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Credit Suisse: schöntrinken?

Wie man bänglich auf Banglisch kommuniziert.

Es ist eine allgemeine Unsitte geworden, schlechte Nachrichten so aufzuhübschen, dass am Schluss das Wording, die Kommunikation des Absenders kaum noch etwas mit der Realität zu tun hat.

Dabei sind so wunderliche Ausdrücke wie «negatives Wachstum» für Rückgang entstanden. Ganze Horden von Sprachschnitzern sind damit beschäftigt, aus betrüblichen, peinlichen, schlechten und schlimmen Nachrichten etwas zu basteln, das den Verantwortlichen für ein Desaster oder Schlamassel wie Öl runtergeht.

Beim Publikum hingegen unverständiges Kopfschütteln auslöst. Insbesondere Finanzhäuser sind berühmt-berüchtigt dafür, sich das Orchester auf der Titanic als Vorbild zu nehmen. Das spielte bekanntlich beruhigende Weisen, bis der Dampfer in die Tiefe rauschte.

Bei der Credit Suisse ist, gelinde formuliert, Feuer im Dach und Wasser im Maschinenraum. Dieser Zustand scheint aber in der Bonusetage und auf der Kommandobrücke nicht wirklich angekommen zu sein. Oder vielleicht schon. Das ist zumindest für die Aktionäre und Stakeholder der CS zu wünschen. Denn wenn dort alle rosarote Brillen tragen würden, wäre das fatal.

Allerdings lässt die CS keine Gelegenheit aus, in ihrer Kommunikation einen Spalt zwischen Wordings und Wirklichkeit aufklaffen zu lassen, den früher höchstens Triumphmeldungen sozialistischer Parteimedien hinkriegten.

Nehmen wir zum Vergleich einen der letzten Überlebenden dieser unsäglichen Tradition, das Zentralorgan der Kommunistische Partei Kubas:

Das ist die Frontseite der einzigen legalen Tageszeitung auf der letzten Insel des Sozialismus. «Das Epos der Granma, oder das Bollwerk der nationalen Verteidigung», bollert der Titel über der Fotomontage, die an längst vergangene Heldentaten erinnert. Rechts davon behauptet der Präsident Kubas, 2023 müsse ein «besseres Jahr» werden. Darunter wird die «Stärke der Verbindungen zwischen Russland und Kuba demonstriert», und schliesslich wird der «Wiederaufbau von Behausungen als wichtigste Herausforderung» nach einem längst vergangenen Wirbelsturm erklärt.

Für die Kubaner ist zu hoffen, dass 2023 besser wird. Denn dieses zu Ende gehende Jahr zeigte schmerzlich, dass die korrupte und unfähige Führungsclique auch nach 64 Jahren an der Macht nicht in der Lage ist, fundamentale Bedürfnisse wie Strom- und Wasserversorgung zu befriedigen, die Bereitstellung von genügend Lebensmitteln, die Erhaltung der Infrastruktur, medizinische und schulische Versorgung sicherzustellen.

Die Kummer gewohnten Kubaner leiden wie kaum zuvor; selbst der período especial, euphemistische Umschreibung für die schwere Wirtschaftskrise nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers, hat die Bevölkerung nicht so schwer getroffen wie alle Mängel im Jahr 2022.

Daher regen sich die meisten Kubaner nicht einmal mehr über die Schönfärbereien in diesem Blatt auf.

Etwas anders sieht es allerdings bei der CS aus, denn die hat nicht die Lufthoheit über die Interpretation ihres Zustands.Die Selbstschau könnte das allerdings problemlos in einer Banken-«Granma» erscheinen.

Während der Aktienkurs unterhalb jeglicher Peinlichkeitsschwelle auch noch die Limite von 3 Franken nach unten durchschlagen hat, die geplante Kapitalerhöhung zumindest gefährdet ist, rote Zahlen die Quartalsergebnisse begleiten, ist ein besorgniserregender Abfluss von Kundengeldern im Gange.

Im Paralleluniversum der CS-Kommunikation ist dagegen von einer «Stabilisierung» der Kundenabflüsse die Rede, was immer das bedeuten mag. Dazu behauptet der Schweiz-Chef André Helfenstein in Wohlfühlen-Interviews, dass «nur sehr wenige Kunden ihre Konten wirklich geschlossen» hätten. Also nur unwirklich? Sein Präsident Axel Lehmann geht sogar noch einen Schritt weiter und fantasiert in der «Financial Times» davon, dass sich die Abflüsse inzwischen schon wieder «umgekehrt» hätten, sie seien sowieso nur durch ein Stürmchen in den Social Media verursacht worden.

Realität ist: alleine im Wealth Management hat die CS in sechs Wochen über 63 Milliarden Franken Kundenvermögen verloren, ein Aderlass von 10 Prozent. Auf Konzernebene sind es gar 84 Milliarden. Laut den jüngsten erhältlichen Zahlen; aktuelle Auskünfte will die Bank nicht erteilen.

Lehmann spricht auch von einer «fantastic Franchise», was immer das bedeuten mag. Insbesondere, nachdem eine Gewinnwarnung vom Donnerstag klares Indiz dafür ist, dass das Wealth Management auch im vierten Quartal rote Zahlen schreiben wird.

Während der Schönsprech der Bank fabuliert, dass es wenn schon vielleicht ein paar kleine Probleme im Investmentbanking geben könnte, zeigt sich hier, dass diese paar kleinen Probleme längst auch auf andere Abteilungen übergegriffen haben.

Mindestens so abgehoben war die Kommunikation über eine Kapitalerhöhung. Als der normalerweise stockseriöse Nachrichtendienst Reuters von einer kommenden Kapitalaufnahme berichtet hatte, dementierte das die CS via einen grossen Artikel in der «NZZ am Sonntag». Das Blatt muss sich nun in den Hintern beissen, denn nur drei Wochen später kündigte die CS eine Kapitalerhöhung um 4 Milliarden an.

Damit nicht genug, auch hier harzt es. Ein grosser Batzen davon ist von arabischen Scheichs garantiert, aber einen weiteren Teil will die CS beim Publikum und bei bestehenden Aktionären aufnehmen. Dafür bietet sie Bezugsrechte bei einem Kurs von Fr. 2.52 an. Wäre doch eigentlich was. Aber der Kurs der Aktie fällt von Tiefststand zu Tiefststand, wodurch sich die Nachfrage nach solchen Bezugsrechten, die bei Nichtgebrauch verkauft werden können, in überschaubaren Grenzen hält.

Das wiederum bedeutet, dass immer mehr potenzielle Käufer daran zweifeln, oben der Kurs der Aktie zukünftig über 2.52 bleiben wird.

Die Bank hat also auf ihre Art ähnliche Probleme wie das kubanische Regime. Die objektive Lage ist bedrohlich, beunruhigend und unbefriedigend. Normalerweise führt das im Sozialismus dazu, dass die triste Wirklichkeit bunt angemalt und als fantastisch beschrieben wird, wobei es zugegebenermassen vielleicht noch ein bisschen besser werden könnte.

Normalerweise führt das im Kapitalismus dazu, dass die Führungsetage mit ernster Miene den Ernst der Lage einräumt und energische Massnahmen ankündigt. Dabei selbstverständlich auf jeglichen Bonus verzichtet, denn das wäre doch etwas obszön.

Aber genau wie die kubanischen Mitglieder der obersten Führungsetage sogar vorübergehende Probleme bei der Lebensmittelversorgung einräumen, dabei aber ungeniert dicke Bäuche vor sich herschieben, räumt die Chefetage der CS vorübergehende Probleme ein und kassiert weiterhin Topgehälter plus Bonus.

Das ist so unverdient wie demotivierend für alle, die unter dem kubanischen Regime oder der Führungsclique der CS zu leiden haben. Eine Auswechslung wäre dringend geboten. Aber der Leidensdruck der kubanischen Bevölkerung und der CS-Aktionäre ist offenbar noch nicht hoch genug.

Man fragt sich allerdings, wann es beiden mal reicht …

Alles so schön bunt hier …

 

 

Ach, Credit Saudi

«Inside Paradeplatz» spricht Klartext, die anderen eiern.

Am Donnerstag wurde die lang erwartete «neue Strategie» der zweitgrössten Bank der Schweiz verkündet. Nur die «Weltwoche» löste das Problem der Berichterstattung souverän: nach wiederholten Lobhudelei-Interviews mit dem Versagerrat Urs Rohner verfällt sie in tiefes Schweigen.

Aber alle anderen Medien müssen ja wohl oder übel etwas zur üblen Lage sagen. Immerhin 12 Meldungen (inkl. auf Französisch) widmet der «Blick» dem Thema. Sein Wirtschaftsredaktor Christian Kolbe ist nicht amüsiert: «Die Schweiz im Namen schafft international Vertrauen – das darf die Credit Suisse nie vergessen!», kommentiert er. Gleichzeitig wirft er der Bank vor: «Um die tiefe Krise zu überwinden, hätte die Bank jedoch noch radikaler vorgehen müssen.» Was er allerdings mit diesen beiden Ratschlägen sagen will und wie man das anwenden könnte, da schweigt des Sängers Höflichkeit, bzw. endet dann doch das Fachwissen.

9 Meldungen ist das CS-Desaster der NZZ wert. Auch sie bleibt sich treu und kommentiert mit einem veritablen «einerseits – andererseits»: «Der Umbau ist riskant und wird Jahre dauern. Aber die Bank hat den richtigen ersten Schritt getan.» Mit einer solchen Aussage ist man eigentlich nie auf der falschen Seite. Muss die CS demnächst Staatshilfe verlangen, war’s halt zu riskant. Röchelt sie weiter vor sich hin, hat sie immerhin einen richtigen Schritt getan.

Keine sonderliche Bemerkung ist der alten Tante wert, dass mit der Saudi Bank nun ein weiterer übler Investor an Bord kommen wird, womit arabische Fonds dann mal 20 Prozent der CS halten werden. Natürlich stinkt Geld nicht, aber ob es umbedingt ein Investor sein muss, der auch vor der ruchlosen Ermordung von Dissidenten in einer eigenen Botschaft nicht zurückschreckt, in dessen Land trotz gegenteiligen Ankündigungen immer noch in der Geschlechterfrage mittelalterliche Zustände herrschen – und der seit Jahren in einen schmutzigen Krieg im Jemen verwickelt ist, in den er ohne Not hineinstolperte – nun ja.

Immerhin ist der NZZ ein nicht unwichtiges Detail nicht entgangen, im Zusammenhang mit dem Teilverkauf des Verbriefungsgeschäfts «an den Vermögensverwalter Pimco und an die Private-Equity-Firma Apollo Global Management. Die CS-Verwaltungsrätin Blythe Masters wirkt seit 2021 auch bei Apollo als Beraterin. Auch hier gilt: Alle Beteiligten müssen weiterhin Vorkehrungen treffen, dass die Interessen sauber getrennt bleiben».

Wie da allerdings eine saubere Trennung der Interessen funktionieren soll, verrät die NZZ nicht.

Sehr bedeckt hält sich hingegen Niklaus Vontobel von CH Media. Auch ihm ist der Einstieg eines weiteren unappetitlichen arabischen Diktators keine Zeile wert, dafür kommentiert er: «Ob die neue «radikale» Strategie nun unter den gegebenen Umständen das Beste ist für die Credit Suisse oder nicht, das vermögen Ausstehende nicht wirklich zu beurteilen.»

Super, dabei dachte der Leser immer, verstehen, analysieren und einordnen seien drei Dinge, für die er Geld bezahlt. Aber nicht für Sätze, die er selbst gratis auch von sich geben könnte.

Etwas mehr aus dem Fenster lehnt sich Holger Alich für Tamedia: «Der Plan der CS ist zu knapp kalkuliert». Was will er uns damit sagen? «Allein die Umsetzung des geplanten Umbaus der Bank wird für anhaltende Unruhe sorgen. Weitere Sorgen um die Kapitalausstattung kann sich die Bank vor diesem Hintergrund nicht erlauben. Der am Donnerstag vorgestellte Plan droht hier zu kurz zu springen.»

Ein Plan droht, zu kurz zu springen? Tja, wer solche Nonsens-Sätze von sich gibt, springt auch nicht gerade souverän über die Hürde der Verständlichkeit.

Es ist schon verblüffend, dass es immer wieder nur einen gibt, der die Sachlage knackig, richtig und auf den Punkt formuliert. Dabei hat der keine Wirtschaftsredaktion zur Seite und bietet seine Erkenntnisse sogar gratis an. Eigentlich sollten sich die übrigen Wirtschaftsjournis eins schämen, wenn sie einen solchen Titel und Lead bei «Inside Paradeplatz»* lesen:

«CS wird Credit Saudi. Öl-Scheichs übernehmen 10 Prozent der Escher-Bank, null Hemmung vor Brutalo-Herrscher vom Golf. 4 Mrd. Verlust, Kapital kracht, 9’000 Jobs weg.»

Genauso flott geht’s bei Lukas Hässig auch weiter:

«Die Credit Suisse verkauft heute ihre Seele. Nach 4 Milliarden Verlust im dritten Quartal verramscht sie 9,9 Prozent an die Saudi National Bank. Dort herrscht mit Mohammed bin Salman einer der brutalsten Weltleader, der nicht vor Mord an Kritikern zurückschreckt

Bis hin zum bitteren, aber logischen Fazit:

«Der Preis für die Cash-Infusion in extremis ist der Ausverkauf einer einst glorreichen Zürcher Paradeplatz-Bank 166 Jahre nach ihrer Gründung nach Arabien. What a shame.»

Der Schreiber des beliebtesten Kommentars auf IP bringt es nochmal glasklar auf den Punkt: «Bravo Herr Rohner, bravo Thiam, Dougan und all ihr Komplettversager. Millionen kassiert und die Bank zugrunde gerichtet.»

Gegenüber diesem Klartext ist alles Geschwurbel in den Mainstream-Medien wirklich kläglich. Was auch kein Wunder ist. Denn wo regeln wohl die grossen Medienkonzerne ihren Finanzhaushalt? Bei der Alternativen Bank? Beim Sparhafen? Bei der Hypothekarbank Lenzburg? Eben.

*Packungsbeilage: ZACKBUM-Redaktor René Zeyer schreibt gelegentlich für «Inside Paradeplatz».

Guckloch-Journalismus

Die letzten Tag im Führerbunker. Pardon, «von Gottsteins Fall».

Das nennt man den Mund Vollnehmen. «Eine Recherche im Umfeld der Bankspitze zeichnet die letzten Tage von Thomas Gottsteins Fall nach.» Meiner Treu, da war Tamedia mal ganz nahe am Puls des Geschehens, der Mantel der Geschichte weht, Redaktor Holger Alich spielt Mäuschen unter dem Tisch der ganz Grossen, wo weltbewegende Entscheidungen gefällt werden. Eine Recherche in die Tiefen und Höhen einer Bank.

Nun ist es aber leider zunächst aufgewärmte, schaler Kaffee. «Vor knapp einem Monat kam es bei der Credit Suisse zum grossen Knall.» Wer’s nicht mitbekommen haben sollte: die CS hatte mal wieder ein desaströses Quartalsergebnis zu vermelden und trennte sich mal wieder vom CEO. Soweit gähn.

Nun aber: «Aus Gesprächen mit einem halben Dutzend Quellen aus dem Umfeld der Geschäftsleitung und des Verwaltungsrates lässt sich der Verlauf der Ereignisse nachzeichnen.» Wahnsinn, Quellen aus dem Umfeld. Das bedeutet schon mal: kein Mitglied von GL oder VR ist unter den Quellen. Dafür vielleicht die Putzfrau, die Bedienung der Kaffeemaschine, der Parkplatzwächter.

Aber aufgeplustert präsentiert das Alich so: «… heisst es von einem Manager mit Zugang zum innersten Machtzirkel». Mit Zugang? Darf er vielleicht den gleichen Lift wie der innerste Machtzirkel benützen?

Aber es wird noch viel intimer, wir bekommen Einblick in das Innenleben des Menschen Gottstein: «Aufgrund des Dauerstresses hat der einstige CS-Chef einige Kilo Gewicht verloren.» Noch schlimmer: ««Als ich mit ihm einmal golfen war, sah er wirklich schlecht aus», berichtet eine Quelle, die Gottstein länger kennt.» Himmels willen, dabei erfahren wir nicht mal, welches Handicap Gottstein hat. Oder ob er schlecht aussah, weil er ständig Bälle ins Rough oder in den Bunker schmetterte.

Welche intimen Details aus den letzten Tagen der Menschheit, also von Gottstein als CEO, erfahren wir noch? ««Er war nicht in der Lage, harte Themen anzugehen», berichtet ein Topmanager, der eng mit Gottstein zusammengearbeitet hat

Dieser Weichling, Warmduscher, zu sensibel für den Job. Das hat zwar nix mit den letzten Tagen zu tun, aber Alich hat noch andere Quellen erfunden, Pardon, aufgetan: «Quellen aus der Bankspitze monieren dabei aber schon länger, dass der Bankchef «oft mit Problemen ankam, aber nie mit Lösungen»

Das ist natürlich fatal, denn bekanntlich muss man sich entscheiden: ist man Teil des Problems oder der Lösung?

Wir versuchen zusammenzufassen. Die angeblich sechs Quallen, Pardon, Quellen, haben «aus dem innersten Machtzirkel» verraten, dass man dort nicht so ganz zufrieden mit Gottstein war. Sich der Wechsel an der Spitze «seit einiger Zeit abgezeichnet» habe. Wahnsinn, welch ein tiefer Einblick. Aber, wir wollen gerecht sein: wir wussten vorher nicht, dass Gottstein abgespeckt hatte und beim Golfspielen schlecht aussah. Für ihn hat Alich aber immerhin am Schluss einen Trost bereit: «Thomas Gottstein muss sich damit nun nicht mehr herumärgern.»

Wer aber tröstet den Leser, der dafür bezahlt hat, auf diese grosse Ankündigung hereinfallen zu dürfen? Der sich weiterhin mit solchen Luftnummern herumärgern muss?

Zufälle gibt’s

Wir wollen nichts unterstellen, aber …

Es war Sonntag. Es war der Sonntag vor dem 1. August. Hartes Pflaster für Sonntagszeitungen. Mehr als ein Ausblick auf den Nationalfeiertag liegt nicht drin, die allgemeine Nachrichtenlage ist eher flau. Die Magazine machen Sommerpause, der Kaufpreis bleibt natürlich gleich. Denn wir sind hier nicht in der Marktwirtschaft, sondern in den Medien.

Apropos Marktwirtschaft, da gibt es ja noch die Credit Suisse. Die machte gerade mal wieder Schlagzeilen. Milliardenverlust. Aktienkurs nicht nur im Keller, sondern der Börsenwert beträgt ein knappes Drittel des Buchwerts. Rückstellungen für Rechtshändel, auf den Bahamas musste die Bank gerade mal wieder über 600 Millionen abladen. Ach ja, und auf der Kommandobrücke wurde mal wieder eine Grinsbacke durch die nächste ausgewechselt. Corporate Communication holte wieder die Textbausteine aus dem Archiv, staubte kurz ab und bastelte eine Medienmitteilung, die mit der Realität ungefähr so viel zu tun hatte wie Triumphgeheul von Kim dem Dickeren.

Man fragt sich allenthalben, ob die Bank ohne Steuerzahlerhilfe überleben wird. Ob sie aufgekauft oder zerschlagen wird. Ob sie zur unglaublich schrumpfenden Bank mit Massenentlassungen wird. Ob zweitklassigen Managern mit erstklassigen Honoraren ein Befreiungsschlag gelingt. Weder der VR-Präsident, noch der neue CEO sind jemals in ihrer Karriere durch eine originelle Idee aufgefallen.

Die Lage ist also ernst.

Aber nicht hoffnungslos. Das vermelden in seltener brüderlicher Übereinstimmung die «SonntagsZeitung» und die NZZaS.

Zuerst das Blatt von der Werdstrasse:

Hier arbeitet sich der aus der Chefredaktion entfernte Armin Müller mit seltenem Optimismus an der CS ab. Dem Artikel ist eine gewisse Dialektik nicht abzusprechen. Denn Müller stapelt alle Missetaten der CS aufeinander, ergänzt sie noch mit weiteren saftigen Beispielen aus aller Welt – und kommt dennoch zum Schluss, dass die CS eben nicht untergehen könne, in letzter Instanz gebe es ja noch den Steuerzahler und das Stichwort «too big to fail».

Ins gleiche Horn stösst das Blatt von der Falkenstrasse:

Hier stapelt der vom «Blick» eingewechselte Guido Schätti als frischgebackener Wirtschaft-Chef Gründe aufeinander, warum die CS nicht untergehen könne. Pardon, der Titel ist ja schon weg, warum sie überlebe. Während Müller zunächst alle Pleiten, Pech und Pannen der CS aufzählt, um dann doch zum überraschenden Ergebnis zu kommen, fasst sich Schätti hier kurz. Knappe Erwähnung der desaströsen News, dann kommt ein Lobgesang in fünf Strophen, eingeleitet mit einer Jubelarie auf die «Technokraten» Lehmann und Körner. Als ob der VRP einer schlingernden Bank, die neue Ziele, eine neue Strategie, einen Befreiuungschlag bräuchte, technokratisch «weiter so, nur besser» sagen sollte. Als ob der CEO einer schlingernden Bank, der offenbar null Charisma und null Motivationsfähigkeit hat, technokratisch Erbsen von links nach rechts und umgekehrt schieben sollte.

Aber das war nur die Einleitung, nun überbietet sich Schätti mit einer Lachnummer nach der anderen. Stärke im Heimatmarkt, angebliches Ende des Kasino-Banking, ein intaktes Kapitalpolster, eben «Technokraten an der Macht» und als stärkste Lachsalve: die CS sei «Inbegriff von Swissness». Ausser, dass sie Suisse im Namen führt, ist eigentlich nichts Wichtiges mehr schweizerisch an dieser Bank. Genau das ist ja eines ihrer Probleme.

Beim SoBli hingegen merkt man schon, dass Schätti nicht mehr da ist, dort wird eine ganz steile These aufgestellt:

Vorsichtshalber in Anführungszeichen gesetzt, was den Titel aber nicht weniger schwachsinnig macht. Aber gutes Personal zu finden, das ist halt nicht einfach heutzutage.

Putzig ist, dass die beiden seriöseren Sonntagsblätter gleichzeitig auf die gleiche Idee kommen. Gibt es eine unsichtbare Gedankenübertragung von der einen Redaktion zur anderen? Haben Müller und Schätti zusammen ein Bier getrunken, sich ausgetauscht, und dann dachte jeder: bevor’s der andere bringt, mach ich’s?

Oder aber, das ist natürlich ein ganz böser und sicherlich völlig falscher Gedanke, bei der CS ist man doch cleverer, als ihre Geschäftsergebnisse ausweisen. Und man lud mal zu «Hintergrundgesprächen», mit oder ohne Wein, Weib und Gesang. Dabei erklärte man zwei staunenden Redaktoren, dass die CS völlig zu Unrecht von der «Financial Times» und anderen ernst zu nehmenden Wirtschaftsblättern geprügelt werde. Die Lachnummer in der Selbstdarstellung der Medienmitteilung sei in Wirklichkeit eine realistische Beschreibung des Zustands der Bank. Und der sei eben super. Im Prinzip.

Das Zentralorgan der kompetenten Wirtschaftsberichterstattung machte sich darüber schon gebührend lustig. Hätten Müller und Schätti vielleicht lesen sollen. Dann wären sie nicht rein zufällig auf die gleiche, schlechte Idee gekommen. Kleiner Tipp: gleich zwei neue Kommunikationsmitarbeiter kann sich die CS gar nicht leisten

CS: völlig losgelöst

Milliardenverlust, Chefwechsel, Aktie im Keller. Na und?

Eigentlich ist die Medienmitteilung nur so zu erklären, dass die Verfasser bereits dermassen abgebrüht sind, dass ihnen alles egal ist. Denn das Wunderwerk moderner Rabulistik hebt so an:

«Die Credit Suisse Group AG (Credit Suisse) hat heute die Ernennung von Ulrich Körner zum Group Chief Executive Officer ab 1. August 2022 bekannt gegeben. Er ersetzt Thomas Gottstein, der zurücktritt. Gleichzeitig hat die Bank angekündigt, dass sie eine umfassende strategische Überprüfung mit folgenden Zielen durchführt:»

Zunächst: «der zurücktritt»? Der zurückgetreten wurde. Der doch vor Kurzem das «volle Vertrauen» seines VR-Präsidenten genoss, der unbedingt mit ihm gemeinsam in die Zukunft schreiten wollte. Aber gut, das ist so wie in einer Ehe. Eigentlich bis der Tod uns scheide, aber dann scheidet doch das Leben.

Nun findet aber auch eine «umfassende strategische Überprüfung» statt. Das ist wunderbar, denn ein schwindsüchtiger Aktienkurs, Milliardenverluste, ständige Rückstellungen für neue Rechtsfälle, ein neuerlich desaströses Quartalsergebnis, da muss was gehen. Was denn?

Achtung, nun kommt eine Hammerankündigung:

«Alternativen, die über die Ergebnisse der letztjährigen Strategieüberprüfung hinausgehen, sollen in Betracht gezogen werden, insbesondere angesichts des veränderten Wirtschafts- und Marktumfelds. Das Ziel der Überprüfung besteht darin, eine fokussiertere, agilere Gruppe mit einer deutlich niedrigeren absoluten Kostenbasis zu schaffen, die allen Anspruchsgruppen nachhaltige Erträge liefern sowie Kundinnen und Kunden herausragende Dienstleistungen bieten kann.»

Etwas wolkig formuliert, finden Sie? Na, dann hören Sie sich mal an, was passiert, wenn auch noch eine ganze Ladung Realitätsverlust dazukommt:

  • «Das erstklassige globale Vermögensverwaltungsgeschäft, die führende Universalbank in der Schweiz und das Asset-Management-Geschäft mit Mehrfachspezialisierung sollen gestärkt werden.
  • Transformation der Investment Bank in ein kapitalschonendes, beratungsorientiertes Bankgeschäft und ein stärker fokussiertes Marktgeschäft, das das Wachstum des Wealth Managements und der Swiss Bank ergänzt.
  • Überprüfung strategischer Optionen für den Securitized Products-Bereich, die auch die Einbringung von Fremdkapital in diese marktführende, renditestarke Plattform einschließen können, um ungenutzte Wachstumschancen zu realisieren und zusätzliche Ressourcen für die Wachstumsbereiche der Bank freizusetzen.»

Nein, es ist hier von der Credit Suisse die Rede, Ehrenwort. Es ist allerdings schleierhaft, wieso eine dermassen tolle Bank überhaupt gestärkt, transformiert und überprüft werden muss. Läuft doch alles super. Wenn einer geht, einer kommt, dann dürfen natürlich alle drei Beteiligten was dazu sagen. Also eigentlich sagen nicht sie selbst das, sondern Corporate Communication holt aus dem Textarchiv ein Wording, staubt es ab, setzt neue Namen ein, und ab die Post.

Zunächst hat Axel P. Lehmann, VR-Präsident, das Wort: «Es freut mich, Ueli als unseren neuen Group CEO willkommen heissen zu dürfen, um die umfassende strategische Überprüfung in einem für die Credit Suisse so entscheidenden Moment zu beaufsichtigen. Mit seinen fundierten Branchenkenntnissen und einer beeindruckenden Erfolgsbilanz …» Das von «Ueli» zu verantwortende Asset Management hat zwar hindertzi gemacht, aber das tut einer beeindruckenden Erfolgsbilanz doch keinen Abbruch. Die besteht nämlich aus, ähm, also aus, räusper, also, hüstel, wir drücken die Pausetaste.

Dann darf Thomas Gottstein, gewesener CEO: «Es war mir eine grosse Ehre und ein Privileg(,) der Credit Suisse über diese letzten 23 Jahre zu dienen.» Wunderbar, aber wieso stellt er diesen Dienst denn ein? «In den letzten Wochen bin ich nach Gesprächen mit Axel und meiner Familie sowie aus privaten und gesundheitlichen Gründen zum Schluss gekommen, dass es der richtige Zeitpunkt ist, zurückzutreten …» Ach so, er ist gar nicht zurückgetreten worden. Männergespräche mit Alex, die Familie, die Gesundheit, sowie «private Gründe». Wir vermuten: zu wenig Zeit für den Golfplatz.

Dann darf noch Ulrich Körner, neuer CEO der Credit Suisse: «Ich danke dem Verwaltungsrat für sein Vertrauen … freue mich darauf, mit allen Kolleginnen und Kollegen in der Bank und in der Geschäftsleitung  … volle Energie für die Umsetzung unserer Transformation … herausforderndes Unterfangen … auch eine grosse Chance … Dank gilt auch Thomas für seine Unterstützung …»

So, nun holen wir Eimer und Schäufelchen und wischen diese Worthülsenstapel vom Tisch. Besen ist nicht nötig, pusten genügt, so luftig-leicht sind die. Völlig losgelöst von der Realität, ohne Gehalt. Daher erschreckend für Mitarbeiter und Aktionäre. Und dann vielleicht auch mal für den Schweizer Steuerzahler, wenn er dieser «systemrelevanten» Bank dereinst unter die Arme greifen müsste. Denn glaubt irgend jemand, dass diese Dampfplauderer ein Rezept hätten, um die einstmals stolze Bank aus dem Elendstal zu führen?

Creditli Suissli

Gibt es in der Schweiz momentan ein wichtigeres Thema als die CS?

Hat denn niemand Erbarmen mit der Nummer zwei im Schweizer Banking? Die Aktie steht bei rund 5,5 Fränkli. Aus der einstmals stolzen Credit Suisse ist ein Bänkli geworden. Ein Credit Suissli. Ein Scheinriese.

Aber die Medien haben weitgehend vermeintlich Wichtigeres zu tun als die «too big to fail»-Bank mit ihren «too big to jail»-Bankern unter die Lupe zu nehmen.

Wie geht’s in der Ukraine weiter? Müssen wir nächsten Winter frieren? Wird der Flug in die Ferien gestrichen? Brauche ich heute Sonnencreme oder den Regenschirm?

Wichtige und gewichtige Fragen. Darüber sollte man aber nicht ausser Acht lassen, dass sich bei der immerhin zweitgrössten Bank der Schweiz Schlimmes tut. Die Bank ist so gross, dass sie «too big to fail» ist. Sie hat eine Staatsgarantie, dass ihr im Fall der Fälle geholfen wird. Weil sie angeblich systemrelevant sei. Also ein möglicher Zusammenbruch hätte dermassen gravierende Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft, dass man ihr vorher mit Steuergeldern unter die Arme greifen würde.

Vieles deutet darauf hin, dass die Bankführung sich aus diesem Grund am liebsten mit Geldzählen beschäftigt. Mit dem Zählen des eigenen Geldes natürlich. Denn der gesammelte und millionenteure Sachverstand von Geschäftsleitung und Verwaltungsrat kann seit Jahren nur einen einzigen Erfolg melden: seine Gehälter bleiben turmhoch – während sich die Probleme turmhoch stapeln und der Aktienkurs nur eine Richtung kennt.

Der Aufschrei bleibt aus

Gerade hat er mal wieder einen absoluten Tiefststand erreicht; zeitweise lag er bei 5.44 Franken. Das müsste eigentlich einen Aufschrei auslösen, nicht nur bei den gebeutelten Aktionären. Denn im Fall der Fälle wird jeder eidgenössische Steuerzahler zur Kasse gebeten.

Man muss versuchen, sich diesen Wertzerfall plastisch vorzustellen. Ein Kaffee creme in einem teuren Kaffee kostet gleichviel. Etwas mehr als zwei Liter Benzin tanken kostet gleichviel. Für einen Fünfliber und eine Fünfzigermünze bekommt man eine CS-Aktie. Was bedeutet das noch?

Auf Banglisch gibt es den Begriff «price to book». Das vergleicht den Börsenwert einer Bude mit dem Bilanzwert, also dem, was in ihren Büchern an Werten vorhanden ist. Normalerweise sollten diese beiden Werte einigermassen übereinstimmen.

Bei der UBS beträgt dieses Verhältnis 0,9. Das bedeutet, man kann von einer fairen Börsenbewertung sprechen. Bei der CS sind es ganze 0,29. Das bedeutet, dass ihr Börsenwert rund 70 Prozent unter ihrem Buchwert liegt. In absoluten Zahlen beträgt er noch 14 Milliarden Franken.

Zum Vergleich: selbst die zurzeit arg gebeutelte Partners Group hat eine Marktkapitalisierung von über 23 Milliarden Franken. Zudem: hier arbeiten rund 1500 Angestellte, bei der CS sind es 50’000. Eine UBS-Aktie kostet rund 15 Franken, deren Börsenwert liegt bei 55,75 Milliarden. Auch noch ein Klacks im Vergleich zu richtig grossen Banken. Die Bank of America zum Beispiel bringt fast 260 Milliarden US-Dollar auf die Börsenwaage. JP Morgan Chase sagenhafte 335 Milliarden.

Wieso kauft keiner das Schnäppchen?

Dagegen ist die CS ein Schnäppchen, das diese Banken aus der Portokasse kaufen könnten. Zudem, wenn der Kaufpreis ein Drittel des inneren Wertes beträgt, könnte man die einstmals stolze Schweizer Bank, gegründet von Alfred Escher, in ihre Einzelteile zerlegen, die verscherbeln und mit einem satten Gewinn nach Hause gehen.

Daraus ergibt sich die Frage: wieso macht das keiner? Es werden zwar immer wieder haltlose Gerüchte herumgeboten, dass es ernsthafte Kaufinteressenten gäbe. In Wirklichkeit traut sich aber keiner. Zum einen, weil die Schweizer Bankenaufsicht FINMA, obwohl ansonsten zahnlos, hier wohl ihr Veto einlegen würde – oder zumindest den Kaufprozess so stachelig wie möglich machte, es geht schliesslich doch um Schweizer Tafelsilber.

Viel wichtiger aber: potenzielle Käufer werden abgeschreckt, weil keiner weiss, welche Leichen noch in den tiefen Kellern der CS liegen. Sie hat in der Vergangenheit milliardenschwere Bussen und Wiedergutmachungszahlungen geleistet. Alleine im Steuerstreit mit den USA über 2,6 Milliarden Dollar. Aber weitere teure Konflikte sind noch nicht gelöst, immer wieder poppen neue auf. Alleine im Zusammenhang mit der Anschuldigung, das Entwicklungsland Mosambik durch fahrlässige Kreditvergabe in Milliardenhöhe in den Staatsbankrott getrieben zu haben, geht es um eine runde Milliarde.

Ein ungetreuer Bankmitarbeiter in Genf soll seine reiche, russische Klientschaft um über eine Milliarde erleichtert haben. Das Risikomanagement der Bank versagt eins ums andere Mal krachend; Stichwort Archegos– oder Greensill-Skandal mit Milliardenschäden.

Privatbanking in Asien, Investmentbanking im Allgemeinen, überall gibt es Baustellen. Das Personal kommt und geht, selbst der Bonustopf ist 2021 auf 1,8 Milliarden Franken geschrumpft. Gleichzeitig ein exorbitanter Betrag für kontinuierliches Versagen.

Zudem braucht die Bank frisches Geld; Fachleute sprechen von einer nötigen Kapitalaufnahme in der Region von 10 Milliarden Franken. Die Grossaktionäre der CS, die US-Riesen Blackrock, Harris Associates, dazu Scheichs aus Katar und Saudi Arabien, sind nicht wirklich lustig darauf, Geld nachzuschiessen. Zudem haben sie bislang stillgehalten, weil sie sich an speziellen Schuldpapieren mit dem lustigen Namen CoCos gütlich tun konnten; mit Zinsen bis zu 9,5 Prozent in einem Nullzinsumfeld. Aber diese Schuldverschreibungen, mit denen sich die CS bei der Finanzkrise eins 2008 aus der Bredouille rettete, sind ausgelaufen.

Das grösste Abschreckungspotenzial hat ein weiterer Aspekt: die Führungscrew der Bank. Weder dem VR und erst recht nicht der Geschäftsleitung fällt eine Business-Idee ein. Eine neue Strategie, ein Wurf, der Versuch eines Ausbruchs aus der anhaltenden Misere. In einer solchen Situation ist nicht Kleinklein gefragt, sondern Mut und Ansage.

 

Der 13-köpfige Verwaltungsrat kassiert zwar stolze 12 Millionen Franken, produziert dafür aber nichts Nennenswertes. Die Geschäftsleitung kassiert exorbitante 76 Millionen – und stochert dafür im Nebel.

 

VR-Präsident Axel Lehmann ist sicherlich ein Fortschritt im Vergleich zu seinem Vorgänger Rohner. Aber als Professor und Risikochef ist er kein visionärer Macher. Und CEO Thomas Gottstein? Als grosse Schweizer Hoffnung angetreten, nach den diversen Milliardenabschreibern schwer angeschlagen.

 

Es sind Elendsverwalter, Probleme Schönredner, keine Problemlöser. Wo soll das alles enden? Der Schweizer Steuerzahler wird’s früher oder später erfahren.

Medien als Gerüchteküche

Die Medien hecheln allem nach.

Der Finanzblog «Inside Paradeplatz» platzierte am frühen Nachmittag des 8. Juni einen Knaller: «Will State Street die Credit Suisse kaufen?» Basierend auf den Informationen eines «Insiders» wolle der US-Finanzmulti ein freundliches Übernahmegebot abgeben: «Der Preis liege bei 9 Franken pro Titel, sagt ein Insider auf dem Platz Zürich. Der Aufpreis um gut 40 Prozent gegenüber den aktuellen 6.30 Franken würde die CS mit 23 Milliarden bewerten.»

Vorsichtig endete Lukas Hässig: «Ob es zu einem Deal kommt, bleibt ungewiss, auch wenn die Quelle über gute Beziehungen auf dem Finanzplatz verfügt. Solche Informationen sind naturgemäss ungesichert.»

Daraufhin spielte sich Unglaubliches ab. Obwohl die CS gerade mal wieder eine Gewinnwarnung veröffentlicht hatte, was den Aktienkurs nicht dramatisch, aber leicht in den Keller schickte, zog er nach dieser Meldung wieder an.

«Cash» hechelt hinterher.

Die gesamte Fachpresse echote die Information von IP. Nach der Devise: Wenn’s nur ein Scherz ist, sind wir ja nicht dran schuld, also können wir ohne Hemmungen ein paar Klicks damit generieren.

Die NZZ hechelt hinterher.

Die «Handelszeitung» fasste die Kapriolen zusammen: «Am Vortag hatten CS zunächst zeitweise bis zu über 7 Prozent verloren, nachdem die Bank am Morgen einen Verlust für das zweite Quartal angekündigt hatte. Am Mittwochnachmittag vollzogen die Aktien dann einen Kurssprung und schlossen 3,8 Prozent im Plus.»

Tamedia hechelt hinterher.

Natürlich beschränkten sich sowohl State Street wie die CS auf ein «no comment». Was freie Bahn für weitere Spekulationen ermöglichte.

Eigentlich gibt es gewisse Regeln, was börsenrelevante Meldungen betrifft. Eigentlich wäre es ein Zeichen von Seriosität, wenn man eine Meldung, die auf den Angaben eines angeblichen «Insider» beruht, nicht gleich raustrompeten würde. Ganz abgesehen davon, dass dieses Gerücht nicht von IP erfunden wurde, sondern schon länger herumgeistert.

Aber der heutige Zustand der klickgetriebenen Online-Medien erlaubt solche Nachdenklichkeit natürlich nicht. Zwei Kommentatoren auf IP haben die beiden wichtigsten Aspekte der Angelegenheit perfekt zusammengefasst.

Kommentator eins:

«Denke, der Insider hat heute Mittag Call-Optionen auf CS gekauft und dann dieses Märchen erfunden. Damit will er dann in die Ferien.»

Schwer zu toppen, aber dieser Kommentar ist auch nicht schlecht:

«Neuestes Gerücht: IP wird die CS übernehmen!
VRP: Lukas Hässig
CEO: Hans Geiger
CFO: Beni Frenkel
Chief Communications: Klaus J. Stöhlker»

ZACKBUM hofft, mit dieser Prognose keine neue Spekulationswelle auszulösen.

Zweitgrösste Bank: na und?

Die CS ist in der letzten Woche in 203 Artikeln erwähnt worden. Darunter ein kritischer.

Die Bank ist krank. Das kann man bei der Credit Suisse wohl sagen, ohne gleich ein nettes Schreiben der Hauskanzlei Hartmann & Merker zu bekommen. Hoffentlich.

Vor Ostern verabschiedete sich die einstmals stolze Bank mit 7,17 Franken von der Börse. Die gute Nachricht: vor etwas mehr als einem Jahr erreichte sie ein Tiefst von 6,206 Franken. Anfang November letzten Jahres lag sie bei stolzen 10,175; zweistellig, Wahnsinn. Seit 1. Januar 2022 verlor die Aktie weitere 19,09 Prozent ihres Werts.

Das Trauerspiel in den letzten drei Jahren. (Quelle: cash.ch)

Die Ursachen sind bekannt. Abhilfe ist nicht in Sicht. Angesichts solcher Zahlen und Entwicklungen könnte man eigentlich annehmen, dass das Führungspersonal, das Management, die Geschäftsleitung einkommensmässig etwas kürzer tritt. Für die nächste Aktionärsversammlung am 29. April fordern unter anderem die grossen Aktionärsberatungsfirmen ISS und Glass Lewis, keine Décharge zu erteilen. Diese Verweigerung der Entlastung vom letzten Geschäftsjahr hat zwar weitgehend eine symbolische Bedeutung. Noch nie – weder bei der UBS, noch bei der CS – wurde der Versuch unternommen, das Management haftbar für einen katastrophalen Geschäftsverlauf zu machen.

Der abgetretene langjährige VR-Präsident Urs Rohner entschuldigte sich in seiner letzten Rede für den trübseligen Aktienkurs. Aber ausser schönen Worten und klitzekleine Verzichtserklärungen gilt für die Bank weiterhin: Business as usual. Das heisst, die Ausschüttung der sogenannten «variablen Vergütung», also von Boni, hat nur sehr rudimentär mit dem Geschäftsverlauf zu tun.

Lukas Hässig von «Inside Paradeplatz» hat sich die Mühe gemacht, entsprechende Zahlen aufzubereiten. Das Ergebnis ist, gelinde gesagt, ernüchternd.

In den letzten 8 Jahren wurden insgesamt Boni in der Höhe von über 26 Milliarden Franken ausbezahlt. Die Entwicklung des Aktienkurses sah in dieser Zeit so aus:

Von 2014 bis 2022: Kurse von Fall zu Fall. (Quelle: cash.ch)

Für diese 26 Milliarden haben die Banker dann doch wenigstens satte Gewinne erwirtschaftet? Es geht; angesichts ständiger Rückstellungen, Flops und Bussen betrug der in der gleiche Zeitspanne – 1,7 Milliarden Franken. Doch, das Komma steht an der richtigen Stelle. An Boni wurde das 15-Fache des Gewinns ausgeschüttet.

Gut, dann haben aber die Aktionäre wenigstens als Zückerchen für den absaufenden Kurs kräftig Dividenden kassiert? Es geht, 6,4 Milliarden insgesamt.

Was sagt das über eine Bank? Der Börsenwert schnurrt auf Schnäppchenpreis zusammen. Nur kauft niemand, weil alle Schiss haben, welche Leichen da noch im Keller liegen. Der erwirtschaftete Gewinn über Jahre hinweg beträgt jämmerliche 1,7 Milliarden Franken. Die Aktionäre werden mit absaufenden Kursen und Dividenden in der Gesamthöhe von 6,4 Milliarden Franken abgespeist.

Aber das Management der Bank, darunter die GL, die MD, die Key Risk Taker und wie sie alle heissen, schoben sich hingegen genau 26,3 Milliarden «variable Vergütungen» in die Tasche. Wohlgemerkt zum nicht kümmerlichen Grundsalär obendrauf. Wie lässt sich dieses Missverhältnis begründen? Früher sorgte schon für Gebrüll, wenn die Boni die gleiche Höhe wie der Gewinn hatten. Oder im Extremfall wie der Verlust. Alles schon passiert.

Aber dass kumuliert läppische 1,7 Milliarden Gewinn mit satten 26,3 Milliarden variablen Vergütungen honoriert werden, das ist wirklich der Gipfel. Daher herrscht sicherlich auch grosses Hallo in den Schweizer Medien, denn die Bank ist schliesslich «too big to fail» systemrelevant, müsste im Ernstfall mit Steuergeldern gerettet werden. Also müssten eigentlich ähnlich viel Artikel über den Zustand der Bank wie über die Ukraine erscheinen.

Über die Ukraine waren es in einer Woche 9224. Die CS war nicht Subjekt in so vielen Artikeln, sondern wurde einfach 203 mal erwähnt. Ein einziges Mal kritisch – vom Einzelkämpfer Hässig. Das sagt mehr über den Zustand der Schweizer Wirtschaftsberichterstattung als über den der Bank aus. Es scheinen aber durchaus Parallelitäten zu existieren.

Wumms: Thomas Gottstein

Es kann immer nur einen geben. Den Boss, The Man. Aber wie macht man PR für den?

Es gibt den berühmten Ausspruch des PR-Mannes Farner: «Gebt mir eine Million, und ich mache aus einem Kartoffelsack einen Bundesrat.» Das blieb uns bislang, oberflächlich betrachtet, erspart.

Wer und warum machte eigentlich Thomas Gottstein zum CEO der immer noch zweitgrössten Bank der Schweiz? Schliesslich ist die Credit Suisse «too big to fail», systemrelevant. Wenn’s richtig eng wird, darf der Steuerzahler aushelfen.

Dr. Thomas Gottstein ist seit etwas mehr als zwei Jahren der Chef der CS. 1995 erwarb er den Doktortitel in Finanz- und Rechnungswesen an der Universität Zürich. Anschliessend verlief seine Karriere eher unauffällig. Bis man dringend einen Nachfolger für Tidiane Thiam brauchte, der über einen Überwachsungsskandal gestolpert war.

Unauffällig, Schweizer, kann sympathisch lächeln: gebongt, den nehmen wir, sagte sich der Verwaltungsrat, der vorher durch Fehlgriffe aufgefallen war. Auch da war dann Feuer im Dach; während VR-Präsident Urs Rohner alle Skandale seelenruhig ausgesessen hatte, lupfte es seinen Nachfolger schon nach kurzer Zeit. Zu schlampiger Umgang mit Corona-Regeln, zu grosser Hang zu Freiflügen im Firmenjet. Daher musste er dann fliegen, aber natürlich mit goldenem Fallschirm. Also vergoldetem, die richtig saftigen Zeiten sind auch da vorbei.

Blieb also Gottstein als Fels in der Brandung. Nur: da gibt es einen Hasardeur aus Australien, der ein höchstwahrscheinlich kriminelles Schneeballsystem in Form eines Lieferketten-Fonds betrieb. Lex Greensill verfügt über das, was man im Geschäftsleben haben muss. Sympathisches Lächeln, überzeugendes Auftreten, angeblich grossartiges Geschäftsmodell. Zwischenfinanzierung von Lieferantenforderungen, Erklärungen würden zu weit führen, super Sache, der Burner, Gewinn garantiert, Verlust ausgeschlossen.

Solche grossartigen Geschäftsmodelle enden eigentlich immer gleich. Sie laufen ein Weilchen, alle sind glücklich und hauen sich auf die Schultern, dass es kracht. Dann gibt es ein paar klitzekleine Probleme, aber don’t panic, kriegen wir hin.

Nun könnte man, wenn man mit Milliarden im Feuer ist wie die CS, schnell auf die Bremse treten, einfrieren und einen Stiefel voll rausziehen. Aber «CS will not let you down», soll der sympathisch lächelnde Gottstein dem Sympathieträger Greenshill telefonisch versprochen haben.

Nun gibt es die Unsitte, gute Kunden mit Lombardkrediten spekulieren zu lassen. Also die Bank streckt vor. Geht’s gut, sind alle zufrieden. Geht’s schlecht, kommt der gefürchtete Margincall. Die Bank verlangt Nachschuss an Sicherheiten, sonst muss sie den Kredit leider glattstellen. Das führte dann zu Notverkäufen asiatischer Kunden von Greensill-Anteilen.

Statt nun den Stecker zu ziehen, soll die CS, sympathisch lächelnd, nochmals 140 Millionen Kredit in den absaufenden Fonds geschossen haben. So versuchte man, aus dem Schlamassel still und leise rauszukommen. Bis sich am 1. März 2021 das Kartenhaus Greensill-Fonds zusammenfaltete. Milliardenschaden für die CS.

Und seit einem Jahr versucht Gottstein, seine Beteiligung an dieser Katastrophe wegzulächeln. Äussert man sich kritisch dazu, bekommt man ein nettes Mail der CS, man hätte sie doch zur Stellungnahme einladen sollen. Bietet man ihr das generös an, wird aber wieder die Räuspertaste gedrückt, Sendepause. Und wahrscheinlich sympathisch gelächelt. So macht man Öffentlichkeitsarbeit.

Thomas Gottstein. Sympathie- und Anzugträger.

Gut, gibt es die FT

Denn die «Financial Times» erledigt nebenbei die Hausaufgaben in der Schweiz.

Selten war die Fallhöhe zwischen kompetenter Berichterstattung und Amateurliga so eklatant sichtbar wie im Fall der russischen Verwicklungen der Credit Suisse.

Tamedia-Oberchefredaktor Arthur Rutishauser führt ein Interview mit dem als CS-VR zurückgetreten Roche-CEO Severin Schwan. Nach vielen Fragen, die sich verständlicherweise auf den Pharma-Konzern und seine Geschäfte im Osten beziehen, kommt dann tatsächlich noch diese Frage: «Gibt es bei der CS Russland-Risiken?» Antwort:

«Ja, wir haben proaktiv kommuniziert, wie hoch sie sind und dass sie beherrschbar sind.»

Das sollte, dürfte, müsste man nicht so stehenlassen. Ausser, man betreibt Journalismus in kurzen Hosen. Einiges härter recherchiert hier wie meistens der Ein-Mann-Finanzblog «Inside Paradeplatz». Lukas Hässig liest nämlich regelmässig die «Financial Times».

Die hat gerade vermeldet (Artikel hinter Bezahlschranke): «US-Parlamentarier haben verlangt, dass die Credit Suisse Einzelheiten über ihren Umgang mit Sanktionen gegen russische Oligarchen offenlegt, nachdem die Bank Investoren aufgefordert hatte, Dokumente im Zusammenhang mit Vermögenswerten ihrer reichsten Kunden zu vernichten.»

Hässig legt nun nach und nimmt sich die Russland-Connection der CS nochmals zur Brust: «Babak Dastmaltschi ist einer der absoluten Bigshots der Credit Suisse. Der Chef für Russland hat der Grossbank am Paradeplatz Jahr für Jahr Millionen an Einnahmen beschert.»

Kredite für Jachten und Jets; auf den Bermudas muss die CS eine Schadenersatzzahlung von 500 Millionen Dollar an Russenkunden befürchten, die von einem CS-Mitarbeiter abgezockt worden waren.

Die Nerven liegen bei der CS blank

Dass gegenüber Hässig die Nerven blank liegen, belegt er selbst mit dem Zitat aus einem Mahnschreiben der bewährten Kanzlei Wartmann Merker. Wenn man von denen Post kriegt, weiss man, dass man auf einer richtigen Fährte ist. Hier wollen sie jede Erwähnung des Namens des «Chairman of Strategic Client Partners and Co-Head of Investment Banking Advisory» untersagen, der sei keine Person der Zeitgeschichte:

«Damit wäre eine namentliche oder anderweitige personenbezogenen Nennung von Herrn Dastmaltschi auf Inside Paradeplatz rechtswidrig.»

FT, IP, und dann kommt lange, lange gar nichts in der Schweiz. Ausser Elend und Wüste. Und das scheinheilige Wundern, wieso man denn ständig zahlende Leser verliere.