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Die Mär vom Enthauptungsschlag

Netanyahu und Trump wüten, die Massenmedien berichten kommentarlos.

Was sind das für Zustände, wo man den katarischen News-Sender Al Jazeera schauen muss, wenn man einigermassen vollständige Informationen über die alle internationalen Regeln brechenden Angriffskriege gegen den Iran, den Libanon und Jordanien bekommen will?

Wo auch in Mainstream-Medien als nebensächlich abgehakte Ereignisse berichtet werden:

Bevor nun ein Teil der Leserschaft Propaganda oder Fake News kräht, wobei kleinere Untaten der russischen Regierung in der Ukraine riesige Schlagzeilen machen: selektive Berichterstattung ist nur ein Problem, und dazu ein minderes.

Denn wie diese Beispiele zeigen, ist es dank Internet durchaus möglich, nach Informationsquellen Ausschau zu halten, die andere Blickwinkel liefern. In der Schweiz hat man zudem den Vorteil, dass dazu auch Russia Today gehört, das in der freiheitlich-demokratischen EU verboten ist. Dort werden auch ausländische Staatsbürger sanktioniert, wenn sie unerwünschte Meinungen äussern.

Das grösste Problem ist hingegen die jämmerliche Analysefähigkeit der versammelten Fachkräfte an der Tastatur, vor dem Mikrofon und der Kamera.

Dazu einige wenige Beispiele.

Es geht gar nicht darum, ob US-Präsident Donald Trump erratisch, sprunghaft, verlogen oder schlichtweg ein Amok ist. Sein Handeln versteht man nur dann richtig, wenn man sich bewusst macht, dass er ein hochkrimineller Mafioso ist, dessen höchstes Ziel darin besteht, seinen Clan und sich selbst unsäglich zu bereichern. Und zwar um Milliarden. Einen Raubzug am helllichten Tag, nennt das die «Financial Times», und das ist noch milde ausgedrückt.

Dass er damit die Welt in ein seit dem Zweiten Weltkrieg ungekanntes Chaos stürzt, ist ihm völlig egal. Auf dem Weg zur möglichst ungestörten Machtausübung will er die bewährten Checks and Balances in den USA aushebeln. Also Wahlen, das Militär und die Justiz. Trotz kleineren Rückschlägen ist er erfolgreich unterwegs.

Das Zollchaos, das er angerichtet hat, ist mindestens so schädlich wie der konzeptlose Krieg gegen den Iran oder der Versuch, Venezuela zu regieren. Von Kuba, Panama, Grönland oder Kanada ganz zu schweigen. Was ist das für ein Präsident, der eine abweichende Meinung wie diejenige Spaniens sofort mit Strafzöllen bestraft?

Trump betet im Oval Office. Sonst noch Fragen?

Aber es ist ja nicht nur unverantwortlich, was Trump treibt. Es ist schlichtweg schwachsinnig, was die Attacke auf den Iran betrifft. Die einzig erkennbare Strategie ist, mit Enthauptungsschlägen die Führung des blutrünstigen Regimes zu liquidieren. In der Annahme, dass dann das Regime zusammenbricht und die Bevölkerung die Macht übernimmt, ohne dass eine eigentliche Invasion dazu nötig wäre.

Wie unsinnig das ist, zeigt ein Vergleich. Nehmen wir an, die Führungsmannschaften in den USA und in Israel würden einfach nach Hause gehen. Sich von der Macht verabschieden. Würden dann die USA oder Israel zusammenbrechen, käme es zu Volksaufständen, Systemwechsel? Absurd.

In Venezuela hat geholfen, dass der ausnehmend dumme Präsident Maduro eine Verräterin zu seiner Stellvertreterin machte. Das ermöglichte den USA, durch seine Entfernung dort die Macht zu übernehmen. Das hat aber mit einem Systemwechsel nicht das Geringste zu tun; es herrscht nach wie vor die gleiche Clique von korrupten Funktionären wie zuvor, es gibt keine Berichte, dass es der Bevölkerung besser ginge.

Noch absurder: obwohl auch die USA das Ergebnis der letzten gefälschten Wahlen nicht anerkennen, benützen sie ihre Macht nicht etwa dazu, die um ihren Sieg gebrachte Opposition als neue Regierung zu installieren. Und obwohl die Friedensnobelpreisträgerin Maria Corina Machado alles tat, um das gekränkte Ego des US-Friedensfürsten zu besänftigen, ignoriert sie Trump und anerkennt offiziell die Wahlfälscherin Rodriguez.

Während aber in Venezuela unter einer dünnen Schutzschicht von angeblich revolutionärer Ideologie die Chavistas längst zu einer Bande von korrupten und geldgierigen Machthabern verkommen sind, ist das im Iran ganz anders. Auch dort ist die Führungsschicht korrupt, aber ihre Ideologie basiert auf einem fanatisierten fundamentalistischen Glauben, den die Revolutionswächter offensichtlich auch mit Massakern an der eigenen Bevölkerung verteidigen.

Wenn nun nach Chamenei auch sein Sohn und Nachfolger liquidiert würde, führt das einzig zu einer offenen Militärdiktatur, plus einem möglichen Bürgerkrieg. Oder zu einem Noch-stärker-Werden fanatischer Gläubiger. Wie in Afghanistan, wie im Irak.

Das alles liegt auf der Hand und könnte, sollte, müsste klar ausgesprochen werden.

Dass es das nicht wird, ist kein Anlass zu Verschwörungstheorien. Der Grund ist banal: erschreckende intellektuelle Verödung auf den Redaktionen. Bedenkenloses Nachplappern von Narrativen wie dem, dass es ein «legitimer», wenn nicht gar «guter» Krieg sei, der hier geführt werde.

Während die Weltwirtschaft im Chaos versinkt und die Hürden bei der Rückkehr von asiatischen Feriendestinationen oder aus den beschädigten Glitzerwelten der Scheichtümer bald einmal das kleinste Problem sein werden.

Zurück zur Barbarei

Israel und die USA bombardieren den Iran. Willige Helfershelfer in den Medien und in der Politik applaudieren verantwortungslos.

Dieser Text ist am 28. Februar auf «Inside Paradeplatz» erschienen. Er scheint gut gealtert zu sein …

Es gibt drei Arten von Bösewichten auf der Welt. Solche mit Atombomben wie Nordkorea oder Russland. Solche ohne Nuklearwaffen wie Venezuela oder Kuba.

Solche, die zwar widerwärtige Massenmörder sind, aber im Sudan oder in Äthiopien wüten können, weil das niemanden interessiert.

Und dann gibt es den Iran. Der vereint genügend Eigenschaften, um zum nächsten Ziel eines militärischen Angriffs zu werden.

Die Mullahs hätten «so viel auf dem Kerbholz, dass ein Angriff legitim wäre», behauptete Welterklärer Eric Gujer in der NZZ noch vor dem Angriff. Meist weniger elegant formuliert applaudieren auch viele andere dieser klar völkerrechtswidrigen Aktion.

Die gleichen, die sich über die Untaten der russischen Regierung in der Ukraine nicht einkriegen.

Dabei sind die untauglichen Begründungen für diesen Rückfall in waffenklirrende Machtpolitik deckungsgleich. Gefährdung der eigenen Sicherheit, barbarische Massnahmen der Machthaber, ergänzt um Dekadenz, Korruption und Wirtschaftskrise.

Die Enthauptung der Führungsspitze Venezuelas hatte einen Nachfolgeplan; in der Nummer zwei des Regimes fanden die USA eine willige Verräterin, die willfährig die Interessen der mächtigsten Militärmacht der Welt bedient.

Nach der Devise: ab jetzt teilen wir uns die Beute und die USA kriegen das grösste Stück, während allen Beteiligten die venezolanische Bevölkerung völlig egal ist.

Was aber ist der Plan beim Iran? Abgesehen davon, dass das Mullah-Regime in grossen Teilen der Bevölkerung abgewirtschaftet hat und sich nur mit blutiger Unterdrückung gegen Forderungen nach seiner Absetzung wehren kann.

Aber auf der anderen Seite verfügen die Ayatollen mit den sogenannten Revolutionswächtern über einen harten Kern gut ausgebildeter Kämpfer, die vielleicht aus religiösem Fanatismus, sicherlich aber aus dem Interesse, ihre Pfründe zu verteidigen, erbitterten Widerstand leisten werden.

Wie soll es also gelingen, im Iran einen Umsturz herbeizubomben? Sollte es überhaupt möglich sein, die wichtigsten Zentren in eine Ruinenlandschaft wie im Gazastreifen zu verwandeln? Was die Fanatiker der Hamas nicht davon abhielt, trotz Zehntausenden ziviler Opfer weiterzukämpfen.

Auch die Tötung fast all ihrer Anführer vermochte daran nichts zu ändern.

Zudem verfügt der Iran über ganz andere militärische Möglichkeiten, alleine schon über ein ganzes Arsenal von Kurz- und Mittelstreckenraketen, mit denen er Israel und US-Militärbasen angreifen wird.

Kommt es zu einem Volksaufstand? US-Präsident Trump forderte die Iraner schon vor Wochen auf, die Macht zu übernehmen. Und schaute dann zu, wie die Aufständischen massakriert wurden.

Und die Unterstützung eines Invasoren trifft niemals auf den gleichen Rückhalt wie der interne Versuch, ein Verbrecherregime loszuwerden.

Was also wäre der Plan für danach? Selbst in der doch kühnen Annahme, dass es durch Luftschläge und eine überschaubare Invasion gelingen könnte, das Mullah-Regime mitsamt dem greisen und grausamen Führer Chamenei zu stürzen: und dann?

Selbst die viel organisierter Opposition in Venezuela schaffte es nicht, das unfähige Regime um Präsident Maduro zu gefährden, geschweige denn, zu stürzen. Der Wechsel gelang nur, weil er bislang keiner ist. Die gleiche korrupte Machtelite ist dort weiterhin omnipräsent.

Im Iran gibt es nicht mal einen erkennbaren Oppositionsführer. Der Sohn des Schah, dessen brutales Unrechtsregime so gerne mit dem Weichzeichner verklärt wird, kann’s ja nicht sein. Wer sonst? Oder wird der Iran den Weg des Irak, von Libyen oder Syrien gehen? Zersplittern in von Clans und Warlords beherrschten Gebieten, wo der Verkauf von Rohstoffen genug Geld in die Kassen spült, um diese Schreckensherrschaften aufrecht zu erhalten?

Oder sollte man dem grossen Disruptor Trump, der seine Ansichten und Absichten schneller wechselt als seine Krawatten, für ein Mal einen Plan zutrauen?

Alles ungewiss, alles unvorhersehbar. Nur eine Gewissheit gibt es: international sind die Zeiten der Barbarei zurück. Wer überlegene militärische Macht hat, setzt sie rücksichtslos ein. Begründungen finden sich immer.

Dummköpfe, die sie glauben, ebenfalls.