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Die Niveau-Bremse von «20 Minuten»

Claudia Blumer ist beim Gratisblatt angekommen. Ganz schlechte Nachrichten.

Man will ja ein Zeichen setzen, wenn man neu anfängt. Üblich, normal, verständlich. Claudia Blumer, bei Tamedia eher unangenehm aufgefallen, ist seit 1. Juli Ressortleiterin «Politik und Gesellschaft» bei dem Gratis-Blatt «20 Minuten».

Claudia Blumer: ein Foto aus besseren Tagen.

Das reichweitenstärkste Organ für alle, die sich überhaupt noch bei Newsmedien informieren, verzichtet weitgehend auf künstliche Aufreger und vollständig auf Kommentare. Das scheint ein Bestandteil seines Erfolgs zu sein.

Blumer hingegen fiel nicht nur durch ein schlampig recherchiertes, einseitiges, mit Fehlern gespicktes Werk auf, sondern auch mit etwas eigenen Kommentaren:

Und ein Kommentar ist keine Kalbshaxe.

Solches ist bei «20 Minuten» nun nicht mehr möglich, aber man kann doch auch anders eine Duftmarke setzen, muss sich Blumer gesagt haben:

Die klassische, eher abgenudelte Boulevard-Nummer: Man stellt eine steile Frage in den Raum, macht ein schönes Einerseits-Andererseits draus, und schon hat man künstlich ein Thema zur Debatte aufgeblasen, das eigentlich keines ist.

Stichhaltigkeit, Relevanz, Realitätsgehalt: völlig wurst. Denn als Schritt zwei kann man dann von einer «grossen Resonanz» schwärmen:

Nach Belieben lässt sich so eine Schaumschlägerei weiterdrehen. Fachleute meinen, Politiker widersprechen, Experten warnen, Juristen geben zu bedenken, Betroffene heulen wunschgemäss auf.

Eigentlich ist’s ziemlich banal und klar

Dabei führt kein Weg an der banalen Erkenntnis vorbei: Selbstbehalt für Selbstverschulden im Gesundheitswesen? Ist nicht, gibt’s nicht, Krankenversicherung ist keine Autopolice, wo Fahruntüchtigkeit Kostenfolgen hat, wenn’s kracht.

Ganz wichtig ist auch, dass so getan wird, als gäbe es hier eine heisse Debatte mit Mord und Totschlag in Sicht:

«So ein renommierter Infektiologe, der anonym bleiben will. Er sieht das Portemonnaie als das effektivste Mittel, wie er gegenüber «20 Minuten» sagt: «Landen Ungeimpfte wegen Covid im Spital, sollen die Krankenkassen später Regress auf diese Personen nehmen können.» Es gebe keinen Grund dafür, dass Krankenkassen für eine «fahrlässig verbreitete Krankheit» aufkommen müssten. Später zieht er das Zitat zurück – aus Angst vor Morddrohungen.»

Ist aber auch blöd gelaufen; im Blatt mit dem Regenrohr im Titel traut sich gleichzeitig ein «Verhaltensökonom» in Wort und Bild und mit vollem Namen eine ähnliche Forderung aufzustellen. Von Morddrohungen oder Personenschutz ist nichts bekannt.

Aber eigentlich geht’s um nix.

Natürlich ergreifen Politiker gerne die Gelegenheit, sich zitieren zu lassen. Abwägend, dagegen, ein wenig dafür, wichtig ist ja nur, wenn der Name und die Parteizugehörigkeit richtig geschrieben sind.

Nachdem das alles abgespult wurde, braucht es nur noch einen einigermassen versöhnlichen Schluss:

«Jedenfalls: Beim Bund ist man trotz nachlassender Impfnachfrage guten Mutes. Rund 46 Prozent der erwachsenen Personen in der Schweiz hätten mindestens eine Impfdosis erhalten, sagte Virginie Masserey, Leiterin der Sektion Infektionskontrolle beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) an einer Medienkonferenz am Dienstag.»

Dass damit das ganze Geschrei vorher als absurd und überflüssig gekübelt wird, was soll’s. Man kann «wichtiges Thema aufgegriffen», «Debatte ausgelöst», «grosses Echo», «aufgrund des Artikels haben 25 Parlamentarier» und ähnliche Blasen blubbern.

Wieso macht man das heute nicht mehr so gerne?

Nur: Es gibt leider einen Grund, wieso die meisten Boulevardblätter diese Methode der künstlichen Aufschäumung nicht mehr verwenden. Weil sie gemerkt haben, dass sich der Leser davon schlichtweg und zunehmend verarscht fühlt. Und dieses Gefühl trägt nicht wirklich zur Leser-Blattbindung bei.

Um es begreiflich in einem Bild zu sagen: Wenn in einer Pizzeria der Teigfladen zwar als halbmeterhoher Turm serviert wird, beim ersten Anschnitt aber wie ein Soufflee zu einem unansehnlichen Klacks zusammenschrumpft, dann findet das der Besucher auch nicht so toll. Selbst wenn er dafür nichts bezahlen muss. Das sollte dem Chefredaktor von «20 Minuten» doch etwas zu denken geben …

Rings- und Lechtsanwalt Peyer

Man kann sich seine Mandanten nicht immer aussuchen. Claudia Blumer ist die Höchststrafe. Selbst für die Cracks von «Suits».

Markus Peyer ist Anwalt. Eigentlich ein sympathischer und netter Mensch. Eigentlich auf Seiten des Rechts gegen Unrecht.

Blumer-Anwalt Markus Peyer.

Nun sind die Zeiten halt zunehmend garstig im Journalismus. Es wird an allen Ecken und Enden gespart, nicht zuletzt auch an Kompetenz und Recherche. Was früher noch schweisstreibend selber erarbeitet wurde, wird immer mehr von Angefüttertem und Zugehaltenem ersetzt.

Irgendwelche anonyme Kriminelle klauen strikt vertrauliche Geschäftsunterlagen und verteilen die auf hungrige Medienmäuler. Die nennen das dann Leaks oder Papers, schlachten die aus und hauen nach Lust und Laune damit Betroffene in die Pfanne. Als Untersuchungsrichter, Ankläger und Tribunal in einer Person.

War’s dann nichts, wie bei der Verleumdungsattacke gegen Gunter Sachs oder gegen einen schweizerisch-angolanischen Geschäftsmann, dann ist die Karawane von bellenden Hunden längst weitergezogen.

Journalistische Tiefstleistung im Hause Tamedia

Die ehemalige «Tages-Anzeiger»-Journalistin Claudia Blumer hat in einem selten erreichten journalistischen Tiefpunkt einen völlig einseitigen, schlecht recherchierten, nur auf den Aussagen eines Beteiligten sich abstützenden Schmierenartikel über einen hässlichen Scheidungs- und Sorgerechtsstreit veröffentlicht. Der strotzte zwar von faktischen Fehlern (wir berichteten), aber Tamedia inklusive Arthur Rustishauser sah keinen Anlass, ausser zwei Nebensächlichkeiten die Falschaussagen zu korrigieren.

Das brachte Blumer eine Anzeige wegen Verleumdung, Anstiftung zur Amtsgeheimnis- und Berufsgeheimnisverletzung ein, die Staatsanwaltschaft Schaffhausen wurde nach längerem Zögern tätig und begann zu ermitteln. Dazu gehörte auch eine Vorladung an Blumer, der sie im dritten Anlauf nachzukommen geruhte.

Sie erschien mit Markus Peyer bewaffnet zu dieser Einvernahme, über deren Inhalt natürlich der Mantel des Amtsgeheimnis gelegt wird. Allerdings konnte es sich Anwalt Peyer nicht verkneifen, auf die Berichterstattung von ZACKBUM.ch hinzuweisen. Leider nicht lobend, wie sie es verdient hätte. Denn wir halten uns an alle journalistischen Gepflogenheiten, geben allen Beteiligten Gelegenheit zur Stellungnahme, unsere Fakten stimmen, ernsthafte Gegenwehr des Hauses Tamedia ist nicht möglich.

 

Schlaf des Ungerechten?

Dennoch beschwerte sich Peyer darüber, dass auf ZACKBUM angeblich vertrauliche Dokumente verwendet und veröffentlicht worden seien. Das könnte dann im Fall noch seine Konsequenzen haben, man behalte sich vor, bitte um Kenntnisnahme durch die ermittelnde Staatsanwaltschaft.

Das sagte Peyer ausserhalb des Einvernahmeprotokolls, wie mehrere voneinander unabhängige Quellen ZACKBUM gegenüber bestätigten. Abgesehen davon, dass wir auch diesen Einschüchterungsversuch – wie seine Vorgänger – mit schallendem Gelächter begegnen: wir hätten da eine Frage.

Posse, wie von Daumier gezeichnet.

Arthur Rutishauser, der Oberchefredaktor des Tamedia-Konzerns, veröffentlicht seit Jahren, wiederholt und unablässig strikt vertrauliche Dokumente oder Untersuchungsresultate aus der Strafuntersuchung gegen Pierin Vincenz. Vor allem mit seinen ausführlichen und keine Geschmacklosigkeit auslassenden Berichten über Spesenabrechnungen des gefallenen Raiffeisen-Stars hat er den Ruf von Vincenz unrettbar beschädigt.

Rutishauser lässt keine Gelegenheit aus

Inzwischen geht Rutishauser sogar so weit, auch die damalige Ehefrau von Vincenz unter Beschuss zu nehmen. Während er bei ihm ausplaudert, was alles ermittelt wurde, fragt sich Rutishauser bei ihr, wieso nicht energisch genug ermittelt werde. Als Höhepunkt beschaffte er sich offensichtlich die 368 Seiten umfassende Anklageschrift, las die sogar schneller als das zuständige Gericht durch und versorgte seine Leser mit weiteren pikanten, unappetitlichen Behauptungen der Staatsanwaltschaft. Nicht ohne meistens, aber nicht immer darauf hinzuweisen, dass selbstverständlich die Unschuldsvermutung gelte, was nun nicht mal mehr ein schaler Witz ist.

Daher gelangten wir mit der Frage an Anwalt Peyer, ob es ihm nicht selbst bei der bekanntlich flexiblen Rechtsauslegung durch Anwälte nicht etwas gar schräg vorkomme, gegenüber ZACKBUM auf die Vertraulichkeit einer Strafuntersuchung zu pochen, während der oberste Chef seiner Mandantin Mal um Mal vorführt, dass er darauf pfeift.

Leider mochte sich Peyer nicht zu einer Antwort aufraffen. Menschlich verständlich, was sollte er denn auch sagen; der Widerspruch ist so offensichtlich und schreiend. Da wir Markus Peyer nach wie vor für einen aufrechten und moralisch gefestigten Menschen halten, können wir uns nicht vorstellen, dass er sich eine solche Heuchelei mit der überreichlichen Anwendung von alkoholhaltigen Getränken schönsaufen könnte.

Sich über die Verletzung des Amtsgeheimnisses in einer Strafuntersuchung wegen Anstiftung zur Verletzung des Amtsgeheimnisses zu beschweren, das ist schon ein starkes Stück. Das im Auftrag des Hauses Tamedia zu tun, das lässt selbst Tartuffe vor Neid erblassen.

Aufatmen bei Tamedia: Abgang Blumer

Eine weitere Mitunterzeichnerin des Tamedia-Protestschreibens geht. Aber nicht weit. Leider.

Claudia Blumer hat einen der Tiefpunkte des Journalismus im Hause Tamedia zu verantworten. In einer völlig einseitigen, sich nur auf die Aussagen eines Beteiligten abstützenden Reportage nahm sie Partei in einem hochemotional geführten Trennungsstreit.

Daraus entstand ein Artikel, der in jeder Journalistenausbildung als Paradebeispiel verwendet werden kann. Es ist alles drin, was man nicht machen darf, wenn man seriös und nach den Regeln der Zunft arbeiten will.

ZACKBUM hat den ganzen Skandal aufgearbeitet. Reaktion aller Beteiligten (die im Gegensatz zur Methode Blumer Gelegenheit zur Stellungnahme bekamen): null. Ausser ein so ausführliches wie lachhaftes Schreiben der Rechtsabteilung von Tamedia, das die Korrektur von Dutzenden von Details forderte. Völlig unsubstantiiert und ohne Belege; daher unterblieb es natürlich. Weitere Reaktion des Hauses: null.

Wer sich mit Reichen und Mächtigen anlegt …

Nun ist es nicht so, dass jemand wie Blumer, obwohl sie die Unterstützung und Zuneigung des Patriarchen des Bindella-Clans hinter sich weiss, ohne jegliche Folgen dermassen unanständig, unprofessionell und schändlich falschberichten dürfte. Die Betroffene versuchte zuerst, innerhalb von Tamedia eine dringend nötige Richtigstellung zu erreichen.

Sie wurde zum Ombudsmann verwiesen, der dann seines Amtes waltete. Als Ombudsmann von Tamedia, nicht der Leser oder von der Berichterstattung Betroffenen. Er sah in dem nachgewiesenermassen faktisch falschen, einseitigen, unprofessionellen Bericht Blumers kein Problem.

Inzwischen wurde Blumer in allen Ehren beim Tagi verabschiedet. Ihr letzter Kommentar, wie passend, dreht sich um die Erschwerung der kritischen Berichterstattung durch den Ständerat. Der will die Hürde niedrigerlegen, wie das Erscheinen eines belegt einen Skandal aufdeckenden Artikels verhindert werden kann. Blumer vermutet, dass die «chambre de réflexion» die Gelegenheit beim Schopf ergriffen habe, «den Journalisten eins auszuwischen».

Wie gut, dass Blumer bei «20 Minuten» weder Reportagen noch Kommentare schreiben darf. Denn auch in ihrem letzten Stück liegt sie völlig falsch. Es ging nicht darum, dass das Stöckli den Journalisten eins auswischen wollte. Sondern darum, Mächtigen und Reichen besseren Schutz vor unbotmässiger Kritik zu verschaffen. Also zum Beispiel eine Recherche über die Anstellungsbedingungen im Bindella-Imperium.

Aber item, solche peinlichen Kommentare fallen weg. Schnell war Blumer  –Mitunterzeichnerin des Protestschreibens – als Untersuchungsrichterin ein- und dann wieder abgesetzt worden. Zur «Ansprechperson» degradiert und nun zu «20 Minuten» abgeschoben, wo sich keine einzige Frau über angeblich sexistisch-diskriminierende Arbeitsbedingungen beschwerte. Blumer eigentlich auch nicht, sie selbst habe nie so etwas erlebt, gestand sie in Roger Schawinskis «Doppelpunkt», sie habe aus Solidarität unterzeichnet. Weil es doch nicht ginge, so mit Menschen umzugehen. Den Talkmaster hingegen als «ausgedienten Pitbull» zu beschimpfen, wie es Blumer bei Gelegenheit tat, das geht.

Alle Versuche zur gütlichen Einigung scheiterten

Als Restanz ihres unseligen Wirkens bleibt noch der Schandartikel. Nachdem alle Versuche scheiterten, zu einer gütlichen Lösung mit Tamedia zu kommen, wurde gegen Blumer Strafanzeige gestellt.

Wegen «Verleumdung, Anstiftung zur Verletzung des Amtsgeheimnisses, Anstiftung zur Verletzung des Berufsgeheimnisses etc.». Die Schaffhauser Staatsanwaltschaft will nun das tun, was Blumer bei ihren Recherchen unterlässt. Nämlich ihr Gelegenheit geben, zu diesen Vorwürfen Stellung zu nehmen. Das äussert sich in Form einer Vorladung zu einer Einvernahme.

Der Termin wird gesetzt, schriftlich mitgeteilt, und es wird selbstverständlich erwartet, dass die Vorladung befolgt wird; persönliches Erscheinen ist verlangt. Also warteten am 31. Mai 2021 die untersuchende Staatsanwältin, ein Gerichtsschreiber, die Anzeigeerstatterin mitsamt Anwalt plus der Anwalt einer weiteren in das Verfahren involvierten Person. Und warteten und warteten und warteten.

Bis sie einsahen, dass Blumer unentschuldigt fernblieb. Das ist nicht nur eine Respektlosigkeit, sondern hat auch Sanktionen zur Folge. Aber offenbar fühlt sich Blumer über solche Bemühungen der Staatsgewalt erhaben. Eine Busse zahlt sie problemlos aus dem Gucci- oder Dior- oder Versace-Handtäschlein.

Das hat einen kurzfristig anberaumten zweiten Versuch zur Folge; der wurde auf den 21. Juni terminiert; mit zwei Wochen Vorlauf wäre genügend Zeit, sich darauf einzurichten. Nachdem Blumer die Nummer mit unentschuldigter Absenz schon gebracht hatte, meldete sich diesmal ihr Anwalt; leider sei er zu diesem Zeitpunkt unabkömmlich, Bitte um Verschiebung.

Die wurde ihm unverständlicherweise gewährt, der nächste Versuch ist auf den 29. Juni angesetzt. Wohlgemerkt, die Strafanzeige wurde im August 2019 eingereicht; seit Ende April 2021 versucht die Staatsanwaltschaft, Blumer zu einer Aussage zu bewegen. Bislang vergeblich.

Vorführen in Handschellen nötig?

Normalerweise wird bei unhöflichem Schwänzen einer Vorladung beim nächsten Versuch angedroht, dass ein neuerliches Nichterscheinen mit polizeilicher Vorführung beantwortet würde. Also zwei Polizisten stehen parat, um im Fall des «pfeif drauf» der angeschuldigten Person klarzumachen, dass man sich nicht so um Anordnungen von Justizorganen fouttieren darf.

Auch auf diese Androhung verzichtete die Staatsanwaltschaft Schaffhausen. Ob diese unverständliche Milde damit zu tun hat, dass der Tamedia-Konzern ein wenig seine Muskeln spielen liess? Man weiss es nicht. Wird am 29. Juni tatsächlich nach fast zwei Jahren die erste Einvernahme von Blumer stattfinden? Man weiss es auch nicht. Man könnte sie fragen? Richtig, aber da sie noch nie geruhte, auf unsere Anfragen oder Bitten um Stellungnahme zu reagieren, lassen wir’s.

Was man weiss: das ist reine Arroganz des Hauses Tamedia, der fortgesetzte Versuch, diesen Medienskandal am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen. In der Hoffnung, dass die durch Blumers Machwerk beschädigte Person dann schon mal aufgibt.

Blumer schreibt in ihrem (hoffentlich) letzten Kommentar:

«Wenn jemand durch einen Zeitungsartikel in seiner Persönlichkeit verletzt wird, kann er dagegen ans Gericht gelangen. Doch manchmal ist es schon zu spät, der Schaden ist angerichtet und nicht wiedergutzumachen.»

Das ist – angesichts ihres eigenen Verhaltens – der Gipfel des Hohns und der Heuchelei.

 

Hämen, hetzen, hacken

Wenn eine Redaktion durchdreht: Was in der Schweiz der «Tages-Anzeiger» ist, ist in Berlin der «Tagesspiegel».

Die Tageszeitung, 1945 gegründet, ist in der deutschen Hauptstadt für das vermeintlich gepflegt Linksliberale zuständig. Verkaufte Auflage knapp über 100’000, Reichweite rund 300’000 Leser. Sie ist in erster Linie lokal verwurzelt, versucht aber auch immer wieder Ausflüge ins Ausland, widmet sich natürlich aufmerksam der deutschen Politik.

Für die Haltung des «Tagesspiegel» sind Leute wie der Herausgeber Giovanni di Lorenzo («Die Zeit») oder gescheiterte Mitglieder der «Spiegel»-Blase wie der dortige Ex- und hier amtierende Chefredaktor Mathias Müller von Blumencron zuständig.

Ähnlich wie beim «Tages-Anzeiger» hat auch hier die Medienkrise ihren schweren Tribut gefordert. Schwindende Ressourcen, schwindendes Niveau, Hang zum Gesinnungs- und Haltungsjournalismus als Ersatz für Recherche. So wie der «Tages-Anzeiger» immer wieder zu Ausfälligkeiten neigt, die Lonza-Affäre hochzieht, um dann klein beizugeben, dann doch nicht, eine überforderte Redaktorin wie Claudia Blumer Artikel schreiben lässt, die allen journalistischen Qualitätsansprüchen Hohn sprechen, hat auch der «Tagesspiegel» immer mehr schwarze Flecken auf der einstmals weissen Weste.

In der Redaktion: alles dicht gemacht

Aktuelles Beispiel; die Aktion #allesdichtmachen. Das ist eine Reihe von Videoclips, in denen sich deutsche Schauspieler und Kulturschaffende über die völlige Indolenz der Regierung beschweren, was die dramatischen Auswirkungen der Lockdowns auf ihr Leben betrifft. Auf die Kultur im Allgemeinen.

Edles Motto: rerum cognoscere causas

Da hier eine ganze Riege bedeutender deutscher Schauspieler das Wort ergriff, gab das schnell ein grosses Hallo. An vorderster Front der «Tagesspiegel», der zu Tiefstleistungen auflief, als hätte die Kommentatorenriege des Tagi, also Schreiberlinge wie Mario Stäuble, Philipp Loser oder Hass-Twitterer wie Marc Brupbacher Hilfe geleistet.

Innerhalb von rund zwei Wochen erschienen rund 30 Artikel im «Tagesspiegel» zu diesem Thema. Ein paar Duftmarken: «Mehr als 50 Schauspieler verbreiten Häme über die Corona-Politik der Regierung», «Aluhüte scheppern aller Orten», «so schäbig, dass es wehtut». Aber, das macht’s brandgefährlich, auch mit einer «undurchsichtigen Agenda», in den Fängen eines «antidemokratischen Netzwerks».

Das kommt Schweizer Bauchträgern wie Mike Müller verdächtig bekannt vor; deshalb meint er staatstragend:

«Dieser eitle Brunz erledigt sich von selber.»

Man darf fragen und bezweifeln, ob er sich die Mühe gemacht hat, auch nur mal zehn Sekunden reinzuschauen. Es sei ihm empfohlen. Alleine in den einleitenden Stellungnahmen von Volker Bruch («Berlin Babylon»), Jan Josef Lievers («Tatort») oder Wotan Wilke Möhring ist mehr Bedenkenswertes enthalten als im Schaffen des Kultur-Bestatters Müller.

Manche haben kein Standvermögen …

Es knickten einige Mitmacher nach der geballten Attacke nach allen Regeln der Kunst ein. Nachdem die üblichen Hetzbegriffe in Stellung gebracht worden waren: Beifall aus der falschen Ecke, natürlich von der AfD, von Corona-Leugnern, sich instrumentalisieren lassen, hinter den Kulissen ziehen üble rechte Hetzer die Fäden.

Zuvorderst der «Tagesspiegel», dem alle Sicherungen durchbrannten. Dahinter stecke ein «antidemokratisches Netzwerk», angeführt von einem namentlich genannten Mediziner. Wenn die Meute, wie in der Schweiz, Betriebstemperatur erreicht, ist sie kaum zu stoppen. Und erste Opportunisten seilten sich blitzgeschwind ab. Zuvorderst die «Tatort»-Kommissarin Ulrike Volkerts «schief gegangene und unverzeihliche Aktion» oder Heike Makatsch «bereue zutiefst». Charakterlumpen gibt es überall.

Wie in den dunkelsten Zeiten des letzten Jahrhunderts wurde nun bei denen, die nicht klein beigaben, «recherchiert». Wurden sie schon einmal in weniger als einem Kilometer Entfernung von einer AfD-Demonstration gesehen? Distanzierten sie sich nicht sofort und lautstark von einer Aktion von Rechtsradikalen? Mit dem untauglichen Argument, gar nichts davon gewusst zu haben? Nahmen sie einmal an einer Diskussionsrunde teil, obwohl der Grossvater des Moderators Mitglied der NSDAP war?

Dabei half dem «Tagesspiegel» ein «Recherchenetzwerk Antischwurbler». Das mit vielen angeblichen Fakten zum Gesamteindruck beitrug. Nur: seine Mitglieder wollen, Ehrensache, anonym bleiben. Die Überprüfung all dieser Fakten war so unmöglich wie bei einer «Republik»-Reportage.

Hetzjagd und Versuche der Existenzvernichtung

Die Hetzjagd auf die Künstler (und ihre Drahtzieher) führte schon zu den üblichen Untergriffen. Im Stil: können Sie es verantworten, dass dieser bei Ihnen Mieter ist, jener mitspielt, der andere eine Rolle von Ihnen angeboten bekam?

Also das Denunziationsklavier war auf tutti gestimmt. Man war gerade so schön im Schweinsgalopp, als sich doch die kritischen Stimmen gegen diese Verleumndungskampagne häuften. Dies im Unterschied zur Schweiz. Also musste die Chefetage auf die Bremse treten, die Kampfhunde an die Leine legen. Es wurden «handwerkliche Fehler» eingeräumt, es wurde zerknirscht eingestanden, dass schon mal wieder einem als Hauptdrahtzieher denunzierten Mediziner angebliche «antidemokratische» Aussagen unterschoben worden waren. Er zudem keine Gelegnheit zur Stellungnahme bekam – «eigentlich ein journalistisches Muss».

«Die Ursache der Dinge erkennen.» Hier aber in extremis nicht.

Es ist immer wieder verblüffend – und beelendend –, sehen zu müssen, wie bei solchen Verleumdungsartikeln, seien die von Claudia Blumer oder wem auch immer, anschliessend wenigstens ein paar «handwerkliche Fehler» eingeräumt werden. Aber diese «handwerklichen Fehler» sind gar keine. Der Artikelthese widersprechende Tatsachen, obwohl offenkundig, unterdrücken? Angepinkelten keine Gelegenheit zur Stellungnahme geben? Nicht einfach blind einer einzigen Quelle vertrauen? Partei ergreifen aus Gesinnung?

Das sind doch eigentlich Basics. Dafür muss man keinen Fortbildungskurs in höherem Journalismus gemacht haben. Um genau solche Reputationsschäden zu verhindern, sollte es doch eine ganze Maschinerie von Kontrollinstanzen geben.

Noch schlimmer ist’s in der Schweiz

Vorgestern war es «Der Spiegel» (Relotius), gestern der NDR (Dokumentarfilm «Lovemobil»), heute der «Tagesspiegel». Ist es in der Schweiz besser? Keinesfalls; alleine in Berlin muss sich das Blatt gegen zwei lokale und jede Menge überregionale Medien behaupten. Wenn Tamedia oder CH Media in ihren jeweiligen Monopolgebieten Unsinn verzapfen, müssen sie keine flächendeckende Reaktionen befürchten. Ausser von ZACKBUM, aber das lesen leider auch nicht alle.

Abgang eines Gender-Sternchens

Das trifft uns: Salome Müller hat bei Tamedia gekündigt. Ist sie Opfer?

Via persoenlich.com teilte die Redaktorin des «Tages-Anzeigers» mit, dass sie per Ende Juli ihre Kündigung eingereicht habe.

Müller wurde einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, weil sie die Mitinitiatorin eines Protestschreibens ist, in dem sich anfänglich 78 Mitarbeiterinnen von Tamedia über unerträgliche Arbeitsbedingungen beklagten. Frauen würden sexistisch behandelt, diskriminiert, seien dummen Anmachsprüchen ausgesetzt, würden durch diese Atmosphäre demotiviert.

Liebe Leserinnen* ist vorbei.

Am 1. Mai war das Ultimatum abgelaufen, das im Brief gesetzt worden war. Bis zu diesem Zeitpunkt wollten die Unterzeichner eine Antwort auf ihre Forderungen bekommen. Offensichtlich ist aber bislang nichts passiert. «Der Brief hat viel Gutes ausgelöst – wir fühlen uns gehört und ernstgenommen. Bei meiner Kündigung spielte der Brief keine Rolle», behauptet Salome Müller.

Das wagen wir zu bezweifeln. Der Brief hat bislang überhaupt nichts ausgelöst. Im Gegenteil, weil er von rund 60 anonymisierten Vorwürfen begleitet war, kündigte Tamedia zuerst eine interne, dann eine externe Untersuchung dieser angeblichen Vorfälle an.

Statt intern öffentlich meckern

Weil das eigentlich für den internen Gebrauch gedachte Schreiben via Jolanda Spiess-Hegglin an die Öffentlichkeit gebracht wurde, erhob sich schnell einmal die Frage, ob sich damit zumindest die beiden Initiantinnen arbeitsrechtliche Probleme eingehandelt haben könnten. Denn dafür, dass der Arbeitnehmer auf der Payroll steht, hat er nicht nur die Verpflichtung, gewisse Leistungen zu erbringen, sondern auch sich an ein paar Regeln dem Arbeitgeber gegenüber zu halten. Ihn öffentlich und ohne jeden Beleg übel zu beschimpfen, das gehört nicht dazu.

Nachdem sich Müller, zusammen mit ihrer Kollegin Aleksandra Hiltmann, kurzeitigen Ruhm bis hin zu einem Auftritt in «10 vor 10» verschafft hatte, aber danach abtauchte, auf keine Anfrage reagierte, mehren sich die kritischen Stimmen, welchen Zweck eigentlich diese ganze Aktion gehabt habe.

Insbesondere löste Stirnrunzeln aus, dass von den Protagonisten dieses Protests behauptet wurde, dass sie ein in der ganzen Medienbranche vorhandenes Malaise ansprechen würden. Nur, bei keinem anderen Verlag kam es zu ähnlichen Protesten.

Alle Unterzeichner weigerten sich ebenfalls, auf höflich formulierte Fragenkataloge zu antworten, was nun doch etwas schwach ist. Die zuerst mit der Untersuchung beauftragte Mitunterzeichnerin Claudia Blumer sagte sogar, dass sie persönlich niemals solche Vorfälle erlebt habe, mehr aus Solidarität unterzeichnete.

Geschmäckle, Hautgout, Es stinkt einfach

All das gibt der ganzen Aktion einen zunehmenden Hautgout. Mitarbeiterinnen damit ködern, dass sie ein internes Protestschreiben, gerichtet an die Geschäftsleitung, unterzeichnen würden. Das fast gleichzeitig an die Medien eingespeist wurde, zudem mit einem nicht gerade vertrauenserweckenden Absender.

Offensichtlich wurden viele der Unterzeichner nicht einmal gefragt, ob sie damit einverstanden seien. Dann holten sich Hiltmann und Müller ihre 15 Sekunden Ruhm ab, verstummten aber anschliessend völlig. Ob Müller tatsächlich ohne Zusammenhang mit diesem Schreiben geht, wie freiwillig ihr Abgang ist, das wird wohl nicht herauszufinden sein.

Dass die meisten der übrigen Unterzeichner das als Fahnenflucht empfinden, von jemandem, der ihnen diese Suppe zuerst eingebrockt hat, ist offenkundig. Was dieses Verhalten mit weiblicher Solidarität, mit einer Kampfansage, mit dem Widerstand gegen angeblich unerträgliche Zustände zu tun hat, bleibt unerfindlich. Von vielen Eigenschaften, die Müller zuvorderst einfordert – bei anderen, natürlich –, ist hier weit und breit nichts zu sehen.

Erinnert sich noch jemand an den Tamedia-Protest?

Es wurden Behauptungen aufgestellt, ergänzt mit Forderungen und Ultimatum. Und jetzt?

Zunächst 78 Frauen unterzeichneten ein Protestschreiben, das sexistische, diskriminierende, frauenfeindliche, demotivierende Zustände bei Tamedia beklagte. Ergänzt mit rund 60 anonymen, unbelegten «Beispielen» dafür.

Nachdem das – entgegen der Absicht vieler Unterzeichner – an die Öffentlichkeit gelangte, gab es erwartungsgemäss ein Riesenhallo. Die beiden Promotorinnen schafften es sogar als Fokus-Thema in eine Ausgabe von «10 vor 10». Die schlimmsten «Beispiele» wurden überall fleissig zitiert; die anderen Medienhäuser, nachdem sie sich versichert hatten, dass so ein Blödsinn bei ihnen nicht passiert, zeigten sich indigniert.

So ging das dahin, und dann ging es den Weg aller Strohfeuer. Der Brief hat das Datum 5. März. Am Tag der Frau, also am 8. März, ging das grosse Gewese los, schleppte sich durch die Gazetten, in Talkshows, wurde Thema im Radio. Strengste Untersuchungen wurden angekündigt, der Oberchefredaktor von Tamedia war so geknickt, dass er sich gleich präventiv entschuldigte.

Oder doch nicht?

Dafür müsste ihm eigentlich das Journi-Patent weggenommen werden. Sich entschuldigen, aufgrund durch nichts belegter Behauptungen und anonymer Beispiele? Hat der ein Schwein, dass es keinen Führerschein braucht, um einen Medienkonzern journalistisch zu führen.

Grosse Töne spucken, und dann?

Aber, das alles könnten wir endgültig vergessen und darunter abhaken, dass sich so einige Redaktorinnen eine Arbeitsplatzgarantie verschafft haben. Wenn da nicht ein Satz in diesem Brandbrief stünde, ganz am Schluss und drohend:

«Wir erwarten bis zum 1. Mai 2021 konkrete Vorschläge zur Umsetzung unserer Forderungen und eurer «verbindlichen Ziele». Ausserdem erwarten wir, dass die detaillierte Überprüfung des Betriebsklimas bis Anfang 2022 transparent gemacht und gegebenenfalls weitere Korrekturen vorgenommen werden.»

Wenn wir uns bei ZACKBUM nicht täuschen, haben wir nun Mai. Weder von konkreten, noch abstrakten Vorschlägen haben wir gehört. Obwohl bereits der 5. Mai da ist, aber nichts neu macht.

Das erinnert an den alten Scherz: Ich fordere sie ultimativ auf, das zurückzunehmen. – Nö. – Okay, dann ist der Fall für mich erledigt.

Daher kann man sich aussuchen, ob man dieses Protestschreiben, seine Verbreitung in der Öffentlichkeit durch Jolanda Spiess-Hegglin, die sich einen Scheiss darum gekümmert hat, ob auch alle 78 Erstunterzeichnern damit einverstanden sind, und alles anschliessende, tief betroffene Gemurmel ein Trauerspiel war – oder reiner Slapstick.

Zumindest der Sache der Frau, den im Schreiben formulierten Anliegen wurde ein Bärendienst erwiesen, meinetwegen auch ein Bärinnendienst. Denn Lächerlichkeit tötet. Bis 1. Mai eine Reaktion auf den Forderungskatalog, von Anstand bis Vertrauenspersonen. Nein? Dann halt nicht. Unerträgliche Arbeitsbedingungen für Frauen auf den Redaktionen, «wir sind nicht länger bereit, diesen Zustand länger hinzunehmen.» Oder doch.

Das Protestschreiben mondete nur zwei Mal

«Viele dieser Forderungen sind bereits bekannt.» Na dann. «Wir haben sie im Rahmen des Frauenstreiks 2019 formuliert.» Schön. «Sie sind in den vergangenen eineinhalb Jahren noch dringlicher geworden.» Na, da können sie locker noch weitere Jahre reifen.

In nur 60 Tagen ist der ganze Aufstand schon verwelkt, werden die angeblich so schlimmen Arbeitsbedingungen wieder stillschweigend ertragen. Ach, die Nummer mit: es hat doch etwas bewirkt, Zeichen gesetzt, Fanal, Männer sind nun weniger übergriffig als vorher? Ja, ja, das sagt man immer, wenn etwas zusammengebrochen ist.

Abschneiden, ernten.

Tamedia hat weitgehend richtig reagiert. Zuerst tiefe Betroffenheit geheuchelt, der Oberchefredaktor ging sogar so weit, sich für völlig belegfrei behauptete verbale Übergriffe zu entschuldigen. Da hatte er zu viel Gas gegeben. Dann verkündete er stolz, dass eine der Mitunterzeichner damit beauftragt worden sei, das Ganze nun zu untersuchen.

Muss und will. Aber auch kann?

Wahrscheinlich galt sie neutral genug, weil sie zwar unterschrieben hatte, aber bei Roger Schawinski fröhlich verkündete, dass sie selbst noch nie solche männlichen Verhaltensweisen erlebt habe. Nach scharfem und langem Nachdenken verkündete Arthur Rutishauser dann, dass das mit Claudia Blumer vielleicht doch keine so gute Idee war. Sie wurde zur «Vertrauensperson» herabgestuft, der man (und vor allem frau) sich ungeniert anvertrauen könne.

Die eigentliche Untersuchung, wie es sich überall gehört, werde dann extern  durchgeführt. Man sei da schon in Verhandlungen, könne aber noch keine Namen nennen. Seither müffelt alles vor sich hin.

Wir haben die beiden Erstunterzeichnerinnen gefragt, welche Massnahmen nun geplant sind, ob sie per 1. Mai eine Reaktion von Tamedia erhalten haben. Die Antwort ist – Schweigen. So wie schon auf alle vorherigen Anfragen von ZACKBUM.ch, die wir auch schon an alle Unterzeichnerinnen – und Nicht-Unterzeichnerinnen – schickten. Darauf hörten wir – einen Schweigechor von mehr als 100 Frauen. Meckern ja, auf Fragen antworten nein. Wenn das nicht männerverachtend, lächerlich, schwach ist, also das Vorurteil des schwachen Geschlechts bedient, dann weiss ich auch nicht.

 

 

Die Staatskohle hat ihren Preis

Der Wendehals lebt. Seitdem sich auch die grossen Medienhäuser Corona-Hilfe erbettelt haben, sind sie staatstragend.

Bei Tamedia erledigt das die Frau für alle Fälle. Claudia Blumer, Mitunterzeichnerin des Protestbriefs gegen Sexismus bei Tamedia, obwohl ihr laut eigener Aussage so etwas nie widerfuhr, lobt die neuste und natürlich weise Entscheidung des Bundesrats: «Die Normalität hat ihren Preis».

Er habe «zwei Botschaften verkündet», so ähnlich, als Moses vom Berg hinunterstieg. Die eine sei Lockerungen, «sehnlich erwartet». Bundesrat, wir danken dir. Die andere sei die Drohung «mit einer Zweiklassengesellschaft». Geimpft oder nicht. Das könnten nun «manche» als Impfzwang ansehen.

Sollen die doch, meint Blumer, denn «es ist die logische Folge der bisherigen Strategie.» – «Grosse Opfer, … gratis keine Rückkehr zur Normalität,  … weniger schmerzhaft», Blabla.

Wie schaut’s also aus?

«Richtig, dass der Bundesrat strategisch vorgeht und gut begründet. Das schafft Vertrauen.»

Echt jetzt? Dieses Geeier, diese Schlangenlinie, dieses multiple Versagen, zuletzt beim Impfen, das soll eine Strategie sein und zudem Vertrauen schaffen?

Wenn das «Neue Deutschland» die jüngsten Ratschlüsse des Politbüros oder Staatsrats der DDR lobte, hörte sich das genauso an.

Der Wendehals lebt; nicht nur als Vogel.

«Bersets Plan stösst auf Zustimmung», jubilieren die «Schaffhauser Nachrichten». Positiv sieht es auch CH Media und zitiert einen Flachsatz von Bundesrat Berset, als habe er gerade den Sinn des Lebens entdeckt: «Es gibt keine Abkürzung in einer Pandemie. Wir müssen den ganzen Weg gehen.» Das ist so gehaltvoll wie: Es gibt keine Abkürzung in der Zeit. Wir müssen die ganzen 24 Stunden gehen.

Alle grossen Meinungsbildner sind sich einig

«Schützen, stabilisieren, normalisieren», echot der «Blick» ehrfürchtig. Als hätte bislang ein einziger Plan des Bundesrats funktioniert. «In drei Schritten zur Normalität zurück», staunt auch die NZZ. Weil man hier für die gehobenen Stände schreibt, muss es ein wenig geschwollener sein: «Die Impfaktion erlaubt einen Paradigmenwechsel.» Aha, so sie denn klappen würde. Sonst müsste man vielleicht von einem disruptiven Moment sprechen.

Damit wären die grossen Meinungsbildner in der kargen Schweizer Medienlandschaft abgehandelt. Gibt es denn gar keine Widerworte? Im Mainstream nicht. Nur «Inside Paradeplatz», wo gerne gegen den Strom geschwommen wird, sieht man es etwas anders: «Berset kaschiert Versagen mit faktischer Impfflicht». Und auch die «Weltwoche» bewahrt kühlen Kopf: «Gesundheitsminister Alain Berset kündigt eine Impf-Apartheid an. Damit begibt er sich auf gefährliches Terrain».

Kann man so oder so sehen? Hat überhaupt nichts damit zu tun, dass Konzerne wie Tamedia Subventionen und Extrasubventionen kassieren, dazu Kurzarbeitsgeld, arschkalt gegebene Versprechen brechen und das «Berner Modell» wie erwartet beenden? Hat nichts damit zu tun, dass sich so der umfangreiche Coninx-Clan keine Sorgen machen muss, wenn mal wieder kein neuer Rolls, sondern eine neue Yacht fällig ist?

Für die gebildeten Stände unter unseren Lesern.

Wes Brot ich ess, des Lied ich sing; alte Journalistenregel. Ich erinnere mich an eine lang zurückliegende Redaktionssitzung beim «Blick». Gerade wurde mal wieder ein von Alternativen besetztes Haus samt Areal geräumt, was damals nicht ohne Rabatz abging. Die Mehrheit der am Tisch Sitzenden war links bis linksalternativ eingestellt, dazu «einerseits, andererseits»-Sozialdemokraten. Also hirnte man an der Schlagzeile auf Seite eins herum.

Wie üblich schwirrten Vorschläge über den Tisch, so in Richtung: Musste das sein? Der Chefredaktor begann, mit den Füssen zu scharren, immer ein Signal, dass er sich langsam erhitzte. Also griff er ein und schnitt alle diese Barkers einfach ab. Mit seiner leisen, aber sehr bestimmten Stimme sagte er:

«Ich denke da mehr an die Schlagzeile: Danke, liebe Polizei!»

Stille sank nieder, man hörte nur Schluckgeräusche. Bis sich der erste Opportunist meldete: «Genau, so kann man das auch sehen.» Gesagt, getan. Diejenigen, die noch in WGs wohnten, wussten, was spätestens am nächsten Morgen auf sie zukommen würde. Und besorgten sich auf dem Heimweg noch Flüssiges.

Einiges hat sich seither geändert. Diese Flexibilität von Wendehälsen, die auf Fingerschnippen von oben ihre Meinung in einer Sekunde um 180 Grad drehen können, die gibt es weiterhin.