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Weihnachten ist früher

Die «SonntagsZeitung» schleppt sich ins Ziel.

Die Feiertage liegen für die Sonntagszeitungen mal wieder eher beschissen, um es offen zu sagen. Der 24. und der 31. sind Sonntage. Bitterer war nur letztes Jahr, da fielen sie auf den Samstag.

Da muss normalerweise alles zusammengekratzt werden, was sich einigermassen als News verkaufen lässt. Wieso die «SonntagsZeitung» mit dieser Übung allerdings schon am 3. Dezember anfängt?

Denn anders lässt sich ein solches Cover nicht erklären:

Der erste Wolf wurde geschossen, gähn, «die besten Geschenke für Weihnachten» (doppelgähn), Fussball-EM (kieferstarregähn). Und dann in Kriminalschwarz: «Wer hat Angst vor den Jusos?» Kurze Antwort: keiner.

Längere Antwort: Die Bildredaktion der SoZ offenbar nicht, denn unvorteilhaftere Fotos von Jon Pult, Mattea Meyer und Cédric Wermuth konnte sie offenbar im Bildarchiv nicht finden. Ach, und dann ging bei Cédric noch der accent aigu verloren, aber wer kann denn noch Französisch bei den Kindersoldaten.

Die ganz lange Antwort findet man auf den Seiten zwei und drei des Schnarchblatts. Das ist allerdings gemein; statt den strahlenden Sonnentag im Schnee zu geniessen, liessen viele SoZ-Leser das Haupt ermattet auf die Zeitung oder das Tablet fallen und verfielen in einen verfrühten Winterschlaf. Sozzz, zzz, zzz halt.

Daraus weckt sie sicher auch nicht der Brüller: «Blocher bricht das Tabu». Meine Güte, angesichts der zwei eher ungeeigneten SP-Bundesratskandidaten spielt das Herrgöttli aus Herrliberg mit der Idee, dass man ja auch einen besseren Kandidaten wählen könnte, siehe Ritschard und Stich.

Wer allerdings in einer Qualitätszeitung diesen Titel wagt, hat die Kontrolle über sein Leben und die Buchstaben verloren: «Die Schweiz, ein weisses Märchenland». Das würde schon bei einem Schulfaufsatz rot angestrichen werden, wenn sich heutzutage Lehrer noch trauen, ihres Amtes zu walten.

Lustig ist hingegen, wie Rico Bandle weiterhin auf die Uni Basel eindrischt: «Nun kommt der Dekan unter Druck». Die einen schiessen auf Wölfe, die anderen auf Anti-Israel-Aktivisten und mehr oder minder klammheimliche Sympathisanten der Hamas.

Dann die «immer wieder ist Pisa-Studie»-Meldung: «Fast jeder zweite Schulabgänger in der Schweiz kann kaum lesen». Das ist erschreckend, aber nicht überraschend. Und beklagenswert. Aber wieso erscheinen keine Studien, in welch erschreckendem Zustand sich die Fähigkeit der meisten Journalisten befindet, in klaren, einfachen Worten möglichst neutral einen Sachverhalt zu schildern? Würde man das als Kriterium anlegen, müsste die Schlagzeile lauten:

«Fast jeder zweite Journalist kann kaum schreiben.»

Nicht mal die nahenden Weihnachten sind eine ausreichende Entschuldigung dafür, dass unter dem launigen Titel «Schon am ersten Tag fiel der erste Lupo» eine Seite auf die Wolfjagd verbraten wird. Wölfe werden nicht mehr erlegt, abgeschossen, sondern sie fallen neuerdings? So richtig sattelfest bei Rolf Kauka ist der Autor übrigens auch nicht.

Dann wird Chefredaktor Arthur Rutishauser mitsamt Adrian Schmid aufgeboten, um Karin Keller-Sutter mit pseudokritischen Fragen Gelegenheit zu geben, watteweichen Blubber abzusondern. Die einzig interessante Frage durften sie ihr offensichtlich nicht stellen: wieso hat sie mit der fatalen Aussage «this is not a bail-out» dem Steuerzahler möglicherweise Milliardenzahlungen aufs Auge gedrückt?

Dann muss sich der mündige und zahlende Leser die Frage stellen, wieso er weiterhin mit Kolumnen von Markus Somm und Gülsha Adilji gequält wird. Bei beiden reicht eigentlich die Erwähnung des jeweiligen Titels: «Die Klimapolitik ist eine Fata Morgana» und «Thomas Gottschalk ist weg – und das ist gut so».

Dabei ist der «Nebelspalter» eine Fata Morgana, und zu Adiljis Vergewaltigungen der deutschen Sprache fällt ZACKBUM nichts ein, was uns nicht aufs Schafott der aufgeregten Gutmenschen führen würde. Müsterchen? Bitte sehr, auf eigene Verantwortung: «Nach der Sendung hatte ich einen dermassen verspannten Rücken, dass ich drei Tage lang nicht mehr gerade stehen konnte.» Die Existenz einer Fernbedienung scheint der Dame so unbekannt wie die Verwendung einigermassen passender Metaphern zu sein.

Für beides bräuchte es einen Restbestand an Kontakt mit der Realität: «ein alter weisser Mann hat in «Mad Man»-Manier durch eine Sendung geführt, und alle, wirklich alle fanden es komplett daneben und haben laut und lange mit dem Kopf geschüttelt». Laut mit dem Kopf geschüttelt? Das kann eigentlich nur bei Menschen passieren, bei denen dabei die zwei, drei Hirnzellen aneinanderprallen. Ob das alle, wirklich alle der über 12 Millionen Zuschauer so sehen wie diese Amok-Schreiberin?

Der «Wirtschaft», es weihnachtet auch hier sehr, fällt nichts Besseres als ein Modalverb-Titel ein: «Globus könnte bald …», wenn nicht würde, unter Umständen, vorausgesetzt, dass, wobei auch möglich wäre. Ein Graus, solche Zeilenschinderei und Platzfüller.

«Deutschland könnte Sylt verkaufen». Muss man ein Interview mit einem solchen Titel lesen? Eben. Das gilt auch für den Geldonkel Martin Spieler: «Hohe Sicherheit heisst sehr wenig Rendite». Wie konnten Anleger bislang ohne diese Erkenntnis der Pleite entgehen?

Den Aufmacher von «Leben & Kultur», die Restenrampe von brunzdummen Banalitäten, muss man visualisieren, sonst glaubt das kein Mensch:

Ein Nonsens-Text über die dünne und altbekannte Idee, KI für die Revitalisierung von Menschen zu verwenden. Kostengünstig von Fabrice Braun, dem «freien Textchef für das Gesellschaftsressort der Süddeutschen Zeitung», übernommen. Als ob es nicht gereicht hätte, die Bayern damit zu quälen.

Dann wird Marianne Kohler Nizamuddin mal wieder verhaltensauffällig. Immerhin feiert sie nicht eine gute Freundin ab. Aber dafür langweilt sie mit der Erkenntnis, dass Weiss die Schweizer Lieblingswohnfarbe sei. Zu allem Elend steht auf dieser Seite auch noch die Kolumne von Claudia Schumacher. Da sieht der Leser eher rot als weiss.

Nun noch der IQ-Test. Was vermutet der schlaue Leser hinter diesem Titel: «Interlaken bekommt ein neues Hotel». Allerdings erst im Frühling. Aber vorher gebe es noch den «perfekten Winterspass» auch ohne neues Hotel. Diese Grätsche mit im Schritt reissender Hose macht Christoph Ammann. Als «Zusammenarbeit der SonntagsZeitung mit Schweiz Tourismus, Essential by Dorint Interlaken und Interlaken Tourismus».

Zusammenarbeit? So nennt man das, wenn einer die Beine breit macht und wiederkäut, was ihm vorgesetzt wird. Peinlich ist ein sanfter Ausdruck dafür …

Da die Aufnahmefähigkeit von ZACKBUM fast erreicht ist, wollen wir der Beilage «Weihnachten» mit ihren «tierisch schönen Geschenkideen» nicht unter den Rock gucken, denn es handle sich um eine «redaktionelle Sonderbeilage». Sonderbeilage stimmt.

In letzter Verzweiflung klammert sich ZACKBUM ans Jahreshoroskop. Am 25. Juli geboren, sind wir scheint’s Löwe. Oh Schreck: «Alte Sicherheiten oder Gemeinschaftsformen können wegbrechen, denn vieles hat sich überlebt und muss jetzt Neuem Platz machen. Stabilität ist dieses Jahr nicht so leicht zu erreichen. Dieser Zustand kann Unsicherheiten und Ängste auslösen, die es auszuhalten gilt.»

Wollen wir da der «Schweizer Astrologin Elke Maria Müller» vertrauen? Wie schrieben wir schon 2022 hellseherisch:

Allerdings: es gibt eine Elke-Maria Müller (mit Bindestrich), die in Winterthur «astrologische Beratung und Therapie», dazu auch noch «Gesundheitsberatung» anbietet. Mangels Webseite oder anderer Angaben muss man aber selber Hellseher sein, um beurteilen zu können, wie kompetent diese Dame ist oder worin Beratung und Therapie bestehen.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. ZACKBUM überlegt sich daher, in den lukrativen Markt der «astrologischen Beratung und Therapie» einzusteigen.

 

 

Upscaling und Downgrading

Hochpumpen und Wertigkeit runtersetzen. Interessante Methoden.

Die in letzter Zeit etwas einfallslose Uhrenmarke Swatch hat eine Idee gehabt. Sie stellte eine Plastikversion der Omega-Kult-Uhr «Moonwatch» her. Das Original-Teil kostet von 6500 Franken aufwärts, die Kopie schlappe 250 Franken.

Die Idee ist wirklich originell, denn normalerweise versuchen Prestigemarken wie Omega, die Wertigkeit und Einmaligkeit ihrer Produkte zu stützen. Denn nur so können sie absurde Preise dafür verlangen, dass sie auf ein Billigkaliber, das unter Brüdern für 80 Franken zu haben ist, ein paar Komplikationen draufschrauben, in ein edles Gewand kleiden und für ein paar tausend an die Kundschaft bringen.

Nun hat Swatch den Vorteil, dass nicht nur Omega zum gleichen Konzern gehört, sich also gegen diesen Übergriff schlecht wehren kann. Es ist aber tatsächlich ein grossartiger Marketing-Gag; wie weiland bei Apple-Produkten bildeten sich am Erstverkaufstag lange Schlangen vor den Swatch-Läden, die auch Wochen und Monate nach der Lancierung nicht viel kürzer wurden.

Was ist besser als eine einmalige Aktion? Klar, die Wiederholung der Aktion. Natürlich muss etwas variiert werden, als vergreift sich Swatch diesmal an einer weiteren Nobelmarke des Konzern, an Blancpain.

Die Taucheruhr gibt’s auch ab 6500 Franken, in Sonderedition kann das auch bis zu 25’000 hochschnellen, wenn man sie bei Weissbrot kauft. In der Swatch-Ausgabe soll sie dann 400 Franken kosten. Dafür gibt’s dann aber auch kein Quarzgeknödel, sondern ein mechanisches Uhrwerk und Wasserdichte bis 90 Meter. Und tiefer dürfte ja wohl der normale Swatch-Kunde eher selten tauchen, abgesehen davon, dass die Tauchgänge zur Titanic momentan unterbrochen sind.

Das ist also ein gelungenes Beispiel für Downgrading.

Nun kommen wir zu einem misslungenen Beispiel von Upscaling. Die Rede ist für einmal nicht von Fabian Molina. Auch nicht von Sanija wie heisst sie doch gleich. Auch Kovic kommt erstaunlicherweise nicht vor, auch nicht Regula Stämpfli, ebensowenig wie andere Nullnummern. Denn schon wieder ist die Rede von Cédric Wermuth.

ZACKBUM ist so froh, dass Helmut Hubacher das nicht mehr erleben muss. Denn dem Mann tut die völlige Abwesenheit einer sinnvollen Tätigkeit nicht gut. Überhaupt nicht gut. In der Talkshow von Roger Schawinski tastete Wermuth nämlich mal das Terrain ab. Er will in Konkurrenz mit Molina und Funiciello treten. Jawohl, er schliesse nämlich eine Kandidatur zum Abwart, Pardon, zum Bundesrat, nicht aus.

Während aber Molina und Funiciello und Jositsch ohne Wenn und Aber mit diesem Gedanken spielen oder gar schon angetreten sind, ist Wermuth geschickter. Er macht seine Entscheidung vom Ausgang der Nationalratswahlen abhängig. Geht er als grosser Sieger ins Ziel, der den Stimmenanteil der SP deutlich vergrössert hat, rechnet er sich gewisse Chancen aus. Schliesslich hat er in den letzten Monaten sichtbar an seinem Markenkern gearbeitet. Akkurat geschnittener Bart, dunkles Jacket über weissem Hemd oder Pullover, natürlich locker leger niemals mit Krawatte. Gesichtsausdruck vor dem Spiegel eingeübt. Sympathisch lächelnd oder staatsmännisch besorgt, nicht mehr verkniffen oder übellaunig.

Das nennt man Upscaling. Damit werden kleine Formate auf Breitleinwand gepimpt. Auch Frösche beherrschen diesen Trick, wenn sie ihr Blähsäcke aufpumpen, um an Format zu gewinnen.

Allerdings gibt es bei Wermuth ein Problem. Aufblähen ist gut, aber auch der Frosch schnurrt wieder zur früheren Form zusammen, wenn  die Luft draussen ist. Oder auf die Politik übertragen: natürlich herrscht im Bundesrat das Prinzip Mittelmass. Aber ein gewisses Minimum an Kenntnissen, Fähigkeiten, politischem Wissen, Bildung und Prinzipien sollte man schon mitbringen.

Sonst wirkt das so, als ob eine Swatch ernsthaft eine Omega oder eine Blancpain sein möchte. Und da ist es dann sogar vom Erhabenen zum Lächerlichen nur ein kleiner Schritt. Wobei Wermuth alles andere als erhaben ist.

Wumms: Cédric Wermuth

Der Mann weiss alles über alles. Oder tut zumindest so.

Der SP-Co-Präsident ist völlig unbelastet von wirtschaftlichen oder ökonomischen Erfahrungen. Er hat noch nie in seinem Leben Wertschöpfung betrieben. Das ist die ideale Voraussetzung, um über Finanzthemen zu sprechen.

Konkret über Versuche, eine Wiederholung des Credit-Suisse-Debakels zu verhindern. Da ist sich Wermuth in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» sicher: «Hätte man vor dem Credit-Suisse-Skandal auf uns gehört, hätten wir diesen Schlamassel so nicht

Aber eben, wer hört schon auf Wermuth, dabei ist der doch unüberhörbar. Was hätte es denn gebracht, auf ihn, bzw. die SP zu hören? «Hätte die CS mehr Eigenkapital halten müssen, wäre das Risiko für den Steuerzahler kleiner gewesen. Die Bank hätte weniger riskante Geschäfte eingehen können, das Vertrauen wäre grösser gewesen, und sie wäre im Krisenfall resistenter gewesen.»

Kleines Problem bei dieser Ansicht: das Eigenkapital war etwas vom Wenigen, was kein Problem bei der CS darstellte. Und zwischen der Höhe des Eigenkapitals und der Risikohaftigkeit von Geschäften existiert eine Korrelation von null.

Aber wie könnte man denn sonst Risiken bei Banken minimieren? Genau, durch eine Deckelung der Gehälter: «Es dürfen keine überhöhten Risiken mehr eingegangen werden, um millionenschwere Boni abzukassieren.»  Wunderbar, nur: wie sollte man das denn umsetzen? Sollte man es etwa Wermuth überlassen, zu entscheiden, was ein «überhöhtes Risiko» ist und was nicht? Das käme sicher gut.

Denn Wermuth zeigt auch tiefe Kenntnisse davon, was eine international tätige Bank wie die UBS heute tun sollte: «Sie soll sich auf die Kernaufgaben einer Bank in einer Volkswirtschaft fokussieren, nämlich Kredite zu vergeben und Sparkapital zu verwalten. Alles andere, das wissen wir jetzt, birgt mehr Risiken als Chancen.»

Dumm nur, dass die gesammelten US-Banken mit allem anderen kräftig Gewinne schreiben. Denn Kredite vergeben und Sparkapital verwalten, das ist vielleicht für eine Bank wie der «Sparhafen» durchaus ein sinnvolles Geschäftsmodell. Das der UBS zu empfehlen, ist aber schlichtweg so lachhaft wie nach Berlin zu fliegen, um sich mit dem damaligen Wahlsieger Olaf Scholz auf einem unscharfen Selfie zu produzieren.

Dass eine Bank eine Unzahl von Dienstleistungen erbringt, von denen Wermuth wahrscheinlich noch nie gehört hat, ist ihm wohl genau deswegen völlig egal.

Natürlich gäbe es durchaus sinnvolle Vorschläge, wie man auf das neuste Bankendesaster in der Schweiz reagieren könnte. Nur stammt kein einziger davon von Wermuth. Seit sich Susanne Leutenegger Oberholzer aus der aktiven Politik zurückgezogen hat, gibt es in der SP offensichtlich niemanden mehr, bei dem sich Wermuth einen Grundkurs über das Funktionieren der Finanzbranche reinziehen könnte.

Aber es gibt Trost: da weiterhin niemand auf die SP oder Wermuth ernsthaft hören wird, kann er gerne erzählen, was er will. Nur mutet das so an, als ob ein Blinder über Aspekte des Farbfernsehens referierte.

 

Billiger Cédric

Billiger Jakob, SP-Stil.

Die SP Schweiz hatte es in jahrelanger, unermüdlicher Arbeit geschafft, den einstmals bedeutenden AZ-Ring (für «Arbeiterzeitung») ins Verderben zu führen. 1973 war’s schon vorbei mit der Stimme der Arbeiter, mit dem SP-Parteiblatt-Konzern.

Seither ist es der SP nicht gelungen, in irgend einer Form etwas Publizistisches auf die Beine zu stellen, das funktioniert, Leser interessiert oder gar Einnahmen generiert. Stattdessen wird ständig gegen reiche Kapitalisten gewäffelt, die sich Zeitungen kaufen könnten und damit die öffentliche Meinung manipulierten.

Wären genügend Leser an der Meinung der SP interessiert, wäre das doch auch eine tragfähige Basis. Die «Mitgliederzeitung Links» (sechsmal jährlich …) und «Abstimmungszeitungen», garniert unablässig mit Medienmitteilungen, das ist als kläglicher Rest übrig geblieben. Zudem drängen vor allem Partei-Co-Präsident Cédric Wermuth und der SP-Nationalrat Fabian Molina unablässig in die Medien, indem sie zu eigentlich allem sofort eine Meinung haben.

Parteichef Wermuth hat nun allerdings auch noch eine krampfhaft-originelle Idee. Er hechtet harmlose Opfer mit einem Bettelbrief an.

Zunächst eine kurvige Einleitung: «Gerade in einem Wahljahr sind kritische Medien von grosser Bedeutung. … Wir müssen wissen, welche Verbindungen die SVP zur AfD in Deutschland hat, wer die FDP finanziert ..

Gut gewählte Beispiele, man vermisst etwas die Berichterstattung über die Verbindungen von Molina zu Schwarzen Block oder zum Kosovo, oder über das Geeier der SP Bern, was die Offenlegung ihrer Spendeneinnahmen betrifft.

Aber gut, dann müsste Wermuth wohl die NZZ oder gar die «Weltwoche» empfehlen, und das brächte er natürlich nicht übers Herz. Allerdings muss er nun fremdgehen, mangels SP-Presse. Zunächst noch Staatstragendes: «Für mich steht fest: Kritische Medien sind das Rückgrat unserer Demokratie.» Also doch ein Lob auf die «Weltwoche»? Nein, kleiner Scherz: «Die linke Wochenzeitung WOZ ist ein Beispiel dafür.»

Wunderbar, aber na und? Jetzt kommt’s: «Deshalb haben wir auch sofort zugesagt als uns die Leute von der WOZ fragten, ob wir unseren Unterstützer:innen und Mitgliedern (sic!) ein Sonderangebot unterbreiten möchten.»

Abgesehen von der Frage, wer sich eigentlich hinter dem Pluralis Majetstatis verbirgt: Genosse Cédric als billiger Jakob? Der lockt nämlich damit, dass es beim Abschluss eines Jahresabos der WoZ noch ein Riesenguetzli obendrauf gebe: «Wer jetzt über den Link unten eins löst, bekommt ein Vierteljahr geschenkt oben drauf

Das ist nun spendabel von der WoZ, aber was steuert die SP eigentlich dazu bei? Kein T-Shirt, kein Käppi, kein Kleber (gut, etwas heikel), kein Flyer? Aber wer einen Medienkonzern in den Sand setzt, ist auch heute nicht sonderlich gut aufgestellt, Auf der Webseite der SP findet man unter den Begriffen Poster oder Wahlkampfmaterial nix, bei Flyer diesen Brüller: «Wir planen den Druck von Info-Flyern für Stimmberechtigte, die mit Politik nicht allzu viel am Hut haben, aber unsere Werte teilen. Unterstützt du diese Massnahme mit einer Spende?»

Man könnte auch für einen «Klimaschutz-Flyer» spenden, aber damit ist das aktuelle Angebot bereits erschöpft. Denn wer will noch das «Bestellformular für Flyer der SP MigantInnen» vom Juni 2020 ausfüllen. Oder den «Flyer «Ja zur Asylgesetzrevision»» von 2016 bestellen?

Dumm auch: das «Sektionshandbuch 5 «Wahlkampf»» wird gerade «überarbeitet». Ist ja auch noch eine ganze Weile hin bis zu den Wahlen im Oktober …

SP und die Medien. Wenn das Helmut Hubacher noch hätte erleben müssen. Ein Trauerspiel sondergleichen.

Wumms: Aline Trede

Grün ist die neue Farbe der Heuchelei.

AKW? Ja, bitte. Kohlekraftwerke? Warum nicht. Seilschaften, Vetterliwirtschaft? Ach ja. Idiotische Rückgabe von Kunstwerke an ein gruseliges Königshaus in Nigeria? Aber ja.

Toleranz gegenüber anderen Meinungen? «Stoppt dieses Scheissbuch.» Das ist nicht etwa der Ausraster eines anonymen Amoks, sondern eine Äusserung der Fraktionschefin der Schweizer Grünen im Nationalrat. Einer Politikerin unwürdig, einer Nationalrätin unwürdig, müsste eigentlich mit einem Parteiausschlussverfahren von Aline Trede beantwortet werden. Wenn Anstand bei den Grünen noch etwas gälte, müsste sie zumindest als Vorsitzende zurücktreten.

Es geht aber noch schlimmer. Die Grünen, die Linken, sind ja an vorderster Front dabei, wenn es um den Klimaschutz geht. Besonders das Fliegen ist ihnen dabei ein Dorn im Auge. So forderte der SP-Genosse Cédric Wermuth schon mal, dass alle Flüge verboten werden sollten, die innerhalb Europas zu Zielen führten, die in weniger als «zehn bis zwölf Stunden mit dem Zug erreichbar sind». Nun ist Berlin in 8,5 Stunden von Bern aus bequem per Bahn erreichbar. Das hinderte Wermuth aber nicht daran, zusammen mit seinem Co-Vielschwätzer Fabian Molina für ein unscharfes Foto mit dem damaligen Wahlgewinner Olaf Scholz – nach Berlin zu fliegen.

Flugrekordhalter im Nationalrat ist übrigens ungeschlagen der SP-Genosse Andi Gross, auch ein grosser Kämpfer für Umweltschutz und Frieden.

Aber auch Trede ist nicht schlecht unterwegs, denn wenn etwas den anstrengenden Alltag eines Berufspolitikers versüsst, dann ist es das Parlamentarierreisli. Reise, muss man in diesem Fall sagen, denn Trede ist gerade in Brasilien und Uruguay unterwegs. Irgendwas in Sachen Umweltschutz, kann man natürlich nur vor Ort anschauen. Schliesslich wird die Reise ja vom Steuerzahler berappt.

Auch für Trede gilt das gute Politikerwort: was geht mich mein eigenes Geschwätze an. Denn auf ihrer Webseite verkündigt sie:

«Ich fliege nicht und finde, dass es in Europa für mich noch genug zu entdecken gibt.»

Vielleicht könnte man das leicht umformulieren: Ich fliege nicht, ausser, ich fliege doch. Es gibt in Europa noch genügend zu entdecken, aber in Brasilien und Uruguay halt auch.

Heuchelei ist grün. Wasser predigen und Wein saufen, das taten früher die Pfaffen. Heute sind’s die Grünen. Natürlich antwortete Trede nicht auf eine höfliche Anfrage.

Wer hat welchen Beruf verfehlt?

In der aktuellen Groteske kann man nur mit Humor überleben.

Als das Fernsehen noch schwarzweiss und deutlich besser war, gab es die Sendung «Was bin ich?», das heitere Beruferaten mit Robert Lembke.

In dieser Tradition will sich ZACKBUM der Frage widmen, wer welchen Beruf verpasst hat. Zum Beispiel Alain Berset wäre sicherlich als Schauspieler auf den Spuren von Yul Brynner erfolgreicher als im Bundesrat gewesen. Von dem Applaus weiblicher Fans ganz zu schweigen.

Urs Rohner, der Versagerrat der Credit Suisse mit weisser Weste, hätte sich viel besser als Lehrer für Moral und Ethik an einer katholischen Hochschule bewährt. Wer da einwendet, dass ihm doch dafür sämtliche Voraussetzungen fehlen: na und, das ist doch auch bei seiner Tätigkeit als Legal Counsel oder als VR-Präsident so gewesen. Aber der strenge Blick durch die schwarzumrahmte Brille, der hätte für einen Lehrer wenigstens gepasst.

Bei Sergio Ermotti kann nur empfohlen werden, als Model für Golden Ager massig Geld zu schaufeln. Gut, das tut er als Stehaufmännchen bei der UBS auch. Aber vom schnurgeraden Seitenscheitel über die graumelierten Haare, den leicht gebräunten Teint, die auf Körper geschnittenen Anzüge und die edel manikürten Hände, plus dieses Flair des Südländers, dazu die glutvoll-dunklen Augen: wird James Bond in seiner Wiederauferstehung nicht mit einem Schwarzen besetzt, würde in dieser Rolle Ermotti ein Zeichen für ältere, aber immer noch dynamische Männer setzen. Schliesslich waren auch schon Roger Moore und Pierce Brosnan lediglich Dressmen.

Bevor ZACKBUM Männerlastigkeit vorgeworfen wird: Karin Keller-Sutter wäre ideal als Gouvernante. Sie bringt dafür den strengen Blick, gute Umgangsformen und den verkniffenen Mundausdruck mit, den es bei erzieherischen Aufgaben dringend braucht. Besonders geeignet wäre sie als ausgebildete Dolmetscherin in mehrsprachigen Haushalten, wo sie für Erziehung, Disziplin und einen Schuss Multikulti sorgen könnte.

Axel P. Lehmann, der bald arbeitslose CS-VR-Präsident, Markenzeichen randlose Brille und leicht verschreckter Gesichtsausdruck, könnte problemlos die Lücke ausfüllen, die Paul Spahn hinterlassen hat. Ältere Semester erinnern sich; Spahn war die seriöse Ausgabe von Leon Huber als Tagesschau-Sprecher. Wenn sich Spahn am Ende der Ausgabe die Brille von den Ohren häkelte und leicht melancholisch in die Kamera blickte, ob all des Leids, das er wieder mal verkünden musste, dann wusste der Zuschauer, dass er der amtlichen Verlesung der korrekten News beigewohnt hatte. Auch wenn Lehmann dieser Eindruck bei der CS nicht gelang, an dieser Stelle würde er aufblühen und zur Vertrauensfigur einer ganzen Nation emporwachsen.

Cédric Wermuth, auch darin unstreitig begabter als sein Nachahmer Fabio Molina, könnte sogar internationale Bedeutung erlangen. Als eines der gefragtesten Bart-Models der Welt. Auch das übrige Styling passt bereits; immer das gleiche schwarze Jacket, weises Hemd mit oder ohne Pullover, perfekt, es zählt der Wiedererkennungswert. Aus diesem Grund entschied sich Wermuth, sein zuerst bartloses, dann unrasiertes Gesicht mit einem auf Kante geschnittenen Vollbart zu verzieren. Die Wangen sauber ausrasiert, der Kinnsteg zur Unterlippe, der nahtlose Übergang vom dichten Haupthaar zur feingetrimmten Bartkotelette, das zeugt von Hingabe, Pflege und Eitelkeit. Ein weiterer Vorteil für viele wäre, dass man als Bart-Model nicht viel sagen muss.

Sanija Ameti, Pardon, Patrizia Laeri, nein, das hier soll ja eine ernsthafte Satire sein, Christian Dorer, der beurlaubte «Blick»-Oberchefredaktor, überlegt sich garantiert auch, ob er nicht besser Buschauffeur geblieben wäre. Aber auch dieser Beruf würde ihn nicht vollständig ausfüllen; Dorer eignete sich ideal als Anpreiser für Dauerwerbesendungen. Mit diesem vertrautenerweckend-unschuldigen Gesicht, dazu seiner Sprachfertigkeit, seinem Durchhaltevermögen würde er es spielend schaffen, Fitnessgeräte, Abmagerungsdiäten, glitzernde Uhren und Schmuck, sogar Gemüseraffeln und Wisch-und-Weg-Putzmittel so an den Mann und die Frau zu bringen, dass er sich damit eine ganze Mannschaft von jungen Matrosen mieten könnte, um mit ihnen in den Sonnenuntergang zu schippern.

Die grüne Hölle

Edle Ziele, schäbige Jünger.

Klima, Umwelt, Artensterben, Abholzung des Regenwalds. Wer könnte etwas dagegen haben, sich dafür einzusetzen, dass hier Gutes und Richtiges und Nachhaltiges passiert.

Kurzstreckenflüge verbieten; umweltschädlich, alle Destinationen, die in 10 Stunden Zugfahrt erreichbar sind, dürfen nicht mehr angeflogen werden. Forderte lauthals – wie er vieles lauthals fordert, wenn der Tag lang ist – der Co-Präsident der SP Schweiz. Um sich in den Flieger zu setzen und für ein unscharfes Foto mit dem damaligen Wahlgewinner Olaf Scholz in Berlin zu posieren. Heuchler Cédric Wermuth.

Menschen, die ins KZ abtransportiert wurden, «die hatten eine kleine Chance zu überleben. Die Schweine, die fahren in den sicheren Tod». Dieser geschmacklose Vergleich zwang den grünen Nationalrat Jonas Fricker zum Rücktritt. Nun will er aufs Neue antreten, der Heuchler. Für ihn rückte übrigens Irène Kälin nach, die Kriegstouristin. Wie schrieb Philipp Loser, für einmal richtig: «Wir sehen Kälin in einem Zug bei Nacht. Wir sehen Kälin in einem Zug bei Tag. Ein diplomatischer Ausflug als Fotoroman.» Peinlich.

Das Aushängeschild der deutschen Klimabewegung, sozusagen die Antwort auf Greta, trägt inzwischen den Übernamen «Langstrecken-Luisa». Denn gerne postete sie Fotos aus Amerika, Afrika und Asien. Inzwischen hat Neubauer diese Peinlichkeiten gelöscht – was sie nicht ungeschehen macht. Die Heuchlerin.

Ganz allgemein fliegen Klimaschützer gerne um die Welt, um an wichtigen Klimaschutzkonferenzen teilzunehmen. Die haben zwei Eigenschaften: sie finden an exotischen Orten wie Sharm el Sheik statt – und bewirken überhaupt nichts. Reine Heuchelei.

Den Vogel schossen allerdings zwei deutsche Klima-Kleber ab. Die beiden Trottel verpassten im November ihren Gerichtstermin, wie die «Bild»-Zeitung genüsslich berichtet. Das kann ja passieren, aber dafür muss man dann einen Grund angeben. Hier war er sehr putzig: ferienhalber verhindert, die zwei weilten – angesichts des garstigen Wetters verständlich – lieber auf Bali.

Grossartig auch die Rechtfertigung eines Sprecher der Bewegung «Letzte Generation», das muss man über die Lippen bringen, ohne rot zu werden: «Sie haben den Flug als Privatleute gebucht, nicht als Klimaschützer. Das muss man auseinanderhalten können.» Bodenloser Heuchler.

Ganz ähnlich tönt es bei der «Extinction Rebellion Zürich», wie «Blick» herausfand: «Weil alle unsere Aktivist:innen den Ernst der Klima- und Biodiversitätslage verstanden haben, verhalten sie sich so gut wie alle privat sehr nachhaltig. Deshalb und auch prinzipiell geben wir unseren Aktivist:innen keine Empfehlungen ab.»

Eine Spitzenleistung in Sachen Heuchelei ist auch die Beschwerde, dass es schliesslich am System und der mangelnden Besteuerung von Kerosin liege, dass Flugreisen so verdammt billig seien. Grossartig, analog kann man sagen: Ich kann ja auch nichts dafür, wenn auf der Speisenkarte Froschschenkel und Gänseleber stehen.

Seit dem Bonusmeilen-Skandal um den deutschen Grünen Cem Özdemir zeichnen sich vor allem Vertreter dieser Partei, dieser Bewegung durch den Verrat aller Prinzipen aus. Özdemir trat dann 2002 zurück, machte im Bundestag Pause, und weil er ja von etwas leben musste, ging er halt ins Europa-Parlament. Um 2009 wieder in den Bundestag zurückzukehren. Heute ist er Landwirtschaftsminister.

Ein Extremfall ist auch die grüne deutsche Aussenministerin Baerbock. Als Vertreterin einer ehemaligen Friedenspartei, lässt sie Petra Kelly im Grab rotieren mit ihren schrillen Forderungen, dass die Ukraine den Krieg gewinnen müsse und überhaupt Europa im Krieg mit Russland sei.

Es ist das alte Lied. Moral und Anstand zu besitzen, das kann jeder behaupten. Prinzipientreu niemals von gewissen Positionen abzuweichen, das lässt sich leicht krakeelen, wenn das alles nicht einem Bewährungstest unterzogen wird. So wie eine Nonne im Kloster keinen grossen Versuchungen ausgesetzt ist, ihre Keuschheit verteidigen zu müssen.

Besonders widerlich wird es allerdings, wenn in aller Öffentlichkeit, ungeniert und mit absurden Erklärungen geheuchelt, geschwiemelt und alles verraten wird, auf das man mal heilige Eide ablegte.

All diese Wendehälse sind so von ihrer eigenen Rhetorik besoffen, dass sie nicht einmal merken, wie abstossend ihr Verhalten in der Öffentlichkeit wirkt.

Die WeWo hat zwei Probleme

Das eine heisst Tom Kummer.

Wenn der Cédric Wermuth porträtiert, weiss man nie, was sich tatsächlich so abgespielt hat und was erfunden ist. Also überblättert man die drei Seiten lieber.

Das zweite Problem heisst Roger Köppel. Nein, so kann man das nicht formulieren. Denn es gibt ja viele Köppels in der «Weltwoche». Genau das ist das Problem. Es gibt den Editorial-Schreiber. Den Chefredaktor. Den Verleger. Den Besitzer. Den SVP-Nationalrat. Den Energiebolzen. Und den Interviewer.

Das ist vielleicht der schlimmste Köppel. Denn er findet kein Ende. Diesmal ist er beeindruckt vom deutschen Alt-Philosophen Hermann Lübbe. Dem muss man lassen, dass er für seine 95 Jahre noch ziemlich kregel ist. In dieser Ausgabe scheint es Köppel überhaupt die Philosophie angetan zu haben. In seinem Editorial schwärmt er für den Schwulstschwätzer aus dem Schwarzwald, über den Nazi-Anhänger Martin Heidegger, vor dessen Holzhütte sich Köppel ehrfurchtsvoll begeben hat. Heidegger sei nach dem Krieg «fast wieder rehabilitiert» gewesen, habe ganze Generationen von Denkern und Dichtern beeinflusst.

Das wüsste man aber, wenn das so gewesen wäre. Wer gerne über Krampfbegriffe wie «Gestell» nachsinnieren möchte, bitte.

Aber das ist (glücklicherweise) nur ein Teil seines einseitigen Editorials. Sagenhafte 12 Seiten, immerhin mit Bildanteil, verwendet Köppel aber auf sein Interview mit Lübbe. Auch der war, allerdings erst ab 1944, Mitglied der NSDAP. Später fiel er durch seine Polemik gegen die deutsche Studentenbewegung auf, seit vielen Jahren eigentlich durch nichts mehr.

Nun, wie soll man den Inhalt, den Gehalt von 12 Seiten zusammenfassen? Was soll man zu über 60’000 Anschlägen sagen? Nun, es gibt gewisse Längen. Und Peinlichkeiten:

«Man könnte Ihren Gedanken weiterspinnen und sagen: Je ausgeprägter der Zivilisationsprozess, diese Verflechtung ist, desto leichtfertiger leistet sich der Mensch Feindbilder, weil er weiss, dass er letzten Endes sicher ist. Man wird vielleicht etwas leichtsinniger, auch mit der Sprache. Das ist für den Aufmerksamkeitsgewinn gut, aber man macht es letztlich nur, weil man sich sicher ist, dass die Welt nicht einstürzt.
Lübbe: Ja, besser hätte ich es nicht sagen können. Das halte ich für richtig. Natürlich, die Intellektuellen-Rolle ist eine Rolle für sich.»

Häufig beschränkt sich Lübbe auch auf ein knappes «so ist es», nachdem Köppel seine Frage gestellt hat. Manchmal leistet er auch hinhaltenden Widerstand bei der Beantwortung:

«Wie gross ist die Gefahr, dass bei den sendungsbewussten Amerikanern das Gute ins Böse überschiesst – zum Beispiel jetzt, im Krieg gegen Russland?
Lübbe: Das ist eine sehr harte Frage, und ich zögere, sie ebenso sicher zu beantworten, wie sie von Ihnen gestellt worden ist.
Weltwoche: Es ist ja einfacher, eine Frage zu stellen, als sie zu beantworten.
Lübbe: Ja. Nichtsdestoweniger würde ich, in der Zuversicht, zu der ich nicht gefühlsmässig neige, sondern für die ich Gründe zu sehen glaube, sagen, auch die amerikanische Zivilisation neigt doch im Vergleich zur europäischen eher zum Realismus.»

Aber eigentlich begegnen sich hier zwei Denker auf Augenhöhe, wie Lübbe immer wieder feststellt: «Richtig. … Richtig … Ja, so sehe ich das auch … Exakt … Die Frage ist anspruchsvoll … Ich stimme zu … Genauso war es … Damit bin ich voll einverstanden

An nicht wenigen Stellen sehnt man sich einen Redaktor herbei, der den Mut gehabt hätte, diese und viele andere Stellen zu streichen:

«Weltwoche: Vereinigte Staaten von Europa. Das wird’s nicht geben.
Lübbe: Das wird es nicht geben. Das habe ich auch geschrieben.
Weltwoche: Genau. Den europäischen Superstaat wird es nicht geben.
Lübbe: Ja, das meine ich.»

Ein nicht mehr ganz junger Herr liefert einem ziemlich alten Herrn die Stichworte, damit der sich entweder auf ein knappes «Richtig» beschränken kann oder ohne kritisches Hinterfragen befürchten zu müssen diese oder jene Lebensweisheit von sich geben darf.

Man weiss es nicht, aber vielleicht wäre das Interview um 50 Prozent gekürzt interessant geworden. Vielleicht auch um 75 Prozent gekürzt. Oder aber, ein radikaler Seinsvorschlag im Heideggerschen Sinn: vielleicht wäre ein Kürzung um 100 Prozent sinnvoll gewesen, damit ein Ge-Stell daraus geworden wäre  …

 

Was wollten Sie immer schon sagen?

CH Media rollt für Cédric Wermuth den roten Sprachteppich aus.

Der Co-Präsident der SP Schweiz und Mitglied des Hobbyflieger-Clubs der Sozialdemokraten hat ein Problem. Trotz seines zarten Altes von 36 Jahren sitzt Wermuth bald einmal seit 12 Jahren im Nationalrat. Um Sesselkleber zu verhindern, hat seine Partei eine Amtszeitbegrenzung beschlossen. Aber es wäre keine sozialdemokratische Position, wenn sie nicht ein «im Prinzip, aber …» enthalten würde.

Im Prinzip ist Wermuth, wie auch der andere Vielschwätzer Fabian Molina, wie wohl auch deren Bundesrat Alain Berset, gegen unnötige Fliegerei. Aber so im Privaten oder für einen schnellen Besuch bei Genosse Scholz in Berlin …

Auf jeden Fall muss sich Wermuth nun einer Abstimmung der Delegierten der SP Aargau stellen, wo er eine Zweidrittelmehrheit braucht, um den Nordmann machen zu können. Also nochmal vier Jahre dranhängen, sollte er wiedergewählt werden. Das ist für ihn ziemlich existenziell, denn der Familienvater und Zeuger zweier Kinder hat sonst nicht viel gelernt im Leben, ausser Politik.

2005 machte er an der Kantonsschule Wohlen die Matur, zehn Jahre später wurde er «lic. phil./MA in Politikwissenschaft, Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Philosophie an den Universitäten Zürich und Bern.» Jobmässig ist’s eine typische Funktionärskarriere. Zentralsekretär Juso Bern, Mitarbeiter eines SP-Parlamentariers, «Mitarbeiter Kampagnen und Kommunikation», «Beratung Kommunikation und Strategie», Juso-Präsident Schweiz, Vize-Parteipräsident, Co-Parteipräsident.

Sollte er seine Einkommensquelle Nationalrat verlieren, wäre er wohl ein Fall fürs RAV. Aber so weit will er es nicht kommen lassen, also frisst er in CH Media öffentlich Kreide. Dabei hilft ihm Rolf Cavalli mit Fragen nach dem Muster: dazu wollten Sie doch immer schon etwas sagen.

Wie steht es denn nun mit dieser Amtszeitbegrenzung? «Gut, dass wir das klären können – denn es ist eigentlich nicht so kompliziert: Nach 12 Jahren braucht man 2/3 der Stimmen, um nochmals antreten zu können.»

Ach so, das hat also Tradition bei den Genossen: «Es ist kein Zufall, dass die grossen Figuren in der Sozialdemokratie lange Amtszeiten haben: Helmut Hubacher war 34 Jahre im Parlament, Susanne Leutenegger Oberholzer auch 30 Jahre. 80 Prozent der Politik ist Erfahrung.»

Und welche Auswirkungen hat dann diese Erfahrung, diese zunehmende Reife, wie war Wermuth früher?

«Ich war wie die meisten jungen Männer: oft arrogant, oft ein Macho. Ich habe viele Menschen mit dieser Art auch brüskiert und verletzt, gerade auch Frauen. Das sehe ich heute klarer.»

Das ist mal eine Selbstkritik, wie man sie auch im Sozialismus nicht besser hinkriegte. War denn der Anfänger Wermuth gar überfordert? «Ja, und ich war ungeduldig. Es ging mir alles zu langsam. Ich fragte mich: Was soll ich da? Aber ich kam zum Schluss: Nein, du kannst nicht nach nur einer Legislatur wieder aufhören. Ich habe mich dann in die Details der Arbeit in der Finanzkommission reingekniet. Da habe ich enorm viel gelernt.»

Wermuth weiss, warum er sich als geläuterten Macho outet. Denn was naheliegend wäre, sich Cavalli aber nicht zu fragen traute: da gab es doch die hässlich Episode, als Frauenversteher und Feminist Wermuth 2019 den Ständeratssitz von Pascale Bruderer erobern wollte – und sich damit gegen die Mitbewerberin Yvonne Feri stellte. Da eierte er dann wirklich belustigend herum: «Ich greife keine Frau an, wir beide bieten der Partei eine Auswahl.» – «Was mich an der aktuellen Debatte stört, ist, dass nur noch die biologische Frage interessiert.» Und nach dem Sieg über seine Konkurrentin:«Ich muss jetzt beweisen, dass ich feministische Themen im Wahlkampf einbringen kann.»

Was sagt der reifere, erfahrenere Wermuth zu Kritikern, die ihm vorwerfen einfach eine grosse Klappe zu haben und noch nie etwas Anständiges gearbeitet? «Ich bin glücklicher Vater zweier Töchter und bis zur Wahl als SP-Co-Präsident habe ich neben dem Mandat als Nationalrat auch in anderen Jobs gearbeitet. Mit 36 vertrete ich heute einen Teil der Bevölkerung, der im Parlament sonst kaum noch abgebildet wird: eine junge Familie, die in einer normalen Wohnung in einem Block in einer Schweizer Kleinstadt wohnt.»

Also der nette Nachbar von nebenan, Familienvater, Blockbewohner, trägt sicher den Abfall selber runter, nachdem er beim Abwasch geholfen hat. Natürlich nur dann, wenn ihn seine zahlreichen Ämter und Ämtchen dafür Zeit lassen. Denn das läppert sich:

 – Mitgründer und Co-Präsident des Komitees «Bahnanschluss Mittelland»
– Organisationskomitee «Fest der Solidarität» im Arbeiterstrandbad Tennwil
– Stiftungsrat Arbeiterstrandbad Tennwil
– Stiftungsrat Solifonds für die SP Schweiz
– Vorstand des Unterstützungsvereins der «Archive der Aargauer Arbeiterbewegung»
– Siedlungskomitee der Wohnbaugenossenschaft Trilogie, Zofingen
– Co-Präsident der Parlamentarischen Gruppen Schweiz-Kosovo (mit Nationalrätin Doris Fiala, FDP und Nationalrat Alfred Heer, SVP) und Schweiz-Suryoye (mit Nationalrat Lukas Reimann, SVP)

– Diverse Patronats- und Unterstützungskomitees, darunter: Swiss Comittee on Reparations for Slavery SCORES; Verein «Doppeltür – lebendig vermittelte Schauplätze jüdisch-christlichen Zusammenlebens in der Schweiz», etc.
– Moderation einer eigenen Radiosendung auf Kanal K «Wermuth fragt»

Also, liebe SP-Delegierte: habt ein Einsehen, ihr wollt doch nicht etwa dieser glücklichen Durchschnittsfamilie schnöde die Existenzgrundlage entziehen?

 

Verzichtet! Sofort!

Die Verlogenheit politischer Führer ist bedenklich.

Angeblich sind die Medien die Vierte Gewalt. Unerbittlich schauen sie den Herrschenden über die Schultern. Klopfen ihnen auf die Finger. Kritisieren, korrigieren, leuchten in Dunkelkammern.

Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt sind, das welterschütternde Problem von weissen Dreadlocks-Trägern durchzukauen.

Dabei entgeht ihnen zunehmend eine Tendenz, die dramatische Auswirkungen auf die Gesellschaft haben kann. Denn Regierende haben die Macht, den von ihnen Regierten Vorschriften zu machen.

Und Forderungen aufzustellen. Eine Forderung der Stunde lautet: übt Verzicht. Der böse Russe dreht am Gashahn, sein Öl boykottieren wir sowieso, und dank des beschlossenen, aber noch nicht ganz zurückgenommenen Ausstiegs aus der Atomenergie laufen wir zusätzlich in eine Energiekrise hinein.

Dagegen kann auch die selbst von den Grünen, also den braunkohlegeschwärzten Grünen, favorisierte Wiederinbetriebnahme von Kohlekraftwerken nicht viel ändern. Was die Grünen aufführen, ist schlimm. Sie verraten locker alle Prinzipien, mit denen sie mal angetreten sind. Aber dass Politiker in der Lage sind, tapfer zu sagen: «Das habe ich schon immer gesagt» – und dann das Gegenteil davon zu sagen, das ist nichts Neues.

Eher neu und schlimmer ist hingegen, Wasser zu predigen und Wein zu saufen. So überbieten sich Exponenten der Schweizer SP darin, eine Einschränkung des Flugverkehrs zu fordern. Die beiden Vielschwätzer Wermuth und Molina sind dafür, hier knallhart Verzicht zu üben oder sogar alle innereuropäischen Flüge zu Destinationen, die mit Zug in unter 10 Stunden erreicht werden können, zu verbieten.

Dass ihr Bundesrat gerne mit dem Privatflieger den französischen Luftraum unsicher macht, nun ja, das ist seine Privatangelegenheit. Dass Wermuth und Molina mal kurz nach Berlin fliegen, um ein unscharfes Rotlichtfoto mit dem damaligen Wahlsieger Olaf Scholz zu knipsen, nun ja, das war nicht anders möglich. Dass der Genosse Andi Gross regelmässig den Vielfliegerrekord aller Parlamentarier aufgestellt hat – unabdingbar in seiner Funktion als Wahlbeobachter im Wilden Osten.

Dass der deutsche Grüne Özdemir einen peinlichen Flugmeilenskandal überlebte, nun ja, auch Politiker sind doch Menschen.

Aber inzwischen hat diese Doppelmoral eine neue Qualität erreicht. Denn von allen Politkanzeln tönt es: Verzichtet! Schränkt euch ein. Spart Energie. Spart Strom. Gas. Öl. Senkt im kommenden Winter die Raumtemperatur. Vermeidet unnötige Autofahrten. Mit frischen 18 Grad im Wohnzimmer lässt es sich auch leben, wozu gibt es warme Pullover und so.

Sparen, sparen, sparen. Ihr schon, wir nicht. So hat die deutsche «Bild» herausgefunden, dass der Reichstag, das Parlamentsgebäude, voll in Betrieb ist. Erleuchtet, klimatisiert, laufende Rolltreppen. Dabei ist Sommerpause, kein Parlamentarier in Sicht.

Mit dem Dienstwagen in den Urlaub? Aber sicher. Schliesslich will nicht nur unser Bundesrat Berset sich standesgemäss in der Staatslimousine von einem Liebesabenteuer im deutschen Freiburg nach Bern kutschieren lassen. Oder hätte er etwa fliegen sollen?

Lustig sind auch Politikerreisen zum Fototermin nach Kiew. Während der normale Deutsche immer noch dazu verpflichtet ist, in öffentlichen Verkehrsmitteln Maske zu tragen, lassen sich zwei deutsche Minister fröhlich im Schlafwagenabteil ablichten – ohne Maske.

Auch leuchtende Vorbilder fürs Gürtelengerschnallen.

Geht da noch einer drüber? Offensichtlich sehr erschüttert vom Erlebten müssen sich die beiden Minister mit Bürgermeister Klitschko und einem Gläschen Nuttendiesel erholen:

Wollt Ihr auch einen Schluck?

Die Stimmung muss bombig gewesen sein, wenn dieses Adjektiv in diesem Zusammenhang erlaubt ist. Es geht doch nichts über ein Glas Champagner auf dem Balkon mit Aussicht auf ein Kriegsgebiet.

Natürlich sind nicht alle Politiker oder Regierenden dermassen skrupellose Heuchler. Natürlich müssen nicht alle Entscheidungsträger sämtliche Einschränkungen selbst mitmachen, die sie ihren Untertanen auferlegen.

Aber das Problem ist: jeder einzelne führende Politiker, der dabei ertappt wird, wie er selbst fröhlich geniesst, was er anderen verbieten will, beschädigt die Glaubwürdigkeit von allen Herrschenden. Unterspült das Vertrauen, das nötig ist, um Sparappelle und Aufrufe zum Verzicht einsichtsvoll zu befolgen.

Wenn sich der Staatsbürger sagt: Wieso soll ich Verzicht üben, wo diejenigen, die ihn mir abfordern, sich selbst darum fouttieren? Wieso soll ich mich einschränken, wenn die schrankenlos herrschen und geniessen? Wenn er darauf keine befriedigende Antwort findet, dann wird er ranzig, störrisch und unleidlich.

Letztlich ist es ganz einfach. Ein dicker, ein fetter Regierender, der seinen hungernden Untertanen Trost spenden will, ist nicht glaubwürdig, sondern lächerlich und peinlich. Ein Regierender, der Abstinenz vom Fliegen fordert, um dann die Business Class im nächsten Flieger zu besteigen, ist nicht vertrauenswürdig, sondern gefährlich. Ein Regierender, der den Verzicht auf Klimaanlagen im Sommer predigt und eine deutliche Absenkung der Raumtemperatur im Winter, während er selbst im kühlen Luftstrom badet oder mollig warm in seiner Stube hockt, der ist nicht vorbildlich, sondern abschreckend.

Es ist eine Erfindung, aber es war ein subversiv böser Satz, der vor der französischen Revolution der damaligen Königin Marie-Antoinette in den Mund gelegt wurde. Als die gehört habe, dass es Hungerproteste in Paris gebe, weil die Getreidepreise in unerschwingliche Höhen kletterten und das Grundahrungsmittel Brot zum Luxusprodukt wurde, soll sie gesagt haben: Wenn sie sich kein Brot leisten können, sollen sie doch Kuchen essen.

Wer den Gürtel enger schnallen soll oder muss, reagiert renitent, wenn er merkt, dass diejenigen, die ihm das auferlegen, den Gürtel kaum mehr über dem fetten Bauch schliessen können.

Dass die Massenmedien nicht häufiger und aufmerksam auf solche Verlogenheiten aufmerksam machen, verschärft das Problem deutlich.