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Gugus, gaga, Münger

Der Auslandchef ohne Ausland und funktionierenden Verstand. Ein Hitzeopfer?

Wenn Christof Münger zum Griffel greift, gehen alle im Glashaus an der Werdstrasse in Deckung. Denn hindern kann man ihn nicht daran, schliesslich ist er Chef. Von fast nix, aber Chef.

Da er sonst eigentlich nicht mehr zu tun hat, als die ß und Germanismen aus den übernommenen Artikeln der «Süddeutschen Zeitung» zu klauben, greift er gerne zur Lieblingsbeschäftigung aller Tagianer: er äussert seine Meinung. Sollte er vielleicht nicht tun, denn schon anlässlich von 250 Jahre Unabhängigkeit der USA machte er sich öffentlich zum Deppen.

Aber was ein echter Journalist im Kopfblattsalat des Hauses der Qualitätsmedien Tamedia ist, besitzt natürlich eine hohe Beratungsresistenz.

Also auf ein Neues: «Für Trump und Co. ist der Ansturm auf Ceuta ein Geschenk», verkündet er das Ergebnis seines neuerlichen tiefen Nachdenkens. Wie das? Nun, nicht in erster Linie der Ansturm selbst, dafür aber: «Wer Europas extreme Rechte stärken und in der EU Unruhe stiften will, hat die Fotos vom Ansturm auf Ceuta umgehend verbreitet. Den Anfang machte die US-Regierung – auch aus ganz eigenen Interessen.»

Dann drischt Münger auf Fox News ein und den US-Vizepräsidenten J.D. Vance, der einen Link auf einen Bericht weitergeleitet hat, in dem Fox News anscheinend behauptet, diese Migranten kämen in Nordspanien statt in Nordafrika an. Geografie war halt noch nie so die Stärke der Amis.

Nun trifft sie aber der erhobene Oberlehrerzeigefinger und durchbohrt sie: «Fakten, geografische oder historische, sind für Leute wie Vance lästige Details. In aller Kürze: Ceuta ist seit 1580 eine spanische Stadt, gehört jedoch nicht zum spanischen Festland. Es ist auch nicht möglich, von Ceuta aus auf das spanische Festland und damit in den Schengen-Raum der Europäischen Union zu gelangen.»

Nehmt das, ihr Gegner lästiger Details. Aber eigentlich ist auch das für Münger nur ein Detail. Denn das Wichtige ist:

«Für Rechtspopulisten sind solche Bilder unbezahlbar

Zunächst räumt der Denker allerdings ein: «Es war tatsächlich schockierend zu sehen, wie Menschenmassen die Grenzkontrollen überwanden

Aber nach dem ersten Schock muss man natürlich die Kirche im Dorf, den Migranten an seiner Stelle lassen und überhaupt dieses Geschenk verschmähen. Denn, so die Schlussfolgerung Müngers:

«Unterdessen sind die dramatischen Bilder von Ceuta veraltet, eine gewisse Normalität ist in die Exklave zurückgekehrt. Die teilweise irreführenden Kommentare und Fotos, die Trump, Vance, Weidel und Farage verbreitet haben, bleiben aber online. Und sie werden den Rechtspopulisten noch lange dabei helfen, aufzuwiegeln, zu polarisieren und den Hass auf Andersdenkende zu schüren

Gewisse Normalität zurückgekehrt? Für einen solchen Satz würde Münger in Ceuta wahrscheinlich geprügelt werden.

Noch schockierender ist allerdings: auch der Tamedia-Kopfblattsalat brachte diese Bilder. Gibt es da etwa verkappte Rechtspopulisten? Schluck.

Wie erklärt man diesem Unbelehrbaren seinen Grundlagenirrtum? Die aufwiegelnden und Hass schürenden Rechtspopulisten haben diese Bilder nicht erfunden oder gefaket. Sondern sie illustrieren einfach das Versagen der EU, ihre Aussengrenzen zu schützen.

Das ist die Ursache, die Bilder sind die Bestätigung, und jeder kocht sich sein Süppchen, wie es ihm drum ist. Wer für Klimaschutz und gegen die Erderwärmung ist, lamentiert auch ausführlich über Fotos von Dürren, versiegenden Flüssen oder abgebrannten Wäldern. Ohne dass es Münger in den Sinn käme, das als Hilfeleistung für aufwiegeln, polarisieren oder den Hass auf sogenannte Klimasünder schüren, zu verstehen.

Ursache, Wirkung, Interpretation. Wenn sich jemand auszieht, ist er nackt (Ursache). Öffentliche Nacktheit kann verstören (Wirkung). Das kann zum Lamentieren über Sittenzerfall und mangelnden Anstand führen (Interpretation). Oder: ein Auto prallt gegen einen Baum (Ursache). Die blutige Sauerei wird fotografiert und veröffentlicht (Wirkung). Daraufhin werden mehr Massnahmen gegen Tote im Strassenverkehr gefordert und überhaupt eine Beschränkung des Individualverkehrs (Interpretation).

Kann doch nicht so schwer sein.

Was alles wegkann

Die spanische Exklave Ceuta bei Marokko wird überrannt, Melilla belagert.

Selbst die linke taz titelt am Freitag: «Über 40.000 sollen Grenze nach Spanien überwunden haben». Andere Organe verwenden Zahlen von bis zu 80’000 Menschen, die nach Ceuta eingedrungen sind. Allein an einem Tag sollen es laut CNN 50’000 gewesen sein.

Es soll bereits mehrere Dutzend Tote gegeben haben; normalerweise hat Ceuta rund 85’000 legale Einwohner. Die Lage scheint weitgehend ausser Kontrolle, die lokale Regierung schimpft auf die Zentralregierung in Madrid, Chaos herrscht. EU-Staaten überlegen sich, aus Schengen auszutreten, weil all das dysfunktional ist.

114 Treffer erzielt man in der Mediendatenbank SMD, wenn man am Freitag nach Ceuta sucht. Es ist in vielen Medien das Thema des Tages. Mit zwei Ausnahmen.

SRF vermeldet zunächst «Hunderte Migranten schwimmen nach Ceuta»  steigert sich dann zu «Zehntausende Migranten». Und nimmt seinen Bildungsauftrag endlich mal ernst: «Ceuta und Melilla: Spanische Exklaven aus der Phönizierzeit».

Der «Tages-Anzeiger» gibt in einem etwas aufgebrezelten New-Ticker einen «ungewöhnlichen Andrang» bekannt, gefolgt von Entwarnung, «aber viele kehrten auch zurück. Die Lage habe sich etwas entspannt, hiess es».

Selbst «20 Minuten» aus dem gleichen Haus widmet diesem krachenden Versagen der Kontrolle der EU-Aussengrenzen eine ganze Artikelsalve.

Aber bei Tamedia ist am Freitag vor dem 1. August wahrscheinlich das C-Team am Gerät. Das arbeitet sich lieber weiterhin an Infantino ab, wo sich Sport-Redaktor Thomas Schifferle in einen wahren Blutrausch schreibt:

«Infantino ist gescheitert – der Fussball möge endlich von ihm erlöst werden. Der 56-jährige Walliser ist einfach untragbar. Sein Gebaren als Sonnenkönig und seine Nähe zu Trump sind für den Fussball zu gefährlich geworden.»

Der Mann scheint fast noch gefährlicher als die Hitzewelle zu sein, die aber auch eine eigene Rubrik «Hitzewelle in der Schweiz» gefunden hat. Aber gemach, Bund, Kantone, Städte und Gemeinden haben extra Webseiten aufgeschaltet, die gute Ratschläge geben, ohne die die Schweizer Bevölkerung wahrscheinlich nicht überleben würde. Pierre Morat macht sich darüber auf «Inside Paradeplatz» köstlich lustig.

Dann ist im Tagi auch noch «Abdul B.» ein Thema. Aber nicht etwa die gesamte islamistische Gefahr, sondern er als Einzelperson, über die der Leiter eines «Deradikalisierungsprogramms» weiss, dass er «zu spät» dazugestossen sei. What a bullshit, würde da nicht nur Präsident Trump sagen.

Ach, und der 1. August im Tagi? Ein bunter Strauss guter Nachrichten: «Nun darf in keiner Gemeinde mehr offenes Feuer entfacht werden», «Kantonspolizei greift durch: Feuerwerksverbot für alle Zürichseegemeinden». Weiteres Gemecker: «Bundesräte fliegen am 1. August quer durchs Land – Beamte müssen sogar nach Brüssel den Zug nehmen». ZACKBUM findet auch, dass selbst Bundesräte innerhalb der Schweiz das Lastenvelo benützen sollten, unseretwegen als Passagier.

Dafür: «Der Cervelat kann mehr als Feuer und Senf – drei Gourmetköche beweisen es».

Die Rezepte sind entweder erschreckend banal («2 Cerevlats, geschält, in kleine Würfel geschnitten, Gruyère, Essiggurken, Tomaten») oder absurd geschwurbelt («Panierte Cervelatroulade mit Kartoffelnage und pikanten Aprikosen») oder gesucht exotisch («Bangkok-Style-Cervelat. Zutaten für den Tom-Kha-Gai-Schaum»). Wie meint ein Kommentator verständlich: «Bei diesen gekünstelten Gerichten wird mir übel.» Natürlich meckert der grün-vegane Leser: «Rezepte mit Fleisch als würden wir nicht in einer existenzbedrohenden Klimakrise stecken.» Dass wir auch in einer Kommakrise stecken, geschenkt.

Wie heisst es so schön: berichten, gewichten, einordnen. Die Nachrichtenlage am Freitag, gemäss dem C-Team bei Tamedia, nach ihrer Wichtigkeit:

  1. Infantino, der muss weg.
  2. Die Hitzewelle, die muss auch weg.
  3. Offenes Feuer und Feuerwerk, muss weg.
  4. Fliegende Bundesräte – müssen auch weg.
  5. Zu spät deradikalisieren, das muss  weg.
  6. Cervelats, müssen weg vom Spiess.

Was in der Auflistung fehlt: Tamedia, kann auch weg.