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Wumms: Bernhard C. Schär

Die (…)* der Historikerzunft. Bei Nachfragen stumm wie ein Fisch.

Geschichtsforschung ist grenzgängerisch. Zum einen erfüllen Historiker gewisse Kriterien von Wissenschaft. Sie arbeiten mit klaren Methoden wie Quellenkritik, Überprüfung von Authentizität, ausgewiesenen Hypothesen.

Zum anderen sind natürlich keine Experimente möglich, Historiker erzählen, bilden Narrative, unterliegen häufig ideologischen Vorgaben, holen als angebliche Erkenntnisse aus der Geschichte heraus, was sie vorher hineingetragen haben, ohne das als Zirkelschluss auszuweisen.

Geschichte ist ein weites Feld, das immer wieder umgegraben wird. Selbst unzählige Male beschriebenen historischen Ereignissen können neue Erkenntnisse abgewonnen werden. Wenn man so begabt ist wie Christopher ClarkDie Schlafwandler»).

Und dann gibt es Ideologen, Mietgutachter, die nicht nur begutachten, was der Auftraggeber gerne möchte. Sondern dabei auch noch gravierende handwerkliche Fehler machen. (…)* Paradebeispiel dafür ist Bernhard Carlos Schär, Eccellenza-Professor an der Uni Lausanne. Beim «Center of International History and Political Studies of Globalization».

Eine Eccellenza-Professur ist ein Förderinstrument des Schweizerischen Nationalfonds. Für Forscher, die noch keine ordentliche Professur haben, aber darauf hinarbeiten wollen. Für ihr Professorengehalt sollten sie eine gewisse Forschungsleistung vorweisen.

Kann die auch bei offensichtlichem Ungenügen aberkannt werden?

Diese Frage stellt sich, seit Schär mehrfach grobe Schnitzer in seinem Fachbereich nachgewiesen wurden. In der NZZ fasst Rico Bandle zusammen: «Der Professor, der überall Rassismus sieht».

Schon zuvor hatte die NZZ anhand des Gutachtens eines anerkannten Experten Schär nachgewiesen, dass sein Gefälligkeitsgutachten für die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch gravierende Fehler enthält. Und dennoch zur Entfernung des Wortes «Mohr» an Altstadthäusern führt.

Die Absurdität dieses Gutachtens zeigt sich schon daran, dass die beiden «Historiker» (Schär verfasste es zusammen mit der Gymnasiallehrerin Ashkira Darman) das zentrale Wort ihrer Untersuchung so schreiben: «M****». Kein Witz, aber Lächerlichkeit, ausgewalzt auf 124 Seiten:

Bandle: «Die beiden Inschriften, um die es bei dem Gutachten geht, werden konsequent mit «Zum M*****kopf» und «Zum M*****tanz» wiedergegeben. Dies tue man in der Hoffnung, «dass diese [rassistischen] Kategorien dereinst obsolet werden», schreiben die Autoren. Damit zeigen sie ungewollt, wie voreingenommen sie die Sache angingen: Wenn man diese Begriffe so schlimm findet, dass man sie nicht einmal in einer wissenschaftlichen Arbeit ausschreiben darf, so steht auch das Resultat von Anfang an fest: dass die alten Inschriften verschwinden müssen

Bandle erinnert daran, dass schon das reisserische Buch «Tropenliebe» des Historikers Schär über die Basler Forscher, Mäzene und Stifter Paul und Fritz Sarasin lediglich «ein Zerrbild» wiedergab. So schrieb die Basler Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin 2020: «Das Sarasin-Bashing hat einen Reputationsschaden angerichtet, der an Rufmord grenzt, auch in Zusammenhang mit den anthropologischen Arbeiten der Sarasins. Bei aller berechtigten Befremdlichkeit heute über das Vermessen von Menschen ist es unhaltbar, ihre Arbeit als historischen Ausgangspunkt für den Nazi-Rassismus zu setzen

Um daran mitzuwirken, habe Schär schon damals «selektiv» gearbeitet, wichtige Fakten, die nicht ins Bild passten, weggelassen. Bei seinem «Gutachten» über die Mohreninschriften unterliefen den beiden Autoren dann noch gravierende handwerkliche Fehler.

Dabei macht Schär aus seinem missionarischen Auftrag kein Hehl: «Schule und Erziehung im 21. Jahrhundert brauchen (. . .) mehr Postkolonialismus, Intersektionalität und Feminismus.»

Nun besteht Wissenschaft und Forschung auch aus Dialog, aus der Debatte über Kritiken, aus der erkenntnisfördernden Auseinandersetzung.

Anders bei diesen Historikern. Lehrerin Darman verweigerte auf Anfrage den Dialog, sie sei anderweitig ausgelastet. Das sieht Schär genauso:

«Die NZZ hätte gerne mit Bernhard C. Schär über seinen Forschungsansatz diskutiert, über die Verbindung von politischem Aktivismus und Wissenschaft. Er lehnte ab. Auch zu den mutmasslichen Fehlern in seinem Gutachten möchte er keine Stellung beziehen, er habe den Bericht von Illi noch nicht zu Gesicht bekommen, sagt er.»

Aber immer Zeit hat er, wenn es um die Teilnahme an Podien, Auftritte in den Medien oder um das Verfassen von «Gutachten» geht. So wie es zu Covid-Zeiten plötzlich vorher unbekannte Experten und gefragte Fachleute gab, hat sich Schär in der politisierten Thematik des «Postkolonialismus» einen Namen gemacht.

Stumm bleibt Schär auch, wenn man ihn anfragt, welches Honorar er denn für sein Machwerk über M**** erhalten habe. Sein Kollega Jung sah kein Problem darin, seines offenzulegen, da er ja mit Steuergeldern bezahlt wurde. Bei Schär muss man offensichtlich andere Wege einschlagen, um eine eigentlich selbstverständliche Auskunft zu bekommen.

Natürlich ist es erlaubt, dass jeder nach seinen 15 Minuten Ruhm oder nach mehr sucht.

Wer aber eine mit Steuergeldern finanzierte Prä-Professur innehat und sich öffentlich dermassen unqualifiziert äussert, zudem handwerkliche Fehler begeht, sich jeder Diskussion verweigert – sollte dessen Qualifikation für das Eccellenza-Programm nicht überdacht werden?

*Diese Wörter wurden auf Anweisung des Regionalgerichts Bern-Mittelland zensiert.

Ach, du liebe «Zeit»

Habe sie schon wieder gelesen. Hätte ich wieder nicht tun sollen.

Was für ein Format. 56,5 auf 39,5 cm. Aufgeklappt gar 79 cm breit. Keine Lektüre in der S-Bahn zur Stosszeit. Zugegeben, bis hierher ist es copy/paste. Aber damals schloss sich eine Lobesarie an. Die kann nicht nochmal gesungen werden.

Denn diesmal ist der erste Bund der Ausgabe 28. Oktober 2021 ein Totalflop. Einzig lustig das Foto des Siegers der «Deutschen Bartmeisterschaften». Der hat ein derart kunstvolles Gewinde aus seinen Barthaaren gemacht, dass man sich vor dieser Zwirbelei nur verbeugen kann. Bravo, Christian Feicht aus Altötting.

Beim Barte des Bayern, der kommt wohl zu sonst nix …

Ein «Gastkommentar» der beiden angelsächsichen Wissenschaftler Joseph E. Stiglitz und Adam Tooze. Beide nicht mehr im Zenit ihrer Bedeutung, und nun raten sie schwer davon ab, dass Christian Lindner (FDP) Finanzminister wird. Hä? Genau, was geht die das an.

Dann wird die uralte Frage, wieso die «Politik so frauenlos wie eh und je» sei, nochmal nicht beantwortet. Passend zum Abgang der deutschen Bundeskanzlerin, die wohl eine Frau ist. Artikel: Gerichte sollen helfen, die Klimaziele durchzusetzen. What a joke, wie der Ami sagt. Ein Porträt des möglichen französischen Präsidentschafrtskandidaten Éric Zemmour. Eigentlich erfährt man über ihn nur, dass er «noch rechter als Le Pen» sei, höflich, aber brandgefährlich. Mit welchen Ansichten er sich diese Qualifikation verdient, davon sind eigentlich nur Spurenelemente in dem «Zeit»-langen Artikel vorhanden.

Eine «Streit»-Seite, ob man die private SMS des Springer Boss’ Mathias Döpfner hätte veröffentlichen dürfen oder nicht. Abgesehen davon, dass sie öffentlich ist: Die Argumente dagegen überzeugen, die dafür sind nicht erkennbar.

«Wirtschaft»? Gähn. «Wissen»? Schnarch. Eigentlich müsste man diese Ausgabe unter Flop abbuchen, so wie die gesamte Schweizer Sonntagspresse. Wenn da nicht wieder das «Dossier» wäre. Nein, diesmal nicht unbedingt mit einer Eigenleistung, aber mit einer Trouvaille. Nein, mit zwei.

Ein begeisterndes Interview mit einer beeindruckenden Frau

Zunächst ein Interview mit Inge Jens. Ja, die Witwe von Walter Jens, der 2013 nach langer Dunkelheit in zunehmender Demenz verstarb. Wobei Witwe hier zur Einordnung nötig ist, die 94-jährige Autorin ist dermassen hell im Kopf, hat dermassen weise, trockene, unaufgeregte Antworten auf alle Fragen, dass es eine helle Freude ist, das lange Interview zu lesen.

Und bei der Schlussfrage bleibt Bedauern, dass es nicht weitergeht. Als Appetithäppchen: «Sie sollen Ihr Begräbnis schon genau geplant haben. Ihr Wunsch ist es, dass bei der Trauerfeier in der Tübinger Stiftskirche Brahms’ Requiem in Auszügen gespielt wird

«Es wird wohl doch was anderes. Ich habe mit dem Kantor geredet, und er meinte, sie müssten das Brahms-Requiem ganz neu einstudieren. Ich habe gesagt: Lassen Sie’s, dann nehmen wir Mozart.»

Was für einmal die Fragesteller ehrt, ist diese Einleitung zu einem heiklen Thema, der Selbstmord ihres Sohnes: «Im vergangenen Jahr ist auch Ihr Sohn Tilman gestorben. Dürfen wir mit Ihnen darüber sprechen?»

Die Antwort: «Selbstverständlich. Fragen Sie!»

Was für eine Dame, mit welcher Lockerheit stellt sie feministische Absonderlichkeiten richtig, wie weise beschreibt sie ihr Leben, ihre Begegnungen, ihre Rolle.

Noch nie von Robert Blum gehört? Eine Wissenslücke

Die zweite Trouvaille kommt wieder von einem Engländer, Christopher Clark. Spätestens seit «Die Schlafwandler» hat sich der Geschichtsprofessor aus Cambridge in den Olymp der Historiker geschrieben.

 

Das erhellende Buch zu einem x-mal beschriebenem Thema.

Hier macht er auf Robert Blum (1807 – 1848) aufmerksam. Ein deutscher Demokrat, Beförderer des ersten Versuchs, eine Demokratie auf deutschen Boden zu errichten, ein Kämpfer für seine Sache mit Leib und Seele, aber auch jemand, der auf Ausgleich bedacht war und immer versuchte, Koalitionen zu schmieden, um das Mögliche durchzusetzen, nicht das Unmögliche zu träumen.

Allzu früh endete sein Leben vor einem Erschiessungskommando in Wien, nachdem der reaktionäre Feldmarschall Windisch-Graetz die Aufständischen in der österreichischen Hauptstadt eingeschlossen hatte und den Widerstand niedermetzelte. Blum hatte sich ihnen angeschlossen, zutiefst beeindruckt von ihrer Courage und Entschlossenheit.

Er wurde gefangengenommen, und sein Verweis darauf, dass er als Abgeordneter des deutschen Parlaments Immunität besass, wurde weggewischt. Am 8. November 1848 verurteilte ihn ein Kriegsgericht zum Tode, am nächsten Morgen wurde er hingerichtet.

ZACKBUM war er nicht bekannt, wir sind dankbar für das Schliessen dieser Wissenslücke.

Wirklich zwei hell leuchtende Sterne am «Zeit»-Firmament, das ansonsten eher dunkel bleibt. Auch im völlig belanglosen Schweizer Split, der das Dossier hinten runterzieht.

Tiefer Sturz in die Schweizer Belanglosigkeit

Während die «Zeit» Inge Jens eine Plattform zur Erquickung und Erleuchtung des Lesers bietet, füllt das Schweizer «Magazin» beinahe das ganze Heft mit einem Porträt von Martina Hingis*. Nichts gegen diese Ausnahmetennisspielerin, aber will man ihr Leben, ihre Ansichten, ihre Meinungen oberhalb und unterhalb eines Filzballs wirklich auf Seiten ausgewalzt lesen? Eher nicht.

Das Editorial von Finn Canonica warnt allerdings schon vor. Er geistreichelt: «Tennis ist wie Französisch und Fussball wie Englisch. Fussball spielen kann man auch, wenn man nicht wirklich Fussball spielen kann. Ebenso ist es mit der englischen Sprache.»

Wahnsinn, welch eine Metapher. Geht da noch einer? «Ohne mühsam erworbene Grundkenntnisse ist es unmöglich, in Paris Crêpes au (nicht avec!) Nutella zu bestellen und sich nicht wie ein Vollidiot zu fühlen.»

Crêpe ohne Nutella für Nicht-Idioten.

Wir würden sagen: Man muss sich wie ein Vollidiot fühlen, wenn man Crêpes mit diesem Brotaufstrich bestellt. Ein italienisches Verbrechen: «Sie besteht überwiegend aus Zucker mit Zutaten von Palmöl, gerösteten Haselnüssen, Milchpulver, Kakao, Sojalecithin und Vanillin», weiss Wikipedia. Und wer in Paris oder anderswo nicht ein Crêpe mit einem der vielen anständigen Beläge bestellt, müsste Lokalverbot bekommen. Oder Schreibverbot. Oder beides.

*We did it again. Dafür gibt’s morgen einen Frauentag, versprochen.