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China zensiert brutal

Oder westliche Medien schreiben sich Fake News ab.

Von Felix Abt

Enthüllung: Das repressive China hat einen beliebten Spielzeugbären unterdrückt — oder waren es doch eher die Fake-News-Medien?

Als ich vor Jahren auf dem Markt einer mittelgroßen chinesischen Stadt zufällig einen großen Stand mit vielen Winnie-the-Pooh-Produkten sah, blieb ich stehen und war erstaunt. Hatte ich nicht kürzlich in den westlichen Medien gelesen, dass Winnie the Pooh in China verboten worden war?

Die Geschichte von den verbotenen Plüschbären, T-Shirts und anderen Winnie-the-Pooh-Utensilien ist seitdem immer wieder in den Medien zu vernehmen. Eine der ersten war die BBC, die 2017 «berichtete», dass Winnie the Pooh in China verboten worden sei.

Ein Jahr später, im Jahr 2018, «berichtete» Der Spiegel, dass der «chinesische Machthaber» Angst vor Winnie the Pooh hatte und der niedliche Spielzeugbär deshalb verboten werden musste. «Weil der Bär wie der Machthaber aussieht«, behauptete das Blatt, ohne zu scherzen. Und die Tatsache, dass Chinesen mit bärenähnlichen Gesichtszügen eine rassistische Beleidigung sein könnten, störte den ansonsten woken Moral-Spiegel nicht.

Er stellte die Behauptung auf, dass «Bilder von Winnie the Pooh in China seit langem verboten sind – eben um systemkritische Xi-Memes zu verhindern

Besser spät als nie: Ganze 5 Jahre später, also im Jahr 2023, «berichtete” auch die Neue Zürcher Zeitung über die unheimliche Bärenangst des chinesischen Staatsoberhauptes. Die NZZ führte das Winnie-the-Puuh-Verbot als hieb- und stichfesten Beweis für die allumfassende chinesische Repression an.

Winnie-the-Pooh  wurde auch anderswo verboten, weil der Bär als «unangemessener Zwitter» mit «fragwürdiger Sexualität» beschuldigt wurde. Da dies in einer polnischen und nicht in einer chinesischen Stadt geschah, war es in den westlichen Medien keine Schlagzeile wert.

Keiner dieser “Berichterstatter”, die über die Unterdrückung des Bären und seiner Fans in China schrieben, war vor Ort, um die Angelegenheit zu klären. Ideologische Überzeugungen haben die Macht, Fakten in den Medien zu ersetzen wie nie zuvor.

Glücklicherweise gibt es heute soziale Medien, die nicht nur Unsinn und Unwahrheiten verbreiten wie die traditionellen Medien, sondern auch Wahres, das in letzteren nicht zu finden ist.

In China lebende Ausländer, die westliche Medien weniger zur Information – das wäre Zeitverschwendung – als vielmehr zur Belustigung konsumieren, haben es gewagt, in den sozialen Medien Winnie Puuh zu posten, wie man ihn auf chinesischen Märkten oder auf von Chinesen getragenen T-Shirts sieht.

Der Brite Lee Barrett, der in Shenzhen lebt, twitterte beispielsweise kürzlich Fotos aus einem chinesischen Geschäft, in dem Winnie-the-Puuh-Produkte verkauft werden.

Und die in China lebende Amerikanerin Katrina twitterte ein Bild des mit Winnie the Puuh bemalten Autos ihres chinesischen Nachbarn.

Wo bleibt denn da die Repression, liebe NZZ? Wahrscheinlich ist ein neuer Artikel mit dem sinnigen Titel fällig: «Im unberechenbaren China kann man sich nicht einmal mehr auf die Repression verlassen

Zahlenakrobatik

Besonders eine Behauptung Mileis sorgt für Hallo.

Verwenden wir die Version von Markus Somm, damit dessen unermüdlicher Newsletter etwas mehr Leser bekommt. Der schreibt:

Wenn jemand nämlich von solchen Wachstumsraten profitiert hat, dann vor allem die Armen. Milei:

  • Um 1800 lebten 95% der Menschheit in tiefer Armut. Sie erarbeiteten geradeso viel, dass sie den Tag überstanden. Eine Missernte, eine Absatzkrise: Und sie verhungerten, buchstäblich, nicht symbolisch
     
  • Gegenwärtig (kurz vor der Pandemie) gelten noch 5% der Weltbevölkerung als extrem arm. Seit 1800 wurden demnach 90 Prozent der Menschheit aus grauenhaften Lebensverhältnissen befreit
Das sind Fakten. Jederzeit abrufbar. Warum aber scheinen so viele kluge Menschen sie nicht zu kennen – oder nicht zur Kenntnis nehmen wollen? Wer die Geschichte Argentiniens studiert, weiss, warum Milei uns hier weiterhelfen kann:

«Jederzeit abrufbare Fakten», behauptet Somm. Ein terrible simplificateur. Es gibt kaum eine komplexere Definition als die der «absoluten Armut». Es gibt kaum einen Indikator, der schwerer weltweit zu messen ist. Oder glaubt jemand im Ernst, dass in gescheiterten afrikanischen Staaten oder in Diktaturen die Zahl der Armen korrekt erhoben und veröffentlicht wird?

Der am meisten verwendete Masstab ist ein gewisses kaufkraftbereinigtes Minimaleinkommen pro Person und Tag. Wer darunter liegt, sei absolut arm. Dieses Kriterium hat zwei Schwachstellen. Wer unter dieser Schwelle liegt, also nicht das Geld hat, um sich das Lebensnotwendige zu verschaffen, müsste eigentlich tot sein, oder sterben. Und damit aus der Statistik fallen.

Zum zweiten berücksichtigen diese Statistiken der Weltbank und anderer Organisationen nur Einkommen, die in Geld messbar sind. Tauschhandel, familiäre oder Stammesfürsorge, nicht quantifizierbare Formen von Überlebensstrategien sind nicht abgebildet.

Noch absurder ist es, für 1800 eine solche Zahl nennen zu können. Damals waren weite Teile der Welt noch statistisch gesehen Terra incognita.

Zu all diesem Unfug kommt noch etwas hinzu. Somm zitiert zustimmend, dass der argentinische Präsident für diese Entwicklung in erster Linie den Kapitalismus verantwortlich macht, während der Sozialismus das Gegenteil bewirkt habe. Mehr Friedman und Hayek lesen, jubiliert Hobbyökonom Somm, der nicht mal seinen «Nebelspalter» in die schwarzen Zahlen führen kann. Muss man das so sehen, dass es sich hier um ein sozialistisches Experiment handelt?

Wie auch immer, der Hauptwiderspruch in der von ihm bejubelten Argumentation von Milei fällt Somm – wie den meisten Kommentatoren – gar nicht auf. Denn mit Abstand der wichtigste Grund für die tatsächlich stattfindende Verminderung der Armut auf der Welt trägt einen Namen: China. Indem in China Hunderte Millionen Menschen zu einem bescheidenen Wohlstand kamen, verringerte sich die Zahl der Armen auf der Welt. In Schwarzafrika hingegen nahm sie zu.

Nun ist China zweifellos eine kommunistische Parteidiktatur. Also von all den angeblich zentral wichtigen Errungenschaften wie freie Marktwirtschaft, kaum staatliche Lenkung, Meinungsfreiheit usw. weit entfernt. So legte China über viele Jahre Wachstumsraten hin, von denen kapitalistische Staaten nicht mal träumen konnten.

Statt spitze Jubelschreie auszustossen, wäre es doch viel sinnvoller gewesen, wenn Somm versucht hätte, diese Widersprüche oder zumindest Komplexitäten darzustellen, so als eigenständige intellektuelle Leistung. Aber eben, dafür braucht es halt gewisse Voraussetzungen und Fähigkeiten, oberhalb davon, Buchstaben sortieren zu können.

Die Selenskyj-Show

ER ist gekommen. Wahnsinn.

Deutsche schwadronieren in solchen Fällen vom Mantel der Geschichte, der weht. In der Schweiz hat man’s eine Nummer kleiner, aber man merkt deutlich, dass die Schweiz etwas aus dem Häuschen ist. Also die Eidgenossen nicht, aber viele Politiker und die Massenmedien.

Denn er ist gekommen, er ist da. Der grosse Freiheitsheld, der unerschrockene Kämpfer gegen Russland und gegen die Korruption. Auf beiden Gebieten ist Wolodymyr Selenskyj letzthin nicht sonderlich erfolgreich; vielleicht muss er bald seine Luxusvilla im Exil in Italien beziehen. Oder vielleicht sein Pied-à-terre in London.

Wie auch immer, nun ist er erstmal in der Schweiz. In Bern hat ihn unsere frischgebackene Bundespräsidentin Viola Amherd empfangen. Gemeinsame Pressekonferenz, der Mann in seiner gewohnten olivgrünen Kampfausrüstung, Bart, ernster, entschlossener Blick, von den besten PR-Profis der Welt gedrechselte Reden, super. Allerdings wollte sich der chinesische Ministerpräsident, obwohl auch in Bern, nicht mit ihm treffen. Blöd auch.

Das ändert nichts daran, dass die Schweiz und der ukrainische Präsident einen grossen Friedensgipfel ankündigen. Endlich kann die Schweiz wieder ihre Rolle als neutraler Vermittler wahrnehmen, oder nicht? Dass sie sämtliche US- und EU-Sanktionen gegen Russland mitmacht, obwohl sie dazu nicht verpflichtet wäre, kann doch wohl nicht hinderlich im Weg stehen, oder? Dass sie dabei sogar den Rechtsstaat aushebelt, indem von diesen Sanktionen in der Schweiz betroffene Russen keinerlei Möglichkeit haben, sich dagegen auf dem Rechtsweg zu wehren – macht doch nix, neutral ist neutral, Matterhorn, Heidi, Swiss Chocolate und die Rolex nicht vergessen.

Nun macht ein «Friedensgipfel» eigentlich nur Sinn, wenn alle Kriegsparteien sich an einen Tisch setzen. Nur fehlt hier Russland. 2021 trat Präsident Putin noch per Videoschaltung am WEF auf, darauf verzichtet er dieses Jahr.

Im Vorfeld des WEF fand schon mal eine Konferenz mit mehr als 80 Delegationen in Davos statt, bei der über ukrainische Vorschläge für einen «dauerhaften Frieden» palavert wurde. Immerhin fiel dem Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis ein und auf: «Es braucht einen Schritt, Russland auf die eine oder andere Weise einzubeziehen.» Denn die Kriegspartei nahm nicht an dieser Konferenz teil, ebenso wenig wie China.  Womit sie nur dem Motto genügte «Schön, haben wir drüber geredet». Russland bezeichnet die ganze Veranstaltung als «Farce», was nicht gerade nach einem Gesprächsangebot aussieht.

Grundlage für die Besprechung ist die sogenannte «Friedensformel», mit der Selenskyj bereits seit Ende 2022 hausieren geht. Sie beinhaltet zehn Punkte, darunter: Beendigung der Feindseligkeiten und der Abzug der russischen Truppen, internationaler Sondergerichtshof zur Untersuchung aller russischen Kriegsverbrechen, Wiedergutmachung, Schutz der Umwelt, internationale Garantien für die territoriale Integrität der Ukraine, Verhinderung einer weiteren Eskalation und Bestätigung des Kriegsendes.

Welche Gegenleistungen die Ukraine erbringen würde, ist nicht bekannt. Dass Russland das nicht als ernst gemeinte Einladung zu Friedensverhandlungen versteht, ist sonnenklar.

Während sich also die Schweizer Medien mit Berichten, verwackelten Videos von der Ankunft Selenskyjs mit dem Zug in Davos und überhaupt überschlagen, sieht die Lage in der Ukraine in Wirklichkeit ganz anders aus.

Nachdem die überlebenswichtige weitere US-Militärhilfe nach wie vor gesperrt ist, geht der ukrainischen Armee langsam, aber sicher die Munition, das Kriegsmaterial und die Mannschaft aus. Demgegenüber ist Russland weiterhin in der Lage, auch horrende Verluste auszugleichen, seine Kriegsproduktion läuft auf Hochtouren. Sollte Donald Trump wieder Präsident werden, ist es sowieso mit der militärischen Unterstützung der USA vorbei. Auch die EU hat zunehmend Mühe, Milliardenhilfsleistungen gegenüber der eigenen Bevölkerung zu vertreten.

Ein Beitritt der Ukraine zur EU oder gar zur NATO ist völlig illusorisch; das Land erfüllt keine der Voraussetzungen. Korruption, Meinungsfreiheit, Demokratie, Opposition, Legitimität des Regimes, der Schönheitsfleck, dass Selenskyj von einem reichen ukrainischen Oligarchen der Wahlsieg gekauft wurde, der sich dann mit einer Generalamnestie für begangene Milliardenbetrügereien bei ihm revanchierte – all das macht solche Schritte unmöglich.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass es Selenskyj immer schwerer fällt, neben dem Krieg im Gazastreifen mit seinen Wünschen und Bitten Gehör zu finden; möglicherweise hat er seine 15 Minuten Ruhm bereits ausgereizt. Einzig interessant wird sein, welche finanziellen Zusagen sich der ukrainische Präsident von der Schweiz und anderen Ländern abholt.

Und bislang ist der mediale Jackpot noch nicht geknackt: welches Medium schafft das Exklusivinterview?

Nebensächliche Fake News

Wie dummes Geschwätz ohne Recherche die Debatte vergiftet. Oder: das kommt Somm chinesisch vor.

Der Grosskommentator Markus Somm regte sich furchtbar auf: «Was die Hamas-Terroristen und ihre Anhänger im Westen fordern, nämlich die Vernichtung des Judenstaats, ist in China bereits vollzogen worden.»

Er echauffierte sich über eine Meldung des «Wall Street Journal». Das wollte nämlich «entdeckt» haben, dass Israel auf chinesischen Landkarten als Name nicht mehr existiere. Das WSJ wiederum bezog sich auf einen Tweet einer chinakritischen Bloggerin, die auch schon Fake News wie die streute, dass der chinesische Präsident Xi unter Hausarrest stünde.

Das Fehlen des Namens Israel hatte sie auf irgend einer Landkarte der chinesischen Suchmaschine Baidu entdeckt.

Und schon ist eine Mär geboren, die dann als Endmoräne das Gewäffel von Somm auslöste. Im Gegensatz zu ihm hat sich ZACKBUM die Mühe gemacht, dem verschwundenen Israel nachzugehen. Es ist richtig, dass auf einer solchen Karte von Baidu weder Israel noch Palästina namentlich eingezeichnet sind; die Landesgrenzen hingegen schon und akkurat. Also nicht wirklich ein Zeichen, dass China den Slogan summt «from the river to the sea».

Wer sich dann die Mühe macht, bei der «National Platform for Common Geospatial Information Services» nachzuschauen, benützt dann als Quelle das amtliche chinesische Karteninstitut.

Und siehe da:

ZACKBUM gesteht, dass wir weder flüssig noch trocken Chinesisch sprechen oder die Zeichen lesen können. Aber wozu gibt es moderne Camera Translator. Die können natürlich auch im Dienste dunkler Mächte stehen, die sich der «Vernichtung des Judenstaats» verschrieben haben und daher falsche Angaben machen. Das könnte zumindest Somm, der grosse Recherchierjournalist, vermuten.

Denn der Translator gibt hier das vollständige Verzeichnis der Ländernamen an, darunter Jordanien, Syrien, Libanon und – Israel sowie Palästina.

Bezüglich der Darstellung des gleichen Gebiets von Google Maps gäbe es dann auch noch ein paar Sachen zu sagen:

Man schaue sich zum Beispiel die interessante Grenzziehung bei den Golanhöhen an.

Aber wer nicht so einäugig und gleichzeitig verblendet wie Somm ist, zieht aus solchen Darstellungen nicht so absurde Schlüsse wie den von der «vollzogenen Vernichtung des Judenstaats» durch China.

Ausgangspunkt für diese kleine Recherche war die Anwendung der Vernunft; das ist Somm (und nicht nur ihm) leider nicht gegeben. Die Vernunft führte zur naheliegenden Frage: will China tatsächlich die «Vernichtung» Israels so ankündigen oder darstellen, indem es den Namen Israels von Landkarten streicht? Das kann ja wohl nicht wahr sein. Ist’s auch nicht.

China hat Israel als Staat und diplomatisch anerkannt; daran hat sich in den letzten Jahren und auch aktuell nichts geändert.

Womit mit einigem Aufwand eine Fake News entlarvt worden wäre.

Was aber bleibt: was soll man Journalisten wie Somm eigentlich noch glauben? Was soll man seinem Organ «Nebelspalter» noch glauben? Wer einen solchen Pipifax wie einen fehlenden Namen auf irgend einer Landkarte zu einem solchen Monster aufbläst, und damit erst noch auf die Schnauze fällt – hat der sich nicht als ernstzunehmende Informationsquelle desavouiert? Disqualifiziert?

Aber er profitiert sicher davon: das interessiert doch gar nicht gross, neuer Kommentar, neues Spiel, schnell wird Somm das nächste Schwein durchs Dorf treiben, obwohl das letzte geschlachtet wurde.

Wahrheit, zumindest Wahrhaftigkeit, eigene Recherche statt ungeprüfte Übernahme von Behauptungen? He, das wäre doch Journalismus. Pfui, machen wir nicht mehr, kommt auch nicht wieder rein.

China-Missversteher, Teil 3

«Die Partei und der Staat sind paranoid und bauen einen Überwachungsstaat auf».

Hier geht’s zu Teil eins.

Hier geht’s zu Teil zwei.

Von Felix Abt

Für Herrn Baumann ist klar: Die paranoide Partei treibt den Aufbau eines umfassenden Überwachungsstaates voran.

Jerry Grey hat vor einiger Zeit ein Video über den Überwachungsstaat gedreht, das Sie sich ansehen sollten. Es könnte Ihnen eine bessere Perspektive geben.

Ich kann nicht viel zu dieser Überwachungsstaatsthese sagen, außer auf Links zu verweisen, wo externe Agenturen China untersucht haben und zu dem Schluss gekommen sind, dass China ganz anders ist, als Herr Baumann es wahrnimmt:

– Das Ashe Center der Harvard Universität beschäftigte sich seit 13 Jahren mit dieser Frage. Hier ist einer seiner Befunde.

– Die Ipsos Global Satisfaction Survey ergab, dass China unter den 32 untersuchten Ländern den ersten Platz belegte.

– Die Universität von San Diego stellte fest, dass China sowohl happy als auch stabil ist.

Ich möchte chinesische Quellen nicht erwähnen, weil sie reflexartig als Propaganda angesehen würden, auch wenn sie genauso glaubwürdig oder unglaubwürdig sein können wie westliche Quellen.

“In China wird die Geschichte fast bis zur Unkenntlichkeit gefälscht”

So lautet die Geschichtsverfälschtertheorie von Thomas Bauman. Jerry Grey beschäftigt sich mit chinesischer Geschichte und erklärte mir das: “Wie bei allen Unwahrheiten über China steckt darin auch ein Körnchen Wahrheit – tatsächlich wird in China eher restauriert als gefälscht, aber wenn etwas für immer verschwunden ist, wie das alte Fort aus der Ming-Dynastie in Jaiyuguan, dem Ende der großen Mauer, wurde das Fort verlassen. Ich selbst komme aus dem Nordosten Englands und weiß, dass mit dem Hadrianswall genau das Gleiche passiert ist: Er wurde in den 100 Jahren, nachdem die Römer die Region verlassen hatten, als Baumaterial genutzt, und die Angelsachsen und Dänen kämpften um ihn. China hat die Festung als historische Stätte wiederaufgebaut – manch einer mag behaupten, sie fälschen die Geschichte, aber in Wahrheit stellen sie etwas Verlorenes wieder her – meine eigene Heimatstadt ist ein gutes Beispiel dafür – normalerweise verwende ich Wikipedia nicht als Quelle, aber aus Gründen der Zweckmäßigkeit hier ein Link zu meiner Heimatstadt South Shields im Norden Englands – fälschen die Briten die Geschichte oder schaffen sie ein Museum zur Erinnerung daran?

Grey fährt fort: “Der Sommerpalast steht noch, die Verbotene Stadt ist noch intakt, die Terrakotta-Krieger in Xi’an wurden während der Kulturrevolution entdeckt und sind eines der größten archäologischen Weltwunder der Welt. Eine der ältesten Zivilisationen der Welt befand sich in der Nähe des heutigen Chengdu, Sanxindui ist als neuntes Weltwunder bekannt. China fälscht die Geschichte nicht, sondern bewahrt sie, und wo das nicht möglich ist, stellt es sie neu her – man mag das als Fälschung bezeichnen, ich bin da anderer Meinung

Einer der Gründe, warum ich nicht zustimme, ist Chinas bekanntestes historisches Bauwerk, die Chinesische Mauer. Hätte China nicht so viel Zeit und Mühe in die Restaurierung gesteckt, hätten wir jetzt einen Haufen Steine und Schutt vor uns – ist das eine Fälschung? Manch einer mag das bejahen, aber ist es nicht besser, dass sie das getan haben, was sie getan haben, und dass die Menschen sich an den Ort erinnern können, an dem er einmal war, und nicht an eine Baustelle?

Fürs Protokoll: Es werden kilometerlange Restaurierungsarbeiten an der originalen großen Mauer in Westchina durchgeführt – ich bin mit dem Fahrrad entlanggeradelt und habe sie mit eigenen Augen gesehen. Als ich sie 2014 zum ersten Mal sah, sah sie so aus:

Im Jahr 2019 arbeiteten dort Teams bereits an der Restaurierung und Erhaltung
der wiederaufgebauten Mauer.

 

Ohrenbetäubende, diskriminierende Propaganda?

Als Herr Baumann die Lautsprecher in Kashgar, Xinjiang, hörte, die die Einheit des Landes beschworen, rollte ein Kantoneser resigniert mit den Augen, als er ihm sagte, er könne sich eine Reise nach Nordkorea sparen. Nun, dieser Han-Chinese würde wahrscheinlich zu den ersten Opfern gehören, wenn es von ausländischen Mächten unterstützte islamistischen Separatisten gelänge, die Provinz von China abzuspalten. Es ist mir oft passiert, dass Chinesen und Vietnamesen mit den Augen rollten, wenn ich sagte, dass ich in Nordkorea lebte. Ältere Chinesen brachten oft ihre Familie mit Kindern und Kindeskindern in den Urlaub nach Pjöngjang, um ihnen zu sagen: «Seht mal, so war es früher bei uns, hahaha!» Baumann schiebt nach, dass kulturelle Sensibilität in China sowieso nicht angesagt ist. Vielleicht wäre es interessanter gewesen, von ihm zu erfahren, warum auf chinesischen Banknoten die fünf Sprachen Mandarin, Tibetisch, Mongolisch, Uighurisch und Zhuang stehen und warum sogar ethnische Han in Tibet obligatorisch Tibetisch lernen müssen. Mehr über den angeblichen kulturellen Völkermord erfahren Sie, ebenfalls von Jerry Grey, in seinem Artikel hier.

Schließlich macht Baumann noch einen Seitenhieb auf die «bloß billig zusammengebauten iPhones», die die Menschen im Westen haben wollen, und bestätigt damit für einige den Eindruck, dass die KPCh die Bürger Chinas für schlechte Löhne zugunsten des Wohlstands im Westen ausbeutet.

Auch hier möchte ich einen echten Experten zu Rate ziehen, nämlich den Apple-CEO Tim Cook selbst, der sich dazu wie folgt äußerte:»Die gängige Meinung ist, dass Unternehmen wegen der niedrigen Arbeitskosten nach China kommen. …. Es ist schon seit Jahren nicht mehr das Land mit den niedrigsten Arbeitskosten. Der Grund, warum sie nach China kommen, sind die dortigen Fähigkeiten.» Er erläutert die beeindruckenden “Skills” der chinesischen Ingenieure, die er anderswo nicht finden kann.

Trau, schau, wem! — ein chinesisches Prinzip

Manch einer mag sich fragen, warum die westliche Berichterstattung über China so lausig ist und warum sich westliche Journalisten ihre China-Weisheiten aus den Fingern saugen müssen. Die Antwort ist einfach: Wichtige Akteure wollen keine Informationen mit ihnen teilen, weil sie ihr bescheidenes Vertrauenskapital längst verspielt haben.

Ende

China-Missversteher, Teil 2

“In China gibt es aber immer nur alles oder nichts”

Von Felix Abt

Hier geht es zum Teil eins.

Thomas Baumann schreibt in seinem Artikel, dass Peking «praktisch jedes einzelne Viruspartikel bekämpft«. Und dass die Partei “paranoid” ist und es für sie nur eine Politik des «alles oder nichts» gibt. Das bedeutet deshalb zwangsläufig eine totale Abriegelung während der Covid-Pandemie! Ich gebe zu, dass ich kein China-Experte bin, aber ich kenne einige, die es wirklich sind. Einer von ihnen ist mein Freund Jerry Grey, der ein britischer Polizeioffizier war, dann Chef des größten Sicherheitsunternehmens in Australien und jetzt seit 20 Jahren mit seiner chinesischen Frau in China lebt. Seine Leidenschaft ist das Radfahren durch das Land. Der rüstige Rentner, der fließend Mandarin spricht, hat Zehntausende von Kilometern auf seinem stählernen Drahtesel zurückgelegt und war zum Beispiel mehrmals in Xinjiang und der Inneren Mongolei unterwegs.

Zu Covid schrieb er mir folgendes: “Es stimmt, die Covid-Politik wurde zentral festgelegt, die Umsetzung  erfolgte auf kommunaler Ebene, die nicht einheitlich war – während fast drei Jahren. Ich reiste an viele Orte und erlebte viele verschiedene Situationen, aber es gab kaum Abriegelungen nach dem ersten Februar 2020 bis Ende 2022, als die Welt die Abriegelung Shanghais sah – zur gleichen Zeit gab es Abriegelungen in Guangzhou, aber ich reiste in und aus Guangzhou, trotz Abriegelungen, zum Beispiel war Liwan vielleicht offen, aber Yuexie war abgeriegelt, Huadu war vielleicht offen, aber Baiyun nebenan war abgeriegelt. Zwei Jahre lang gab es so gut wie keine Einschränkungen. Meine Frau und ich sind im März, April und Mai 2021 sieben Wochen lang mit dem Fahrrad von Zhongshan in Guangdong aus durch die ganze Provinz und nach Guanxi gereist und haben wahrscheinlich mehr als 50 Städte ohne jegliche Einschränkungen besucht. Ein Beweis dafür sind meine WeChat-Momente, in denen ich fast jeden Tag gepostet habe.

Neben der Aussage von Jerry Grey habe ich ähnliche Aussagen von anderen in China lebenden Ausländern und von Chinesen gehört.

Eine weitere steile These von Herrn Baumann ist diese: «Die WHO musste erst die chinesische Regierung bitten, informiert zu werden, während halb Asien bereits nervös flüsterte.» Er erwähnt nicht, dass die USA (dank Donald Trump) die Pekinger Niederlassung der CDC einige Monate vor dem Covid-Ausbruch geschlossen hatten und dass sie aktiv in den Prozess eingebunden gewesen wäre, wenn sie noch geöffnet gewesen wäre. Es gibt auch eine Covid-Zeitleiste, aus der klar hervorgeht, dass die CDC in den USA am 31. Dezember 2019 benachrichtigt wurde und die DNA-Sequenz am 11. Januar 2020, also nur 12 Tage später, von China veröffentlicht wurde. Während dieser Zeit war es noch möglich, im benachbarten Vietnam ein- und auszureisen, und ich konnte nirgendwo ein «Nervenflattern» feststellen. Sicherlich wurden in Wuhan Fehler gemacht (z. B. wurden Großveranstaltungen nach Bekanntwerden des Virus nicht abgesagt), was zur Entlassung von hochrangigen Partei- und Stadtverwaltungsbeamten führte.

Gulag-ähnliche Bedingungen?

Herr Baumann schreibt von «Xinjiang-spezifischen Internierungslagern«. Die Provinz Xinjiang hat 25 Millionen Einwohner, so viele wie Australien, das über 100 Gefängnisse hat. Natürlich gibt es auch in Xinjiang Gefängnisse. Viele der Erziehungsstätten und Berufsschulen (im Westen oft «Internierungslager» genannt), die nach jahrelangen Terroranschlägen uigurischer Islamisten eingerichtet wurden, stehen jedoch auch allen anderen ethnischen Gruppen offen. Wer sich informieren will, was sich genau abspielt, kann das hier, hier und hier tun.

Chinesischer Überwachungswahn?

Herr Baumann schreibt von Nachbarschaftskomitees, «alten Vierteln, die verschwinden, um neue zu bauen«, – «riesigen Wohnkomplexen, die auf dem Lande gebaut werden – unter perfekter Überwachung.» Mit anderen Worten: Es wird alles getan, damit die drangsalierten Chinesen auf Schritt und Tritt von der Kommunistischen Partei überwacht werden können.

Zunächst einmal gibt es auch in Vietnam Nachbarschaftsausschüsse. Dort, wo ich wohne, kümmert sich das Nachbarschaftskomitee nicht darum, wer in meinem Haus ein- und ausgeht. Sie kümmern sich eher darum, dass es weniger Stromausfälle gibt, dass die Straßen repariert werden und dass das Internet schneller wird. Wenn es denn das Komitee nicht gäbe, würde ich vorschlagen, eines zu gründen.

Jerry Grey erklärte mir, dass in China die Nachbarschaftskomittees die Grundlage der chinesischen Demokratie sind, da sie den lokalen Behörden Vorschläge unterbreiten, die schließlich zu neuen Gesetzen führen können. Sie sind keine «neugierigen» Nachbarn, sondern Freiwillige, die sich für die Bedürfnisse ihrer Gemeinschaft einsetzen. “Ein weiterer kleiner Mythos über den Social Credit Score stammt ebenfalls aus diesem Bereich: Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, können für ihre guten Taten Punkte sammeln und erhalten früher Zugang zu Eintrittskarten für Veranstaltungen, können ihre Kinder auf bessere Schulen schicken und können diese Punkte sogar als Nachweis dafür verwenden, dass sie gute Bürger sind, wenn sie sich um eine Parteimitgliedschaft bewerben wollen. Aber niemand ist verpflichtet, einem Nachbarschaftskomitee beizutreten.” Oder zusammenfassend: Wer freiwillig anderen hilft, wird dafür belohnt.In diesem Artikel stellt und beantwortet Jerry Grey die Frage, ob das vermeintlich allumfassende Sozialkreditsystem, das im Westen als repressives Instrument gebrandmarkt wird, überhaupt existiert.

Jerry Grey erklärt: “Was das Verschwinden alter Stadtviertel angeht, so ist das absolut richtig – man darf nicht vergessen, dass China vor 70 Jahren wirtschaftlich zu den fünf schwächsten Nationen der Welt gehörte. In vielen Regionen ist die Wirtschaft immer noch unterentwickelt, und Xinjiang ist da keine Ausnahme. Oft reden die Leute über Kashgar, wenn sie über das Thema sprechen, und ich habe das auch in einem Video auf Substack behandelt.”

Auch in Vietnam werden alte, dicht gedrängte Stadtviertel, die teilweise überfüllt sind und nicht einmal genug Platz für die Müllabfuhr haben und in denen oft keine Autos geparkt werden können, durch großzügigere Viertel ersetzt. Ich kenne vietnamesische Stadtplaner, die sich nicht so sehr um die Sicherheit der Regierung kümmern, sondern viel mehr darum, sichere Straßen für ihre Nutzer und Orte zu schaffen, an denen Kinder in Sicherheit spielen können.

Fortsetzung folgt

Ein Breitband-Antibiotikum namens KPCh

Der andere Blick auf ZACKBUM.

Von Thomas Baumann
ZACKBUM-Kolumnist Felix Abt ist zweifellos, wie man das im Jargon nennt, «an Old Asia Hand«. Aber Asien ist gross, und so ist nicht automatisch jede «Old Asia Hand» auch eine «Old China Hand«. Ebensowenig man auf die Idee käme, dass jemand, der Italien wie seine Westentasche kennt, deswegen automatisch auch gleich noch ein Griechenland-Experte sei.
Was für Europa der Fall ist, gilt ebenfalls für andere Kontinente — auch wenn die Zeitungen hier mit schlechtem Beispiel vorangehen, und den Thailand-Korrespondenten über Indien berichten lassen, als hätte das eine Land irgendetwas mit dem anderen zu tun.
Felix Abt hat zweifelsohne recht, wenn er in seinem Meinungsbeiträgen das ziemlich einheitliche Narrativ über China in der westlichen Presse in Frage stellt. Ist es nicht paradox, dass sich der Westen als ach so pluralistisch versteht — und doch alle mehr oder weniger dasselbe erzählen?
Die Fragen, die er stellt, sind also berechtigt  — doch auch hier gilt: Eine Meinung macht noch keinen Experten. Und was für die Korrespondenten der Zeitungen gilt, gilt auch für Felix Abt: Ein China-Experte (oder -Korrespondent) ist kaum ein Experte für Nordkorea — und umgekehrt.
In seinem neuesten Beitrag lobt Felix Abt — vor dem Hintergrund der Hamas-Terrorattacke auf Israel — den Umgang der chinesischen Regierung mit «uigurischen Islamisten» in seinem Beitrag «Wie China sein Terrorismus-Problem löste«.
Gefährliche Verbindungen 
Tatsächlich ist die Welt nicht so einfach, wie es uns die westliche Presse bisweilen vormacht: Hier die guten Uiguren und dort die bösen Chinesen. Dass z.B. die Verbindungen aus Xinjiang in den mittleren Osten enger sind, als man denken könnte, zeigte gerade die Situation zu Beginn der Corona-Pandemie.
Eines der ersten betroffenen Länder ausserhalb Chinas war damals nämlich der Iran. Und das Virus kam ganz bestimmt nicht im Flugzeug von der Ostküste Chinas nach Iran, sondern auf dem Landweg durch Zentralasien. Egal, ob die Verbindung direkt oder indirekt verlaufen ist: Es gibt da offenbar eine relativ enge Verbindung vom Westen Chinas in den Iran. Und bei Verbindungen in den Iran läuten wohl bei allen Sicherheitskräften die Alarmglocken.
Generell kann man festhalten, dass — mit Ausnahme der Xinjiang-spezifischen Internierungslager  — die chinesische Regierung die Probleme des Landes im Westen auf ziemlich genau dieselbe Art und Weise löst, wie sie auch alle anderen politischen Probleme im Land löst: Mit Überwachung und Kontrolle. Nichts Neues im Westen also — auch nicht im Westen Chinas.
Man könnte den Umgang der chinesischen Regierung mit potentiellen Problemen mit der Präventativ-Abgabe von Antibiotikum vergleichen: Alle Keime werden resolut weggeputzt, bevor daraus eine grössere Infektion entstehen könnte.
Sicherheit ist in China meistens doppelt gemoppelt: Einerseits sind die Staatsorgane (Polizei, Militär) dafür zuständig, andererseits die Partei. Die berühmten Nachbarschaftskomitees lassen grüssen.
Ungesunde Paranoia
Wie China mit Problemen umgeht, konnte man gut während der Pandemie beobachten: Nichts da von kontrollierter Durchseuchung — in einem übersteigerten Anfall von «Wehret den Anfängen!» wurde quasi jedem einzelnen Viruspartikel der Kampf angesagt. Egal, dass schon fast die ganze Welt durchseucht war.
Was im Umgang mit Terroristen wie eine valable Strategie erscheinen mag, dürfte spätestens beim Umgang Chinas mit der Pandemie auch hierzulande nicht mehr auf ungeteilte Zustimmung stossen. In China gibt es aber immer nur alles — oder nichts: Konsequente Terrorbekämpfung und Bekämpfung des Corona-Virus mit mehr als nur einem leichten Anflug von Paranoia.
Gerade bei der Virus-Bekämpfung zeigte sich auch eine andere Nebenwirkung dieser Paranoia. Hier leistete sich China zum Jahreswechsel 2019/2020 eine Peinlichkeit sondergleichen: War es doch nicht etwa China, das die Weltgesundheitsorganisation WHO zuerst über den Ausbruch des Coronavirus in Wuhan informierte — sondern andere Länder schnappten eine entsprechende Information auf der Webseite der Städtischen Gesundheitskommission in Wuhan auf und fragten bei der WHO besorgt nach, was es damit auf sich habe. So dass die WHO zuerst bei der chinesischen Regierung nachfragen musste, um informiert zu werden, während halb Asien schon nervös tuschelte.
Was bereits bei der Pandemie ein Problem war und die Bekämpfung verzögerte, könnte es auch bei der Terrorismusbekämpfung zu einem werden: Weil die chinesische Regierung derart davon überzeugt ist, den weltweit führenden Sicherheitsstandard aufgebaut zu haben, verzichtet man auf Kooperationen: Denn man kann es selbst — vermeintlich — ja sowieso besser.
Eine neue «alte» Kultur
Die Beobachtung ist wohl nicht ganz falsch, dass China in Xinjiang einen kulturellen Genozid betreibt. Während seines letzten Aufenthalts in Kaschgar, dem kulturellen Zentrum des alten uigurischen Xinjiang, hatte der Schreibende das Vergnügen, gegenüber einem grossen Park zu logieren. Pünktlich um sechs Uhr abends setzte jeweils für zwei Stunden eine lautstarke Beschallung ein: «Wo-o-o Shi Zhongguoren«.
Nein, das ist nicht Chinesisch für: «Wo Wo Wonige?». Sondern heisst: «Ich bin ein Chinese» (Lit. «Ich bin eine China-Person«). Dies sollte den dort ansässigen Uiguren auf diese Art und Weise nachdrücklich in Erinnerung gerufen werden. Als der Schreibende zum Betreiber des Hostels — ein gebürtiger Kantonese aus dem Süden Chinas — meinte, jetzt könne er sich ja die Reise nach Nordkorea getrost sparen, verdrehte dieser nur resigniert die Augen.
Aber kulturelle Sensitivität ist in China sowieso nicht angesagt. Wird die kulturelle Tradition der Uiguren schlecht und einfach ignoriert und an den Rand gedrängt, so baut die Regierung für den Rest Chinas aus historischen Versatzstücken eine «neue alte Kultur» auf, so dass man am Schluss nicht mehr weiss, was wirklich historisch und was bloss vorgetäuscht historisch ist.
Wir Heuchler!
Doch auch hier gilt natürlich: Gefallen muss es vor allem den Bewohnern Chinas — und nicht dem Westen. Hier sollte der Westen dringend einmal vom hohen Ross heruntersteigen. Und wir sollten auch einmal aufhören, uns vorspielen, dass wir die Chinesen bloss aus verkappter Nächstenliebe in den Fabriken für uns schuften lassen. Stichwort: «Wandel durch Handel«.
Wäre ja zu schön, wenn wir dadurch nicht bloss billig zusammengebaute iPhones erhalten, sondern den Chinesen gleich auch noch Freiheit und Demokratie bringen.
Die Repressionsstrategie der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), nicht nur in Sachen Terror, brauchen wir uns hingegen ganz sicher nicht zum Vorbild zu nehmen. Die Paranoia eines sich selbst verselbständigenden Staats- und Parteiapparats taugt, selbst wenn sie in gewissen Punkten Erfolge feiert, nicht als Blaupause für eine freiheitliche Gesellschaft. Die Pandemie-Bekämpfung in China sollte das eigentlich deutlich genug vor Augen geführt haben.

Wie China sein Terrorismus-Problem löste

Man kann auch anders mit Terrorismus umgehen.

Von Felix Abt

Islamistische und andere Terroristen sind in der Regel eine winzige Minderheit mit dem Potenzial, Mehrheiten in Angst und Schrecken zu versetzen.

Während mehrerer Jahre wurden die Bürger Chinas von Bombenanschlägen islamistischer Uiguren in U-Bahnen, Gebäuden und anderswo massiv bedroht.

Daily Mail: “31 Menschen sind ums Leben gekommen und mehr als 90 wurden verletzt, nachdem Angreifer mit ihren Autos auf einen Markt unter freiem Himmel in China gefahren waren und Sprengstoff aus den Fenstern geschleudert hatten.”

Die uigurischen Islamisten konnte die Medien nicht optimal für ihre Zwecke nutzen, weil die chinesische Regierung den Terroristen nicht den Gefallen tun wollte, ihre mörderischen Taten offenkundig zu machen, und sie daher wann immer möglich zensierte.

Die Hauptstossrichtung der Regierung bestand darin, die Terroristen und ihre Sympathisanten zu isolieren, ohne die Mehrheit der muslimischen Bürger gegen sich aufzubringen. So verzichtete man beispielsweise darauf, auf uigurischen Terror mit Staatsterror zu reagieren, etwa mit Flächenbombardierungen dicht besiedelter Gebiete oder anderen kollektiven Maßnahmen zur „Bestrafung“ vieler unschuldiger Menschen. Peking wusste, dass dies den Terroristen nur in die Hände gespielt hätte.

Uigurische Terroristen kämpfen gemeinsam mit von den USA unterstützten islamistischen Gruppen gegen die syrische Regierung. Sie schworen, nach China zurückzukehren, um das Land in ein Blutbad zu verwandeln.

Jeder, der die Geschichte des uigurischen Terrorismus in China erforscht hat, weiss, dass Wohlstand und nicht Repression die Pläne der Terroristen letztendlich vereiteln. Also wurden Terroristen und ihre Unterstützer zwar hart angefasst, gleichzeitig wurden jedoch riesige Summen in modernste Infrastruktur investiert und die Wirtschaft zum Blühen gebracht.

Die einst sehr arme chinesische Provinz Xinjiang sieht heute völlig anders aus, nachdem eine milliardenschwere Kampagne zur Modernisierung ihrer Städte, zur Errichtung neuer Krankenhäuser und Schulen, zum Bau von mehr als 20 Flughäfen, zur Schaffung zahlreicher Arbeitsplätze in modernen Fabriken sowie zur Mechanisierung ihrer Landwirtschaft und der Verbindung zur Region durchgeführt wurde mit Hochgeschwindigkeitszügen. (Bild: Ürümqi, Hauptstadt der Autonomen Region Xinjiang)

Das Terrorproblem wurde gelöst, als es den Terroristen nicht mehr gelang, einen anhaltenden Strom verzweifelter, mittelloser und deshalb leicht zu radikalisieren Menschen zu rekrutieren. Die gleiche Strategie, die in Xinjiang erfolgreich war, würde auch in Gaza wirksam sein: Die Menschen müssen eine Zukunft mit Wohlstand und Sicherheit sehen, damit die Extremisten ihre Anziehungskraft verlieren.

Widerlegte Lügen

Wie die Medien den Sport als Propagandawaffe im Informationskrieg missbrauchen

Von Felix Abt

Passt nicht ins westliche Narrativ: Chinas uigurischer Basketball-Star Dilana Dilixiati  –
nur ein Beispiel von vielen.

Eigentlich müssten sich westliche Journalisten mehr um Nordkorea kümmern als um China; denn dann dürfen sie alles Mögliche berichten – gerne auch zusätzlich Erfundenes -, weil es eh nicht verifiziert werden kann und sie keine Widerlegung erwarten müssen. Ausserdem passen gerade die von der CIA gesponserten Horrorgeschichten über das vom Westen mit einem fast vollständigen Wirtschaftsembargo – dem umfassendsten Sanktionsregime der Welt – isolierte Land am besten zu den Erwartungen der seit Jahrzehnten entsprechend konditionierten Medienkonsumenten.

Viel schwieriger ist es jedoch, Horrorgeschichten über China zu verbreiten. Denn China ist weitaus transparenter, und wenn jemand beispielsweise die von den USA perpetuierte Behauptung überprüfen will, dass Uiguren unter unmenschlichen Bedingungen zur Baumwollernte gezwungen werden (weswegen chinesische Baumwollprodukte verboten werden mussten), kann er selbst nach Xinjiang reisen.

Forsche Behauptungen

Er könnte dort dann beispielsweise herausfinden, dass hochmoderne amerikanische John-Deere-Maschinen auf automatisierten Farmen, die übrigens grösstenteils Uiguren gehören, die angeblich menschenrechtswidrige “Zwangsarbeit” 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche verrichten – und noch dazu unbezahlt.

Amy Hawkins ist die leitende China-Korrespondentin des britischen “Guardian”. Anstatt sich eingehender mit den soeben zu Ende gegangenen Asienspielen in China zu befassen, verbreitete sie forsch die Behauptung, dass das Bild zweier chinesischer Sportlerinnen mit den Nummerschildern 6 und 4, die sich eng umarmen, an das Datum der “Massaker von Tiananmen” erinnere und deshalb sofort vom chinesischen Staat “gesperrt” worden sei.

(Screenshot: Twitter)

Ihr Kollege John Simpson, BBC-Starjournalist mit 226.000 Followern auf Twitter/”X”, verbreitete dieselbe Behauptung in seiner nachstehenden Botschaft:

(Screenshot: Twitter)

Viele andere Medien, darunter auch der “Spiegel”, der eigene Korrespondenten im Land hat, schrieben die Geschichte nach. Bei einer unvoreingenommenen Suche erscheint als erstes Ergebnis ausgerechnet die Meldung von “Xinhua News”, der Nachrichtenagentur der offiziellen chinesischen Staatsmedien. Mir ist auch aufgefallen, dass viele andere chinesische Medien das gleiche Bild veröffentlichten (und zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels immer noch zeigen). Hatte die “Xinhua” vielleicht Spass daran, das Bild zu verbreiten, obwohl es der Eigentümer von “Xinhua”, der chinesische Staat, westlichen Medien zufolge verboten haben soll?

(Screenshot: Xinhua)

Dem Vernehmen nach hat in China niemand mit der Wimper gezuckt, als das Bild mit den vermeintlich berüchtigten Zahlen auftauchte. Die westlichen Medien dachten bereits, sie hätten eine weitere gute Gelegenheit ergriffen, das ach so diktatorische China wieder einmal an den Pranger zu stellen. Der Lügen-“Spiegel“ etwa phantasierte, dass ein “Foto im Netz viel geteilt wurde – bis Chinas Zensoren aus politischen Gründen zugriffen“:

(Screenshot: Spiegel)

Aber was hat es eigentlich mit dem angeblichen Tiananmen-Massaker auf sich, auf das die westlichen Medien anspielen, wenn sie auf die sich umarmenden Sportlerinnen zeigen? Der ehemalige Leiter des Pekinger Büros der Washington Post, Jay Mathews, räumte 1998 ein, dass “alle verifizierten Augenzeugenberichte besagen, dass die Studenten, die auf dem Platz blieben, als die Truppen eintrafen, diesen friedlich verlassen durften“. Mathews bezeichnete das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens als “Mythos” und betonte, es sei “schwer, einen Journalisten zu finden, der nicht zu diesem falschen Eindruck beigetragen hat.” Soweit es sich anhand der vorliegenden Beweise feststellen lässt, kam in jener Nacht auf dem Tiananmen-Platz offenbar niemand ums Leben.

Tiananmen-Proteste – Massaker oder Desinformation?

Diese Ansicht wurde auch von dem “Reuters”-Korrespondenten Graham Earnshaw bestätigt, der die Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989 im Zentrum des Platzes des Himmlischen Friedens verbrachte und viele Studenten interviewte. Er sagte, dass die meisten Studenten den Platz zu diesem Zeitpunkt bereits friedlich verlassen hatten und dass die verbleibenden paar Hundert überredet wurden, es ihnen gleichzutun. “Es gab keine Gewalt, geschweige denn ein Massaker”, so Earnshaw.

Als Leser erwiesener Fake-News fragt man sich, wie sich Journalisten von “Guardian”, BBC, “Spiegel” und vieler anderer westlichen Medien fühlen müssen, wenn ihre Desinformation durch Fakten entlarvt werden, und warum sie ihre Behauptungen aufrechterhalten, anstatt sie zurückzuziehen und mit einer Korrektur oder gar Entschuldigung aufzuwarten.

Nur propagandistisch verwertbare chinesische Sportlerinnen im Westen gefragt

Das letzte Mal, dass sich die Medien auf ein grosses Sportereignis in China einschossen, war im Vorfeld der Olympischen Winterspiele in Peking. Peng Shuai, eine chinesische Tennisspielerin, wurde berühmt, als sie laut westlichen Medien einen pensionierten Spitzenpolitiker der Vergewaltigung beschuldigte (das Wort “Vergewaltigung” verwendete sie in ihrem chinesischen Originaltext allerdings nicht!), nachdem die jahrelange heimliche Liebesbeziehung mit vielen Höhen und Tiefen zwischen den beiden in die Brüche gegangen war. Westliche Politiker – darunter auch die Ampelkoalition in Berlin – und ihre Assistenzmedien riefen daher sofort zum Boykott der Olympischen Winterspiele in Peking auf, denen sie aus Protest fernblieben. Die Neue Zürcher Zeitung zum Beispiel verurteilte das Olympische Komitee scharf für die Unverschämtheit, die Olympischen Spiele trotzdem in China stattfinden zu lassen. Die Sportlerin wurde in der Folge oft in der Öffentlichkeit gesehen, lachend und im Gespräch mit anderen Menschen. Weil sie offenbar nicht in einem Gulag gelandet war, wie die westliche Medien-Soldateska insgeheim gehofft haben muss, verschwand sie bald wieder aus dem westlichen Medienzirkus.

Dilana Dilixiati ist ebenfalls ein chinesischer Sportstar, aber anders als der Tennisstar kennt sie im kollektiven Westen niemand. Ihr Team hatte bei der FIBA-Frauen-Basketball-Weltmeisterschaft einen unerwarteten, sensationellen Sieg im Halbfinale gegen die Basketball-Supermacht Australien errungen. Australische Medien berichteten: “Sie besiegten die Gastgeberinnen am Freitagabend im Sydney Superdome mit 61:59 in einer spannenden Begegnung, die erst in den letzten Sekunden entschieden wurde.” Der “dramatische Thriller” löste Schockwellen aus.

Unerzählte, aber bewegende Geschichten

Wer das Spiel verfolgte, erkannte sofort, dass Dilana Dilixiati anders aussah als ihre Mitspielerinnen: Die Journalisten müssen sie bemerkt haben. Seltsamerweise hat die Uigurin – die ihren Namen auf Uigurisch wie folgt buchstabiert: دىلانا دىلشات, was nicht nach Mandarin aussieht – kein Interesse erregt, obwohl sie sich wie keine andere für eine sensationelle Erfolgsgeschichte, die zu Klicks einlädt, geeignet hätte. Der Fall war klar: Dilana Dilixiati, eine Uigurin, und ihre offensichtliche Erlaubnis und Fähigkeit zu reisen, widersprach dem in westlichen Köpfen verankerten Narrativ, dass Uiguren Gefangene und Opfer eines Völkermords seien und Xinjiang nicht verlassen dürften. Dilixiatis Geschichte musste folglich von den Agendajournalisten verschwiegen werden – denn die Medienkonsumenten hätten natürlich gemerkt, dass mit dem vorherrschenden Narrativ etwas nicht stimmen kann; und niemand lässt sich gerne manipulieren.

Es gibt noch andere Meldungen, die nicht erzählt werden, weil sie nicht ins Bild der antichinesischen Berichterstattung passen wollen und möglicherweise unerwünschte Sympathien mit dem dämonisierten Reich der Mitte wecken könnten: Zum Beispiel ist da die aussergewöhnliche Geschichte der Freude und der Tränen zweier befreundeten chinesischen und japanischen Schwimmerinnen. Obwohl sie äußerst bewegend war, wurde sie von den westlichen Medien nicht aufgegriffen – weil sie das vorherrschende China-Narrativ wahrscheinlich ebenfalls durcheinander gebracht hätte: Chinesische und japanische Schwimmstars standen bei den Asienspielen 2023 nämlich gemeinsam auf dem Medaillenpodest.

Japans Schwimmerin Rikako Ikee (rechts, rotes Trikot) und Chinas Schwimm-Goldmedaillengewinnerin Zhang Yufei (links, weißes Trikot) (Screenshot:Twitter/CGTSportscene)

Die Japanerin Rikako Ikee war seit ihrer Jugend eine Weltklasseschwimmerin gewesen; sie erkrankte aber an Leukämie und lag monatelang im Krankenhaus. Jetzt hat sie ein furioses Comeback geschafft. Das Rennen, an dem sie teilgenommen hatte, das 50-Meter-Schwimmen, war der letzte Schwimmwettkampf der Spiele in Hangzhou und Ikees letzte Chance, eine Einzelmedaille zu gewinnen – was ihr auch gelang. Die Botschaft war klar: Die Leukämie ist Geschichte, und ich bin wieder unter den Medaillengewinnern! Chinas Zhang Yufei kannte die ganze Geschichte.

Obwohl sie sportliche Rivalen waren, waren sie doch auch asiatische Nachbarn und Freunde, die eine gemeinsame Reise unternommen hatten. Es war ein emotionaler Moment. “Ich sagte zu Rikako: Nicht weinen, nicht weinen“, erzählte Yufei, die chinesische Schwimmerin. “Als sie ihren Namen auf dem Podium verkündeten, war mir schon zum Weinen zumute. Aber ich dachte mir: Das ist eine Live-Übertragung, ich kann nicht weinen. Dann sah ich, wie sie weinend ihren Trainer umarmte. Ich konnte meine Tränen nicht mehr zurückhalten.

In China rettet die KP den Kapitalismus, Part II

Dies und andere Dinge, die Ihnen die Medien hierzulande gar nicht oder falsch erzählen.

Hier geht es zu Teil 1.

Von Felix Abt

Geht es darum, die Medienkonsumenten ahnungslos zu halten? Man mag es den mit bescheidenem Wissen ausgestatteten “Tagesschau”-Mitarbeitern verzeihen, da selbst die sonst viel professionelleren Journalisten von “Bloomberg” rein innenpolitische Konflikte in Indien zwischen der dortigen Hindu-Mehrheit und der kleinen Sikh-Minderheit auf den “Streit zwischen Indien und China” zurückführen.

Bloomberg berichtet: «Der Mann, der im Mittelpunkt eines Streits zwischen Indien und China steht, war ein prominentes Mitglied der separatistischen Sikh-Bewegung.» China unterstützt keine Separatisten und Terroristen in Indien, ebenso wenig wie Indien Separatisten und Terroristen in China unterstützt. Solche Aktivitäten fallen in der Regel in den Zuständigkeitsbereich der Vereinigten Staaten.

Immerhin weiß der chinesische Außenminister, dass die derart “informierten” Menschen im Westen Chinesen, Japaner und Südkoreaner in der Regel nicht auseinanderhalten können. Seinen japanischen und koreanischen Amtskollegen empfahl er, gemäss “Japan Times”: “Egal, wie sehr wir uns die Haare blond färben und unsere Nase verändern, wir werden nie Amerikaner oder Europäer werden und sollten zu unseren Wurzeln stehen.

Sherelle Jacobs, Chefredakteurin der britischen “Nachrichten-Website des Jahres” des Londoner “Telegraph”, studierte Geschichte an der School for Oriental and African Studies in London, arbeitete eine Zeit lang für die “Deutsche Welle” in Bonn und als freie Journalistin in Tunesien.

Wirtschaftlich in der Krise – und dazu noch terroristisch!

Sie hat nie in China gelebt, spricht weder die Sprache noch versteht sie die Kultur des Landes; dennoch urteilt sie messerscharf über China und kommt zu dem Schluss, dass das Land “die größere Gefahr darstellt, als es die terroristische al-Qaida je war, und dass es die westliche Zivilisation in seinem Krieg bereits besiegt hat”.

Welch Schock! Werden von Peking entsandte Terroristen (vielleicht sogar hochkompetente und erfahrene aus Xinjiang) also bald Wolkenkratzer im zivilisierten Westen in die Luft jagen? Jedenfalls scheint es so, als ob die “Telegraph”-Journalistin Jacobs möchte, dass ihre Leser dies glauben:

(Screenshot: Telegraph)

Sherelle Jacobs’ Vater ist Nigerianer. Das britische Empire unterwarf Nigeria 1901 als Protektorat und begann von da an, die Nigerianer faktisch zu versklaven und dem Land diktatorisch seine Politik aufzuzwingen. In Afrika waren die Briten vielleicht weniger grausam als in China, gegen das sie zwei Opiumkriege führten. Vor den Opiumkriegen war China die mächtigste Volkswirtschaft der Welt, und nur ein Jahrzehnt später war seine Wirtschaft um die Hälfte geschrumpft.

Indien erging es noch schlimmer: Die britische Kolonialpolitik forderte zwischen 1880 und 1920 einhundert Millionen Menschenleben. Indiens Anteil an der Weltwirtschaft betrug 23 Prozent, als die Briten kamen; als die Briten gingen, waren es nur noch 4 Prozent. Außerdem lebten am Ende der britischen Kolonialherrschaft 90 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, und die Lebenserwartung betrug nur 27 Jahre.

Die Alphabetisierungsrate in der britischen Kolonie betrug weniger als 17 Prozent. Die Ausgaben für den Kindergarten bis zur Universität betrugen weniger als die Hälfte des Budgets des Staates New York für Grundschulen. Außerdem haben die Briten insgesamt einen volkswirtschaftlichen Gegenwert von 45 Billionen Dollar aus Indien gestohlen.

Über all das schreibt diese britische Journalistin nichts. Umso mehr versucht sie, China zu dämonisieren – ein Land, das selbst nie andere Länder kolonisiert hat und das als Weltmacht jahrhundertelang seine Flotte nicht für Kanonenbootpolitik und die Unterwerfung anderer Länder missbraucht hat, sondern sie nur für den friedlichen Handel nutzte.

Britische Kolonialtruppen in Nigeria (Quelle: answersafrica.com)

Aber könnte es sein, dass China unter der Führung der Kommunistischen Partei kolonialistische und imperialistische Tendenzen entwickelt hat? Zunächst eine kleine Korrektur: “Kommunistisch” ist sie immer noch im Namen, aber in Wirklichkeit ist sie eine bessere “kapitalistische” Partei als die, die etwa im Zweiparteiensystem in den USA den Ton angeben.

In China herrscht Kapitalismus mit chinesischen Merkmalen, der für die meisten chinesischen Bürger besser funktioniert als der ungezähmte Kapitalismus mit amerikanischen Merkmalen für die meisten amerikanischen Bürger. Peking greift ein, wenn die Marktwirtschaft dysfunktional wird, um sie zum Funktionieren zu bringen – etwa durch das Verbot von Kartellen und Monopolen -, um einen fairen Wettbewerb zu gewährleisten. So hat beispielsweise der Online-Vermarkter Alibaba in China eine Vielzahl von lokalen Konkurrenten, anders als sein amerikanisches Pendant Amazon in Amerika.

Kommunisten als Retter des kapitalistischen Systems?

Außerdem müssen im chinesischen Kapitalismus, anders als in den USA, die Reichen ihren gerechten Anteil an Steuern zahlen, die von der Regierung zur Verringerung von Armut und größeren sozialen Ungleichheiten verwendet werden. Sie nutzt den Markt als Wettbewerbsinstrument, um Innovation und Modernisierung voranzutreiben und letztlich den “chinesischen Traum” zu verwirklichen, den ich gleich erläutern werde. Die Ergebnisse ließen nicht lange auf sich warten: 800 Millionen Menschen wurden in den letzten Jahrzehnten aus der Armut befreit, das Land ist hochinnovativ, meldet die meisten Patente der Welt an, hat die besten Universitäten der Welt (vor allem im Bereich Ingenieurwesen und Technologie) und ist in mittlerweile 37 von 44 Technologiebereichen weltweit führend.

Der “Chinesische Traum” (中国梦), auf den sich chinesische Politiker häufig berufen, hat seine Wurzeln in der alten Literatur und Geistesgeschichte Chinas. Er ist eng mit der Idee einer Hoffnung auf die Wiederherstellung der verlorenen nationalen Größe früherer Dynastien verbunden. Das Ziel ist jedoch nicht, eine globale Vormachtstellung zu erlangen, sondern allen chinesischen Bürgern Zugang zu besserer Bildung, besserer Medizin und Gesundheitsfürsorge, besserem Wohnraum, stabileren Arbeitsplätzen, höheren Gehältern und einem höheren Maß an sozialer Sicherheit zu verschaffen.

Konfuzianischer Einfluss

Die Kommunistische Partei Chinas ist ebenfalls konfuzianisch geprägt und steht daher für die Meritokratie, in der Beamte nicht nur die Aufnahmeprüfungen für den öffentlichen Dienst bestehen müssen, sondern auch jederzeit ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen müssen, wenn sie ihre Stelle nicht verlieren wollen. Artikel 27 der chinesischen Verfassung verpflichtet die Beamten, im “besten Interesse des Volkes” zu handeln. Darin heißt es: “Alle Staatsorgane und Beamten müssen sich auf die Unterstützung des Volkes verlassen, engen Kontakt mit ihm halten, seine Meinungen und Vorschläge berücksichtigen, seine Aufsicht akzeptieren und ihm nach besten Kräften dienen.” Jeden Tag gibt es in China etwa 500 Proteste. Alle Bürgerinnen und Bürger haben das Recht, “gegenüber jedem staatlichen Organ oder Funktionsträger Kritik zu üben und Vorschläge zu machen“, heißt es in Artikel 41, in dem auch beschrieben wird, was geschieht, wenn die Beschwerde nicht beachtet wird.

Für viele im Westen ist es unvorstellbar, dass selbst chinesische Wissenschaftler, wie etwa Forscher der Tsinghua-Universität, Studien über Proteste veröffentlichen dürfen. Anstatt alle Proteste und jede Kritik in den sozialen Medien zu unterdrücken, will die Partei sie sogar nutzen, um die Regierungsführung des Landes zu verbessern. Die lokalen Behörden sind verpflichtet, sie ernst zu nehmen, und Differenzen werden in der Regel durch Kompromisse beigelegt. Die Bürgerinnen und Bürger können lokale Behörden sanktionieren, indem sie sie aus dem Amt wählen.

Das Streben nach einer harmonischen Welt

Wie sah Konfuzius, der das Denken der Chinesen stark beeinflusst hat, die Beziehung zwischen Regierenden und Regierten? Er lehrte, dass ein “Herrscher einen Auftrag des Himmels” hat und dem Volk ein gutes Beispiel geben muss, indem er überall Tugendhaftigkeit einflößt und damit seine “Harmonie mit dem Göttlichen” beweist. Die einzige Möglichkeit, den Frieden wiederherzustellen, wenn der Herrscher nicht mehr moralisch (oder zum Wohle des Volkes) regiert, besteht darin, ihn abzusetzen, so Konfuzius. Hier finden Sie eine detaillierte Beschreibung, wie im konfuzianischen China mit Kritik und Beschwerden umgegangen wird.

Die Partei vertritt auch das jahrtausendealte Konzept von “Tianxia (天下), was wörtlich “(alles) unter dem Himmel” bedeutet. Gemeint ist eine umfassende Welt voller Harmonie für alle, oder um es salopp und für die westlichen Konfrontationisten in Washington, London, Ottawa, Brüssel und Berlin verständlich zu formulieren: “Wir lassen euch in Frieden, und ihr lasst uns in Frieden.” Deshalb ist das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder für die Chinesen so wichtig. Im Laufe ihrer Geschichte war die Harmonie für die Chinesen immer ein hochgeschätztes Ideal.

 

«Tianxia» in Afrika – eine Herausforderung für westlichen Hegemonismus und Neokolonialismus

Zum Vergleich: Die USA haben 29 Militärstützpunkte in Afrika, China hat nur einen in Dschibuti, in der Nähe von Somalia, um Handelsschiffe vor Piraten zu schützen, und die Aktivitäten der chinesischen Regierung auf dem Kontinent beschränken sich auf den Bau von Energieversorgungsanlagen, Krankenhäusern, Schulen, Eisenbahnen und ähnlichem. Und die angebliche “chinesische Schuldenfalle” ist eine westliche Erfindung.

Der kollektive Westen, in dem Unilateralismus, Militarismus und die Ausdehnung der US-Gerichtsbarkeit auf extraterritoriale Gebiete in der ganzen Welt in Verbindung mit anderen Zwangsmaßnahmen wie Sanktionen (die «Hungerwaffe») selbstverständlich sind, versteht die Chinesen nicht und projiziert seine Haltung auf sie.

Zum Schluss noch eine Frage: Wussten Sie bereits von all dem, was ich Ihnen hier erzählt habe? Wenn nicht, dann ist das auch nicht weiter schlimm. Immerhin werden Sie ja regelmäßig von der “Tagesschau”, dem “Spiegel”, der “Neuen Zürcher Zeitung, dem “Tagesanzeiger” bzw. der “Süddeutschen”, und den vielen anderen Medien darüber bestens informiert, was in China alles schief läuft. Das macht Sie schon zu einem ziemlich guten China-Kenner.