Lest das!
Gerade in haltlosen Zeiten tröstet, dass es Entdeckungen gibt.
Nach den Klassikern schrieb Andrew Vachss die schwärzesten Krimis (Blue Belle, Strega). James Ellroy die brutalsten und am aufwendigsten recherchierten (L.A. Confidential, Underworld-Trilogie). Und wer verstehen will, wie die Kartelle in Mexiko funktionieren, muss die Trilogie von Don Winslow lesen, atemberaubend.
Aber ZACKBUM gesteht leicht errötend, dass selbst die kongeniale Verfilmung von «Shutter Island» durch Martin Scorsese mit Leonardo DiCaprio und Ben Kingsley und der grossartige Film «Mystik River» von Clint Eastwood mit Sean Penn, Tim Robbins und Kevin Bacon nicht ausreichten, um mal einen Blick in die Bücher des Autors Dennis Lehane zu werfen.
Das wurde nachgeholt.

Messerscharfe Dialoge, wie ausgestanzt wirkende Charaktere, was als Ermittlung zweier US-Marshalls beginnt, die eine verwahrte Kindsmörderin aufspüren sollen, die entflohen ist, entwickelt sich zu einer Höllenfahrt. Ein Sturm kommt auf, und alles wirbelt durcheinander, Wirklichkeit und Wahn, nichts ist, wie es scheint, und alles ist schlimmer als gedacht. Nichts für schwache Nerven.
Der Vorteil der Ignoranz: es gibt zurzeit 16 Bücher von Lehane, die in deutscher Übersetzung verfügbar sind.
Geradezu lieblich ist dagegen die sanfte Dystopie von Ian McEwan: «Was wir wissen können».

Verdient das Präsdikat literarisch hochstehend. In einer ferneren Zukunft widmet sich ein Forscher der Entschlüsselung eines literarischen Abends, in dessen Zentrum ein inzwischen verschollenes Gedicht steht. Aus Tagebucheintragungen, Mails und anderen schriftlichen Überlieferungen wird kunstvoll der Abend rekonstruiert, wie in einem Kaleidoskop aus verschiedenen Perspektiven die gleichen Ereignisse geschildert. Ian McEwan erweist sich dabei als virtuoser Meister seines Fachs.
Das alles in einer Welt, in der die Klimaveränderung zu grossen Überschwemmungen und Kriege zu Verheerungen geführt haben. Dieser etwas überstark warnende Zeigefinger im Werk vermag aber nicht das Lesevergnügen zu stark zu beeinträchtigen. Vor allem, da auch das Schreiben selbst, der Versuch, die Wirklichkeit abzubilden, die Unterstellung, dass Nachgeborene natürlich mehr wissen als wir Heutigen, durchaus unterhaltsam ist.
Schliesslich eine überfällige Auseinandersetzung mit dem wohl bekanntesten Heroen des Altertums.

Sohn des Jupiter und der Alkmene, kein reiner Held, im Gegenteil. Gebrochen, zu Verbrechen und Heldentaten fähig, um am Schluss elendiglich zu sterben, aber in den Olymp aufzusteigen. Mit übermenschlichen Kräften ausgestattet, aber dennoch immer wieder an seine Grenzen gelangend.
Kein Wunder, dass seit über 2500 Jahren sich Dichter, Stückeschreiber, Bildhauer und Maler mit Herkules befassen. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden haben ihm eine Ausstellung gewidmet und dazu einen Katalog mit überwiegend klugen Essays plus reicher Bebilderung gestaltet.
Wie er Prometheus befreite, die zehn herkulischen Aufgaben bewältigte, Gutes und Schlechtes tat, endlich kein strahlend schöner Held, sondern ein Übermensch mit Schwächen, der sich selbst immer im Weg stand, aber Heroisches leistete. Ein Sterblicher auch er, der aber Götterfunken aus der Wirklichkeit schlug.

