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Schlagwortarchiv für: CIA

René Zeyer

Einer sieht Tod

1. Oktober 2026/18 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Samuel Schumacher vom «Blick» mit Schüttelbecher.

Ein guter Cocktail entsteht im Shaker. Da gibt es wahre Virtuosen, die aus der Vermischung verschiedener Ingredienzien eine wahre Show machen.

Wenn allerdings Samuel Schumacher Wirklichkeitsfetzen, Behauptungen und viel, viel «buhu» zusammenmischt und durchschüttelt, entsteht ein unbekömmliches Gebräu.

Es gibt die Weltuntergangspropheten, die mit der Ansage «the end is near» die Menschen erschrecken wollen. Meistens verbunden mit der Aufforderung, den bisherigen Lebenswandel zu bereuen, einzuhalten und umzukehren, meistens auf den Weg der religiösen Erleuchtung.

Schumacher warnt vor der Gefahr aus dem Osten: «Nie war die russische Bedrohung für Europa grösser als jetzt.» Natürlich ist auch die Schweiz ein mögliches Ziel, wenn auch, Gott sei Dank, nur «theoretisch»: «Eine neue Warnung der CIA zeigt: Auch die Schweiz könnte Moskaus Drohnenterror theoretisch bald zu spüren bekommen.»

Allerdings genügt dieses Schreckensszenario Schumacher noch nicht. Am liebsten würde er sich in ein Bettlaken hüllen und erschreckende Geräusche von sich geben. Stattdessen: «Dazu kommt eine neue Trump-Enthüllung aus Belgien, die alles noch schlimmer macht.»

Schreckensbleich machen wir einen ersten Kassensturz. Atomdrohung gegen Litauen, russische Bedrohung ganz Europas, inklusive Schweiz. Drohnenterror und dann noch ein enthüllter, passiver Trump. Schlimmer kann es kaum kommen:

«der Krieg ist so nahe wie noch nie.»

Bevor wir alle im atomaren Armageddon verglühen, versuchen wir mal, das Gemisch von Schumacher zu dekonstruieren, also in seine Einzelteile zu zerlegen.

Da hätten wir einen idiotischen und schnell gelöschten Artikel der Nachrichtenagentur RIA Novosti, in dem Litauen mit einem Angriff gedroht wurde. Plus angeblich belegte 151 russische Attacken, auch von Hackern und Desinformationskampagnen werden mitgezählt. Zwischen 2022 und 2026; gezählt wird von einer absolut objektiven Quelle, von «amerikanischen Geheimdiensten». Da kommt wenigstens etwas Humor in den Schrecken.

Doch die Litauer «sind resilient wie Granit», ein kleiner Hoffnungsschimmer. Woher Schumacher das weiss? Na, «ich habe die baltische Republik mehrfach besucht».

Aber nicht einmal der Granit der Schweizer Alpen könnte im Ernstfall Schutz bieten, denn «selbst der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA hat jüngst die Alarmglocken schrillen lassen». Trotzdem sind nur wenige Schweizer in ihren Zivilschutzbunker geflüchtet. Dabei macht Schumacher einen «kleinen Realitätscheck»: «Ja, auch die Südschweiz (Wallis, Tessin und Graubünden) läge theoretisch in Reichweite der russischen Mittelmeerdrohnen, vor denen die CIA explizit warnt.» Man hört das Aufatmen an der Dufourstrasse in Zürich.

Das Zeugs möchte ZACKBUM auch haben, das der Mann inhaliert.

Aber damit ist das Panoptikum des Schreckens noch nicht zu Ende erzählt. Ein «internes Dokument aus dem belgischen Aussenministerium», das die «Financial Times» einsehen konnte, halte «ganz unverblümt fest, die Vereinigten Staaten seien kein Verbündeter mehr, solange Trump das Land regiere».

Es gibt noch ein kleines Zeitfenster der Hoffnung: «Solange Wladimir Putins (73) Sturmtruppen in der Ukraine beschäftigt sind, bleibt das Risiko für einen russischen Angriffsversuch auf Europa klein.» Sturmtruppen? Das wäre eine Anspielung auf die SA, wenn Schumacher historische Kenntnisse hätte.

Aber sollte der Ukrainekrieg mal zu Ende gehen, dräut Schumacher wirklich Schlimmes. Denn diese Sturmtruppen gingen nicht einfach nach Hause, sondern bräuchten neue Aufgaben, um ihr Kriegshandwerk weiter zu verrichten.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2026/09/Bildschirmfoto-2026-09-28-um-08.32.23.png 348 670 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2026-10-01 05:00:372026-10-01 13:15:11Einer sieht Tod
René Zeyer

Baurs selektive Wahrnehmung

30. November 2025/3 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Eigentlich weiss Alex Baur, worüber er schreibt. Das macht’s schlimmer.

Er ist ein profunder Kenner Lateinamerikas. Und Rechtsausleger. Und Grossanalyst mit Scheuklappen. Nachdem in Lateinamerika reihenweise linke Regierungen gekippt sind (wobei man bei Brasiliens Lula, Venezuelas Maduro oder Nicaraguas Ortega kaum mehr von Linken sprechen kann), müsste er eigentlich in Jubelstimmung sein.

Allerdings versucht er sich immer wieder in Überflieger-Analysen der ganz grossen Zusammenhänge. Dabei wird er aber sehr selektiv, was die Wahl seiner Argumente und Beschreibungen betrifft. Um seine These zu stützen:

«Natürlich wünschen sich die USA einen regime change in Venezuela. Zweifellos stehen hinter dem US-Aufmarsch auch geostrategische Interessen. Mit Betonung auf auch. Doch wenn diese Interessen existenziell wichtig wären für die USA, hätten sie schon lange eingreifen müssen.»

Denn, zum Beispiel: «Die Russen unterhalten mit dem Regime in Kuba seit 65 Jahren einen strategisch-militärischen Brückenkopf in Amerika.» What a bullshit, würde Trump sagen. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der UdSSR brach dieser Brückenkopf 1990 zusammen. Die Abhörstation Lourdes bei Havanna ist längst umgenutzt, gelegentliche Besuche von russischen Kriegsschiffen und die merkwürdige Schallattacke auf Angehörige der US-Botschaft in Havanna haben höchstens anekdotischen Wert.

Es gibt keinen militärischen Brückenkopf Russlands auf Kuba.

«Seit der dilettantisch vorbereiteten, von der CIA nur halbpatzig unterstützten und kläglich gescheiterten Invasion in der Schweinebucht (1961) sind US-Militäreinsätze auf dem amerikanischen Kontinent rar geworden. Grenada (1983) und der Sturz des Noriega-Regimes in Panama (1989) waren Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. Beide Aktionen verliefen relativ unblutig, nach getaner Arbeit zogen die Amis ab.»

What a bullshit, würde Trump sagen.

Nach dem Schweinebucht-Debakel folgte die Operation Mongoose gegen Kuba. Das Attentat auf den Diktator Trujillo in der Dominikanischen Republik, plus der Einmarsch von 25’000 GIs, militärische Eingriffe in den Bürgerkrieg. Die CIA-Aktionen in Ecuador, die Militärputsche provozierten. Die Destabilisierung der Regierung Allende in Chile, die Unterstützung des blutigen Militärputschs, orchestriert vom Kriegsverbrecher Kissinger. Die Operation Condor. Die Unterstützung der Contras, von Todesschwadronen in Zentralamerika. Das Folter-Ausbildungszentrum für alle Schlächter und den Abschaum Lateinamerikas in der School of the Americas in Panama. Und so weiter und so fort.

Wie unblutig der Überfall auf Panama war, da hilft schon mal die Lektüre von John le Carré «Der Schneider von Panama». Wie viele tausend Tote er forderte, konnte nie festgestellt werden, weil viele Leichen in Massengräbern verscharrt wurden.

Dann räumt Baur etwas ein, um gleich darauf wieder ins Absurde abzuschweben: «Zwar kooperierten sie im Kalten Krieg mit den Militärdiktaturen in Brasilien, Argentinien, Uruguay, Paraguay und Chile, die als Reaktion auf den marxistischen Terror entstanden waren. Doch die zu einem grossen Teil von Moskau via Havanna geförderten und kontrollierten Guerillas – anderswo hätte man sie als Terroristen bezeichnet – waren alles andere als demokratisch gesinnt. Was geschieht, wenn man sie gewähren lässt, hatte sich in Kuba gezeigt. Als die kommunistischen Revolutionäre mit dem Ende des Kalten Krieges verschwanden, förderten die USA die Demokratie in Lateinamerika nach Kräften.»

Marxistischer Terror beispielsweise in Paraguay, what a joke, würde Trump sagen. Die USA förderten die Demokratie in Lateinamerika, da würde sich selbst Trump die Lachtränen abwischen.

Der laut Baur «Allianzen schmiedet mit demokratischen rechten Regierungen in Argentinien, Paraguay, Ecuador, El Salvador und neuerdings Bolivien, die sich für amerikanische Werte einsetzen». Demokratische Regierung in Paraguay, um nur dieses Beispiel zu nehmen? I laugh my ass off, würde Trump sagen, wenn er wüsste, wo Paraguay liegt.

Weiter im wilden Ritt: «Gewiss liegt in der DNA der Vereinigten Staaten, die ihre Grenzen ständig erweiterten, eine expansionistische Komponente. Doch diese war durchdrungen von einer aufklärerischen Mission, vom Freiheitsgedanken, der die amerikanische Verfassung prägt.»

Da wird sich Mexiko sicherlich dafür bedanken, dass diese aufklärerische Mission über 50 Prozent des nationalen Territoriums annektiert, geraubt, weggenommen hat.

Dann wird es geostrategisch: «Die USA sind im Wesentlichen eine Seemacht, die nicht auf Landgewinn aus ist, sondern die Weltmeere beherrschen und ihre Handelsrouten schützen will. Die Kontinentalmacht Russland dagegen strebt seit je nach Ausweitung ihrer Grenzen, die sie schlecht schützen kann.»

Das tun die USA mit Invasionen in Afghanistan, im Irak, mit Bombenraids gegen den Iran, mit subversiven Aktionen ohne Zahl. Während Russland der grosse Rest der Sowjetunion ist, die niemals in ihrer Geschichte Westeuropa überfallen hat, aber selbst immer wieder überfallen wurde, von Napoleon bis Hitler.

Russland ist im Vergleich zur UdSSR um ein Viertel geschrumpft. Soviel zur Ausweitung der Grenzen.

Dann kommen wir zum Höhepunkt der Einäugigkeit, um es höflich zu formulieren: «Immerhin war es Stalin, der mit Hitler 1939 Polen überfiel und damit den Zweiten Weltkrieg lostrat.» Und da behauptete die ernstzunehmende Geschichtsschreibung doch bislang, dass Hitler den Zweiten Weltkrieg vom Zaun brach. Wahrscheinlich war sein Überfall auf die UdSSR eben doch ein Präventivschlag, wie revisionistische deutsche Historiker immer wieder – und vergeblich – behaupten.

Wir kommen zum Schluss und dem letzten Schuss in den Ofen: «Trumps Provokationen um Grönland, Panama, Mexiko und Kanada mögen Wellen werfen. Aber fühlt sich irgendjemand in diesen Ländern bedroht von den USA?»

Wenn man die Bewohner dieser Länder und ihre Regierungen fragen würde: ja, allerdings.

Welche Fehlananlyse. So sad, würde Trump sagen.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2025/11/Bildschirmfoto-2025-11-26-um-21.31.21.png 538 1672 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2025-11-30 05:00:242025-11-29 15:32:12Baurs selektive Wahrnehmung
René Zeyer

Wer hat Angst vor dem gelben Mann?

22. Januar 2025/9 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Ist denn alles schlecht und unerhört oder was?

Nehmen wir ein paar ausgewählte Dekrete, die Donald Trump bereits am ersten Tag seiner Amtszeit unterzeichnet hat:

  • eine 90-tägige Pause in Entwicklungshilfe, um deren Sinn zu bewerten.
  • Offiziell soll es nur zwei Geschlechter geben: männlich und weiblich
  • Ausstieg aus der Weltgesundheitsorganisation
  • Kündigung des Pariser Klimaschutzabkommens
  • Nationaler Energienotstand
  • Überprüfung, ob sich China an das bilaterale Handelsabkommen hält
  • Kartelle von Drogenhändlern, Waffenschmugglern und Menschenhändlern sind ausländische Terrororganisationen
  • Abschiebung von Migranten ohne Bleiberecht, nationaler Notstand an der Südgrenze

Ist doch alles nicht nur blöd. Oder doch?

«Unberechenbar … verurteilter Straftäter … Beleidiger in Chief … nichts für alternde Männer … auf Kollisionskurs … am Ende als Sieger dastehen … katastrophale Auswirkungen … furchtbar … sprunghaft … Familienclan … Pate … gefährlich … gefährlicher … der gefährlichste Mann der Welt». Usw.

Kann man alles über Trump sagen, und einiges stimmt sogar. Aber ist das eine adäquate Reaktion auf seine ersten Handlungen im Amt? Statt Charakterstudien am untauglichen Objekt zu betreiben, wo liest man, was Trump in seiner zweiten Präsidentschaft genau vorhat? So weit er das selber weiss.

Wo liest man, dass die USA seit ihrer Gründung immer ein Staat mit viel Licht und viel Schatten waren? Am Anfang stand die fast vollständige Ausrottung der Indianer. Wohl noch niemals so brutal und wahrhaftig dargestellt wie in der Netflix-Serie «American Primeval». Nur für Hartgesottene geeignet.

Die meisten US-Präsidenten waren der Auffassung, dass die USA nicht nur «God owns Country» sei, sondern dass sie selbst im Auftrag und mit dem Segen einer höheren Macht handeln. Nicht nur Trump.

Sobald die Gringos zur Wirtschaft- und Militärmacht wurden, waren sie ein imperialistischer Staat. Die Philippinen, Kuba, ganz Lateinamerika ist unser Hinterhof, wir putschen sie weg oder töten uns unliebsame Regierungen. Wir begehen in Vietnam Kriegsverbrechen ohne Zahl und übernehmen dafür bis heute keine Verantwortung. Wir verwandeln Länder wie den Irak, Syrien oder Libyen in Schlachtfelder, erfinden eine Achse des Bösen und Massenvernichtungswaffen.

Wir unterhalten über 1000 Militärbasen überall auf der Welt, unser Rüstungsbudget ist so gross wie das der nächsten zehn Staaten der Welt zusammen. Wir haben die besten und grössten Geheimdienste um die NSA, CIA und andere Banden herum. Wir haben kulturimperialistisch Westeuropa eingenommen und mit unseren Werten und Unwerten durchtränkt.

Wir waren und sind der festen Überzeugung, dass am American Way of Life die Welt genesen muss. Wir sind überzeugt, dass unsere Auffassung von Freedom and Democracy die einzig richtige ist, die die Welt ins Paradies führt. Deren Ablehnung fatal falsch ist. Wir haben kein Problem damit, grosse Heuchler zu sein. Wir verurteilen Folter aufs entschiedenste und betreiben einen rechtsfreien Raum auf unserer Militärbasis Guantánamo auf Kuba. Wir scheissen drauf, dass die kubanische Regierung seit 1959 deren Rückgabe fordert.

Wir lassen Gefangene nach Polen oder Ägypten ausfliegen, damit sie dort gefoltert werden können. Wenn wir das nicht selbst tun wie in Abu Ghuraib. Wir verwenden unsere Weltwährung Dollar dafür, andere Staaten und weltweit Banken zu erpressen. Wir sind gegen Geldwäsche, Schwarzgelder und schmutziges Geld. Aber wir schliessen uns nicht dem Automatischen Informationsaustausch (AIA) an, sondern haben eine Datenkrake namens Fatca installiert, die alle Finanzdienstleister auf der Welt verpflichtet, uns Zugang zu allen Informationen zu verschaffen.

Wir betreiben die grössten Geldwaschmaschinen und anonyme Aufbewahrungsbunker für Gelder jeglicher Herkunft auf der ganzen Welt.

Und selbst unser Friedensnobelpreisträger Obama autorisierte wöchentlich eine Kill List, die Ermordung von allen, die des Terrorismus verdächtigt werden. Überall auf der Welt, denn wer kann uns zur Rechenschaft ziehen? Wenn mal eine ganze Hochzeitsgesellschaft dran glauben muss: sorry, shit happens. Wir anerkennen nicht die Jurisdiktion des Internationalen Strafgerichtshofs für Menschenrechte. Wir sind ganz einverstanden damit, dass der Putin anklagt, obwohl auch Russland ihn nicht anerkennt. Wir halten es für eine Riesensauerei, wenn auch Netanyahu angeklagt wird.

Wir sind das letzte Mal 1989 in Panama einmarschiert und haben das Operation «Just Cause» genannt, gerechte Sache. Weil wir immer nur und ausschliesslich gerechte Sachen vertreten, per Definition. Und wer das anders sieht, muss sich warm anziehen.

Wir halten bis heute den Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger in hohen Ehren, obwohl das ein Kriegsverbrecher und skrupelloser Machtmensch war. Oder kurz: alles, was wir tun, ist richtig und erlaubt. Alles, was uns nicht in den Kram passt, ist falsch und verboten.

In dieser Tradition ist Trump nun doch keine Ausnahme, sondern einfach ein etwas unverblümterer Exponent als seine Vorgänger.

Wieso liest man eine solche Einschätzung nirgends? Wieso sind solche Aspekte nicht Bestandteil der öffentlichen Debatte? Wieso muss stattdessen bis zum Erbrechen wiederholt werden, was für ein charakterlich defekter Mensch Trump ist?

 

 

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2025/01/Bildschirmfoto-2025-01-21-um-16.20.37.png 494 877 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2025-01-22 05:30:492025-01-22 06:58:30Wer hat Angst vor dem gelben Mann?
René Zeyer

Wer war’s?

25. März 2024/28 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Nicht nur in einem Krimi eine gute Frage.

Die TV-Serie Columbo war grossartig. Nicht nur wegen des Hauptdarstellers, sondern auch, weil sie das klassische Krimimuster auf den Kopf stellte. Denn am Anfang konnte man dem Mörder beim Mord zuschauen. um dann gebannt zu verfolgen, wie es dem Kommissar («ich hätte da noch eine Frage») gelang, ihm auf die Schliche zu kommen.

Beim barbarischen Terrorakt von Moskau (ja, das ist eine Formulierung von Putin, ertappt) reklamiert eine Abspaltung des Islamischen Staats die Urheberschaft für sich. Offensichtlich kann sie das mit einigen Videos untermauern,

Das bedeutet aber noch lange nicht, dass ihr das alle abnehmen. Präsident Putin hat den Islamischen Staat Provinz Khorasan (IS-K) bislang mit keinem einzigen Wort erwähnt. Dafür macht er die Ukraine verantwortlich, zumindest als Helfershelfer. Sie habe den Attentätern, die laut russischen Aussagen in einer Grenzprovinz zur Ukraine festgenommen wurden, ein Fluchtfenster geöffnet.

Ganz anders sieht das der Militärexperte Albert Stahel. Der poltert auf «Inside Paradeplatz»: «Aufgrund ihrer Wirkungslosigkeit in Afghanistan ist es kaum vorstellbar, dass diese Splittergruppe von ihrer afghanischen Machtbasis aus, fähig gewesen wäre den Anschlag in Moskau zu planen, geschweige denn auszuführen.» Stattdessen sieht Stahel den russischen Geheimdienst FSB als möglichen Urheber, währenddessen SRF eine «Märchenstunde» abhalte, angefüttert von den Geheimdiensten BND und CIA.

Dieser Position kann man eine gewisse Originalität nicht absprechen. Der Terroranschlag auf einen Zug in Spanien, Bataclan in Paris, Nizza, Berliner Weihnachtsmarkt und nicht zuletzt 9/11: immer wieder zeigt es sich, dass westliche Gesellschaften nicht gegen brutale Terrorattacken gefeit sind. Ebenso wenig die autoritär kontrollierte russische.

Selbst in der überkontrollierten chinesischen Gesellschaft gab es Terroranschläge. Früher waren es häufig Links- oder Rechtsterroristen, wenn man beispielsweise an Italien denkt. Auch die spielen noch eine gewisse Rolle, vielleicht sollte man bei all diesen Anschlägen die Autobombe nicht vergessen, die der Rechtsextremist Timothy McVeigh 1995 in Oklahoma City zündete und die 168 Menschenleben forderte.

Die Liste ist leider endlos, auch wenn islamische Fanatiker in den letzten Jahren eindeutig die Haupttäter sind. Von ähnlichen Anschlägen in dieser Dimension durch christliche oder jüdische oder anderen Religionen angehörenden Fanatikern ist jedenfalls nichts bekannt.

Allerdings gibt es auch eine fatale Reaktion auf solche barbarischen Attentate. Die USA behaupteten nach 9/11 fälschlich, der Irak sei neben Afghanistan daran beteiligt. Resultat: völliges Desaster. Frankreich schlug in Mali zu, völliges Desaster. Israel wütet im Gazastreifen, Desaster.

Wer war’s nun in Moskau? Es sieht ganz danach aus, dass der Anschlag von Mitgliedern des IS-K durchgeführt wurde. Taten sie das ungeholfen – oder wurden sie unterstützt? Wenn ja, von wem? Dem russischen, ukrainischen, einem westlichen Geheimdienst? Die Lage ist unübersichtlich. Alleine Arthur Rutishauser versucht, eine kleine Kerze zu entzünden:

«Der einzige Hoffnungsschimmer, den es in dieser düsteren Lage gibt, ist, dass es doch ausgerechnet die Amerikaner waren, die Moskau vor Terroranschlägen warnten. Und dies, obwohl die Beziehungen zwischen Russland und den USA, zwischen Putin und Joe Biden, so schlecht sind wie kaum je zuvor.»

Zumindest wäre es interessant zu wissen, wie konkret diese Warnungen waren, ob sie Putin zu recht als «Provokationen» abtat – oder ob sich der autokratische Lenker im Kreml einmal mehr vertat.

Wer’s war, das ist hier wie in einem Columbo-Krimi von Anfang an klar. Motiv, Hintergründe, Helfershelfer? das würde nicht mal der geniale Detektiv herausfinden.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/03/Bildschirmfoto-2024-03-24-um-11.07.56.png 468 833 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-03-25 05:30:462024-03-24 11:13:44Wer war’s?
René Zeyer

Der Spionage-Krimi

3. September 2023/3 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Das war ein Paukenschlag: Katar liess Fifa-Funktionäre ausspionieren.

Aber nicht nur: «Katar spionierte Bundesanwalt Lauber aus». Der 24-jährige Leo Eiholzer landete einen Kracher nach dem anderen. Und wurde prompt zum «Hintergrund»-Redaktor der NZZaS befördert. Den Job will er aber nur Teilzeit ausüben, daneben studiert er noch Jus an der Uni Zürich.

Was für ein Tausendsassa, der mit seinen Recherchen die Wände wackeln liess:

«Ein Spionagenetzwerk, das aus dem Schatten operiert. Geheimdienstliche Agenten, die verdeckt das Weltgeschehen beeinflussen wollen. Hacker, die brisante Informationen von Computern stehlen. Ein verborgener Auftraggeber, der das Ganze mit hunderten Millionen Dollar finanziert.»

Wow. Das will Eiholzer alles aufgedeckt mit einer Unmenge von Dokumenten, Indizien und Zeugenaussagen hart gemacht haben. Eiholzer nennt auch ungeniert Namen: «Der Kopf hinter der Operation ist Kevin Chalker. Ein Ex-Mitarbeiter der Central Intelligence Agency (CIA), dem Auslandsgeheimdienst der USA. Chalker entwarf mit seiner Firma den Plan, der nichts dem Zufall überlassen sollte.»

Also entweder ist Eiholzer ein Naturtalent, dem mit jungen Jahren schon das gelingt, was andere Investigativ-Journalisten im Leben nicht schaffen. Oder an ihm ist ein Eric Ambler verloren gegangen. Oder er ist der Tom Kummer der Welt der Schlapphüte.

Eher ein Treppenwitz ist der Auftritt von Fabian Eberhard, dem Ein-Mann-Investigativ-Team des «SonntagsBlick». Er behauptet, sein Blatt habe «das Netzwerk der Kataris ausgeleuchtet». Das verwundert etwas, denn im wirklichen Leben findet er nicht einmal die Büros eines Internet-Radios.

Auch Thomas Knellwolf gibt sich als grosser Recherchier-Journalist; er hat über so gewichtige Themen wie «Die Akte Kachelmann» und «Lockdown» Bücher geschrieben.

Nun kommt es zum Showdown. Denn der angeschuldigte Chalker hatte bislang eisern geschwiegen und es bei dürren Dementis und juristischen Drohungen bewenden lassen. Aber am Samstag ist er aus dem Schatten getreten, liess sich ablichten und gewährte Knellwolf ein ganzseitiges «Exklusiv-Interview». Seine kurzgefasste Aussage: alles gelogen, alles falsch. Ihn belastende Dokumente seien laienhaft gefälscht, niemals sei er in Spionageaktionen verwickelt gewesen. Das könne er sich als Auftragnehmer der US-Regierung und ehemaliger CIA-Agent auch gar nicht leisten.

Das Ganze sei nicht eine verdeckte Operation von Katar, sondern im Gegenteil eine Diffamierungskampagne der Gegner von Katar, also Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Nochmals wow, da wackelt wieder die Wand. Ist also Eiholzer auf eine Desinformationskampagne hereingefallen? Oder liess sich Knellwolf von Chalker hereinlegen? Bekommen diejenigen Recht, die damals bei Eiholzers Enthüllungen dachten, dass das zu schön um wahr zu sein sei? Oder muss Knellwolf zukünftig auf den Titel Recherchierjournalist verzichten?

Sowohl Eiholzer wie die von ihm belieferten Redaktionen – NZZaS und SRF – behaupten natürlich, dass alle Dokumente auf ihre Echtheit geprüft worden seien, dass es zudem eine Reihe von weiteren Indizien und Zeugenaussagen gäbe. Knellwolf hingegen lässt bislang Chalker einfach unwidersprochen reden, der das Ganze als eine Coproduktion eines ehemaligen Mitarbeiters und eines ehemaligen Geldbeschaffers für Trump darstellt, der über beste Beziehungen zu den Emiraten verfügen soll.

Ist also Eiholzer auf primitiv gefälschte Dokumente reingefallen? Chalker will das vor Gericht beweisen; er habe schon «bei einem Zürcher Gericht Tonnen von Unterlagen» eingereicht, die seine Unschuld und die Fehlerhaftigkeit der Anschuldigungen belegen sollen.

Ein wunderbarer Krimi aus der schattigen Welt der Desinformation und der Spionage. Wir sind auf die Fortsetzungen gespannt. Wollen die Beteiligten das Niveau halten, muss es unbedingt zu einem Showdown kommen. Am besten im Morgengrauen auf der Glienicker Brücke. Anschliessend Verfilmung mit Tom Hanks. Endlich atmet die Schweiz einmal die grosse weite Welt der dramatischen Enthüllungen und Gegenenthüllungen.

Am Schluss kann es hier nur einen «Last Man Standing» geben. Wunderbar.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2023/09/Bildschirmfoto-2023-09-02-um-16.04.43.png 350 397 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2023-09-03 05:00:492023-09-02 16:12:35Der Spionage-Krimi

  • Kleines Vademecum für Kommentarschreiber27. August 2020 - 16:08
  • Wer wir sind und was wir wollen25. August 2020 - 15:07
  • ZACKBUM.ch startet: Die Rückkehr der Medienkritik25. Juli 2020 - 6:05
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