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Oh Epidemiologin, was sollen wir tun?

Was dem einen Organ sein WHO-Gesandter ist, ist dem anderen die Epidemiologin.

Was CH Media kann, kann der andere Teil des Duopols schon lange. Von Aarau aus befragte man einen völlig unbekannten WHO-Sondergesandten, der eigentlich wegen Körperverletzung angeklagt werden müsste. So schmerzhaft waren seine Allgemeinplätze.

Also suchte Tamedia, muss heute so sein, ein weibliches Gegenstück. Dafür gibt es glücklicherweise Emma Hodcroft. Bekannt aus Funk und Fernsehen, kann man da nur sagen. Wo eine Kamera oder ein Mikrophon ist, da ist gerne auch Hodcroft. Denn sie muss noch etwas aufholen; seit November am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Bern als Postdoktorandin angestellt, hat sie es mit scharfer Konkurrenz zu tun.

Dort arbeitet nämlich auch Christian Althaus, der Corona-Twitter-Star, Mitglied der Wissenschafts-Eingreiftruppe und ganz vorne dabei, wenn es um kurzfristig gültige, aber möglichst plakative Meinungen zur Pandemie geht.

Die Konkurrenz ist hart

Sie holt jedoch auf; diesmal mit einem grossen, langen, um nicht zu sagen langfädigen, langweiligen Interview in Tamedia. Geführt hat es der Corona-Spezialist, Pardon, der Bundeshausredaktor von Tamedia. Der sitzt nämlich auch in Bern, das spart dann ungemein Spesen. Und Corona kann doch nicht nur der Bundesrat, sondern jeder.

Allerdings muss man gleich am Anfang gewisse Qualitätsunterschiede feststellen. Während es CH Media immerhin gelang, dem Interviewpartner ein bedrohliches Titel-Quote zu entringen, schafft es Tamedia nur zu: «Wir haben kein klares Bild über die Fallzahlen». Das darf man als freundliche Aufforderung verstehen, sich den ganzen Rest nicht anzutun.

Ich bin diesem Ratschlag nicht gefolgt. Daher bin ich zurzeit im Besitz folgender Erkenntnisse: «Die aktuelle Abnahme der Fallzahlen kann zum Teil auch darauf zurückzuführen sein, dass weniger getestet wird.» Kann zum Teil, sicher ist’s aber nicht. Aber als Laie würde man sich ja nie trauen, einfach zu sagen: Weniger Tests, weniger positive Ergebnisse, schnarch.

90 Prozent des Interviews haben in vier Wörtern Platz

Weitere Perlen der Wissenschaft: «Die Zahl der Patienten in den Spitälern stagniert auf hohem Niveau oder steigt teilweise noch an.» Letzteres widerspricht nun eindeutig dem Geheul der Task Force oder anderen Unken; laut denen sind die Spitäler ja längst übervoll.

Ich fasse nun 90 Prozent des weiteren Interviews zusammen: «Wir müssen mehr testen.» Weil wir mehr testen müssen. Weil sonst das Bild unklar bleibt. Deshalb müssen wir mehr testen. Sorry, man kommt schwer aus dieser Rille wieder raus.

Am Schluss noch eine Erkenntnis des Bundeshausredaktors

Ganz am Schluss wagt sich der Bundeshausredaktor noch mit einer eigenen Erkenntnis aus der knienden Haltung, die er während des ganze Interviews eingenommen hatte, denn er hat sich schlau gemacht: R liege in der Schweiz wieder bei 0,7. Diese Reproduktionszahl steht dafür, wie viele weitere Personen ein Infizierter ansteckt.

Liegt sie unter 1, das weiss auch ein Politredaktor, dann geht die Infektionsrate zurück. Was ja gut ist und eigentlich dazu führen müsste, vielleicht mal die Milliardenschäden, die der Teillockdown anrichtet, zu beenden. Oder nicht? Oder nicht, sagt Hodcroft: «Wir müssen in der jetzigen Situation sehr vorsichtig sein bei der Interpretation des R-Werts.» Denn, unglaublich, was Epidemiologen alles rausfinden, «es gibt grosse regionale Unterschiede».

Das wurde in der Frage auch nicht bestritten. Zudem sollte es doch vielleicht auch eine schweizerische Politik geben, die auf schweizweiten Zahlen beruht. Aber statt den aufrechten Gang mit kritischen Nachfragen zu lernen, geht der Bundehausredaktor wieder auf die Knie, darf die Wissenschaftlerin noch mit einem kräftigen «einerseits, andererseits» schliessen:

«In einer so verflochtenen Region wie den beiden Basel sollten wohl gleiche Massnahmen gelten. Aber regional differenzierte Massnahmen sind durchaus möglich.» Nichts ist unmöglich. Aber das war mal ein Werbespruch von Toyota.

Nichts ist unmöglich – im Journalismus

Inzwischen gilt das leider vor allem für den Journalismus. Gibt es denn keinen Lichtblick? Doch, einen kleinen. Lange, lange nach NZZaS, nach ZACKBUM.ch, sogar nach persoenlich.com hat auch Tamedia gemerkt, dass eine bedeutende Journalistin, die auch mal im Hause war, gestorben ist. Zwar ist es am 22. November etwas verwegen, im Lead zu schreiben: «Jetzt ist die 96-jährige Zürcherin gestorben.» Das tat Charlotte Peters bereits am 3. November.

Aber bei Tamedia klemmte wohl die Schublade, in der die Nachrufe verstaut sind. Oder, sie war abgeschlossen, und der Schüsselträger bereits entlassen.

 

 

 

 

 

«Tagi»: Verspätete Würdigung

Tamedia verpennt den Tod einer Chefredaktorin

ZACKBUM-Leser sind die besten Leser. «Gehe ich richtig in der Annahme», so Leser R.K., «dass der Hinschied von der Pionierin Charlotte Peter keine Resonanz fand beim Tagesanzeiger? 15 Jahre Chefredaktorin bei der damals bedeutsamen «Elle» und keine Würdigung.»

In der Tat. Am 3. November verstarb die Journalistin. Im Unterschied zu ZACKBUM, der NZZ am Sonntag und später dann auch auf persoenlich.com erfolgte aus dem Hause Tamedia keine Würdigung. Das ist ziemlich beschämend. Ein Verlag muss sich vielleicht nicht nur um die Jugendlichen bemühen («Youth Lab»), sondern auch um seine Stammleser, die sich noch gut an die Reisereportagen von Peter erinnern können.

Immerhin: «Der Tages-Anzeiger», so die Pressestelle, «wird Charlotte Peter in einem Nachruf würdigen.» Wir bleiben dran.

Sie war eine Legende


Mit Charlotte Peter ist eine der ersten Chefredaktorinnen der Schweiz verstorben. Im hohen Alter von 96 Jahren.

Die Todesanzeige ist sehr schlicht gehalten. Nichts würde darauf hindeuten, dass eine der bedeutendsten Journalistinnen der Schweiz gemeint ist. Die am 11. Juni 1924 geborene Charlotte Peter «durfte bis zum Schluss ein eigenständiges und aktives Leben führen» heisst es darin. Und: «Sie konnte ihre letzte Reise antreten.» Das passt darum, weil Charlotte Peter als promovierte Historikerin in vielen Ländern herumkam und als Korrespondentin arbeitete. Anfang der 1960er Jahre leitete sie die Kulturabteilung der damals schwer angesagten «Zürcher Woche». Chefredaktor war der begnadete Autor Werner Wollenberger («Mis Dach isch dr Himmel vo Züri»). Daneben schrieb sie auch für die Swissair. Das Portraitfoto zu diesem Artikel stammt aus dem Swissair-Archiv.

1963 wurde Charlotte Peter Chefredaktorin der deutschsprachigen Ausgabe der Elle und nach der Fusion mit der Annabelle 1978 Co-Chefredaktorin mit Werner Wollenberger.

In den 1980er Jahren arbeitete Charlotte Peter für SRF, für die Züri-Woche, ab und zu auch für die Weltwoche und die Bilanz.

Nach ihrer Pensionierung war sie als freie Reisejournalistin tätig. Sie berichtete oft aus schwer zugänglichen Gegenden. Burma, Nordkorea, die ehemalige Sowjet-Union. Für ihre Reisen hatte sie, so zumindest eine Legende, zwei Pässe, um bei der Einreise Schwierigkeiten zu vermeiden.

Sie unterschrieb Hotel-Reservationen gemäss einem «NZZ»-Artikel hin und wieder mit Dr. Ch. Peter. Es sei ihr zwar etwas peinlich gewesen, aber so habe das Hotel gedacht, sie sei ein Mann und sie bekam ein besseres Zimmer.

Noch 2019 gab Charlotte Peter zusammen mit Suzanne Speich das Buch «Was wir nicht schreiben durften» heraus. Eine lesenswerte Lektüre, die einen in Zeiten führt, als die Redaktionsbudgets noch sehr üppig waren. Und Reportagen nicht Relotius-mässig geschrieben wurden.

«In Zeiten von Fake-News ein Buch auf der Suche nach Wahrheit hinter den Geschichten», so das Urteil von Peter und Speich.

Am 3. November ist Charlotte Peter gestorben. Sie wohnte bis zuletzt in ihrem Haus im Zürcher Seefeld.

 

Charlotte Peter (1924-2020). Foto; Swissair/ ETH-Bildarchiv