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Quietschender Reifen

Kommentiert den Kommentator!

Jean-Martin Büttner kommentiert Christoph Mörgeli, weil der den Schweiz-Korrespondeten der FAZ kommentiert.

Das können wir nicht unkommentiert lassen. Wir bewundern Büttners Kurventechnik. Wäre er in der Formel 1 unterwegs, läge ein Podestplatz drin.

Zunächst kriegt Mörgeli, der «zum Journalisten umgebaute Politiker», eins in die Fresse. Empfindlich bei Kritik an ihm, aber gross im parteiischen Austeilen. Quietsch, Kurve, kann aber was, «hat mit seiner Kritik in vielem recht».

Quietsch, ist aber eine Mimose, wenn er selber angerempelt wird. Gerade kein Beispiel zur Hand, also quietsch, Niklaus Meienberg war auch so. Quietsch, Roger Schawinski war und ist so. Quietsch, gelte auch für «Woke-Sensible».

Damit hat Büttner auf wenigen Zeilen einen Satz Reifen verschlissen, und was er eigentlich sagen will, verschwindet im Qualm von rauchendem Gummi.

 

 

Qual der Wahl

So sad, würde Trump sagen. Wenn er die Kandidaten des «Schweizer Journalist» sehen könnte.

Pardon, der «Schweizer Journalist:in» natürlich. Wir von !ZACK:BUM* (nur echt mit Knacklaut) sind zwar empört. Dieser fehlgeleitete Doppelpunkt plus die Endung diskriminiert mindestens 162 der bislang aufgefundenen 164 Gender-Orientierungen. Insbesondere alles Non-Binäre, alle Transmenschen spüren den Schmerz.

Aber gut, darum soll es hier nicht gehen. Denn dieses Produkt, auf dessen Gratis-Zustellung wir bereits verzichtet haben, ruft zur Wahl der «Journalist:in» des Jahres. In vielen wunderbaren Kategorien.

Die Elendsverwalterinnen, Pardon, Sparmassnahminnen, Äxgüsi, die «Chefredaktorinnen» (wo bleibt hier der Doppelpunkt?) sind schon ganz aufgeregt:

«Wir haben in den letzten Wochen viele grossartige Nominiationen erhalten – es ist uns nicht leicht gefallen, uns auf 5 Kandidat:innen pro Kategorie zu beschränken.»

Gleichzeitig zeigen sie klare Kante: «Wir haben uns daher entschieden, dass jeder und jede nur in einer Kategorie nominiert sein kann – wer zum Beispiel als Journalist des Jahres nominiert ist, kann nicht auch noch Reporter des Jahres werden.»

Finden wir schade, ist irgendwie auch diskriminierend, ausgrenzend, diesem Ansatz fehlt es an Inklusion. Und überhaupt: wo bleibt hier die korrekte Falschschreibung? Müsste es nicht «Journalist:in», «Reporter:in» heissen? Ja, bitte? Wir erwarten Antworten! Aber gut, auf welche Kandidat:innen*!+ hat man sich denn beschränkt?

Schon die Auswahl stellt einen vor Qualen

Ach, wir wissen gar nicht, wen wir bei dieser Auswahl speziell erwähnen sollen. Es sind insgesamt 70 Nas*Innen, da wird die Personaldecke im links-alternativen Feuchtgebiet dünn.

Nun, die wichtigste Kategorie, wenn wir so vorprellen dürfen, ist wohl die des Journalisten des Jahres. Aber nicht nur hier werden eigentlich alle vorherigen Preisträger indirekt aufgefordert, ihre Auszeichnung zurückzugeben. Denn wer möchte sie schon mit Salome Müller (also bitte, DIE Müller, Verfasserin des Tagi-NL, Schönschreiberin von Schulaufsätzen und vor allem Initiatorin des Tamedia-Frauen-Protest-Aufschreis) teilen. Oder mit Larissa Rhyn (also bitte, DIE Rhyn, seit September 2021 TV-Bundeshausredaktorin von SRF, schon 2018 Praktikantin bei der «Tagesschau», anschliessend Volontärin bei der NZZ).

Das waren noch Zeiten, das waren noch Journalisten, das war noch eine Feier.

Noch schwieriger wird die Wahl des Chefredaktors des Jahres. Sollte es das «Kollektiv (Megafon)» werden, sind wir gespannt, wer den Preis entgegennähme – und ob die geschmackvolle Kopf-ab-Karikatur speziell gewürdigt würde. Andrea Fopp (also bitte, DIE Fopp, allen paar Dutzend Lesern von «bajour» bekannt) oder Jacqueline Krause-Blouin (also bitte, DIE Krause von der «Annabelle») wären natürlich auch valable Kandidaten und sogar Kandidatinnen. Wir könnten uns aber auch Mario Stäuble und Priska Amstutz vorstellen (also bitte, DIE ins dritte Glied zurückbeförderten Co-Chefredaktoren des Tagi).

Weiter im Panoptikum der Nicht-mal-Adabeis

Oder dann Naomi Gregoris, Lena Oppong oder Katja Fischer de Santi (also bitte, ZACKBUM hat auch noch nie von denen gehört) als Gesellschaftsjournalist des Jahres. Oder wie wär’s mit dem Autor eines Konzern-Konkurrenz-Niedermachartikels Philipp Loser als «Kolumne des Jahres»; er könnte Hanspeter Lebrument als Laudator einladen. Oder vielleicht Ina Bullwinkel, was aber den Laudator vor grössere Herausforderungen stellen würde: Ina who? Aber eigentlich sind das ja auch nicht Kolumnen, sondern Kolumnisten, aber das ist natürlich schon ein schwieriges Wort.

Schliesslich noch Andreas Tobler, der Freund von Theatermorden, als Kulturjournalist des Jahres oder Jürg Steiner als Lokaljournalist (Premiere, von der «Hauptstadt», die es noch gar nicht gibt). Aber Obama hat ja auch präventiv den Friedensnobelpreis gekriegt, wieso nicht.

Immerhin, Roger Schawinski könnte «Audiojournalist des Jahres» werden. Vorausgesetzt, er würde noch für «SRF» arbeiten, was er aber nicht tut.

Nun senken wir die Stimme zu einem konspirativen Flüstern, halten die Hand vor den Mund und mit der anderen die Nase zu. Denn wie um aller Göttinnen willen kommt DER auf die Liste der Politjournalisten des Jahres? Bevor wir seinen Namen aussprechen, versprechen wir, den Mund anschliessend mit Bimsstein zu reinigen und mit aufdringlichem Raumduft den Schwefelgeruch zu bekämpfen:

Wer seinen Augen nicht traut: ja, er ist’s, the one and only Christoph Mörgeli.

Es tut aber weh, dass es tatsächlich möglich ist, den schon letztes Jahr völlig abgewrackten Preis noch weiter ins Unterholz zu schlagen.

Zufälle gab’s aber auch; ob das an der Jury lag?

Schon damals hatten alle Wahlen Schlagseite

Schon die Wahl der Nachlassverwalterinnen des gescheiterten David Sieber hatte ein Geschmäckle.

Rückfragen nur bis zum Rücktritt.

ZACKBUM war schon beim letzten Mal so irritiert von der Kandidatenauswahl, dass wir ein eigenes Ranking durchführten und – was vom Preisträger geschätzt und vom Publikum applaudiert wurde, Roger Schawinski zum Journalisten des Jahres wählten.

Der wohl erfolgreichste Journalist der Schweiz mit einer beeindruckten Lebensleistung von Taten war nämlich noch nie gewürdigt worden. Aber gut, nun hat er die Chance, als «Audiojournalist» (für längst vergangenen TV-Journalismus, sähen, nicht hären) in die Kränze zu kommen.

Ist das peinlich, aber peinlich, oberpeinlich 

Ist das vielleicht peinlich. Schmerzlich peinlich, denn der Preis bedeutete früher mal was. Er wurde vom ersten Chefredaktor des «Schweizer Journalist», als auch der noch was war, auf die Landkarte gestemmt und zur Trademark gemacht. Aber was hochkommt, fällt auch wieder runter. Nicht von alleine, das macht es dann auch noch ärgerlich.

Heutzutage muss nur schon die Nominierung ein Gefühl auslösen, als würde man in ein nasses Handtuch beissen, während die Kreide über eine Wandtafel quietscht.

Wer etwas Anstand und Ehre im Leib hat, muss diese Preisfarce boykottieren.

Wir verleihen aber einen Trostpreis an den einzigen Journalisten, der sich sicherlich grämt, wieso er nirgends nominiert wurde. Komm her, Hansi Voigt, wir organisieren Ihnen Pascal Hollenstein als Laudator, und Jolanda Spiess-Hegglin wird Ihnen den Preis als unsäglichsten Heuchler und Hetzer des Jahres überreichen.

Noch ein kleiner Tipp für Ego-Shooter: wer den Link zur Wahl bekommen hat und keine Scham kennt, kann beliebig oft für sich selbst abstimmen …

Mörgeli als Nörgeli

Man schenkt sich gegenseitig nur wenig. Wenn die «Weltwoche» ein Ja ausstösst, dann antworten die Mainstream-Medien mit einem Nein.

Das sind die pavlovschen Reflexe in einer Medienlandschaft, die immer mehr zum Austausch binärer Meinungen und Positionen verkommt. Ja oder nein, gut oder böse, richtig oder falsch, dafür oder dagegen.

Zwischentöne, Nachdenklichkeit, oder gar die Grösse, einfach zu sagen: Ich weiss es nicht? Ausgeschlossen, keine Weichheiten. Immer unangenehmer wird auch die zunehmende Unfähigkeit zur Selbstreflexion. 78 Tagi-Frauen verlangen einen anständigeren und respektvolleren Umgang mit ihnen?

Das hindert eine Mitunterzeichnerin doch nicht daran, ohne jeden Anstand oder Respekt eine Frau in die Pfanne zu hauen. Und keinen stört’s. Natürlich ist das Phänomen auch bei der WeWo ab und an vorhanden: kein Vorwand zu klein, Besserwisser zu sein.

Mörgeli neigt zum Überbeissen

Wir nehmen dafür absichtlich einen eher kleinen Vorfall, der aber symptomatisch ist. Seit Christoph Mörgeli weder im Nationalrat sitzt, noch ein Uni-Institut leitet, betätigt er sich als Journalist in der WeWo. Durchaus als begabter Polemiker, einer der wenigen aus dieser Ecke. Aber, das dürfte ihm auch den Sitz im Nationalrat gekostet haben, manchmal hat er so etwas wie einen verbalen Überbiss. Er legt noch einen drauf.

Und verscherzt sich damit mehr Sympathiepunkte, als er dazugewinnt. Oder aber, er nimmt sich einen Anlass vor, an dem er das Kunststück vorführen will, eine Mücke zum Elefanten aufzublasen. Solche Experimente bekommen normalerweise weder der Mücke noch dem Aufbläser.

Als Morgenüberraschung für Freund und Feind servierte Mörgeli am Montagmorgen die Frage: «Der vierfache Mörder Günther Tschanun war SP-Mitglied. Was, wenn er zufälligerweise bei der SVP mitgemacht hätte?»

So viele Fragen, so wenig Antworten

Fragen darf man stellen, selbstverständlich. Intelligente, hypothetische, rhetorische oder bescheuerte. Was, wenn Jesus eine Frau gewesen wäre? Was, wenn Columbus bei seiner Überfahrt abgesoffen wäre? Was, wenn Donald Trump der demokratischen Partei angehören würde? Was, wenn Christoph Blocher überzeugter Anhänger der Klimajugend wäre?

Das Prinzip dürfte klar sein. Kehren wir kurz zur Mücke zurück. In der umfangreichen, gut recherchierten und einfühlsam aufbereiteten Geschichte, wie es wohl zu dem bis heute noch nachwirkenden Amoklauf von Günther Tschanun kam, was während seines Gefängnisaufenthaltes mit ihm geschah, und wie und wo er schliesslich seine letzten Lebensjahre verbrachte, breitet Michèle Binswanger eine Fülle neuer Informationen aus. Sie schafft es auch, im Gegensatz zu minder begabten Journalistinnen ihres Hauses, Parteinahme oder fehlende Distanz zu vermeiden, ohne damit auf Empathie zu verzichten.

In dieser Fülle hat Adlerauge Mörgeli einen nebensächlichen Hinweis entdeckt, zitieren wir ihn mit seinem Entdeckerstolz: «Der aus Österreich stammende Architekt wohnte zuvor in Rüfenacht im Kanton Bern, «wo er sich auch in der SP engagierte.»» Nun könnte der vorschnell urteilende Leser meinen, dass das eine Einleitung zum Österreicher-Bashing oder zu den unseligen Auswirkungen von Einwanderung wäre.

Das ist nicht von der Hand zu weisen, aber nein. Das «Engagement in der SP» ist Mörgelis Mücke in der Suppe. Die fischt er heraus und schliesst eine Luftpumpe an. Mit einigen energischen Stössen bläht er sie auf. Es sei zwar «unbekannt», ob Tschanun sein Parteibüchlein bei der Anstellung in Zürich genützt habe. Das ist natürlich blöd, aber: «Zumindest in seiner österreichischen Heimat war solche «Parteibüchlwirtschaft» gang und gäbe.»

Die bürgerliche Regierung könnte einen SP-Genossen bevorzugen?

Das mag ja sein, aber dem damals bürgerlich dominierten Zürcher Stadtrat zu unterstellen, er betreibe nicht nur Anstellung nach Parteibüchlein, sondern bevorzuge einen Genossen, das ist schon kühn. Nun zieht Mörgeli sozusagen den Hebel der Pumpe wieder zurück; man könne natürlich der SP keinen Vorwurf machen, wenn ein Parteimitglied «austickt – selbst wenn das Ergebnis in einem Mehrfachmord besteht».

Das scheint grosszügig von Mörgeli zu sein, ist aber natürlich nur die Einleitung zu seinem letzten Luftstoss. Die «was wäre wenn»-Frage. «Die Frage stellen heisst, sie beantworten» weiss Mörgeli.

Welche Frage? Nun, da könnte der Leser problemlos selber draufkommen. Ob Tschanun wegen der linken Kuschelpolitik gegenüber Straftätern nach 14 Jahren wieder freikam? Guter Versuch, aber viel zu weit weg. Natürlich, Mörgelis Frage lautet: Wenn ein SVP-Chefbeamter dieses Blutbad angerichtet hätte, wäre dann «seine Parteimitgliedschaft medial auch so nobel verschwiegen worden?»

Im Gegensatz zu Mörgeli können wir diese Frage nicht beantworten. Denn es gab kein vergleichbares Blutbad eines SVP-Parteimitglieds.

Bum, Mücke geplatzt.

Noch schlimmer: selbst eine solche Untat, in der Gegenwart von einem SVP-Parteigänger verübt, würde die Frage nicht beantworten, ob das damals eine andere Rolle gespielt hätte.

Aus der Medizinhistorie: keine Mücke auf der Lippe.

Und um noch die Reste der Mücke wegzuräumen: Könnte Mörgeli vielleicht ein einziges Beispiel anführen, sagen wir so zwischen 1971, der Gründung der SVP, und 1986, wo bei einem Verbrechen die Parteimitgliedschaft nicht «nobel verschwiegen» wurde, sondern der Verbrecher als SVP-Mensch an den Pranger gestellt wurde?

U.A.w.g., wie man da sagt. Herr Mörgeli, so als Historiker, sollte doch kein Problem sein. Wir offerieren Ihnen Platz für eine unzensierte Replik. Aber bitte mit Faktencheck.

Als der Tagi angebräunt war

In letzter Zeit verwandelt sich der «Tages-Anzeiger» in ein Frühwarnsystem vor dem Faschismus.

Im Sport, in der Politik sowieso, fast überall und jederzeit, der Tagi kann nicht häufig genug vor braunen Zeiten warnen. Kein Anlass zu nichtig; wenn der Möchtegern-Schriftsteller Lukas Bärfuss zu einer seiner wirren und holprigen Reden zur Zeit ansetzt, dann titelt der Tagi: «Die Nazis sind nie weggewesen».

Offensichtlich hat er solche Andeutungen auch zu häufig Richtung SVP, Donald Trump oder gar Roger Köppels «Weltwoche» gemacht. Also schlug das Magazin zurück. Titelgeschichte «Hitlers Schatten über dem Tages-Anzeiger». Hier blättert Christoph Mörgeli genussvoll durch die Berichterstattung der 30er-Jahre und findet Absonderliches bis Widerliches. Artikel von Adolf Hitler und anderen Nazi-Grössen, mehr als bedenkliche eigene Positionen, eher übel.

Aber kein Anlass für den antifaschistischen Tagi von heute, die eigene Vergangenheit nochmals aufzuarbeiten. Denn das sei schon längst geschehen. Im Wälzer «Medien zwischen Geld und Geist», 1993 zur Feier 100 Jahre Tages-Anzeiger erschienen. «Der Artikel der «Weltwoche» enthält keine Informationen darüber hinaus», teilt die Tagi-Kommunikationschefin persoenlich.com auf Nachfrage mit.

18 Seiten über den Tagi in braunen Zeiten

Das hätte sie vielleicht besser gelassen. Obwohl die damalige Festschrift weder beim Tagi selbst, noch digital vorhanden ist, ist dem Rechercheur natürlich nichts zu schwör. Der 530 Seiten dicke Wälzer ist antiquarisch für zwei Franken erhältlich. Offensichtlich hielt und hält sich das Interesse in überschaubaren Grenzen.

Darin findet sich tatsächlich ein Kapitel «Die Bewährungsprobe des Nationalsozialismus». Garantiert völlig unparteiisch schlängelt sich hier der langjährige Tagi-Redaktor Hugo Wild durch diese Thematik. Sicherlich kann man in einer Jubelbroschüre keine brutalstmögliche Abrechnung mit dem Verhalten des Tages-Anzeigers in den braunen Jahren erwarten.

Aber die grosse Milde, die Wild hier walten lässt, vermisst man doch heutzutage, wenn der Tagi bei allem, das rechts von der SP steht, tendenziell immer mit dem Faschismusverdacht zur Hand ist. Ein Seite-1-Artikel von Hitler aus dem Jahr 1931? Nun ja, auch Mussolini durfte mehrfach seine Positionen erläutern. Aber natürlich auch Winston Churchill, US-Präsident Herbert Hoover, usw.

Milde und Verständnis im Nachhinein

Genauso verständnisvoll begegnet Wild der lange gepflegten Abstinenz des Tagi, Taten oder Untaten Hitlers zu verurteilen. Oder er hoffte schon damals, dass viele Leser sich gar nicht mehr an diese Zeiten erinnerten. So zitiert Wild kommentarlos die Schlagzeile vom 2. Juli 1934: «Hitler unterdrückt eine Meuterei gegen das Dritte Reich». So logen die Nazis die brutale Ausschaltung der Führung der SA um, als «Röhm-Putsch», obwohl der SA-Chef gar keinen geplant hatte. Sondern mit rund 100 weiteren SA-Chargen liquidiert wurde, weil er Hitler zu mächtig war.

Als Höhepunkt seiner «Kritik» räumt Wild ein, dass ein Artikel vom 1. August 1933 im Tages-Anzeiger, der das «Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses» «nahezu kritiklos referiert» hatte, das sei «heute, wo man von der späteren (!) Dämonisierung der ganzen Rassenlehre weiss, tatsächlich nicht leicht zu verstehen». Ausser diesem kleinen Verständnisproblem und der Lüge, dass die Nazi-Rassenideologie damals gar noch nicht bekannt gewesen sei, sieht Wild eigentlich keinen Anlass zur «Aufarbeitung».

Alles kalter, brauner Kaffee?

Also alles alter Kaffee, längst eingestanden, erledigt, bewältigt? Im Gegenteil; Mörgeli hat tatsächlich einige Argumente, die diese Reaktion als Schutzbehauptung, als Ausdruck völligen Desinteresses an der eigenen Vergangenheit, erscheinen lassen.

Alleine schon ein paar weitere Zitate, die Wild wohlweisslich unter den Tisch fallen lässt, zeigen einen recht angebräunten Tagi: Das leider misslungene Attentat auf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller sieht das Blatt als «Fügung des Schicksals». Zum Blitzkrieg gegen Frankreich 1940 fällt dem Tagi ein: «Die militärische Leistung der Deutschen zwingt uns Achtung ab.» Und den Überfall auf die Sowjetunion sieht der Tagi applaudierend als «Kreuzzug gegen den Bolschewismus».

Zudem verliert das Tagi-Werk kein Wort über weitere familiäre Verstrickungen in das Deutsche Reich. Die Erbengemeinschaft, der auch Berta Coninx-Girardet angehörte, mit derem Geld Otto Coninx den Tagi erworben hatte, bot dem deutschen Regime an, ihm ihr sogenanntes Feuerschlösschen bei Bonn als Gauführerschule der NSDAP zu überlassen. Für zehn Jahre kostenlos, versteht sich, unterzeichnet mit «Heil Hitler».

Keine wohlfeile Kritik an Früherem, aber an Gegenwärtigem schon

Es wäre wohlfeil, mit dem heutigen Kenntnisstand über solche Missgriffe, Fehler, Verirrungen oder schlichtweg Opportunismus herzufallen. Wem aber das F-Wort so leicht in die Tastatur gerät, wer so häufig und gerne mit dem Zeigefinger wackelt und da und dort und aller Orten Gebräuntes denunzieren will, der kann sich sicherlich nicht mit der faulen Ausrede, das sei doch alles schon bekannt und aufgearbeitet, der eigenen Vergangenheit entziehen. Ausser eben als Wendehals, personifiziert im ehemaligen Chefredaktor Res Strehle.

Aber auch heute, oder gerade heute, gibt es genügend Journalisten bei Tamedia, gegen die Tartuffe als blutiger Anfänger erscheint. Aber vielleicht kennt den nicht einmal die neue Literaturchefin Nora Zukker.

Berset, versemmelt

Roger Köppels Kommentar wurde heute in der NZZ als Inserat geschaltet. Wenn die Mücke platzt, statt zum Elefanten zu werden.

Man muss der «Weltwoche» lassen: Mit ihrer «Eilmeldung» vom vergangenen Samstag sorgte sie für Furore. «Berset: Erpressung und Vertuschung», das löste Gehampel, Gefuchtel und Gefluche aus.

Letzteres bei der Sonntagspresse, die wohl auch Kenntnis vom einsehbaren Strafbefehl gegen die Erpresserin hatte, aber nicht damit rechnete, dass die am Donnerstag erschienene «Weltwoche» einfach ihren Internetauftritt ausnützt, um den Kollegen eine lange Nase zu drehen.

Zuerst wurden die Kampfhandlungen gegen die WeWo eingestellt

Während aber am Tag des Herrn grummelig einfach nacherzählt wurde, ging’s ab Montag richtig los. Immerhin über 250 Treffer erzielt die SMD-Suche nach «Berset – Erpressung». Da die WeWo nicht gerade beliebt ist bei den Kollegen der sogenannten Qualitätsmedien, wurden zwei Schienen gefahren. Auf der einen wurde eher kurzfristig auf die WeWo eingeprügelt, nach der Devise: Das ist Privatsache, darüber schreibt man nicht, pfui.

Nach einem eigenen Berg von Geschreibsel sah man dann allerdings ein, dass das vielleicht etwas heuchlerisch rüberkommen könne und stellte diese Kampfhandlungen ein. Um sich an der Exegese eines vielfach geschwärzten Strafbefehls zu versuchen. Beruhigendes Resultat: vielleicht hätte Berset schneller die Polizei einschalten sollen, aber sonst: alles in Ordnung, alles sauber, alles kein Problem.

Und im Umkehrschluss: Hätte die WeWo nicht aus durchsichtigen Gründen gegen einen erfolgreichen SP-Genossen Stunk gemacht, hätten wir uns auch diese Woche ausschliesslich auf Corona und Trump konzentrieren können. Aber schön, haben wir drüber geredet.

Die WeWo will aus einem Artikel eine Kampagne machen

Das wiederum will die «Weltwoche» nicht so stehenlassen, also legt sie nach. Gleich mit einem Doppelschlag. Autor Christoph Mörgeli, im Enthüllungsrausch, schreibt trotzig: «Bundesrat Alain Berset (SP) ist erpressbar.» Und sein Chef hat’s letzthin mit filmischen Vergleichen. Nachdem er Donald Trump zum John Wayne der Politik verklärt hat, fällt ihm bei Berset gleich «Pulp Fiction» von Quentin Tarantino ein, dem grössten Kopisten Hollywoods.

In dieser Gaga-Story über zwei philosophierende und unendlich quatschende Killer gibt es eine Szene, in der sie – aus Versehen – ihren Passagier im Auto erschiessen. Das ist für einen Killer natürlich kein grösseres Problem. Aber die verdammte Sauerei im Wagen; Blut, Körperflüssigkeiten, Hirnmasse, schrecklich, das muss weg.

Für solche Fälle hat die Unterwelt natürlich einen Spezialisten. Harvey Keitel hat einen grandiosen Kurzauftritt als «the cleaner». Er räumt professionell Schweinereien aller Art auf. Entsorgt Überflüssiges, stellt Sauberkeit und Ordnung wieder her. Damit alles wieder so aussieht, als sei nichts geschehen.

Was hat «Pulp Fiction» mit Berset zu tun?

Eine der wenigen wirklich gelungenen Szenen im Film, vielleicht abgesehen von der ikonischen Tanzeinlage. Aber was hat das mit Berset und der Erpressung zu tun? Nun, da versucht sich Roger Köppel in einem erkenntnistheoretisch spannenden Looping. Er braucht viele Zeilen dafür, aber die Kernaussage ist: Wo nichts war, muss nichts aufgeräumt werden. Wenn aufgeräumt werden musste, damit Bundesrat Berset in seiner Berufsausübung nicht beeinträchtigt werde, war er beeinträchtigt. Und damit erpressbar.

In der leicht überhöhten Originalformulierung:

«In diesem Fall aber bliebe die wesentliche Frage offen, warum Berset die alles zermalmende Wucht der bundesrätlichen Strafjustiz gegen dieses angebliche Nichts einer Erpressung überhaupt entfesselte, denn wo nichts ist, kann nichts herauskommen und muss auch nichts gelöscht oder geheimgehalten werden.»

Quod erat demonstrandum, würde Köppel sagen, hätte er Latein gehabt.

Chef oben, Mörgeli unten

Während sich der Chef um geistige Flughöhe bemüht, ist Mörgeli unterwegs, um im Nahkampf aus seiner Enthüllung eine Kampagne zu machen. Ein Schuss ist gut, aber danach muss man nachladen. Denn schliesslich habe seine Enthüllung «einen Flächenbrand» ausgelöst, schlimmer noch, «das Abwehrdispositiv wackelt».

Also ruft Oberstleutnant Mörgeli «Attacke» und galoppiert los, als gäbe es noch die Schweizer Reiterarmee. Als geschickter Stratege weiss er, dass man nicht auf breiter Front angreifen sollte. Sondern versuchen, durch eine Bresche zu gelangen.

Die heisst «Erpressbarkeit». Da fährt Mörgeli alles auf, was er zusammenkratzen kann. Natürlich die Meinung eines Strafrechtsprofessors: «Das geht für mich nicht auf.» Die Hinter- und Abgründe eines Strafbefehls. Gar das Fehlen oder das Vorhandensein eines s am Ende des Wortes «Foto». Denn manchmal war’s nur eins, manchmal waren es mehrere. Hochverdächtig.

Verdächtig, wackelige Wagenburg, hilflos

Dagegen verberge sich Berset in einer «eiligst zusammengekarrten Wagenburg». Während die Kontrollinstanzen, vom Parlament angefangen – was Wunder – «einen hilflosen bis ausweichenden Eindruck» machten. Als Ausdruck dieser Haltung wird Ständerat Andrea Caroni (FDP) in den Senkel gestellt; der behaupte, Berset habe «sofort» Strafanzeige gestellt.  Pfeife, Unsinn, setzen, donnert da der Besitzer des Diploms fürs Höhere Lehramt, das sei «nachweislich falsch».

In diesem ganzen Sumpf könnten noch Sumpfblasen in Form von «weiteren undichten Stellen» (wieso weiteren?) in Form von «Fakten, aber auch Gerüchten» nach oben steigen. Aber das einzige Phänomen, das wir zurzeit beobachten können: Zwei erwachsene Männer versuchen, eine Eintagsfliege möglichst lang am Leben zu erhalten und zum Elefanten aufzupumpen. Beim Platzen gibt das keine Sauerei, die einen Cleaner bräuchte. Aber den guten Ratschlag: Man muss wissen, wann es mal gut ist.

Nehmt Euch doch ein Beispiel am «Blick». Als erfahrenes Boulevard-Medium hat der «Blick» schnell gemerkt: Berset, Erpressung, Frau, super Story. Aber genauso schnell wurde es ihm klar: das war’s; ausser, wir treiben die Erpresserin auf, ist die Story auserzählt.