Neue Stufe von Gaga
Tamedia kennt sich nicht mehr.
Achtung, der folgende Text kann für regelmässige Leser der Produkte von Tamedia belastend sein. Sie könnten sich verarscht, verhohnepiepelt, auf den Arm genommen, für blöd verkauft vorkommen.
Denn im normalen, althergebrachten Journalismus ist es so: wenn Schönes passiert auf der Welt, das von Bedeutung ist, wird darüber berichtet.
Wenn etwas zugedeckt, unterdrückt, verschwiegen wird, dann wird aufgedeckt, aufgeklärt, furchtlos berichtet.
Wenn etwas Schreckliches passiert auf der Welt, das berichtenswert ist, dann wird schonungslos beschrieben, worum es sich handelt.
Das ist eine Selbstverständlichkeit. Das war eine Selbstverständlichkeit.
Seit letzten Sonntag hat die «SonntagsZeitung» diese Selbstverständlichkeit in die Tonne getreten. Ein Text von Sylvain Besson, Christian Brönnimann und Arielle Peterhans wird mit einer «Triggerwarnung» eingeleitet:
«In diesem Text berichtet ein Überlebender des Brandes in der Bar Le Constellation über Details, die für Leserinnen und Leser belastend sein können. Sie sind aber wichtig, um den Ablauf des Unglücks zu verstehen und daraus Lehren ziehen zu können.»
Dazu gibt es einiges zu sagen.
Zunächst: ist der Chefredaktor, der Blattmacher, die ganze Redaktion mit dem Klammerbeutel gepudert? Nicht alle Latten am Zaun? Sprung in der Schüssel?
Dann: wenn über das unsägliche Elend der Menschheitsverbrechen im Sudan, in Äthiopien, in Somalia, in Eritrea berichtet wird, was selten genug vorkommt, fehlt eine solche «Triggerwarnung». Die Beschreibung des Elends von Negern in Afrika kann offensichtlich für den Leser nicht belastend sein.
Ebenso fehlt eine solche Warnung bei jeglicher Berichterstattung über Präsident Trump.
Man vermisst sie ebenfalls, wenn einer der Tamedia– oder SZ-Mitarbeiter seinen Bauchnabel betrachtet, seinem Weltschmerz Ausdruck verleiht, sinnlose und ungehörte Ratschläge erteilt, Handlungsanweisungen gibt, das Setzen von Zeichen einfordert.
Ein blutiges Massaker ist ein blutiges Massaker. Wenn Berichterstattung auch nur einen Hauch von Sinn machen soll, dann muss sie für den Leser belastend sein. Was denn sonst.
Im Rahmen der ungeheuerlichen Sensibilität, Achtsamkeit, Inklusion, Diskriminierungsferne, der Rücksichtnahme auf empfindsame Schneeflocken, der schon der leise Verdacht einer kulturellen Aneignung Bauchgrimmen verursacht. Im Rahmen der Auslöschung von Unwörtern wie Mohr oder Zigeuner, in Zeiten postfaschistischer Sprachreinigung soll nun auch der Leser davor gewarnt werden, dass Lesen belastend sein kann.
Die einzige Alternative, naheliegend: nicht lesen.
Und was ist denn eigentlich so verstörend an diesem Text? Verstörend ist, dass die Redaktion den Augenzeugenbericht als zu verstörend für den Leser zensiert:
«Die Szenen, die Meldin von der Flucht aus der Bar beschreibt, sind verstörend. Nicht alles soll hier wiedergegeben werden.»
Verstörend ist, dass man hier dem Journalismus zuschauen darf, wie er sich selbst kastriert. Ohne Betäubung, bei vollem Bewusstsein.
Und seine völlige Unfähigkeit eingesteht, Verstörendes so zu beschreiben, dass die Aufklärung des Lesers allfällige Verstörung überstrahlt. Das würde voraussetzen, dass man schreiben kann. Aber das können im Journalismus immer weniger. Alle anderen sind problemlos durch eine KI ersetzbar.
ZACKBUMs Triggerwarnung: wer Produkte von Tamedia liest, ist selber schuld und verstört.















