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Blickgruppe nur mit 12 Prozent tieferen Werbeeinnahmen als 2019

Christian Dorer nennt im Schawinski-Interview Zahlen.

«Wir wollen kein Krawallblatt mehr sein», betont Blick-Gruppen-Chefredaktor Christian Dorer beim Schawinski-Interview auf Radio 1. Dass der Blick die Reichen und die Prominenten schützt und dafür die Kleinen fertigmacht, findet Dorer Quatsch. Die Boulevardgeschichte, wo Pierin Vinzenz kaputtes Hotelmobiliar für mehrere Tausend Franken auf Spesen nehmen liess, brachte der Blick zwar genüsslich. Laut Schawinski nicht aber, dass es sich Vinzenz mit Ringier-Chef Marc Walder auf Raiffeisenspesen für Tausende von Franken gut gehen liessen. Kurzum: Das einstündige Interview im Rahmen der Sendung «Doppelpunkt» von gestern Sonntag ist hörenswert. Man erfährt zudem, dass die Werbeeinnahmen vom Blick, vom Sonntagsblick und von blick.ch aufs Jahr hochgerechnet bisher lediglich 12 Prozent tiefer sind als 2019. Schon 70 Prozent der Werbeeinnahmen des Blicks werden aktuell generiert mit Onlinewerbung, der Printblick (Auflage nur 100’000) schreibt (noch) schwarze Zahlen, während Blick-TV (noch) defizitär ist. Weil laut Dorer zuwenig Leute auf Blick-TV klicken, erscheint seit letzter Woche direkt ein Fenster, wenn man auf www.blick.ch geht.

 

Skandal: Sommaruga trägt oben ohne!

Von wegen Vorbild

Umfragen haben gezeigt: 80 Prozent der Schweizer Frauen finden Bundesrat Alain Berset (SP) erotisch, 90 Prozent der Schweizer Männer finden Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga (SP) vor allem nervig: «Es ist 5 vor 12», «Es ist wieder kurz vor 12», «Jetzt muss ein Ruck durch unser Land gehen».

Trotzdem, ich hoffe nicht, dass Harald Schmidt über Sommaruga sagen würde: «Die berührt man nur, wenn nichts anderes zur Auswahl steht.» So etwas darf man nur über das «Reisemagazin der SBB CFF FFS» sagen, also das «via». Das Langweilblättchen nimmt der Reisende nur dann zur Hand, wenn der Akku leer ist oder die «20 Minuten»-Ausgabe Fett- und Kaffeeflecken hat.

In der aktuellen Ausgabe gibt’s ein Interview mit der gestrengen Bundespräsidentin. Fragen und Antworten sehen so aus, als wären sie dreimal hin- und hergeschickt worden. Zum Beispiel:

Als Umwelt- und Verkehrsministerin sind Sie auch ein Vorbild. Sie sind quasi gezwungen, Zug zu fahren.

Was für eine dämliche Aussage. Frau Sommaruga wird zu gar nichts gezwungen, auch nicht quasi. Sie fährt genüsslich Auto, und zwar einen Mini Cooper (Jahrgang 2018).

So hätte Sommaruga antworten können. Hat sie natürlich nicht. Sie sei eine überzeugte Zugfahrerin, antwortet sie. Kann man eigentlich auch nicht überzeugte Zugfahrerin sein?

Christian Dorer, übernehmen Sie!

Ebenfalls eine wichtige Frage: Im Interview sieht man Sommaruga in der 1. Klasse Zug fahren. Wer möchte, lechzt nach ihren sinnlichen Lippen. Der aufmerksame Leser aber juckt auf: Die Frau trägt im Zug keine Maske! Keine Maske? Und das in der «November/Dezember»-Nummer. Machen wir doch zur Abwechslung ein bisschen Christian Dorer: «IST SO EINE PERSON NOCH EIN VORBILD??? Die ganze Schweiz läuft mit diesen Mundgeruch-Schalen herum, aber unsere Magistratin nicht? Blick fordert eine schonungslose Antwort ein!!»

Die Leiterin Kommunikation UVEK schreibt nach der Anfrage gleich zurück: «Bundespräsidentin Sommaruga trägt im öffentlichen Verkehr seit Monaten eine Maske.» Aber warum nicht in diesem erquicklichen Interview? Das Foto sei alt, es stamme vom Januar 2020. Das bestätigt auch die Via-Redaktion: «Die Bundespräsidentin hat momentan wenig Zeit für Shootings.»

Wir erfahren so, dass das Interview am 8. September aufgezeichnet wurde. Das Foto ist also 10 Monate, das Interview 2 Monate alt. Das ist ziemlich 3. Klasse. Zum Glück ist der 8. September der Internationale Tag der Vergebung. Darum verzeihen wir gleich beiden: der lahmen Redaktion und der überzeugten Zugfahrerin. Beim nächsten Mal aber empfehlen wir einen redaktionellen Hinweis: «Text und Foto haben nichts miteinander zu tun.»

Wenn ein Chefredaktor die Welt nicht versteht

Oder zumindest die Amis. Da muss Christian Dorer dann ganz streng werden, findet René Zeyer.

Der gleiche Kindskopf, der noch am WEF stolz mit einem vom Präsidenten handsignierten Trump-Cover des «Blicks» wedelte, ist nun richtig böse auf den US-Präsidenten.

Also eigentlich auf die Amis: «Wirklich kaum zu fassen: Die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger der USA will Donald Trump weitere vier Jahre als Präsidenten!» Man spürt förmlich, wie Dorer verzweifelt den Kopf schüttelt.

Die Hälfte! Diesen Trump! Vor vier Jahren lässt Dorer noch mildernde Umstände walten; da war es eine Protestwahl, und man konnte ja nicht ahnen, was dieser Vollpfosten dann alles im Weissen Haus anstellt. Aber inzwischen wisse man das doch, ist Dorer weiter fassungslos.

Dorer wagt einen Blick in den Abgrund

Dieser Präsident ist «ein Lügner», ein Spalter, der seine Bevölkerung zu «Hass und Verachtung aufstachelt, wo er nur kann!» Klima, Abrüstung? Interessiert ihn nicht. Corona? Ein Leugner der Gefahr.

Geht’s noch schlimmer? Doch, Dorer wagt den Blick in den Abgrund. Zu allem zu: «Die Hälfte der US-Bürger will einen Präsidenten, der grobschlächtig auftritt, der seine politischen Gegner zu Verbrechern erklärt und dem Konkurrenten ums Weisse Haus Betrug vorwirft, der mitten am Wahltag die Auszählung stoppen will.»

Das ist nun wirklich nicht zu fassen, aber warum, warum nur tun diese Idioten das? Sicher, weil sie rassistische Waffennarren sind, die an die Überlegenheit der weissen Rasse glauben. Aber gibt es wirklich so viele davon? Nein, erklärt Dorer, notwendigerweise knapp, denn er hat für «Blick»-Verhältnisse schon ziemlich viele Buchstaben verbraucht.

Dorers Hammererkenntnis

Aber immerhin, auf diese Hammererkenntnis, wieso denn so viele Trump wiederwählen, ist noch keiner gekommen: «Und das alles nur deshalb, weil dieser Mann versprochen hat, er mache «Amerika wieder grossartig»».

Meiner Treu, so einfach ist das dann doch, man muss nur den Blick fürs Wesentliche haben. Sich auch von Fassungslosigkeit und strenger Zurechtweisung nicht ablenken lassen. Und mannhaft ertragen, dass Trump zwar huldvoll signiert hat, aber weder er noch sonst ein Ami jemals den «Blick» gelesen hat.

Denn hätten sie das, sie würden sich schämen, in sich gehen, bereuen, niemals nie und nicht diesen Idioten wiederwählen. So ist das manchmal, die Geschichte müsste anders geschrieben werden, wenn man auf den «Blick» gehört hätte. Nur schon auf seinen Chefredaktor.

Was sind eigentlich seine Aufgaben?

Wobei: Wäre es nicht eigentlich die Aufgabe einer Redaktion, zuvorderst vom Chef, sinnvolle Erklärungen für ein Ereignis zu suchen? Ernsthaft der Frage nachzugehen, wieso Trump – im Gegensatz mal wieder zu allen Prognosen – knapp 50 Prozent der Stimmen gemacht hat, wäre das nicht seine Aufgabe? Statt die Trump-Wähler als Hirnamputierte zu beschimpfen, die so eine Schande fürs Amt wiederwählen wollen.

Die allesamt so bescheuert sind, dass sich einer nur ein Käppi auf seine kriminelle Frisur setzen muss, auf dem steht: «Make America great again», und schon hat er Millionen von Stimmen auf sicher. Muss man sich mal vorstellen; ist das bedenklich oder ist das bedenklich?

Wie kam Dorer auf den Chefstuhl?

Auf der anderen Seite: Man möchte auch mal wissen, wieso es Dorer auf den Chefstuhl der «Blick»-Familie geschafft hat. Da er offensichtlich ein intellektueller Kurzstreckenläufer ist, der ungeniert bekannt gibt, dass er vieles auf der Welt schlichtweg nicht kapiert und auch nicht kapieren will – hat er so auch diesen Stuhl erobert? Gibt es vielleicht fotografische Beweise, dass er zu seinem Vorstellungsgespräch mit einem roten Käppi erschien, auf dem stand: «I make «Blick» great again»?

Und deshalb wurde er dann auserkoren? Ist das beängstigend oder ist das beängstigend?

René Zeyer und Beni Frenkel haben sich zeitgleich mit Trump und Dorer auseinander gesetzt. ZACKBUM.ch hat entschieden, beide Texte zu publizieren. Zu wichtig ist das Thema. Ausserdem können wir uns keine Ausfallhonorare leisten, seufz.

Findet Dorer!

Dorer sucht nach der perfekten Empörungswelle, ist Beni Frenkel überzeugt.

Seit ein paar Wochen benötigt Ladina Heimgartner zwei Visitenkarten. Denn auf einer hat ihr offizieller Titel keinen Platz. Heimgartner ist: «Head Global Media & CEO Blick Group – Member of the Ringier Group Executive Board bei Ringier AG.»Im Frühling erst trat sie die Stelle als «Head of Corporate Center der Ringier Gruppe» an. Die Stelle wurde extra für sie geschaffen.

Die Leistungsbilanz der früheren RTR-Direktorin können andere besser einordnen. Und dass ein Unternehmen einer Externen innerhalb eines Jahres eine neue und massgeschneiderte Stelle vorlegt und sie ein paar Monate später weiterbefördert, ist nicht ideal, aber auch nicht weiter schlimm.

Mitarbeiter dieses Hauses sollten aber etwas vorsichtiger sein, wenn sie ein Land mit 330 Millionen Einwohner dafür kritisieren, dass sie es nicht schaffen, ihren Präsidenten in einem Tag zu wählen. Die HR-Stelle von Ringier hätte das wohl auch nicht geschafft – siehe Heimgartner.

Dorer nimmt mutig Stellung ein

Christian Dorer, Chefredaktor der Blick-Gruppe, will es trotzdem nicht fassen. Wahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben muss der erfolgreiche junge Mann erkennen, dass die Welt nicht so dreht, wie er will. Empört schreibt er: «Die mächtigste Nation der Erde ist offenbar nicht in der Lage, ihre Regierung rasch, reibungslos und zuverlässig zu wählen.»

Dorer läuft seit zwei Tagen mit offenem Mund durch die Redaktionsräume: «Die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger der USA will Donald Trump weitere vier Jahre als Präsidenten!»

Das Verhältnis zwischen den beiden Mächtigen, also Dorer und Trump, gilt unter Experten eigentlich als entspannt und auf Augenhöhe. Bei einem Treffen vor drei Jahren unterschrieb Trump sogar eine Blick-Ausgabe. Sie befindet sich heute wahrscheinlich in einem Schrein oder unter dem Bett von Dorer.

Der erfolgreiche Absolvent eines Grundstudiums (Wirtschaft) warnt nun aber eindringlich seine zahlreichen Leser: «Die Hälfte der US-Bürger will von jemandem regiert werden, der die Nation anlügt, der sie nicht eint, sondern spaltet, der sie zu Hass und Verachtung aufstachelt, wo er nur kann!»

Leider kommt der Appell zu spät und auf Deutsch.

René Zeyer und Beni Frenkel haben sich zeitgleich mit Trump und Dorer auseinander gesetzt. Zackbum hat entschieden, beide Texte zu publizieren. Zu wichtig ist das Thema.

 

Der Bezwinger des Matterhorns

Peter Rothenbühler wechselt das Organ. Damit setzt er ein Zeichen.

Wenn man nicht mehr der Jüngste ist, aber immer noch aktiv, dann wird man zum Urgestein. Peter Rothenbühler (wir haben mal zusammengearbeitet und mögen uns wohl) hat seine Karriereplanung mit der Besteigung des Matterhorns verglichen.

Früh aufstehen, schnell an die Spitze, dort nur kurz jauchzen und gleich an den Abstieg denken. Er hat das Matterhorn bestiegen, und einige Chefredaktorsessel auch. Mehr als das; als er als letzter Notnagel die serbelnde «Schweizer Illustrierte» übernahm, erfand er den Schweizer People-Journalismus.

Er hielt gegen alle Häme durch und machte damit die SI zu einem hochprofitablen Organ. Sehr zum Verdruss eines grossen Teils der Redaktion. In den damaligen goldenen Zeiten des Journalismus mussten wir nur einmal den Redaktionsgang runterlaufen, schon hatten wir wieder drei Kündigungen im Rücken.

Mit seinen Kolumnen auf Wanderschaft

Aber genug der Nostalgie, das Leben ging weiter, 2000 brach Rothenbühler zu neuen Ufern auf, nachdem man ihn bei Ringier nicht mehr wirklich wollte. Nach einem misslungenen Abstecher zu Roger Schawinski zeigte er als Chefredaktor von «Le Matin» nochmals, wie man ein erfolgreiches Blatt macht.

Auch mit seiner Kolumne ging er auf Wanderschaft, bis er wieder bei der SI damit landete. In einem vergnüglichen Interview auf persoenlich.com, das er möglicherweise mit sich selbst geführt hat, begründet er die Wahl banal: «Die hat am meisten bezahlt.»

Mit dem ihm eigenen Geschick und Schalk manövriert er sich durch die Fragen, wieso er schon nach sieben Jahren gehe, normal bei ihm seien doch zehn: «Das sind die neuen zehn Jahre.» Wieso zur «Weltwoche»? «What else, kann ich da nur sagen.» Und der politische Kurs des Blatts? «Den suche ich immer noch.»

Vom Piksen und Quälen

Und wie steht es mit dem Widerhall seiner Kolumnen? «Doch, doch, es läuft gut. Grosse Persönlichkeiten lassen sich immer etwas sagen. Nur die Kleinen weinen, wenn man sie pikst.»

Sticheln kann er natürlich auch nicht lassen, er setzt sogar zu einem wahren Manifest an, was bei ihm eher selten ist: «Ja, ich glaube, die Weltwoche hat eine grosse Zukunft. Ich bin ein Überzeugungstäter, glaube an den freien Diskurs, der heute gefährdet ist. Ich schreibe fortan für eine Publikation, wo das offene Wort etwas gilt, wo es keine Zensur, keine vorauseilende Unterwerfung unter die Hüter der Korrektheit, keine Genderpolizei und keine Diversity-Manager gibt.»

Das kleine Wörtchen «fortan» deutet dezent darauf hin, dass das in seinem bisherigen Organ anders war. Da Rothenbühler wirklich ein treuer Mensch ist, muss man ihn längere Zeit garstig gepikst haben, bis er sich entschloss, dass es nun aber reicht.

Ringier und sein unglückliches Händchen beim Personal

Als ich ihm zum Wechsel gratulierte, fragte ich auch, was denn der eigentliche Grund sei. Darauf schweigt Rothenbühler, denn auch dazu hat er eine unschlagbare Erkenntnis aus seinen jahrelangen Aufenthalten in Schlangengruben gewonnen: Er komme leise und gehe leise. Nur dazwischen gebe es manchmal Mais.

Wie schon bei Helmut-Maria Glogger selig zeigt hier Ringier wieder einmal, dass der Verlag ein eher unglückliches Händchen in seiner Personalpolitik hat. Nachdem eine Rabauken-Truppe aus Deutschland den «Blick» fast an die Wand gefahren hatte und ihn zur teuersten Entschuldigung aller Zeiten zwang, wechselte ein belangloser Chefredaktor den letzten ab. Nun leitet Christian Dorer mit seinem Schwiegersohn-Charme das, was von der «Blick»-Familie noch übrig ist.

Auch die SI ist nur noch ein Schatten ihrer selbst; 20 Jahre ohne Innovation, nur Imitation von Rothenbühlers erfolgreicher Idee, das reicht in den garstigen heutigen Zeiten nicht. Ohne Rothenbühler wird das Blatt noch beliebiger, um ein Lieblingswort des Hausgespensts Frank A. Meyer zu benützen, der Meister der Beliebigkeit.

Der Corona-Journalist, Teil I

Neue Lage, neue Gattung: keiner zu klein, Fachmann zu sein.

Wie wusste Hölderlin schon so richtig: «Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.» Bevor nun gegoogelt wird: nein, das war kein Corona-Fachmann; nur so ein deutscher Dichter.

Allerdings hätte er sich unter dem Rettenden wohl nicht die aktuelle Entwicklung in den Medien vorgestellt. Denn während noch im Januar dieses Jahres wohl 99 Prozent aller Journalisten auf das Stichwort Corona geantwortet hätten: «ah, das Bier mit dem Zitronenschnitz», ist das heute anders. Ganz anders.

Jeder, der sich berufen fühlt, ist inzwischen zum Epidemiologen, Virologen, Corona-Virus-Kenner, Testspezialisten und vor allem zum Warner, Mahner und wackelndem Zeigefinger herangereift. Unabhängig von Alter, Geschlecht und Vorbildung.

Wenn alle davon reden, müssen alle Journalisten mitreden

Ob gelernter Taxifahrer, abgebrochener Germanist, promovierter Soziologe, Maturand auf dem zweiten Bildungsweg, Kursbesucher des MAZ: spielt überhaupt keine Rolle. Wenn alle von Corona reden, müssen alle Journalisten mitreden.

Wenn der Oberchefredaktor, also Patrik Müller (Betriebswirtschaftslehre, Handelsschuldiplom), Arthur Rutishauser (Doktor der Volkswirtschaft), Eric Gujer (Geschichte, Politikwissenschaft und Slawistik) oder Christian Dorer (B-Matur, Grundstudium Wirtschaft) das Wort ergreifen, schweigt natürlich der Plebs* und studiert fleissig die geäusserten Positionen.

Sobald das klar ist, kann losgelegt werden. Zum Beispiel, wenn der Bundesrat neue Massnahmen verkündet, aber keinen Lockdown. «Nicht fünf vor zwölf, sondern High Noon», lässt die NZZ Filmbildung erkennen, überhaupt sei der Bundesrat viel zu zögerlich unterwegs. Riskante Strategie, der BR folge der Wirtschaft, das Risiko trügen die Schwächsten, barmt sich der «Tages-Anzeiger».

«Totales Versagen» wird gerne genommen

Wie es sich gehört, poltert «Blick»-Oberchef Christian Dorer kräftiger, er konstatiert ein «totales Versagen» von BR und Kantonsregierungen, aber immerhin, jetzt sei das Minimum beschlossen worden. Patrik Müller räumt ein, dass es noch nicht zu spät sei, also der Schweizuntergang noch aufgeschoben sei, allerdings sei die Verkümmerung des kulturellen und sozialen Lebens beklagenswert.

Ich fasse zusammen: Versager, Zauderer, Minimalisten, wirtschaftshörig, Zeichen der Zeit nicht erkannt, riskieren für die Wirtschaft das Leiden der Schwächsten.

Wenn das so wäre, müssten wir uns wieder einmal schämen. Schämen, dass wir eine solche Versagertruppe als Bundesrat haben. Dass wir solche Versager in die Kantonsregierungen gewählt haben. Wir könnten sicherlich ruhiger schlafen und der Pandemie viel gelassener entgegenblicken, wenn wir eine Notregierung aus diesen vier Chefredaktoren bilden würden, unterstützt von ihrer Bodenmannschaft, die auch alles über Corona weiss.

Beschädigtes Vertrauen allenthalben

Die Kakophonie der Wissenschaftler mitsamt Kassandra-Rufen beschädigt die Glaubwürdigkeit und die Reputation. Die Rechthaberei und Zurechtweisung der Medien, völlig verantwortungs- und haftungsfrei, beschädigt die Glaubwürdigkeit und Reputation.

Wenn sich jeder Journalist als wissenschaftlicher Scheinriese fühlt, der genau weiss, welche Massnahmen wann und wie ergriffen werden müssten, aber eben, leider hört man nicht auf ihn, dann versagt die Vierte Gewalt wieder einmal krachend in ihrer Kernaufgabe: informieren, analysieren, einordnen, Auslegeordnung machen, die Entscheidungsfindung des Lesers befördern.

Ich (promovierter Germanist und Historiker) kenne mich nur mit vier Dingen aus: Worten, Zahlen, logischen Zusammenhängen und Deduktionen. Dazu äussere ich mich, zu Dingen, für die ich nicht die nötige Qualifikation habe, schweige ich. Damit minimiere ich zumindest die Gefahr, die von mir ausgeht. Wachsendes Rettendes sehe ich allerdings nicht.

* In einer ersten Version war Plebs falsch geschrieben.

Wie Infantino zweimal sein Schweigen brach

Gleicher Titel, gleicher Interviewpartner, gleiche dämliche Fragen – aber keine Absprache.

Der 19. Oktober war ein historischer Tag. Für die Schweiz, für die Welt, für den Fussball. Der «Blick» konnte am Montagabend endlich Gianni Infantino knacken: «Fifa-Präsident Gianni Infantino bricht sein Schweigen» Wenn so ein hohes Tier in die Redaktionsräume kommt, wird natürlich nicht Praktikantin Melanie (19) vorgeschickt. Das ist dann Chefsache. Also etwas für Chefredaktor Christian Dorer (45).

Dorer will von Infantino wissen: «Sie treffen regelmässig Donald Trump im Oval Office. Sind Sie vor solchen Treffen nervös?» Eine herzige Frage. Dazu muss man wissen, dass Dorer einmal eine Blick-Ausgabe von Trump unterschreiben lassen durfte. Zwei Jahre später ignorierte ihn aber Trump. Dorer war dann ziemlich sauer.

Die anderen Fragen, die Infantino beantworten durfte, waren auch eher leichte Kost: «Was wollen Sie noch erreichen?» Schwerpunkt der Fragestunde war sein Treffen mit dem damaligen Bundesanwalt Michael Lauber. Für Infantino ein harmloses Spielchen. Die Fragen standen schon so lange im Raum, dass er sich monatelang darauf vorbereiten konnte. Überraschendes wurde ihm nicht vorgelegt, zumindest wissen wir das nicht, denn das Interview wurden von Infantino gegengelesen.  Das schreibt die Medienstelle und fügt an:«Inhaltlich hat er kaum etwas verändert.» Wir wollen es glauben.

Am Dienstag, den 20. Oktober, geschah wieder etwas Historisches. «Fifa-Chef bricht sein Schweigen». Die CH-Medien hatten ebenfalls das Glück, mit Gianni Infantino zu sprechen. Schon wieder? War das abgesprochen mit dem Blick? «Nein», sagt die Medienstelle. Wir wollen es glauben.

Auch bei CH-Media wird beim Fifa-Boss nicht der Anzeigenverkäufer mit dem Fragekatalog beladen. Das ist auch in Aarau Chefsache. Patrik Müller heisst der Mann. Wenn man seine Fragen liest, erfährt man ein Déjà-vu-Erlebnis. Viele Fragen standen auch im Blick:

«Wittern Sie eine Verschwörung?» (CH Media)
«Vermuten Sie eine linke Verschwörung?» (Blick)

«Warum haben Sie den Walliser Staatsanwalt Rinaldo Arnold zu den Treffen mit Lauber mitgenommen?» (CH Media)
«Ein Fehler war, dass Sie Ihren Kumpel, den Walliser Oberstaatsanwalt Rinaldo Arnold, zu den Treffen mit dem Bundesanwalt mitgenommen haben.» (Blick)

«Haben Sie nichts protokolliert?» (CH Media)
«Warum wurden die Gespräche nicht protokolliert?» (Blick)

Gab es zwischen Blick und CH Media vielleicht doch eine Absprache bezüglich Fragen oder Erscheinungsdatum (beide Interviews erschienen am gleichen Tag)? «Nein», sagt Ringier, «Nein», sagt CH Media. Wir wollen es, nun ja, wieder glauben.

Die geilste Blick-Geschichte

Viel Wein um nichts.

Wir leben in atemberaubenden Zeiten. Oder, wie jeder zweite Journalist gerne schreibt: Die Welt nach Corona wird nicht mehr die Welt vor Corona sein. Gewiss. Beruhigend ist aber, dass die Schweiz erstaunlich krisenfest ist. Manchmal erkennt man das erst in der Rückblende. Zum Beispiel vor exakt 12 Wochen. Damals, am 6. Mai, geschah nämlich ein bislang ungeahndetes Verbrechen.

Und zwar folgendes: Mehrere National- und Ständeräte hatten nach einer 14 Stunden-Session zwei, drei Gläschen Wein getrunken und waren sich dabei zu nahe gekommen. Tatort war das «Henris», ein Lokal, das in der Berner Expo-Halle extra für die Parlamentarier offen hatte.

Aufgedeckt hat das die mutige Blick-Journalistin Sermin Faki. «Mindestens 50 Parlamentarier (…) trafen sich nach 22.30 Uhr in der Beiz.» Es könnten sogar 100 gewesen sein. Faki weiss, beziehungsweise, sie vermutet stark, dass die zwei Meter Abstand nicht immer eingehalten wurden. Fotos der Weinseligen hat sie leider keine, Namen der Saufkumpanen auch nicht.

Wer, was und wie viel getrunken hat, ist unklar. Faki hat aber recherchiert, dass mehrere Fraktionen am Gelage teilgenommen haben. Das hätten ihr Quellen gesagt, oder war es eher gelallt?

Wer ist eigentlich Faki? Faki ist Blick-Politikchefin. Der «Schweizer Journalist» hat sie auf das Cover der Januar-Ausgabe gehievt. Die Begründung ist etwas kompliziert. Faki stehe für Diversität, und Diversität fehle im Schweizer Parlament. Ausserdem wolle das lächelnde Covergirl gar kein Vorbild sein. Wie gesagt, es ist alles etwas kompliziert.

Wo gibt es denn hier Alkohol?

Zurück zum Skandal. Faki war an der Session anwesend. Dabei habe sie «persönlich mehrfach beobachtet», schreibt sie auf Anfrage, «wie Parlamentarier den Mindestabstand von zwei Meter nicht einhielten.» Fakis Anliegen: «Die Politiker an ihre Verantwortung und Vorbildfunktion zu erinnern.»

Als vorbildliche Politikchefin spinnt sie im Artikel darum weiter: «Spätestens nach zwei, drei Gläsern Wein dürften sich die kontaktfreudigen Politiker näher gekommen sein.» Was sie leider nicht schreibt: «Nach vier, fünf Gläser Wein lagen sich die Politiker verschiedener Fraktionen bestimmt in den Armen und nach sechs, sieben Gläser Wein zogen sich – 100 Prozent! – die ersten SVP-Parlamentarier aus.» Ist das noch verantwortungsvoll, liebe Politiker?

Zwei Tage später wird die schöne Geschichte noch schöner. Chefredaktor Christian Dorer legt nach. Er nennt das grossartige Recherche-Stück passend eine «Blick-Enthüllung» und haut auf den Tisch: «Nicht wenige Parlamentarier trieb offenbar vor allem eine Frage um: Wo gibt es hier Alkohol?»

Ja, wo gibt es den? Früher zumindest in den Schubladen einiger, ziemlich guter, Blick-Journalisten. Die hätten diese Geschichte wahrscheinlich nicht einmal im Vollsuff geschrieben. Warum nicht? Zu abgestanden halt.