geschäftsmodelle enden eigentlich immer gleich. Sie laufen ein Weilchen, alle sind glücklich und hauen sich auf die Schultern, dass es kracht. Dann gibt es ein paar klitzekleine Probleme, aber don’t panic, kriegen wir hin.

Nun könnte man, wenn man mit Milliarden im Feuer ist wie die CS, schnell auf die Bremse treten, einfrieren und einen Stiefel voll rausziehen. Aber «CS will not let you down», soll der sympathisch lächelnde Gottstein dem Sympathieträger Greenshill telefonisch versprochen haben.

Nun gibt es die Unsitte, gute Kunden mit Lombardkrediten spekulieren zu lassen. Also die Bank streckt vor. Geht’s gut, sind alle zufrieden. Geht’s schlecht, kommt der gefürchtete Margincall. Die Bank verlangt Nachschuss an Sicherheiten, sonst muss sie den Kredit leider glattstellen. Das führte dann zu Notverkäufen asiatischer Kunden von Greensill-Anteilen.

Statt nun den Stecker zu ziehen, soll die CS, sympathisch lächelnd, nochmals 140 Millionen Kredit in den absaufenden Fonds geschossen haben. So versuchte man, aus dem Schlamassel still und leise rauszukommen. Bis sich am 1. März 2021 das Kartenhaus Greensill-Fonds zusammenfaltete. Milliardenschaden für die CS.

Und seit einem Jahr versucht Gottstein, seine Beteiligung an dieser Katastrophe wegzulächeln. Äussert man sich kritisch dazu, bekommt man ein nettes Mail der CS, man hätte sie doch zur Stellungnahme einladen sollen. Bietet man ihr das generös an, wird aber wieder die Räuspertaste gedrückt, Sendepause. Und wahrscheinlich sympathisch gelächelt. So macht man Öffentlichkeitsarbeit.

Thomas Gottstein. Sympathie- und Anzugträger.

Gut, gibt es die FT

Denn die «Financial Times» erledigt nebenbei die Hausaufgaben in der Schweiz.

Selten war die Fallhöhe zwischen kompetenter Berichterstattung und Amateurliga so eklatant sichtbar wie im Fall der russischen Verwicklungen der Credit Suisse.

Tamedia-Oberchefredaktor Arthur Rutishauser führt ein Interview mit dem als CS-VR zurückgetreten Roche-CEO Severin Schwan. Nach vielen Fragen, die sich verständlicherweise auf den Pharma-Konzern und seine Geschäfte im Osten beziehen, kommt dann tatsächlich noch diese Frage: «Gibt es bei der CS Russland-Risiken?» Antwort:

«Ja, wir haben proaktiv kommuniziert, wie hoch sie sind und dass sie beherrschbar sind.»

Das sollte, dürfte, müsste man nicht so stehenlassen. Ausser, man betreibt Journalismus in kurzen Hosen. Einiges härter recherchiert hier wie meistens der Ein-Mann-Finanzblog «Inside Paradeplatz». Lukas Hässig liest nämlich regelmässig die «Financial Times».

Die hat gerade vermeldet (Artikel hinter Bezahlschranke): «US-Parlamentarier haben verlangt, dass die Credit Suisse Einzelheiten über ihren Umgang mit Sanktionen gegen russische Oligarchen offenlegt, nachdem die Bank Investoren aufgefordert hatte, Dokumente im Zusammenhang mit Vermögenswerten ihrer reichsten Kunden zu vernichten.»

Hässig legt nun nach und nimmt sich die Russland-Connection der CS nochmals zur Brust: «Babak Dastmaltschi ist einer der absoluten Bigshots der Credit Suisse. Der Chef für Russland hat der Grossbank am Paradeplatz Jahr für Jahr Millionen an Einnahmen beschert.»

Kredite für Jachten und Jets; auf den Bermudas muss die CS eine Schadenersatzzahlung von 500 Millionen Dollar an Russenkunden befürchten, die von einem CS-Mitarbeiter abgezockt worden waren.

Die Nerven liegen bei der CS blank

Dass gegenüber Hässig die Nerven blank liegen, belegt er selbst mit dem Zitat aus einem Mahnschreiben der bewährten Kanzlei Wartmann Merker. Wenn man von denen Post kriegt, weiss man, dass man auf einer richtigen Fährte ist. Hier wollen sie jede Erwähnung des Namens des «Chairman of Strategic Client Partners and Co-Head of Investment Banking Advisory» untersagen, der sei keine Person der Zeitgeschichte:

«Damit wäre eine namentliche oder anderweitige personenbezogenen Nennung von Herrn Dastmaltschi auf Inside Paradeplatz rechtswidrig.»

FT, IP, und dann kommt lange, lange gar nichts in der Schweiz. Ausser Elend und Wüste. Und das scheinheilige Wundern, wieso man denn ständig zahlende Leser verliere.

 

 

 

Von Schiffen und Ratten

Führungsfiguren verdienen viel, weil sie viel Verantwortung tragen.

Selten so gelacht.

Das hier wird in die Lehrbücher als Beispiel für Heuchelei eingehen. Immer, wenn es Kritik an Millionensalären von Angestellten geht – denn alle Wichtigtuer in Geschäftsleitung und Verwaltungsrat sind das –, murmeln die was von grosser Verantwortung, schier übermenschlichen Leistungen, grosser Übersicht, weltweiter Erfahrung.

Als Sahnehäubchen setzen sie noch drauf, dass der Wettbewerb halt verlange, für gute Leute gute Saläre zu bezahlen. Schliesslich müsse sich Leistung lohnen, könne das nicht jeder. Was genau?

Die Credit Suisse wird von einem Skandal nach dem anderen geschüttelt. Der vorletzte CEO stolperte über eine Beschattungsaffäre. Der vorletzte VR-Präsident über seine Wurstigkeit gegenüber Corona-Regeln.

Der Aktienkurs dümpelt noch knapp über dem Allzeit-Tief bei 7,50 Franken. Nahe am Totalverlust für Anleger, die zu Höchstkursen einstiegen. Mit einem einzigen, vorbestraften Kunden fuhr die Bank einen Verlust von wohl 5 Milliarden ein, mit dem dubiosen «Geschäftsmodell» eines australischen Wunderknaben 2 Milliarden.

Engagement in Russland, offene Kredite im Rohstoff-Trading, Asset-Beleihung für reiche Russen: steht wo ein Fettnapf, die CS springt rein.

Das ist nun eindeutig die Zeit, Verantwortung zu tragen, die grosse Überlegenheit des Beziehers eines Millionensalärs auszuspielen. Hier ist der Verwaltungsrat gefordert, der schliesslich die Strategie vorzugeben hat, an die sich die GL halten soll.

Also genau der richtige Moment für den Pharma-Man Severin Schwan, die Verantwortung für seine Personalpolitik zu übernehmen. Rücktritt. Oder von Kai Nargolwala, berühmt geworden für seine Salärexzesse und Leiter des Vergütungsauschusses. Rücktritt. Oder für Juan Colombas, um zu zeigen, dass er nicht einfach als Horta-Osório-Mann in den VR kam. Rücktritt.

Da soll sich noch ein Banker wundern, wieso das Image dieser Berufsgattung im Keller ist und bleibt.

Wumms: Peter Hossli

Ist der bald einmal gewesene Journalist schizophren?

ZACKBUM verfügt über einen Doktortitel. Allerdings nicht aus dem Gebiet der Menschenheilkunde. Dennoch machen wir uns hier Sorgen, als wären wir ein Psychiater. Anlass dazu ist Peter Hossli, Noch-NZZ-Redaktor.

Denn auf Seite 17 der aktuellen NZZaS gibt es den Kommentator Hossli. Der schimpft über die Medien: «Alle wissen immer alles und sagen es sofort weiter». Schrecklich, vor Kurzem noch hätten «viele Journalisten alles über die Pandemie» gewusst. Dann hätten sie sich schlagartig zu Credit-Suisse-Spezialisten gewandelt. «Drei Nächte später können sie Putin und die Sanktionen erklären.»

Das kann Hossli (noch) nicht, aber auf der folgenden Doppelseite erklärt er mit dem Noch-Leiter Hintergrund Michael Furger die Credit Suisse. Nachdem Hossli vorher die Pandemie erklärt hatte. Dann schlagartig zum Spezialisten für das Privatleben des Bundesrats Berset wurde und seine Erkenntnisse dem Publikum darbieten wollte.

Das liess man ihn nicht, worauf er grimmig dorthin zurückkehren wird, wo er herkam: zu Ringier.

Nun fragen wir uns, ob der gleiche Hossli den Kommentar und diesen Artikel über die CS geschrieben hat. Oder gibt es mehrere? Sprechen die miteinander? Weiss der eine Hossli, was der andere schreibt? Gibt es einen Jekyll-Hossli und einen Hyde-Hossli? Und wenn ja, welcher schreibt was?

Aber eben, ein Dr. phil. I ist da schnell einmal am Ende seiner Möglichkeiten. Vielleicht bräuchte es halt professionelle Hilfe, die wir nicht leisten können.

CS: Wer war’s?

Das ist doch die einzig interessante Frage. Deshalb wird nichts dazu gesagt.

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Die Credit Suisse hat bestätigt, dass es sich bei den geklauten Kontodaten um Informationen über ihre Kunden handelt. Das ist oberpeinlich und müsste zu Massenentlassungen in den zuständigen Abteilungen führen.

Datendiebstähle sind schwierig zu lokalisieren, da in Wirklichkeit nur eine Kopie vorhandener Datensätze hergestellt wird, das Original also unverändert bleibt. Meistens haben Banken keine sauberen Daten-Audit-Trails, also Zugriffe werden nicht sauber protokolliert. Zudem ist die Frage, wie viele Kopien solcher Kundendaten sowieso schon aus verschiedenen Gründen innerhalb und ausserhalb der Bank herumschwirren.

Wichtiger noch ist aber die Frage: wer war das? Es gibt nur vier Möglichkeiten.

  1. Der Insider

Ein CS-Mitarbeiter, vielleicht aus dem Bereich Compliance, will der Bank aus unbekannten Motiven eine reinbrennen. Dazu sammelt er nach nur ihm bekannten Kriterien Kundendaten. Sobald er bei 30’000 Betroffenen angelangt ist, stellt er das ein und verschenkt seine Beute an die «Süddeutsche». Rache? Moralische Entrüstung? Misslungene Bereicherungsabsicht? Als U-Boot von einer dem Schweizer Finanzplatz nicht wohlgesonnenen Macht in die CS eingespeist? Opfer einer Erpressung?

  1. Die Datenverbindung tropft

Es ist ein altbekanntes Problem. Wer Daten von A nach B transportieren will, schafft das nie absolut abhörsicher. Es ist ein ewiger Kampf zwischen Verschlüsslern und Codeknackern, der von beiden Seiten immer hochgerüsteter geführt wird. Der Einsatz von Quantencomputern mit ihrer brachialen Rechenkraft gibt mal wieder den Knackern einen Vorteil. Allerdings sprächen wir hier im wahrsten Sinne des Wortes von Big Data. Wer könnte mit welchen Programmen aus diesen Datenfluten signifikante Beispiele herausfischen?

  1. Der Zulieferer war’s

Banken haben seit vielen Jahren fahrlässig wenig Geld in die Aufrüstung der IT-Infrastruktur investiert. Viel zu langfristig für die auf Quartalsgewinne fixierten Managerheinis. Viele pensionierte Programmierer verdienen sich bis heute ein nettes Zubrot damit, dass nur noch sie Uralt-Programme verstehen, auf die x-mal Neues draufgepatcht wurde. Hier muss häufig mit Klarnamen gearbeitet werden. Auch die Zulieferer aus der Nähe (bspw. Polen) oder der Ferne (bspw. Indien), wohin immer mehr auch heikle Daten übermittelt werden, könnten die Quelle sein.

  1. Der AIA war’s

Eine hübsche Theorie geht dahin, dass im Rahmen des Automatischen Informationsaustausches eine nie gekannte Menge an Kundenklardaten zwischen den teilnehmenden Ländern ausgetauscht werden. Und natürlich auch von anderen Ländern abgefangen werden könnten. Mit AIA und Swift wäre es in erster Linie den USA möglich, die bekanntlich nicht am Informationsaustausch teilnehmen, aus solchen Daten plus Transaktionsdaten als eine Art Big Data Mining eine Kollektion von ihnen unliebsamen Kontenbesitzern zusammenzustellen.

Kann man den Kreis der Verdächtigen noch weiter einengen?

Sollte es zutreffen, dass die SZ tatsächlich keinen Cent für diesen Datenraub bezahlt hat, stünde das im Widerspruch zu einer Einzeltäterthese. Denn wie auch immer, diese Datenmenge kann nur über einen längeren Zeitraum und unter Inkaufnahme persönlicher Gefährdung gewonnen worden sein. Bei Entdeckung würde nicht nur der sofortige Rauschmiss, sondern strafrechtliche Verfolgung und allenfalls Schadenersatzansprüche in Multimillionenhöhe drohen.

Schliesslich kann es durchaus sein, dass einer der wenigen von diesem Datenklau betroffenen wirklichen Gangster es überhaupt nicht lustig findet, so ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt worden zu sein. In solchen Kreisen ruht man normalerweise nicht, bis man den Übeltäter identifiziert – und entsorgt hat.

All diese Risiken soll jemand (oder eine kleine Gruppe) auf sich nehmen, um dann aus moralischer Entrüstung diesen Datenschatz gratis wegzugeben? Das ist doch sehr dünn als These.

Welche Hintergedanken hat eine anonyme Quelle?

Jeder Anfänger im Journalismus weiss, dass man einer Quelle, die anonym bleiben möchte, mit höchster Vorsicht zu begegnen hat. Vor allem deswegen, weil man weder sicher sein kann, dass die Informationen akkurat und vollständig sind, noch, welche Motive den Täter antreiben.

Der Aspekt potenzielle Gefährdungen plus Aufwand plus Risiko ohne Entgelt schliesst eine moralisch motivierte Täterschaft eigentlich aus. Bleibt also nur eine Täterschaft, die es gewohnt ist, einfach für ihre Arbeit bezahlt zu werden – unabhängig von den Resultaten. Ob es um Industriespionage geht, um das Sabotieren von Konkurrenten, das Manipulieren von politischen Entscheidungen, das ist diesen Hackern im Staatssold herzlich egal.

Es ist ihnen auch egal, wie lange sie dafür brauchen und wie lange sie herumprobieren müssen, bis sie die entsprechenden Filterprogramme entwickelt haben. Also spricht vieles dafür, dass die Täterschaft in einer staatlichen Organisation zu suchen ist, wohl am ehesten in den USA.

Was ist denn deren Motivation? Keinesfalls Moral oder Ethik. Sondern knallhartes Kalkül. Alles, was dem immer noch grössten Vermögensverwalter der Welt schadet, nützt den anderen. Was in dieser Kriegsführung noch fehlte, war ein direkter Angriff auf den Finanzplatz Schweiz. Der sich sowieso noch bis heute von den verheerenden Folgen des Schleifens des Bankgeheimnisses erholen muss. Von den Folgen dieses Kunden- und Mitarbeiterverrats.

Der Datenklau ist in der Wirkung verheerend

Denn unabhängig von der Ergiebigkeit des Materials – alleine die Tatsache, dass der zweitgrössten Bank der Schweiz eine solche Menge an Kundendaten abhanden kommen kann, sorgt dafür, dass sich viele Besitzer einer Bankverbindung mit der CS reiflich überlegen, ob ihnen das sicher genug erscheint.

Denn neben unedlen Motiven gibt es auch durchaus eine ganze Reihe von edlen, wieso man sein Geld bei einer Schweizer Grossbank anlegen möchte. Zum Beispiel, weil es dort sicher ist und diese Kundenbeziehung – im Rahmen des gesetzlich Erlaubten – vertraulich und diskret abgehandelt wird. Denn welchem tapferen Kritiker der Schweizer Gesetze, die solche kriminellen Aktivitäten sanktionieren, würde es wohl gefallen, wenn er plötzlich seinen Namen in der Zeitung läse – als einer der 30’000 verabscheuungswürdigen Kunden der CS.

Obwohl er doch eigentlich ein völlig unbescholtener Bürger ist. Wie so viele der in der Vergangenheit medial Beschuldigten, Vorverurteilten und Gekreuzigten.

Die Ballon-Geheimnisse

Pumpen, bis er platzt: das Prinzip aller Leaks, Papers und nun Secrets.

Die Trompetentöne erinnern immer an Jericho: Die Credit Suisse sei ein «Geldspeicher für korrupte Politiker, verurteilte Betrüger und mutmaßliche Folterknechte.»

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Und gleich nochmal,weil’s so schrecklich ist:

«Die internen Aufzeichnungen aus der Bank belegen, dass die Credit Suisse über Jahrzehnte und über den gesamten Erdball hinweg brutalen Machthabern, korrupten Politikern, Kriegsverbrechern und anderen Kriminellen Zugang zu blickdichten Schweizer Konten ermöglicht hat, auf denen diese ihren teils illegitimen Reichtum sicher parken konnten.»

Wussten wir doch. Skrupellose Schweizer Gnome, ihre geldigierige Amoral hinter biederem Aussehen verbergend. Dabei tropft aus den Safes in den tiefen Kellern der Bahnhofstrasse jede Nacht Blut, erschrecken die Nachtwächter, wenn wieder mal die Schreie von Folteropfern aus Schliessfächern quellen.

Es ist und bleibt eine verdammte Sauerei, das ist die Message, die Schweizer Banken, zumindest die Credit Suisse, haben nichts gelernt; alle Versuche, das Aufbewahren von Geldern aus krimineller oder ungeklärter Herkunft zu unterbinden, waren umsonst, selbst der Automatische Informationsaustausch nützt nicht wirklich.

Geldwäschereigesetz, «besondere Sorfaltspflichten», PEP (politically exposed persons), alles Show. Dahinter sitzt immer noch der ethikbefreite Schweizer Banker in ehrwürdig getäfelten Räumen, serviert Sprüngli und ist servil zu Diensten, wenn ihm grössere Summen anvertraut werden. Seine Flexibiltät wächst mit der Anzahl Nullen. Sieben sind schon mal gut, acht ist fantastisch, und wird sogar das Wort Milliarde in den Raum gestellt, wäre er auch bereit, seine Krawatte zu lockern und auf dem Tisch Salsa zu tanzen.

Weltweit wird über den Finanzplatz Schweiz abgeledert

Die Empörung weltweit ist gross. Stellvertretend dafür darf Nobelpreisträger Joseph Stiglitz abledern: «Zugleich sollten sich Länder wie die Schweiz dafür schämen, dass sie einen Rechtsrahmen geschaffen haben, der solch ein System gedeihen lässt.»

Immerhin fügt er am Schluss, nachdem er sich ausführlich über die Schweiz erregt hat, hinzu: «Wie viele Geschichten, wie viele Enthüllungen wird es noch brauchen, bis die Schweiz, die USA, das Vereinigte Königreich und andere Länder ihre Gesetze zum Bank- und Immobiliengeheimnis und zu all den anderen Aktivitäten ändern, die Geldwäsche erleichtern und Verbrechen und Korruption fördern

In seiner Philippika entgeht ihm hier aber ein nicht unwichtiges Detail: Fast alle Offshore-Finanzplätze der Welt wurden von Skandalen erschüttert, die auf gestohlenen Kundendateien beruhten. Panama, Singapur, fast alle kleinen karibischen oder pazifischen Inseln. Und immer wieder die Schweiz in Sachen Steuerhinterziehung. Oder Beihilfe zum Verstecken von Blutgeldern. Nun noch selbst dabei erwischt, mit blutigen Händen in diesem Sud zu rühren.

Aber: Es gibt keine einzige Enthüllung über die beiden anderen von Stiglitz aufgeführten Geldparadiese. Man kann es nicht oft genug sagen: In den USA stehen die grössten Geldwaschmaschinen der Welt, die lateinamerikanische Drogenmafia regelt dort ihren Finanzhaushalt. In diversen Bundesstaaten kann man bis heute Briefkastenfirmen gründen, ohne dass der Benficial Owner, der wirtschaftlich Berechtigte, angegeben werden muss. Dicht gefolgt werden die USA von Grossbritannien. Deutschland und Frankreich sind die Geldwäschereiparadiese in Europa. Holland ermöglicht es transnationalen Monstern, weitgehend steuerfrei davonzukommen. In der EU wurden bislang alle Versuche, mehr Transparenz bei Holdingstrukturen und Finanzvehikeln zu schaffen, abgeschmettert.

Es ist ein Konkurrenzkampf der Finanzplätze

Das heisst nun nicht: die auch, wieso dann wir nicht. Das heisst aber eindeutig: auch hier herrscht Konkurrenzkampf unter den grossen Geldanlagetöpfen. Und da spielen neben den Grossmächten USA und Grossbritannien eben Zwerge wie Panama, Singapur oder die Schweiz eine herausragende Rolle. So ist die Eidgenossenschaft immer noch die grösste Vermögensverwalterin der Welt.

Trotz allen bisherigen Attacken mittels gestohlener Kundendaten hat sich daran (noch) nichts grundlegend geändert. Ausser der ungebrochenen Lust der Medien, immer wieder einen Riesenballon aufzupumpen.

Diesmal handelt es sich offenbar um Angaben zu rund 30’000 Kunden der CS. Deren Konten wurden bis zurück in die 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts eröffnet; laut CS sind 90 Prozent bereits geschlossen oder im Prozess der Schliessung.

Abgesehen von vielen venezolanischen Mitgliedern der korrupten Führungsclique des Landes sind mal wieder erstaunlich wenig wirklich schlimme Finger unter den bislang veröffentlichten Kontobesitzern. Die CS hat weltweit rund 2 Millionen Kunden. Angenommen, bei allen 30’000 CS-Benützern handle es sich um ausgemacht Schweinebacken. Das wären dann 1,5 Prozent. Realistischer dürfet wohl sein, nach den sehr spärlichen Angaben über einzelne Personen, zu denen auch die üblichen Potentaten und Könige gehören, bei denen die illegale Herkunft der Gelder noch zu beweisen wäre, gehen wir vielleicht eher und grosszügig von 3000 aus. Das wären dann 0,15 Prozent.

Nun ist Vermutung und Nachweis in einem Rechtsstaat noch nicht das Gleiche. Nehmen wir also an, am Schluss, das wären aber viele im Vergleich zu den vorherigen «Enthüllungen», bleiben 300 verurteilte Straftäter übrig. Womit wir bei 0,015 Prozent wären.

Nicht signifikanter Bodensatz

Einen solchen Prozentsatz kann man mit Fug und Recht als nicht signifikant bezeichnen. Als fast unvermeidlichen Toleranzfehler. Als Bodensatz, der in jeder Bank ans Tageslicht gespült werden könnte, wenn man deren Kunden bis in die 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts zurückverfolgt. Denn zu diesen Zeiten musste zum Beispiel auch Al Capone, der Duce oder Adolf Hitler ihren Finanzhaushalt irgendwo regeln.

Und welche Bank in der Schweiz hätte dem Ehrendoktor der Universität Lausanne verweigert, ein Konto zu eröffnen?

Es ist vorhersehbar, dass auch dieser Ballon sehr hässlich zusammenschnurren wird, piekst man ihn mit genaueren Analysen an. So wird es dann bald einmal heissen: Panama Papers? Pandora Papers? Swiss Leaks? Suisse Secrets? War da mal was?

Süss-saure Geheimnisse

Wem nützt der «Suisse Secrets»-Skandal?

30’000 Kunden der Credit Suisse sind enttarnt worden. Offensichtlich handelt es sich um echte Kontounterlagen, die vor einem Jahr der SZ von einer anonymen Quelle zugespielt wurden.

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Angeblich flossen dafür keine Gelder, obwohl das in Deutschland schon lange üblich ist. Die Frage «cui bono» bleibt unbeantwortet, ist aber zentral wichtig bei der Beurteilung dieses Datenklaus.

Wer hat etwas davon, die bereits schwer angeschlagene Bank weiter zu schädigen? Wer hat etwas davon, damit dem ganzen Finanzplatz Schweiz einen weiteren Fleck auf die gar nicht weisse Weste zu klecksen?

Keine Firewall, kein Schutzsystem ist perfekt. Spätestens auf Ebene NSA (Datenkrake der USA) und ihren Pendants in Russland oder China, möglicherweise auch in Nordkorea und zwei, drei anderen Ländern, kann alles geknackt werden.

Nun handelt es sich beim Kundenstamm einer Schweizer Grossbank um das wohl am besten geschützte Datengebirge überhaupt, abgesehen von allfälligen militärischen Geheimnissen. Darin einzudringen, Irrtum vorbehalten, schafft nicht der Amateur-Hacker oder ein kleines Kollektiv von moralisch entrüsteten IT-Nerds.

Kundendaten einer Bank zu klauen ist nicht einfach

So ein Hack, der offenbar auch unbemerkt blieb, ist gehobenes Kunsthandwerk. Das unbemerkte Abfliessenlassen solcher Daten ist eine kitzlige Angelegenheit, die nicht innerhalb von 24 Stunden erledigt ist. Ganz zu Schweigen vom Aufwand, aus allen Kunden der CS eine solche Auswahl zusammenzustellen.

Natürlich kann man beim Herumwühlen, ein paar Namen von venezolanischen Verbrechern eingeben, oder auch nach den üblichen Verdächtigen weltweit suchen, Potentaten, Diktatoren, korrupte Staatsdiener. Aber obwohl es viele solcher Gestalten gib, sind 30’000 Kunden dann doch eine ziemliche Menge. Wie wurden die gefiltert?

Erste Schlussfolgerung: Dahinter steckt Energie, Aufwand und Zeit. Normalerweise werden solch Datendiebstähle durchgeführt, um die bestohlene Firma zu erpressen. Sie muss die Daten zurückkaufen, sonst wird mit Veröffentlichung oder Weitergabe an die Konkurrenz gedroht.

In diesem Fall und bei diesem Ausmass und bei der offenbar sehr delikaten Auswahl wären Zahlungen in Multimillionenhöhe denkbar. Darauf sollen die Hacker menschenfreundlich verzichtet haben?

Alles Robin Hoods?

Wenn es stimmt, dass die SZ mitsamt ihren Helfershelfern ein Jahr zur Auswertung brauchte; in dieser ganzen Zeit ist es innerhalb der CS nicht aufgefallen, dass es zu einem Datendiebstahl kam? Was für ein Monitoring haben die denn, eines aus der Steinzeit?

Wenn das Hacken selbst und vor allem das Suchen in den ganzen Kundendatenbanken zeit- und geldaufwendig war, ist es dann wirklich glaibhaft, dass eine Ansammlung von «Robin Hoods» das Ergebnis seiner Anstrengungen einfach der SZ rüberschiebt? Garniert mit eher banal wirkender moralischer Begründung?

Es sind 30’000 Kunden. Wer auf der Liste ist, hat Pech gehabt, so er Dreck am Stecken haben sollte. Wie viele haben das nicht? Wer entscheidet, ob der Dreck ausreichend sei, den Kontobesitzer mit Namen an den medialen Pranger zu stellen? Warum werden auch die staatlichen Behörden nicht beliefert? Um die Beute selbst genügend ausschlachten zu können, mal wieder Ankläger, Richter und Terminator in einer Person spielen zu können.

Wer ist auf der Liste, wer nicht?

Schliesslich: Wer ist nicht auf der Liste, und warum? Konnte man sich vielleicht freikaufen? Beherbergt die CS genau 30’000 Kunden, denen man etwas vorwerfen kann? Kein einziger darüber hinaus? Kann man allen 30’000 Fehlverhalten vorhalten?

Wenn ja, wie viele Strafuntersuchungen wird es diesmal geben? Wie viele Verurteilungen? Hält sich der Schnitt, werden es ein paar Dutzend Untersuchungen und eine Handvoll Verurteilungen sein, am Schluss.

Schliesslich ist auch hier auffällig, dass es mit schöner Regelmässigkeit die Konkurrenten der grössten Schwarzgeldbunker, der grössten Geldwaschmaschinen der Welt erwischt. Nämlich der USA und von Grossbritannien. Obwohl fast die gesamte lateinamerikanische Drogenmafia ihren Geldhaushalt via US-Finanzdienstleister regelt, hat es noch nie einen solche Hack dort gegeben. Obwohl diverse Bundesstaaten der USA bis heute unversteuerte Gelder ohne die geringsten Fragen zu stellen empfangen, gab es noch nie ein Leak in Delaware.

Reiner Zufall? Wer an den Osterhasen plus Weihnachtsmann glaubt, mag das so sehen. Sind das alles Gründe, von einer Veröffentlichung abzusehen? Gute Frage. Es ist eindeutig Hehlerware, es ist eindeutig ein Diebstahl, es sind eindeutig Daten, die nicht nur in der Schweiz von Gesetzes wegen geschützt sind

Dass Tamedia sich fröhlich am Ausschlachten beteiligt, wenn es nach der Devise «weit weg, und wo kein Kläger ist …» gefahrlos möglich ist, hier aber feige zurücktritt, wo es strafrechtliche Konsequenzen haben könnte, ist schwach. Stattdessen zu fordern «Die Medien müssen recherchieren dürfen», hat etwas leicht Lächerliches.

Denn natürlich dürfen sie das, wie gerade der Schreiber des Kommentars, Tamedia-Oberchefredaktor Arthur Rutishauser, aus eigener Erfahrung weiss. Allerdings ist die Verwendung von Hehlerware mit legalen Risiken verbunden. Das ist in einem Rechtsstaat so, zudem ist’s nicht Neues.

Ein Geschrei anzustimmen, dass Schweizer Gesetze Schweinebacken mit ihren Bankkonten schützen, ist daher völlig verfehlt.