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Bücherkunde

In der unregelmässigen Bildungsreihe eine neue Folge.

Gegensätze ziehen sich an, das ist die Keimzelle für drei Buchtipps. Jawoll, ZACKBUM ist eben, im Gegensatz zum Schauspielhaus Zürich, eine echte Anstalt zur sittlichen Weiterbildung und Erhöhung des geistigen Niveaus.

Beginnen wir mit dem Leichten und einem Geständnis. Wir haben bislang noch nie etwas von Charles Lewinsky gelesen. Bei «Melnitz» verspürten wir eine gewisse Versuchung, aber 944 Seiten? Uff. Nun aber hat er sich auf mit grossem Durchschuss aufgeblasene 296 Seiten beschränkt. Zudem ist das Thema verführerisch: Goethe mit Schreibstau. Der erste Satz gibt den Ton vor: «Goethe hatte Hämorrhoiden.» Man spürt die Absicht – und ist wohlgestimmt.

Eine durchaus respektvolle, aber eben auch komische, virtuose Annäherung an den grossen Dichterfürsten, an dem eigentlich bis heute kein Bildungsbürger vorbeikommt – und auch niemand, der sich belesen nennen will. Also immer weniger.

Lewinsky porträtiert Goethe, als wäre er neben ihm gestanden, dabei verwendet er auch das von profunden Kenntnissen der Weltliteratur geprägte Vokabular Goethes, was sogar intime Kenner von Fremdwörtern gelegentlich zum Wörterbuch greifen lässt. Aber das macht nichts, den Sprachschatz erweitern (Goethe hatte einen der umfangreichsten in deutscher Zunge), kann nie schaden.

So nebenbei zeigt sich Lewinsky als intimer Kenner von Goethes Werken, beschreibt den Geheimrat, Minister, das Dichtergenie vortrefflich. Dabei lässt Lewinsky durchaus Sympathie erkennen, nimmt aber auch mit fein dosierter Ironie die Marotten und die der damaligen Zeit geschuldeten Verhaltensweisen Goethes aufs Korn. Dass reale Begebnisse, Personen und Ereignisse sich fein in Fiktives verweben, welche Glanzleistung. «Rauch und Schall» ähnelt eigentlich einem Dokumentarfilm.

Als wäre das noch nicht des Lesevergnügens genug, hat Lewinsky auch noch ein Problem erfunden: Goethe leidet plötzlich unter einem Schreibstau, kriegt keine lyrische Zeile mehr aufs Papier. Wie ihm dabei geholfen wird, wie sich das Problem löst, ein heller Lesespass. ZACKBUM ist beruhigt. Es gibt doch noch einen Schweizer Autor, der schreiben kann. Natürlich neben Peter von Matt, aber der beschreibt ja eher. Wenn man das Niveau von Lewinsky, schreiberisch, technisch, wissensmässig, mit welcher Eleganz er Spannungsbögen entwickelt, die Handlung für den Leser aufs angenehmste vorantreibt, wenn man dieses Niveau mit dem Radebrechen eines Bärfuss vergleicht, mit dem Gestammel eines Kim, mit all dem unfertigen Müll, der beispielsweise von Tamedia hochgelobt wird, dann atmet man tief auf.

Fühlt sich wie in einer Oase, bevor man wieder durch die Wüste wandern muss.

Ein ganz anderes Kaliber sind die nächsten beiden Werke. Die sind so gigantisch, dass wir es mit wenigen Angaben bewenden lassen wollen. Da hätten wir den englischen Historiker Richard Overy. Der hat sich mit «Weltenbrand, der grosse imperiale Krieg 1931 bis 1945» nochmals den Zweiten Weltkrieg vorgenommen. Als ob darüber nicht schon genug publiziert worden wäre. Schon, aber wie das erste Datum zeigt, hat Overy einen neuen Ansatz gewählt, die Beschreibung des Endpunkts der imperialen Entwicklung in Europa und Asien.

Das schildert er im typisch englischen Duktus, der Komplexes leicht verständlich macht. Allerdings tut Overy das  auf über 1500 Seiten. Ein Parforceritt, bei dem man vielleicht selektiv vorgehen sollte. Ds ist das richtige Stichwort für den nächsten Wälzer. Da hat sich jemand schlichtweg das Grösste vorgenommen, was ein Historiker anpacken kann: «Die Welt». Simon Sebag Montefiore ist schon angenehm aufgefallen durch sein kenntnisreiches Buch «Stalin: Der Hof des roten Zaren». Also tritt man der «Familiengeschichte der Menschheit» näher, denn auch er hat einen originellen Ansatz. Er geht durch die Jahrtausende, indem er jeweils Familiengeschichten schildert. Ein Welttheater in 23 Akten ist’s geworden, ein Wälzer von ebenfalls über 1500 Seiten.

Auch hier kann man selektiv vorgehen, sich bei den 23 Kapiteln das aussuchen, was einen am meisten interessiert, und dann nach vorne oder zurück springen. Auf jeden Fall drei Bücher, die eigentlich in jede bessere Bibliothek gehören.

Vielleicht hört ZACKBUM in ein paar Wochen oder Monaten von seinen Lesern, wie sich diese 3300 Seiten verdauen liessen.


Charles Lewinsky: Rauch und Schall. Diogenes, 2023

Richard Overy: Weltenbrand. Rowohlt, 2023

Simon Sebag Montefiori: Die Welt, Klett -Cotta, 2023